Anja44Fäden der Vergangenheit

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„Bis später Schatz!“, rief mein Freund durch den Flur, kurze Zeit später hörte ich den Motor starten.

In dem Moment, in dem ich auf den Knopf des Kaffeeautomaten drückte, hörte ich den Briefkasten klappern. Verwundert verlies ich das Haus, normalerweise kam der Postbote immer erst gegen zehn. Als ich den Briefkasten aufschloss, wurde meine Verwunderung nur noch größer, denn darin befand sich ein Handy. Eines, das definitiv weder mir noch meinem Freund gehörte.

Auf dem Weg zur Haustür wäre ich beinahe über die Nachbarskatze gefallen und in der Küche hätte nicht viel gefehlt und ich wäre auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet, anstatt auf dem Küchenstuhl, so sehr hatte mich das Handy bereits in seinen Bann gezogen.

Im nächsten Augenblick summte es. Zuerst war ich ein wenig perplex, doch meine Neugierde nahm schnell überhand und ehe ich mich versah, drückte mein Daumen den Home-Button. Kein Pin erforderlich. An dieser Stelle hätte ich stutzig werden sollen, aber meine flinken Finger hatten bereits den einzigen vorhandenen WhatsApp-Chat geöffnet.

 

Und hätten das Handy um ein Haar fallengelassen. In dem Chat war lediglich ein Bild gesendet worden. Von mir. Wie ich in meiner Küche sitze und auf den Chat bzw. das Handy starre. Die Panik schoss in mir hoch wie ein Vulkan, der ausbricht. Ich rannte zum Fenster, guckte auf die Straße, suchte die gesamte Gegend mit meinen Augen ab, doch ich konnte niemanden entdecken. Nicht minder panisch und leicht zittrig wankte ich zurück zum Tisch. Unter dem Bild war mittlerweile eine Nachricht aufgetaucht: „Da ich kein Fan von großen Reden bin, komme ich gleich zum Punkt: Du warst vor fünf Jahren an einem Raubüberfall beteiligt. Mein Freund war damals dabei. Er wurde auf der Flucht erschossen. Du hingegen konntest unerkannt entkommen. Deshalb wirst du jetzt alles machen, was ich von dir verlange, oder dieses hübsche Bild landet bei nächster Gelegenheit im Briefkasten der Polizeiwache.“ Unter der Nachricht folgte ein weiteres Bild, auf dem ich zu sehen war, wie ich kurz nach dem Raub durch den Wald rannte, die Beute fest im Griff, die Sturmhaube leicht verrutscht.

„Verdammte Scheiße!“, entfuhr es mir. Das durfte einfach nicht wahr sein! Sicher war das nur ein Albtraum der schlimmsten Sorte, aus dem ich jeden Moment aufwachte. Doch meine Hand, die sich verzweifelt an der Tischplatte festkrallte und langsam zu schmerzen begann, sagte mir etwas anderes.

Nachdem ich mich etwas gesammelt hatte, schlich ich vorsichtig zum Fenster und ließ den Rollladen schnell herunter. Anschließend schwappte ich mir eine Ladung Wasser ins Gesicht, mit einem Restfunken Hoffnung, doch noch aufzuwachen, und rutschte schließlich langsam an der Theke Richtung Fußboden.

 

Drei Stunden später saß ich immer noch in derselben Position auf dem Küchenboden, als ich ein Auto vorfahren hörte. Mist, mein Freund kam von der Arbeit zurück! Entschlossen, ihm nichts zu erzählen, sprang ich auf, schnappte mir das Handy, hechtete die Treppen hinauf, riss meinen Kleiderschrank auf und stopfte es tief in meine Sockenschublade. Als ich gerade den Schrank wieder schloss, hörte ich den Schlüssel im Schloss drehen. Kurz darauf hörte ich ein „Hallo Schatz, warum ist denn das Rollo vom Küchenfenster unten?“ „Die Sonne hat mich heute so beim Kochen geblendet:“, rief ich zurück. Daraufhin war ich dann so damit beschäftigt, eine gute Erklärung zu finden, wohin das Mittagessen verschwunden war, dass ich das Handy eine Zeit lang vergaß.

Erst am nächsten Morgen wurde ich wieder schmerzlich daran erinnert, als ich nach einem frischen Paar Socken suchte. Da wir beide ein wenig verschlafen hatten, ließ ich das Frühstück aus und öffnete den Chat auf dem Weg zur Schule. Um drei Uhr in der Nacht war eine neue Nachricht eingetroffen: „Heutige Aufgabe: Sag deinem Chef, dass er stinkt und doch bitte ein Deo benutzen soll. Ansonsten…“

Wie bitte? Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Zugegeben, Herr Bierschneider roch wirklich nicht gerade nach Blumenwiese, aber ihm das so unter die Nase zu reiben…

Plonk! Im nächsten Moment knallte mir etwas frontal gegen den Schädel, wodurch ich gleich ein zwei Schritte zurück taumelte. Ich war so mit der Nachricht beschäftigt gewesen, dass ich voller Wucht in die nächstbeste Straßenlaterne gelaufen war. Im Hintergrund hörte ich ein paar Schüler kichern. Blöde Bälger, sollten die sich doch lieber beeilen, schließlich begann die erste Stunde in wenigen Minuten. Moment, wollte mich der Chef nicht in der ersten Stunde besuchen? Fluchend legte ich einen Zahn zu und kam trotzdem erst fünf Minuten nach dem ersten Gong an.

„Na, wie war es auf der Arbeit heute?“ „Ganz gut.“, grummelte ich zurück. Was ja auch der Wahrheit entsprach, wenn man nicht beachtete, dass ich meinem Chef vor versammelter Klasse, nachdem ich zu spät erschienen war, gesagt hatte, er würde schlimmer als ein Stinktier riechen, inklusive der saftigen Standpauke im Anschluss. Dafür habe ich mich zumindest bei meinen Schülern ein gutes Stück beliebter gemacht.

Nach einem recht wortkargen Abendessen verkroch ich mich in mein Arbeitszimmer, um mich auf den nächsten Schultag vorzubereiten, als mein Blick auf das Handy am Boden meiner Tasche fiel. Erneut war eine Nachricht eingetrudelt: „Gute Arbeit heute. Vor allem vor versammelter Klasse. Da hätte ich selbst drauf kommen können.“ Dahinter war ein Zwinkersmiley platziert. „Die nächste Aufgabe bekommst du morgen.

Den gesamten nächsten Tag saß ich wie auf Nadeln, doch es kam keine Nachricht. Auch am darauffolgenden Tag gab es keinen Mucks von sich. Am dritten Tag keimte langsam die Hoffnung auf, dass der Erpresser kalte Füße bekommen hätte, doch am vierten Tag – ich war gerade am Kochen – zuckte ich urplötzlich zusammen, als es aus meiner Tasche summte. Wie elektrisiert nahm ich das unselige Ding in die Hand: „Die nächste Aufgabe wirst du heute Nacht ausführen. Da du ganz gut in Kunst bist, darfst du die Schule und die Bank mit einem hübschen Graffiti verzieren.“ Schockiert stand ich da … meinen Chef zu beleidigen ging ja noch, aber das hier war eine Straftat! Und wo sollte ich sonntags bitteschön Farbe herbekommen? Doch da erschien eine weitere Nachricht: „Ist morgen kein Graffiti zu sehen, so landet nicht nur ersteres, sondern auch dieses hübsche Foto im Briefkasten der Polizeiwache. Solltest du versagen, ist das nicht mein Problem…“ Auf dem zweiten Foto war ich sehr gut zu sehen, wie ich dabei war, die Waffe, die ich bei dem Raub verwendet hatte, zu vergraben. Wo zum Henker hatte dieser widerwärtige Kerl nur die Fotos her? „Ach ja, Vorlage und Graffiti findest du in deinem Nachtkästchen.“ Vor Schreck lies ich das Handy fallen. Im nächsten Moment raste ich die Treppe nach oben, öffnete die Schublade und siehe da, es befanden sich tatsächlich einige Sprühdosen sowie ein Bild von Herrn Bierschneider mit Entengesicht und eines einer mir unbekannten Frau, der eine Schweinsnase und dazu passende Öhrchen gezeichnet wurden, darin. Im nächsten Moment überrollte mich die nackte Panik. Ohne groß nachzudenken schnappte ich mir in der Küche das erstbeste Messer und rannte durch das gesamte Haus, prüfte alle Fenster und ließ die Rollos herunterrasseln. Nirgends entdeckte ich eine Möglichkeit, wie jemand ins Haus hätte gelangen können. Ich stand noch immer unter Strom und hätte um ein Haar meine beste Freundin erdolcht, als es an der Haustür klingelte. „Du meine Güte, was ist denn mit dir los? Das nenne ich mal eine herzliche Begrüßung…“ Noch nie war ich so froh, sie in meinem Leben zu haben. Wir waren wie Geschwister, kannten uns von klein auf und wussten alles übereinander. Nachdem ich auf ihre letzte Nachricht tagelang nicht geantwortet hatte, da ich mit dem unbekannten Erpresser so beschäftigt gewesen war, wollte sie nach dem Rechten sehen. Kurz und knapp erzählte ich ihr alles und dass ich es meinem Freund nicht sagen konnte, aus Angst vor seiner Reaktion, denn er wusste nichts von meiner kriminellen Vergangenheit. Und ehe wir uns versahen, legte sich schon der dunkle, unheilverkündende Schatten der Nacht über den Himmel. „Was mache ich denn jetzt?“, fragte ich Leslie verzweifelt. „Ganz einfach: Ich komme mit. Dann hast du jemanden, der für dich Schmiere stehen kann.“ Entgeistert sah ich sie an. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein?

Doch genau das war ihr Ernst. Deshalb verabschiedete ich mich um Punkt neun Uhr von meinem Freund unter dem Vorwand, bei Leslie zu übernachten, da ihr Hund Cäsar gestorben sei und sie sich deshalb so einsam fühlen würde. Bello war natürlich keineswegs tot, sondern tollte gerade quicklebendig in ihrer Wohnung herum. Wir liefen drei Mal um das Schulgebäude herum, bis wir eine passende Stelle entdeckten, an der uns niemand sehen würde. Meine Hand zitterte leicht und bei jedem kleinsten Geräusch zuckte ich leicht zusammen, aber nach getaner Arbeit konnte man unseren Schulleiter sogar recht gut erkennen. Hätten wir uns nicht gerade strafbar gemacht, so wäre ich beinahe stolz auf mein Portrait gewesen.

Bei der Bank musste alles schneller sowie maskiert gehen (wozu alte Mützen doch gut sein können), wodurch das Kunstwerk etwas verzerrt wurde. Gerade sprühte ich die letzten Linien, als ich Leslie fluchen hörte: “Verdammt, die Bullen sind im Anmarsch!“ Ich schnappte mir die Dosen, nahm die Beine in die Hand und zusammen mit ihr quetschte ich mich durch die nächstbeste Hecke. Den ganzen Weg zurück bis zum Haus rannten wir wie der Teufel, wir blickten immer wieder über die Schulter, doch weit und breit war keine Polizei zu sehen. Völlig außer Atem erreichten wir ihre Haustüre. „Sag mal, hast du die Nummer eigentlich schon mal versucht zurückzuverfolgen?“, keuchte Leslie. „Ja, kein Erfolg.“, schnaufte ich zurück. Nachdem wir uns ein wenig von der nächtlichen Aktion erholt hatten, lagen wir noch nebeneinander auf dem Bett, als dieses blöde Handy erneut vibrierte: „Ist ganz passabel geworden. Du würdest es aber sicher noch besser hinkriegen. Und deine Freundin sieht echt scharf aus.“ Entgeistert zeigte ich Leslie die Nachricht. „So ein Arsch!“ In dieser Nacht bekamen wir nicht viel Schlaf.

Wie vermutet herrschte am nächsten Tag das größte Chaos in der Schule. Während sich die Schüler über das Graffiti amüsierten, konnte man den Rauch, der aus Herrn Bierschneiders Ohren kam, fast schon sehen und es hätte keinen gewundert, wenn er im nächsten Moment in Flammen gestanden hätte. Als mein Schatz nach Hause kam, fand er mich in einem recht desolatem Zustand vor. „Hab gehört, was heute bei euch los war. Vielleicht muntert es dich ja auf, wenn ich dir sage, dass ich heute für uns einen Tisch reserviert habe.“ Eine halbe Stunde später saßen wir in unserem Lieblingsrestaurant, als dieses bescheuerte Handy, dieses Damoklesschwert zu summen begann. „Schatz, ich geh mal schnell auf die Toilette.“ Eilig verschwand ich in der ersten Kabine, verriegelte sie und öffnete den Chat: „Die letzten Aufgaben waren nur ein Vorgeschmack, jetzt wird es ernst. In genau einer Woche wirst du die Bank überfallen. Maskierung und Waffe werde ich dir zukommen lassen. Wo du das Geld dann deponieren wirst, sage ich dir, wenn es so weit ist. Um die Alarmanlage werde ich mich kümmern. Und wenn du schon dabei bist, dann beseitige doch bitte gleich die Dame, von der du dieses wunderschöne Bild an die Wand gesprüht hast, mit der habe ich noch eine Rechnung offen. Ach ja, lass deinen Freund nicht zu lange warten, sonst wundert er sich noch wo du bleibst (Zwinkersmiley)“. Anfangs fing die Wut in mir nur leicht zu köcheln an, doch dann brodelte sie immer mehr, bis sie schließlich überschwappte. Rasend vor Wut schmiss ich das Handy auf den Boden, sprang darauf herum und schließlich warf ich es ins Klo und lauschte dem angenehmen Geräusch der Spülung. Warum hatte ich das schon nicht früher gemacht? Doch dann fuhr es mir eiskalt über den Rücken: Der Erpresser hatte ja immer noch die Bilder!

Nach einem kurzen verzweifelten Heulkrampf versuchte ich mich wieder zu sammeln, denn in einer Sache hatte er recht: Mein Freund wartete da draußen. Noch etwas blass um die Nase schlich ich aus der Kabine und ignorierte die belustigten Blicke der Männer davor, denn ich war aus Versehen auf dem Männerklo gelandet. Zurück am Tisch versuchte ich so wenig wie möglich zu sagen und konzentrierte mich auf meine Lachsnudeln, als mein Freund zu sprechen begann: „Weißt du, den Tisch heute habe ich aus einem ganz bestimmten Grund reserviert. Wir sind jetzt schon so lange zusammen und ich möchte sichergehen, dass wir auch den Rest unseres Lebens miteinander verbringen. Deshalb frage ich dich: Willst du mich heiraten?“ Bei dem letzten Satz rutschte er von seinem Stuhl auf die Knie. „Scheiße!“, entfuhr es mir. Im nächsten Moment waren sämtliche Augen im Restaurant auf uns gelenkt. Er sah mich mit großen Augen an. „Entschuldige, ich freue mich gerade wirklich wahnsinnig, aber ich kann einfach nicht ja sagen. Ich kann dir auch nicht erklären warum. Ach verdammt, warum musste das ausgerechnet jetzt sein!“ Bevor ich noch weiter herumstotterte, schnappte ich mir meine Handtasche und rannte aus dem Restaurant. Durch die Tränen in den Augen übersah ich den Blumentopf im Eingang und so musste auch meine Lieblingsjeans an dem Abend daran glauben. Humpelnd, fluchend und mit völlig verquollenen Augen erreichte ich das Haus und nach einem panischen Moment der Schlüsselsuche schlich ich die Treppe hinauf und ließ mich, so wie ich war, auf das Bett fallen. Was hatte ich nur verbrochen, dass das Leben so grausam zu mir war?

 

Als ich am nächsten Tag aufwachte, wäre ich am liebsten sofort wieder eingeschlafen. Nicht nur, dass mir der vergangene Abend noch deutlich anzusehen war und mein Knie höllisch schmerzte, in der Küche wartete lediglich eine Notiz, dass er eine Weile bei einem Freund unterkommen würde und in der Schule begrüßte mich ein wilder Haufen pubertierender Jugendlicher. Wenigstens hörten mir letztere sowieso nicht zu, so musste ich mir auch keine allzu großen Gedanken machen, ob das, was ich von mir gab, wirklich Sinn ergab. Fast schon gut gelaunt von einem ausnahmsweise ruhigen Schultag öffnete ich die Haustüre, als mir ein Paket auf dem Küchentisch auffiel. Es hatte nicht nur die Größe einer Handyschachtel, es enthielt auch eines. Oh verdammt, wie hatte ich nur glauben können, dass alles vorbei sein würde, wenn ich es das Klo runterspülte.

„Netter Versuch, aber so einfach kommst du nicht davon. Sturmhaube und Waffe findest du auf deinem Bett, da dein Freund ausgezogen ist, muss ich es ja nicht mehr im Nachtkästchen verstecken. Übermorgen um diese Zeit wirst du deinen Job erledigen.“ Oh, dieser Hurensohn! Doch mein Entschluss stand fest, lieber ging ich für einen Raub ins Gefängnis als für zwei.

„Falls du vorhast zu kneifen: Deine hübsche Freundin leistet mir hier gerade Gesellschaft. Solltest du dich weigern oder die Bullen rufen, wird es ihr wie ihrem Hund ergehen. Im Wohnzimmer wartet noch ein Geschenk auf dich.“ Darunter war ein Bild von Leslie zu sehen, gefesselt und geknebelt an einem Stuhl. Die nackte Angst war ihr ins Gesicht geschrieben, denn an ihrem Hals lag ein Messer an. Mit ähnlich großer Angst lugte ich vorsichtig um die Ecke ins Wohnzimmer und ließ im nächsten Moment einen gellenden Schrei von mir. Vor mir befand sich ein Bild des Grauens. Auf dem Teppich lag Cäsar, mit durchgeschnittener Kehle, die Todesangst war in seinen Augen noch zu sehen. Neben ihm lag das blutverschmierte Messer, welches einmal mein Küchenmesser gewesen war. Die nächste Zeit verbrachte ich würgend und kotzend im Bad, nachdem ich nach einiger Überwindung Cäsar im Garten vergraben hatte. Seinen Anblick kann ich bis heute nicht vergessen.

 

Der nächste Tag war der blanke Horror für mich. Meine Freundin befand sich wegen mir in den Fängen eines Irren und das einzige, was ich tun konnte war, einen Bankraub zu begehen und ein anderes Leben beenden, um ihres zu retten. Ich aß kaum und meine Nächte waren mit Albträumen gespickt. Als ich zwei Tage später in der Küche stand wusste ich, mir blieb keine andere Wahl. Gerade eben war ein Brief angekommen, der eine Strähne von Leslie enthielt, an den Spitzen haftete ein wenig Blut. Die Zeit verging an diesem Vormittag viel zu schnell und ehe ich mich versah, war der Moment gekommen. Den ganzen Tag konnte ich schon nicht klar denken, doch sobald ich im Auto saß, funktionierte ich einfach nur noch. Der Erpresser hatte mir am Abend zuvor den genauen Plan geschickt. Ich startete den Motor, nahm den Fuß von der Kupplung und gab Gas. Viel zu schnell war ich an meinem Ziel, einem kleinen Hinterhof in der Nähe der Bank angelangt. Meine Hände setzten mir die Sturmmaske automatisch auf, entsicherten die Waffe und zogen mir die Kapuze über den Kopf. Mit zittrigen Beinen und klopfendem Herz stieg ich aus dem Auto und schlich gebückt zur Bank. Ab jetzt gab es kein Zurück mehr.

 

„Hände hoch, das ist ein Überfall! Keiner rührt sich, sofern ich es nicht sage, oder es knallt!“ Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, schoss ich in die Decke. „Du da im Karohemd, pack das Geld ein! Der Rest bleibt wo er ist!“ Der Schweiß perlte mir von der Stirn, doch ich stand so unter Strom, dass mir nicht die kleinste Bewegung entging. Nicht, dass sich irgendjemand traute auch nur den kleinsten Mucks von sich zu geben. Mit zitternden Händen und leichenblass kam Karohemd mit meiner Tasche voller Geld auf mich zu, blieb aber angesichts meiner vorgehaltenen Waffe wieder zum Stehen. Ohne ein Wort zu sagen warf er alles zu mir herüber. Ohne ein Wort zu sagen hob ich die Tasche auf. Und ohne dass ein einziges Wort fiel, war der Lauf meiner Waffe immer noch auf die Angestellten gerichtet, die mit riesigen angstvollen Augen zu mir herüber sahen. Bisher war alles glatt verlaufen, doch meine Aufgabe war hier noch nicht beendet. Mein Kopf sagte mir, ich solle einfach mit der Beute verschwinden, in großen Schwierigkeiten steckte ich jetzt sowieso schon. Doch ohne es zu merken hatte mein Finger bereits den Abzug betätigt und ein Schuss zerriss die Totenstille, die gerade noch eben geherrscht hatte, gefolgt von einem Schmerzens- und vielen Aufschreien. Schockiert über das, was ich gerade getan hatte, lies ich die Waffe fallen. Im nächsten Moment hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Ich hatte gerade tatsächlich auf einen Menschen geschossen! Die Bankmitarbeiter sahen mich an, irritiert darüber, dass die Waffe am Boden lag und aus Angst, ich könnte sie wieder aufheben. Ich sah sie an, entsetzt über das Geschehene und aus Angst, was jetzt passieren würde. Doch dieser Augenblick währte nur kurz, denn plötzlich wurden mir die Augen zugehalten und ich wurde zu Boden gerissen. „Hier ist die Polizei. Widerstand ist zwecklos.“

 

“Leslie, er hat Leslie! Oh Gott, was habe ich nur getan!“ „Keine Sorge, ihrer Freundin geht es den Umständen entsprechend gut. Ihr Freund hat uns über alles informiert. Sie werden jetzt trotzdem mit uns mitkommen müssen. Zumindest hatten sie Glück, sie haben die Dame nur am Arm getroffen. Verantworten werden sie sich trotzdem müssen.“ Dies waren die letzten Worte, die ich, nun ja, fast in Freiheit hörte, wenn man von den Handschellen an meinem Rücken absah.

 

 

Zwei Wochen später

„Frau Brandet, Besuch für sie.“ Als ich aufsah, kam er mir bereits entgegen. „Was machst du denn hier? Ich dachte du möchtest nichts mehr mit mir zu tun haben nach all dem?“ „Zugegeben, zunächst war ich zutiefst enttäuscht, dass du mir nicht vertraut und von all dem erzählt hast. Aber nach dieser ganzen Sache mit Leslie kann ich dich einfach nicht alleine lassen, Wer kann auch ahnen, dass sie so ein kaltblütiger und hinterhältiger Mensch ist?“ Bei diesen Worten schossen mir die Tränen in die Augen. Ach verdammt, dieses verlogene Etwas war doch keine einzige Träne wert. Trotzdem schmerzte mich ihr Verrat noch täglich. Kurz nach meiner Festnahme hatte sich herausgestellt, dass sie es war, die hinter dem ganzen steckte. Meine ehemals beste Freundin, die ich von Kindesbeinen an kannte, war für diese ganze Scheiße – zusammen mit ihrem Bruder – verantwortlich. Sie war damals mit meinem „Partner in crime“ zusammen und machte mich jetzt für seinen Tod verantwortlich. Dabei war er es gewesen, der mich mitten im Wald rausgeschmissen und kurz darauf auf die Streifenwagenbesatzung gefeuert hatte. Jedenfalls hatte sich ihr Groll auf mich bis heute nicht gelegt und sie ging sogar so weit, ihren eigenen Hund grausam zu töten, nur um sich an mir zu rächen. Wenn ich daran denke, bin ich immer noch fassungslos, wie ich mich in ihr täuschen konnte und welche Abgründe sich in ihr aufgetan haben. Verärgert wischte ich mir die Tränen aus den Augen. „Wenigstens muss ich ihr nie wieder unter die Augen treten. Und danke, dass du mir eine zweite Chance gibst, auch, wenn ich sie gar nicht verdient habe.“ „Weißt du, in den letzten zwei Wochen habe ich lange nachgedacht und du hast jetzt auch sehr viel Zeit, um über alles nachzudenken. Was hältst du davon, wenn ich dich in der Zwischenzeit regelmäßig besuchen komme und wenn deine Haft vorbei ist, fangen wir einfach noch mal von vorne an, diesmal aber ohne Geheimnisse? Allerdings wirst du dir dann einen neuen Job suchen müssen.“ „Das macht nichts,“ antwortete ich mit einem schiefen Grinsen, „Schule war in letzter Zeit sowieso nicht mehr so mein Ding.“

 

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