BrobinhooFALLEN

I am a human being
capable of doing terrible things.
(Awolnation – Run)

Der Tod, mit dem Janos Wagner konfrontiert wurde, hätte kaum plötzlicher in sein Leben treten können. Mit all seiner Brutalität und alles-beendenden Macht traf er ihn vollkommen unvorbereitet mit der Kraft eines Hammerschlags. Schockierend und lähmend. Der Fall von tiefenentspannter Unbeschwertheit zu Adrenalin freisetzender Erkenntnis des Furchtbaren im Bruchteil von nur einer Sekunde.

Es war eine jener schwülwarmen Hochsommernächte im Juli, in den man nur mühevoll unruhigen Schlaf fand, sofern einem dieser Zustand der äußeren Ruhe überhaupt vergönnt war. Erschwerenderweise hatte sich zu der unerträglichen Temperatur und Luftfeuchtigkeit spontan auch noch ein Gewitter hinzu gesellt.
Pünktlich zur Tageswende.
Das Einzig gute war, dass der folgende Tag ein Samstag sein würde und Janos und er geplant hatte den Tag mit kaltem Bier in seiner Hängematte im Garten zu verbringen. Und so hatte er kurzerhand beschlossen, sich das ständige Hin – und Herwälzen auf dem von Schweiß feucht gewordenem Laken zu sparen, das Bett zu verlassen und eine kleine nächtliche Spritztour in seinem alten, dunkelgrauen VW Polo zu unternehmen. Sein Ziel war ein einsam gelegener Parkplatz am Weinberg, von dem aus man tagsüber eine wunderschöne Aussicht auf kleine Ortschaften, Wäldchen, Wiesen und Felder, sowie den Weinberg selbst genießen konnte. Jetzt in der Dunkelheit, konnte man außer den gespenstisch zuckenden Wetterleuchten nur den Regentropfen beim Fallen auf die trockene Erde zusehen.
Einfach nur im Auto zu sitzen, die Natur auf sich wirken zu lassen und von sanfter, klassischer Radiomusik berieselt zu werden, während die Klimaanlage kontinuierlich angenehm kühle Luft ins Wageninnere bließ. Sich ganz fallen lassen. Die Seele baumeln lassen. Er genoss einige meditative Momente und sobald sich der Regen zu verflüchtigen begann machte auch er sich auf den Rückweg.
Er fuhr die wenigen Kilometer zurück zu seiner Wohnung auf dem schnellsten Weg, welcher Janos auch ein kurzes Stück über die Bundesstraße führte. Wegen der nassen Fahrbahn spiegelten die Scheinwerfer die Straße, woraufhin er trotz kaum anderer Verkehrsteilnehmer weniger als die erlaubte Geschwindigkeit auf dem Tacho hatte.
Die letzten Wetterleuchten gaben sich nochmals die Ehre und er erkannte die schwarze Silhouette der Brücke über der Fahrbahn, welche das angrenzende Wohngebiet, in dem auch er, Janos wohnte, mit der Schrebergartenanlage auf der anderen Seite der Bundesstraße verband. Kurz darauf konnte er sogar einen Schemen auf der Brücke ausmachen.
Waren da etwa jemand auf der Brücke? Um diese Uhrzeit?
Doch schon verschwamm alles wieder zu dieser ungreifbaren Suppe aus Schwärze, und es war ihm nicht möglich nähere Details wahrzunehmen. Den Fuß vom Gas nehmend schaltete er zusätzlich noch das Fernlicht an, um so vielleicht etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen.
Janos musste unwillkürlich an zahlreiche Berichte von Steinewerfern denken, von leichten Verletzungen bis hin zum Tod war hier jedes Szenario möglich, was von den skrupellosen Tätern billigend in Kauf genommen wurde.
Mit dem nächsten Aufleuchten des Himmels atmete Janos erleichtert auf, die Brücke war komplett leer. Der leblos auf der Fahrbahn unter der Brücke liegende, grotesk entstellte Körper, der allmählich von seinen Scheinwerfern erfasst wurde, lies ihn jedoch aufschreien.
Dann war doch jemand auf der Brücke gestanden und ist… gefallen? … gesprungen? … gestoßen worden?
Janos drückte den Knopf des Warnblinkers, hielt unsanft mitten auf der Fahrbahn an und sprang noch bevor die Räder vollkommen zum Stillstand gekommen waren aus dem Polo. Ohne die Person näher in Augenschein zu nehmen, griff er nach seinem Handy und wählte mit vor Schock starren Fingern die Nummer des Notrufes, anschließend sah er sich den Körper des junges Mannes, als der er sich bei näherer Betrachtung entpuppte, nun selbst genauer an, was ihm Einiges an Überwindung abverlangte, während er versuchte, der Dame von der Notrufzentrale die Einzelheiten in aller Kürze weiterzugeben.
Scheinbar musste der junge Mann mit dem Kopf voran auf den unnachgiebigen Asphalt aufgeschlagen sein, zumindest hatte er an der Stelle an der für gewöhnlich die Schädeldecke mit Haaren befand, nun eine riesige, hässlich klaffende Wunde aus der das Blut nur so heraus strömte. Er sah auf seine Schuhe und bemerkte, dass der in einem Rinnsal aus Blut und Regenwasser stand, das sich vermischt hatte.
Janos betete, dass es für den am Boden liegenden noch nicht zu spät war, auch wenn er fürchtete, dass weder er noch die wenig später eintreffenden Notfallsanitäter noch irgendetwas für den von der Brücke Gefallenen tun konnten.

***

6 Jahre später

Wie schon in all den Jahren zuvor hatte Marci auch in diesem Jahr wieder Blumen gekauft, bevor er zu Gerrits Grab gegangen war. Und das, obwohl ihm natürlich bewusst war, dass der recht schlicht gehaltene Strauß sich optisch schon sehr schnell der trostlosen Friedhofsatmosphäre anpassen würde, angesichts der tropischen Juli-Hitze. Doch das war dem 23-jährigen gänzlich egal. Es hatte sich inzwischen zu einer Art jährlichen Ritual entwickelt einige Blumen zu kaufen und diese am Grab seines verstorbenen Freundes niederzulegen. Wie immer war er dafür zu dem kleinen Blumengeschäft nur unweit seiner Einliegerwohnung, welche sich im elterlichen Haus befand, gegangen, wo ihn stets die ebenso freundliche, wie zurückhaltende Verkäuferin bediente. „Für Ihre Liebste?“, fragte die ältere Dame verschwörerisch, nachdem sich Marci spontan für einen Strauß entschieden hatte, woraufhin er mit einem einfachen „Genau“ die Konversation zu einem zwar unwahren, aber auch unmissverständlichen Ende brachte. Zu einer Konversation seiner wahren Beweggründe wäre er vermutlich auch nicht in der Lage gewesen. Sich an Gerrits Tod zu entsinnen, oder gar darüber zu reden bereite ihm selbst heute, nach all den Jahren, trotz vieler psychotherapeutischen Behandlungen, immer noch psychische Schmerzen, bis hin zu Emotionsausbrüchen oder gar Panikattacken.
„Zeit heilt alle Wunden“ hatte man ihm immer wieder gesagt, mittlerweile war er aber der festen Überzeugung, dass die Zeit keinerlei heilende Kräfte inne hatte, sondern man nur eigene Fähigkeiten und Methoden entwickeln konnte, mit all dem Schmerz, der Trauer und der Hilflosigkeit umzugehen.

Marci, der eigentlich Marcel Kaiser hieß, so aber nur von Fremden angesprochen wurde, betrat mit
vagen Schritten das in seinen Augen nur wenig einladende Gelände des städtischen Friedhofs. Zögerlich schritt er in Richtung der Stelengräber im hinteren Teil der Anlage, welche auch Gerrits Urne die letzte Ruhe bot.
Er war noch nie gerne auf Friedhöfen gewesen und nach Gerrits Tod hatte Marci sie nur umso widerwilliger betreten. Am Liebsten hätte er schon beim Passieren der Pforte wieder kehrt gemacht, doch er zwang sich weiter zu gehen.
Für Gerrit.

Gerrit Welter
1997 – 2014

Die schnörkellose Information der Inschrift auf der quadratischen sandfarbenen Steinplatte war so beängstigend sachlich gehalten, dass Marci beim Betrachten meist ein kalter Schauer über den Rücken lief. Nur der Name, sowie die beiden Jahreszahlen von Kommen und Gehen waren im Stein verewigt.

Doch als Marci endlich die Stelengräber erreichte und den Blick auf die letzte Ruhestätte seines Freundes richtete, wurde ihm trotz der brütenden Hitze eiskalt.
Auch wenn er nicht gewusst hätte, nach welchem Grab er hätte suchen sollen, wäre ihm Gerrits als Erstes aufgefallen. Irgendjemand hatte die beiden Zeilen der Inschrift mit mehreren Streifen schwarzen Panzertapes überklebt. Marci ging einige Schritte darauf zu und sah sich dieses Werk von Vandalismus aus der Nähe an. Irgendetwas musste sich aber noch unter dem Klebeband befinden, da er einen rechteckiger flacher Gegenstand unter dem Tape auszumachen war.
Marci, der schon drauf und dran war Hals über Kopf zu verschwinden, musste doch sehr gegen die aufkeimende Angst ankämpfen, nahm sich einen Moment Zeit um sich zu sammeln und begann das Klebeband ab zu ziehen. Darunter kam ein Zip-Lock-Beutel zum Vorschein. Jenes luftdicht verschließbare Plastiktäschchen enthielt einen Gegenstand, den Marci nur allzu gut kannte. Hastig öffnete er den Beutel und ließ das Mobiltelefon mit der neongrünen Silikonhülle in seine Finger gleiten. Genau diese Art von Handy hatte auch Gerrit besessen.
Heute ein ‚Alter Knochen‘, damals das aktuelle Topmodell.
Er betrachtete das Gerät von allen Seiten und schaltete es dann ein. Natürlich wurde nach einem PIN-Code gefragt. Er konnte sich noch genau an die Ziffernfolge erinnern, die Gerrit immer verwendete und gab schließlich die 4 Ziffern ein.
1072.
Was sich wie eine längst vergangene Jahreszahl anhörte, war im Grund nichts weiter, als Gerrits Geburtstag, nur in umgekehrter Reihenfolge, der 27. Januar.
Das Handy benötigte einen kurzen Moment, bis es einsatzfähig war, sofern es wirklich Gerrits Handy war, musste es auf jeden Fall stark bearbeitet worden sein, da nicht nur die fies grinsende Fratze des Jokers als Hintergrund einem satten Schwarz gewichen war, nein, auch waren alle Icons der auf der Startseite befindlichen Applikationen, wie WhatsApp, Instagram oder auch Spotify, verschwunden. Nur eine Anwendung war aktuell noch an die Startseite angeheftet, die Galerie.
Verstohlen sah sich Marci in aller Richtungen um, ob ihn irgendwer beobachtete, oder ob er gar denjenigen ausfindig machen könnte, der das Telefon hier platziert hatte, denn lange konnte es sich noch nicht hier befinden, ansonsten wäre es schon längst von einem anderen Friedhofsbesucher oder einem Angestellten bemerkt und beseitigt worden.
Behutsam legte Marci seinen Finger auf das Symbol der Galerie, welche sich ihm augenblicklich auftat. Er wusste nicht, was er erwartete zu sehen, oder ob er überhaupt etwas erwartete, doch nichts auf der Welt hätte ihn auf das Video vorbereiten können Video, das sich ihm nun offenbarte.
Zunächst war so gut wie nichts in den ersten paar Sekunden des Clips zusehen, nur in das Video eingebrannte Datums- und Uhrzeitangabe waren deutlich zu erkennen.
19.07.2014 – 02:55:45
Die letzten Momente vor Gerrits Fall in den Tod.

Laut den Behörden war der Notruf des aufmerksamen Autofahrers, der Gerrit als erster nach dessen Fall in die die Tiefe gefunden hatte war um 2:59 Uhr eingegangen, die Sanitäter waren um 3:08 angekommen und hatten bereits nichts mehr für den am Boden liegenden Gerrit tun können, als dessen Tod festzustellen.
Die Party des Jahres, gefolgt vom schmerzlichsten Abschied des Jahres.
Auch wenn die Feier, zu der Tobi und Olli geladen hatten, ganz im Zeichen des Abschieds stand, hatte sich ihr Abschied auf die Dauer eines Jahres beschränkt. Tobi und Olli, beide gemeinsame Freunde von Gerrit und Marci, hatten nach dem mehr oder vielleicht doch eher weniger ruhmreich Abschluss des Gymnasiums eine Pause einlegen wollen und planten für einige Monate als Work & Traveler durch den Outback von Australien zu ziehen. Und da durfte eine groß angelegte Abschiedsparty selbstverständlich nicht fehlen. Tobi und Olli hatten zu einer Kostümparty eingeladen und so war Gerrit im Scream-Kostüm mit der langgezogenen weißen Geistermaske und schwarzem Kapuzengewand, Marci hingegen im grell pinken Flamingokostüm zur Party gekommen. Tobi und Olli selbst
waren als Batman und Super Mario unterwegs. Vom Dino bis zu Meister Yoda, und von der Nonne bis zum Ananaskostüm waren alle vertreten.
Es war ein wunderbares Fest gewesen, auf dem Grundstück von Ollis Eltern, das durch einen Wasseranschluss, einer Feuerstelle, einem Dieselgenerator und einer kleinen Hütte mit Biertischen und Bierbänken darin alles bot, was zur Ausrichtung der Party erforderlich war. Es hatte an Nichts gefehlt, die Stimmung war angeheitert und ausgelassen, bis wie aus dem Nichts das Gewitter aufgezogen war. Einige der Gäste hatten sich fluchtartig verabschiedet und waren gegangen. Der harte Kern war noch geblieben und hatte zügig das Nötigste aufgeräumt, bevor sie in der Gartenhütte Unterschlupf vor dem Unwetter gesucht hatten. Später, als der Himmel seine Pforten weitgehend geschlossen hatte, war auch die so unterschiedlich kostümierte Anzahl der verbliebenen Partygäste der Überzeugung gewesen, dass es nun an der Zeit war sich auf den Heimweg zu machen.
Marci und Gerrit wollten die Strecke gemeinsam antreten, war dieser doch zu großen Teilen identisch. Anfang waren sie auch noch gemeinsam gelaufen, das ungleiche Paar, bestehend aus dem kitschigen Flamingo und dem gespenstischen Scream.
Doch dann meinte Gerrit, er wolle noch kurz zu Jessica seiner Freundin, die eigentlich auch zur Abschiedsparty eingeladen gewesen wäre, hätte sie nicht ihr Gipsbein, das sie sich bei einem Reitunfall zugezogen hatte, ans Bett gefesselt. Nur unweit der Bundesstraße, auf der vereinzelt Nachteulen unterwegs waren, verabschiedeten sich die beiden Freunde von einander, und verschwanden in unterschiedliche Richtungen in die Nacht. Es sollte das letzte Mal sein, dass sich Gerrit Welter und Marcel Kaiser zu Gesicht bekamen.
Marci, der das Geschehene auch Jahre später weder begreifen, noch einordnen konnte, wurde unzählige Male zu den

Vorkommnissen in jener Nacht befragt, zumal er ja auch der letzte war, der Gerrit lebend sah. Die Gerichtsmediziner hatten den Leichnam obduziert, waren aber zu dem Schluss gekommen, dass Gerrit ohne Fremdeinwirkung von der Brücke gefallen, oder gesprungen sein musste. So recht wollte er sich jedoch nicht mit dem Gedanken abfinden, dass Gerrit suizid begangen hatte. Es hatte weder einen Abschiedsbrief noch irgendwelche Anzeichen für eine Selbsttötung gegeben. Jedem war sein Tod ein Mysterium. Da es keiner Anzeicheichen für nur den geringsten Anhaltspunkt gab, musste man schlicht von einem Suizid ausgehen.

Marci hatte das Video zu zu Ende geschaut, doch was sich ihm darin offenbarte, war so unbegreiflich grausam, dass er es zwar nie wieder sehen wollte, aber unwillkürlich startete er das Video erneut. Zu Beginn waren wieder nur die verschwommenen grau-schwarzen Pixel zu sehen, doch dann folgte das Unfassbare: das Filmchen zeigte zwei Jugendliche, zwar aus einiger Entfernung gefilmt, dennoch waren die beiden Darsteller eindeutig zu erkennen; der eine im Flamingo-Kostüm, der andere im Scream-Kostüm, Marci und Gerrit, trotz der schlechten Aufnahme waren die beiden unverkennbar. Sie standen beide auf der verhängnisvollen Brücke unter der der eine der beiden Freunde sein Leben ausgehaucht hatte. Doch es war schlicht unmöglich, was ihm das Video da Glauben machen wollte. Sei beide waren nie in der fraglichen Nacht, durch die Kostüme unverwechselbar gekennzeichnet, auf der Brücke gewesen. Scheinbar waren sie im Clip nun stehen geblieben, und schienen sich zu unterhalten, der Filmende war einfach zu weit entfernt, um etwaige Worte oder Satzteile aufzunehmen. Dann allerdings eskalierte die Situation komplett und der Flamingo und der Pinguin gerieten heftig und lautstark aneinander, jedoch wurden eventuelle Gesprächsfetzen, die hätten aufgezeichnet werden können nun vom anschwellenden Donnergrollen des Gewitters übertönt.
Zwischen Marci und Gerrit war es niemals zum Streit gekommen, sie waren stets sprichwörtlich ein Herz und eine Seele gewesen. Umso surrealer kam Marci die ganze Situation vor.
Als es dem Höhepunkt des kurzen Horrorfilms auf den Handy entgegen ging, brachen bei Marci die Tränen los.
Die Rangelei hatte nun abermals an Fahrt aufgenommen und dann geschah es, das ihn vollends an seinem Verstand zweifeln ließ.
Der Schauplatz des Kampfes hatte sich nun in beängstigende Nähe des Brückengeländers verlagert, dann presste Marci Gerrit gegen das Geländer, er drückte ihn immer weiter, bis man förmlich nur noch darauf wartete, dass Gerrit in die Tiefe stürzte, dann brach das Video apprupt ab. Mit blutroter Schrift stand jetzt nur noch ein einzelner Satz auf schwarzem Untergrund.
Willst du dich nicht endlich von deiner Schuld befreien?

Er verstand die Welt nicht mehr. Alles stand Kopf. Was hatte sich wirklich in der noch jungen Nacht des 19. Juli 2014 zugetragen. Hatte er wirklich seinen besten Freund umgebracht? Hatte er eine Amnesie erlitten und konnte sich schlicht nicht an die Ereignisse erinnern? Oder suggerierte sein Geist ihm nur eine Scheinrealität zum Selbstschutz? Er wusst auf keine dieser Fragen eine Antwort. Doch die Schlimmste davon brannte in ihm wie Feuer:
Bin ich ein Mörder?

Wie in Trance steckte er das gefundene Mobiltelefon samt Zip-Lock-Beutel und Panzertape in die Hosentasche, dann rannte er los. Nur so schnell wie irgend möglich weg von diesem verfluchten Ort. Den Strauß Blumen, der ihm vor Schock beim Fund des Handys mitten auf den Weg gefallen war, hatte er schon längst vergessen.

***

Jessica startete die Anwendung der Spying-Software.
Let the show begin!
Jessica, die Freundin Gerrits, zumindest war sie das bis zu dessen Tod gewesen, zündete sich ihre Zigarette an, zog genüsslich und lehnte sich zurück. Sie hatte sich zum Todestag ihres ehemaligen Geliebten etwas ganz besonderes ausgedacht. Sie hatte nie geglaubt, dass Marci an Gerrits Tod vollkommen unschuldig war, nein, sie war sogar der festen Überzeugung, dass er etwas damit zu tun haben musste. Die Justiz konnte aus Mangel an Beweisen ihr in diesem Punkt nicht weiterhelfen.
Dann muss ich eben selbst aktiv werden.

Sie hatte sich eines jener Überwachungsprogramme organisiert, das ihr jederzeit Zugriff auf Gerrits altes Handy ermöglichte. Vom Zugriff auf die Kameras, bis hin zur Aktivierung des Mikrofons standen ihr alle Möglichkeiten offen.

Jessica hatte Marci noch nie leiden können. Klar, Gerrit und Marci kannten sich seit dem Kindergarten, trotzdem war sich Jessica in Marcis Gegenwart immer nur wie die zweite Geige vorgekommen.

Dass das Video, das sie Marci auf perfide Art und Weise zugespielt hatte, nicht im Ansatz echt war, war Jessica vollkommen egal, der Zweck heiligte schließlich die Mittel. So hatte sie als Hauptakteure für ihre Low-Budget-Verfilmung lediglich zwei alkoholisierte Teenies ähnlicher Statur in einer durchzechten Partynacht aufgegabelt, den sie jeweils 20 Euro für eine kleine Kostprobe ihres schauspielerischen Talents versprochen hatte. Sie hatte die beiden in die dieselben Kostüme gesteckt und hatte sie selbst dabei gefilmt, wie sie den fingierten Streit aufführten. Das Schwierigste war eine geeignete Nacht zu finden in der ein Gewitter wütete. Alles weitere war im Grunde mehr als einfach gewesen, Gerrits altes Handy nach ihren Vorstellungen umzugestalten, oder das Handy kurz vor Marcis erscheinen an der Grabplatte zu befestigen.

Sie würde Marci schon zu einem Geständnis bewegen, unabhängig davon ob er Schuld auf sich geladen hatte oder nicht, doch als Erstes würde sie sich Marcis fassungsloses Entsetzen auf seinem Gesicht zu Gemüte führen. Sie würde Marci FALLEN sehen.

8 thoughts on “FALLEN

  1. Deine Idee hinter der Geschichte gefällt mir gut, ich hätte glaube ich nur einen anderen Teil der Geschichte gewählt. Jessica kam mir zu plötzlich in die Geschichte und ich konnte nicht schnell genug eine Beziehung mit ihr aufbauen, so war mir das Ende etwas zu abrupt. Ich mag eigentlich offene Enden, aber das ist mir persönlich zu frei, weil Marcis Schuld und wie Jessica weiter macht beides offen ist. Mir hätte glaub besser gefallen, wenn Marcis Schuld bewiesen wäre… Aber ist nur meine Meinung. Die Idee mit den Kostümen finde ich auf jeden Fall klasse. Auch, wo das Handy gefunden wird.
    Liebe Grüße, Jenny /madame_papilio

  2. Hi, ich schließe mich ein wenig meiner Vorschreiberin an.
    Die Geschichte finde ich gut, auch die Auflösung prinzipiell. Aber ich denke, die Geschichte hätte ein etwas ausgearbeitetes Ende verdient gehabt. Jessica kommt doch recht abrupt in de Story und das Ende ist dann etwas zu hektisch beschrieben.
    Vielleicht hätte man auch noch etwas mehr aus Marcs Innenleben nach dem Fund des Handys und dem Video rausholen können. Die innere Zerrissenheit, die du kurz anreißt, hätte meiner Meinung nach noch etwas ausgeschmückt werden können, vielleicht bis dahin, dass er selbst irgendwann glaubt, Gerrit wirklich die Brücke runter gestoßen zu haben…
    Ich glaube, wenn du an der Stelle nochmal dran arbeitest, wird die Geschichte noch besser.

    Was ich aber auf jeden Fall noch los werden möchte ist, dass mir dein Schreibstil sehr gefallen hat. Du hast es geschafft, die Bilder deiner Geschichte sehr gut in Worte zu fassen, das machte es wirklich angenehm, die Geschichte zu lesen und es wurde nie langweilig!

    P:S. vielleicht hast Du ja auch Zeit und Lust, meine Geschichte zu lesen : Glasauge
    Über ein Feedback würde ich mich sehr freuen.

  3. Ich habe mir deine Geschichte gerade durchgelesen und es war die Erste, wo es mir gefallen hat, dass es Beschreibungen, anstatt Dialoge gibt. Du hast einen guten Spannungsbogen aufgebaut.
    Ich stimme den anderen zu, dass Jessica etwas plötzlich erscheint. Ich würde sehr gerne noch mehr von dir lesen, deshalb schreib gerne weiter. 👍🏼Ich lese es super gerne.

    Wenn du möchtest, dann kannst du dir auch mal meine Geschichte durchlesen:
    DANACH BIST DU DRAN!

  4. Hi :),
    vielen Dank für diese spannende Geschichte. Die Grundidee finde ich sehr interessant. Auch einzelne Beschreibungen, wie z.B. die Kostüme die bei der Party getragen werden, gefallen mir sehr gut.
    Mir geht es aber etwas ähnlich, wie den anderen Kommentator*innen.
    Mir ist es schwer gefallen, eine Bindung zu den Charakteren aufzubauen, weil aufgrund der vorgegebenen Seitenzahl wenig Zeit bleibt, die Charaktere besser kennenzulernen.
    Marci finde ich sehr interessant. Von ihm bekommen wir auch am meisten mit.

    Was ich interessant gefunden hätte – Achtung, das ist nur meine persönliche MEinung und soll Dir Anregungen geben, falls Du die Geschichte nochmal überarbeiten möchtest – :
    Wie wäre es, wenn Du statt des Leichenfundes mit der Party einsteigst? Hier könntest Du z.B. aktiv erzählen, wie die Freundschaft zwischen Gerrit und Marci aussieht. Außerdem könntest Du Jessica, obwohl sie nicht au der Party war, in die Geschichte einführen. Andere Partygäste könnten Gerrit nach ihr fragen. Oder es gibt vielleicht auch Partygäste, die ganz froh sind, dass Jessica nicht dabei ist, bzw. vielleicht ertappt sich Marci auch bei diesem Gedanken, dass er froh ist, wieder etwas Zeit mit seinem besten Freund verbringen zu können?
    Wenn die Szene dann mit dem Abschied zwischen Marci und Gerrit endet und es danach an Gerrits Grab weitergeht, stellt sich die Frage was dazwischen passiert ist.
    viele Grüße 🙂

  5. Hi,
    mir hat die Geschichte und auch der Erzählstil gut gefallen.
    Vor allem der Anfang war sehr fesselnd (und die Beschreibung der Sommernacht sehr gut geschrieben, man konnte es praktisch nachempfinden) auch der Sprung der Erzählerperspektive hat es nochmal spannend gemacht und ich war neugierig, wie es weitergeht.
    Die Geschichte hätte gut und gerne noch länger sein können, das Ende kam auch mir zu abrupt, die Motive von Jessica sind nicht wirklich klar (warum verdächtigt sie Marci genau?), der Aspekt der Eifersucht wird kurz angerissen, aber dazu hätte ich gerne mehr gelesen, vor allem, weil die Beziehung von Marci und Gerrit gut skizziert wurde.
    Der Fund des Handys kommt sozusagen recht spät und es stehen mehr die vergangenen Ereignisse im Vordergrund, weshalb ein paar Seiten mehr der Geschichte denke ich sehr gut getan hätten, wobei es natürlich verständlich ist, dass man eine Kurzgeschichte nicht zu sehr ausdehnen kann.

    Ich hoffe, du kannst mit meinem Feedback etwas anfangen:)
    Liebe Grüße

  6. Hallöchen,

    habe mir soeben deine Geschichte durchgelesen und bin begeistert! Du hast einen großen Wortschatz und weißt genau, wie du ihn einsetzen musst, damit man sich als Leser alles genau vorstellen kann. Ich muss sagen, dass sich die Story beim Lesen wie ein Film abspielt. Ich mag die Art und Weise, wie du Szenen beschreibst – zum Beispiel der Moment des Leichenfunds und des Anrufs in die Notrufzentrale. Ich konnte mir alles visuell genau vorstellen, sehr cineastisch beschrieben. Das machte die Geschichte, die ohnehin schon extrem spannend war, gleich noch wowiger! Ach ja, Fun Fact; Ich habe einen dunkelgrauen VW Polo. 😀

    Falls du Lust hast, kannst du dir ja auch meine Story HAPPY BIRTHDAY… JESSICA? durchlesen und mir einen Kommentar (positiv oder negativ, freue mich über jedes Feedback :)) da lassen. Für deine Story wünsche ich dir alles Gute – habe soeben gevotet.

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