TakikoGokuderaFalsches Spiel

Es ist noch früh, ich habe noch Zeit mir einen Kaffee zu holen. Gegenüber ist ein Café, da werde ich mich ans Fenster setzen und warten. Er wird auftauchen, dass tut er jeden Samstag. Ich bin völlig ruhig, als ich mir den Kaffee und ein Stück Kuchen hole und mich damit an das große Fenster setze. Da kommt er, pünktlich halb 9, sehr schön. Ich bitte die Kassiererin ein Foto von mir zu machen, mit Kaffee und Kuchen, für die sozialen Netzwerke, sie ist jung, versteht das. Meine Haare sind wieder etwas gewachsen, es hat länger gedauert als ich dachte, doch einige Extension hier und da und schon hatte ich wieder eine passable Länge. Ich lächle und bezahle. Dann überquere ich die Hauptstraße, gehe direkt auf den Eingang zu. Ich bin noch immer völlig ruhig und gelassen, als ich nach der Türklinke der Praxis greife und sie, Überraschung, unverschlossen ist. In meiner Handtasche befindet sich eine Spritze, die ich jetzt heraushole. Ein Betäubungsmittel, ich will ja auf Nummer sicher gehen. Im Vorzimmer und auch im Wartezimmer ist niemand zu sehen, auch hat mich der Doktor wohl nicht gehört, als ich die Tür öffnete.
Die Spritze in der einen Hand, den kleinen Revolver in der anderen, gehe ich auf die angelehnte Tür seines Sprechzimmers zu. Es ist noch immer leicht, und ich fühle mich nicht im geringsten aufgeregt. Vor der Tür stecke ich die Pistole ein, hole das Handy heraus und mache ein Selfie. So dass man die Aufschrift ‚Sprechzimmer 1‘ gut lesen kann. Das Handy wandert in meine Hosentasche, der Revolver zurück in meine Hand. Ich betrete das Zimmer, der kleine Thailänder blickt überrascht und erschrocken auf.
„Wir haben heute geschlossen!“, sagt er mit einem Akzent.
„Hallo Doktor!“, lächle ich ihn an.
„Kenne ich sie?“, er kneift die Augen zusammen und mustert mein Gesicht.
„Mich nicht, nur meine Nase!“, erwidere ich.
Dann bemerkt er die Pistole in meiner Hand und reißt die Augen weit auf.
„Was wollen sie? Was habe ich ihnen getan? Wollen sie Geld, ich habe kein Geld….“, stammelt er die üblichen Phrasen herunter.
Ich lächle ihn an, stecke die Pistole erst mal wieder weg und hole das Handy heraus. Jetzt entspannen sich seine Züge etwas.
„Bitte recht freundlich!“
„Ah das ist ein Witz, mein Kumpel hat sich das erlaubt, ja?“, er hechelt und Hoffnung liegt in seiner Stimme.
Ich ziehe das Barbiturat aus der anderen Hosentasche und stecke die Spritze hinein. Während ich die klare Flüssigkeit aufziehe, will der Doktor nach dem Telefon greifen!
„Na, na Doktorchen, glauben sie, sie sind schneller als eine Kugel aus meiner Waffe?“, frage ich ihn.
„Ich kenne sie!“, schreit er jetzt voller Verzweiflung. „Sie waren in Thailand, sie haben mir das viele Geld gegeben, damit ich ihnen die Nase mache, wie sie auf dem Bild zu sehen war!“
Er quiekte fast.
Ich ging auf ihn zu.
„Falsch mein lieber Herr Batana, sie haben mir meine Nase geklaut und sie in das Gesicht einer anderen gesetzt!“, lächle ich. Er will sich wegducken, er versucht mit dem Stuhl zurückzuweichen, als ich mit der Spritze auf ihn zukomme. Ich genieße das Spiel, er hat Angst, ja so viel Angst.
Mir läuft die Zeit davon, ich beschließe es jetzt schnell zu beenden und gehe raschen Schrittes auf ihn zu.
„Nein, nein, nein!!!“, brüllt er, im nächsten Moment habe ich die Spritze in seinen Arm gerammt, er schreit auf. Ich hasse Spritzen, aber es war leider nötig. Ich könnte mir selbst nie eine Spritze setzen, nun es war eine neue Erfahrung. Es ging eigentlich ganz leicht, der Mann vor mir weitet seine Augen, will noch etwas sagen, fällt dann aber in sich zusammen.
Ich ziehe mir einen der Arztkittel über, streife die Handschuhe über meine Hände und wische die Fingerabdrücke von der Spritze, alles ganz mechanisch. Es ist, als würde ich mir dabei zusehen. Als wäre ich im Kino und auf der Leinwand vor mir liefe ein Krimi. Die Spritze wandert zu den anderen, in den Sondermülleimer, der neben dem Waschbecken mit Desinfektion steht. Das Skalpell ist schnell ausgepackt, es glänzt und ist herrlich scharf, ich will es lieber nicht ausprobieren. Der Doktor hängt schlaff in seinem Stuhl, ich rücke ihn zurück direkt vor den Schreibtisch und stelle mich hinter ihn.
„Sag Cheese!“, sagte ich und mache eine Fotoserie wie ich mit dem scharfen Skalpell das Leben aus dem alten Arzt raus laufen lasse, es läuft dank der Betäubung wirklich nur langsam ab und macht keinerlei Sauerei auf meinen Klamotten. Rot und warm läuft es über den faltigen Hals des Thailänders, wie in Zeitlupe sieht man das Licht in seinen Augen erlöschen.

Danke, dass sie unser Patient waren, Dr. Batana, beehren Sie uns nicht so schnell wieder! Drecksack!“

Ich verlasse die Praxis und laufe drei Straßen weiter, zu dem kleinen Fiat, den ich mir geleistet habe, mit so einem Auto fällt man nicht auf. Jetzt wächst meine Aufregung, jetzt fängt mein Herz an zu rasen, jetzt, da ich auf dem Weg zu ihr bin. Ich lächle kalt, wann würde sie die Bilder sehen? In Gedanken stelle ich mir vor, wie sie entsetzt schaut. Dann packe ich das Handy zurück in die Originalschachtel, verschließe die weiß, silberne Box mit dem Apfellogo und wickle es in Packpapier ein. Mit einem schwarzen Filzstift, male ich die Adresse. Nur keine Schreibschrift verwenden, schön wie ein Kind die Buchstaben malen! Meine Adresse, ich male meine Adresse!

***

Ich sitze am Frühstückstisch und betrachte das Päckchen aus braunem Packpapier das ich vor wenigen Minuten aus dem Briefkasten geholt habe, es steht kein Absender darauf, nur meine Adresse, in Druckschrift… Die Schrift kommt mir nicht bekannt vor, aber vielleicht hat mein Verlobter Nick einen Mitarbeiter beauftragt es einzuwerfen weil er selbst es vergessen hat, er hat so viel zu tun, da wäre das nicht verwunderlich.
Als ich das Papier abwickele finde ich eine Weiße Box mit dem berühmten Apfellogo, überschwänglich packe ich es aus, was für ein Tolles Geschenk. Ich stocke aber, da es offenbar bereits benutzt wurde.
Verwundert drücke ich die Taste zum Entsperren des Telefons. Zum Glück wird dafür kein Pin oder dergleichen benötigt. Der Bildschirmhintergrund ist ein Foto von mir, was den Eindruck das es ein Geschenk von Nick ist verstärkt, aber irgendetwas an dem Bild ist seltsam ich sitze darauf in einem Café in der Nähe, was nicht ungewöhnlich ist, denn ich liebe den Frappucino dort und trinke ab und an nach der Arbeit einen, aber es ist kein besonders schönes Bild und diese Klamotten, habe ich so etwas tatsächlich jemals getragen? Ich schüttele leicht den Kopf, wenn ich so eine hässliche Bluse noch irgendwo habe ist es Zeit sie zu entsorgen.
Ich spiele noch ein wenig mit dem Handy herum, es sind fast ausschließlich die Standart-Apps installiert und auch sonst keine persönlichen Einstellungen vorgenommen worden. Nick hätte ja zumindest meine Lieblingslieder drauf spielen können. Ich entdecke aber die Galerie neugierig tippe ich darauf, vielleicht finde ich noch mehr Fotos. Fast sofort lasse ich das Gerät mit einem Aufschrei fallen.
Es ist ein Foto und darauf bin ich zu sehen, mit einem blutverschmierten Skalpell. Ich zwinge mich, mich zu beruhigen, das ist ein Streich, irgendwer erlaubt sich einen Streich. Als persönliche Sekretärin des Bürgermeisters bin ich selbstverständlich auch im Mittelpunkt des Interesses, sicher ist das irgendeine Drohung von jemanden der das Foto mit Computersoftware bearbeitet hatte.
Nur langsam beruhige ich mich, spüre mein Herz noch immer wild schlagen, aber ich muss mir das Bild genauer ansehen, vielleicht sogar damit zur Polizei gehen.
Als ich einen weiteren Blick auf das Bild werfe sehe ich einen Mann im Arztkittel, er sitzt hinter einem Schreibtisch auf einem roten Stuhl und ist ganz offensichtlich mein Mordopfer. Ich oder die Person die mich darstellen soll hat ihm die Kehle durchgeschnitten und am schlimmsten ist das ich den Mann kenne, ich habe ihn nur wenige Male gesehen und das war nicht hier gewesen sondern…
Ich betrachte mir das Bild ganz genau, auf den ersten Blick ist es ein normales Behandlungszimmer, im Hintergrund ein Regal, ebenso schwarz wie der Schreibtisch vollgestopft mit Büchern, vermutlich Medizin. Ansonsten normale Medizinische Hilfsmittel, auf dem Tisch liegt sogar eine Spritze, nur der tote Arzt stört das ’normale‘ Bild.
Unsicher sehe ich nach weiteren Fotos, es sind einige von der Tat dabei, man sieht den Arzt Stück für Stück sterben und die Bilder lassen keinen Zweifel daran das er tot sein muss. Das erste Foto das den Arzt betrifft alarmiert mich, der Arzt ist nicht zusehen, nur ich und ein Schild ‚Sprechzimmer 1‘.
Dies lässt mich schlussfolgern das er nicht mehr in Thailand ist sondern vermutlich ganz in meiner Nähe, die Frau trägt auf den Fotos dieselbe Kleidung wie im Café. Der Doktor hat damals etwas erwähnt das es sein Traum sei auszuwandern. Fast panisch stürme ich an den PC, die Kiste braucht eine gefühlte Ewigkeit zum Hochfahren, dabei muss ich doch überprüfen ob der Arzt jetzt in Hamburg praktiziert, schließlich ist das die sinnvollste Erklärung und das würde heißen das die Person auf dem Hintergrundbild und auf dem Bild in der Praxis dieselbe ist und womöglich kennt sie mich sehr gut. Da mir der Name des Arztes nicht direkt einfallen will suche ich nach Schönheitschirurgen in Hamburg und überfliege die Liste: Dr. Meier, Dr. Kiesel, Dr. Batana… das muss er sein, ich notiere mir die Adresse, muss herausfinden ob er wirklich tot ist. Ich ziehe mir noch eine Jacke mit großer Kapuze an, damit mich niemand erkennen würde, ehe ich in mein Auto springe. Was ist hier nur los?
Als ich endlich die richtige Straße erreiche parke ich etwas weiter weg und steige vorsichtig aus, die Praxis ist leicht zu finden, auf den Schild steht ‚heute geschlossen‘, dennoch lässt sich die Tür ohne Probleme öffnen. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich das Zimmer finde. Mir wird übel als ich den Doktor tatsächlich tot dort sitzen sehe und ich stehe wie versteinert da, was soll ich jetzt nur tun? Wenn ich die Polizei rufe bin ich doch die Verdächtige, also bleibt mir nur möglichst schnell zu verschwinden. Ich drehe mich zur Tür um und sehe den großen Aktenschrank. Ich nehme mir vom Schreibtisch des Arztes Einweghandschuhe, falls in diesem Schrank Akten von mir sind würde mich das verdächtig machen also suche ich panisch nach Patientenakten von mir, vermutlich hat er mich nicht unter meinem jetzigen Namen abgelegt, was das ganze noch gefährlicher macht. Aber ich finde nichts. Ich will schon aufatmen als das neue Telefon klingelt.
Eine Unbekannte Nummer hat mir ein Foto geschickt. Wieder ein Bild von ‚mir‘, diesmal vor einem Optiker, dem Optiker bei dem ich immer meine Kontaktlinsen hole, vielleicht habe ich Glück und komme noch rechtzeitig…
Ich verlasse die Arztpraxis so schnell wie möglich und rase mit meinem Auto zum Optiker, das ich dabei viel zu schnell fahre ist mir egal. Ich muss die Frau retten. Doch die Menschentraube vor dem Geschäft verrät mir das ich zu spät komme, mit trockenem Mund stellte ich mein Auto ab und ziehe mir die Kapuze über den Kopf, trete langsam näher an das Schaufenster und erschrecke fürchterlich, als ich meine Optikerin dort hängen sehe, erdrosselt.
Ihre weit aufgerissenen Augen scheinen mich anzustarren, aber es sind nicht ihre, es sind ‚Meine‘ oder viel mehr Romys, das darf nicht sein, nur eine Person weiß darüber Bescheid und die kann nicht hier sein, nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Land und eigentlich nicht einmal am Leben…
Doch die Urkunde auf der Brust der Optikerin bestätigt meine schlimmsten Albträume, ein flüchtiger Blick reicht um das Dokument zu erkennen, es ist die Sterbeurkunde die ich damals habe ausstellen lassen, sie lautet auf einen mir allzu bekannten Namen, einen Namen den ich nie wieder zu hören gehofft hatte, aber jetzt holt mich doch alles wieder ein.
Ich bin kurz vor dem Zusammenbruch als mich eine erneute Nachricht erreicht.

***

Hallo Jessica, oder soll ich Romy sagen? Du hast mein Kunstwerk also schon entdeckt, nun war ja nicht schwer zu finden. Die arme Frau wusste gar nicht wie ihr geschieht. Sie hat um ihr Leben gebettelt. So wie ich damals um mein Leben gebettelt habe, und du um deines betteln wirst. Oder vielleicht erst mal um das Leben deines Verlobten? Hast du ihre schönen Augen gesehen? Wunderschönes blau, nicht so grau wie deine, oder? Sie war mit der Inventur beschäftigt, als ich kam. Ihr Fehler, dass sie mir geöffnet hat. Ich bat sie mir ein Glas Wasser zu bringen, mir ginge es ja so schlecht. Aber glaube mir, mir ging es nie so gut wie jetzt, da ich endlich meine Rache bekomme. Das Dokument auf ihrer Brust, dass kennst du sicher, natürlich, stammt ja aus deinem Safe. Oh, sie war in meiner Wohnung! Ich war nicht nur in deiner Wohnung, auch bei dir im Büro und im Bett mit deinem Verlobten, er hat den Unterschied nicht erkannt. Daher ist er mir auch ohne zu zögern gefolgt. Sieh dir das Bild nur gut an, es wird über Leben und Tod entscheiden!“

Diese Nachricht habe ich ihr geschickt, gleich nachdem sie vor dem Schaufenster eingetroffen war. Die Optikerin war ein leichtes Opfer, ich musste sie nicht mal bedrohen. Sie trank brav das Wasser, welches ich mit dem Betäubungsmittel versehen hatte, K. O. Tropfen sind was Tolles. Den Strick um den Hals, das Dokument auf die Brust und das mit den Kontaktlinsen, wie praktisch, dass die neue Lieferung gerade angekommen war. Aber jetzt zurück zu meinem Geliebten Nick, er wartet sicher schon sehnsüchtig und weiß gar nicht wie ihm geschieht.
„Romy? Was soll das?“, ruft er mir von der Beckenmitte zu.
„Du denkst ich bin Romy, ja eigentlich hast du Recht, und doch wieder nicht, ich bin nicht die Romy, die du denkst das sie es ist!“
Er macht einen verwirrten Eindruck, klar, ist ja auch verwirrend.
„Was für ein Scheiß redest du da? Mach mich gefälligst los!“, schreit er weiter.
Ich lächle und gehe an der Leiter in das Becken.
„Sag mal, wie hat dir der Sex letzte Nacht gefallen?“, mein Zeigefinger streichelt über seine Brust.
Was? Gut, was soll das hier?“
Ich lächle.
„Besser als all die Male davor?“, will ich wissen.
„Ja er war härter, anregender, mach mich endlich los und dann zeig ich dir wie anregend er war!“
Ich lache: „Tut mir leid, aber das geht nicht, wir müssen noch auf unseren Ehrengast warten!“
Ich gehe zu dem Einlassventil, welches mit einer Plastikkappe zugedeckt ist. Die Pumpe läuft jetzt schon sein gut einer Stunde, langsam sollte sich etwas Wasser aufgestaut haben. Ich öffne es.
„So der Countdown läuft, wird sie dich retten?“, lache ich und steige wieder zum Beckenrand hoch.
„Wer soll mich retten?“, fragt er panisch.
„Na Romy, wer sonst!“, ich lache und verlasse den Schwimmbeckenbereich.

***

Wenn ich noch Zweifel gehabt habe von wem das Handy und die Bilder waren so waren diese spätestens nach der Nachricht ausgeräumt, ich beginne zu zittern als ich das angehängte Foto öffne.
Ich sehe meinen Liebsten Nick an ein Bett gefesselt, das Bild ist von einer erhöhten Position aufgenommen worden, so das ich zu den blauen Fliesen unter dem Bett die typischen Schwimmbeckenleitern sehen kann. Doch abgesehen davon ist nichts zu sehen. Mir wird fast sofort klar was sie vor hat, das Schwimmbecken würde voll Wasser laufen und der arme Nick, der nichts mit meinen Fehlern zu tun hat würde ertrinken, das muss ich verhindern aber wie soll ich das tun? Ich weiß ja nicht in welchem Schwimmbad er sich befindet oder wie viel Zeit ich noch habe.
Ich begebe mich zurück zu meinem Auto, versuche währenddessen die Nummer zurückzurufen, mehrere Male, doch jedes Mal verkündet mir eine Frauenstimme das der Teilnehmer nicht erreichbar sei.
Ich setze mich hinter das Steuer, es ist definitiv ein Schwimmbad und vermutlich ein Hallenbad, da in einem Freibad die Gefahr entdeckt zu werden zu hoch wäre.
Es muss doch noch einen Hinweis geben wo sie waren, sie will ja ganz offensichtlich das ich dort hin komme, also würde sie es sicher nicht unnötig verkomplizieren. Dann fällt es mir ein, ein Hallenbad das vor kurzem geschlossen hatte, als Kinder waren wir oft dort schwimmen gewesen und jetzt soll es renoviert werden, das wäre der perfekte Ort für diesen perfiden Plan. Am liebsten hätte ich mich bewaffnet, doch ich habe keine Zeit zu verlieren, ich muss Nick retten, auch wenn es mein eigenes Leben kosten könnte.
Ich trete das Gaspedal durch, ignoriere alle Verkehrsregeln in der Hoffnung noch rechtzeitig zu kommen, Ich mache mir nicht die Mühe vernünftig zu parken, stelle das Auto einfach irgendwie auf den leeren Parkplatz, bemerke aber das andere Auto, ein Fiat… Sicher ist es ihrer, das heißt sie ist noch da, das Gefühl geradewegs in eine Falle zu laufen verstärkt sich.
Die Eingangstüren sind verschlossen, aber eine kleine Seitentüre lässt sich öffnen, ich durchquere den dunklen Eingangsbereich und steige über das Drehkreuz für das man diese Armbänder benötigt. Dann bin ich bei den Umkleiden, habe die Sorge jeden Moment würde jemand aus einer Herausspringen, doch ich komme unbehelligt zu den Duschen, höre ein leises monotones Tropfen, aber auch die Duschräume sind Leer. Doch das Tropfen lässt mir die Haare zu Berge stehen, nicht nur weil es an sich schon Gruselig genug ist, sondern weil es bedeutet, dass das Wasser hier noch läuft und sich damit meine schlimmsten Befürchtungen als wahr erweisen.
Alle Vorsicht außer Acht lassend stürme ich aus der Dusche in die große Badehalle, flehe innerlich das es noch nicht zu spät ist.

***

Herzlich willkommen, Jessica!“, sage ich und klatsche erfreut. Das Wasser steht noch nicht so hoch, sie könnte ihren Liebsten also noch retten, aber wer bin ich, dass ich das zulassen würde?
Was soll das?“, fragt sie erregt und panisch.
Kennst du mich denn nicht mehr? Dabei hast du dir alle Mühe gegeben, genauso auszusehen und zu sein wie ich. Du dachtest wohl du hast mich getötet, damals in Bangkok, immerhin hattest du ja jemanden engagiert, der das für dich erledigen sollte, tja Pech mein Herzchen!“
Romy, bist du es wirklich?“, Sie starrt mich an als wäre ich ein Geist. Dann bricht sie in Tränen aus, wie dramatisch. Ich lache.

***

Ich stehe meinem Ebenbild und zugleich meinem schlimmsten Albtraum gegenüber. Romy, die junge Frau zu der ich geworden bin die Person die ich nie wieder sehen wollte obwohl ich sie jeden Tag im Spiegel sehe.
Tränen der Angst laufen mir über die Wange als ich beginne sie anzuflehen: „Lass ihn gehen, er weiß von alle dem nichts. Er hat nichts getan was deinen Zorn verdient. Ich bin diejenige die du willst. An mir willst du dich rächen, nicht an ihm.“
Wird sie darauf eingehen? Wohl eher nicht, denn sie lacht noch immer, lacht mich und meine Verzweiflung aus.
Sie hat bereits mindestens Zwei Menschen getötet und wer weiß was sie tun musste um wieder hier her zu kommen? Es ist wahrlich zum Verzweifeln, selbst ich sehe keinen Grund warum sie Nick gehen lassen sollte oder wie ich das ganze überleben könnte.
Ich sehe zu Nick, das Wasser steigt bedrohlich an und ich sehe keine andere Möglichkeit als ihn loszubinden. Sicher würde Romy versuchen das zu verhindern, doch mir läuft die Zeit davon und so nehme ich Anlauf und springe in das kühle Wasser.

***

Damit, dass sie ins Wasser springen würde, habe ich nicht gerechnet, eigentlich dachte ich die Pistole in meiner Hand würde sie an Ort und Stelle verharren lassen. Die Pistole. Ich feuere, meine Hand zittert, ich treffe den Beckenrand meilenweit über ihrem Kopf.
Du Miststück, was fällt dir ein?“, brülle ich und ziele besser, halte meine Hand, die die Waffe hält mit der anderen fest und schieße erneut. Verdammt wieder daneben, sie hat sich zur Seite geworfen. Na gut, dann… Die Schüsse hallen in dem leeren Gebäude wie Bombeneinschläge, ein Aufschrei von der Beckenmitte lässt mich kurz innehalten. Hatte ich getroffen?
Was soll der Scheiß?“, ruft da der Staatsanwalt, Nick, ihr Verlobter, der eigentlich mein Verlobter hätte sein müssen. Wo taucht dieses Miststück, ich drücke wieder ab. Klick, klick verdammt. Jetzt ist das blöde Ding leer, hätte mir doch eine Waffe mit mehr Schuss kaufen sollen, na gut, dann muss ich sie eben im Wasser aufhalten. Ich nehme mir nicht die Zeit meine Kleidung auszuziehen, sondern springe ohne Zögern mit einem Sprung in das kalte Wasser. Verdammt, das war ein Schock. Ich friere, doch für solche Kleinigkeiten habe ich jetzt keine Zeit, sie ist fast bei dem Kerl angekommen, ich muss mich beeilen und strample durch das Wasser.

***

Ich bin kaum im Wasser als ich höre wie ein Schuss abgefeuert wird, intuitiv tauche ich unter um mich vor den Schüssen in Sicherheit zu bringen. Ich kann förmlich spüren wie die Kugeln neben mir eintauchen, tauche selbst noch unter dem Bett durch und dann neben Nick auf, er sieht verwirrt aus und ist am Arm verletzt, die Verrückte hat ihn offenbar getroffen, aber es ist nur ein Streifschuss. So gerne würde ich ihm alles erklären, ihm sagen was ich getan und warum ich es getan habe, doch dafür ist jetzt keine Zeit und der richtige Ort ist es auch nicht.
„Schatz, es tut mir so leid…“, das kommt von Herzen und muss ihm vorerst genügen, ich versuche seine Hände loszumachen, sehe das Romy mir immer näher kommt, dann habe ich den ersten Knoten gelöst, eine Hand sollte er jetzt frei haben. Doch ehe ich mich an den nächsten Knoten machen kann zerrt meine Gegnerin mich vom Bett weg…

***

Sie macht sich schon am Gurt zu schaffen als ich sie erreiche: „Vergiss es Fräulein! Du wirst ihn nicht retten!“
Er kann doch nichts dafür! Lass ihn gehen!“, jammert sie. Ich ziehe sie von dem Bett weg, greife ihre Beine, sie strampelt und tritt mir ins Gesicht.
Aua, du blöde Kuh, ich bring dich um!“, schreie ich.
Da ändert sich etwas: „Du solltest lange tot sein! Warum bist du nicht einfach tot geblieben?“
Sie packt meinen Hals, kratzt mich mit ihren Fingernägeln.
„Wir waren beste Freundinnen und du hast mich verraten und verkauft, warum?“, will ich jetzt wissen.

Beste Freundinnen, na klar!“, ich werde von ihr untergetaucht, kann sie nur noch undeutlich verstehen. Mit meinem Knie trete ich ihr in den Magen. Ihre Hand lässt locker und ich tauche prustend wieder auf.
Du hattest alles, dir stand die Welt offen und ich? Fabrikarbeiterin? Weil ich nicht die nötigen Beziehungen hatte?“, schnauft sie nach Atem ringend.
Ich hätte dir schon geholfen da raus zukommen, warum hast du mir nicht vertraut?“
Mir daraus geholfen? So wie aus meinem gewalttätigen Elternhaus?“, keift Jessica und klammert sich an mich. Wir ringen im Wasser, sie kratzt und beißt mich.
Während du mein Leben übernommen hast, war ich eine Gefangene! Ja dein toller Plan jemanden zu bezahlen, dass er mich umbringt ging schief, denn der dachte mit mir wäre noch mehr Geld zu verdienen! Der Tod ist für das, was du mir angetan hast noch viel zu … aaaaarg!“, ich werde erneut untergetaucht und versuche unter ihren Händen wegzutauchen, greife ihren Knöchel und ziehe daran. Wir kämpfen unter Wasser, ich kann meine Luft bald nicht mehr anhalten, aber sie hat genauso Probleme!
Sie schafft es mich im Würgegriff zu halten. Ich versuche ihre Hände zu lockern, merke wie mir schummrig wird, mein Blick verschwimmt. Verdammt, sie gewinnt, kann ich noch denken, dann wird mir schwarz vor Augen. Ich spüre noch wie mein Körper leicht wie eine Feder wird und gleich darauf schwer wie ein Stein in die Dunkelheit abdriftet.

***

Ich habe sie überwältigt, ich kann es kaum glauben, aber ich habe es geschafft. Doch ich habe keine Zeit zu Feiern, ich muss Nick helfen. Als ich mich zu ihm umdrehe muss ich allerdings feststellen das er sich selbst geholfen hat, mit der einen Hand die ich ihm losgemacht habe hat er wohl die restlichen Fesseln lösen Können und kommt jetzt auf mich zu. Ich will ihn umarmen: „Nick, geht es dir gut?“
Doch ehe ich die Arme um ihn schlingen kann stößt er mich beiseite um sich um die bewusstlose Romy zu kümmern.
Ich starre ihn verständnislos an wie er sie auf den Beckenrand hebt. Sofort folge ich ihm, versuche zu erklären: „Nick, bitte. Es war meine einzige Chance auf ein normales Leben. Ich liebe dich doch. Ich werde dir alles erklären. Bitte hör mich zumindest an. Wir können doch gemeinsam durchbrennen. Ein neues Leben beginnen.“
Doch er reagiert gar nicht auf das was ich sage, steigt nur aus dem Becken und als ich ihm Folge sehe ich bereits Blaulicht näherkommen.
„Nick, bitte.“, flehe ich ihn an. „Noch können wir entkommen.“
Endlich sieht er mich an, doch sein Blick ist kalt: „Ich bin mir nicht einmal sicher wer du bist. Aber du bist nicht mehr die Frau die ich einst geliebt habe.
Ich bin wie versteinert, sehe in Trance zu wie er die Rettungssanitäter und die Polizisten rein lässt, frage mich sinnloser Weise wie sie so schnell hier her kamen.
Die Sanitäter kümmern sich um Romy, heben sie auf eine Trage, während mir Handschellen angelegt werden, erst als der Polizist mich wiederholt nach meinem Namen fragt wache ich ein Wenig auf, nenne ihm reflexartig den Namen den ich seit fünf Jahren getragen habe: „Romy…“
Doch kaum habe ich den Namen ausgesprochen bemerke ich wie falsch das ist. Ich bin nicht mehr Romy, ich habe nur einen Traum gelebt die letzten fünf Jahre, habe mir ihr Leben genommen und heute, heute war sie gekommen und hatte sich ihren Namen zurückgeholt.
„Nein… ich heiße Jessica.“, korrigiere ich mich daher.
Während ich zum Streifenwagen geführt werde schleicht sich ein Lächeln auf meine Lippen, ihren Namen hat sich Romy vielleicht zurückgeholt, aber nicht ihr Leben, ihr Leben hat sie sich heute selbst zerstört und meines gleich mit…
Ich sitze auf der Rückbank des Polizeiwagens, der Polizist hat mir ein Handtuch untergelegt, hat wohl Angst um seine Polster gehabt, und sehe Nick auf mich zu kommen, mein Nick. Offenbar hat er es sich doch noch einmal überlegt, und wenn ich wieder raus komme werden wir heiraten, sicher sagt er mir jetzt das er mich noch immer liebt, was ich getan habe war ja auch nicht so schlimm wie Romys Taten, und er war vorhin nur durcheinander…
Doch die Wahrheit ist ernüchternd, gefühllos sieht er mich an und sagt kalt: „Die Hochzeit fällt dann wohl ins Wasser.“


Ende

2 thoughts on “Falsches Spiel

  1. Tolle Geschichte! Es hat richtig Spaß gemacht, mal auf der Sicht des Psychos zu lesen. Man konnte es regelrecht nachvollziehen. Das muss einem erstmal gelingen – dafür Not Bad 🙂
    Außerdem hat auch dein Anfang für ein weiterlesen angeregt, wenn man den jetzt mal mit meinem vergleicht 😂🙈
    Zwischendrin kam es für mich jedoch hin und wieder mal zu Verwirrung. Das lag teilweise auf der wörtlichen Rede innerhalb der Textnachrichten und teilweise auch aufgrund von situativen Beschreibungen.
    All in all aber sehr spannende Geschichte! Dran bleiben!:)
    Lg Lia

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