GaiaFloris

„Danke, Floris.“

„Das habe ich doch gern gemacht!“

Die Tür schloss sich hinter Jona, der seufzend seine Aktentasche auf den Boden fallen ließ. Er konnte es sich einfach nicht abgewöhnen, aber mittlerweile war ihm dieses „Danke“ zu einer lieben Angewohnheit geworden. Warum auch nicht? Schließlich war Floris immer da und erfüllte jeden seiner Wünsche, oft unaufgefordert und immer ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Und nicht zuletzt verdankte Jona ihm die großzügige Altstadtvilla in Hamburg Eppendorf, in der Floris ihn gerade empfangen hatte.

Schwungvoll ließ sich Jona in seinen anthrazitfarbenen Designersessel fallen und rieb sich die müden Augen. „Dein Chefsessel“, wie Milla so oft schmunzelnd bemerkt hatte. Bevor Floris nach und nach in den Mittelpunkt seines Lebens rückte, war es Milla gewesen, die ihn jeden Abend empfangen hatte. Am Anfang, in ihrer kleinen, liebevoll vollgestopften Wohnung am Rande Hamburgs, wo man gerade noch so behaupten konnte, Hamburger zu sein. Am Anfang, bevor Floris in sein Leben getreten war und es komplett auf den Kopf gestellt hatte… Jetzt ermahnte ihn nach einem zermürbenden Tag wie diesem niemand mehr liebevoll, dass er zu viel arbeiten würde. Auch Floris nicht, dem sich Jona nun erneut zuwandte.

„Eine Tasse Kaffee. Schwarz, zwei Stück Zucker.“

Auch diese Angewohnheit wurde Jona nicht einfach los – Warum erklärte er Floris immer wieder aufs Neue, wie er seinen Kaffee wollte? Floris war mehr als zuverlässig. Er hatte sich schon seit dem ersten Mal gemerkt, wie er seinen Kaffee trank. Und er hatte sich seither kein einziges Mal geirrt. Die Kaffeemaschine brummte leise und der Duft nach frisch gemahlenen Espressobohnen erfüllte wabernd den Raum, als Jona sein Spiegelbild im Fenster erblickte. Er fuhr sich durch das kastanienbraune, wellige Haar, das mit dem passenden Dreitagebart einen verwegenen Kontrast zu seinem ansonsten so geschäftsmäßigen Aufzug bildete. Das Chaos seines alten Ichs brach sich eben doch noch Bahn, da, wo es nicht weiter störte, oder ihn, wie im Falle seiner Haare, sogar noch attraktiver machte. Mit einem zufriedenen Lächeln wandte er sich ab.

„Floris, öffne die Fenster im Wohnzimmer.“

Es war viel zu stickig im Raum und die Kopfschmerzen quälten Jona schon seit dem letzten Meeting. Er trat an eines der großen Fenster und blickte auf den großzügigen Garten, der hier, mitten in Hamburg, ein kaum erreichbares Statussymbol war. Gierig sog Jona die stille, kalte Abendluft ein, und nach einigen Minuten begann er sich allmählich zu entspannen.

Der Schmerz traf ihn hart und unvorbereitet. Jona brüllte auf vor Schmerz und vor Schreck. Er riss seine Arme reflexartig nach oben und biss die Zähne zusammen, sodass sein Schrei in leises Wimmern überging. Schwer atmend blickte er auf seine rechte Hand, die sich anfühlte wie ein pochender, heißer Fremdkörper. „Zrrrrrrrrrt.“ Das elektrische Fenster surrte und schwang so gemächlich wieder auf, als hätte es nicht soeben Jonas Hand zertrümmert. „So fühlt es sich zumindest an“, dachte Jona, noch immer keuchend vor Schmerz. Zumindest war sie stark gequetscht worden, als das Fenster mit hoher Geschwindigkeit plötzlich und erbarmungslos zugeschlagen war. Jetzt schloss es sich erneut, langsam, harmlos, und rastete mit einem boshaft leisen „Klick“ ein.

Als der Schmerz langsam nachließ und sich sein Atem wieder beruhigte, fixierte er das Fenster und sagte bestimmt: „Floris, öffne das vordere Wohnzimmerfenster.“ Keine Reaktion. Jona wiederholte seine Worte, lauter und in einem Befehlston, der keine Widerrede duldete. Seine Irritation wuchs, denn Floris reagierte einfach nicht. Woher kam diese plötzliche Sturheit? Sarkastisch versetzte er: „Vielleicht bist du ja genauso überarbeitet wie ich?“ Während er ins Badezimmer ging und seine Hand unter den kühlen Wasserstrahl hielt, schüttelte er den Kopf über seine eigenen Worte. Er schob es auf seinen Zehn Stunden-Tag, dass er gerade ernsthaft mit der künstlichen Intelligenz Smalltalk machte, außer der niemand sonst im Haus war.

Floris – ihr neues Familienmitglied – liest Ihnen jeden Wunsch von den Augen ab!

Mit diesen Worten hatte er Floris auf der IFA in Berlin vor sieben Jahren vorgestellt. Tatsächlich war das aber das Einzige, was Floris nicht konnte. Man musste ihm schon sagen, was man wollte – wie sonst sollte die audio-gesteuerte künstliche Intelligenz die Informationen aufnehmen und zur Verarbeitung an den zentralen Server schicken, der ihm den passenden Befehl zurückschickte? Die Bedienung war einfach und intuitiv, das System konnte so ziemlich alles, was über eine elektronische Schnittstelle verfügte, steuern, und passte sich Stück für Stück den Vorlieben und Gewohnheiten seiner Benutzer an – bis es nahezu selbstständig handeln konnte.

Jona war damals nicht der beste Werbetexter gewesen, aber die einzigartige, neue Technologie gepaart mit seinem überzeugendem Auftreten, hatten den damals 27 Jahre alten Studenten und sein One-man-Start-up schnell an die Spitze gebracht. Neues Familienmitglied – das hatte Jona wohl etwas zu wörtlich genommen. Mit dem Gedanken an den Werbeslogan, der nur haarscharf an dem vorbeischrammte, was Milla damals „rührseligen Kitsch“ genannt hatte, sank Jona erschöpft ins Bett.

Rums.

Benommen hob Jona den Kopf und tastete schlaftrunken nach seinem iPhone. Doch bevor er einen Blick auf das Display werfen konnte, war er schon wieder eingeschlafen.

Rums, rums.

Jona schreckte erneut aus dem Schlaf, diesmal energischer. Er rieb sich die immer noch schmerzende Stirn und stöhnte unvermittelt auf. Auch seine rechte Hand schmerzte noch. Er betastete sie und fühlte eine deutliche Schwellung. „Bestimmt schon dunkelblau“, dachte Jona. Offenbar hatte die ungewollte Begegnung mit dem Fenster einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

„Floris, wie viel Uhr ist es?“, fragte er in die Dunkelheit.

„Es ist fünf Uhr vierundzwanzig“, antwortete Floris mit seiner angenehmen, dunklen Stimme.

„Floris, schalte das Licht im Schlafzimmer ein.“

Die aufflammenden Deckenstrahler blendeten Jona, aber wenigstens schien Floris wieder problemlos zu funktionieren.

Rums.

Wieder zuckte Jona zusammen. Er war jetzt wach, hellwach. Er konnte die gedämpften Geräusche, die ihn geweckt hatten, nicht zuordnen, aber sie schienen aus dem Erdgeschoss zu kommen. Nur mit T-Shirt und Boxershorts bekleidet, schlüpfte er in seine Slipper und bewegte sich in Richtung Wohnzimmer. Und tatsächlich – die Geräusche wurden lauter.

Jona fröstelte. Ob vor der plötzlichen Kälte, die ihm im Flur entgegenschlug, oder vor Unbehagen, konnte er nicht sagen. Woher kam nur dieses seltsame Geräusch? Außer ihm war doch niemand im Haus!

Rums, rums.

Jona stieß die Tür zum Wohnzimmer auf. Mit einem Blick versuchte er, das Bild zu erfassen, das sich ihm bot. Blasses Mondlicht ergoss sich auf den Teppich und die Designermöbel, die schwere, unförmige Schatten an die Wände warfen. Ein kalter Luftzug streifte sein Gesicht, und sein Blick fiel auf das Fenster, an dem er nur einige Stunden zuvor gestanden hatte – und das sich nach seiner unerklärlichen Attacke nicht wieder hatte öffnen lassen. Paradoxerweise war es jetzt unverschlossen, der Nachtwind ließ es im Sekundentakt auf- und zuschlagen. „Floris, schließ das offene Fenster im Wohnzimmer“, sagte Jona mit klarer Stimme. Das darauffolgende Rums schien ihn zu verhöhnen. Ruckartig setzte er sich in Bewegung, ging mit raschen Schritten zum Fenster und drückte es energisch zu. Stirnrunzelnd verharrte er eine Weile regungslos. Warum reagierte Floris schon wieder nicht? Er würde sich morgen darum kümmern müssen. Jona seufzte. Viel Schlaf blieb ihm ohnehin nicht mehr. Er war schon fast wieder im Flur, als ein Geräusch seine Gedanken durchbrach wie ein Peitschenhieb.

Rums.

Wie in Trance drehte Jona sich um. Das Fenster schlug auf und zu, als hätte er es nie berührt. Er ließ seinen Blick langsam durch den Raum wandern, seine Haut kribbelte. Er fühlte sich beobachtet, ohne dass er die Quelle für dieses Gefühl ausmachen konnte. Aber irgendetwas stimmte hier nicht, soviel war klar. Als sein Blick auf den Couchtisch fiel, erstarrte er. Das Kribbeln wich einer Gänsehaut. Jona konnte den kleinen, unscheinbaren Gegenstand im sterilen, kalten Licht des Mondes nicht erkennen, aber er war am Abend noch nicht dort gewesen, soviel war sicher. Jona schluckte und öffnete den Mund, brachte aber nur ein trockenes Flüstern zustande: „Floris, schalte alle Lichter im Wohnzimmer ein.“ Nichts geschah. Die Dunkelheit und Kälte der Nacht, die Jona jetzt überdeutlich erschienen, bohrten sich in sein Inneres. Sein Herz raste. Mit schwitzigen Händen tastete er an der Wand entlang, aber er fand den Lichtschalter nicht. Wie auch, wo er das verdammte Ding doch bisher nie hatte benutzen müssen? Mit zittriger Stimme wiederholte er diesmal lauter: „Floris, schalte die Lichter im Wohnzimmer ein!“

Diesmal reagierte Floris, aber nicht, wie Jona es ihm befohlen hatte. Das schwache Licht einer einzelnen Stehlampe flackerte auf, nicht einmal stark genug, das Wohnzimmer zu erhellen. Im Radius des schwachen Scheins befand sich nur der Couchtisch. Jona trat näher, am Rande seines Bewusstseins noch immer das unerbittliche Auf- und Zuschlagen des Fensters. Vor dem Tisch blieb Jona stehen. Wie gelähmt blickte er auf das Smartphone, das auf dem Couchtisch lag, und das er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte.

Einige Sekunden lang bewegte er sich nicht. Sein Gehirn versuchte erfolglos, den Anblick des Smartphones zu verarbeiten, es einzuordnen, als Floris‘ Stimme ihn aus einer Lähmung riss: „Jona. Endlich lernst du mich kennen.“ Jona stockte der Atem. Nur seine schmerzende Hand erinnerte ihn daran, dass er sich nicht in einem seltsamen, surrealen Traum befand. Schade eigentlich.

„Kennenlernen?“, begann er langsam und fragte sich, ob ihn Stress und Überarbeitung jetzt komplett hatten überschnappen lassen. „Du bist Floris, ein… Computersystem. Das ich erfunden habe.“ Floris lachte leise und Jona schauderte. Er hatte die KI noch nie lachen hören. Was geschah hier?

„Entschuldige, natürlich kennst du mich schon. Ich hätte sagen müssen, schön, dass wir uns endlich besser kennenlernen. Und jetzt nimm das Smartphone.“

Plötzlich schien sich die Welt wieder zu drehen, die in Jonas Kopf kurz angehalten hatte und ziellos irgendwo zwischen Realität und Irrsinn gependelt hatte. Er zwang sich, nachzudenken: Das Smartphone… Was hier passierte, hatte mit dem Smartphone zu tun. Das ein Mensch hierher gebracht haben musste – das schaffte auch keine noch so lernfähige KI. Was, wenn derjenige sogar im Haus war? Jonas Instinkte schienen wieder zu funktionieren und sein Körper reagierte sofort. Er griff zu seinem eigenen Telefon und wählte 110. „Bitte warten Sie – einer unserer Mitarbeiter wird sich gleich um Sie kümmern.“ Zu Jonas Entsetzen ertönte fröhliche Wartemusik, die die Situation noch grotesker erschienen ließ, als sie ohnehin schon war. Verzweifelt starrte Jona auf das Display des Telefons. Die Nummer stimmte. Das Ziel anscheinend nicht. Panik griff nach Jona. Er schnappte sich seine Autoschlüssel und lief zur Haustür. Raus, nur raus, wenn es sein musste, auch ohne Klamotten. Instinktiv drückte er die Klinke, denn um nichts in der Welt würde er sein Wort noch einmal an Floris richten und –

Die Tür bewegte sich keinen Zentimeter. Regungslos stand Jona im Flur, seine Gedanken überschlugen sich. Der Gedanke traf ihn blitzartig, sofort er rannte er zurück ins Wohnzimmer – doch auch das angeblich defekte Fenster war fest verschlossen. Er hatte seine einzige Chance verpasst. Floris hatte Jona in seinem eigenen Haus eingesperrt. Manuell konnte man Fenster und Türen nur öffnen, wenn Floris abgeschaltet war. Erst Sekunden später dämmerte Jona, dass er die Lösung des Problems damit gefunden hatte: Er musste Floris abschalten! Jäh keimte Hoffnung in ihm auf. Er sprintete zum Arbeitszimmer, riss die Tür auf und blieb atemlos vor dem unscheinbaren weißen Kästchen stehen, auf dem das Logo seiner Firma prangte. Hektisch tastete er nach dem Kabel, das zur Steckdose führte, und riss es aus der Wand. Es war so einfach, dass Jona laut auflachte. So komplex das System war, das hinter der KI steckte, so simpel war die Tatsache, dass am Ende nur die Stromzufuhr sie zum Leben erwecken konnte. Seine Erleichterung war übermächtig, als die Lichter des kleinen Apparats erloschen. Geschwächt von der Aufregung, aber euphorisch, ging er zurück ins Wohnzimmer. Jetzt konnte er das verdammte Ding eintüten und zur Polizei gehen, die sich um diesen Stalker, real oder nicht, kümmern würden.

„Nimm das Smartphone“, wiederholte Floris in einem ruhigen Tonfall, als wäre Jona ein Kind, dessen Tobsuchtsanfall man geduldig ertrug, bevor man es schließlich durch gutes, aber bestimmtes Zureden zur Vernunft brachte. Wie betäubt ging Jona ins Wohnzimmer zurück und bewegte sich langsam auf das Smartphone zu.

„Ich habe dich abgeschaltet… Was willst du von mir…Floris? Wer bist du? Und…wo?“, fragte er tonlos.

„Berechtigte Fragen. Und damit hast du deine Aufgabe erkannt –  mich zu finden. Dein Weg zu mir führt über das Smartphone. Ich werde dir Hinweise schicken, nennen wir sie…Rätsel. Entschlüsselst du sie, findest du heraus, wer ich wirklich bin. Und nur dann werde ich dir sagen, wo ich bin.“

„Warum sollte ich bei diesem kranken Spiel mitspielen?“, fragte Jona jetzt beinahe trotzig, der sich noch immer keinen Reim auf die Forderungen seines unsichtbaren Gegenübers machen konnte.

Floris gluckste amüsiert. „Ein Spiel, das gefällt mir!  Deine, nennen wir sie Mitspieler, werden über den Fernseher zugeschaltet sein. Sie wissen nichts von ihrem Glück… Aber sie werden dich schon motivieren, mitzuspielen. Indem sie leiden. Und wenn du nicht schnell genug bist, ihr Leben verlieren.“ Er fuhr fort, während Jona mit wachsendem Entsetzen zuhörte.

„Das Fenster gestern war nur ein winziger Vorgeschmack, ein kleiner Spaß, den ich mir erlaubt habe… Aber auch du wirst Spaß haben, Jona. Immerhin hast du schon früher gerne mit Menschen gespielt, richtig?“

Jona bäumte sich innerlich auf wie ein verletztes Tier, stemmte sich mit aller Kraft gegen die grausamen Worte, die ihm die Verantwortung für das Leben anderer Menschen aufbürdeten. „Ich werde in nicht einmal zwei Stunden in meiner Firma erwartet“, schleuderte er ihm entgegen. „Wenn ich da nicht auftauche, wird man versuchen, mich zu erreichen.“ Seine Selbstsicherheit kehrte mit jedem Wort mehr zurück. Natürlich, seine Abwesenheit würde nicht unbemerkt bleiben. Dafür war er viel zu wichtig. Das „Spiel“ wäre vorbei, noch bevor es angefangen hätte.

Ein boshaftes Grinsen lag in Floris‘ Worten, als er entgegnete: „Du hast dich doch heute morgen selbst in einer E-Mail entschuldigt. Pete, dein Assistent, wünscht gute Besserung.“ Ungläubig entsperrte Jona sein iPhone und öffnete den Ordner mit den gesendeten Mails. Tatsächlich, Floris hatte nicht geblufft. Das bedeutete außerdem, dass er auch die Kontrolle über seine Mailing-App hatte, wahrscheinlich auch über alle anderen  Kommunikations-Apps. Aller Widerstand in Jona verpuffte. „Warum das alles?“, flüsterte er wie betäubt.

„Das zu erkennen, macht dich zum Sieger des Spiels. Und gleichzeitig zum Verlierer.“

Es waren noch zwölf Minuten bis zur vollen Stunde und damit bis zum ersten Hinweis. Zwölf  Minuten, in denen Jona sämtliche Möglichkeiten geprüft hatte, Verbindung mit der Außenwelt aufzunehmen. Die Erkenntnis war langsam, aber unaufhaltsam in sein Bewusstsein gesickert: Floris hatte über alles die Kontrolle übernommen. Er hatte die Normalität umgedreht: Jetzt war es Floris, der ihm Befehle erteilte, und Jona musste sie ausführen, ferngesteuert und willenlos.

Exakt um sechs Uhr vibrierte das Smartphone. Nervös warf Jona einen Blick darauf. Eine Textnachricht war eingegangen: FR. Fassungslos starrte Jona auf die beiden Buchstaben. Das sollte der erste Hinweis sein? „Jona“, meldete sich Floris zu Wort. „Es wird Zeit, dass du einen Blick auf den Fernseher wirfst. Du willst doch nicht ohne deinen ersten Mitspieler anfangen.“  Wie eine Marionette, deren Fäden ein bisschen zu lang geraten waren, ging Jona ins Wohnzimmer zurück und schaltete den Fernseher ein. Er konnte das Bild nicht sofort erkennen, das sich ihm bot. Er sah Wände, ein paar Bänke, Holz. Ein kleiner Raum, in den er von schräg oben hineinzublicken schien. Eine Gestalt lag da, eingewickelt in ein weißes Tuch, regungslos. War sie…? Nein, sie war nicht tot. Sie bewegte sich jetzt, stand auf. Warf einen Blick auf eine runde Scheibe an der Wand, keine Uhr, aber… ein Thermometer!  Der Raum war eine Sauna! Jetzt erkannte Jona auch den Mann. „Eric!“, rief Jona laut, als könnte dieser ihn hören. „Eric, was…“ Gebannt, aber gleichzeitig auch beschämt wegen seines schamlosen voyeuristischen Eindringens, starrte er seinen Nachbarn an. Sie verband nicht viel, abgesehen vom gelegentlichen freundschaftlichen Kräftemessen, wenn sie von ihren neuesten beruflichen und materiellen Errungenschaften prahlten. Außerdem hatte Jona ihn persönlich bei der Auswahl und Installation seines Floris-Systems beraten und ihm sogar noch einen Rabatt gewährt. Jona beobachtete, wie Eric vor der Saunatür innehielt. Alle Muskeln in Jonas Körper waren angespannt, als könne er jederzeit aufspringen und durch den Bildschirm hindurchgreifen, um zu verhindern, was gleich passieren würde. Ercis Lippen bewegten sich scheinbar tonlos, dann sah er erwartungsvoll zur Tür. Nichts. Als das Schauspiel sich zum zweiten Mal wiederholte, fiel der Groschen. Jona wurde kalt.

„Nein“, flüsterte er. Mit wachsender Panik starrte er auf den Bildschirm, wo Eric mittlerweile mit den Händen versuchte, die Saunatür aufzudrücken. Erfolgslos, natürlich. Er erlebte gerade dasselbe, was Jona vor nicht einmal einer halben Stunde passiert war. Nur, dass Jona sich nicht in einer auf über 80 Grad aufgeheizten Sauna befand. Er sah, wie Eric panisch gegen die Tür hämmerte, und seine eigene Panik wuchs. Wenn Eric da nicht bald rauskam… Floris Stimme unterbrach das quälende Kopfkino mit nur drei Worten: „Der Hinweis, Jona.“

„FR, FR, FR“, flüsterte Jona hektisch. „FR, FR… Finn Rizzoli, ja, Finn Rizzoli, ist er es? Bist du es?“ Jona spukte den Namen seines halbitalienischen Kollegen förmlich aus, der in der Firma für die Updates verantwortlich war und ständig an den technischen Feinheiten Floris‘ feilte. „Leider nein“, antwortete Floris mit falschem Bedauern in der Stimme. „Dabei habe ich dir für den Anfang ein leichtes Rätsel gegeben. Um warm zu werden.“ Er lachte über seinen eigenen kranken Scherz, während Jona verzweifelt weiter nachdachte. Erics Hämmern war mittlerweile schwächer geworden, sein Oberkörper war mit einem deutlich sichtbaren Schweißfilm überzogen, sein Gesicht knallrot angelaufen. Er stand offenbar kurz vor einem Kreislaufkollaps, als er sich auf die hölzerne Bank fallen ließ. Fassungslos sah Jona zu, wie Erics Augenlider flackerten und er in Zeitlupe seitlich wegkippte.

Ein Adrenalinschub gab Jona neue Kraft und er zwang sich, nachzudenken: „Es muss eine Abkürzung sein. Wenn es keine Name ist“, murmelte er, „ist es vielleicht eine Anrede, Frau…? Nein… Könnte es ein Ort sein? Ein Ortsname, oder Autokennzeichen, vielleicht… Freiburg?“ Das letzte Wort rief er in Richtung des Lautsprechers, der gleichzeitig das Mikrophon war, über das man mit Floris kommunizieren konnte. Einer von vielen, die überall im Haus angebracht waren, klein und geschmackvoll. Sekunden vergingen, bis Floris‘ Stimme zu hören war. „Der Notruf ist bereits abgesetzt. Feuerwehr und Notarzt werden die Haustür unverschlossen vorfinden.“ Mit seinen Worten erlosch das Bild des Fernsehers. Erleichterung flutete jeden Zentimeter von Jonas Körper, auch wenn er wusste, dass Eric damit noch nicht über den Berg war. „Warum Freiburg? Ich bin dort geboren, aufgewachsen… Was spielt das für eine Rolle?“

Anstatt einer Antwort vibrierte das Smartphone erneut. Diesmal war es eine Bilddatei. Jona öffnete sie und starrte mit leerem Blick auf die weiße Keramiktasse, die fast das gesamte Display einnahm. Man konnte noch vage den grau-melierten Untergrund erkennen, auf dem sie stand, ansonsten war von der Umgebung nichts zu sehen. Jona stöhnte leise. Was sollte er damit anfangen? Angestrengt starrte er auf das Foto, als der Bildschirm des Fernsehers wieder aufleuchtete. Jona brauchte einige Sekunden, um die Situation auf dem Bild richtig zu deuten. Der Bildschirm war in zwei kleine Quadrate aufgeteilt. Eines davon zeigte ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Er kannte dieses Wohnzimmer! Auf dem roten Stoffsofa, das mit bunten Kissen dekoriert war, saß eine schlanke, dunkelhaarige Frau um die dreißig, und tippte auf ihrem Smartphone herum. Es war Bea, Millas kleine Schwester, eine flippige und immer gut gelaunte Dauerstudentin – außer, wenn sie mal wieder seine und Millas weinende Tochter Mina vom Kindergarten hatte abholen müssen, weil er zu lange gearbeitet und damit zum etwa tausendsten Mal sein väterliches Versprechen gebrochen hatte. Auch das war einer der zahlreichen Tropfen gewesen, die das Fass für Milla in den letzten Jahren langsam, aber sicher gefüllt hatten, bis es überlief. „Du kannst dich einfach auf niemanden ganz einlassen, Jona“, hatte Milla ihm am Ende vorgeworfen, traurig und resigniert, dabei waren sie doch seine ganze Welt gewesen – neben Floris…

Schnell schüttelte Jona den Gedanken ab und lenkte seinen Blick wieder auf die Gegenwart. Das Spiel, das in vollem Gange war. Sein Blick zuckte zum anderen Bildausschnitt. Dort war eine Art Kellerraum zu sehen, der im Halbdunkel lag. Ein Schuhschrank, Regale… Es war der Anblick der Gastherme, der Jona in höchste Alarmbereitschaft versetzte, als er verstand, was das bedeutete. Floris hatte, wie zuvor schon die Sauna, die Gastherme in Beas Wohnung gehackt und zu einer unsichtbaren, tödlichen Waffe umfunktioniert. Jonas Blick fiel auf den kleinen Beistelltisch neben Bea, und sein Magen zog sich schmerzlich zusammen. Dort lag, neben einer Packung Zigaretten, ein Feuerzeug. Wie Jona kannte wohl auch Floris sie gut genug, um zu wissen, dass sie es nicht lange ohne Zigarette aushielt. Und dass sie bevorzugt am offenen Küchenfenster rauchte.

„Ein Café“, riet Jona drauflos. „Die Tasse befindet sich in einem Café… Hier in Hamburg? In Freiburg? Moment… Das Café Auszeit? Arbeitest du dort?“ Jona klammerte sich an seine spontane Idee wie an einen Rettungsring, schließlich hatte Floris ihm auch eine Art Auszeit aufgezwungen, der Gedanke war also nur logisch. Als Floris nicht antwortete, verwarf er den Gedanken wieder. Mit rasendem Herzen sah er, wie Bea das Smartphone weglegte und nach der Zigarettenpackung samt Feuerzeug griff. Sie erhob sich und war nach einigen Schritten aus dem Bildausschnitt verschwunden. „Nein, nein, nein“, rief er laut und packte den Bildschirm mit beiden Händen, als könnte Bea ihn dann hören. Er hatte keine andere Chance, als das verdammte Rätsel zu lösen!

Jona griff nach dem Smartphone, zoomte die Kaffeetasse näher heran, weiß auf schmuddelig wirkendem Grau, vielleicht ein Tablett, ein Tisch, ein bisschen rot – er stoppte plötzlich, als er den Aufdruck sah, und zoomte noch näher heran. Rechts, am Rand der Tasse und kaum zu erkennen, waren drei rote Balken zu sehen, die parallel nach unten verliefen, einen Bogen machten auf dem nicht sichtbaren Teil der Tasse verschwanden – wie die erste Hälfte eines drei-strichigen U‘s. Jonas Gehirn vervollständigte das Bild automatisch zu einer symmetrischen Figur, die ihn sechs Jahre seines Lebens fast täglich begleitet hatte. Mit vor Aufregung zitternder Stimme rief er: „Die Uni Bremen! Das ist das Logo!“ Erschöpft schloss er die Augen, wartete auf Floris‘ Antwort, vielleicht auch auf den Knall, wenn er falsch liegen oder mit seiner Antwort zu lange gebraucht haben sollte. „In letzter Sekunde“, kam es trocken aus dem Lautsprecher. „Ich habe die Gasmelder wieder eingeschaltet und den Gasfluss gedrosselt. Wenn sie schlau ist, wird sie abhauen und die Feuerwehr rufen, sobald die Dinger losgehen.“

Jona verzog das Gesicht, Tränen der Erleichterung schossen ihm in die Augen. „Ich brauche Wasser“, krächzte er. Floris‘ Schweigen deutete er als Zustimmung und wankte mit zitternden Knien in die Küche. Schwer atmend stützte er sich für einen Moment auf die marmorne Arbeitsplatte und ließ seinen Blick über den High Tech-Herd und die chromglänzenden, teuren Geräte schweifen. Alle gekoppelt an Floris, wie alles andere in diesem und so vielen anderen Häusern. Noch nie hatte Jona sich gefragt, was passierte, wenn man nicht mehr selbst, sondern ein anderer die Kontrolle über Floris übernahm. Er hatte es schlichtweg nicht für möglich gehalten. Er goss ein Glas Wasser ein und nahm zwei Aspirin aus einer der Schubladen. Während er die Tabletten herunterspülte, schloss er die Augen und genoss für eine Minute die Stille, das Brummen des Kühlschranks, den Schein der Normalität, den die Ruhe ihm suggerierte. Doch das Geheul weit entfernter Sirenen holte ihn in unerbittlich die Realität zurück, auch wenn sie mit ihm nichts zu tun haben konnten.

Als er ins Wohnzimmer zurückgekehrte, war der nächste Hinweis bereits auf dem Smartphone eingegangen. Er öffnete die Textnachricht, die nur aus einem Satz bestand:

Erfolg und Laster liegen nah beieinander.

Jona fluchte. Er hätte sich in der Küche nicht so viel Zeit lassen sollen. Er zwang sich, auf den Bildschirm des Fernsehers zu blicken. Er musste das Gesicht seiner „Mitspieler“ kennen, das war er ihnen schuldig. Zu seiner Überraschung war der Bildschirm schwarz. Irritiert las Jona die Nachricht erneut. Der Nachricht war ein Link angehängt, den er beim ersten Mal übersehen hatte. Hamburg heute. Floris hatte ihn auf die Homepage eines lokalen Nachrichtensenders weitergeleitet, dessen Newsticker eine etwa fünfzehn Minuten alte Meldung anzeigte: Stromausfall im UKE – technischer Fehler bisher nicht behoben – Auch Notstromaggregate zeitweise außer Kontrolle. Jona wurde übel. Er hatte die Drohung sofort verstanden. Das Universitätsklinikum in Eppendorf war sein erster großer Geschäftskunde gewesen und hatte ihm damit schlagartig Millionen eingebracht. Floris sollte den Alltag und das Leben im Krankenhaus erleichtern, Ärzten, Pflegern und Patienten. Jetzt drohte Floris, einigen davon das Leben zu nehmen. Denen, die am verwundbarsten waren und sich im Krankenhaus Hilfe erhofften. Ein weiterer Schreck durchfuhr Jona, als er sich bewusst wurde, dass er einen dieser Patienten kannte – sein Schwiegervater, oder besser gesagt bald Ex-Schwiegervater – hatte vor einigen Tagen einen Herzinfarkt gehabt und lag noch immer auf der Intensivstation, angeschlossen an eben jene Geräte, die Floris gerade dauerhaft außer Kraft zu setzen drohte. Er hatte sich nie gut mit Gero verstanden, dem er trotz seines Erfolgs nicht gut genug gewesen war, der ihn stets mehr als Konkurrent denn als Familienmitglied gesehen hatte. Aber er hatte sich zurückgehalten, da er wusste, wie sehr Milla an ihrem Vater hing. Selbst als er das letzte zarte, emotionale Band zwischen ihr und Jona durch gezielte Manipulation zu kappen versuchte, um sie endgültig auseinanderdriften zu sehen wie zwei Boote im Sturm.  Milla würde es Jona nie verzeihen, wenn ihrem Vater seinetwegen etwas zustieß.

Erfolg und Laster… Jona verband mit diesem Spruch absolut nichts. War er nicht von Goethe? Da steh‘ ich nun, ich armer Tor… Nein. Jona lachte freudlos auf. Um Goethe ging es bestimmt nicht. Aber um wessen Laster und wessen Erfolg ging es dann? Laster hatte er selbst viele. Er arbeitete zu viel, war zu verbissen, und hatte sich dadurch im Leben so manches verspielt. Doch hatte genau das ihm auch zu seinem größten Erfolg verholfen. Und ihn zu dem gemacht, der er war. Sein größter Erfolg war Floris. Laster und Erfolg, so nah… Erfolg und Laster, Laster… Was, wenn die Botschaft doppeldeutig war? Eine weitere, versteckte Nachricht enthielt? Die Buchstaben begannen vor Jonas Augen zu tanzen, und er schloss die Augen, überließ sich ganz der Logik der Sprache, spielte mit ihr, drehte die Buchstaben herum, ordnete sie neu – Da! Er stoppte die Flut in seinem Kopf und riss die Augen auf. „Alster!“, schrie Jona. „Das Wort ‚Laster‘ ist ein Anagramm, gemeint ist ‚Alster‘! An der Außenalster ist mein Firmenhauptsitz, wo ich dich zu meinem Erfolg -“

„Nicht schlecht“, unterbrach ihn Floris. „Ich habe langsam den Eindruck, dass ich etwas zu lasch mit dir bin.“

Sprachlos starrte Jona zur Decke. Diese verrückte KI hatte ihn überfallen, in seinem eigenen Haus gekidnappt, seine Identität an sich gerissen, die Grenze zwischen Realität und Virtualität aufgehoben, sie drohte damit, unschuldige Leben zu gefährden, wenn Jona nicht bei einem kranken Rätselraten mitmachte – und das nannte sie lasch? Er konnte froh sein, wenn bisher niemand schwer verletzt worden oder sogar gestorben war. Und ein weiterer Gedanke bedrängt Jona, leiser zwar, aber nicht weniger penetrant, wie eine lästige Mücke, die ihn am Ende doch stechen würde. Floris zeichnete sämtliche Nutzeingaben und selbstständige Aktivitäten auf, um sein Handlungsprofil ständig zu verbessern und zu schärfen. Es würde ein leichtes sein, die Vorkommnisse auf das System zurückzuführen, und selbst wenn sie als Unfälle zählten, der Schaden für seine Firma wäre enorm.

„Andererseits…“, versetze Floris, noch bevor Jona ihm die Flüche und Beleidigungen entgegenschleudern konnte, die ihm auf der Zunge brannten. „Andererseits hast du bisher keinen einzigen richtigen Schluss daraus gezogen. Wie schade.“

Jona zwang sich, mit ruhiger Stimme zu antworten: „Freiburg, Bremen, Hamburg, das sind alles Orte, an denen ich gelebt habe…Orte, die mein Leben geprägt haben. Die mit meinem Erfolg zu tun haben. Aber was hat das mit dir zu tun? Wie kann ich dich finden?“ Und abschalten, fügte er in Gedanken hinzu.

„Indem du deine Ich-Bezogenheit endlich hinter dir lässt“, antwortete Floris, und die Kälte in seiner Stimme ließ Jona schaudern. Doch er hatte keine Zeit, sich weiter mit diesem Vorwurf auseinanderzusetzen.

Das Vibrieren des Smartphones verkündete den Beginn der nächsten Runde. Jona wurde wieder flau im Magen. Widerstrebend nahm er das Gerät an sich.

„Wer bin ich?“ Kein neues Rätsel, sondern die Frage, auf die alle bisherigen Hinweise eine Antwort geben sollten. Ohne diese Antwort würde Floris‘ Jona nicht seinen Aufenthaltsort verraten und ihm damit jede Chance nehmen, ihn außer Gefecht zu setzen und dafür zu sorgen, dass er, wer auch immer das war, bestraft wurde. Und dann würde…

Jonas Blick wurde vom erneut lautlos aufleuchtenden Fernsehbildschirm angezogen. Die Kamera zeigte das Innere eines fahrenden Autos. Sie war in den Rückspiegel integriert. Jona blickte auf den hellen Scheitel einer Frau, die konzentriert auf die Straße blickte. Er kannte sie nur flüchtig, sie war eine Freundin Millas, die er nur ein, zweimal getroffen hatte. Und sie war nicht allein. Dahinter, auf dem Rücksitz saß…  „Mina…“, wimmerte Jona, dem der Anblick seiner Tochter augenblicklich ins Herz schnitt. Sie war in ein Bilderbuch versunken und sang leise vor sich hin, ein unschuldiger aschblonder Engel, so klein und doch die Pfeiler seiner ganzen Welt. All die Tränen, die lauten Auseinandersetzungen und die leise Verbitterung, die das Fundament seiner Beziehung zu Milla nach und nach hatte bröckeln lassen, die Termine beim Anwalt, der zermürbende Streit um Geld und Sorgerecht – all das wurde überstrahlt von diesem Anblick reiner, perfekter Unschuld. Und Liebe.

In Jona zerbrach etwas. Das von Floris gesteuerte Fahrassistenz-System war sein letzter Coup gewesen und hatte ihn endgültig an die Spitze  im Kampf um das erfolgreichste „Smart Assistant-System“ katapultiert. Außer Kontrolle geraten verwandelte es sich in eine Waffe. Eine Waffe die Jona selbst erschaffen hatte. Er war es, der dort vor seiner Tochter stand, die Knarre im Anschlag, den Finger am Abzug. Auch wenn eine fremde, dunkle Macht ihn steuerte, würde er selbst es sein, der den Schuss abgab. Grenzenloser Hass auf sich, auf Floris, brach sich Bahn. Mit voller Wucht trat Jona gegen den Flachbildschirm. Das Bild wurde schwarz. Dort, wo er getroffen hatte, erblühte ein Wirbel aus verschiedensten Farben, eine stilisierte Blüte, umgeben von Tod. Wer konnte ihn nur so hassen, dass er ihm das antat? Fieberhaft dachte Jona nach, lief die wichtigen Stationen seines Lebens noch einmal in Gedanken ab. Freiburg, sein Geburtsort, wo er zur Schule gegangen war und Abitur gemacht hatte… Bremen, wo er Wirtschaft und im Nebenfach Informatik studiert hatte und die ersten Konzepte zu Floris entstanden waren… Hamburg, wo er sich mit seiner Firma nach seinem Durchbruch niedergelassen hatte…

…deine Ich-Bezogenheit endlich hinter dir lässt.

Floris Worte hallten in Jonas Kopf nach. Sie hinterließen einen faden Geschmack im Hintergrund seines Bewusstseins, den er nicht zuordnen konnte. Der Satz war ein weiterer Hinweis, eine Spur, doch er konnte ihr nicht folgen. „Ich-Bezogenheit…“, flüsterte Jona.

Die Erkenntnis durchzuckte ihn wie ein Stromschlag. Es ging nicht um ihn! Es ging nicht um seinen Lebensweg, seinen Erfolg – zumindest nicht nur. An all diesen Orten war noch jemand anderes gewesen. Hatte mit ihm die Schule besucht, mit ihm Abitur gemacht, war ihm auf die Uni gefolgt, ein stiller Bewunderer – und Freund. „Leon“, flüsterte Jona ungläubig. Hochintelligent und in vielen Bereichen begabt, stand Leon doch immer im Schatten seines Kumpels Jona, mit dessen Selbstbewusstsein und Charisma er es niemals aufnehmen konnte.

Leon, ein genialer Freak und der beste Informatikstudent, den die Uni je gesehen hatte, hatte die Grundidee zu Floris gehabt und den Großteil der Technik ausgearbeitet, während Jona vor allem für das Kreative, „die Feinheiten und die Außenwirkung“, wie er es genannt hatte, zuständig gewesen war. Er hatte Floris nicht nur seinen Namen gegeben, der sich aus dem Namen „Florens“, was „der Mächtige“ bedeutete (das stieß Jona jetzt mehr als ironisch auf), und der Abkürzung „is“ für „intelligent system“ zusammensetzte. Er hatte Floris auch ein Gesicht gegeben, dem die Investoren und später auch Kunden vertrauen konnten – sein eigenes Gesicht. Und als die Freundschaft zwischen Jona und Leon langsam Risse bekam und ihre Vorstellungen von der Zukunft des Projekts zunehmend auseinandergingen, war Jona nicht bereit gewesen, aufzugeben.

Die Antwort auf sein Flüstern ließ Jona schaudern. Ein einzelnes Klatschen ertönte, dann Pause, nochmal Klatschen – ein Staccato spöttischen Applauses, jedes Klatschen eine schallende Ohrfeige.

„Es hat schon immer lang gebraucht, bis du den Blick auf andere als auf dich selbst gerichtet hast. Und das auch nur, wenn man von Nutzen für dich war. So wie ich, der Floris zum Leben erweckt hat.“

„Ich bin dir nichts schuldig“, begehrte Jona auf. „Du warst es, der die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht ertragen konnte. Der fand, dass das Projekt zu unausgereift war. Der lieber weiter in seinem kleinen Studentenzimmer sitzen und programmieren wollte, als es endlich an den Mann zu bringen. Du warst genial auf deinem Gebiet, Leon, aber du warst nie ein Visionär wie ich!“ Sein plötzlicher Gefühlsausbruch ließ Jona schwer atmen. Er zitterte vor Empörung und Entsetzen.

Leons Stimme war kalt, als er antwortete: „Das gab dir nicht das Recht, die Idee und sämtliche Pläne des Projekts hinter meinem Rücken zu verkaufen. Verträge mit Investoren zu unterschreiben. Interviews zu geben. Ruhm und Geld zu verdienen. Denn bei alldem hat ein Name gefehlt, Jona – meiner! Du hast dich an meiner Arbeit bereichert, mich verdrängt, dich schamlos an meine Stelle gesetzt. Und keiner hat je durchschaut, dass du nicht der bist, für den du dich ausgibst!“

Jona öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber sein Kopf war leer. Er wusste nicht, was er noch sagen konnte. Die Vergangenheit hatte sich drohend über ihm aufgebaut, wie die dunklen Wolken eines nahenden Gewitters, bereit, seine Zukunft unter donnerndem Getöse ins Chaos zu stürzen. Das Farbenspiel auf dem Flachbildschirm des Fernsehers holte ihn in die Gegenwart zurück. Bunt auf schwarz, eine wunderschöne Todesblume.

„Was ist mit Mina?“, schrie er. „Ist ihr etwas passiert? Sag mir endlich, wo ich dich finde, und lass mich hier raus!“

„Ich sage dir, wo du mich finden kannst. Das war schließlich die Abmachung. Aber ich lasse dich erst heraus, wenn du mich gefunden hast.“

„Wie soll das…“, setzte Jona an, doch das Vibrieren des Smartphones unterbrach ihn. Jeder Muskel in Jonas Körper war verhärtet vor Anspannung, als er die Nachricht öffnete.

53.592570, 9.993265

Jona schloss die Augen. Es war noch nicht vorbei. Und jede Minute war eine Minute, die Mina das Leben kosten konnte. Er zwang sich, ruhig zu bleiben, und tat das Erste, was ihm einfiel: Er tippte die Nummern nacheinander in das Gerät ein und drückte auf „anrufen“. Diese Nummer ist uns leider nicht bekannt. Jona fluchte, aber er war nicht überrascht. Keine Telefonnummer hatte ein solches Format. Auch Daten, Jahreszahlen oder Ähnliches ließen sich nicht erkennen. Die Zahlen wirkten vollkommen wahllos aneinandergereiht. Standen die Zahlen für Buchstaben im Alphabet? Schon nach der Übertragung der ersten fünf Ziffern verwarf er auch diesen Gedanken wieder. Vielleicht verbarg sich ein Code hinter den Zahlen, den er erst errechnen musste, ähnlich wie bei dem Sinnspruch… Jona kam es vor, als wären Stunden vergangen, seit er das Anagramm entschlüsselt hatte. Er beschloss kurzerhand, mithilfe der Taschenrechner-App mit den Zahlen herumzuspielen. Mit fliegenden Fingern öffnete er das Menü des Smartphones, scrollte durch die vorinstallierten Apps und hielt unvermittelt inne. Eine App hatte seine Aufmerksamkeit geweckt, die eindeutig nicht zu den Standard-Apps gehörte. Das Logo bestand aus einem kreisförmigen Symbol, ein Fadenkreuz? Im Hintergrund war eine stilisierte Karte zu sehen. Das Symbol schien einen bestimmten Ort darauf einzukreisen… Adrenalin schoss durch Jonas Körper, als er die App öffnete und sein Verdacht bestätigt wurde: Es war eine Ortungs-App, mit deren Hilfe man die GPS-Koordinaten eines Ortes ermitteln konnte – oder umgekehrt, einen Ort mit bereits bekannten GPS-Koordinaten, also Längen- und Breitengrad. Die zwei Zahlenkombinationen!

Mit zitternden Fingern gab er die Koordinaten in die Felder ein und tippe auf „Suchen“. Der Kartenausschnitt, der anfangs noch die ganze Welt gezeigt hatte, wurde immer weiter eingegrenzt und kam schließlich bei einem Punkt zum Stehen. Ungeduldig wischte Jona auf dem Display hin und her, um sich zu orientieren. Ihm stockte der Atem. Der Kreis war genau auf seinem Haus zum Stehen gekommen. Hatte sich Leon doch mithilfe seines Floris-Geräts die Kontrolle über sein Haus verschafft? Ratlos zoomte er noch näher heran, um zu testen, wie exakt die App den eingegebenen Standort anzeigte. Der Zielkreis befand sich nun genau am rechten Rand des Gebäudes. Jona schloss die Augen und stellte sich den Grundriss seines Bungalows vor, und es dauerte nur Sekunden, bis er sie schockiert wieder aufriss. Der Kreis schwebte über dem Raum, in dem er sich gerade eben befand! Floris, nein Leon, war hier…

Langsam drehte Jona sich um seine eigenen Achse, ließ seinen Blick von links nach rechts gleiten, von oben nach unten. Als er nichts Besonderes entdecken konnte, begann er, hinter und unter die Möbelstücke zu blicken, jeden Winkel abzutasten, mit fahrigen Bewegungen, zweimal, dreimal, um nichts zu übersehen. Nichts. Im gesamten Raum hatte sich seit seiner Heimkehr gestern Abend rein gar nichts verändert – außer dem Smartphone, das plötzlich auf dem Couchtisch gelegen hatte. „Das Smartphone“, dachte Jona, und in seinem Kopf schrie es.

Er stand am Rande eines Abgrunds und fiel, fiel, fiel immer tiefer in den Wahnsinn hinein, der sich vor ihm auftat. Warum hatte Leon nicht einfach über sein iPhone mit ihm kommuniziert, das er schließlich auch gehackt hatte, sondern ihm das Smartphone überhaupt untergejubelt? War das Risiko eingegangen, dabei erwischt zu werden, wenn er die Fäden doch so geschickt aus der Ferne zog?

„Weil sich der Programmkern die ganze Zeit über in diesem Smartphone befunden hatte“, zischte er und blickte einen Moment lang ungläubig auf das so harmlos wirkende Gerät. Mit aller Kraft schleuderte er es auf den Boden, das Display zerbrach. Nicht genug. Er lief in die Küche, holte die schwere, gusseiserne Pfanne, und ließ sie mit voller Wucht auf das Smartphone krachen. „DU – SCHEIß – TEIL!“, brüllte er und unterstrich jede Silbe mit einem weiteren Schlag. Ein Gefühl grenzenloser Erleichterung übermannte ihn ihn, als er seiner Verzweiflung, die sich angesichts der erdrückenden Verantwortung in ihm aufgestaut hatte, und seiner Wut auf Leon und nicht zuletzt auf sich selbst, freien Lauf ließ. Als er die Pfanne Augenblicke später keuchend sinken ließ, war das Display vollständig zerborsten, jedes Licht erloschen, tot. Sekundenlang wartete er, die Nerven zum Zerreißen gespannt in der Erwartung, jeden Moment Leons hämisches Lachen zu hören. Doch es blieb still. Mit weichen Knien ging er zum Fenster, drückte den Griff nach oben, hielt inne – wollte den Moment der Hoffnung auskosten, solange er noch so greifbar nah war – und zog mit ruckartiger Entschlossenheit daran.

Als das Fenster aufschwang und eine kühle Brise Jona entgegenwehte, lachte er mit tränenerstickter auf. Es war vorbei. Erschöpft und schwer atmend griff er nach seinem iPhone. Die Angst hatte ihn noch nicht ganz aus ihren kalten Klauen entlassen. Er musste herausfinden, ob es Mina gut ging, seiner Schwägerin, seinem Schwiegervater, Eric… Nie wieder würde er die Existenz der Menschen, die ihm nahe standen, als selbstverständlich hinnehmen, die Arbeit über alles stellen, über Familie, über Liebe, über – ja, auch über Freundschaft. Leon, der einst sein Freund gewesen war… Er würde für seine kranken, verstörenden Taten büßen müssen, aber so grotesk es Jona vorkam, das auch nur zu denken – all das hatte etwas in ihm zum Klingen gebracht, das nun leise und unaufhaltsam seine Kreise zog, in seinem tiefsten Inneren etwas veränderte. Jona würde –

Als er den Bildschirm entsperrte, stockte er. Noch immer war der „Gesendet“-Ordner seiner Mailing-App geöffnet. Es war seit der falschen Nachricht an Pete noch eine weitere Mail hinzugekommen, die in seinem Namen verschickt worden war. Sie war an Milla adressiert und Leon hatte sie erst vor etwa zehn Minuten abgeschickt. Mit klopfendem Herzen öffnete Jona sie, und das Blut gefror ihm in den Adern, als er die Nachricht las, kurz und grausam, und erkannte, was sie bedeutete. Leon hatte Recht behalten. Jona war der Gewinner, aber gleichzeitig auch der Verlierer des Spiels. Jona hatte das Spiel als Opfer gestartet und es als Täter beendet.

Hallo, Milla-Schatz. Jetzt weißt du, wie es sich anfühlt, wenn das ganze Leben aus der Spur gerät. Du musst mir nicht danken – Das habe ich doch gern gemacht.

7 thoughts on “Floris

  1. Eine hervorragende Geschichte, die mehr als einmal Gänsehaut verursacht.
    Du erzählst packend und ich mag deine Wortwahl sehr (die teilweise fast lyrische Erzählweise, die aber trotzdem flüssig und kompakt ist). Nur bei dem Wort Knarre musste ich kurz zucken, denn es schien so gar nicht zu passen und hob aber genau dadurch seine Gefühle hervor.

    Ein kleines Aber habe ich, sei bitte nicht böse: da das Schicksal der Tochter nicht aufgeklärt ist, erscheint die Mail an die Mutter nicht ganz so schrecklich. Z.B. ein Unfall der Tochter, mit Krankenhausaufenthalt, in dem dann das Krankenhaus verrückt spielt, hätte vermutlich den Zeitrahmen gesprengt, den du definiert hast (die Sache mit dem Schwiegervater finde ich persönlich klasse).

    Vielen Dank für deine Geschichte.

  2. Krasse Geschichte! Super gut finde ich, dass es sogar eine Erklärung zum Namen des Systems gibt. Die Geschichte hat auf jeden Fall das potential für mehr. Das Thema künstliche Intelligenz im Alexa style, ist sehr spannend und man kann sich schnell damit identifizieren.

    Der Like ist somit mehr als verdient 🙂

    Vielleicht hast du bei Gelegenheit ja Lust und Zeit meine Geschichte zu lesen:
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/rate-wer-ich-bin

  3. ENDLICH! Mal eine ganz andere Art, an die Sache heranzugehen. Ich hatte unendlich viel Spaß an der Geschichte. Auch das Ende, das ganz subjektive Schlüsse zulässt gefällt mir ausgesprochen gut ! Großes Kompliment!

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust auch meine Geschichte zu lesen und vielleicht ja auch zu kommentieren… >>Glasauge

  4. Eine sehr spannende und interessante Geschichte, vielen Dank. Es hat viel Spaß gemacht deine Geschichte zu lesen, sie hat mich sehr gefesselt.

    Schau doch auch mal bei meiner Geschichte rein und lass ein Feedback da. “Fünf Tage“
    LG

  5. Hallo Gaia vielen Dank für diese außerordentlich tolle Geschichte. Du hast die Spannung so super aufgebaut und bis zuletzt gehalten…große Klasse. Dazu dein wirklich bemerkenswerter Schreibstil, selbst jemand wie ich, der wenig Ahnung in Sachen Informatik hat, konnte allem sehr gut folgen, dank deiner ausführlichen Beschreibungen. Absolut Hammer dieser Plot mit dem it System. Mach weiter so, ich glaube da steckt noch ganz viel Potenzial in dir. Mein like ist sicher 👍

  6. Deine Geschichte ist genial. Du verdienst viel mehr Likes, zumal der Schreibstil auch sehr gut ist. Das Thema „künstliche Intelligenz“ hast Du in einen außerordentlich guten Plot verpackt.
    Mein „Like“ bekommst Du.
    LG
    L. Paul (Die Mutprobe)

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