HannaMagdalenaFlucht

Ihre Füße brannten. Die schnellen, schweren Schritte auf den alten Holzbalken erschienen ihr viel zu laut.
Er kann mich hören, dachte sie. Ein Blick über die Schulter, die Statur ihres Verfolges noch immer in viel zu geringer Distanz auf ihren Fersen.
Fuck. Schneller, immer schneller, komm schon, gib Gas.
Adrenalin raste durch ihre Adern, ein lautes Rauschen, das ihren Kopf erfüllte; ein dumpfes Pochen, das ihr die Schläfen zu zerbersten drohte. Der Schweiß, der sich an ihrem Scheitel bildete, war so stark, dass er ihr durch die Brauen in die Augen rann. Sie versuchte, ihn wegzublinzeln, doch die Mischung aus Blutakohol und Panik erschwerte jegliche Körperfunktionen. So sah sie den Stein nicht, gegen den sie stieß. Ein stechender Schmerz, der vom kleinen Zeh durch den ganzen Fuß strömte und sie für einen Moment lähmte.
Scheiße. Einen gebrochenen Zeh konnte sie jetzt gerade wirklich nicht gebrauchen.

Schwindel beraubte sie für einen Moment ihrer Orientierung, bis das Knarren der Balken in ihr Bewusstsein drang. Sie blickte zurück und sah den Hühnen auf sie zu rennen. Ein großer, breiter Schatten, der immer näher kam. Schultern wie ein Schrank und Hände wie Schaufeln. Seine Schritte hallten durch die Nacht und erreichten die behelfsmäßige Brücke über die sie gerade floh; die Holzbrücke des Baches einige Meter unter ihr, die das Dorf mit dem Wald verband.
Vom Schmerz überwältigt kostete es sie einige Sekunden, sich weiter bewegen zu können, doch so schnell sie konnte schleppte sie sich wieder voran. In den Wald.
Hier kann ich mich verstecken, hier finde ich Schutz.
Ein Frevel, würde jetzt der Zuschauer eines Filmes sagen, doch die Option der leergefegten Straßen des Dörfchens boten keine Chance des Untertauchens und ihr Hotel war viel zu weit entfernt. Und das hier war auch kein Film. Es war ihr Schicksal, und dem plante sie keineswegs, sich zu ergeben.
Lautes Knacken begleitete ihren Weg, als sie über Äste, Zweige und vertrocknete Tannenzapfen huschte, so schnell ihr pulsierender Zeh es erlaubte.
Jetzt bloß nicht nochmal hinfallen, das war’s dann, sang sie in ihrem Kopf immer und immer wieder – wie ein Mantra, das sie beschützen könne.
Weiteres Knacken hinter ihr – ihr Verfolger ließ nicht locker.
Ihre Lungen und ihr Zwerchfell schienen vor Schmerzen zu reißen. Hätte sie doch früher nur mehr Wert auf den Ausdauerlauf gelegt. Im schwachen Schein des abnehmenden Mondes konnte sie eine dicke alte Eiche erspähen – sie verlangsamte ihren Schritt, nun darauf bedacht, sich so leise wie möglich fortzubewegen, bis sie die Eiche erreichen konnte. Einen Moment lang erwägte sie, auf den großen verzweigten Baum zu klettern, doch dann säße sie mit ein wenig Unglück in der Falle.
Ihr war, als wäre er so nah, dass sie den Schweiß und das Adrenalin des Mannes bereits riechen könne.  Ihr Instinkt riet ihr, so schnell wie möglich zu rennen, doch sie wollte überlegt handeln.
Mit einem harten Seufzer warf sie sich hinter die Eiche, hätte sich so gern in die Knie sinken lassen um durchzuatmen, doch das Pochen zwischen ihren Ohren erinnerte sie daran, wachsam zu bleiben. Angestrengt zwang sie sich, so tief wie möglich zu atmen, um den Krach ihres Atems zu verringern, damit sie seine Schritte bestmöglich hören konnte.
Nach einer kurzen Verschnaufpause löste sie die Schnallen an ihren Hackensandalen und strich diese ab; lieber barfuß als auf Stöckeln durch den Wald.
Wäre sie nur lieber zuhaus geblieben. Wäre sie nur nicht wieder in diesen verdammten Ort zurück gekehrt. Noch nie ist etwas gutes hier passiert. Aber sie konnte nicht widerstehen. Wie lang war es her? Zwei Monate? Oder drei? Die Neugier und der Kick einer losgelösten Nacht in dem Dorf wo sie niemand kennen sollte, trieben sie hierher. Und nun zahlte sie den Preis dafür. Und dieser war wahrscheinlich der Preis ihres Lebens.
Knack. Ein Fluchen. Ihr Verfolger war ganz in ihrer Nähe und schien die Witterung aufgenommen zu haben; ist dabei, so schien es, auf einen dicken Zweig getreten.
Sie presste ihren Rücken an die Eiche, bewegte sich um den Baum als wäre die Rinde ihre zweite Haut, immer weg von seinen Geräuschen. Plötzlich herrschte Stille. Nur der Schrei eines Uhus und Windrauschen in den Blättern erfüllte die Nacht.
Obwohl ihre Lungen noch immer brannten, hielt sie den Atem an. Sie wagte es kaum, sich zur Seite zu beugen und über ihre Schulter zu sehen, um auszumachen, wo ihr Verfolger sich gerade befand.
Als sie endlich den Mut aufbrachte, sich vorsichtig umzusehen, konnte sie im Dunkeln seine Form ausmachen. Seine große Nase und das dominante Kinn würde sie nicht mehr vergessen. Auch er stand da und horchte in die Nacht hinein, nur wenige Schritte von ihr entfernt. Mittels Rennen würde sie ihm mit ihrem kaputten Zeh auf diesem Abstand nicht entkommen können. Nach einer Weile der unerträglichen Stille setzte er sich wieder in Bewegung, langsam, leise, aber genug trockenes Geäst zertretend, dass sie ihre beinahe zerberstenden Lungen endlich entlasten und ausatmen konnte.
Ihre Gedanken rasten. Wie konnte sie so dumm sein, so leichtsinnig. Als sie in der Kneipe das verwackelte Foto von sich auf dem Handys des Fremden an der Bar neben ihr erblickte, ein Handy, das ihr durchaus vertraut vorkam, hätte sie vorgeben sollen, auf die Toilette zu gehen und dann verschwinden sollen. Auf jenem Foto trug sie noch weitaus helleres, längeres Haar, so wie vor einigen Monaten. Und als die betrunkene alte Frau ihr mit warnend erhobenem Zeigefinger erzählte, ein Mörder würde gesucht, hätte sie sich diese Warnung zu Herzen nehmen und gehen sollen, gehen und nie wieder zurück kehren. Aber nein, ihr Ego verlangte nach Nervenkitzel, nach Adrenalin, nach dem Kick… Und als er sie ansprach mit den Worten „Sie kommen mir bekannt vor“, da hätte sie einfach freundlich Konversation betreiben, Dummchen spielen und in der Masse aus betrunkenen Dörflern untertauchen sollen. Stattdessen ist sie in Panik geflüchtet, und er ihr hinterher. Sie wollte sich ohrfeigen für all das. Für ihr dummes Verhalten. Jetzt war es zu spät. Jetzt stand sie hier, mit dem Herz in der Hose, mitten im Wald und es gab kein Entkommen. Und ihr Leben spielte sich vor dem inneren Auge ab. Ein Druck breitete sich von ihren Stirnnebenhöhlen durch die Augen bis in die Kehle aus. Sie stand kurz davor, in ein lautes, verzweifeltes Heulen auszubrechen.
Komm schon, sagte sie sich, komm schon, das hier kann nicht das Ende sein.
Sie schüttelte das Verlangen, zu weinen ab und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. In dem Moment knackte es erneut. Ganz nah.
Wir brauchen einen Plan, sagte sie sich, und spähte um sich. Nicht weit von hier weiter Richtung Norden kam man auf die Straße ins nächste Dorf. Aber auf offener Straße wäre sie ihm noch mehr ausgeliefert als jetzt. Er schien fitter zu sein als sie, und er hatte den Vorteil zwei gesunder Füße. Richtung Osten gab es nur Wald. Richtung Süden zurück ins Dorf. Aber ob das ein sicherer Weg war, blieb fraglich. Wahrscheinlich kannte sie diesen Ort besser als sie. Vor ihren von Schweiß, Tränen und Dunkelheit gereizten Augen trat immer mehr der Bach in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Wenn ihr in den nächsten Augenblicken die unbemerkte Flucht bis zum Bach hinunter gelänge, könnte sie sich vielleicht zwischen den Pfeilern der Waldbachbrücke verstecken. Zudem würde ihr das Wasser mit seiner leichten Strömung die Flucht erleichtern. Jetzt müsste nur noch den richtigen Moment abpassen.
Sie wartete, bis sie hören konnte, dass ihr Verfolger sich wieder etwas von ihr weg bewegte, und schlich Schritt für Schritt auf nackten Sohlen gen Abhang. Wenn sie es nur leise genug durchs Unterholz schaffen würde.
Beinahe hätte sie es geschafft, beinahe wäre es ihr gelungen, bis der lange Zweig eines Busches an ihrem Körper zurück glitt und sie ihn nicht schnell genug zu fassen bekam. Ein peitschendes Geräusch enttarnte sie. Panisch blickte sie sich um und schaute direkt in eine erleuchtende Taschenlampe.
„HEY!“
Sie rannte. Sie krackselte durchs Gebüsch, die Zweige und Dornen zerrissen ihre Arme, ihre Kleidung, ihr Gesicht. Immer noch geblendet von den LED-Lichtern seiner Taschenlampe strauchelte sie umher und versuchte, an den schwarzen Punkten auf ihrer Netzhaut vorbei zu schauen, um einen passablen Weg nach unten zu finden. Hinter ihr rummste und raschelte es. Sie konnte beinahe seinen Atem in ihrem Nacken spüren. Ihre Füße erreichten gerade die ersten feuchten Steine am Rande des Baches, als ein großer schwerer Körper auf ihr landete und sie zu Boden rang, ihr die Luft abdrückte und ihre Handgelenke gegen die harte Oberfläche eines vom Wasser umspülten Steines presste. Sein Atem war heiß und feucht und sein Schweiß drang stechend in ihre Nase. Mit aller Kraft versuchte sie sich zu befreien. Strampeln, rudern, ihren Oberkörper wiegen – nichts schien zu helfen – und als sie das metallische Klicken hörte und die plüschüberzogenen Ringe der Sexspielzeug-Handschellen um ihre Gelenke spürte, wusste sie, dass ihr Leben, so wie sie es bisher lebte, mit sofortiger Wirkung beendet war. Der Mann begann, zu schluchzen.
„Du hast meinen Bruder getötet!“ Sie spürte, wie er durch seine weinerliche Aussprache Speicheltropfen voll Wut, Trauer und Verzweiflung in ihren Nacken spieh.
„Julian Maurer, erinnerst du dich? Er war alles für mich!“ Er schluckte schwer.
„Er hat geahnt, dass er dir nicht vertrauen kann. Ich werde dich sofort zur Polizei bringen, du wertloses Stück Scheiße.“

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