Da.Am.86Fünf Tage

7+

Sie schloss die Augen und rieb müde über ihre Stirn. Aline hatte einen Arbeitstag von 10 Stunden hinter sich. Sie liebte ihren Job als Friseurin in ihrem eigenen kleinen Friseursalon. Allerdings bedeutete dies auch viel Stress und eine große körperliche Belastung. Häufig ging sie nach der Arbeit noch eine Runde joggen, dabei konnte sie gut entspannen. Sie mochte die Route durch den Wald und vorbei an der Ruine einer ehemaligen Heilanstalt.                                  Nachdem sie ein Glas Wein geleert hatte, ging sie zu Bett. Sie schlief ruhig in dieser Nacht. Anders als in den meisten Nächten.

Tag 1

„Guten Morgen, Frau Ebermann.“, begrüßte Aline ihre erste Kundin an diesem sonnigen Morgen. Sie freute sich auf den heutigen Tag. Ein bekannter Buchautor für Psychothriller hatte sich für heute angekündigt. Am Abend sollte dann noch das monatliche Treffen mit ihren Freundinnen stattfinden. Sie wusste schon jetzt, dass sie sich viel zu erzählen hatten. Der Tag verging wie im Flug. Nach der Arbeit eilte Aline nach Hause, um zu duschen, sie stylte ihre schulterlangen braunen Haare, schminkte sich dezent und übertrieb es etwas mit dem Parfum. Auch wenn es am Abend noch sehr warm war, entschied sie sich für ein langärmliges Oberteil. Sie zog am liebsten Langarmshirts an, so konnte sie ihre Arme und somit ihre schlimme Vergangenheit verdecken. Sie nahm ihre Handtasche und verließ die Wohnung. Fast wäre sie über den am Boden liegenden Gegenstand gestolpert. Direkt vor ihrer Wohnungstür lag ein silbernes Handy. Aline schaute sich um, weit und breit war niemand zu sehen. Sie legte das Handy vorerst in ihrer Wohnung ab.                                                          Als Aline das kleine italienische Restaurant betrat, saßen ihre drei Freundinnen, Anja, Andrea und Sandra bereits am Tisch. Sie lachten laut und unterhielten sich angeregt. „Hallo Mädels, ihr glaubt ja nicht, wer heute bei mir im Salon war!“, begrüßte sie ihre Freundinnen mit einer Umarmung. „Wer denn?“, fragte Anja und alle drei Frauen lauschten gespannt Alines Erzählungen. Nach einem leckeren Essen, einigen Cocktails und vielen lustigen Gesprächen, beschlossen die Freundinnen das Lokal zu verlassen und traten in die Nacht hinaus. Andrea und Anja verabschiedeten sich und gingen zu ihren Autos. Aline und Sandra liefen noch ein Stück bis zur Straßenbahnhaltestelle. „Wie geht es dir?“, fragte Sandra. Alines Freundinnen wussten von ihrer Vergangenheit, von den Drogen, der Vergewaltigung und den vielen Therapien.                                          Damals lernte sie Jakob auf einer Party kennen, er war 20 Jahre alt, hatte schwarze Haare und schöne braune Augen. Die ersten Wochen waren perfekt, sie fühlten sich frei, hatten guten Sex, nichts und niemand in der Welt hätte dies kaputt machen können. Doch dann lernte Jakob ein paar Typen kennen, sie zogen ihn in den Abgrund der Drogen. Aline sorgte sich um ihren Freund, doch er wurde aggressiv, die Drogen veränderten ihn. Sie wollte Jakob nicht verlieren also nahm auch sie Drogen, es fing mit einem Joint an, schon bald suchte sie nach einem neuen Kick und zog sich Koks durch die Nase. Nun war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Heroin. Anfangs schnupfte sie es, dann fing sie mit dem Spritzen an. Den Absprung schaffte Aline erst als sie nach einem Drogenrausch erwachte, ihre Sachen waren zerrissen. Zwischen ihren Beinen schmerzte es schrecklich, ihre Oberschenkel waren blutverschmiert. An diesem Abend rief sie den Notarzt. Sie machte eine Aussage bei der Polizei und erstattete eine Anzeige gegen Unbekannt. Den Polizisten sagte sie nichts von Jakob oder seinen Freunden, sie sah ihn nie wieder.                                                                                                                        Sandra riss sie aus ihren Gedanken, „Aline, hast du mir zugehört? Wie geht es dir?“, fragte sie.                        „Äh, mir geht es gut. Ich denke manchmal an damals aber Albträume habe ich fast keine mehr. Und mein Psychologe ist auch zufrieden mit mir.“, log Aline. Sie wollte ihre Freundin nicht beunruhigen. Natürlich hatte sie weiterhin Albträume, doch sie konnte mittlerweile gut damit leben und wollte ihre Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich lassen. Sandra lächelte und verabschiedete sich rasch. „Das ist schön zu hören. Ruf mich an, wenn du reden möchtest.“, sagte sie und sprang in die Straßenbahn, die soeben neben ihnen zum Stehen kam. Aline ging zügig nach Hause, sie lief nicht gern allein in der Dunkelheit herum. Nachdem sie ihren Pyjama angezogen hatte, machte sie es sich in ihrem Bett gemütlich und nahm das silberne Mobiltelefon. Sie betrachtet es von allen Seiten, keine Kratzer, keine Handyhülle, keine Besonderheiten und kein Hinweis darauf wem das Gerät gehören könnte. Sie legte das Smartphone auf ihren Nachtschrank, löschte das Licht und schloss die Augen.                                        Dunkelheit, Kälte, und Schreie, sie konnte es kaum ertragen, plötzlich Lichter und ein Knall. Aline schreckte hoch, sie zitterte am ganzen Körper. Immer wieder hatte sie diesen Albtraum. Sie wusste nicht genau was dieser Traum zu bedeuten hatte, doch er hatte mit ihrer Drogenvergangenheit zu tun, dessen war sie sich sicher. Sie schaltete das Licht an, ihr Blick fiel auf das Handy, zögernd nahm sie es vom Nachtschrank. Aline konnte problemlos auf den Inhalt des Gerätes zugreifen, kein Pin, keine Fingerabdruck-Erkennung, keinerlei Sicherung. Sie schaute sich alles genau an und fand ein paar Spiele, eine Wetter-App, einen Ordner mit Fotos und eine Rekorder-Aufnahme. Neugierig öffnete sie die Fotos und blickte in ihr eigenes Gesicht. Das konnte doch nicht wahr sein, auf dem Handy waren Fotos von ihr selbst! Bilder wie sie im Pyjama am Fenster stand, sie sah sich auf dem Weg zur Arbeit und mit ihren Freundinnen im Autokino. Wurde sie etwa von jemandem bereits über mehrere Tage beobachtet? Aline betätigte die Sprachaufnahme: „Ich sehe dich, ich sehe dich nicht, ich sehe dich! Wo bin ich, Aline?“, ertönte eine verzerrte Stimme. Erschrocken sprang sie aus dem Bett. Hatte sich etwa jemand in ihrer Wohnung versteckt? Sie griff nach ihrer Nachttischlampe und war bereit, diese als Waffe zu benutzen. Mutig durchsuchte sie jede Ecke ihrer Wohnung und vergewisserte sich auch, dass die Wohnungstür verschlossen war. Wie albern sie sich plötzlich vorkam, da wollte ihr sicher nur jemand einen Streich spielen. An Schlaf war in dieser Nacht dennoch nicht mehr zu denken.

Tag 2

Am nächsten Morgen packte Aline das Handy in ihre Tasche und lief zur Arbeit. Auch wenn sie sich keine großen Sorgen machte, war ihr etwas mulmig zu mute. Ihr wollte das Handy nicht aus dem Kopf gehen. Wem gehörte es? Was wollte diese Person von ihr? Nach der Pause sah sie ihr Bestellbuch durch, da fiel es ihr auf, heute stand Olivia Zechner für 13:00 Uhr in ihrer Liste. „Perfekt!“, rief sie. Olivia war eine junge Polizistin, sie redete nicht viel, war aber sehr nett. Aline berichtete ihr von ihrem Fund. Olivia nahm die Sache sehr ernst und bot ihr an, nach der Arbeit zu ihr aufs Revier zu kommen. Erleichtert darüber machte sie sich, direkt nach ihrem letzten Kunden, auf den Weg zum Polizeirevier. Die Polizistin ging mit ihr jede Einzelheit durch: Wann und wo hatte sie das Handy gefunden? Wem könnte es gehören und wer hatte demnach die Fotos und die Sprachnachricht aufgenommen? Die Polizistin behielt das Handy als Beweisstück auf der Dienststelle. Aline machte sich zufrieden auf den Heimweg. Sie kramte ihren Briefkastenschlüssel aus der Handtasche und nahm die Post aus dem Briefkasten. Während sie die Treppenstufen hinaufstieg, blätterte sie ihre Post durch. Sie blieb abrupt stehen. In ihren Händen hielt sie ein Foto, auf dem ebenfalls sie zu sehen war. Allerdings lag sie schlafend in ihrem Bett. Sie wendete das Bild: KEINE POLIZEI! stand in schwarzen Druckbuchstaben auf die Rückseite geschrieben. Die Person war in meiner Wohnung, ging es ihr durch den Kopf! Mit zittriger Hand schloss sie die Wohnungstür auf und legte das Foto auf ihrem Küchentisch ab. Sie war völlig fassungslos darüber, dass Jemand in ihre Wohnung und in ihre Privatsphäre eingedrungen war, während sie schlief. Nachdem sie das Bild ein weiteres Mal betrachtete, fiel ihr ein beunruhigendes Detail auf. Eine benutzte Spritze lag neben ihr auf dem Nachtschrank. Was hatte das zu bedeuten? Aline nahm sich vor, eine Überwachungskamera im Eingangsbereich anzubringen. Auch in dieser Nacht schlief sie schlecht und wurde von schlimmen Albträumen geplagt.

Tag 3

Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten laut, dennoch war es Aline unwohl bei dem Gedanken daran, hinaus zu gehen. Sie verließ ihre Wohnung und ging schnellen Schrittes zu ihrem Friseursalon. Sie steckte den Schlüssel in die Tür und wunderte sich darüber, dass diese sich mit einer einzigen Umdrehung öffnen lies. Für gewöhnlich schloss sie die Tür mehrmals ab. Nach einer vorsorglichen Kontrolle ihres Salons, atmete sie erleichtert auf. Sie fand es lächerlich, dass sie sich so verrückt machte, doch das Foto von gestern jagte ihr wirklich Angst ein. „Heute sage ich alle Nachmittagstermine ab!“, entschied sie. Schließlich wollte sie später noch in den Elektronikladen um eine Überwachungskamera zu kaufen und diese heute noch anzubringen.                                    Einen zeitnahen Termin bei ihrem Psychologen musste sie auch dringend ausmachen.                                          Die erste Kundin betrat den Salon als Aline gerade dabei war ihre Kunden umzubestellen. „Guten Morgen!“, begrüßte sie die Frau freundlich. „Was machen wir denn heute mit ihren Haaren?“  „Wie immer Aline, die Spitzen schneiden und meine grauen Haare überfärben.“, lachte die Frau fröhlich. Nachdem die Haare gefärbt und ausgewaschen waren, fehlte nur noch das Schneiden der Spitzen. Die Friseurin nahm ihr Scherenetui, öffnete es und griff nach einer Schere, doch was war das? Überrascht schaute sie auf ihre blutverschmierte Hand.  Schnell wusch Aline das Blut von der Hand und stellte verwirrt fest, dass sie nicht verletzt war. Die komplette Innenseite des Etuis und der gesamte Inhalt waren blutverschmiert. „Aber wenn es nicht mein Blut ist, wessen Blut ist es dann und wie kommt es an meine Scheren?“ Aline war den Tränen nah, das durfte doch alles nicht wahr sein. „Sie müssen gehen, sofort!“, bat sie ihre Kundin. Nach einigen Diskussionen, verließ die Frau wütend den Friseursalon. Aline musste weinen, Wut kam in ihr auf. Wer tat ihr das verdammt nochmal an? Sie eilte zum Polizeirevier und verlangte nach Olivia Zechner. Die Polizisten bat Aline sofort in ihr Büro. Die Friseurin berichtete von den Scheren und dem Foto aus ihrem Briefkasten. „Frau Schröder, sind sie sicher, dass wirklich Blut an den Scheren war und nicht einfach nur rote Haarfarbe?“, fragte die Polizistin ernst. Aline schluckte schwer, ihr wurde schlagartig bewusst, dass Olivia ihr nicht glaubte. „Was? Ich kann doch Blut von Farbe unterscheiden!“, sagte sie schroff, bekam aber ein paar Zweifel. „Ok, wenn ich mir das nur eingebildet habe, was ist dann mit dem Handy?  Haben sie schon etwas rausfinden können?“, fragte Aline nervös.                                                        Olivia runzelte die Stirn, „Welches Handy?“                    „Olivia, wie meinen sie das? Ich habe ihnen doch gestern das Handy mit den Fotos von mir und dieser unheimlichen Sprachnachricht gezeigt. Sie haben es als Beweisstück auf dem Revier behalten.“ Die Polizistin wusste weder etwas von einem Handy, noch von einem gestrigen Besuch auf dem Polizeirevier. Unsicher und verwirrt taumelte Aline aus dem Büro, sie hatte das Gefühl den Verstand zu verlieren. Allmählich sammelte sie ihre Gedanken und machte sich auf den Weg in den Elektronikladen.                                            Dank ihres handwerklichen Geschicks, war die Kamera schnell über ihrer Wohnungstür angebracht. Zufrieden setzte sie sich auf ihre Couch und ging in Gedanken alle Einzelheiten noch einmal durch. Sie hatte das Handy gefunden! Darauf waren Bilder von ihr und die unheimliche Sprachnachricht. Und dann das Foto in ihrem Briefkasten. „Ja, das Foto!“, sagte sie und ging zu ihrem Küchentisch. Doch da lag es nicht mehr, sie schaute unter den Tisch, unter den Schränken, vielleicht hatte ein Windstoß es vom Tisch geweht. Sie konnte es nicht finden.                Bildete sie sich doch alles nur ein? „Aber meine Scheren!“, sagte sie energisch und eilte zügig noch einmal zu ihrem Friseursalon. Auf dem Weg dorthin, blickte sie sich mehrmals um, sie fühlte sich verfolgt. Erleichtert erreichte sie ihren Laden. Ihr Pulsschlag summte in den Ohren. Sie öffnete das Etui und lachte hysterisch auf, als sie ihre sauberen Scheren betrachtete.

Tag 4

Aline blinzelte mit den Augen, streckte sich auf dem kleinen Zweisitzer lang und roch frischen Kaffee. Sie hatte die Nacht bei Andrea verbracht, nach Hause wollte sie am gestrigen Abend nicht. Sie beschloss, sich für heute bei ihrer Kollegin Mina krank zu melden. Mina war die letzten Tage im Urlaub gewesen. Nach dem Frühstück machte sie sich auf den Weg zu ihrem Psychologen, Dr. Wogner. Sie hatte Glück, ein anderer Termin war gerade ausgefallen. Der Psychologe bat sie gleich in seinen Behandlungsraum. Aline erzählte ihm von den letzten Tagen und ihren Zweifeln an sich selbst.                                  „Haben sie noch ihre Albträume?“, fragte Dr. Wogner.            „Ja wieder, momentan fast jede Nacht. Aber warum fragen sie mich immer nach meinen Träumen? Das hier hat nichts damit zu tun! Da stalkt mich jemand oder ich werde langsam verrückt.  Und sie fragen nach meinen Träumen?“                            „Nun ja, Frau Schröder, sie schlafen schlecht und haben diese Albträume. Ich denke, dass ihr Kopf ihnen einen Streich spielt. Sie sind überlastet. Vielleicht haben sie sich die Dinge mit dem Handy und diesen Fotos nur eingebildet oder geträumt. Gönnen sie sich eine kleine Auszeit und nehmen sich ein paar Tage frei.“                                                     „Sie glauben mir also auch nicht!“, sagte Aline fassungslos und verließ das Sprechzimmer.                                Zuhause angekommen, zog sie die Vorhänge zu und machte sich daran das Video ihrer Kamera zu kontrollieren. „Gut“, sagte sie erleichtert. Heute war weder etwas im Briefkasten, noch hatte sich jemand in ihre Wohnung geschlichen. Konzentriert ging sie die vergangenen Tage in ihren Gedanken erneut durch. Wenn sie nicht verrückt war, wer tat ihr das an? Jemand Fremdes? Ihre Freundinnen? Ihre Kollegin Mina? Schließlich war diese im Urlaub und hatte genügend Zeit ihr die Streiche zu spielen. Was wenn Jakob sich an ihr rächen wollte? Sie hatte ihm damals nicht aus der Drogensucht geholfen und brach nach der Vergewaltigung den Kontakt zu ihm ab. Aber war er überhaupt noch am Leben?

Tag 5

Der Schweiß tropfte ihr von der Stirn, während Aline ihre Lieblingsroute durch den Wald lief. In den letzten Tagen war ihr nicht danach gewesen, laufen zu gehen. Doch heute war es anders, Sandra hatte sich bereit erklärt mitzukommen. „Ich finde diese alte Heilanstalt schon etwas unheimlich.“, sagte Sandra schnaufend neben ihr.                                    „Da hast du Recht, das wäre die richtige Kulisse für einen Horrorfilm.“, Aline konnte das erste Mal seit Tagen schmunzeln. Sie hatte sich, auf Anraten von Dr. Wogner, frei genommen. Nach dem Sport gingen die Beiden in ein Café und unterhielten sich eine Weile. Ihre Freundin hörte ihr geduldig zu, warf ihr hin und wieder ein paar mitleidige Blicke zu und unterbreitete ihr einen Vorschlag. „Lass uns über das kommende Wochenende mit Anja und Andrea in ein Wellnesshotel fahren. Das wird uns allen gut tun!“                                                      „Du glaubst auch, dass ich mir alles nur eingebildet habe, oder?“ Aline schaute traurig aus dem Fenster, willigte aber in den Vorschlag ein.                                        Zuhause stellte sie erleichtert fest, dass sich wieder keine Fotos und keine Nachrichten im Briefkasten, oder vor der Wohnungstür befanden. Nach dem Duschen kontrollierte Aline die Aufnahmen ihrer Videokamera, es waren nur 3 Stunden in denen sie nicht daheim gewesen ist. Dennoch wollte sie wissen, dass in dieser Zeit niemand in ihre Wohnung eingedrungen war. Sie spulte die Aufnahme langsam vor. „Was?“, Aline drückte auf STOP! Eine schwarzgekleidete Person betrat die Wohnung, vor etwa 90 Minuten. Die Fernbedienung fiel zu Boden. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. War diese Person noch in der Wohnung? Sie überlegte angestrengt, nahm erneut die Fernbedienung und spulte weiter, bis zu der Stelle als die Person die Wohnung wieder verließ. Aline seufzte erleichtert, es bedeutete, dass sie allein in ihrer Wohnung war. Unsicher schlich sie in die Küche, nahm ein Messer in die rechte Hand und durchsuchte jeden Raum. Sie konnte nichts Auffälliges entdecken. Doch ein Raum blieb noch übrig. „Das Schlafzimmer!“ Sie spürte wie ihr Herz wild schlug. Nach dem Duschen ist sie schon einmal im Schlafzimmer gewesen, zu diesem Zeitpunkt war ihr nichts Verdächtiges aufgefallen. Ihr Blick durchquerte den Raum und richtete sich auf ihr Bett. War da Matsch an ihrer Bettdecke? Zaghaft hob sie die Decke hoch und fuhr erschrocken zurück. Sie atmete tief durch, nahm ihren Mut zusammen und zog die Bettdecke in einem Ruck vom Bett. Dort wimmelte es vor Käfern. Blätter und Schlamm waren auf dem gesamten Bettlaken verteilt. Auf ihrem Kopfkissen lagen tote Mäuse, mit Maden übersät. Erst jetzt fiel ihr der Umschlag zwischen den Blättern auf. Sie griff blitzschnell danach und eilte aus dem Zimmer. Nervös öffnete sie den Briefumschlag und zog ein weiters Foto heraus. „Das kann nicht sein, nein, nein, nein!“ Die Aufnahme zeigte Olivia Zechner. Unter Tränen und mit schmutzigem Gesicht blickte die Polizistin verzweifelt in die Kamera. Aline wendete das Foto und las vor: „Keine Polizei, war meine Anweisung! Du kommst um 18:00 Uhr, allein zur Ruine der Heilanstalt. Du kennst den Weg! Ihr Blick ging zur Armbanduhr, es war genau 15:00 Uhr, sie hatte also noch 3 Stunden Zeit. Was sollte sie jetzt nur tun? Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und schmiedete einen Plan. Ein Taschenmesser, eine Taschenlampe und ihr Handy hatte sie nun schon zusammengesucht. Wenn sie allein zur alten Ruine kommen sollte, dann wollte sie wenigstens ein bisschen vorbereitet sein. Sie überlegte kurz ihre Freundinnen zu informieren, doch sie wollte niemanden in Gefahr bringen. Ihr kam die Idee, das Bild und die Anweisung zu fotografieren und es, kurz bevor sie die Ruine betreten würde, an eine neutrale Person zu senden. Um 17:30 Uhr verließ sie die Wohnung.

Ende von Tag 5

Der kleine Chevrolet Spark kam neben der alten Heilanstalt zum Halten. Aline blickte sich unsicher um und ging zur Eingangstür, ein Zettel hing an einem rostigen Nagel, neben der Tür: Wenn du mit dem Auto bist, parke hinter dem Krankenhaus! Na toll, hier wollte jemand wirklich kein Risiko eingehen und nicht Gefahr laufen, dass ein Spaziergänger oder Jogger mein Auto entdeckte, dachte Aline. Ihr war mulmig zu mute, dennoch parkte sie ihr Auto um und ging hinein. „Hallo?“ Langsam lief sie in den alten Eingangsbereich und sah sich um, die Wände waren mit Graffiti beschmiert, in den Ecken lagen leere Bier- und Schnapsflaschen. Sie entdeckte einen weiteren Zettel auf dem Boden: Ziehe deine Schuhe, Hose und Oberteil aus. KEINE WAFFEN!                                                         Sie hegte den Gedanken, einfach umzukehren, raus zu rennen und die Polizei zu benachrichtigen. Aber brachte sie damit nicht die Polizistin in Gefahr? Beunruhigt zog sie ihre Kleidung aus und legte auch ihr Messer nieder. Sie blickte kurz auf ihr Handy und drückte auf SENDEN, bevor sie auch dieses ablegte. Ein Schrei hallte durch das alte Gebäude. Aline ging in die Richtung, aus der der Schrei kam. Ein weiterer Zettel war an einer alten Tür befestigt: KELLER!                              „Auch das noch!“, fluchte sie und öffnete vorsichtig die Kellertür. Ein muffiger und feuchter Geruch stieg ihr in die Nase. Gefolgt von dem schmalen Lichtstrahl ihrer Taschenlampe, schlich sie Stufe für Stufe hinab. Als sie den Keller erreichte, blickte sie sich nervös um. Ein dumpfer Schmerz durchfuhr ihren Körper, gefolgt von Dunkelheit.                                                           

„You are my sunshine, my only sunshine. You make me happy…“ Ein Traum, es war ein schrecklicher Traum, dachte Aline und öffnete langsam die Augen. „Verdammt!“, ihr Kopf schmerzte fürchterlich. Sie sah sich um und bemerkte, dass sie nicht geträumt hatte! Auf dem kalten Kellerboden liegend, lauschte sie angestrengt in die Dunkelheit hinein. Außer dem Gesang von Jonny Cash, konnte sie keine Geräusche wahrnehmen. Ihre Beine waren aneinander geschnürt und ihre Arme seitlich nach links und rechts an alten Heizungsrohren fixiert. Ein greller Lichtstrahl erhellte die Dunkelheit. „Frau Aline Schröder, dass ich sie hier treffe, welch Überraschung!“, hallte es durch den Keller. Wer war da? Diese Stimme kam ihr bekannt vor!          „Aline, es ist sehr reizend, dass du wegen mir den Weg hierher auf dich genommen hast. Es wurde Zeit, dass wir uns mal unterhalten. Beim Haareschneiden wäre es mir doch etwas unangenehm gewesen.“                                            „Olivia? Was wollen sie?“                                      „Was ich will? Ich möchte Rache für das, was du mir und meiner Mutter angetan hast!“, sagte die Polizistin wütend.            „Was habe ich denn getan?“, fragte Aline verzweifelt und spürte, wie Olivia sich auf sie setzte, ihr Gewicht nach vorn verlagerte und ihr ins Gesicht spuckte.                      „Was du getan hast? Du hast meine Mutter ermordet, du blöde Schlampe!“                                                      Aline weinte hysterisch auf „Ich weiß nicht wovon sie reden, wirklich! Bitte lassen sie mich gehen.“                        „Vor 19 Jahren hast du meine Mutter überfahren! Es war schon spät, wir waren mit unserem Auto auf dem Weg nach Hause. Ich musste dringend aufs Klo, meine Mutter hielt meinetwegen am Straßenrand. Wir stiegen aus und gingen ein paar Schritte vom Auto weg. Ich hockte mich hinter einen Busch, meine Mutter machte mir Licht mit einer kleinen Taschenlampe. Und dann kamst du, hast sie einfach umgefahren! Du hast sie getötet! Dafür wirst du heute bezahlen.“ Aline sah die große Heckenschere in Olivias Hand „Nein, bitte!“, schrie sie. Schmerz durchzog ihre rechte Hand, es wurde Schwarz um sie herum.                    Sie wollte ihre Augen öffnen, wissen was mit ihr geschah und sich wehren. Doch diese unerträglichen Schmerzen zogen sie erneut in die Tiefe. Aus der Ferne nahm sie einen weiteren Schmerzimpuls an ihrer linken Hand wahr. Ihr Körper reagierte nicht auf die Anweisung aufzuwachen. Stattdessen kamen die Erinnerungen.                                                Aline hatte an jenem Abend Drogen genommen. Sie war mit dem Auto auf dem Weg nach Hause, als sie die dunkle Waldstraße entlangfuhr. Sie wusste, dass sie zu schnell unterwegs war. Im Radio lief Jonny Cash: -You are my sunshine-, die Musik ertönte in voller Lautstärke in ihrem kleinen Opel. Plötzlich sah sie es, in der Dunkelheit erschien ein Licht, ein Knall, Schreie zogen durch die Finsternis. Benommen, von den Drogen, stieg sie aus ihrem Fahrzeug und sah einen Menschen am Boden liegen. Nachdem sie die Verletzte genau betrachtet hatte, setzte sie sich zurück in ihr Auto und fuhr nach Hause. Am nächsten Morgen konnte sie sich an nichts erinnern, sie dachte, sie sei gegen eine Mauer oder eine Laterne gefahren. Aline schreckte auf und war bei vollem Bewusstsein. „Na Prinzessin, wie war der Schönheitsschlaf?“ fragte Olivia lachend.                    „Es tut mir leid, ich wusste nicht, was damals passiert ist.“, versuchte Aline sich zu erklären.                              „Ich war 6 Jahre alt und sah, wie meine Mutter starb. Sie lag da, auf dem schmutzigen Boden, ihr Körper war vollkommen verdreht. Ich sah wie das Blut aus ihren Ohren lief. Ich stand unter Schock, ich weiß nicht wie lang ich dort im Gebüsch saß. Weißt du, du hättest auch Glück haben können und ich hätte nie gewusst wer uns das antat! Ich konnte mich nicht an dich und dein Auto erinnern. Die Psychologin meinte, es wäre eine Schutzreaktion meines Körpers, damit ich dieses schreckliche Ereignis verkraften könne. Aber weißt du was meine Erinnerungen triggerte?“                                                Aline wimmerte leise, „Was hast du mit mir gemacht?“, und blickte Olivias lachendes Gesicht.                              „Ach das, ich habe dir deine Daumen abgetrennt. Solltest du das hier überleben, wovon ich nicht ausgehe, dann möchte ich, dass du dich immer an mich erinnerst. Du wirst ohne Daumen nicht mehr als Friseurin arbeiten, du wirst nicht mal mehr dein Besteck halten können und du wirst dir nie mehr Heroin spritzen. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet, was hat meine Erinnerung wieder heraufbefördert? Kommst du darauf? Hör mal!“                                                          Aline bemerkte, dass Jonny Cash noch immer im Hintergrund lief. Sie hob den Kopf, sah zu ihren Händen und stöhnte auf. Ihre Daumen waren tatsächlich abgetrennt. Das Blut quoll hervor, um ihre Arme bildeten sich große Blutlachen. Ihr wurde schwindlig, doch die nun ersehnte Dunkelheit blieb aus. Sie konnte nicht einfach in die Ohnmacht fliehen, zu viel Adrenalin schoss durch ihren Körper.                                              Olivia sprach weiter: „Ich hörte dieses Lied zufällig im Radio, das triggerte meine Erinnerungen.                            Als du meine Mutter tötetest lief das Lied in deinem Autoradio und du hast lauthals mitgesungen.                            Ich schmiedete den Plan, dass ich dich ausfindig mache und mich rächen werde. Als Polizistin hatte ich leichtes Spiel, ich konnte dich stalken, ich konnte in deine Wohnung eindringen und alles perfekt inszenieren.“ Aline zitterte, es war so unheimlich kalt um sie herum, sie hatte kaum Hoffnung. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie war noch nicht verloren! Als sie ihre Kleidung ablegte, hatte sie das Foto mit der Anweisung, zur alten Heilanstalt zu kommen, an Dr. Wogner gesendet. Er wird die Polizei alarmieren! Doch im selben Moment wurde ihr etwas anderes schlagartig bewusst! Verzweiflung machte sich breit. Wie konnte sie nicht daran gedacht haben, dass sie im Wald keinen Empfang hatte? Sie sah sich um. Welche Möglichkeit hatte sie noch? Vielleicht kamen bald ein paar Jugendliche vorbei, die heimlich ihr Bier in der alten Ruine tranken. Aline konnte nicht weiter darüber nachdenken, sie spürte einen Einstich an ihrem rechten Arm.                  „Ich will mal nicht so sein, ich werde dir helfen die nächsten Stunden gut zu überstehen, oder auch nicht. Ich habe dir Heroin gespritzt, leider kenne ich mich nicht aus und weiß nicht welche Dosierung tödlich enden könnte. Lassen wir uns überraschen! Wusstest du eigentlich, dass dies hier eine ehemalige Heilanstalt für Lungenerkrankungen war? Später wurde es als Lazarett genutzt. Ich denke, du bist an diesem Ort gut aufgehoben. Aber bevor ich dich verlasse, möchte ich, dass du nie mehr dieses wunderschöne Lied hören wirst, my sunshine.“ Olivia griff Alines Gesicht, hielt es fest und stach blitzschnell mit einem Nagel in ihr rechtes, danach in ihr linkes Ohr. Ein lautes Knacken durchfuhr ihren Schädel, kurz darauf spürte sie, wie das Blut aus ihren Ohren lief.           Olivia ging in Richtung Treppe und lächelte zufrieden.      Dann endlich kam die ersehnte Dunkelheit…

 

Ende

7+

2 thoughts on “Fünf Tage

  1. Hi, ich finde die Grundidee der Geschichte sehr gut. Auch die Auflösung gefiel mir. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass du am Schluss etwas zu viel Brutalität reinbringen wolltest. Für meinen Geschmack hätte die Spritze ausgereicht. Aber das ist Geschmackssache. Dennoch: eine tolle Geschichte

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