AdamStaubbartGanz großes Kino

 

 Ganz großes K ino

 

Er wechselte die Straßenseite, ohne zuvor nach einem vorbeifahrendem Fahrzeug Ausschau zu halten und zog sich die olivengrüne Kappe ein Stück tiefer in die Stirn, obwohl er gerade in einem großflächigen, düsteren Bereich huschte. Auf der Schattenseite befanden sich ein Gehweg mit einer einigermaßen gefüllten Bushaltestelle sowie eine Reihe dicht beieinanderstehender Gebäude, die hoch emporragten. Hinter ihnen legte die Sonne nach einem heiteren Tag für heute ihre Arbeit nieder und der späte Nachmittag räumte seinen Posten für den frühen Abend frei. Mit einem scheinbar festen Ziel vor den Augen schritt der Mann, dessen Antlitz man wegen seiner Kopfbedeckung kaum erkennen konnte, an der Gebäudefront entlang.

 

Bloß sein erdbeerroter Ziegenbart und die fingerdicken Lippen seines Mundes, das zu einem schwachen Lächeln geformt war, waren in Moment von seinem Gesicht zu sehen. Über seine Schulter trug er eine Umhängetasche, aus der etwa eine Hand weit das Ende einer großen Säge mit beträchtlich spitzen Zähnen lugte. An der gleichen Flanke seines schmächtigen, aber besonders langgezogenen Körpers hievte er einen wuchtigen Koffer, in dem vermutlich weiteres Werkzeug verstaut war, neben sich her. Ein noch unbenutzter Einweghandschuh hing halb aus der linken Gesäßtasche seiner marineblauen Latzhose. An seinem Ledergürtel war rechts ein kleines, Radio befestigt, das ihm beim Gehen augenscheinlich kaum behinderte. Begleitet von gelegentlichen Störsignalen fasste bei dem Sender N-Joy eine weiblich klingende Stimme die wichtigen Schlagzeilen des heutigen Tages zusammen.

 

„Und jetzt noch zu einer brandneuen Eilmeldung von der Polizei, die uns gerade eben noch erreicht hat“, leitete die Nachrichtensprecherin, das neue Thema ein. „Der Mann, der gestern gegen Mittag aus der Psychiatrie für Schwerstverbrecher ausgebrochen ist und dabei einen Mitarbeiter der Einrichtung lebensgefährlich verletzt hat, ist der Polizei vor etwa zwei Stunden im Braunschweiger Hauptbahnhof um Haaresbreite entkommen. Da anzunehmen ist, dass der Entflohene nicht vor Gewalt zurückschreckt und sich noch immer in der Region aufhalten könnte, werden auch heute alle Bürgerinnen und Bürger in – “

 

Ein knisterndes Rauschen verschluckte die nächsten Worte abrupt, aber nach wenigen Sekunden setzte sich die Stimme, wenn auch hörbar verzehrt, wieder durch.

 

„– Abenden und Nächten draußen nicht alleine aufzuhalten. Bei den dringend gesuchten Insassen der Psychiatrie handelt es sich nämlich um den psychisch gestörten Serienmörder Klaus T., der mit seinen Taten in ganz Deutschland verteilt fast ein ganzes Jahrzehnt für Angst und Schrecken gesorgt hatte. Klaus T. wurden damals zehn Morde zur Last gelegt, die in ihrer Brutalität selbst erfahrene Ermittler geschockt haben, weil – “

 

Klick!

 

Gelangweilt schaltete der dünne Mann, dessen Augen von der Kappe verdeckt wurden, das Radio aus, kurz nachdem er den Gehweg plötzlich verließ, um neben einer Schranke nach unten in eine Tiefgarage zu gehen. Geräuschlos wie ein Schatten huschte er hinter den Autos entlang, als wären die Fahrzeuge im Parkhaus eine Leibgarde aus Fleisch und Blut, an denen es sich unbemerkt vorbei zu schleichen galt. Ein spärliches Licht wurde von den maroden Leuchten an der niedrigen Decke ausgestrahlt und nicht selten war eine Leuchtstoffröhre kaputt, sodass es vereinzelt Stellen auf den steingrauen Boden gab, wo sich die Dunkelheit schwarz und klebrig ergoss wie flüssiges Pech.

 

Es kümmerte ihn einen Scheißdreck, was in den Medien zurzeit in aller Munde gesagt wurde. Das, was das Weib vom Radio eben der Welt da draußen berichtete, war doch nichts weiter als eine öde Wiederholung. Völlig uninteressant! Genauso wie ein Film, den man sich erst vor wenigen Stunden reingezogen hatte! Den würde man sich doch auch nicht direkt im Anschluss ein zweites Mal anschauen wollen! Noch nie hatte er Personen verstanden, die sogar aus freien Stücken ein Buch lasen, das sie schon einmal komplett verschlungen hatten. Wie konnte man nur eine Geschichte lesen wollen, dessen Wendungen und Ende man bereits kannte? Auf so einen Mist hätte er überhaupt keinen Bock gehabt. Er war nur Feuer und Flamme für Themen, die ihm unbekannt waren. Aus seiner Sicht betrachtet war der Nachrichtenbericht über den entflohenen Serienmörder aus der Klapsmühle nämlich alles andere als eine brandneue Eilmeldung. Für alle anderen Hörer von N-JOY mochte es eine brandneue Eilmeldung sein, doch in seinem Fall wäre dies eine klare Lüge gewesen.

 

Beinahe wäre er an die Tür vorbei gezischt. Im letzten Moment gelang es ihm gerade noch mitten im Gehen von jetzt auf gleich stillzustehen. Einzig dank der großen, schwarzen Aufschrift an der Tür, die er vom Augenwinkel heraus aufgeschnappt hatte, war er darauf aufmerksam geworden, dass er die richtige Stelle schon erreicht hatte.

 

„Und hier noch eine brandneue Eilmeldung“, sprach der Mann, bemühend in einer ähnlichen Tonlage wie die Stimme der Frau von den Radionachrichten, zu sich selbst, das Gesicht im Schatten der Kappe zu einer unheilverkündeten Grimasse verzogen. „Nach der Flucht des psychisch kranken Mörders Klaus T. setzt sich sein Blutbad fort. Nun ist es traurige Gewissheit, dass ihm eine elfte Person zum Opfer gefallen ist. Am frühen Morgen war eine zerstückelte Leiche in einem Kino aufgefunden wurden.“

 

Der Mann strich fasziniert über den Anfangsbuchstaben von der Türaufschrift und freute sich auf eine Art, als wäre er ein kleines Kind, dem schon bald die Weihnachtsbescherung bevorstand. Für einen kurzen Moment genoss er die prickelnde Erektion, die allein durch die Berührung dieser Letter ausgelöst wurde. Dann drückte er die bleischwere Tür auf, die sich nur öffnen ließ, weil zuvor jemand einen Zollstock dazwischen geklemmt hatte. Er wusste, Handwerker machten dies oft, damit sie nicht jedes Mal die Tür aufschließen mussten, vergaßen allerdings hinterher manchmal ihre Türblockade wieder mitzunehmen, wenn sie einen stressigen Tag hinter sich hatten. Unbeeindruckt trat er den Zollstock beiseite, nachdem er eingetreten war und den Griff der selbstschließenden Tür losgelassen hatte. Die schwere Tür, auf der in dicken Großbuchstaben das Wort KINO prangte, schwang direkt hinter Klaus T. sofort wieder krachend zu.

 

Im Erdgeschoss des Kinos wurde lautstark „The Show Must Go On“ von Queens abgespielt. Jemand versuchte fröhlich mit zu singen und schien in bester Laune zu sein. Bei der Person handelte es sich um eine Frau, die sich in der Nähe der Kassen aufhielt.

 

Die Mundwinkel der Frau erhoben sich.

 

Ihr Lächeln wirkte zweifellos genauso engelhaft wie ihr äußeres Erscheinungsbild. Ihre geraden Zähne blitzten zusammen mit den schwarzgefliesten Marmorboden auf, den sie mit einem Wischmopp summend blank schrubbte und der das helle Licht der Deckenstrahlern weiß und rein zurückreflektierte. Allein mit dem warmherzigen Lachen, das sich in ihren hellblauen Augen widerspiegelte, die von langen und dunklen Wimpern eingerahmt wurden, konnte sie sicherlich in Windeseile das Interesse unzähliger Männer wecken. Und so ziemlich jede Vertreterin der Damenwelt hätte sie schon aus Entfernung für ihre langen, goldblonden Naturlocken beneidet. Vielleicht hätten ihr lediglich ein bis zum Knöchel reichendes Kleid feinster Seide sowie ein plüschig gefiedertes Flügelpaar gefehlt, dass abergläubische Leute sie tatsächlich für einen waschechten Engel gehalten hätten.

 

Die Fünfundzwanzigjährige hatte ihre Haarpracht mithilfe einer großen Klemme hochgesteckt, sodass sie ihr nicht ins Gesicht fallen konnten. Ihre Lippen waren schmal und nur mit einem dezenten Lippenstift nachgezogen worden. Sie trug einen luftigen Pullover mit einer Bauchtasche, schlicht und weiß. Im Kontrast dazu stand eine enganliegende, dunkle Jeanshose. Auch ihre aschegrauen Schuhe sahen alles andere als auffällig aus und machten einen Eindruck, dass ihre Trägerin ein Mensch von eher schüchterner Sorte war. Offenbar lag dies an der Tatsache, dass sie nicht das Geld für teure Markenklamotten besaß.

 

Wie es schien verdiente die junge Dame nämlich als Putzfrau ihr Einkommen. Jedenfalls machte sie seit knapp zwei Stunden in dem inzwischen komplett leeren, aber dafür umso dreckigeren Kino wieder klarschief. Letzteres konnte einen in Anbetracht dessen, dass heute ungewöhnlich wenig Gäste das Kino aufgesucht hatten, zu bedenken geben. Normalerweise wären an einem Samstagabend noch zu dieser Zeit sämtliche Kinos rappe voll. Ganze Menschenmassen würden im Gezeitenwechsel wie eine einzige Sintflut ein- und ausströmen. Heute jedoch herrschte den ganzen Tag über eine stete Ebbe und dies aus einem guten Grund. Nur eine beschaubare Anzahl an Filmjunkies hatte sich trotz der unbehaglichen Umstände über den Tag verteilt in dem Kino verirrt.

 

Mittlerweile dürfte sich ausgenommen von ihr selbst lediglich der Hausmeister im Gebäude aufhalten, der hier im Hause auch ab und zu die Aufgaben eines Security Mitarbeiter wahrnahm. Sie war also so gut wie alleine. Wie zur Verneinung hörte sie hinter sich auf einmal die brummenden Geräusche des Aufzugs, der vom Keller in dem Erdgeschoss hochfuhr. Bestimmt war es nur der Hausmeister, der unten ein paar defekte Leuchten instandgesetzt hatte und nun wieder oben im Kino nach dem Rechten schauen wollte. Nur er konnte es sein, der sich im Fahrstuhl befand. Allein er besaß die nötigen Schlüssel, um sich Zugang zu gewähren.

 

Daher ließ die Frau mit den blonden Locken auch nicht von ihrer monotonen Arbeit ab, als die Türen des Aufzugs sich öffneten. Sie säuberte nach wie vor den Marmorboden mit dem Wischer und summte weiterhin den Song von der Band Queens leise vor sich hin, als hätte sie einen Ohrwurm von dem Lied.

 

Nach wenigen Sekunden ging ihr aber ein irritierender Gedanke durch den Kopf.

 

Wo bleiben die Schritte?

 

Diese Kleinigkeit veranlasste sie doch noch dazu einen Schulterblick nach hinten Aufzug zu werfen. Das, was sie erblickte, trieb ihr eine überraschend markante Falte zwischen den Augen.

 

Entgegen ihrer Erwartung befand sich nämlich nicht der Hausmeister im Fahrstuhl. Es war auch keine komplett andere Person drinnen. Die Kabine war menschenleer.

 

Und doch nicht absolut leer. 

 

Die Angestellte der Reinigungsfirma drehte sich verwundert um und lehnte ihren Wischmopp an der Theke der Kassen ab, wobei sie den Blick nicht von dem offenstehenden Aufzug abwendete. Sie hatte felsenfest damit gerechnet, dass ein Mensch vom Keller zum Erdgeschoss transportiert wurde und doch lag nun ausschließlich ein einziger Gegenstand im Fahrstuhl.

 

Es war ein Smartphone, das Display zum Boden gewandt, sodass man einen freien Blick auf die rote Schutzhülle hatte. Offensichtlich hatte jemand das Handy unbemerkt verloren. Vermutlich würde sich der Besitzer im Laufe des morgigen Tages im Kino schlaumachen. Sie musste es nehmen und in der Kiste für Fundsachen hinlegen.

 

Dennoch schwankte die Fünfundzwanzigjährige noch in ihrem Entschluss. Für einen Moment zeichnete sich ein Ausdruck von Angst in ihrem Gesicht ab.

 

„Du schaffst das, Liz“, sprach sie sich mit zusammen gepressten Lippen selbst Mut zu. „Es ist nur ein Fahrstuhl und niemand sonst ist hier. Alles ist gut.“ Die Frau machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne. „Du brauchst keine Angst zu haben. Du packst das schon!“ Sie setzte den ersten Fuß in das Innere des Aufzugs. „Gut und jetzt den nächsten hinterher. Ganz ruhig!“

 

Zitternd zog Liz auch das andere Bein hinter sich her und wurde sich mit einer euphorischen Mischung aus Freude und Staunen der Tatsache bewusst, dass sie es wirklich über sich gebracht hatte. Sie stand echt in einem Fahrstuhl. Zwar ganz schön wackelig mit weichen Knien, als wären sie aus Gummi und mit dem rasenden Puls nach einem Sprit, aber dennoch stand sie mit ihren eigenen Füßen in einem Aufzug.

 

Endlich!

 

Wieder grinste Liz engelhaft. Dieses Mal schwang jedoch unverkennbar Triumph in dem Lächeln mit.

 

„Na siehst du?“, sagte sie stolz. „Das war doch gar nicht so schwer. Super!“

 

Obwohl ihr das Erfolgserlebnis darüber, dass sie ihrer Angst anscheinend die Stirn geboten hatte, Unmengen an Glückshormone durch die Adern pumpte, wollte sie ihren Aufenthalt in diesem beengend kleinen Ort nicht länger als notwendig ausreizen. Sie bückte sich, um das Handy am Boden aufzuheben, damit sie gleich wieder die Fliege machen konnte.

 

Und in exakt denselben Herzschlag, als sie ihre Hand nach dem Gerät ausstreckte, klang ein schrilles Läuten auf. Ihr erster Gedanke war, dass das Handy am Boden lediglich eine Nachricht empfangen hatte. Zu spät erkannte sie, dass sie sich geirrt hatte. Erst als sie die mechanischen Geräusche vernahm, registrierte sie ihre falsche Annahme.

 

„Scheiße!“, fluchte Liz noch mit einem panischen Aufschrei.

 

Ehe sie das Wort zu Ende gesprochen hatte, war die blondhaarige Frau schon kerzengerade aufgesprungen, das Gesicht in einer Maske aus Angst verhüllt und die immer größer werdenden Augen vor lauter Entsetzen auf den immer kleiner werdenden Spalt der Türen fixiert. Auch wenn sie wusste, dass sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde, dass ihr nur ein Sekundenbruchteil fehlen würde, um das unvermeidbare Grauen irgendwie noch aufhalten zu können, riss sie ihren Arm so schnell und weit sie konnte nach vorne. Zu den beiden Türen, die sich viel zu rasch aufeinander zu bewegten und als feste Einheit zu einer Wand zusammenschmolzen.

 

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und sie rang nach Luft, als wäre ihre Pumpe ihr im Rachen auf eine ähnliche Weise steckengeblieben wie ein Stück Kartoffel, an dem sie sich verschluckt hatte. Sie griff sich mit den Händen um die Kehle, spürte das heftige Pochen gegen ihre Fingerkuppen und versuchte gegen den Schwall an Panik anzukämpfen, der einer erbarmungslosen Welle gleich auf sie ein geschwappt war.

 

 „Gleich ist es vorbei,“ sagte Liz, nein sie wisperte es. „Alles wird gut. Bestimmt hat der Hausmeister lediglich den Knopf gedrückt, um den Fahrstuhl zu sich zu bestellen. Wieso sollte er sich auch die Mühe und die ganzen Treppen gehen?  Ja, so muss es sein. In wenigen Sekunden hat dieser Alptraum ein Ende.“

 

Sofort zeigte ihre Aufmunterung Wirkung. Ihr Herz kehrte scheinbar wieder zu seinem ursprünglichen festen Platz hinter den Rippen zurück. Jedenfalls war der Kloß in ihrem Hals verschwunden, der zumindest gefühlt die Größe einer Faust gehabt hatte. Sie genoss das Gefühl, dass sie wieder in der Lage war, ihre Lungenflügel mit Sauerstoff zu füllen. Eigentlich hätte sie liebend gerne ihre Augen geschlossen, aber sie wusste, dass sie dies nicht machen sollte oder korrekt ausgedrückt, dass sie sich dies nicht traute. Nicht hier. Nicht, solange sie sich in einem Ort aufhielt, in dem sie sich wie eine Gefangene in einem überdimensional großen Safe vorkam. Nicht, solange sie sich in einem Ort aufhielt, der die schmerzhaften Erinnerungen der Geburtsstunde ihrer Fahrstuhlangst aufzuwecken drohte.

 

Der Aufzug setzte sich in Bewegung und sank nach unten Richtung Keller.

 

Zum Glück ist dies nur eine kleine Strecke, dachte die Putzfrau und wollte laut erneut ihr Mantra „Alles wird gut“ wiederholen, doch der Gedanke wurde in ihrem Gehirn gelöscht und von einem Schrei aus Leib und Seele ersetzt, sowie der würfelförmige Bunker von Raum plötzlich wie ein Sportler nach einem erschütternden Boxschlag kräftig zu schaukeln begann. Die Lichter des Fahrstuhls, die sie zuvor gar nicht wahrgenommen hatten, gingen jäh aus.

 

Von wegen: Gleich ist alles vorbei und alles wird gut. Nichts da! Die Hölle hatte erst begonnen. Liz war steckengeblieben.

 

In einem Fahrstuhl.

 

In einem Fahrstuhl, der weder fuhr, geschweige denn einen Stuhl besaß. Wieso nannte man diese Teile überhaupt Fahrstuhl? Sie brachte unzählige Ausdrücke mit ihnen in Verbindung, doch alle hatten einen negativen Ursprung.

 

Panik. Sie war steckengeblieben, obwohl dies eigentlich nur eine harmlose Wortwahl für ihre Lage war. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, so war sie nicht steckgeblieben, sondern eingesperrt. Es war ihr nicht möglich eine Tür zu öffnen und nach draußen in die Freiheit zu stolzieren. Hier drinnen saß sie in der Falle und sie war abhängig von Fremdhilfe, um wieder aus ihr raus kommen zu können.

 

Große Panik. Wieder hüpfte ihr Herz viel zu schnell und ihre Atmung versagte für den Moment. Wie lange würde es dauern, bis man sie aus diesem engen Kerker retten würde? Minuten? Stunden? Erst am nächsten Morgen?

 

„Nein, das überlebe ich nicht!“

 

Niemals würde sie solange durchhalten. Nie im Leben!

 

Riesige Panik. Liz gierte nach Luft, lief der Gefahr gleich zu hyperventilieren. Keuchend machte sie einen Schritt nach vorne und wäre dabei beinahe auf Etwas getreten, das sie in der ganzen Aufregung völlig vergessen hatte.

 

Das Handy!

 

Ihr Eigenes lag in der Handtasche im Erdgeschoss – auf der Theke direkt neben dem Fahrstuhl – und auch wenn sie nur wenige Meter davon entfernt war, befand es sich außerhalb ihrer Reichweite. Aber das fremde Smartphone, das sie erst in diese ausweglose Situation gebracht hatte, eröffnete ihr nun vielleicht doch noch einen Not-Ausgang aus dieser fensterlosen Zelle.

 

Mit neuer Hoffnung ging Liz in die Hocke und hob das Handy mit der fast schon warnend roten Hülle auf. Dabei streifte sie in der Hektik zufällig mit dem Daumen an den Fingerabdruckscanner.

 

Und augenblicklich füllte eine Kombination aus Lichtern und Farben das tote Display mit Leben. Beinahe hätte sie das Gerät fallen gelassen. Derart erschrocken war sie darüber, was da gerade eben geschehen war. Hatte sie wirklich ein fremdes Handy mit ihrem eigenen Daumenabdruck entsperrt? Nach der Phase der Irritation erkannte sie Etwas, das sie glauben ließ, dass ihre Augen ihr eine Lüge servieren wollten. Geschockt glotzte sie mit hinabgestürzter Kinnlade auf das Handy herab.

 

Der Besitzer dieses Smartphones hatte die Galerie offengelassen. Nein, er hatte nicht die Galerie offengelassen, sondern ein Bild der Galerie. Es war ein schwarz-weißes Foto.  Eine Aufnahme von einer weiblichen Person, die beim zu schnellen Fahren offenbar geblitzt worden war.

 

Liz kannte den Frauenkopf nur zu gut. Form, Größe und Frisur – Alles stimmte überein. Das Gesicht der Dame machte sie nicht etwa so sehr entsetzt, weil es ihr bis ins kleinste Detail vertraut war, sondern weil es sich bei dem Gesicht auf dem Foto um ihr eigenes handelte. In diesen Sekunden sah ihr Blick sah nun exakt so überrascht und verstört aus wie jener Blick von ihr in der farblosen Variante.

 

Was ging hier vor sich? Wieso ließ jemand im Aufzug sein Smartphone zurück, das sie mühelos entsperren konnte und ein Foto von ihr enthielt, das eigentlich gar nicht existieren konnte? Schließlich hatte sie kein Führerschein und ebenso wenig hatte sie sich in ihrer Vergangenheit je verbotenerweise hinter dem Steuer eines Fahrzeugs gesetzt, um mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Gegend zu rasen. Zumindest soweit sie sich erinnern konnte hatte sie sich niemals ein solches Vergehen zu Schulden kommen lassen. Nein, sie doch nicht. Dafür war sie doch schlichtweg zu scheu. Unsicher wie ein schreckhaftes Reh. Sie würde doch nie unerlaubt Auto fahren und sich und ihre Mitmenschen damit in Gefahr bringen.

 

Oder etwa doch?

 

Immerhin hielt sie hier schwarz auf weiß ein Beleg in ihren Händen, dass zweifelslos bewies, dass sie anscheinend doch einmal entgegen aller Risiken illegal ein Fahrzeug auf dem Straßenverkehr geführt hatte. Aber wenn sie dies tatsächlich getan hatte, was hatte sie zu ihrem Handeln veranlasst? Warum konnte sie sich nicht mal ansatzweise daran erinnern? Und wie kam dieses Bild von ihr auf ein unbekanntes Handy?

 

Zu gern hätte Liz zumindest auf ihre letzte Frage eine Antwort gefunden, doch bevor sie das fremde Smartphone näher erforschen konnte, machte der Akku die Biege und das Gerät schaltete sich aus.

 

Verflucht!

 

Jetzt hatte sie es nicht einmal geschafft jemanden zu kontaktieren, der sie aus dem Fahrstuhl befreien könnte.

 

Was nun?

 

Keine Luft mehr. Keine Chance mehr. Obwohl so ganz stimmte dies auch wieder nicht. So schnell konnte sie erstens den Sauerstoffgehalt in der Aufzugkabine niemals verbraucht haben und zweitens gab es noch Hoffnung, wenn auch die letzte und einzige, die ihr hier drinnen noch zur Verfügung stand.

 

Liz steckte das Handy in die Hosentasche, schritt zu der Bedienfläche mit dem Knöpfen und fand zu ihrem Glück gleich den Knopf mit dem Symbol der gelben Glocke. Sie betätigte ihn, ließ ihn länger gedrückt und murmelte ein Stoßgebet an sämtliche Götter, die ihr aus dem Stehgreif in den Sinn kamen. Und nur wenige Sekunden später schien tatsächlich jemand ihre Worte erhört zu haben, obschon es sich dabei weniger um den Vertreter einer Gottheit handelte, sondern um einen Menschen.

 

„Hier spricht Herr Natas, Hausmeister des Kinos“, stellt ihr Retter in der Not sich vor.

 

Noch nie war Liz so froh darüber die kratzige Raucherstimme von Herrn Natas zu hören, denn soweit es möglich war, versuchte sie üblicherweise einen großen Bogen um ihn zu machen. Dabei wusste sie selbst nicht einmal genau, wieso sie eine allgemeine Abneigung ihm gegenüber empfand, zumal er ihr gegenüber nie ausfallend benommen hatte. Dennoch tat sie stets gut daran ihm aus dem Weg zu gehen. Seit Liz vor etwa einen Monat das erste Mal in diesem Kino Reinigungsarbeiten ausgeführt hatte, war sie lediglich zwei-, dreimal in einem halbwegs längeren Gespräch mit ihm verwickelt gewesen. Wenn nicht sogar noch weniger.

 

„Ich bin überglücklich, dass der Notrufalarm intakt ist und ich Sie erreiche. Der Fahrstuhl ist nämlich steckengeblieben.“

 

„Das habe ich mir schon gedacht. Ansonsten hätten Sie wohl kaum Hilfe über die Notrufzentrale gefordert, oder?“, vernahm sie die raue Stimme von dem Hausmeister.

 

Auf einmal erkannte sie den Grund, weshalb sie ihn so sehr mied. Wenn er redete, klang er genauso wie ihr Ex-Freund, der sie allen Ernstes über Monate hinweg betrogen hatte. Sie hätte ihm seine Seitensprünge wahrscheinlich sogar wieder verziehen, sofern er gemäß der Bedingungen von Liz seine Affäre umgehend beendet hätte und die Frau in den Wind geschossen hätte. Problematisch war es bloß ab dem Punkt geworden, als er ihr zu verstehen hatte geben wollen, dass er ihre Bitte, die Frau in den Wind zu schießen, nicht umsetzen konnte. Es stellte sich nämlich heraus, dass er die ganze Zeit über gar keine zweite Dame beglückt hatte, sondern mit einem Kerl fremdgevögelt hatte.

 

„Bitte, sorgen Sie schnellstmöglich dafür, dass ich aus diesem Ding rauskomme“, bat die Reinigungsangestellte mit den blonden Locken. „Ich leide unter starke Klaustrophobie und halte es hier kaum noch drinnen aus.“

 

„Aber wieso benutzen Sie dann den Fahrstuhl, wenn Sie in engen Räumlichkeiten Panik bekommen?“

 

„Die Türen sind aufgegangen und ich habe ein Handy in der Kabine gesehen. Ich dachte, dass es jemand verloren haben könnte. Also bin ich rein, um es nachher zu den anderen gefundenen Gegenständen abzugeben und dann sind die die Türen plötzlich zugegangen und kurz danach…“, Liz musste nach Luft schnappen, da sie die Sätze ohne Punkt und Komma runtergerattert hatte.

 

„Kurz danach ist jedoch der Fahrstuhl stecken geblieben“, beendete Herr Natas den Satz für sie, ehe sie weitersprechen konnte

 

„Ja, so ist es gewesen“, bestätigte sie kräftig nickend und fügte hinzu. „Ich nehme an, dass es sich um einen Stromausfall handelt, der sich bestimmt schnell beheben lässt.“

 

„Da liegen Sie richtig. Sie sitzen wegen eines Stromausfalls fest und man kann ihn gewiss leicht beseitigen.“

 

„Gott sei Dank!“

 

„Wenn Sie sich noch etwas gedulden können, können Sie bald sogar ihr Dankeschön persönlich aussprechen“, äußerte sich der Hausmeister geheimnisvoll.

 

„Wie meinen Sie das?“

 

Die Stimme von Herr Natas klang wie ausgewechselt, eiskalt und mit einem bösen Unterton angereichert. „Naja, sobald Sie tot sind, begegnen Sie vielleicht Gott im Himmel. Obwohl… Wenn ich es mir Recht überlege, landen Sie als Strafe für ihr herzloses Verbrechen unter Garantie in der Hölle, wo Sie für alle Ewigkeiten schmorren werden.“

 

Liz hatte das Gefühl sich verhört zu haben. „Wie bitte?“

 

„Jetzt tun doch nicht so, als wären Sie das ahnungslose Unschuldslamm!“, herrschte er sie zornig an. „Ihre Masche zieht bei mir nicht!“

 

„Herr Natas, ich habe absolut keine Ahnung, wovon Sie da reden“, spricht sie zittrig.

 

Der Mann am anderen Ende der Verbindung gab daraufhin ein genervtes Schnauben von sich und fuhr etwas gelassener fort. „Na dann werde ich Ihrem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen. Entfernen Sie die Schutzhülle vom Handy.“

 

„Was?!“, spie Liz das Wort kotzübel zumute heraus, als sie begriff, wer der Besitzer des Smartphones war.

 

„Entfernen. Sie. Die. Schutzhülle. Vom. Handy“, wiederholte er abgehackt. „Was daran ist so schwer zu verstehen, Frau Ufer?“

 

Ab diesem Moment hätte sie wirklich beinahe erbrochen, doch sie gewann gerade noch so die Oberhand über ihren Würgereiz.

 

Er hat mich mit meinem Nachnamen angesprochen, obwohl ich diesen vorher nicht bekanntgegeben habe!

 

„Woher wissen Sie, dass ausgerechnet ich hier drinnen bin?“

 

„Wenn Sie nur wüssten, was ich noch alles weiß“, gab er nur nichtssagend Preis.

 

Um ihr herum drehte sich für einen flüchtigen Moment alles im Kreis. Die Kabine schien sich zu bewegten, erst langsam, bald jedoch rasend schnell.

 

„Was wollen Sie nur von mir?“, wimmerte die Blondine den Tränen nahe und musste sich auf den Boden hinsetzen, weil ihr so schummerig zumute wurde.

 

„Ich habe Ihnen doch bereits mitgeteilt, was Sie tun sollen, oder haben Sie das etwa schon vergessen?“

 

Die Situation kam Liz wie eine Szene aus einem neuen Kinofilm vor, der gute Chancen auf eine Nominierung für den Oskar hatte. Sie war in einem Fahrstuhl gefangen, abgeschnitten von der Außenwelt, und der einzige Mensch, der jetzt noch dazu fähig war, sie zu retten, verweigerte ihr die Hilfe. Schlimmer noch: Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass ebendiese Person ihre Hebel im Spiel hatte und den Fahrstuhl vorsätzlich zum Stillstand gebracht hatte.

 

Weil sie nicht wusste, was sie ansonsten machen sollte, holte sie das Handy aus der Hosentasche und zog die rote Schutzhülle ab. Dahinter kam ein kleines Foto zum Vorschein. Auf dem Bild prangte das Gesicht einer jungen, melancholisch lächelnden Frau. Sie besaß eine gelbbraune Hautfarbe und hatte genauso dunkle Augen wie ihre schwarzen, kinnlangen Haare. Liz schätzte sie als Vietnamesin ein.

 

„Und macht es jetzt Klick?“, hörte sie die Stimme aus der Gegensprechanlage nachfragen. „Kapierst du jetzt, wieso ich dich in den Aufzug hereingelockt habe und wieso ich dich nicht mehr rauslasse?“

 

Mit seinem Geständnis hatte sie nun die zweifellose Gewissheit. Es war wie sie befürchtet hatte. Das Handy, das vermeintlich jemandem abhandengekommen war, war in Wahrheit nichts weiter als der Köder, der sie in den Fahrstuhl und somit in die Falle führen sollte. Ebenso war es kein Zufall, dass sie das Handy entsperren konnte. Sie sollte die Blitzeraufnahme finde, das Beweisfoto schlechthin, dass sie mit einem Auto gefahren war, auch wenn sie sich daran nicht erinnern konnte. Zwischen diesem Schwarz-weiß-Bild und der Vietnamesin musste es einen Zusammenhang geben. Nur welchen?

 

Offenbar hatte Herr Natas lang genug vergeblich auf ihre Antwort gewartet, denn er sprach nach einer Pause weiter und dieses Mal sogar Klartext: „Du willst wissen, weshalb all dies passiert? Es geht um die Frau auf dem Foto. Ihr Name ist Ly, war Ly. Und sie ist der Grund für diese Aktion. Ly war meine Verlobte. Wir wollten heiraten, doch dazu kam es nicht mehr. Bei dem Heimweg ihres Junggesellenabschieds wurde sie beim Überqueren der Straße von einem Fahrzeug erfasst, das viel zu schnell und ohne Licht unterwegs gewesen war. Es war mitten in der Nacht und weit und breit war niemand anderes in der Nähe. Der Autofahrer war der einzige Mensch, der noch ihr Leben retten konnte, doch statt ihr zu helfen, hat er sich einfach aus dem Staub gemacht und hat meine Ly voller Elend alleine sterben lassen. Später fand man bei der Untersuchung ihres Leichnams heraus, dass Ly noch lange voller Schmerzen dalag und einen langsamen Tod hatte. Und dass sie im zweiten Monat schwanger war.“

 

Für einen Moment wurde es still im Fahrstuhl, eine gefühlt endlos lange Schweigeminute. Das Herz von Liz schlug im selben Takt wie ihre hektischen Atemzüge und Schweißperlen kullerten ihre Wangen herab, als wären es Tränen. Ihr kam es so vor, als würde die Kabine mit jeder Sekunde schrumpfen und sie früher oder später zerquetschen.

 

„Du Miststück hast Ly überfahren, als du ohne Fahrerlaubnis wie eine Irre durch die Straßen geheizt bist!“, bellte Herr Natas, so plötzlich und laut, dass Liz sich heftig erschreckte. „Und du hast sie zurückgelassen wie ein Stück Vieh, das man mal eben über den Haufen gefahren hat! Du hast drei Leben ruiniert. Ihr Leben, mein Leben und das Leben unseres ungeborenen Kindes! Dafür wirst du bezahlen! Kim Ufer, hiermit verspreche ich dir, dass dich die gesammelten Schmerzen von drei verpfuschten Menschenleben heimsuchen werden! Hier in diesem Aufzug wirst du für deine Schandtat büßen, solange bis du in der Fahrstuhlkabine entweder an deinem eigenen Blut ersäufst oder an deinen verzweifelten Hilfeschreien erstickst!“

 

„Kim Ufer?“, wiederholte sie fragend und blinzelte mehrmals, ehe sich ihre Miene flüchtig aufhellte.

 

Sie fühlte sich hin- und weggerissen zwischen Verwirrtsein und Begreifen. Auf einmal kam ihr alles exakt so vor, wie der Moment, nachdem man aus einem Schlaf erwacht.

 

Zunächst ist man hin und wieder verunsichert, ob sein eigenes Ich derweil nur in seinem Traum oder schon in der realen Welt geweckt worden ist. Unmittelbar nach dem Erwachen benötigt schließlich jeder seine Zeit, um sich zu sortieren und zu erkennen, dass das Geschehen echt ist und nicht Bestandteil einer Illusion. Manchmal geht dieser Vorgang zügiger von statten als bei anderen Malen. Und manchmal genügt bereits eine Kleinigkeit, um wieder wie auf Knopfdruck ganz in seinem Element zu sein und mit einem glasklaren Verstand seine Rolle in der Gesellschaft verwirklichen zu können.

 

„Ich bin aber nicht Kim Ufer“, wollte sie ihm mittels einer deutlichen Betonung zu verstehen geben. „Es muss sich um eine Verwechslung halten. Mein Name ist nämlich Liz Ufer. Ich habe nichts mit dem Tod ihrer Verlobten am Hut. Jemand anderes, eine Frau, die offenbar starke Ähnlichkeiten mit mir hat, ist dafür verantwortlich. Aber ich bin definitiv nicht die Schuldige, nach der sie suchen.“

 

„Wer es glaubt, ist selig“, sagte der Hausmeister bloß ungerührt, was seine Gefangene zum blitzschnellen Aufstehen vom Boden veranlasste.

 

„Sie müssen mir glauben!“, schrie sie in lauter Panik. „Ich habe nichts mit der Sache zu tun! Wenn ich es Ihnen doch sage, ich bin unschuldig! Ich heiße Liz und nicht Kim! Bitte, lassen Sie mich raus!“ Mit ihren Fäusten hämmerte sie gegen die Innenwände des Aufzugs. „LASSEN SIE MICH RAUS! ICH FLEHE SIE AN!“

 

Weinend stütze sie sich zusammengekrümmt mit den Handflächen gegen die Stelle, wo sie eben noch gegen geboxt hatte.

 

„Bitte…“ Sie schluchzte kraftlos. „Bitte, holen Sie mich hier raus.“

 

„Na schön“, ertönte die Stimme von Herrn Natas und dem Gesichtsausdruck der Putzfrau zu urteilen, schöpfte sie neue Hoffnung. „Ich werde den Kurzschluss beheben, damit der Aufzug weiterfahren kann.“

 

„Das ist die richtige Entscheidung, Herr Natas!“

 

Doch dieser hatte noch nicht zu Ende gesprochen.

 

„Aber nur, weil ich den Anblick deiner falschen Krokodilstränen überhaupt nicht ertragen kann“, setzte er fort und lachte. „Vielleicht werde ich schon in wenigen Minuten echte Tränen in deinem Gesicht sehen, sobald ich einen Special-Gast zu dir in die Kabine lasse.“

 

„Special-Gast?“, fragte Liz niedergeschlagen und erbleicht, obwohl sie sich gedanklich eine ganz andere Frage stellte.

 

Herr Natas kann mich sehen? Hier sind also versteckte Kameras installiert! Wie sonst könnte er sehen, dass ich Tränen im Gesicht haben?

 

„Lass dich überraschen.“

 

Ich. Hasse. Überraschungen, dachte sie und musste sich dabei am Riemen reißen, dass sie nicht auffällig links oben in die Ecke schaute, wo sie das Aufblinken der Überwachungskamera erkannt hatte.

 

Nur wenige Augenblicke später ging das Licht in der Kabine wieder an und obwohl Liz sich freuen sollte, dass der Fahrstuhl sich endlich vom Fleck bewegte, sah sie ängstlich wie ein Rehkitz aus, das von einem Wolfsrudel umzingelt worden war. Vielleicht war es der Gedanke, wer der Special-Gast sein konnte, der ihr eine Überdosis Furcht in die Adern injizierte. Eins stand jedenfalls fest: Wer auch immer ihr einen Besuch abstatten würde, würde gewiss nicht auf ein Kaffeekränzchen aus sein.

 

Der Fahrstuhl erreichte den Keller.

 

„Vorhang auf für Klaus Trophobie“, verkündete der Hausmeister fröhlich.

 

„Klaus Trophobie!? Klaus Trophobie, der Serienmörder, der aus der Geschlossenen geflohen ist? Der Klaus Trophobie?“

 

Die Antwort kam nicht von ihm, sondern von dem sich öffnenden Aufzug, vor dem sich ein untergewichtiger Riese von Mann aufhielt, der unverzüglich hereintrat. Liz hatte es ebenso eilig, machte einen weiten Schritt nach rechts und wollte flink an dem Herrn mit der Werkzeugausstattung vorbeihuschen, doch dieser verpasste ihr mit einem seiner Stahlkappenschuhen einen schmerzhaften Tritt gegen das Schienbein. Sie heulte auf und krümmte sich. Der Mann mit der Kappe pendelte seinen Koffer mit Schwung in Richtung ihres Gesichts und Liz konnte nur ganz knapp ausweichen, in dem sie nach hinten taumelte. Nach hinten in die Ecke, in die Zwickmühle.

 

Er griff mit seiner freien Hand zu seiner grünen Kopfbedeckung und warf sie neben sich beiseite. Klaus Trophobie hatte lasierende, gräuliche Augen, die stellenweiße braun gepunktet waren. Wimpern fehlten ihm, als hätte er sie sich regelmäßig vollständig abgeschnitten. Anders verhielt es sich mit seiner Monobraue, die sogar noch buschiger aussah als sein roter Ziegenbart. Seine kleinen Löckchen sind lediglich kranzartig vorhanden und im kahlgeschorenen Bereich der Tonsur findet die Tätowierung eines Embryos Platz.

 

„Grüß dich, mein K“, säuselte Klaus und fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe.

 

„Bitte, lass mich gehen!“, flehte Liz, obwohl sie sich sicherlich nicht mal mehr Hoffnung machte. „Ich bin unschuldig.“

 

„Alles wirklich Böse wird in Unschuld geboren“, versuchte er Ernest Hemingway zu zitieren und klopfte sich auf das tätowierte Embryo.

 

Alles wirklich Böse BEGINNT in Unschuld, korrigierte sie ihn in Gedanken.

 

Laut sagte sie: „Ich… Ich bin aber nicht böse. Ich bin noch nicht mal dein K. Mein Name ist nämlich Liz Ufer.“

 

„Klingt ja fast wie Luzifer“, stellte Klaus glucksend fest. „Und du willst mir weiß machen, dass du nichts Unrechtes begangen hast? Erwartest du etwa, dass ich dir das glaube?“

 

Die Fahrstuhltüren schlossen sich und Liz wusste, dass sie überzeugender auftreten würde müssen, wenn sie diesem Irren nicht zum Opfer fallen wollte.

 

„Bring es zu Ende, Klaus. Sie labert nur Quatsch“, befahl Herr Natas.

 

War ja klar, dass er auch genauso wie mein Ex immer seinen Senf dazugeben muss.

 

Klaus legte Tasche und Koffer vor sich hin und wollte die große Säge bereits herausnehmen.

 

„Warte.“

 

Er zögerte und sah zu ihr auf.

 

„Was ist, wenn ich dir beweisen kann, dass ich nicht dein K bin, sondern wirklich Liz Ufer heiße? Verschonst du mich dann?“

 

„Und wie willst du es mir beweisen?“

 

„Das wirst du gleich erfahren“, versicherte sie ihn. „Aber vorher musst du dich darum kümmern.“ Ihr Zeigefinger schnellte nach oben, geradewegs in Richtung der Überwachungskamera. „Wenn du sie kaputtmachst, werde ich dir einen Beleg für meine Identität aushändigen.“

 

Er kratzte sich am Hinterkopf. „Und wieso sollte ich dies tun und dich nicht einfach töten?“

 

„Weil ich doch ganz genau weiß, dass der Buchstabe K dein Lieblingsbuchstabe ist“, setzte Liz alles auf eine Karte. „K wie Klaus. K wie Killer. Willst denn deinen Favoriten einfach überspringen?“

 

„Auf keinen Fall“, kam die Antwort schnell wie ein Pistolenschoss aus ihm gefeuert.

 

„Aber genau darauf läufst du gerade Gefahr, denn mein Vorname lautet Liz. Ich bin ein L und nicht dein K. Ich kann beweisen, dass du einen Fehler gemacht hast.“

 

Innerhalb einer Sekunde wurde Klaus knallrot im Gesicht. „ICH MACHE KEINE FEHLER!“

 

Liz fasste sich mit den Händen vor den Mund, als könnte sie damit den erschrockenen Aufschrei einsperren.

 

„Beruhige dich, beruhige dich!“, redete sie auf ihn ein. „Selbstverständlich hast nicht du den Fehler gemacht! Nicht du! Du-“

 

„Ich!“, knurrte Klaus unterbrechend mit knirschenden Zähnen. „Mache! Keine! Fehler!“

 

Mit diesen Worten zertrümmerte er mit bloßen Händen die Überwachungskamera und Liz jubelte innerlich.

 

Gleich würde sie ihm ein Personalausweis zeigen, der zweifellos ihre Identität bewies. Klaus konnte nicht wissen, dass sie eine eineiige Zwillingsschwester besaß und sich von ihr lediglich den Ausweis geborgt hatte. Sie hatte die ganze Zeit nur so ahnungslos getan, doch in Wahrheit war all dies nichts weiter als ganz großes Kino gewesen. Ihre Schwester Liz hatte mit ihrer Lebensweisheit komplett recht: Teuflisch gefährlich sind die vermeintlich engelhaft wirkenden Personen, die wegen ihrer augenscheinlichen Unschuld gleichermaßen Gut und Böse hinters dunkle Licht führen können.

 

15 thoughts on “Ganz großes Kino

  1. So Adam, diese Geschichte habe ich nun auch gelesen, fehlt also nur noch 1. !

    Die hat mich allerdings nicht so gepackt wie „ wenn Wände weinen „ ist aber auch schwer! Weil die ist einfach was ganz besonderes!
    Allerdings zeigt sich in dieser Geschichte wie facettenreich du bist und das du nicht auf einen Schreibstil festgelegt bist. Das muss man auch erstmal schaffen!

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

    1. Danke für deine Meinung und ich freue mich echt, dass du dir die Zeit für jede meiner Geschichten nimmst 🙂

      Hier noch ein kleiner Einblick zu „Ganz großes Kino“:
      Eigentlich war dies ursprünglich die einzige Geschichte, mit der ich teilnehmen wollte, doch beim Schreiben sind mir zwei weitere Ideen eingefallen. Und natürlich konnte ich nicht anders, als zu diesen Einfällen auch eine Geschichte zu schreiben. Am Ende bin ich infolgedessen in Zeitnot geraten, sodass ich die eigentliche „Hauptgeschichte“ nicht mehr so wie geplant schreiben konnte und das Ende gekürzt habe.

      Ich hatte nämlich anfangs noch die Idee, dass die Protagonistin es schafft Klaus Trophopie zu überreden, dass Herr Natas ihn nur reinlegen wollte. Als Klaus die Kamera zerstört und er in Zusammenarbeit mit der Putzfrau den Mord vortäuscht. Der ahnungslose Herr Natas möchte Klaus nach getaner Arbeit wieder aus dem Fahrstuhl lassen, muss dann aber sehen, dass er sie nicht getötet hat. Klaus zerrt diesen in den Aufzug und am Ende wendet sich das Blatt. Liz sitzt gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester vor einem Laptop und verfolgt über eine eigens platzierte, geheime Kamera, wie Klaus den Mord an den Hausmeister begeht. All dies war ein Geburtstaggeschenk für ihre Zwillingsschwester, die sich dieses Jahr „ganz großes Kino“ gewünscht hat. Nachdem Klaus Herrn Natas ( rückwärts gelesen heißt er übrigens Satan ) zerstückelt hat, um den Buchstaben zu formen, taucht die Polizei auf, die auf das engelhaft, scheinbar unschuldige Auftreten von Kim genauso reinfallen wie zuvor der Serienkiller, der direkt wieder in die Psychiatrie landet.

      Vielleicht interessiert dich ja dies, Frank. Was hältst du von dieser Idee, die ich eigentlich hatte? Würdest du mir raten, die Geschichte noch so zu verändern, falls sie es nicht ins E-Book schafft?

      Alles Liebe 🙂
      D
      A
      M

  2. Hallo lieber Adam,

    ich habe gerade Deine Idee zu der veränderten Version Deiner Kurzgeschichte gelesen und musste sofort an The Game denken mit Michael Douglas. Mir gefällt die alternative Idee sogar ein wenig besser als die, die Du hier umgesetzt hast, wobei ich das gewählte Ende von Dir auch schon ziemlich cool finde.

    Der Plot ist ziemlich komplex und eigentlich zu schade dafür, in den Rahmen einer Kurzgeschichte gepresst zu werden, denn ich würde gerne so viel mehr erfahren: über den entlaufenen Serienmörder und mehr über Liz, deren Vergangenheit ja auch einiges zu bieten hat.

    Vielleicht baust Du sie ja noch aus, fände ich super spannend!

    Vielleicht hast Du ja auch Lust, meine zu lesen, würde mich interessieren, wie sie Dir gefällt, sie heißt Räubertochter.

    Liebe Grüße
    Anita

    1. Hi Anita,

      Danke, dass du mir nicht nur über meine Geschichte sondern zu dem alternativen Ende eine Rückmeldung hinterlassen hast! Ich habe schon seit einiger Zeit überlegt, ob ich lieber das eigentlich geplante Ende nehme und die Geschichte dahin gehend umändere. Allerdings weiß ich gar nicht genau, ob man dies überhaupt noch darf. Weißt du zufällig, ob man noch dazu berechtigt ist Teile seiner Geschichte zu verändern? Schließlich ist der Zeitraum zum Schreiben längst vorbei…

      Deine „Räubertochter“ werde ich mir nur ungern entgehen lassen 😀

      Alles Liebe
      D
      A
      M

  3. Lieber Adam, mega Geschichte! Du hast die Parameter super kreativ umgesetzt. Deine zweite Version aus den Kommentaren gefällt mir fast noch besser. Da setzt du nochmal einen drauf. Aber auch so ist es eine klasse Geschichte, die ich wirklich sehr gerne gelesen habe.

    1. Hey Andrea!

      Auch hier möchte ich noch ein herzliches Dankeschön für dich dalassen, dass du dir die Zeit genommen hast, um meine Geschichte zu lesen und zu kommentieren. Es macht mich glücklich, wenn ich dich für ein paar Minuten gut unterhalten konnte. Ebenso bedanke ich mich dafür, dass du dir meine zweite Version für das Ende durchgelesen hast und mir dazu eine Meinung abgegeben hast.
      Alles Liebe 🙂
      D
      A
      M

  4. Hallo Adam,
    jetzt habe auch ich deine Geschichte lesen dürfen und ich muss sagen sie ist wirklich richtig gut. Du hast die Parameter toll umgesetzt, raffiniert gemacht mit dem Handy im Fahrstuhl als Lockvogel. Spannung vom ersten Moment an, und diese auch sehr gut gehalten. Du hast auch einen unglaublich tollen Schreibstil. Zudem ist deine bildhafte Beschreibung so toll, dass man richtig in der Geschichte auftaucht. Der Plot ist klasse, aber auf den Schluss wäre ich nicht gekommen.
    Wie von den anderen schon erwähnt, könntest du daraus noch viel mehr machen, aber hier ging es ja um eine KG. Was dich aber nicht hindert, es jetzt zu tun 😉
    Also was ist schlimmer, alleine in einem Fahrstuhl oder mit einer dir unbekannten Person? Jetzt weiß ich, dass es darauf ankommt, wer die unbekannte Person ist 😉
    Mein ❤ hast du und ich drücke dir ganz feste die Daumen fürs ebook!
    Hab noch einen schönen Sonntag
    Liebe Grüße frechdachs 🙃😊

    1. Hi Frechdachs 🙂

      Schön zu lesen, dass dir meine Geschichte gefallen hat und danke, dass du mir auch diesen lieben Kommentar geschrieben! Es freut mich, dass du meine Art zu schreiben magst!

      Und hier habe ich noch eine andere Frage an dich. Was ist schlimmer: Wenn dein Täter ein Psychopath ist oder wenn du als Täter ein Opfer hast, indem ein gerissener Psychopath schlummert?

      Alles Liebe 🙂
      D
      A
      M

  5. Lieber Adam,

    teilweise haben wir sehr ähnlich gedacht. In meiner Geschichte spielt der stehengebliebene Fahrstuhl auch eine ausschlaggebende Rolle. Die Szene als jemand hinzusteigen soll, ist wirklich gruselig.
    Spannende Geschichte mit einigen Ideen.
    Mein Like hast du.

    Herzliche Grüße
    Nina
    (Geschichte: „Tot, ohne zu sterben“)

    1. Hi Nina 🙂

      Ja, das stimmt! Unser gleicher Ansatz mit dem Fahrstuhl ist echt krass! Ich mag es aber auch total, dass du deinen Job in der Story mit eingegliedert hast und dein Sprachstil ist echt tiptop 🙂

      Danke, dass du bei mir vorbei geschaut hast und mich unterstützt! Die Idee zu mit dem Fahrstuhl und so weiter kam mir übrigens während der Arbeit in einem fast vollständig leeren Kino. Ich habe mich spontan gefragt, wie furchtbar es nur wäre, wenn man mit einem Killer im Aufzug stecken bleibt und keiner einem helfen kann. Und ich habe mir überlegt, ob es vielleicht doch eine Möglichkeit gibt, wie man lebend wieder raus kommt…

      Alles Liebe
      D
      A
      M

  6. Hallo Adam

    Und wieder eine Geschichte vom Ausnahmetalent.

    Da wir hier nicht gemütlich bei Kaffee und Kuchen sitzen, und ich dich bereits jetzt viel zu sehr schätze, nun also Tacheles und die reine Wahrheit.
    Nichts Anderes bringt uns weiter.

    Ich habe diese Geschichte gelesen und auch das von dir erwähnte alternative Ende.
    Ich gebe zu, dass mir die andere, ursprünglich geplante Version besser gefallen hätte.

    Dein Schreibstil ist und bleibt genial und außergewöhnlich. Vor allem, wenn man sich vorstellt, wie jung du bist.

    Dennoch bleibst du hier hinter deinen Möglichkeiten zurück.

    Die Idee der Story ist gut durchdacht und intelligent. Und äußerst spannend.
    Bis zur Mitte der Geschichte war auch noch alles okay.

    Das Ende hat mich leider nicht mehr gepackt.
    Ich persönlich fand die Namensgebung unglücklich und too much.
    Und das schlussendliche Finale hat mich auch nicht erreichen können.
    Es wirkte mir in der dargestellten Version zu „klein“ und zu 08 15.
    Zudem verbleiben viele Fragen in meinem Kopf, die ich hier jedoch nicht alle stellen werde. Das können wir gerne mal persönlich am Telefon bequatschen, wenn du magst, oder per DM auf Instagramm.

    Es ist mir viel wichtiger, an dieser Stelle etwas Anderes loszuwerden.

    Lieber Herr Kollege
    Lieber Adam

    Du hast einen Fehler gemacht, den man als Schreiber niemals machen sollte.

    Du bist BEWUSST hinter deinen Möglichkeiten geblieben.

    Du planst eine gute Story, denn die geplante, ursprüngliche Version wäre super geworden, schreibst sie aber nicht.

    Stattdessen schreibst du zwei andere Geschichten, von denen eine, nämlich „Wenn Wände weinen“, die andere lese ich später, ein literarisches Großereignis ist.
    Ein Kunstwerk.
    Ein Geniestreich.

    In „Wenn Wände weinen“ zeigst du all dein Können. Deine unfassbar große Klasse und Begabung.
    Unabhängig von deiner 3. Geschichte, ist wenn „Wenn Wände weinen“ für mich eine Sensation.

    Und irgendwann kommst du zurück zu deiner ersten Geschichte. Du spürst, dass du zu wenig Zeit und Muße hast. Dass du das Ende kürzen musst, um sie „irgendwie mit Ach und Krach“ noch fertig zu bekommen.

    Mein geschätzter Kollege

    Lass dir von einem alten Mann sagen, dass das ein Fehler war.

    Kein authentischer Schreiber der Welt veröffentlicht ein Baby, einen Text, der eigentlich anders geplant viel besser gewesen wäre. Den er nicht zu 100 Prozent liebt, der „nachgeschoben“ wirkt.

    Man spürt, man fühlt DICH in dieser Geschichte zu wenig.
    Sie ist im Gegensatz zu „WWw“ eine komplett durchschnittliche Story.

    Verstehe mich nicht falsch.
    Diese Story hier ist nicht komplett durchgefallen. Da gibt es auch auf wirschreibenzuhause deutlich schlechtere.

    Sie ist in meinen Augen deshalb nicht gut, weil sie von dir ist, und eben doch nicht zu 100 Prozent von dir.

    Weißt du, du wirkst in dieser Geschichte wie ein 4-Sterne-Koch, der die Königin von England bekochen darf.
    Er plant ein fürstlich kreatives 8-Gänge Menü, mit allen Raffinessen und Überraschungen. Er vermasselt jedoch seine Zeitplanung und kredenzt stattdessen eine ordentliche aber einfache Erbsensuppe.

    Nichts gegen Erbsensuppe.
    Ich liebe Erbsensuppe.

    Ich stelle mir jedoch während dieses Essens mit der Königin den Organisator dieses Events vor, der deine Kochkünste kennt und dich genau deshalb auch gebucht hat.

    Auch wenn die von dir zubereitete Suppe gut ist, der Kerl, der ein paar Wochen zuvor ein 8-Gänge-Testmenü von dir genossen hat, wird leicht enttäuscht sein.

    Adam, ich hoffe, du verzeihst mir.
    Wir kennen uns nicht, und dennoch haue ich dir solche Sachen an den Kopf.

    Aber ich weiß, dass du verstehst, dass hinter meinen Worten keine böse Absicht steckt.
    Das Gegenteil ist der Fall.

    Ich will dich nicht klein machen, sondern groß.

    Veröffentliche immer nur Geschichten, die zu 100 Prozent du selbst sind. Die dir zu 100 Prozent selbst gefallen. Die zu 100 Prozent ausgearbeitet, lektoriert, gestylt, gefühlt sind. Vor die du dich bodyguardmäßig stellst, wenn jemand mit ner Knarre vor ihr steht.

    Ein gebuchter, stolzer Sternekoch verzichtet nicht auf sein Menü, um Erbsensuppe zu servieren. Dann kocht er lieber erst gar nicht.

    So.
    Und jetzt komme ich also endlich mal zum Schluss.
    (Ich muss ja schließlich noch deine 3. Geschichte lesen. Versprochen ist versprochen 🙂 ).

    Mein Like hast du natürlich sicher. Denn deine Erbsensuppe war okay.
    Obwohl ich lieber dein Menü genossen hätte.

    Schreib weiter !!!!!!!

    Denn da schlummert eine unglaubliche literarische Kraft in dir.

    Und sei dem alten, knorrigen Münsterländer nicht böse.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    „Die silberne Katze“

  7. Hallo Adam,
    Ich fand deine Geschichte toll, auch wenn ich mich manchen vorherigen Kommentaren anschließen muss, die Alternative gefällt mir fast ein bisschen besser 🙂. Aber das ist ja Geschmackssache und ich fand die Geschichte so ja auch trotzdem toll. Deine Umschreibungen sind klasse, ich hatte immer direkt ein Bild vor Augen. Daher bekommst du von mir auch ein Like und ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg 🍀.

    Ganz liebe Grüße

    Maddy

    P. S Meine Geschichte heißt „Alte Bekannte“ 🙈 und ich würde mich freuen wenn du sie liest und mir ein Feedback gibst ☺️.

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