JuleGehörlos

7+

5 Jahre zuvor

Johanna schlug ihre Augen auf. Alles was sie sah, waren Augen, die sie anstarrten. Mit weißen Kitteln gekleidet standen 5 Ärzte um ihr Bett herum und warteten hoffnungsvoll auf eine Reaktion von ihr. Johanna konnte sehen, wie sie wild gestikulierend diskutierten, aber sie konnte kein Wort verstehen. Nicht, weil sie in Peru war und die Menschen hier alle spanisch sprachen. Nein. Alles, was Johanna wahrnahm, waren die Bewegungen der Lippen. Kein Ton. Kein Geräusch. Nichts.

„Ich höre nichts mehr. Wieso höre ich nichts mehr?“, begann Johanna in den Raum zu schreien und plötzlich hörten die Ärzte auf zu diskutieren und 5 Augenpaare starrten sie nur noch an. Sie zappelte. Sie schlug um sich, aber ihre Hände bewegten sich kaum von ihrem Körper weg. Wieso bewegt sich meine Hand nicht? Bin ich tot? Johanna sah einen der Ärzte, der sich ihr näherte. Sie spürte, wie sich etwas um ihr Handgelenk fester zuzog. Wieder begann sie zu zappeln. Zu schreien. Johanna blickte zu ihren Händen. Sie waren festgebunden. Wieso bin ich gefesselt? Eine Träne kullerte ihr übers Gesicht. Eine der Ärzte trat näher an ihr Bett heran und sie spürte einen kleinen Stich. Dann wurde ihr ganz warm und alles um sie herum wurde schwarz.

 

Heute

3.43 Uhr. Schon gefühlt das 10. Mal, dass Johanna in dieser Nacht auf die Uhr schaute und dabei war sie sich eigentlich ziemlich sicher, dass es schon Zeit war aufzustehen. Jede Nacht dasselbe.

Jede Nacht taucht das Bild in ihren Träumen auf. Von Jonathan, ihrem Chef, der wild gestikulierend mit seinem 5000€ teuren Anzug, seinen schmierig zurück gegelten Haaren, die so aussahen als hätte er eine Woche lang nicht geduscht, seinem Bierbauch und rosa Tuch um den Hals, mit einem Zettel in der Hand in ihr Büro gestürmt kam.

Johanna, du weißt ich habe dir die Möglichkeit gegeben an deinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Aber du kannst dir nicht alles erlauben. Du kannst hier nicht kommen und gehen, wann du willst. Wo würde das denn hinführen, wenn jeder hier einfach tun und lassen kann was er will? Das ist deine letzte Mahnung. Wenn du noch einmal zu spät kommst, dann muss ich dir kündigen, stand auf seinem Wisch, den er ihr mit hochrotem Kopf auf den Schreibtisch klatsche, um sich dann wutentbrannt mit einer 180° Drehung wieder auf den Weg in den Flur zu machen.

Sie war froh, dass sie wenigstens von seiner Stimme verschont blieb. Der einzige Vorteil, der sich ihrem Leben jetzt bot – kein schrille Stimme von Jonathan, Streitereien denen man einfach aus dem Weg gehen konnte, keine nervigen Kollegen, die ständig was von einem wollten und keine Telefonate mehr, die sie sowieso mehr als alles andere hasste, vor allem wenn es mal wieder um einen der Nachbarschaftsstreite ging, weil sich die Katze von Herr Huber einen Fisch aus dem Teich von Herr Müller angelte.

Es vibrierte neben ihrem Kopf. Irgendetwas zog an Johannas Hand. Sie schreckte hoch und schaute auf die Uhr. Es war ihr Handy das ununterbrochen vibrierte und ihr Hund Simba, der an ihrer Hand zog. Sie drehte ihr Handy mit dem Bildschirm nach oben und sah 13 verpasste Anrufe in Abwesenheit. Alle anrufe waren von Timo, ihrem besten Freund – aber wieso? Sie schaute auf die Uhr.

08.03 Uhr. Verdammt! Sie muss wohl wieder eingeschlafen sein. In genau 27 Minuten sollte sie auf der Arbeit sein. Das erklärt auch die ganzen verpassten Anrufe. Jeden Morgen schrieb Johanna Timo eine Nachricht und wenn sie das nicht machte oder vergaß, dann rief er solange an, bis sie ein Lebenszeichen von sich gab. Das hatten sie so vereinbart, damit sie nicht mehr zu spät kam. Scheinbar hatte sie ihren Wecker mal wieder überhört. Naja, überhört kann man das wohl eher nicht nennen, eher nicht gespürt, denn als Gehörlose bringt ein normaler Wecker, der klingelt, nicht viel. Sie hätte vielleicht doch auf Timo hören sollen und sich keinen Wecker mit Lichtsignalen kaufen sollen, sondern einen mit Vibration, obwohl der mit Lichtsignalen bessere Bewertungen hatte. Schon wieder vibrierte ihr Handy. 8.07 Uhr. Mist, und sie sollte vielleicht auch lieber aufhören so viel nachzudenken und sich lieber fertig machen. Bin wach, schrieb sie Timo schnell, damit ihr Handy Ruhe gab. Dann sprang sie aus dem Bett, stolperte über Simba der sich nach seiner ‚Frauchen- Weck- Aktion‘ wieder vor ihr Bett gelegt hatte, stürmte aus dem Schlafzimmer eine Ecke weiter in ihr Ankleidezimmer. Sie streifte das Snoopynachthemd über ihren Kopf, warf es in die Ecke und zog sich grau gestrickte Kniestrümpfe und ein schwarzes Kleid an.

Fürs Zähneputzen reichte es jetzt nicht mehr, also musste die Mundspülung reichen. Johanna bürstete noch schnell ihre langen braunen, lockigen Haare, die heute Morgen mal wieder so aussahen, als hätte sie in eine Steckdose gefasst, machte sich einen Dutt und zog sich noch eine schwarze Lederjacke an.

Sie stampfte mit ihren Füßen dreimal auf den Boden und rief «Siiiiimba, komm wir gehen.» Naja, zumindest dachte sie das sie das rief, sie konnte es ja nicht selbst hören. Aber da sie ja schließlich bis vor 5 Jahren noch hören konnte und nicht gehörlos auf die Welt kam, hatte sie das Sprechen gelernt. Das stampfen auf den Boden war nurmehr zur Sicherheit, falls sie eben doch nicht das sagte, was sie hoffte zu sagen. Sofort sah sie ihren kleinen Labrador- Pudel Mischling auf sich zu rennen. Johanna nahm Simba an die Leine, hängte sich ihre Tasche um, kontrollierte nochmal ob alle Fenster geschlossen waren und schloss dann die Tür hinter sich ab. 8.13 Uhr. Mist, den Bus haben wir verpasst, also müssen wir laufen. Wenn wir uns beeilen dann könnten wir es sogar schaffen, dachte sie sich noch.

Die Kanzlei war von Johannas Wohnung aus zu Fuß zu erreichen. Den Bus nahm sie nur in äußersten Notfällen, die sich in letzter Zeit häuften. Schon oft war sie kurz davor, den Job als Sekretärin zu kündigen, hätte Jonathan ihr nicht das Angebot gemacht, vorher erst von zuhause aus zu arbeiten, bis sie psychisch soweit stabil war, um sich aus dem Haus zu trauen. Johanna wollte dem Ganzen eine Chance geben, zumal ihr Job auch nicht gerade schlecht bezahlt war, was ihr ja überhaupt erst die Möglichkeit gab, aus der alten 2 Zimmer Erdgeschosswohnung am Waldrand in die neue, belebte Umgebung zu ziehen, denn dort am Waldrand hätte sie es keinen Tag länger ausgehalten.

 

 

4 Jahre zuvor

Johanna war gerade ein halbes Jahr aus Peru zurückgekehrt und begann langsam erst zu realisieren, was das für sie alles bedeuten würde. Es hatte ihr ganzes Leben verändert. Dabei wollte sie nur 3 Wochen Urlaub machen. Durch Peru reisen. Keiner konnte wissen, dass sie sich eine so schlimme Grippe einfing, dass sie auf der Intensivstation landete. Und keiner konnte auch nur ansatzweise ahnen, was das Antibiotikum, das sie bekam, für Auswirkungen hatte und sie gehörlos machte. Ihr kleiner Hund Simba half ihr sehr viel alles zu verarbeiten und machte ihr Leben so ein großes Stück einfacher für sie. Timo, ihrem besten Freund, war sie so dankbar, dass er ihr an ihrem 28. Geburtstag den kleinen Hund schenkte, obwohl er selbst noch immer unter dem Verlust seiner Schwangeren Verlobten Nina litt, die aufgrund eines tragischen Treppensturzes zu Tode kam.

Johanna kam gerade mit Simba von einem Spaziergang zurück, es war schon dunkel, aber noch sommerlich warm draußen. Sie nahm sich eins ihrer Lieblingsbücher und setzte sich in ihre eine kleine Sitzecke, die sie sich auf der Terrasse eingerichtet hatte, mit Blick auf den Wald und den kleinen Teich, der davor lag.

Simba lag wie jeden Abend neben ihr, aber irgendwas machte ihn unruhig. Anstatt wie jeden Abend mit seinem Kopf auf ihrem Bauch zu liegen und zu dösen, saß er in Habachtstellung neben Johanna und starrte in die Dunkelheit.

Johanna blickte durch den Garten, um zu sehen, was sich hier verändert hatte, seit sie von ihrem Spaziergang zurückgekommen waren.

Das Gartentor war verschlossen. Die kleine Wegbeleuchtung war bis auf eine Lampe an, die schon seit Jahren kaputt war, seit sie mit Timo im Garten Boccia spielte und aus Versehen die Lampe traf. Die Tür ihres kleinen Gerätehäuschens war verschlossen. Die Schaufel, der Besen und eine Hacke hingen fein säuberlich an den Haken, die sie erst letzte Woche dort angebracht hatte. Alle Kissen der Sitzecke lagen genau dort, wo sie sie vor dem Spaziergang hingelegt hatte.

Moment. Wieso konnte sie aber die Gartengeräte so gut erkennen? Es war doch dunkel? Ihr Blick wanderte langsam zurück in Richtung Gartenhäuschen und ihr wurde auf einmal ganz übel. Das Licht war an.

Sie redete sich ein, dass sie einfach vergessen hatte, das Licht auszumachen, nachdem sie gestern die Haken für die Gartengeräte angebracht hatte.

Sie blickte zu Simba, der inzwischen neben ihr auf der Sitzbank stand. Ihr Blick wanderte erneut zu dem Gartenhäuschen und das Licht war aus. Johanna schüttelte den Kopf, dachte geträumt zu haben und griff zu ihrem Buch, das sie neben sich abgelegt hatte, aber sie griff ins Leere. Ihr Blick wanderte nach links und sie war wie gelähmt. Ihr Hals schnürte sich zu, so wie damals, als sie aufwachte und keinen Ton verstand, was die Ärzte um sie herum sprachen. Es war nicht mehr da. Ihr Buch war verschwunden, als hätte es nie existiert. Simba packte ihre Hand, zog sie zurück in die Wohnung. Am nächsten Morgen fand sie ihr Buch im Briefkasten wieder und sofort war ihr klar, dass sie nur noch weg von hier wollte.

 

Heute

Simba hielt Johanna davon ab weiter zu gehen, aber sie war so in Gedanken was sie Jonathan heute sagen würde, wieso sie es mal wieder nicht pünktlich auf die Arbeit schaffte, dass sie nicht sehen konnte, wieso sie stehen bleiben sollte. Johanna konnte sich gerade noch mit den Händen und Knien abfangen, um nicht kopfüber auf dem Gehweg zu landen. Kurz lag sie da, wusste nicht was gerade geschehen war und  schaute sich kurz um. Keiner hatte ihren Sturz bemerkt, alle waren viel zu sehr mit sich selbst und ihren Handys beschäftigt. Zum Glück. Sie war froh, wenn keiner kam, um ihr zu helfen. Viel zu sehr hasste es Johanna, alle Leute mit wilden Handbewegungen wegzuschicken, die keiner verstand. Sowieso war sie froh, überhaupt keine Menschen außer Timo in ihr Leben zu lassen, weil keiner Johanna so verstehen konnte, wie er es tat. Sie kannten sich schon lange, waren zusammen in der Abschlussklasse.

Johanna betrachtete ihre zierlichen, gepflegten Hände. Nur ein kleiner Kratzer, stellte sie fest, aber nicht weiter schlimm. Langsam ging sie in die Hocke, um den Dreck von den Schuhen zu wischen. Gerade wollte Johanna sich aufrichten, um sich kurz zu strecken, als sie entdeckte, worüber sie eigentlich gestolpert war.

Es war ein schwarzes Handy. Sie schaute sich um, ob es irgendjemand verloren haben könnte, aber keiner nahm Notiz von ihr. Jeder war so mit sich selbst beschäftigt, dass Johanna es für unwahrscheinlich hielt, dass es gerade erst jemand verloren haben muss. Sie nahm es in die Hand und drehte es um. Rechts oben war ein kleiner Kratzer und auch überhaupt war die Rückseite recht verdreckt. Es muss also schon länger hier gelegen haben, dachte sie sich.

Simba forderte Johanna auf, weiter zu gehen. Er zog an der Leine und bei dem Blick auf die Kirchturmuhr, die am Ende der Straße zu erkennen war, sollte sie sich schnellstmöglich auf den Weg zur Arbeit machen, wenn sie nächsten Monat nicht auf der Straße leben wollte.

Johanna beschloss das Handy vorerst mitzunehmen und steckte es in ihre Tasche. Bestimmt ist es jemandem, der nicht so Smartphone fixiert ist, wie all die anderen Menschen, die gerade unterwegs sind, aus der Tasche gefallen, dachte sie sich. Nach der Arbeit wollte sie es dann im Fundbüro um die Ecke der Kanzlei abgeben. Irgendjemand wird bestimmt schon danach gesucht haben.

8.31 Uhr. Die eine Minute, die ich zu spät bin, ist bestimmt noch keinem aufgefallen, dachte sie sich, während sie zusammen mit Simba in den 3. Stock hoch stürmte, weil der Aufzug mal wieder kaputt war.

Gerade wollte sie die Tür zu ihrem Büro aufschließen, da tippte jemand an ihre Schulter. Sie schnellte herum und blickte direkt in die funkelnden Augen von Jonathan, der ganz und gar nicht erfreut war. Mal wieder war Johanna froh, seiner schrillen Stimme entkommen zu können. Er zog die Schultern hoch, verschränkte die Arme vor seinem kugeligen Bauch, der heute irgendwie noch etwas runder aussah, als die Tage zuvor und sah sie mit seinem typisch schnippischen Blick an. Johanna drehte den Schlüssel ihrer Glastür noch einmal herum, schnappte sich Zettel und Stift und schrieb nur:

Sorry, fremdes Handy auf der Straße gefunden. Hat niemandem gehört, hab es mitgenommen und werde es später abgeben.

Noch während er sich ihre kurze Erklärung durchlas begann er mit seinen Augen zu rollen, zeigte ihr einen Vogel und verschwand kurzer Hand aus Johannas Büro. Simba hatte sich in der Zeit bereits unter den Schreibtisch gelegt und war eingeschlafen. Johanna wusste, dass er ihr nicht glauben würde und ihr war klar, was als nächstes passieren würde.

In spätestens 5 Minuten würde er erneut mit einem Zettel hereingestürmt kommen, allerdings zum letzten Mal. Dann, so war sich Johanna ziemlich sicher, würde es die Kündigung sein. Johanna griff in ihre Tasche, schnappte sich das Handy und eilte mit großen Schritten den langen Flur entlang, ignorierte die Blicke ihrer Kollegen, die sich gerade an der Kaffeemaschine bedienten. Sie spürte genau, wie sie die Blicke durchbohrten und lief schneller in Richtung Chefbüro. Ohne anzuklopfen lief sie hinein, legte Jonathan das Handy auf den Tisch, um zu beweisen, dass sie dieses Mal die Wahrheit gesagt hatte.

Er sah kurz zu Johanna hoch, nahm das Handy in seine linke Hand, da seine rechte voll mit Kekskrümeln war. Jonathan schaute sich das Handy an, drehte es ein paar Mal im Kreis, nahm eines seiner Taschentücher, das in seiner Sakkotasche steckte, um es abzuwischen und lies es langsam in seinen Aktenkoffer gleiten. Dabei hatte er Johanna immer im Blick. Dann nahm er sich Zettel und Stift und erklärte Johanna, dass er es ja auch einfach ins Fundbüro oder zur Polizei bringen könnte, wenn sie es nur gefunden hatte. Johanna war es gerade recht, dann konnte sie sich nach der Arbeit noch mit Timo verabreden. Sie zuckte mit den Schultern, nickte und verließ das Büro. Jonathan machte große Augen, lies den Zettel aus der Hand fallen, der in mehreren Kreisen Richtung Parkettboden glitt. Er merkte sofort, dass er ihr Unrecht getan hatte, brachte es aber nicht über seinen Stolz ihr zu folgen, um sich zu entschuldigen.

Johanna ging zurück in ihr Büro, wo sie fast über Simba stolperte, der von seinem Schlafplatz aufgestanden war, um zu sehen, wo sein Frauchen so schnell hin verschwunden war und nun mit dem Kopf auf den Flur lugte, der Rest des kleinen Hundekörpers noch in Johannas Büro. Ich weiß genau, dass er ein schlechtes Gewissen hat. Er ist aber viel zu stolz, um mir das zu sagen, dachte sich Johanna. Spätestens in 10 Minuten wird er mir eine Mail schicken mit: Wir haben heute nicht viel zu tun, du kannst heute um 14 Uhr nach Hause gehen. Schönes Wochenende

Seine Art von Entschuldigung.

Keine 10 Minuten später trat genau das ein, was Johanna vorausgesagt hatte. Sie nahm ihr Handy in die Hand, um Timo zu schreiben. 14.15 Uhr im Kaffee Bohne? schrieb sie ihm. Sie wusste er hatte um 13.45 Feierabend von seiner Schicht und würde mit dem Bus 653 um 14.10 Uhr an der Haltestelle ‚zum Marktplatz‘ ankommen.

Ok. kam zurück. Sie hasste solche Nachrichten. Aber so war Timo eben. Kurze Nachrichten, ohne viel drum herum. Trotzdem lies die Nachricht ihr Herz schneller schlagen und sie freute sich ihn zu sehen.

Die Zeit im Büro verging wie im Flug. Es war nichts Besonderes mehr passiert. Wie immer war sie um 12.00 Uhr während ihrer Mittagspause mit Simba eine kleine Runde im Park spazieren und holte sich an dem Kiosk ein belegtes Brötchen und einen Kaffee. Die Besitzerin kannte sie inzwischen schon und wusste genau, was sie wollte. Zurück im Büro begegnete sie ihrem Chef, der sie verlegen anschaute und sie konnte ihm ein ‚Sorry‘ von den Lippen -ablesen, das er in die Luft hauchte.

Um 14.00 Uhr drehte Johanna den Schlüssel im Schloss herum und verlies mit Simba, dessen Schwanz immer mehr zu wedeln begann je näher sie sich dem Ausgang näherten, die Kanzlei. Die Sonne schien und es war warm genug, die Jacke auszulassen. Johanna konnte Timo schon sehen, als sie gerade über den Marktplatz lief. Er saß an einem kleinen runden Tisch in der Sonne und hatte bereits einen Cappuccino und einen Latte Macchiato mit viel Milch und ohne Zucker für sie bestellt. Er kannte sie so gut, wie kein anderer, wobei er auch ihr einziger Freund war. Schon in der Schule war er ihr einziger Freund. Sie war nie gerne unter Menschen. Lieber einen richtigen Freund als viele falsche Freunde, war ihre Devise. Die beiden unterhielten sich in Gebärdensprache. Es funktionierte zwar noch nicht perfekt, da Timo sie noch nicht so gut beherrschte wie Johanna, aber sie verstanden sich trotzdem.

„Na, heute mal wieder zu spät aufgestanden?“, begrüßte er Johanna und gab ihr eine kurze Umarmung. „Danke für deine Nachricht heute Morgen, sonst wäre ich wahrscheinlich noch später gekommen und keine Ausrede hätte irgendwas gebracht, dabei hatte ich heute zur Abwechslung mal einen richtigen Grund.“ „Wieso, was war es denn dieses Mal?“, wollte er drängelnd wissen. „Du darfst mich nicht auslachen, ich bin schon froh, dass es keiner gesehen hat.“, antwortete sie und nahm einen großen Schluck von ihrem Latte Macchiato, was sich allerdings als großen Fehler herausstellte, denn der war so heiß, dass sie sich ihre Zunge verbrannte. „So schlimm wird es schon nicht gewesen sein“. „Ich habe dem Gehweg heute guten Morgen gesagt, weil ich über so ein Handy gestolpert bin, das irgendjemand verloren hat.“ Entgegen ihrer Erwartungen begann Timo nicht sie auszulachen. „Hast du dich aber nicht verletzt oder dir weh getan?“, fragt er besorgt. „Nein, nein. Außer einem kleinen Kratzer an der Hand ist nichts passiert.“ „Dann bin ich beruhigt. Wo hast du das Handy jetzt?“ „Jonathan hat’s.“ „Wieso denn der?“ „Ich wollte es eigentlich nach der Arbeit im Fundbüro abgeben, aber er hat mir nicht geglaubt, dass ich deshalb zu spät gekommen bin und er war sich sicher, dass er es ja dann abgeben könnte. Vielleicht auch bei der Polizei.“ „Wieso denn bei der Polizei?“ „Keine Ahnung, aber ich denke das hat er nur gesagt, um zu mich zu verunsichern, denn er war sich ja sicher, dass es meins ist.“ „Hast du es denn angemacht, um zu sehen wem es gehört?“ „Ne, soweit konnte ich heute Morgen nicht denken. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass ich die Person kenne, die es verloren hat.“

Timo schaute auf sein Handy. „Sorry ich muss los, hab ganz vergessen, dass ich meinem Vater versprochen habe, ihm im Garten zu helfen die große Tanne zu fällen. Wir sehen uns.“, er stand auf, drückte mir 10€ in die Hand und verschwand zwischen der Menschenmenge, die mittlerweile auf dem Marktplatz unterwegs war.

Johanna trank in Ruhe ihren Latte Macchiato aus, gab der Kellnerin 10€ und entschloss sich, mit Simba zu Fuß nach Hause zu gehen. Wie immer, wenn sie von der Arbeit kam, leerte sie den Briefkasten. Außer einem Päckchen war heute nichts drin. Sie drehte es um, aber es stand kein Absender drauf. Bestimmt ist es Simbas neues Spielzeug, dachte sie sich. Es hatte ihr sofort gefallen, als sie es im Katalog gesehen hatte.

Johanna schloss den Briefkasten wieder zu und lies Simba von der Leine, der sich sofort auf den Weg in den kleinen Garten machte. Zum Glück hatte sie bei ihrer Wohnungssuche eine Wohnung im Erdgeschoss mit einem kleinen Garten gefunden, die sogar bezahlbar war. Sie ging die drei Stufen zu ihrer Wohnungstür hoch, machte die Tür auf und begann sofort das Päckchen für Simba zu öffnen. Währenddessen lief sie in Richtung Terrasse, um Simba sofort seine neue Frisbee zu zeigen. „Schau mal Simba, was ich hier…“ Was soll das denn jetzt? dachte Johanna. Was sie in der Hand hielt, war jedenfalls nicht das was sie erwartet hatte. Statt der Frisbee, hielt sie ein Handy in der Hand. Genau das Handy, das sie heute Morgen gefunden und eigentlich Jonathan überlassen hatte. Hatte er jetzt etwa so ein schlechtes Gewissen, dass er extra mit dem Auto hierherfährt, um mir das Handy, das überhaupt nicht meins ist, in den Briefkasten zu werfen? Das würde auf jeden Fall erklären, wieso kein Absender auf dem kleinen Paket ist, dachte Johanna. Sie beschloss, Jonathan eine Nachricht zu schreiben, damit sich sein schlechtes Gewissen nicht über das ganze Wochenende zog.

Hallo Jonathan, das Handy ist wirklich nicht mein eigenes. Ich habe es heute Morgen gefunden. Du hättest nicht extra vorbeifahren müssen, um es mir in den Briefkasten zu werfen. Danke trotzdem und ein schönes Wochenende.

Gruß Johanna

Noch während sie die Nachricht abschickte, erinnerte sie sich an die Worte von Timo, das Handy anzumachen, um herausrauszufinden, wem das Handy gehörte. Die Wahrscheinlichkeit war zwar recht gering, dass Johanna die Person kannte, aber das Handy das ganze Wochenende nur herumliegen zu lassen und Zeit zu verschwenden, wo es womöglich jemand suchen würde, wollte sie auch nicht.

Johanna setzte sich ins Wohnzimmer in ihren Sessel und schaltete das Handy ein. Zu ihrer Verwunderung brauchte es keinen Pinn, um auf den Startbildschirm zu gelangen, der leider keine Aussage über den Besitzer machte. Der Hintergrund war einfach weiß. Apps waren nur die nötigsten installiert, als würde das Handy kaum genutzt werden und auch unter den Kontakten fand sie nur den Notruf. Sehr komisch, dachte sie sich. Irgendwie bringt mich das alles nicht wirklich weiter. Kontakte, Kalender, App Store, Fotos, Internet. Wie soll ich denn da… Klar die Fotos!! Wo, wenn nicht in der Bildergalerie, könnte ich bessere Informationen über den Besitzer finden? Eigentlich macht man das ja nicht, aber vielleicht kann ich ja wirklich so den Besitzer ausfindig machen und bestimmt ist der mir dann auch nicht böse.

Johanna tippte auf die Galerie und fand dort tatsächlich Bilder. Sie schaute eins nach dem anderen an. Je mehr Bilder sie ansah, desto mehr fing ihre Hand an zu zittern und desto schneller begann sie zu atmen. Eine Straße, ein Haus, ein Klingelschild. Ihr Klingelschild. Mit ihrem Namen drauf. Ihre Haustür. Ihr Garten. Johanna traute sich gar nicht mehr, mit ihrem Finger nach links zu wischen. Im gleichen Moment, als sie das nächste Bild sah, ließ sie das Handy fallen.

Sie saß wie versteinert auf ihrem Sessel, traute sich nicht sich umzudrehen, weil sie sich sicher war, jemand würde hinter ihr stehen. Sie wollte Simba rufen, aber sie brachte weder einen Ton heraus, noch konnte sie ihren Fuß heben. Johanna konnte nicht genau einschätzen, wie viel Zeit vergangen war, bis sie es geschafft hatte aufzustehen, Simba aus dem Garten zu holen, die Tür zu schließen, alle Rollläden in ihrer Wohnung runter zu lassen, um sich dann im Badezimmer, einen Stock höher, gemeinsam mit Simba einzuschließen. Sie kauerte sich an die Badewanne mit Blick zur Tür. Das Licht ließ sie an. Das Handy lag noch immer vor dem Sessel auf dem Boden. Es zeigte ein Bild von Johanna. Ein Bild, wie sie in ihrem Sessel sitzt und liest. Ein Bild, das nur wenige Meter hinter Johanna aufgenommen worden war – aus ihrer Wohnung.

Simba merkte, dass Johanna unruhig war und setzte sich in ihren Schoß. Sie nahm ihr Handy und schrieb Timo SOS. Keine Minute später vibrierte das Handy in ihrer Hand und Johanna wollte schon aufatmen, aber die Nachricht war nicht von Timo, der ihr wie sie gehofft hatte Bescheid geben würde, dass er gleich da sei. Sie kam von Jonathan. Weiß nicht was du meinst, habe das Handy gerade im Fundbüro abgegeben.

Johanna drückte auf Antworten, Ich brauche Hilfe! und wollte auf Absenden drücken. Dazu kam sie nicht mehr, denn ihr Blick blieb an dem Spiegel hängen, an dem sie in roter Schrift lesen konnte: Du bist schuld!

und sofort wurde ihr klar, wieso Simba die ganze Zeit in ihrem Schoß stand und den Vorhang der Badewanne direkt hinter ihr nicht aus den Augen lies. Der Vorhang, der bis gerade noch die Badewanne verdeckte und an dem Johanna lehnte, wurde ruckartig aufgezogen. Doch zu ihrem Erstaunen war sie schneller, rammte ihren Ellbogen der Person, die gerade den Vorhang aufzog, in den Bauch und stand nun mit dem Rücken zur Tür, den Blick immer auf die in der Badewanne gekrümmten Person. Damals das Buch im Briefkasten, die Bilder auf dem Handy. Das war nicht irgendein dummer Streich, das war genau die Person, die in diesem Moment in ihrer Badewanne lag. Es gab nur eine Person, die jederzeit in ihre Wohnung konnte. In ihrem Augenwinkel sah sie rechts von der Badewanne, genau gegenüber von ihr, an den weißen Fließen, etwas Rotes schimmern. Sie wandte ihren Blick ab von der noch immer in der Badewanne liegenden Person. Johanna war noch immer erstaunt über sich selbst, als ihr die Luft wegblieb.

Ich weiß das du schuld bist! stand in roten Großbuchstaben an der Wand geschrieben. Johanna ahnte, um was es hier eigentlich ging.

Sofort erinnerte sich an damals, als sie beschloss Nina zu sagen, dass sie sofort verschwinden sollte, denn sonst würde sie dafür sorgen. Denn Timo würde nur ihr gehören. Das Nina dabei die Treppe runterfiel, weil sie sich so erschrocken hatte, da Simba bellte, war ja nicht ihre Schuld. Und als sie Timo aus dem Fenster im oberen Stock nach Hause kommen sah, rannte sie schnell über den Garten zurück auf die Straße. Dass Timo vor der Haustür wieder umdrehte, weil er statt seinem Haustürschlüssel den seines Kollegen in der Hand hielt, konnte sie ja nicht wissen. Genauso wenig konnte sie ahnen, dass Nina so unglücklich auf den Kopf fiel, dass sie schon tot war, als Timo nach Hause kam. Simba hatte bei dem ganzen Stress seinen Lieblingsball aus dem Maul fallen lassen, den Timo gefunden haben muss.

Johanna war so in Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie sich die Person aus der Badewanne langsam aufrappelte. Erst als die Gestalt den letzten Schritt aus der Badewanne machte, bemerkte sie die Gefahr.

Zum Glück ging die Tür nach außen auf und Johanna versuchte so schnell wie möglich rückwärts aus dem Badezimmer zu entkommen, ohne die Gestalt aus den Augen zu lassen. Simba beobachtete die beiden aus der Ecke, in die er sich inzwischen gelegt hatte, denn er kannte den Besucher ja schon. Er hatte ihn damals zu Johanna gebracht und er war sich sicher, dass von ihm keine Gefahr aus gehen würde.

Ich wollte das nicht. Das war ein Unfall, bitte! Schrie sie, und hoffte, dass sie das sagte, was sie wollte. -ich liebe dich Timo, wir gehören zusammen! konnte sie gerade noch rufen, bevor sie rückwärts die Treppe runterfiel.

7+

One thought on “Gehörlos

  1. Hi,
    Du hast eine tolle Story geschrieben.
    Dein Schreibstil ist sehr flüssig und angenehm zu lesen. Auch den Spannungsbogen hast Du sehr gut aufgebaut.
    Das einzige, was ich kritisieren könnte, ist dass mir die Reaktion von Timo im Café zu hastig war, ab da hatte man immer das Gefühl, dass er der war, der ihr das Handy „zugeschustert“ hat… Aber das ist rein subjektiv.
    Gut finde ich auch den Schluss, der Johannas Ende mit dem von Nina verbindet – sehr gelungen!

    P.S. Vielleicht hast du ja auch Zeit und Lust, meine Geschichte („Glasauge“) zu lesen und ein Feedback da zu lassen…

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