KatjaKruseGeliebte Feindin

10+

 

Von weitem sah sie schon die Signallichter der Polizei und Feuerwehr, als sie in die Kottbusser Straße im Berliner Bezirk Kreuzberg einbog. Hier hat sich nach ihren Erkenntnissen ein Eifersuchtsdrama ereignet und sie wurde mal wieder zur Beweissicherung gerufen. Seitdem sie vor drei Jahren die Polizeiakademie erfolgreich beendet hatte, wurde sie immer wieder zu solchen Einsätzen gerufen.

 

„Hey, Daniel. Was ist passiert?“ fragte sie den hochgewachsenen, schlanken und jungen Kripobeamten, der gerade aus dem Haus direkt auf sie zu kam. Sie kannten sich von mehreren Ermittlungen und kamen gut miteinander aus. „Hallo Lilly. Wir haben hier einen erweiterten Suizid. Ziemlich tragisch. Ein junges Paar. Aber sieh selbst.“ Sie fuhren mit dem Fahrstuhl in die 4. Etage. Der Gang war voller Menschen und sie erkannte den leitenden Ermittler und den Notarzt, der gerade die vorläufige Todesbescheinigung ausstellte. Sie stellte ihren Spurensicherungskoffer im ersten Zimmer ab und guckte sich um. Einige Fotos hingen an den Wänden, aber sie konnte ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. „ Sie liegen dort drüben, komm mit.“ riss Daniel sie aus ihren Gedanken. Sie nahm ihren Koffer und lief ihm hinterher. Im nächsten Zimmer sah sie die Opfer. Die Frau lag auf dem Boden, mit einer Schusswunde mitten in der Stirn, und der Mann saß in einem Sessel, die Pistole noch  in der Hand und ein riesiges Loch klaffte an der rechten Schläfe. Den metallischen Geruch, der in der Luft lag, kannte sie. Es roch nach Blut. Ihr Blick blieb beim Mann hängen, dann weiteten sich ihre Augen. Sie musste tief durchatmen. Überall klebte das Blut an den Wänden. Der Schreck fuhr ihr durch die Glieder. „Das ist …“ weiter kam Daniel nicht. Denn sie hob schon ihre zitternde Hand. „…Thomas und seine Frau Karen“ sagte sie mit brüchiger Stimme. Daniel sah sie mit seinen blauen Augen fragend an. „Ich kenne sie. Wir haben uns vor ein paar Wochen im Urlaub kennen gelernt. Was ist hier bloß passiert?“ „Sollen wir jemand anderen mit dem Fall betrauen?“ fragte Daniel sie einfühlsam. Seine Stimme hörte sich an, wie in einem Tunnel und sie stand einen Moment still, schloss die Augen und schüttelte dann mit dem Kopf. „Ich schaffe das.“ war das letzte was sie sagte und machte sich daran, alle Beweise zu sichern.

 

Als sie nach getaner Arbeit Daniel wieder im Hausflur traf, winkte sie ihm kurz zu und machte sich anschließend auf den Heimweg. Daniel sah ihr nach.

 

Lilly öffnete das Eingangstor, ging zum Briefkasten, der wie die meiste Zeit leer war, und stapfte über den Hof. Sie wohnte in der 2. Etage im Hinterhaus. Ihre kleine 2-Zimmer Wohnung lag im Stadtteil Wedding. Mittlerweile auch keiner  der schöneren Bezirke von Berlin mehr. Es gab kaum noch Grünflächen. Was Lilly sehr schade fand. Sie war immer gerne in den Parks gewesen um Fahrrad zu fahren.

 

Seitdem die Beziehung zu Jannes gescheitert war, lebte sie hier allein. Das war jetzt fast ein Jahr her. Jannes hatte die Trennung nicht so gut aufgefasst und eine Zeit lang tauchte er überall auf. Sie hatte jedes Mal ein ungutes Gefühl dabei. Vor einem halben Jahr hörte es plötzlich auf. Vielleicht hatte er jetzt jemanden kennen gelernt, überlegte Lilly in stillen Momenten.

 

Sie schloss die Tür auf und zog sich Jacke und Schuhe aus. Endlich zuhause, dachte sie, fischte ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer von Sarah. Sarah war seit ziemlich genau 4 Jahren, als sie sich bei Lillys täglicher Joggingrunde kennen lernten , ihre beste Freundin. Sie war von Anfang an ihre Seelenverwandte. Wenn es ihr schlecht ging, wusste Sarah es ohne dass sie etwas sagen musste. „Hey Liebes“ meldete sich Sarah. „Blöder Tag heute gewesen?“ fragte Sarah gleich. Lilly schüttelte den Kopf und lächelte. „Du hast es schon wieder getan. Hellseherische Fähigkeiten nenn ich das.“ Sarah lachte am anderen Ende der Leitung. „Na dann warte mal, wie du das hier findest.“ Es klingelte an der Tür. Lilly wunderte sich. „Warte mal kurz, es hat geklingelt.“ Aber Sarah war schon nicht mehr am Telefon. „Mädelsabend“ rief Sarah als Lilly die Tür öffnete. Das war typisch Sarah. Lilly erzählte Sarah von Thomas und Karen. Sarah war geschockt, da sie die beiden auch kannte. Sie und Lilly waren gemeinsam in Madrid gewesen. „Weiß man schon was passiert ist?“ „Noch nicht. Ich hab alles gesichert und zum Labor geschickt. Ich hoffe, dass wir den Tathergang schnell rekonstruieren können. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Thomas so etwas getan hat.“ Als sich Sarah um kurz vor 23 Uhr auf dem Weg nach Hause machte, freute sich Lilly auf ihr Bett. Aber die Gedanken um Thomas und seine Frau ließen sie nicht los. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen.

 

Als sie am nächsten Morgen erwachte, hatte sie schon 6 Anrufe von ihrem Dienstgruppenleiter auf dem Handy. „So ein Mist.“ fluchte Lilly.  Warum hatte sie das Handy nicht auf laut gestellt? Sie ärgerte sich über sich selbst. Schnell drückte sie die Rückruftaste. Polizeioberkommisar Lietz ging ans Telefon. „Guten Morgen, hier spricht Polizeiobermeisterin Lilly Marten. Sie hatten versucht mich zu erreichen?“ „Kommen Sie bitte sofort in mein Büro.“ dann legte er auf. Ohje seufzte sie. In Windeseile machte sie sich fertig, band ihre braunen Haare hastig zu einem Pferdeschwanz und fuhr zu ihrem Abschnitt.

 

Als sie das große Gebäude in der Kochstraße sah, bekam sie weiche Knie.

 

Im 3. Stock lag Lietz`s  Büro. Sie klopfte an und trat ein.

 

„Setzen Sie sich.“ Er sah sie mit einem strengen Blick an.

 

„Frau Marten, bei der gestrigen Tatortsicherung sind einige Fragen aufgetaucht. Sind Sie streng nach Vorschrift vorgegangen? Bitte schildern Sie jeden Schritt ganz genau.“

 

Lilly überlegte. Dann erzählte Sie ihm jeden einzelnen Schritt. Er sah nicht zufrieden mit ihrer Aussage aus.

 

Er runzelte die Stirn. Dann eröffnete er ihr, dass man am Tatort mehrere Fingerabdrücke von ihr gefunden hätte. Lilly starrte ihn an. Das konnte nicht sein. Im Geiste ging sie alles nochmal durch. Aber sie war sich sicher, dass sie sich die Handschuhe schon vor der Tür angezogen hatte.

 

Sie schüttelte den Kopf. Ihr Dienstgruppenleiter sah sie mit einem durchbohrenden Blick an. Sie wusste genau, warum er von allen, auch von den kleinen Ganoven draußen auf den Straßen von Berlin, „Big Bull“ genannt wurde. Ihr wurde heiß und kalt. Schließlich beteuerte sie nochmals, definitiv Handschuhe getragen zu haben und keine Ahnung zu haben,  wie ihre Abdrücke in die Wohnung kamen.

 

Big Bull atmete schwer, seine Augen sahen müde aus. „Gehen Sie jetzt bitte in Ihr Büro und schreiben sie ein Protokoll zum gestrigen Fall. So genau wie möglich. Den Bericht möchte ich in 2 Stunden haben. Guten Tag.“ sagte Lietz streng und zeigte ihr mit einer Handbewegung dass sie jetzt gehen soll. Lilly stand auf, nickte und begab sich  auf den Weg zu Ihrem Büro.

 

Sie schloss Ihre Tür, lehnte sich von innen dagegen und atmete laut aus. So ein verdammter Mist. Was hat das alles zu bedeuten? Ihr Blick wanderte zu ihrem Schreibtisch. Da lag etwas. Sie bewegte sich in Richtung Schreibtisch. Da lag auf all ihren Unterlagen ein Smartphone. Sie fasste instinktiv in ihre Hosentasche. Ihr Smartphone befand sich noch an seinem Platz. Sie sah sich um. Keiner war in ihrem Büro. Sie beäugte das Handy. Es sah ihr so vertraut aus. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken runter. Es sah aus wie ihr altes Handy. Aber das hatte sie doch

 

vor mehr als 3 Jahren verkauft. Mit einer schnellen Handbewegung nahm sie das Handy in die Hand. Sie guckte sich nochmal um, aber niemand war zu sehen. Sie wollte schon die Tastensperre entriegeln, da legte sie es wieder vor sich auf den Tisch. Vielleicht hat es ein Kollege hier liegen lassen. Aber wer besaß noch so ein altes Model? Sie legte es zur Seite. Das beklemmende Gefühl kam zurück und letztendlich siegte ihre Neugier. „Mist, auch noch mit einem Sperrcode“ ärgerte sie sich. Ihr Blick fiel auf die obere rechte Ecke des Handys. Eine Delle. Plötzlich überkam sie ein Déjà-vu, vor ihrem geistigen Auge sah sie ihr Handy im Bad runterfallen und beim Aufheben hatte es ärgerlicher Weise eine Delle. Ach das war reiner Zufall. Es gab ganz sicher mehrere Handys mit Dellen in der rechten Ecke. Aus Trotz und auch Angst vor der Gewissheit, dass es sich tatsächlich um ihr Smartphone handelte, probierte sie verschiedene Kombinationen aus. Keine funktionierte „Okay“ sagte sie sich, bevor sie die letzte Zahlenkombination mit zitternden Fingern eintippte. Entgeistert sah sie wie die Bildschirmsperre weg war, der Code, ihr alter Code hatte funktioniert. Sie erschrak, als sie das Hintergrundbild von sich und Jannes sah.

 

Warum lag ihr altes Handy bei ihr auf der Wache? In ihrem Büro ? Als sie das Handy verkaufte, war sie kurz davor ihren Abschluss bei der Polizei zu machen. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit. Als erstes rief sie die Telefonliste auf, nur eine Nummer stand dort. Ein abgehender Anruf, dessen Rufnummer ihr mehr als bekannt vorkam. Sie starrte auf die Nummer. „Jannes“ flüsterte sie. Dann wischte sie jeden Gedanken an ihn weg.

 

Sie öffnete die Fotogalerie um zu erfahren wessen Handy es war und wer so ein Spielchen mit ihr spielte. Was sie im nächsten Augenblick sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Es gab eine Reihe von Fotos. Auf jedem dieser Fotos war sie. Eigentlich ihr altes ich. Wie sie einer blonden jungen Frau Heroin verkaufte. Es wurde anscheinend jedes Treffen zwischen ihr und dieser Frau dokumentiert. Die letzten Fotos zeigten Lilly beim Strecken von Heroin in ihrer Wohnung. Die Fotos mussten gut 5 Jahre alt sein. Wer auch immer ihr Handy hatte und die Fotos gemacht hat, wusste von ihrer dunklen Vergangenheit. Wie konnte er diese Fotos von ihr machen ohne, dass sie etwas gemerkt hat? Zur Hölle, sie war doch Polizeianwärterin und wollte später zum BKA. Und da merkte sie nicht mal wenn man sie beschattet? Tolle Kriminalistin war sie.

 

Sie schämte sich dafür, aber zu diesem Zeitpunkt brauchten sie und Jannes das Geld dringend. Es war zu verlockend. Jannes Freund Mike dealte mit Kokain und Heroin. Sie kauften von ihrem letzten Geld Heroin und streckten es mit Paracetamol, Coffein oder Fentanyl. So konnte man den Gewinn maximieren. Es war einfach und sie wurden es immer los. Schon bald konnten sie gut davon leben. Mike war ziemlich sauer, als sie plötzlich aufhörten. Aber als sie eines Tages von dem Tod einer jungen Frau aus den Nachrichten erfuhr, musste sie sofort damit aufhören. Immerhin war es ihre Schuld. Sie hatte das Heroin gestreckt. Auf dem Foto zu dem Artikel war die blonde Frau abgebildet. Lilly erkannte die Frau sofort wieder. Laut dem Artikel hieß sie Jessica Winter. Nach Ermittlungen der Polizei hat es sich um eine verunreinigte Heroin-Mischung mit Fentanyl gehandelt. In der Autopsie wurde eine tödliche Menge Fentanyl gefunden. Hieß es weiter in dem Artikel.

 

Lilly war kurz vor ihrem Abschluss bei der Polizei. Was, wenn es strafrechtlich verfolgt wird und die Spur zu ihr führte? Das Risiko war zu groß. Immerhin war sie bald Polizistin.

 

Ob Mike hinter der Sache mit dem Handy steckte? Denn schließlich verlor er eine seiner besten Kunden. Vielleicht wollte er Rache.

 

Sie setzte sich an ihren Computer. Im System konnte man nach Personen suchen. Alles was man brauchte war der Name. Sie gab also Michael Sinnhober, Mikes richtigen Namen, in die Suchmaske ein und startete den Suchlauf.

 

Daniel tauchte plötzlich in der Tür auf. Er lächelte sie an. Er hatte ein warmes Lächeln, was sie sofort von allem ablenkte. „Hast du schon die Ergebnisse aus dem Labor?“ fragte sie ihn. Er schüttelte den Kopf und kam näher. Schnell klickte sie die Suche in die untere Leiste. Er stand nun ganz nah bei ihr. Sie roch sein Parfum. Daniel sah aus wie Brad Pitt in jungen Jahren, sie war eher eine graue Maus. „Das mit den Fingerabdrücken ist echt großer Mist“ sagte er sanft. „Wenn ich dir helfen kann, sag es mir bitte.“ Sie schüttelte den Kopf und musste sich echt konzentrieren, dass sie ihm nicht um den Hals fiel. Er drehte sich um, zwinkerte ihr nochmal zu und ging zur Tür hinaus.

 

Das flattern in ihrem Magen hielt noch an. Ihre Gedanken schweiften ab. Wieder hat sie ihn nicht um seine Nummer oder ein Treffen gebeten. Kann doch nicht so schwer sein.

 

Plötzlich fiel ihr wieder ihre Suche ein. Jetzt gab es erst mal wichtigeres zu tun. Ärgern konnte sie sich später noch.

 

Sie bekam einen Kloß im Hals. Mike war 2 Jahre wegen Dealerei im Gefängnis und seit 2 Wochen auf Bewährung raus. Ausschließen konnte sie es also nicht.

 

Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen. Sie bekam Kopfschmerzen.

 

Schnell tippte sie den Bericht für Lietz. Eigentlich war er ein netter, gemütlicher Mann kurz vor seiner Pensionierung mit ergrautem Haar. Seine Tochter und sein Enkelsohn kamen ihn ab und zu hier besuchen. Der kleine rothaarige Junge war ein echtes Energiebündel. Opa Lietz ging dann immer mit ihm zum Streifenwagen, wo der Junge seine Mütze aufsetzte und Polizist spielte.

 

Sie lächelte. Die strenge Art heute passte einfach nicht zu ihm.

 

Was für ein merkwürdiger Tag. Sie schickte Lietz ihren Bericht per Mail.

 

 

 

Sie steckte das Handy in ihre Tasche und verließ das Büro. Auf dem Gang traf sie Martina. Sie mochten sich nicht besonders. Trotzdem fragte sie sie, ob sie jemanden in ihrem Büro gesehen hätte. Martina verneinte es.

 

Und beide gingen wieder ihres Weges.

 

 

 

Lilly rief ihre Mutter an. Sie brauchte gerade ein offenes Ohr, und ihre Mutter war perfekt darin, zuzuhören ohne etwas zu sagen.

 

Nachdem sie mindestens 10-mal klingeln lies, ging die Mailbox ihrer Mutter ran. „Toll“, stöhnte Lilly und legte auf.

 

Sarah arbeitete in einer Bäckerei und konnte immer nur in den Pausen telefonieren. Lilly schrieb ihr eine Nachricht. Nur ein hacken war zusehen. Sarah hatte es wahrscheinlich mal wieder ausgeschaltet.

 

Sie ging in ihr Büro und öffnete den Fall von Thomas und Karen.

 

Die protokollierten Zeugenaussagen wollte sie sich nochmal genauer durchlesen. Ein Herr Werber aus dem 2. Stock, will einen zweiten Mann gesehen haben. Er beschrieb den Mann mit weiß, etwa 25-35 Jahre alt, schlank, ca. 1,80m groß und dunkelblonden Haaren. Toll, etwa die Hälfte der Berliner sah so aus.

 

Sie öffnete die Tatortfotos und sah sie sich genau an. Etwas war nicht richtig, sie kam nur nicht darauf, was es war. Ihre Kopfschmerzen wurden schlimmer. Plötzlich sah sie, was nicht stimmte.

 

Die Schusswunde wurde an der rechten Schläfe festgestellt. Sie wusste aber, dass Thomas Linkshänder gewesen war. Die Verletzung hätte also links sein müssen. Nun war sie sich sicher, dass es Mord war. Sie sprang auf und rannte den Flur entlang zum letzten Büro, Daniels Büro. Keuchend vor Anspannung riss sie die Tür auf. Er saß an seinem Schreibtisch und sah sich Unterlagen an. „Es war Mord“ schrie sie außer Atem. Er sah sie irritiert an. „Was war Mord?“ „der Fall  aus der Kottbusser Straße!“ „ Daniel nickte ihr zu. „Wie kommst du darauf?“  Lilly erzählte ihm alles. Daniel sagte kein Wort. „Wir müssen beweisen, dass er Linkshänder war. Ich rede mit Lietz und dann sehen wir weiter. Die Ergebnisse der Autopsie müssten auch jeden Moment eintreffen. Ich informiere dich dann sobald ich was Neues höre.“

 

Als sie nach Feierabend weder etwas von Sarah, noch von ihrer Mutter gehört hatte, beschloss sie zum Haus ihrer Eltern zu fahren, indem seit dem Tod ihres Vaters ihre Mutter allein wohnte.

 

Das Auto stand noch in der Garage. Aber auch nach dem klingeln öffnete niemand. Auch von Dora, ihrer kleinen Mischlings Hündin war kein Ton zu hören. Zum Glück hatte Lilly den Ersatz Schlüssel dabei. Sie öffnete die Tür und trat ein. Sie sah zur Garderobe. Hundeleine und Jacken ihrer Mutter hingen noch da. Ein seltsames, beunruhigendes Gefühl kam in Lilly hoch. In dem Haus war es ganz still. Sie rief nach ihrer Mutter, bekam jedoch keine Antwort. Auch kein Gebell war zu hören. Wenn sie wegfährt, sagt sie sonst immer Bescheid. Gestern hatten sie zum ersten Mal seit langen nicht telefoniert. Sarahs plötzlicher Besuch hatte sie abgelenkt, daher war es ihr gar nicht aufgefallen, dass ihre Mutter nicht angerufen hatte.

 

Lilly ging die Treppe hoch zum Obergeschoss. Die Tür zum Badezimmer stand offen und sie konnte jemanden in der Badewanne liegen sehen.

 

„Mama?“ rief sie. Aber niemand antwortete. Ihr Herz pochte wie verrückt. Sie hörte das Blut in ihren Ohren Rauschen. Sie schlich sich zur Tür und guckte vorsichtig hinein. Ihre Mutter lag regungslos in der Badewanne. Sie unterdrückte einen Schrei. Sie schüttelte ihre Mutter verzweifelt. Aus dem ersten Impuls heraus zog sie den leblosen Körper aus der Wanne und begann eine Herzmassage, sowie Mund zu Mund Beatmung. Mit der anderen Hand fischte sie ihr Handy aus der Hosentasche und rief den Notarzt.

 

Als der Notarzt endlich erschien, bestätigte er nur noch das, was Lilly schon wusste, aber nicht wahrhaben wollte. Ihre Mutter war tot.

 

Sie brach weinend zusammen. Der Notarzt musste sie von ihrer Mutter wegzerren. Er verständigte die Kripo. Innerhalb weniger Minuten war das Haus ihrer Eltern voller Menschen. Lilly nahm von alledem nichts wahr. Sie kam sich vor wie in einem schlechten Traum.

 

Daniel ging mit ihr nach unten und kümmerte sich rührend um sie. Nach einigen Minuten kam der Rechtsmediziner und ging direkt nach oben. Nach einer Weile kam er zu ihr, „Ich kann nach der äußeren Leichenschau keine Fremdeinwirkung feststellen. Ich habe einiges an Tabletten gefunden und ein angefangenes Glas Wein.“

 

Ihre Mutter trank immer Wein in der Badewanne. Meist las sie noch ein Buch dabei.

 

Sie konnte den Gedanken nicht ertragen. „Sie meinen, meine Mutter hat Suizid begannen?“, fragte sie in einem aufgeregten Ton. Er sah sie lange an und nickte dann schließlich. „Aber nur eine Autopsie könne es schlussendlich klären“, beeilte er sich zu sagen. Daniel nahm Lilly und drückte sie an sich. Komm mit nach draußen. „Dora“, sagte Lilly. „Was ist mit Dora?“ Daniel sah sie fragend an. „Ihr kleiner Hund. Der muss doch irgendwo sein.“

 

„Wir gucken gleich wo der Hund ist, aber jetzt müssen wir erst mal raus und die Herren ihre Arbeit machen lassen.“ Lilly verstand nicht was Daniel sagte. Aber sie ging mit. Sie war wie in Trance. Die Herren der Rechtsmedizin brachten ihre Mutter zur Charité wo die Autopsie stattfinden sollte.

 

Weit entfernt nahm sie ein leises wimmern wahr. Sie rannte zur Kellertür, öffnete diese und sah den kleinen schwarz braunen Mischling in der Ecke zusammengekauert sitzen. Sie rannte zu ihr herunter und nahm sie auf den Arm. Dann rannten ihr nur noch die Tränen über ihr Gesicht.

 

Daniel sah sie besorgt an.

 

„Ich bringe dich jetzt erst mal nach Hause und sagte POK Lietz Bescheid.“

 

 

 

Zuhause angekommen nahm sie den kleinen Hund und vergrub ihr Gesicht in einem der Sofakissen. Wieder versuchte sie, Sarah zu erreichen, aber auch diesmal kein Glück. Nur die Mailbox.

 

Was ist das alles für ein Mist? Erst Thomas und Karen und jetzt ihre geliebte Mutter. Das kann gar kein Zufall sein, dachte sie.

 

Vielleicht gibt es eine Verbindung zwischen den beiden Fällen.  Als sie wach wurde, war es späte Nacht. Sie musste auf der Couch eingeschlafen sein. Der Hund lag zusammengerollt neben ihr. Als erstes sah sie auf ihr Handy. Immer noch kein Anruf von Sarah. Ihre Nachricht vom Morgen hatte sie immer noch nicht gelesen.

 

Das sah Sarah überhaupt nicht ähnlich. Langsam machte sie sich wirklich Sorgen.

 

Sie dachte wieder an Daniel. Er war heute so perfekt gewesen. Mit diesem Gedanken schlief sie wieder ein.

 

Noch bevor ihr Wecker klingelte wurde sie von einem feuchten Hundekuss geweckt. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Wange, stand auf und ging mit Dora Gassi. Lilly versuchte während des Spaziergangs nochmal Sarah zu erreichen. Kein Erfolg. Wieder nur die Mailbox. „Hi, hier ist Sarah, ihr wisst ja wie es läuft. Piep und so weiter. Bis dann.“

 

Lillys Sorge schlug jetzt in Verzweiflung um. Wo steckte Sarah bloß? Am besten würde sie mal bei ihr vorbei fahren. Vielleicht hat sie ihr Handy verloren. Bei dem Wort Handy zuckte sie zusammen. Dieses ominöse Handy lag immer noch bei Jakob aus dem Kriminallabor zur Spuren und DNS Analyse. Hoffentlich meldet er sich heute, dachte sie hoffnungsvoll.

 

 

 

Sie fuhr schneller als erlaubt zu Sarahs Wohnung. Ihre Wohnung lag im ersten Stock des Mehrfamilienhauses. Als sie wie gewohnt auf die Klingel drücken wollte, sah sie im letzten Moment einen  fremden Namen. Da stand nicht wie sonst Schwarzenberger, sondern Dolmatis. Sie trat wieder zurück auf die Straße. Sie war definitiv in der richtigen Straße und die Nummer stimmte auch. Sie irrte sich nicht. Oder spielte ihre Erinnerung einen Streich? Sie war in den letzten Jahren oft bei Sarah gewesen. Nein, sie war hier richtig. Lilly ging zurück zum Haus. In ihrer Verzweiflung drückte sie trotzdem hoffnungsvoll auf die Klingel. Ein paar Sekunden später ertönte der Summer. Aufgeregt lief sie zwei Stufen auf einmal nehmend in den 1. Stock. Die rechte Tür war die zu Sarahs Wohnung. Plötzlich öffnete sich die Tür, ein älterer Herr kam heraus und sah sie mit einem durchbohrenden Blick fragend an. Lilly schluckte. „Wat kann ick für Sie tun?“, sprach er mit Berliner Dialekt.

 

„Ähm, ich äh…. möchte gern zu Sarah.“ stotterte Lilly und sah den Mann hoffnungsvoll an. Vielleicht gab es für all das eine gute Erklärung.

 

„Eene Sarah jibbet hier nicht. Ick wohne hier jetzte seit dree Monaten.“ Lilly strengte sich an, den Worten zu folgen. Aber das war doch absurd, dachte sie.  Sarah konnte doch nicht umziehen, ohne dass sie es wusste. Lilly nickte und bedankte sich höflich bei dem Herren. Sie stand unter Schock. Warum hatte Sarah ihr nichts erzählt. Sie versuchte sie wieder telefonisch zu erreichen. Natürlich auch dieses Mal ohne Erfolg. Sie war ratlos. Was sollte sie bloß jetzt machen? Drei Monate? Wie lange hatte sie Sarah nicht mehr besucht. In letzter Zeit trafen Sie sich entweder viel draußen oder waren im Kino. Schweren Herzens fuhr sie wieder nach Hause.

 

Als sie die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf stieg, sah sie eine Gestalt vor ihrer Tür stehen. Ihr Puls beschleunigte sich, Adrenalin pumpte sich durch ihren Körper. Sie blieb stehen und musterte die Gestalt. Plötzlich drehte diese sich zu ihr um.

 

Da erkannte sie Jannes. „Ich hab von dem Tod deiner Mutter erfahren und wollte nach dir sehen. Ich weiß, wie nah ihr euch gestanden habt.“ Lilly stutze. Woher sollte er es wissen? Niemand wusste es bisher. Sie konnte es noch nicht mal Sarah erzählen.

 

Lilly war skeptisch. „Und du kommst deshalb extra hierher? Von wem hast du es erfahren?“

 

Ausgerechnet in diesem Moment klingelte ihr Handy. Daniels Name stand auf dem Display. Sie signalisierte Jannes, dass sie kurz den Anruf entgegen nehmen müsse.

 

„Daniel?“, sprach sie ins Telefon.

 

„Hör mir jetzt gut zu, die Kripo ist auf dem Weg zu dir. bei der Autopsie deiner Mutter kam raus, dass sie von jemand in der Badewanne ertränkt wurde. Ich kann dir leider nicht mehr erzählen, aber du stehst jetzt unter mordverdacht.“ Daniel und sie schwiegen ein paar Sekunden. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Lilly bedankte sich bei Daniel und beendete das Telefonat.

 

Jannes kam auf sie zu und nahm sie einfach in den Arm. Es fühlte sich so vertraut an. Auch Lilly umarmte ihn jetzt fest. Dann schloss sie ihre Wohnungstür auf, gab Jannes den Ersatzschlüssel und bat ihn auf die Hündin aufzupassen, bis sie wieder da wäre. „Das mache ich gerne für dich.“, sagte er und steckte den Schlüssel ein.

 

Als zwei Polizisten keine 10 Minuten später durch die Tür kamen, stand sie wieder mit Jannes und Dora im Flur. „Ich muss jetzt leider gehen, Jannes. Kannst du bitte versuchen, Sarah zu erreichen? Die Nummer hat sich nicht geändert.“ Jannes nickte betroffen. „Frau Marten?“ Lilly nickte. Und schon überkam sie wieder dieses ungute Gefühl.

 

„Bitte begleiten Sie uns auf die Wache. Wir haben noch einige Fragen zum Tod ihrer Mutter“. Da waren wieder, diese zwei Wörter. Tod und Mutter, sie passten einfach nicht zusammen. Ihr war klar, dass sie eine Aussage machen musste. Lilly schnappte sich ihr Handy und ihre Handtasche und folgte den beiden Beamten zum Streifenwagen.

 

Die Fahrt dauerte keine 20 min. Sie führten sie in einen Raum. Ihr Gefühl wurde stärker. Ihr war nun speiübel. Schlimmer als vor jeder Prüfung.

 

Ein kleiner, etwas rundlicher Mann in den 40-igern saß auf einen Stuhl am Fenster. Er stellte sich als leitender Ermittler Kriminalkommissar Klaus Peters vor. „Ich bearbeite beide Fälle. Ich habe Sie hierher bringen lassen, weil ich noch einige ungeklärte Fragen habe. Können Sie sich erklären, warum ihre Mutter sich das Leben nehmen wollte? War sie vielleicht depressiv?“ Lilly schüttelte entschlossen den Kopf. Ihre Mutter war nicht depressiv! Nach dem Tod ihres Vaters war sie vielleicht etwas einsam, aber definitiv nicht depressiv. Klaus Peters kniff die Augen leicht zusammen und brummte etwas. „Nun gut“, sagte er. In diesem Moment öffnete sich die Tür und POK Lietz trat ein. Er flüsterte Peters etwas zu. Dieser schien sich noch mehr anzuspannen. Lilly sah ihn fragend an, bekam aber keinerlei Reaktion von ihm.

 

Peters riss sie aus ihren Gedanken. „Aus Selbstmord ist gerade ein kaltblütiger Mord geworden. Wie können sie es sich erklären, dass man ihre Haare am Tatort gefunden hat?“. Lilly sah ihn entgeistert an. War das sein Ernst? „Vielleicht weil ich dort 22 Jahre gelebt habe?“ sagte sie vielleicht etwas zu schnippisch und schüttelte kaum sichtbar den Kopf. Plötzlich wusste sie,  was hier im Gange war. Sie kam sich nicht nur vor wie eine Verdächtige, plötzlich war sie es auch.

 

„Aber das erklärt leider nicht, warum man ihre Haare unter den Fingernägeln der Toten gefunden hat“ .Rumms, das saß. Ihr Mund öffnete sich um etwas zu sagen, aber sie hatte dafür keine Erklärung. Irritiert sah sie von einem zum anderen und wusste nicht mehr, was sie denken sollte. „Wo waren Sie Vorgestern so gegen 19 Uhr?“

 

„Ich habe erst mit meiner Freundin telefoniert und dann hatten wir noch einen Mädelsabend. Um 23 Uhr ging sie nach Hause.“ „Kann sie das bestätigen?“ Lilly nickte. Peters verlangte die Kontaktdaten ihrer Freundin  und sie gab sie ihm. Der Spuk ist gleich vorbei. Sarah wird alles bestätigen.

 

„Warten Sie hier, ich lasse mir ihr Alibi bestätigen“. Die Zeit schien noch langsamer zu vergehen. Lilly traute sich gar nicht erst, Lietz anzusehen. Er sah erschöpft aus. Er seufzte. „Lilly, Lilly, ich hoffe, dass alles klärt sich rasch auf.“

 

 

 

Leider konnten die Herren Sarah auch nicht erreichen und somit hatte Lilly kein wasserfestes Alibi.

 

Und da war Lilly nun, in Untersuchungshaft. Nach zwei langen 2 Tagen mussten sie sie wieder gehen lassen, da es keine neuen Erkenntnisse zu den Fällen gab. Auch eine Schuld konnte ihr nicht nachgewiesen werden.

 

Nun war sie also wieder frei, aber nicht entlastet. Noch nie hatte sie in ihrem Leben so viel Angst gehabt. Sie zitterte immer noch. Und begreifen konnte sie es auch nicht. Sie schaltete ihr Handy an. Einige Nachrichten trudelten ein, aber nichts von Sarah. Wieso meldete sie sich nicht?

 

Eine Nachricht von Daniel. Hastig öffnete sie diese. Jakob hatte die DNS Analyse des Smartphones nun endlich abgeschlossen. Lilly‘s DNS und die einer fremden Person befanden sich darauf. Er hatte die fremde DNS auch schon mit der Datenbank abgeglichen und einen Treffer bekommen: Jasmin Winter.

 

Lilly dachte nach. Sie kannte niemanden mit diesem Namen. Aber irgendwas an diesem Namen ließ ihr die Haare zu Berge stehen. Schnell wischte sie den Gedanken daran weg und steckte ihr Handy zurück in ihre Tasche.

 

 

 

Ein Taxi hielt an. „Zur Müllerstraße 131a, bitte“, sagte Lilly bestimmend zum Fahrer. Gedankenverloren sah sie während der Fahrt aus dem Fenster. Plötzlich überkam sie eine Welle der Traurigkeit. Wie hatte sich ihr Leben bloß so schnell verändern können. In einer Woche verlor sie zwei liebe Bekannte, ihre Mutter, wurde des Mordes verdächtigt und jetzt war sie natürlich erst mal suspendiert. Und ob sie jemals wieder in den aktiven Dienst zurückkehren konnte, stand in den Sternen. Lilly atmete tief aus. Echt super. Soviel Pech konnte man doch gar nicht haben.

 

Sie dachte an ihre Vergangenheit. Ja, sie hatte Fehler gemacht und mit Menschenleben gespielt. Es tat ihr auch wirklich leid.

 

Sie holte wieder ihr Handy hervor und wählte. Am anderen Ende der Leitung hob eine bekannte Stimme ab. „Jannes, ich bin wieder raus und auf dem Weg nach Hause. Wie geht es dir und dem Hund?“ „Es geht uns allen gut. Wir sehen uns gleich.“ Dann legte er auf. Sie lächelte. Vielleicht hatte sie es damals bei der Trennung etwas überstürzt und hätte ihm doch noch eine Chance geben sollen. Lilly fasste den Entschluss, gleich mit Jannes zu sprechen. Vielleicht war es ja noch nicht zu spät.

 

 

 

Erschöpft schloss Lilly ihre Wohnungstür auf, da kam auch schon der kleine Hund angerannt und sprang freudig an ihr hoch. Hinter ihr kam auch Jannes in den Flur gelaufen. „Jannes, ich möchte dir für alles danken und möchte mich gleich in Ruhe mit dir unterhalten.“ sagte Lilly ruhig.

 

„Lilly, Schatz. Du bist doch sicher völlig fertig.“ Er zog sie an sich, sie fühle sich bei ihm so sicher, wie früher. In diesem Moment war sie glücklich.

 

Plötzlich fühlte sie einen stechenden Schmerz und ging kurz darauf auch schon zu Boden. Alles drehte sich. Auf einmal hörte sie eine zweite Stimme. Aber ihr Geist konnte diese nicht greifen.

 

Sie merkte, dass sie bewegt wurde. Irgendetwas Hartes war unter ihr. Ihr wurde schwindelig. Ihre Augen schlossen sich und sie verlor das Bewusstsein.

 

 

 

Sie erwachte mit Kopfschmerzen. Ihr war übel. Was war passiert? Ihr Gedächtnis hatte Lücken. Jannes war da. Sie hatten sich umarmt. Es fühlte sich gut an. Und dann dieser Schmerz. Lilly riss ihre vor Angst geweiteten Augen auf. Er hatte ihr etwas gespritzt. Und dann war da noch eine zweite Stimme.

 

„Ich glaube sie ist endlich wieder wach.“ sagte eine ihr sehr vertraute Stimme.

 

Lilly versuchte ihren Blick scharf zu stellen, aber leider sah sie alles immer noch nur  verschwommen.

 

Sie saß auf einem ihrer Esszimmerstühle und konnte sich nicht bewegen. Ihre Hände und Füße waren mit Kabelbindern fixiert.

 

Langsam kam ihre Sehkraft zurück. Sie befand sich im Wohnzimmer. Jannes saß auf einem Stuhl ihr gegenüber und lächelte sie an.

 

„Liebe Lilly, herzlich willkommen zu Hause. Ich habe nicht so früh mit dir gerechnet.“ Lilly sah nach hinten, wo ihre Couch stand. Das konnte einfach nicht wahr sein. Diese Stimme kannte sie zu gut. Aber was sie da sah, konnte sie einfach nicht glauben. Tränen sammelten sich in ihren Augen.

 

„Sarah? Was läuft hier?“ fragte Lilly. Ihr Herz schlug bis zum Hals, Sarah war der liebste Mensch, den sie kannte. Die blanke Angst packte Lilly. Das  hier war kein blöder Scherz. Sondern Realität. Kein Traum.

 

Sarah erhob sich von ihrem Platz und kam auf Lilly zu.

 

„Endlich habe ich dich da, wo ich dich schon seit Jahren haben wollte. Und glaub mir, das war nicht leicht eine so lange Zeit eine Identität aufrecht zu erhalten, die es nicht gibt.“ Sarah lachte.

 

„Du fragst dich sicher, warum ausgerechnet dir so etwas passiert. Das ist eine echt interessante Frage. Ich möchte sie dir gerne beantworten. Sozusagen als letzten Freundschaftsdienst.“

 

Sarahs Ton hatte etwas Irres. So hatte Lilly ihre Freundin noch nie reden hören.

 

„Bitte, lasst mich los, ich werde nichts irgendjemanden verraten und ich kann auch in eine andere Stadt ziehen. Nur bitte hört beide auf. Bitte.“ Lilly flehte. Aber die beiden sahen sie aus kalten Augen an.

 

Sarah schüttelte den Kopf. „Das geht leider nicht. Weißt du, Strafe muss sein. Aber jetzt erst mal Step by Step. Jannes und ich sind schon seit einem halben Jahr zusammen. Unser gemeinsamer Feind, und der bist du, hat uns einander näher gebracht. Ich hatte ihn dabei erwischt, wie er deine Briefe aus dem Briefkasten gefischt hat. Wir haben dann lange Gespräche geführt und gemerkt, dass wir viel gemeinsam haben. Unseren Hass auf dich. Unser Plan war es, dich zu vernichten, dir alles zu nehmen, was dir etwas bedeutet. Du solltest ganz alleine sein.

 

Rache schmeckt am besten, wenn sie kalt serviert wird.

 

Kommen wir zu dem warum. Ich habe die Fotos auf dem Handy gemacht. Als ich merkte, dass meine Zwillingsschwester, nachdem sie ihren Job verloren hatte, in die Drogenszene abgerutscht war, fing ich an sie zu beschatten. Ich muss sagen, ich wäre ein guter Detektiv geworden. Jedenfalls dauerte es nicht lange und ich sah dich. Ein hübsches Erscheinungsbild. Zuerst dachte ich, du gibst ihr das Zeug bloß. Aber als ich dich irgendwann verfolgte und dann auch gesehen habe, was du gemacht hast, wuchs mein Hass. Klar hab ich versucht, Jessica von den Drogen zu holen.“

 

Lillys Herz setzte einen Moment aus. Jessica. So wie Jessica Winter. Die Drogentote. Ihre Gedanken überschlugen sich. Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Jannes stand jetzt hinter Sarah und legte seine Hände auf ihre Schultern.

 

„Aber eines Tages kam sie nicht zu einem Familienessen, da fuhr ich zu ihr. Ich hatte schon mit allem gerechnet. Und so fand ich sie, noch mit der Nadel im Arm. Der Rechtsmediziner erzählte meinen Eltern, dass das Heroin mit einer Substanz namens Fentanyl  gestreckt wurde und bei Jessica tödlich war.

 

Sicher hätte ich dir die Polizei auf den Hals hetzen können, aber was hätte es gebracht? Umso schockierter war ich, als ich heraus bekam, dass du selbst Polizeianwärterin warst. Ich wollte Rache. Dafür bin ich meinem Motto treu geblieben, sei deinen Freunden nah, aber deinen Feinden näher.Es war nicht schwer sich mit dir anzufreunden. Du hattest ja schon regelrecht nach Liebe gebettelt. Du warst froh, dass jemand deine Nähe aushält.“

 

 

 

Ihre Gedanken überschlugen sich. Vor ihr war nicht Sarah Schwarzenberg, sondern Jasmin Winter. Die zweite DNS, die Jakob auf dem Handy sichergestellt hatte. Ihre Augen weiteten sich. Sie wurde getäuscht. Jahrelang. Von ihrer besten Freundin. Sarah blickte sie kalt an.

 

„Ich habe Thomas und Karen getötet. Die moderne Technik und das Internet machten es leicht, überall deine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Man braucht nicht viel dazu, aber wem erzähle ich das? Du bist ja vom Fach.“ Sie wedelte mit ihrem Schlüssel zu Lillys Wohnung. „Ich kam immer her, wenn du zum Einsatz warst, denn ich konnte mich auf dich verlassen. Du rufst mich auf jeden Fall danach an.“ sie machte ein zufriedenes Gesicht. „Bei deiner Mama war es schon ein bisschen schwerer. Ich mochte sie wirklich gerne. Und eins kann ich dir sagen, sie machte es mir nicht gerade leicht. Die Haare unter ihren Fingernägeln kamen übrigens aus deiner Bürste. Ach, das war alles so herrlich einfach. Und niemand wird mich je finden, denn eine Sarah Schwarzenberg gibt es nicht.“ sie machte eine fürchterliche Grimasse. Lillys Angst wuchs von Sekunde zu Sekunde. „Du bist ja verrückt. Es tut mir Leid mit deiner Schwester und ich werde dafür grade stehen und werde mich stellen. Dann hast du doch alles was du wolltest.“ Sie flehte und Tränen sammelten sich wieder in ihren Augen. Sie hoffte, dass Sarah oder wie auch immer sie hieß,  jetzt von ihr ablassen würde. Aber diese sah sie nur mit einem wirren Blick an.

 

„Oh ja, du wirst dafür büßen“, sagte Sarah überzeugend.

 

Jannes stand immer noch hinter Sarah. Er nickte. Wie konnte sie sich nur so in ihn täuschen. Warum hatte er so einen Hass auf sie, dass er bei diesem Spielchen mitmachte?

 

„Jannes, warum tust du mir das an? Wir haben uns doch geliebt.“ richtete Lilly sich an ihren ehemaligen Freund.

 

„Du hast damals allein entschieden mit der Dealerei aufzuhören. Wegen dir hatte ich nur noch mein popliges Gehalt aus der Autowaschanlage. Und dann kam noch Daniel. Glaubst du, ich hätte nicht gemerkt was mit ihm läuft? Du hast mich betrogen und mich dann abserviert.“ schrie Jannes voller Wut.

 

„Ihr verdient einander…“ flüstere Lilly völlig kraftlos.

 

Dann ging alles sehr schnell. Lilly sah wieder zu Sarah. Sarah drehte sich gerade zu Jannes um und umarmte ihn, als ob sie ihr damit zeigen wollte, ja, wir haben einander verdient. Sie küsste ihn,  dabei hob sie ihre Hand nach oben. Ein Schuss löste sich aus ihrer Waffe und Jannes Blut spritzte Lilly ins Gesicht. Mit einem lauten Rums sackte Jannes zusammen. Neben ihm stand Sarah und guckte zu ihm herab. Sie zuckte mit den Achseln und wendete sich wieder Lilly zu. Die saß völlig starr vor Schreck auf ihrem Stuhl und versuchte zu schreien, aber nichts passierte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie musste tief Luft holen. „Warum hast du ihn getötet?“ Krächzte Lilly. Mehr kam nicht mehr raus. Das Adrenalin floss durch ihren Körper und half ihr so noch zu funktionieren.

 

„Fragst du das jetzt wirklich? Hast du denn gar nichts verstanden? Du hast die Drogen doch nicht allein vermischt. Er hat genauso Schuld am Tod von Jessica. Hast du ernsthaft geglaubt, ich könnte mich auf ihn einlassen? Nein. Ich brauchte ihn für meinen Plan. Und nun ist er nutzlos.“ sie stieß mit ihrem Schuh gegen Jannes, der in einer riesigen Lache aus seinem eigenen Blut lag.

 

Lilly konnte nicht fassen, was hier passiert war.

 

Sarahs Handy klingelte. Sie sah aufs Display. Riss einen Streifen Klebeband ab, und klebte ihn über Lillys Mund. Dann nahm sie den Anruf entgegen.

 

„Daniel, ich bin bald fertig. Ich komme dann gleich zu dir. Bist du so toll und holst mir wieder die leckere Pasta vom Italiener?“. Sarah hörte der Person am anderen Ende der Leitung zu. „Ich dich auch“. Dann legte sie auf und riss mit einem Ruck das Klebeband von Lillys Mund ab. Sie stöhnte vor Schmerz. Aber was noch viel schlimmer war, war die Tatsache, dass die Irre einen Freund hatte. Daniel. Hoffentlich war es nicht ihr Daniel. Sie betete, dass sich das als Lüge heraus stellte.

 

„Das war mein Freund. Er ist so toll. Und sieht richtig gut aus. Ich glaube ihr seid euch schon mal begegnet“. Sie zeigte Lilly ein Foto von sich und … ja, Daniel. Ihr Daniel. Lilly war so schockiert, dass ihr der Mund offen blieb. Kein mucks kam raus.

 

Sarah aber lächelte nur.

 

„So meine liebe, ich würde ja gerne noch plaudern, aber ich bin zum Abendessen eingeladen. Ich muss jetzt los. War schön mit dir. Schade, dass wir uns nicht unter anderen Umständen kennen gelernt haben. Wir hätten beste Freundinnen sein können.“ Sarah lachte.

 

 

 

Lilly sah in den Lauf der Waffe. Und dann wurde es dunkel um sie herum.

 

10+

7 thoughts on “Geliebte Feindin

  1. Hallo Katja!

    Tolle und sehr fesselnde Geschichte – so wie ich mir eine Kurzgeschichte vorstelle! Tolle Umsetzung der Parameter ist dir da gelungen! Mein Like hast du!

    LG, Florian

    PS. Falls du Zeit und Lust hast, würde ich mich freuen, wenn du meine Geschichte lesen und mir evtl auch ein kurzes Feedback dalassen würdest. Und besonders würde es mich natürlich freuen, dass dir die Geschichte so gut gefällt, dass sie sogar ein Like bekommt!

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/schach-matt

    1+
  2. Hallo Katja,
    deine Geschichte hat mich sehr gefesselt.
    Gut gemacht,ständig wollte ich wissen,was ist hier los?
    Ich konnte nicht aufhören zu lesen.
    Vom Ende war ich dann sehr überrascht,damit hatte ich bis zum Schluss nicht gerechnet,was ja nur für die Geschichte spricht.
    Von mir ein Daumen hoch.
    Helmut

    2+

Schreibe einen Kommentar