Dinah Linke und Johanna StroheckerGespaltene Zungen

»Cause this is thriller, thriller night, and no one’s gonna save you, from the beast about to strike. You know it’s thriller, thriller night …«, grölte Frieda den Text ihres Lieblings-Partysongs mit. Die Stimmung auf ihrer Abschiedsfeier war ausgelassen und Frieda genoss das letzte Wochenende in ihrer WG mit all ihren Freunden und denen ihrer drei Mitbewohner. Im Wohnzimmer der WG hatten sie eine kleine Tanzfläche eingerichtet und in der Küche ein Buffet aufgebaut, für das ihr Mitbewohner Mathias, der leidenschaftlich gern kochte und backte, leckere Party-Snacks zubereitet hatte. Schon in der nächsten Woche würde Frieda nach fünf Jahren aus der WG ausziehen, nachdem sie ihr Biologiestudium erfolgreich mit dem Master of Science abgeschlossen hatte. Sie freute sich auf den Umzug in ihre erste eigene Wohnung, welche sie von ihrem ersten eigenen Gehalt genau nach ihren Wünschen und Vorstellungen einrichten konnte.

Während sie sich rhythmisch zum Takt der Musik bewegte, machten sich die drei Gin Tonics, die Frieda bereits getrunken hatte, bemerkbar. »Ich geh mal schnell aufs Klo«, rief sie ihren besten Freundinnen Isabelle und Antje zu, in der Hoffnung die lauten Klänge der Musikanlage übertönen zu können. Die Toilette war an diesem Abend praktisch dauerbesetzt. Vor der Tür bildete sich eine Schlange, die den gesamten Flur hinunterführte. Na immerhin zeigt das, dass wir genügend Getränke eingekauft haben. Frieda musste bei diesem Gedanken grinsen, dann reihte sie sich ein. Als sie an der Reihe war, kamen vor ihr drei Mädels, die sie nur flüchtig kannte, aus dem Bad. Eine Parfümwolke strömte ihr entgegen. Sobald Frieda eintrat, fiel ihr Blick direkt auf ein ungewohntes Objekt im Regal, etwas, das dort normalerweise nicht lag: ein schwarzes Smartphone mit dem Display nach unten. »Hey Leute«, rief sie den Mädchen, die vor ihr das Bad besetzten, zu, »eine von euch hat ihr Handy vergessen!« – »Das lag da schon«, lautete die Antwort. Frieda beschloss erst schnell auf die Toilette zu gehen und sich anschließend auf die Suche nach dem Besitzer des Telefons zu machen. Sie schloss gerade die Badtür ab, als plötzlich das Handy vibrierte. Neugierig darüber, wem das Telefon wohl gehörte, drehte sie es um und hätte es im nächsten Moment beinahe wieder fallen gelassen. Ein ihr nur allzu vertrautes Gesicht lächelte ihr entgegen. Ihr eigenes. Das muss ein Scherz sein! Entweder will mir jemand zum Abschied aus der WG einen Streich spielen oder ich habe einen heimlichen Verehrer. Frieda lachte nervös bei diesem Gedanken. Wenn ich doch nur das Handy entsperren könnte, dann wüsste ich, wer sich diesen absurden Scherz erlaubt. In dem Moment fiel ihr Blick auf die soeben eingegangene Nachricht, die sie erneut schaudern ließ:

Wann ist Tim gestorben?

Friedas Herz schlug schneller. Tim ist tot? Mein alter Schulfreund? Nein, das kann nicht sein, von dem habe ich doch gestern noch Fotos aus dem Urlaub auf Instagram gesehen. Oder meint er etwa …? Nein, das ist unmöglich!  Der Name Tim war ihr in ihrem bisherigen Leben erst zwei Mal begegnet. Neben ihrem langjährigen Banknachbar aus der Schule kannte sie sonst nur noch einen weiteren Tim, nämlich ihren geliebten Golden Retriever, mit dem sie ihre gesamte Kindheit verbracht hatte und der vor 12 Jahren gestorben war. Aber das habe ich hier nie jemandem erzählt. Frieda war verunsichert. Vor allem aus Neugier, aber auch weil sie sich nicht anders zu helfen wusste, probierte sie mit der Zahlenkombination 160308, dem Todestag ihres Hundes, das Handy zu entsperren. Zu ihrem großen Erstaunen funktionierte es tatsächlich. Auch das nun freigegebene Hintergrundbild des Smartphones zeigte Frieda, dieses Mal wie sie im Park auf einer Bank saß und verträumt in den Himmel schaute. »Komisch«, schoss es ihr durch den Kopf, »dieses Bild kenne ich ja gar nicht. Wurde das etwa heimlich aufgenommen?« Auf der Suche nach weiteren Hinweisen, beschloss Frieda mit zitternden Fingern das Handy noch mehr zu durchstöbern. Wenn du in meine Privatsphäre eindringst, dann mach ich eben das Gleiche mit dir. Zunächst öffnete sie die Messenger-App, in der es erstaunlicherweise nur einen einzigen Chatverlauf gab, und zwar von der Person, die ihr auch die Frage nach dem Todestag ihres Hundes gestellt hatte. Daboia war der Name des Chat-Partners. Ein Wort, dass ihr seltsam vertraut vorkam, doch sie konnte es momentan nicht zuordnen, was sie ihrem Alkoholpegel zuschrieb. Kurzerhand tippte sie eine Nachricht:

Hallo? Wer bist du? Sehr witzige Aktion, wir haben uns alle sehr amüsiert … Du kannst dich jetzt zu erkennen geben.

Genau in dem Moment, als sie auf „Senden“ drückte, hämmerte jemand von außen gegen die Badtür.

»Warum braucht ihr Weiber eigentlich immer so lange auf Klo?« Genau solche Sprüche waren es, die Thomas zum unbeliebtesten Mitbewohner aller Zeiten machten. In den fünf Jahren, in denen Frieda in dieser WG lebte, waren einige schräge Leute ein- und auch wieder ausgezogen, doch Thomas war mit Abstand der unangenehmste von allen. Er kam vor einem Jahr in die WG, als er sein BWL-Studium begonnen hatte, und machte seitdem Frieda und ihrer Mitbewohnerin Isabelle, die auch schon seit drei Jahren dort wohnte und Kunst studierte, das Leben schwer. Er war ein Sexist wie er im Buche steht. Von Frauen, die eine erfolgreiche Karriere anstrebten, hielt er nicht viel, denn in seinen konservativen Augen war das weibliche Geschlecht für Haushalt und Kindererziehung zuständig. Daher waren ihm selbstbewusste Frauen wie Frieda und Isabelle ein Dorn im Auge. Diese hatten mehrmals versucht, ihn aus der WG zu werfen, doch ihr zweiter männlicher Mitbewohner Mathias, die gute Seele der WG und Diplomat durch und durch, stärkte Thomas stets den Rücken und verteidigte ihn immer wieder. In letzter Zeit bekamen sie ihn glücklicherweise sowieso nicht mehr häufig zu Gesicht, sodass sie die Versuche ihn rauszuwerfen letztendlich aufgaben und sich mit der Situation arrangierten.

Frieda rollte mit den Augen, verkniff sich dieses Mal jedoch einen Kommentar. Normalerweise hatte sie immer einen schlagfertigen Konter auf Lager, doch momentan hatte sie andere Sorgen. Ich muss die Zeit nutzen, in der ich hier drin meine Ruhe habe, um noch mehr herauszufinden. Frieda öffnete die Foto-Galerie des Smartphones. Mittlerweile war sie eher weniger überrascht über die Tatsache, dass dort noch mehr Bilder von ihr zu finden waren. Hier das Foto, welches sie jahrelang als Profilbild bei Facebook verwendet hatte, dort ein Schnappschuss aus ihrem letzten Winterurlaub, welchen sie auf Instagram gepostet hatte. Doch als sie erneut über das Display wischte, um zu den folgenden Fotos zu gelangen, fühlte es sich plötzlich so an, als würde sich ihre Kehle zuschnüren. Obwohl vor der Tür eine laute Party stieg, wurde es auf einmal ganz still. Sie bekam keine Luft mehr, ihr wurde schlecht, alles um sie herum begann sich zu drehen. Frieda musste sich auf den Rand der Badewanne setzen. Dieses Mal konnte sie es nicht auf den Alkohol schieben, sondern auf das, was ihre Augen dort auf dem hell erleuchteten Bildschirm des Telefons ansehen mussten. Frieda starrte auf sich selbst im Bett. Schlafend. Sich selbst in der Dusche. Nackt. Panik stieg in Frieda auf, in diesem Moment wurde ihr klar, dass all das kein Scherz mehr sein konnte, nicht einmal ein sehr geschmackloser. Sie hatte das Gefühl, dass es bitterer Ernst war. Irgendjemand hatte, aus einem für sie unerklärlichen Grund, heimlich Aufnahmen von ihr in sehr intimen Situationen gemacht und das jagte ihr eine Heidenangst ein.

Als das Telefon in ihren Händen erneut vibrierte, um eine weitere Nachricht anzukündigen, zuckte Frieda erschrocken zusammen.

Du bist ja ganz schön lange im Bad.

Nun hatte sie Gewissheit über das, was sie vorher nur vermuten konnte: diese unheimliche Person war ebenfalls auf der Party. Frieda wusste nicht, ob sie erfreut oder verängstigt auf dieses neu erlangte Wissen reagieren sollte.

»Heulst du etwa da drin oder was ist los? Oder hast du wieder zu viel getrunken? Ich hab‘ dir doch schon tausend Mal gesagt, dass du nichts verträgst!«, vernahm sie erneut Thomas‘ Stimme von draußen. Schlagartig war sich Frieda sicher zu wissen, wer ihr geheimnisvoller Chat-Partner war und ihre Angst wich einer enormen Wut. Dieses sexistische Arschloch kriegt mich nicht klein! Sie war kurz davor die Badezimmertür aufzureißen und Thomas mit ihren Vorwürfen zu konfrontieren. Doch dann hielt sie inne und entschied sich, ihn auf frischer Tat zu ertappen, während er eine weitere Nachricht an sie verfassen würde. Also packte sie das Handy in ihre Tasche und verließ das Bad, nicht jedoch ohne Thomas einen hasserfüllten Blick zuzuwerfen. Daraufhin entgegnete dieser nur: »Also, wenn du lächelst, siehst du viel heißer aus«, was Frieda mit einem ausgestreckten Mittelfinger in seine Richtung billigte. Thomas verdrehte die Augen: »Was ist das eigentlich für eine Art, auf der eigenen Abschiedsparty so schlechte Laune zu schieben? Hast du letzte Nacht schlecht geschlafen, oder was?« Bei diesen Worten stockte Frieda der Atem. War das eine Anspielung auf eines der Fotos? Doch bevor sie etwas erwidern konnte, war Thomas bereits im Bad verschwunden.

Um ihren Plan, Thomas zu überführen, verfolgen zu können, musste sich Frieda unauffällig in der Nähe des Bierpong-Tisches neben der Tanzfläche im Wohnzimmer aufhalten. Thomas liebte dieses, in Friedas Augen alberne, Trinkspiel, bei dem zwei gegnerische Teams sich an einem Tisch gegenüberstanden und versuchten mit einem Tischtennisball die mit Bier gefüllten Becher des anderen Teams zu treffen. »Es wundert mich nicht, dass du Bierpong nicht magst. Welche Frau trinkt schon gerne Bier?«, hatte Thomas einmal zu Frieda gesagt. Als Antwort darauf hatte sie eine ganze Flasche Bier auf ex ausgetrunken.

Mit einem schweren Seufzer ließ sich Frieda auf die grüne Ledercouch des Wohnzimmers sinken. Von hier aus hatte sie einen perfekten Blick auf Thomas, der soeben wieder von der Toilette zurückgekehrt war, ohne dass er sie jedoch sehen konnte. Alle um sie herum hatten Spaß, tanzten, sangen, tranken. Da sie sich unbeobachtet fühlte, starrte Frieda ungeniert in Thomas‘ Richtung. Umso überraschter war sie über die neue Nachricht von Daboia, die sie hastig las, nachdem sie die Vibration des Handys in ihrer Hosentasche gespürt hatte.

Du denkst ich sei Thomas? Haha, als ob der zu sowas in der Lage wäre.

Und tatsächlich hatte Thomas sein Handy nicht in der Hand als diese neue Nachricht eintraf. Bevor Frieda sich weitere Gedanken darüber machen konnte, wer ihr stattdessen nachspioniert hatte, ging eine weitere, nicht mehr ganz so freundliche, Mitteilung im Chatverlauf ein.

Du bist doch ein schlaues Mädchen. Du hast doch jetzt deinen ach so tollen Abschluss. Dann überleg mal, wer ich bin.

Mit einer Mischung aus Sorge über den forschen Ton der Nachricht und Enttäuschung über Thomas‘ Unschuld ließ Frieda erneut den Blick durch das Zimmer schweifen, auf der Suche nach einem Verdächtigen. Es waren allerdings sehr viele Leute in der ganzen WG verteilt und die Mehrheit von ihnen hing mehr oder minder oft am Handy. Die zuvor geschwundene Angst stieg nun wieder in Frieda auf. Jede der etwa 40 Personen auf dieser Party könnte es sein, vielleicht der Freund eines Freundes oder sogar ein Stalker, den sie gar nicht persönlich kannte. Denn neben der Tatsache, dass diese Person heimlich Fotos von ihr aufgenommen hatte, wusste sie immerhin auch Dinge, wie den Todestag ihres Hundes, den sie hier noch nie jemandem erzählt hatte. Außerdem musste diese Person Zugang zur WG gehabt haben, um die Kameras zu positionieren. Nein, sie konnte das nicht allein mit sich ausmachen, sie musste sich jemandem anvertrauen.

Frieda fand ihre beiden besten Freundinnen Isabelle, die auch gleichzeitig ihre Mitbewohnerin war, und Antje, die sie aus der Uni kannte, in der Küche. Sie waren gerade dabei, Mathias für seinen selbstgebackenen Streuselkuchen in den Himmel zu loben. »Hey, habt ihr zwei mal ‘ne Minute?«, wandte Frieda sich an ihre Freundinnen. Gemeinsam gingen die drei in Friedas Zimmer, welches sie immer abschloss, wenn eine WG-Party stieg. Dort erzählte sie den Mädchen, die mit ungläubigen Blicken an ihren Lippen hingen, vom Fund des Handys und ihren damit verbundenen Ängsten. »Ach komm das ist zwar im ersten Moment ein Schock, aber ganz so schlimm ist es doch auch nicht! Wir können ein bisschen Detektive spielen, das ist doch eigentlich ganz witzig.« – »Sag mal, hast du sie noch alle? In unserer WG läuft gerade irgendein perverser Spinner herum und du findest das lustig?« Frieda war empört darüber, dass Antje die Situation so herunterspielte und den Ernst der Lage nicht zu begreifen schien. »Ist das nicht eher ein Fall für die Polizei?« Isabelles Einwand gefiel Frieda schon deutlich besser. Dieses rationale Denken und die Tatsache, dass sie auch in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf bewahrte, schätzte Frieda sehr an ihrer Mitbewohnerin. Auch Antje konnten diese Eigenschaften normalerweise zugeschrieben werden, zusammen mit einer gesunden Portion Vorsicht. Daher wunderte es Frieda umso mehr, was ihre Freundin nun vorschlug: »Es ist Samstagabend, die Polizei hat sicher genug zu tun. Außerdem sind wir doch da, und wir bleiben auch bis der letzte Gast die Party verlässt. Dir kann also nichts passieren. Was haltet ihr davon? Wir teilen uns auf die verschiedenen Räume der Wohnung auf und beobachten das Ganze. Wer etwas Verdächtiges bemerkt, meldet sich. Und wenn wir bis morgen keine neuen Erkenntnisse erlangt haben, dann können wir immer noch zur Polizei gehen.« Isabelle war mit Antjes Vorschlag einverstanden, also stimmte auch Frieda zu. So trennten sich die drei Freundinnen, um in den unterschiedlichen Zimmern ihre Posten zu beziehen.

Frieda ging in die Küche, setzte sich neben Mathias an den Küchentisch und nahm sich eine Pizzaschnecke vom Buffet. »Schmeckt gut«, sagte sie zu ihm, als er sie erwartungsvoll ansah. »Gut? Ich finde die sind der absolute Hammer!« Mathias hatte einen Hang zur Übertreibung, aber seine herzliche Art und seine beinahe kindliche Naivität machten ihn trotzdem zu einem sehr geschätzten Mitbewohner. Frieda versuchte sich während des Gesprächs mit Mathias unauffällig in der Küche umzusehen. Nebenbei hatte sie auch immer das fremde Handy im Blick. Als Mathias ihr gerade davon berichtete wie unglaublich großartig Surfen in Australien sei, erhellte sich das Display des Telefons. Die Mitteilung auf dem Sperrbildschirm verhieß nichts Gutes:

Ach, und noch was: du bringst das Handy besser nicht zur Polizei, sonst kannst du ihnen auch gleich das hier zeigen.

Die Vorschau der Nachricht zeigte an, dass danach ein Bild geschickt wurde. Oh nein, was kommt denn jetzt noch? Was könnte schlimmer sein als all diese intimen Fotos? Frieda überkam ein erneuter Anflug von Panik. »Sorry, ich muss kurz weg«, brachte sie gerade noch an Mathias gerichtet hervor, doch dieser beachtete sie schon gar nicht mehr, da er mittlerweile interessiertere Zuhörer gefunden hatte. Frieda stürmte aus der Küche in ihr Zimmer und schloss sich ein. Mit zitternden Händen öffnete sie den Chat und dieses Mal war sie sich sicher, dass ihr Herz jeden Moment stehen bleiben würde. Denn das, was sie dort zu Gesicht bekam, war schlimmer als jedes andere Bild auf diesem Smartphone. Schweiß trat augenblicklich aus jeder Pore ihres Körpers. Nie hätte Frieda gedacht, dass sie dieses Foto jemals wieder zu Gesicht bekommen würde. Ihr wurde heiß, dann kalt. Sie wusste nicht, was sie denken sollte, es fühlte sich an, als würden dutzende Emotionen auf sie einprasseln, wie Regentropfen gegen ein Fenster an einem stürmischen Herbsttag. Am liebsten hätte sie geschrien, aber sie konnte nicht, sie war einfach nur starr vor Furcht. Das Foto zeigte Frieda glücklich lächelnd, gemeinsam mit Ihrem Professor für Toxikologie Herrn Bergmann. Prof. Dr. Nils Bergmann, der schon seit vier Jahren tot war.

Als Frieda ihr Studium vor fünf Jahren begonnen hatte, war sie, auf der Suche nach einem Nebenjob, auf eine Aushilfsstelle in der Arbeitsgruppe von Professor Bergmann gestoßen. Sie bewarb sich und bekam den Job. Da sie sehr interessiert an der Toxikologie, der Lehre der Giftstoffe, war, nutzte sie jede Gelegenheit ihren Vorgesetzten mit Fragen zu löchern. Nach einiger Zeit wurde es fast zur Tradition, dass Frieda nach ihrer Arbeit im Büro von Herrn Bergmann vorbeischaute, um sich mit ihm über die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft auszutauschen. Der Professor schätzte Friedas Interesse sehr. Einmal fragte Antje sie: »Läuft da was zwischen dir und dem Bergmann? Warum bist du ständig in seinem Büro?« Doch Frieda verneinte, ihre Beziehung war keineswegs romantischer Natur. Die beiden einte lediglich die Liebe zur Wissenschaft, was dazu führte, dass sich zwischen dem Professor und seinem Schützling eine tiefe Freundschaft entwickelte. Manchmal fühlte es sich für Frieda an, als wäre Nils – so nannte sie ihn – wie ein Vater, so vertraut wurde ihr Verhältnis im Laufe der Zeit. Frieda arbeitete schon fast ein ganzes Jahr für ihren Chef und ihre Freundschaft hätte nicht besser laufen können. Alles schien perfekt, bis zu dem Tag als …

*pling* … Eine weitere Nachricht des Mobiltelefons unterbrach ihre Gedanken. Wieder wurde ein Foto gesendet und dazu die Worte:

Nur du und ich kennen die Wahrheit.

Das Bild, welches Daboia geschickt hatte, zeigte einen Zeitungsartikel vom 24. Juni 2016, er zierte damals das Titelblatt der städtischen Zeitung. Den Großteil des Artikels nahm ein schwarz-weißes Bild von Prof. Bergmann in Anspruch und darüber stand in fetten Buchstaben der reißerische Titel:

Tragischer Unfalltod des Toxikologen Prof. Dr. Bergmann schockiert Wissenschaftler weltweit.

Nun war sich Frieda sicher, dass diese Person da draußen ihr dunkelstes Geheimnis kannte. Tränen schossen ihr in die Augen, sodass der Zeitungsartikel auf dem Display verschwamm. Ihre Beine konnten sie auf einmal nicht mehr tragen, sie brach zitternd zusammen. Die laute Musik vor ihrer Zimmertür übertönte das Schluchzen und Weinen während ihrer Panikattacke. Anfangs kämpfte Frieda noch dagegen an, aber nach einiger Zeit fielen ihr vor Erschöpfung einfach die Augen zu.

Plötzlich schreckte Frieda keuchend auf. Was für ein grauenhafter Albtraum! Doch gleich im nächsten Moment fiel ihr Blick auf das schwarze Telefon, welches neben ihr auf dem Boden lag und sie realisierte, dass ihr schlimmster Albtraum bittere Realität geworden war. Frieda sah im Chat mit Daboia den gesendeten Zeitungsartikel und augenblicklich begann ihr Herz wieder schneller zu schlagen. Sie versuchte sich zusammenzureißen und eine Antwort zu tippen, doch ihre Finger zitterten.

Woherr hastdu deises Foto?

Die Nachricht wurde sofort gelesen, doch nach mehreren Minuten kam immer noch keine Antwort, also schrieb sie weiter.

Waswillst du jetz vo mir? Soll ixh mich bei der Poilzei stellen?

Ihre Finger zitterten so stark, dass sie sich ständig vertippte, aber das war Frieda in dem Moment egal. Die Antwort kam dieses Mal schon nach kurzer Zeit.

Du musst keine Angst haben. Ich will nur persönlich mit dir reden. Dann werde ich dir all deine Fragen beantworten. Komm zur Waldstraße 54. Aber allein. Und keine Polizei. So wie ich all das über dich herausfinden konnte, so weiß ich auch sofort, wenn du dich nicht daran hältst.

Du hast genug Horrorfilme gesehen. Du weißt genau, dass es das Dümmste ist, was du tun könntest, mitten in der Nacht allein an einen abgelegenen Ort zu gehen, um dich mit einem möglicherweise gefährlichen Psychopathen zu treffen. Doch ein anderes Gefühl in Frieda war stärker als ihre Vernunft – ihre Angst. Die Angst davor, dass ihr gut gehütetes Geheimnis ans Licht kommen würde. Gleichzeitig verspürte sie auch Neugier, endlich herauszufinden, wer ihr auf die Schliche gekommen war und vor allem wie. Sie war der Meinung, ihre Spuren ausreichend beseitigt zu haben. Und nicht zuletzt war da auch dieser kleine Funke Hoffnung, die ganze Situation noch abwenden zu können, indem sie sich vor ihrem Stalker reumütig gab.

Frieda wusste, dass die Waldstraße am anderen Ende der Stadt lag, wenn sie mit dem Fahrrad fuhr, würde sie in 20 Minuten dort sein. Sie öffnete vorsichtig die Tür ihres Zimmers. Der Flur war dunkel, sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Anscheinend war die Party mittlerweile vorbei, alle Mitbewohner schienen in ihren Zimmern zu sein und zu schlafen. Sie bemerkte, dass auf ihrem eigenen Handy inzwischen Nachrichten im Gruppenchat mit ihren Freundinnen Antje und Isabelle eingegangen waren.

Ich habe nichts Verdächtiges gesehen. Ihr?

Frieda, wir haben an deine Tür geklopft, aber es kam keine Antwort. Wir dachten du schläfst, weil wir dich sonst nirgends gefunden haben. Alles ok?

Nur zu gern hätte Frieda den beiden Mädchen von ihrer Situation erzählt, doch zu groß war die Bedrohung, die sie verspürte, wenn sie sich nicht an Daboias aufgestellte Regeln halten würde. Daher tippte sie schnell:

Ja, alles ok. Ich war nur müde. Gute Nacht.

Dann griff sie sich ihr Pfefferspray aus dem Regal und verließ die Wohnung.

In der Waldstraße angekommen, suchte Frieda nach der Hausnummer 54. Sie kannte diese Gegend nicht sehr gut, es war das Viertel der Wohlhabenden am Rande der Stadt. Hier gab es prachtvolle Villen, gesäumt von gepflegten Gärten, sowie luxuriöse Autos in den Einfahrten. Das Haus mit der Nummer 54 war das letzte Grundstück, bevor die Straße in einen schmalen Waldweg überging. Frieda stellte ihr Fahrrad ab und ging langsam auf das Eingangstor des Hauses zu, das Pfefferspray fest umklammert. Das Tor war aus massivem Metall und an der Oberseite aufwändig verziert. Doch das einzige, was in diesem Moment Friedas Aufmerksamkeit auf sich zog, war etwas, das direkt in der Mitte des Tors angebracht war: die sehr realistische Nachbildung eines Schlangenkopfes. Von da an ging alles sehr schnell: Frieda warf einen Blick auf das Klingelschild. Bergmann stand da in Druckbuchstaben geschrieben. Ihre Gedanken überschlugen sich, dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. DABOIA! Klar! Daboia russelii war der lateinische Name für die Kettenviper, die Schlange, die Professor Bergmann vor vier Jahren tötete. Und das war ganz allein Friedas Schuld. Plötzlich spürte sie einen dumpfen Schlag auf den Hinterkopf, dann wurde es schwarz um sie herum.

Es war der 22. Juni 2016, ein lauer Sommerabend und gleichzeitig Friedas 21. Geburtstag. Friedas Freunde hätten nicht nachvollziehen können, dass sie diesen Tag lieber auf der Arbeit verbrachte, anstatt an den See zu fahren. Daher sagte sie ihnen von vornherein, dass sie sich mit ihren Eltern zum Abendessen verabredet hatte. In Wahrheit verbrachte Frieda jedoch – pflichtbewusst, wie sie nun einmal war – den Abend in der Universität mit Nils Bergmann. Denn es war Mittwoch und wie immer musste an diesem Tag der Woche neues Schlangengift gewonnen werden. Die Arbeitsgruppe von Professor Bergmann forschte an dessen heilender Wirkung. Die Toxine werden zum einen benötigt, um Gegengifte herzustellen. Zum anderen verfügen sie auch über sehr vielfältige Bestandteile, die, in der richtigen Dosis, ein enormes Potential für die Medizin darstellen. So gibt es bereits Medikamente mit Bestandteilen von Schlangengiften, die zu einer schmerzlindernden Wirkung beitragen.

Anlässlich Friedas Geburtstag hatte Professor Bergmann einen Champagner und zwei Stück Torte gekauft. Normalerweise waren Essen und Trinken und erst recht der Konsum von Alkohol im Labor strengstens verboten. Doch da sie um diese Uhrzeit die einzigen im Gebäude waren und es ein besonderer Tag war, machten sie eine Ausnahme. Sie tranken einige Gläser und scherzten herum. »Los, wir machen ein Geburtstags-Foto. Auf dich!«, hatte Nils gesagt und sein Smartphone mit ausgestrecktem Arm vor ihre Gesichter gehalten, während sie sich mit ihren Gläsern zuprosteten. Dann bemerkte Nils mit einem Blick auf die Uhr: »Oh es ist schon recht spät. Ich werde mich mal um die Kleine kümmern.« Er verließ den Raum, um zum Schlangenlabor am Ende des Ganges zu gehen. Die Gewinnung des Schlangengiftes – melken genannt – war absolute Chefsache. Es gab in der Uni zwei Arten von Giftschlangen: eine Brillenschlange mit dem unterhaltsamen wissenschaftlichen Namen Naja naja und drei Kettenvipern, Daboia russelii. An diesem Abend sollte eine der Vipern gemolken werden. Dafür wurde jeden Mittwochnachmittag die Kohlenstoffdioxid-Zufuhr zu den Schlangenboxen aufgedreht, was dazu führte, dass die gefährlichen Tiere betäubt wurden. Professor Bergmann nahm dann stets mit einem gezielten Handgriff den Kopf der Schlange, öffnete ihr Maul und bohrte ihre Giftzähne in eine Plastikfolie, welche über ein Glas gespannt war. Dann massierte er die Giftdrüsen, die sich seitlich am Kopf des Tieres befinden, sodass schließlich das wertvolle Gift von den Zähnen tropfte und sich im Glas sammelte. Die ganze Prozedur dauerte nur einige Augenblicke. Normalerweise. An diesem Abend verstrichen jedoch die Minuten und nach einiger Zeit wunderte sich Frieda, dass Nils immer noch nicht zurückgekehrt war. Ob er wohl wieder Probleme mit dem Abstellen der Kohlenstoffdioxid-Zufuhr hat? Mitten in diesem Gedanken stockte sie, als ihr dämmerte, dass sie einen großen Fehler begangen hatte. Blitzschnell sprang sie von ihrem Stuhl auf und rannte den Gang hinunter zum Schlangenlabor.

Doch sie kam zu spät, Nils Bergmann lag bereits reglos auf dem Fußboden, in seiner Hand zwei punktförmige Bisswunden von den Giftzähnen einer Schlange. Das Gift der Kettenviper wirkt hauptsächlich hämotoxisch, die Zellen des Blutes und des umliegenden Gewebes werden umfassend zerstört und sterben schnell ab. Besonders gravierend sind Bestandteile des Giftes, welche die Blutgerinnung hemmen, sodass es zu inneren Blutungen, zum Beispiel im Gehirn oder in den Nieren, kommt. Akutes Nierenversagen oder ein schockbedingter Herzstillstand sind meist die Todesursache bei Bissen durch eine Giftschlange, wenn die Person nicht umgehend medizinisch versorgt wird. Frieda wusste all das, weil sie sich zu Beginn ihrer Arbeit als Hilfskraft ausführlich über mögliche Gefahren und Erste-Hilfe-Maßnahmen im Falle eines Bisses informiert hatte. Doch als sie nun versuchte, den Puls ihres Professors zu ertasten, begriff sie, dass keine dieser empfohlenen Maßnahmen mehr etwas bewirken würde. Nils Bergmann war tot und es war ihre Schuld. Sie hatte am Nachmittag vergessen den Kohlenstoffdioxid-Hahn zur Betäubung der Schlange aufzudrehen, was zur Folge hatte, dass der Professor beim Öffnen der Kiste von der hochgiftigen Viper gebissen wurde. Durch Friedas unnachsichtiges Verhalten musste ihr bester Freund und Mentor sterben.

Eine nie zuvor gespürte Panik stieg in Frieda auf. Sie war sich sicher, dass sie unter keinen Umständen ihren Abschluss bekommen würde, wenn rauskäme, dass sie Schuld an der ganzen Sache hatte. Doch sie liebte ihr Studium so sehr, sie konnte den Gedanken nicht ertragen, jemals etwas anderes machen zu müssen. »Es war ein Unfall, ein tragischer Unfall«, versuchte sie sich selbst zu überzeugen. Frieda erinnerte sich nur noch vage an das, was danach passierte. Sie war in einen Schockzustand verfallen, wie ferngesteuert nahm sie das Handy ihres Professors aus seiner Hosentasche, entsperrte es mit seinem Geburtsdatum, löschte das gemeinsam geschossene Foto, wischte ihre Fingerabdrücke ab, wie sie es in zahlreichen Krimi-Serien gelernt hatte und steckte das Telefon zurück. In ihrem Zustand zweifelte sie zu keinem Zeitpunkt an dem, was sie da gerade tat. »Nils hätte gewollt, dass ich mein Studium erfolgreich abschließe und in seine Fußstapfen trete«, redete sie sich währenddessen ununterbrochen ein.

WO IST DIE SCHLANGE? Erst jetzt bemerkte Frieda, dass sie die ganze Zeit ebenfalls großer Gefahr ausgesetzt war. Erleichtert atmete sie jedoch auf, als sie feststellte, dass sich die Viper noch in ihrem Gehege befand. Dann verließ sie hastig das Universitätsgebäude, ohne sich noch einmal umzudrehen. Am nächsten Tag entdeckte eine Reinigungskraft die Leiche des Professors. Die Polizei ging davon aus, dass Herr Bergmann abends allein im Labor gearbeitet hatte, so wie er es öfter tat. Da es weder Kameras gab noch irgendein Zeuge sich meldete, der etwas Verdächtiges beobachtet hatte, ging man nicht von einer Fremdeinwirkung aus und legte den Fall nach kurzer Zeit als entsetzlichen Unfall zu den Akten.

Langsam erlangte Frieda ihr Bewusstsein zurück. Benommen versuchte sie, den Raum um sich herum wahrzunehmen. Ihr erster Impuls war es, wegzulaufen. Doch das gelang ihr nicht, da ihre Arme und Beine an einen Stuhl gefesselt waren. Sie befand sich in einem dunklen Zimmer, die Luft war stickig und es roch modrig. Nur das hereinfallende Licht der Straßenlaternen und des Mondes ließen Umrisse von Schränken, Regalen und einem Bett erahnen. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie Poster an den Wänden und Kuscheltiere im Bett, woraus Frieda schloss, dass sie sich in einem Kinderzimmer befinden musste. Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, sagte plötzlich eine Stimme: »Willkommen in meinem alten Zimmer, Frieda.«

»DU?!?«, Frieda traute ihren Ohren kaum, als ihr klar wurde, wessen Stimme sie da soeben vernommen hatte. Ihr Gegenüber schaltete eine kleine Nachttischlampe ein. Das grelle Licht brannte Frieda in den Augen. »Dein altes Zimmer? Sind wir noch im Haus von Nils Bergmann?« Frieda war verwirrt, nicht in der Lage, logische Schlüsse zu ziehen. »Ja, wir sind noch im alten Haus von Nils Bergmann, im alten Haus meiner Familie.« – »Nils war dein…« – »Ja, er war mein Vater, ganz recht. Und ich war seine einzige Tochter«, wurde Friedas kläglicher Versuch einen klaren Gedanken zu fassen, unterbrochen. »Aber, wieso heißt du dann Schuster mit Nachnamen und nicht Bergmann, Isabelle?«

Friedas Mitbewohnerin trat in das Licht der Lampe. »Weil meine Eltern damals kein Geld für eine Hochzeit hatten und kurz nach meiner Geburt hat meine Mutter uns dann eh verlassen. Mein Vater hat mich ganz allein aufgezogen. Trotz der vielen Zeit, die wir miteinander verbrachten, konnten wir nie eine richtige Bindung zueinander aufbauen. Daher hat es mich nicht gewundert, dass er mich vor dir nie erwähnt hat. Mir hat er jedoch sehr viel von dir erzählt. Aber du teiltest ja auch seine große Leidenschaft mit ihm: die Liebe zur Wissenschaft, den Schlangen und Fachzeitschriften. Mit mir und meiner künstlerischen Neigung konnte er hingegen nicht sehr viel anfangen. Oftmals machte er sich nicht einmal die Mühe mir zuzuhören, wenn ich von meinem Kunststudium sprach. Er gab mir stets das Gefühl, dass er lieber eine andere Tochter gehabt hätte…dich zum Beispiel.«  Frieda war perplex über den plötzlichen Redeschwall der Person, die sie seit drei Jahren zu ihren besten Freunden zählte. Sie konnte sich im Leben nicht vorstellen, dass ausgerechnet ihre liebevolle Freundin Isabelle zu solch skrupellosen Taten im Stande sein könnte.

»Hör zu, Isabelle, ich möchte mich aufrichtig bei dir entschuldigen.« Frieda musste mit den Tränen kämpfen. »Ich weiß, dass das unverzeihlich ist, aber…« – »Na, na, na. Pssst. Du musst dich nicht bei mir entschuldigen. Und du musst auch keine Angst haben, ich werde dir nichts tun. Wie versprochen, werde ich dir deine Fragen beantworten. Also?« Isabelle sah Frieda fragend an und Frieda konnte beim besten Willen nicht verstehen, wie diese zarte Person mit dem freundlichen Gesicht sie überwältigt und an diesen Stuhl gefesselt haben sollte. »Wie hast du die Wahrheit herausgefunden? Woher hast du das Foto von Nils … ähm, deinem Vater, und mir?« – »Das verdanken wir meinem Vater selbst«, entgegnete Isabelle. »Wie du sicher weißt, war er nicht gerade ein Technik-Genie. Da er öfter mal versehentlich wichtige Fotos von seinem Telefon löschte, habe ich für uns eine gemeinsame Cloud eingerichtet und unsere Handys so eingestellt, dass jedes aufgenommene Foto automatisch in die Cloud hochgeladen wird, selbst wenn das Bild auf dem Smartphone gelöscht wurde. Nachdem ich vom Tod meines Vaters erfuhr, sah ich euer Bild in der Cloud. Ich sah auch anhand der Aufnahmezeit, dass es nur wenige Minuten vor seinem ermittelten Todeszeitpunkt entstanden sein musste. Da wusste ich, dass es kein Zufall sein konnte, dass du kurz vor seinem Tod mit ihm zusammen warst.«

»Und warum bist du mit diesem Verdacht nicht direkt zur Polizei gegangen?«, fragte Frieda skeptisch. »Sagen wir mal so, ich habe so meine Differenzen mit der Polizei … Nächste Frage!«, entgegnete Isabelle in einem Befehlston. Frieda musste nicht lang überlegen. »Warum hast du mich gestalkt und wieso dieses Versteckspiel mit den Nachrichten von Daboia

»Zuerst wollte ich alles über die Person herausfinden, die meinen Vater auf dem Gewissen hat. Allein das erste Jahr nach seinem Tod habe ich damit verbracht, dich teilweise im Internet, aber auch im echten Leben, zu verfolgen. Dann habe ich mir einen ausgeklügelten Plan überlegt. Ich musste Kontakt zu dir aufnehmen, in deine WG ziehen und nach und nach zu einer deiner wichtigsten Bezugspersonen werden. Der Plan beinhaltete, dass ich dich all die Jahre beim Hinaufsteigen der Karriereleiter beobachte und dann am Tag deines Abschlusses wollte ich die Bombe platzen lassen. Als du vor einigen Wochen deine Abschiedsparty angekündigt hast, sah ich die Gelegenheit, das Ganze für mich als Zuschauerin noch interessanter zu gestalten. Alles, was ich über dich herausfand, habe ich mit Fotos und Videos dokumentiert. Einige davon habe ich dann auf das präparierte Handy geladen, das ich auf der Party so positioniert habe, dass du es finden musstest. Ich muss zugeben, dich Stück für Stück in den Wahnsinn zu treiben und dein panisches Verhalten auf der Party zu beobachten, war mir schon eine ziemliche Genugtuung,« entgegnete Isabelle, ohne jedoch eine Miene zu verziehen. »Dann war das alles von langer Hand geplant? Unsere Freundschaft war die ganze Zeit nur vorgespielt?« Frieda konnte es nicht fassen, dass sie über all die Jahre belogen wurde. Sie fühlte sich benutzt. »Anfangs ja, aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass du mir mit der Zeit nicht ans Herz gewachsen bist«, gab Isabelle zu.

»Und jetzt? Wie geht dein raffinierter Plan aus?« Isabelle machte einen Schritt auf Frieda zu, die sich wegduckte, aus Angst, einen erneuten Schlag verpasst zu bekommen. Doch stattdessen begann Isabelle die Fesseln an Friedas Beinen zu lösen. »Was hast du vor?«, fragte Frieda überrascht. »Ich habe dir doch versprochen, dass ich dir nichts antue. Wir sind doch Freunde.« Isabelle lächelte sie an. Dann ging sie in eine dunkle Ecke des Zimmers und hob eine Decke hoch. Darunter kam eine große Kiste zum Vorschein. Isabelle öffnete die vordere Verschlussklappe der Box. »ICH werde dir ganz bestimmt nichts antun. Aber ich weiß nicht, wie sich Daboia verhalten wird, wenn sie in ein paar Minuten zu sich kommt. Ich fände es nur fair, wenn du dem gleichen Schicksal entgegensiehst, wie mein Vater. Aber da ich ja kein Unmensch bin, lasse ich dir den Zweitschlüssel da. Viel Erfolg.« Mit diesen Worten warf Isabelle einen Schlüssel in die Schlangenbox und verließ den Raum. Frieda hörte das Klacken des Schlüssels im Schloss. Kurz darauf vernahm sie ein lautes Zischen aus der Ecke des Zimmers.

3 thoughts on “Gespaltene Zungen

  1. Hallo Dinah und Johanna,

    erstaunlich eigentlich, dass es zu Eurer Geschichte bisher noch keine Kommentare gibt. Ich kann nur sagen: Mir hat sie super gefallen!

    Angefangen bei dem zweideutigen Titel über das schön beschriebene WG-Setting und das dunkle Geheimnis (Ihr beide oder eine von Euch arbeitet selbst im Bereich Toxikologie, vermute ich?) bis hin zum bitterbösen, offenen Ende. Das Ganze ist spannend und flüssig geschrieben – kurz: eine runde Sache!

    Der Kreis der Verdächtigen, unter denen sich der „Bösewicht“ befinden muss, ist zwar ziemlich klein, aber das hat der Spannung keinen Abbruch getan. Entscheidend ist für mich in diesem Fall gar nicht so sehr das „Wer?“, sondern viel eher das „Warum?“ und das „Wie?“. Und in diesen Punkten zählt Eure Geschichte zu den originellsten, die ich hier bisher gelesen habe.

    Liebe Grüße und ein „Like“ von mir,
    Ana2020

  2. Hallo ihr Zwei,

    sehr schade, dass Eure Geschichte so wenig Beachtung findet. Ihr habt definitiv mehr Punkte verdient.

    Eine spannende Idee und ein tolles offenes Ende. Ihr habt einen schönen und flüssigen Erzählstil und es hat unheimlich Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen.

    Falls Ihr Lust habt meine Geschichte zu lesen, würde ich mich freuen.
    https://wirschreibenzuhause.de/?s=Das+dritte+Leben&submit=Suche

    Liebe Grüße
    Silke

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