undercoverkeks1989Glück gehabt

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Ein harter Schlag gegen den Kopf riss Oliver unsanft aus seinem Dämmerzustand. Mit brennenden Augen und dröhnenden Ohren versuchte er sich zu orientieren. Obwohl er die ganze Zeit über nur mit einer Hirnhälfte geschlafen hatte, hatte er das Gefühl aus einem tiefen, dunklen Sumpf aufzutauchen. Es ruckelte extrem, sein Kopf schlug erneut gegen die Fensterscheibe, an die er sich angelehnt hatte. Er richtete sich auf und rieb sich die Ohren. „Was ist denn das?“ murrte er. Ihm war, als müsse sein Kopf explodieren, als würden dutzende Stimmen durcheinander kreischen. Erst ein paar Augenblicke später begriff er, dass dies tatsächlich der Fall war.  Er beugte sich in den Gang und blickte nach hinten, konnte kurz einen Blick auf bleiche, angstverzerrte Gesichter werfen, auf in Armlehnen gekrallte, bleiche Knöchel und auf eine Stewardess, die, als ein weiterer Schlag die Maschine erschütterte, seitlich gegen Sitzlehnen geschleudert wurde. Sie rappelte sich wieder auf und eilte mit ausdruckslosem Gesicht den Gang entlang, an ihm vorbei und verschwand hinter einem blauen Vorhang.

 

Oliver kontrollierte kurz seinen Gurt, der nach wie vor um seine Hüfte geschlossen war. Kein Wunder. Er hatte vom Start an bis jetzt durchgeschlafen. Es gab einen weiteren Schlag, begleitet von vereinzelten Schreien. ‚Amateure.‘ dachte Oliver abfällig.  Ein paar Turbulenzen und schon war die breite Masse der Ansicht, sie müssten sterben. Dabei wusste doch jeder, solange sich die Stewardessen nicht anschnallten, herrschte auch keine wirkliche Gefahr. In dieser Sekunde kippte der Flieger scharf nach links, der blaue Vorhang im Gang flatterte zur Seite und gab den Blick auf die Stewardess frei, die gerade noch durch den Gang getorkelt war. Nun saß sie auf einem Notsitz und war nicht nur wie er mit einem läppischen Bauchgurt gesichert, sondern mit dem Dreipunktgurt verzurrt wie ein Weihnachtsgeschenk. Ihre perfekt manikürten Finger krallten sich verbissen in die Gurte über ihren Schultern. ‚Ups.‘ Mit einem flauen Gefühl zog Oliver seinen Bauchgurt enger. Nun, es würde also holprig werden. Aber sie würden nicht abstürzen. Er hatte die Tortur der letzten Monate nicht auf sich genommen um jetzt, nur wenige Stunden bevor er endlich wieder frei war, als Fettfleck auf dem Erdboden zu enden. Ausgeschlossen.

 

Ein ohrenbetäubender Krach dröhnte durch das Flugzeug und plötzlich wurde es hell hinter seinem Fenster, wo bis gerade noch tiefschwarze Nacht geherrscht hatte. ‚Da sollte es jetzt nicht hell sein. Da sollte es ganz und gar nicht hell sein!‘  rauschte es wie ein Mantra durch seinen Kopf, während er sich dazu zwang den Kopf in Richtung des flackernden Lichts zu drehen. Sekunden später wünschte er sich, es nicht getan zu haben. Das Triebwerk auf seiner Seite des Fliegers brannte lichterloh, zog eine brennende Lichtspur durch den tiefschwarzen Nachthimmel.

 

Oh Gott, wir werden abstürzen! Ich ende doch als Fettfleck auf dem Boden!‘ die Panik schnürte ihm die Kehle zu. ‚Stopp!‘ rief da eine leise Stimme in seinem Kopf, bevor er zu hyperventilieren beginnen konnte. ‚Selbst wenn wir abstürzen, ist nicht gesagt, dass du stirbst. Vielleicht hast du eine realistische Chance zu überleben!‘ Sein Blick streifte umher, suchte den Bordmonitor nach der aktuellen Position und Höhe des Fliegers ab, doch dieser war ausgefallen. Schließlich blieb sein Blick an der Sitzplatzbeschriftung über seinem Kopf hängen. 7A. „Och, ernsthaft?!“ rief er laut und warf frustriert die Arme in die Luft. Genau in diesem Moment ging es abwärts. Die ersten Sekunden gellten spitze Schreie durch das Flugzeug, dann wurde es gespenstisch still, mit Ausnahme des hohen Kreischens, dass die Maschine von sich gab. Um Oliver herum drehte sich alles, er fühlte sich seltsam schwerelos, dann gab es einen Schlag, sein Kopf wurde herumgeschleudert und knallte ein weiteres Mal gegen das Flugzeugfenster. ‚Fettfleck…‘ war sein letzte bewusste Gedanke, bevor alles schwarz wurde.

 

 

 

„Du bist ein Träumer, Big O!“

 

Ausdruckslos starrte Oliver an die Zellendecke. ‚Du bist der erste, der draufgeht, wenn ich draußen bin. Und dann ficke ich deine Schwester. Und deine Mutter. Von mir aus auch deinen Vater. Einfach nur weil du so scheiße bist.‘ „Ach ja?“ antwortete er schnarrend und drehte sich zur Seite „Und wie kommst du darauf?“

 

„Du hast 50 Millionen Euro  geklaut und drei Polizisten erschossen. Du kommst hier nie raus.“

 

„Es waren 52 Millionen. Und vier Polizisten. Weißt du eigentlich warum man mich Big O nennt, Farty?“ Farty zuckte mit den Achseln und ließ seine Beine von seiner Pritsche baumeln. „Vermutlich, weil du jedem, der dich Oliver nennt, damit drohst ihm die Zunge aus dem Hals zu reißen und in seinen Arsch zu stopfen?“

 

„Auch. Aber hauptsächlich, weil ich eine verdammt große Nummer da draußen bin. Mit verdammt viel Einfluss.“

 

„Dumm nur, dass du hier drin bist.“ Farty lachte und warf sich auf seine dünne Matratze, dass die Metallfedern nur so knirschten. „Weißt du eigentlich, warum man mich Farty nennt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hob Farty beide Beine in die Luft und ließ einen zellenerschütternden Furz fahren. Dann giggelte er irre und schmiss sein Kissen quer durch die Zelle zu Oliver hinüber. Dieser starrte unbeeindruckt auf seine Armbanduhr, bis diese Punkt 21:59 Uhr anzeigte. Dann stand er langsam auf, stellte sich vor die Zellentür und blickte durch das Sicherheitsglas auf den linoleumbelegten Gang. „Was machst du?“ fragte Farty.

 

„Ich breche aus.“ erwiderte er und blickte auf seine Armbanduhr. 21:59 und 41 Sekunden. „Ja klar.“ prustete Farty und warf sich wieder auf seiner Liege hin und her. 21:59 und 55 Sekunden …  58… 59 …

 

Ein elektrisches Summen ertönte. Die Tür der Zelle öffnete sich. Zeitgleich erlosch draußen auf dem Gang das Licht. Die rote Notbeleuchtung ging an. „Was zum…?“ rief Farty aus während Oliver die Zellentür aufzog, hindurchschlüpfte und sie hinter sich wieder zuzog. Von innen rammte sein Zellengenosse die Fäuste gegen die Tür. „Ey! Kumpel! Wie hast du das gemacht?“ Oliver drehte sich um und zuckte mit den Schultern. „Du glaubst gar nicht, was man sich mit 52 Millionen Euro alles kaufen kann. Eine Freikarte aus dem Gefängnis zum Beispiel. Eine neue Identität. Ein Ticket nach Australien. Und genug Sprengstoff um ein ganzes Gefängnis in die Luft zu pusten. Ich wünsche noch einen angenehmen Restaufenthalt!“ damit drehte er sich um und ignorierte das Hämmern und rufen, dass ihn den leergefegten Gang hinunter folgte.

 

 

 

Er war sich nicht sicher, was ihn im Endeffekt geweckt hatte. Der Schmerz oder der Geruch nach verbranntem Kunststoff, der sich mit etwas  mischte, das er schwer beschreiben konnte, das aber dafür sorgte, dass sich ihm der Magen umdrehte. Erst als er die Augen öffnete, stellte er fest, dass dazu der Geruch gar nicht notwendig war. Er hing kopfüber in seinem Sitz, gehalten nur von seinem Bauchgurt einige Meter über dem Boden in einem Baum. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch das dichte Blätterdach. Um ihn herum befand sich ein undurchdringliches Geflecht grüner Pflanzen und Lianen bewachsener Bäume. Nicht weit vom ihm entdeckte er einen qualmenden, zerfetzten Teil des Flugzeugrumpfes. „Ich glaubs nicht. Ich lebe noch. Ich muss nur noch heil von diesem Baum runter.“ Er konnte sein Glück kaum fassen.

 

Am Boden machte er eine kurze Bestandaufnahme seiner körperlichen Verfassung (größtenteils ramponiert, aber überraschenderweise noch brauchbar). Die Haut an Armen und Beinen hatte es am schlimmsten erwischt. Sie warf Blasen und schälte sich an einigen Stellen, sodass das bloße Fleisch darunter zum Vorschein kam. Der Schmerz war nur schwer erträglich. „Ich muss Medikamente finden. Ich muss etwas finden um die Wunden zu säubern.“ Er warf einen unsicheren Blick auf das Wrackstück,  dass immer noch qualmte. Wollte er wirklich wissen, was ihn darin erwartete? Andererseits wusste er nicht wo er war. Ein Blick in den Himmel zeigte ihm eine geschlossene Baumdecke, die sich erstreckte soweit das Auge reichte.  Wer wusste schon, wie lange es dauern würde, bis Hilfe kam und ihn hier fand? Vermutlich war er mitten im australischen Dschungel abgestürzt. Dann kam ihm ein Gedanke. Wollte er überhaupt gefunden werden ? Wenn er sich allein durchschlagen konnte würde seine falsche Identität, sollte sie jemals auffliegen, zu einem Flugzeugabsturz ohne Überlebende führen. Er wäre frei. Ein für alle Mal. Das stände über die Schulter gucken hätte endlich ein Ende. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Beschwingt stand er auf, um nach Brauchbarem in dem Wrack zu suchen und sich dann auf den Weg in sein neues Leben zu machen. So groß war Australien nun auch wieder nicht. Irgendwann musste er wieder auf Zivilisation stoßen. Vorausgesetzt er war bis dahin noch nicht von einem der zehn tödlichsten Tiere der Welt attackiert worden, verdurstet oder verhungert. Aber hey, er hatte gerade einen Flugzeugabsturz fast unbeschadet überlebt. Offensichtlich als Einziger. Trotz der schmerzenden Glieder fühlte er sich unverwundbar. „Nennt mich David Dunn!“ brüllte er, während er sich durch das Dickicht auf das Wrack zu kämpfte.

 

Oliver war von jeher Narzisst. Dennoch schockierte ihn, was ihn zwischen den Trümmern des einstigen Flugzeugs erwartete. Es war nicht das erste Mal, dass er Leichen sah. Schließlich hatte er vor einiger Zeit selbst Menschen getötet. Und bis heute tat es ihm nicht Leid. Diese Menschen hatten zwischen ihm und seiner Freiheit gestanden. Wären sie einfach beiseitegetreten … Aber nein. Sie hatten ihn daran hindern wollen, sein Ziel zu erreichen. Selbst Schuld. Doch das hier war etwas anderes. Die Toten waren alle noch an ihre Sitze geschnallt. Einige waren bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Andere nicht mehr an einem Stück. Ein Mann sah aus, als habe er unfassbar kurze Beine – bis Oliver auffiel, dass seine Oberschenkelknochen aus seiner Bauchdecke herausragten. „Ist das widerlich.“ stöhnte Oliver und übergab sich geräuschvoll auf einen leeren Sitz.

 

Das Flugzeugwrack gab mehr her, als Oliver sich zu wünschen erlaubt hatte. Mitten auf dem Gang lag ein knallroter Rucksack, aus dessen Innerem ihm ein angesengter Teddy mit einem Auge entgegenschielte. Er riss ihn heraus, warf ihn hinter sich und weitete die Träger des Rucksacks so, dass er ihn sich bequem anziehen konnte. Im hinteren Bereich fand er den umgestürzten Servierwagen, aus dem er einige Tüten Erdnüsse, Schokoriegel, mehrere Packungen M&M’s und mehr Wasser nahm, als er tragen konnte. Er füllte den Rucksack, bis dessen Träger schmerzhaft in seine Schultern einschnitten, starrte kurz bedauernd auf die Scherben der vielen zerbrochenen Schnapsfläschchen, griff sich noch eine Vliesdecke mit dem Aufdruck der Airline aus einem der herabgeklappten Staufächer und wandte sich gerade wieder zum Gehen, als sein Blick auf ein Handy fiel, dass auf einem Sitz lag.  Er griff danach und drückte auf den Homebutton. Wenn es funktionierte, konnte er vielleicht herausfinden, wo er sich befand. Zu seiner Verwunderung leuchtete das zersplitterte Display sofort auf und gab den Blick auf ein Foto frei, das scheinbar zuletzt angeschaut worden war. „Was zum…?“  er ließ das Handy wieder auf den Sitz fallen und sprang einen Schritt zurück. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Sein nervöses Lachen hallte von den herabhängenden Deckenteilen wider. Natürlich. Er hatte sich verguckt. Sein Hirn spielte ihm einen Streich. Offensichtlich hatte er doch etwas abbekommen. Einen Schlag an den Kopf, eine Gehirnerschütterung. Irgendwas. Aber sicher hatte er nicht sein eigenes Gesicht auf dem fremden Handy dort gesehen. Mit zittrigen Knien trat er wieder vor und griff nach dem Telefon. Das Display leuchtete noch immer und auch das Bild war noch dasselbe. „Das gibt’s doch nicht!“ Es zeigte eindeutig ihn. Aufgenommen von der Seite, vor wenigen Stunden am Schalter der Airline beim Check in. Er wischte mit dem Finger nach rechts. Das nächste Bild zeigte ebenfalls ihn, wie er vor dem Flughafen aus dem Taxi stieg. Er, wie er in einem kleinen Straßencafé saß und an seinem  Cappuccino nippte. Und zum krönenden Abschluss – Er, in dem kleinen, schäbigen Ein-Zimmer-Apartment, dass er die letzten Tage vor seiner Abreise bewohnt hatte. Aufgenommen durch das Fenster. Das Fenster im vierten Stock des Wohnhauses. „Das darf doch nicht wahr sein!“ irgendjemand hatte ihn verfolgt. Irgendjemand, der ebenfalls hier mit ihm in diesem Flugzeug gesessen hatte. Ein verdeckter Ermittler ? Aber wieso hatte  er ihn überhaupt einsteigen lassen ? Warum war er nicht schon am Flughafen verhaftet worden, wenn sie doch wussten, wo er war ? Oder wollten Sie ihn in Australien bei der Landung festnehmen ? Hatte dort schon ein Einsatzteam auf ihn gewartet ? Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Wer auch immer ihn beschattet hatte. Er war jetzt tot. Platt. In Stücke gerissen. Verbrannt. Und diejenigen, die ihn erwartet hatten, nahmen an das ihm das gleiche Schicksal widerfahren war. Er war ein Gespenst. Freier als frei. Er lachte übermütig. Wenn es einen Gott gab, so war dieser definitiv auf seiner Seite. Nichts konnte ihn jetzt noch aufhalten. Nichts und niemand.

 

„Hallo…?“

 

Die Stimme klang dünn, brüchig, ängstlich. ‚Das darf doch nicht wahr sein!‘ Oliver ließ das Handy in seine Hosentasche gleiten. Bei nächster Gelegenheit wollte er es in einem Fluss oder Sumpf verschwinden lassen, sodass es nie wieder auftauchen konnte. Er wandte sich um und sah eine junge Blondine unschlüssig vor dem Wrack stehen. Ihr Gesicht und ihre Arme waren rußgeschwärzt, ihre rechte Schläfe und das Ohr waren blutverkrustet. „Sind Sie…“ sie räusperte sich, als ihr die Stimme versagte. „Waren Sie auch in dem Flieger?“ Statt eine Antwort zu geben kletterte er aus dem Wrack und besah sich das neue Problem, dass sich zwischen ihn und die Freiheit geschoben hatte. „Eh…“ sie blickte ihn verunsichert an. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Er schüttelte den Kopf, besann sich und lächelte aufgesetzt. „Entschuldigung.“ antwortete er und strich sich über die Stirn. „Sie haben mich nur erschreckt. Ich dachte, ich wäre der einzige… der… nun.“ Er deutete auf die Trümmer hinter sich. „Ja…“ sagte sie schwach und begann zu weinen. „Ich auch!“ dann warf sie sich ihm in die Arme und brachte ihn fast aus dem Gleichgewicht. Einen Moment stand er da wie erstarrt, dann tätschelte er ihr widerwillig den Rücken. Sie würde ihn identifizieren können. Sie war nicht nur ein Problem, sie war eine Katastrophe. Er durfte nicht zulassen, dass sie dafür sorgte, dass die Behörden wussten, dass er noch lebte. Doch, würde er nochmal töten können ? Mit bloßen Händen diesmal? Ohne die schützende Distanz einer Pistole? Eine Frau, deren einziges Verbrechen es war, einen Flugzeugabsturz zu überleben ? Andererseits, hatte er eine andere Wahl? Gerade überlegte er, ob er es nicht gleich hier und jetzt zu Ende bringen sollte, da bemerkte er das riesige Fleischermesser an ihrem Gürtel. „Wo… ehm… haben Sie denn das da her?“ Sie schaute aus riesigen, tränennassen, blauen Augen zu ihm auf. „Das Messer? Oh… Na, von dort drüben!“ sie deutete hinter sich ins Dickicht. „Dort ist auch ein Stück vom Flugzeug.“ „Und dort lag ein Messer?“ fragte er und zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Naja, im Dschungel wuchs es jedenfalls nicht.“ antwortete sie schnippisch. „Entschuldigen Sie.“ besann sich Oliver schnell, als er ihren kritischen Blick sah. „Hat mich nur gewundert. War dort noch mehr Brauchbares?“ Sie nickte. „Ein Verbandskasten. Wir könnten uns verarzten, während wir auf Hilfe warten.“ „Auf Hilfe warten?“ auch das noch. Gerade war ein Plan in ihm herangereift. Er traute sich mit seinen schmerzenden Gliedern und den schwachen Knien nicht, sich mit der jungen Frau anzulegen, solange sie das Messer bei sich trug. Er wollte lieber auf die Nacht warten, bis sie müde wurde und sie im Schlaf erwürgen, oder erschlagen. Er konnte es sich in seiner aktuellen Situation einfach nicht leisten, von einer wilden Furie mit einem Messer verletzt zu werden. Er konnte es aber auch nicht riskieren, dass sie noch lebte, wenn die Rettungsmannschaft hier eintraf. „Wir können hier nicht auf Hilfe warten.“ Die Frau, die bereits auf dem Weg in die Richtung war, in die sie gedeutet hatte drehte sich verwundert zu ihm um. „Ach nein ? Und wieso nicht.“ ‚Ausgesprochen gute Frage.‘ „Weil… weil niemand kommen wird.“ Unsicherheit flammte in ihrem Blick auf. „Was soll das heißen? Wir sind abgestürzt. Man wird uns suchen!“ „Ja.“ gab er zu. „Aber finden wird man uns nicht. Sehen Sie mal wie dicht diese Bäume sind. Man kann uns von oben nicht sehen. Und der australische Dschungel ist riesig. Wir sind die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.“ „Aber… Aber die Blackbox sendet doch ein Signal!“ „Das würde sie. Wenn wir notgewassert wären. Sind wir aber nicht.“ „Ach ja?“ Oliver hatte keine Ahnung. „Ja natürlich!“ antwortete er dennoch im Brustton der Überzeugung. Sie blickte ihn skeptisch an. „Und woher weiß eine Blackbox, dass man notgewassert ist?“ ‚Keine Ahnung.‘ – „Naja, am Wasser vielleicht?“ Sie schwieg kurz. „Und wenn wir die Blackbox finden und nass machen?“ „Die Suchtrupps werden wohl kaum damit rechnen, dass jemand die Blackbox gießt. Also werden sie auch nicht nach dem Ping suchen. Und wir versauern hier.“ „Und was schlagen Sie vor?“ Er zuckte mit den Schultern. „Wir flicken uns zusammen und gehen los.“ „Wir gehen? Zu Fuß? Durch Australien? Und wenn wir uns verirren?“ Er legte freundschaftlich einen Arm um ihre Schultern. „Um sich zu verirren, muss man erstmal wissen wo man ist, Lady. Unsere Chancen sind wesentlich besser, wenn wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, statt darauf zu warten, dass ein Wunder geschieht.“

 

 

 

Sie war ihm nur widerwillig gefolgt, aber die Angst allein mit den ganzen Toten zu sein, wenn es dunkel würde, hatte sie schließlich motiviert ein paar Dinge zusammenzusammeln und mit ihm zu gehen. Sie kamen nur sehr mühsam voran, Anfänglich hatte sie noch versucht, Konversation mit ihm zu betreiben, hatte sich ihm als Sandy vorgestellt, während er behauptete, sein Name wäre John. Doch je weiter der Tage voranschritt, desto wärmer wurde es und desto wortkarger wurde Sandy. Oliver hatte nicht die leiseste Ahnung wo sie hingingen und es war ihm auch ziemlich egal. Hauptsache er konnte möglichst viele Meilen zwischen sich und das Wrack bringen, ehe es dunkel wurde. Als die Dämmerung schließlich kam, war Oliver am Ende seiner Kräfte, aber zufrieden. Sie hatten sich eine Stelle am Fuße eines riesigen Baumes gesucht, an dem die Vegetation nicht ganz so dicht war. „Abendbrot?“ frage er die völlig erschöpfte Sandy, die sich mit hochrotem Kopf neben ihm niederließ und zog eine Flasche Wasser und eine Tüte M&M’s aus dem Rucksack. „Du hast was zu essen? Warum hast du das nicht früher gesagt?“ Er zuckte mit den Schultern, ignorierte, dass Sie ungefragt ins vertraulichere ‚Du‘ gewechselt war. Sollte sie doch eine emotionale Bindung zu ihm aufbauen. Das würde es ihm einfacher machen. „Wir müssen mit unseren Vorräten haushalten.“  „Sollten wir Feuer machen?“ Er schüttelte den Kopf. „Keine Chance. Die Luftfeuchtigkeit ist viel zu hoch, als dass wir hier mehr als ein wenig Qualm erzeugen könnten.“ „Mhm.“ machte sie und lehnte sich an ihn. „Es wird dann ziemlich dunkel.“ „Das haben Nächte so an sich.“ Sie seufzte leise und rollte sich neben ihm zusammen. „Was wolltest du eigentlich in Australien?“ fragte sie nach einer Weile. „Ein neues Leben anfangen. Und du?“ „Ich bin wegen meines Vaters hier.“ „Aha.“ Oliver verspürte wenig Lust auf Konversation, wollte sie jedoch so weit in Sicherheit wiegen, dass sie tief genug schlief, als dass er ihr das Messer vom Gürtel nehmen konnte. „Schlaf jetzt. Ich bleibe noch eine Weile wach und pass auf, dass hier keine Tiere vorbeikommen.“ Sie murmelte etwas Unverständliches und zog die Schultern hoch. Er zog die Decke aus seinem Rucksack und breitete sie über ihr aus. Je behaglicher sie sich fühlte, desto besser. Er sah zu ihr hinab. Das trübe Licht umschmeichelte ihre feinen Züge. Erst jetzt bemerkte er, wie hübsch sie war. Die Konturen ihres schlanken und doch sehr weiblichen Körpers zeichneten sich unter der Decke ab und einen Moment lang fragte er sich, ob es nicht einen anderen Weg gäbe. Was wäre, wenn er sie irgendwie auf seine Seite ziehen könnte? Hieß es nicht, dass sich Mann und Frau, die zusammen Katastrophen überstanden, gern unsterblich ineinander verliebten? Das hatte wohl irgendwas mit dem Adrenalin zu tun. War es nicht möglich…? Ein Versuch war es wert, entschied er und ließ die Hand unter die Vliesdecke gleiten. Vorsichtig fuhr er mit den Fingerspitzen über ihre Seite, stellte fest dass ihr Shirt am Bauch hochgerutscht war und ließ die Finger über ihre nackte Haut gleiten. Sie zuckte kurz, Dann seufzte sie wohlig und rückte näher an ihn heran. Er nahm das als Anstoss, ihre Hüfte noch näher an die seine zu ziehen und seine Nase in ihrem Haar zu vergraben. Trotz der harten Strapazen des Tages roch sie unfassbar gut. Seine Lippen streiften ihren Nacken. Er spürte einen Schauer durch ihren Körper laufen. Ihren Bauch, das konnte er unter seinen Fingern spüren, überzog eine Gänsehaut. Zufrieden grinsend tastete er sich weiter hoch. „John…“ hauchte Sandy leise. „Ja?“ flüsterte er zurück. Sie drehte sich zu ihm um. Ihre Augen glänzten ihn wach an. Ihre Lippen trafen sich mit einer Intensität, die ihn überraschte. Sie krallte sich in seine Haare, schlang ihr Bein um seine Hüfte und presste ihren Unterkörper gegen seinen. Oliver konnte sein Glück kaum fassen, als sie ihn auf den Rücken warf, sich rittlinks auf ihn setzte, seinen Kopf an den Haaren in den Nacken riss und begann seinen Hals mit Küssen und Bissen zu übersehen. Er legte die Hände um ihre Hüften und zog sie noch enger an sich, damit sie spüren konnte, was sie erwartete. „Oh Oliver…“ stöhnte sie und reckte sich ihm entgegen. Sofort war ihm klar, dass etwas nicht richtig war, doch was es war, begriff er erst, als er das Stechen in seinem Hals spürte. Dann begann die Welt sich zu drehen und versank in Dunkelheit.

 

Als er wieder zu sich kam, war das erste was er bemerkte, dass er völlig nackt war. Ausserdem waren seine Arme und Beine in alle Himmelsrichtungen  gestreckt und gefesselt. ‚Das verdammte Miststück hat mich betäubt!‘ „Hallo?“ fragte er vorsichtig. Neben ihm tauchte Sandys Gesicht auf. Sie lächelte gütig. „Guten Morgen Oliver. Schön, dass du wieder wach bist. Ich dachte schon, du verpasst den ganzen Spaß.“ Olivers Gedanken überschlugen sich. „Woher weißt du… ? Warum… ? Was…?“ „Na, na,na.“ mahnte sie und hob den Zeigefinger. „Nicht alles auf einmal. Ich erklär dir schon was hier los ist. Aber zuerst…“ Sie zückte das Messer und ließ es über seine Brust streichen. „Sandy, ich…“ sie drückte die Klinge in seine Haut und scharfer Schmerz zuckte durch seine Brust. „Ich muss ehrlich zu dir sein. Sandy ist nicht mein richtiger Name. Aber mit falschen Namen kennst du dich ja aus, nicht wahr, John?“ wieder schnitt die Klinge in seine Haut. „Verdammt!“ fluchte er und warf sich gegen seine Fesseln. „Das kannst du vergessen, Schätzchen.“ säuselte Sandy, oder wie auch immer sie heißen mochte. Oliver war es völlig egal. Das einzige was zählte war, dass er frei kam und ihr den Hals umdrehen konnte. Als hätte sie seine Gedanken gelesen warf sie ihre blonde Mähne zurück und sagte grinsend „Aber wie ich heiße kann dir egal sein. Wichtig ist, dass du weißt, wie mein Vater hieß. Paul. Paul Fort.“ Sie ließ den Namen einen Moment lang wirken. Irgendetwas rührte sich dabei in Oliver. Doch er konnte nicht genau sortieren, was dieser Name in ihm auslöste. Sandy schien dies an seiner Miene zu erkennen und schlug ihm mit dem Messerknauf hart ins Gesicht. Er stöhnte und spuckte Blut. „Du hast dir nicht mal die Namen der Menschen gemerkt, die du getötet hast, du geldgeiles Schwein?“ Natürlich. Jetzt fiel der Groschen, wenn auch centweise. Fort. Das war einer der Polizisten gewesen, die er bei dem Bankaub erschossen hatte. Er hatte sie immer nur als Hindernisse gesehen. Nie als Menschen. Schon gar nicht als Menschen mit rachsüchtigen Familienmitgliedern. Der nächste Schlag zertrümmerte ihm das Nasenbein. Blut sprudelte über sein Gesicht und drohte ihn zu ersticken. Er hustete und Sandy legte die zerknüllte Decke in seinen Nacken. „Du wirst mir hier nicht ersticken, bis wir hier fertig sind, mein Lieber.“ Oliver schnappte nach Luft und würgte Blut. „Ich war die ganze Zeit der Meinung, dass du mit deiner Gefängnisstrafe viel zu gut weggekommen bist. Nächtelang hab ich davon geträumt, was ich dir alles antun würde, wenn ich dich in die Finger bekäme. Immerhin hast du mir den einzigen Menschen weggenommen, der mir was bedeutet hat. Als du als dem Gefängnis ausgebrochen bist, hast du mir also meinen größten Wunsch erfüllt. Dich zu finden war so lächerlich einfach, dass ich schon Angst hatte, die Polizei kriegt dich, bevor ich dich kriege. Ich habe Tag und Nacht auf der Lauer gelegen, habe Pläne geschmiedet und sie wieder verworfen. Und dann sind wir abgestürzt. Ich habe gedacht ‚Jetzt ist es vorbei. Du hast zu lange gewartet.‘ Aber hey, Gott scheint einen Plan mit mir zu haben. Wie sonst könnte man erklären, dass wir beide – ausgerechnet wir, als einzige überleben? Ist das nicht ein riesen Glück? Kurz habe ich gedacht du hättest begriffen was läuft, als du mein Handy gefunden hast. Aber du bist mir trotzdem wie ein kleines Lämmchen in die Falle gegangen. Und jetzt, mein Lieber werden wir eine Menge Spaß haben.“ Das letzte, was der australische Dschungel von Oliver hörte, waren seine Schreie.

 

„Nur ein einziger Mensch hat den Absturz überlebt, Sir.“ „Immerhin einer. In welchen Zustand ist er?“ „Sie, Sir. Es ist eine Frau. Schwer zu sagen in welchem Zustand sie ist. Sie hat ein paar Blessuren, nichts schwerwiegendes. Sie saß über und über mit Blut bedeckt in der Nähe des Wrackes. Sie hat bisher nicht mit uns gesprochen. Sie scheint unter Schock zu stehen. Und sie grinst.“ „Sie grinst?“ „Ja. Und sie murmelt immer wieder ‚So ein Glück. So ein Glück.‘“ „Naja, sie hat ja auch Glück gehabt, nicht wahr?“ „Das können Sie laut sagen Sir. Kaum zu glauben, dass da überhaupt jemand lebend rausgekommen ist.“

 

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6 thoughts on “Glück gehabt

  1. Eine tolle Sprache! Mein Kopfkino hat gleich einen farbenfrohen Film ablaufen lassen und ich hatte echt Lesespaß! Sandy gefällt mir, könnt ich mir auch gut als Serien-Rächerin vorstellen 😉
    Wenn Du mal mehr veröffentlichst, würde ich es gern wissen und lesen!

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  2. Eine wirklich gut geschriebene Geschichte, die meine Flugangst definitiv weiter füttert und mir schon am Anfang Herzrasen beschert hat! 😉
    Toller Stil, tolle Protagonisten und eine fesselnde Story! Bei der Erwähnung von 7A musste ich schmunzeln, auch das gefiel mir gut! Ich drücke Dir die Daumen fürs Ebook – mein Like hast Du definitiv in der Tasche! Liebe Grüße, Steffi

    P.S.: Falls Du Lust hast, schau doch mal bei meiner Geschichte ‚Sonnenschein‘ vorbei 🙂

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  3. Moin Julia,

    eine tolle Geschichte die du uns hier präsentierst. 👍🏻👍🏻

    Der Anfang ist ja mal sowas von geil! Auf alle Fälle nichts für Leute mit Flugangst.

    Deine Geschichte lies sich flüssig lesen und dein Schreibstil ist nicht der eines Anfängers. Da schreibt jemand mit Erfahrung. Locker, lässig, humorvoll und stetig das Kopfkino bedienen, so sind gute Geschichte aufgebaut.

    Deine Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet und deine Dialoge wirken sehr authentisch. Kurz um…HAMMER!!

    Deine Storie ist wirklich klasse geschrieben. Und gehört ganz sicher zu den besseren in diesem Wettbewerb.
    Dein Plot ist spannend erzählt und man möchte unbedingt wissen wie es weitergeht.

    Sei stolz auf diese Geschichte! Danke das ich sie lesen durfte.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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