KathrinHausnummer 4

Es ist 22:27 Uhr, die Linie 66 nach Bad Honnef hat soeben die Ollenhauerstraße passiert. Hinter Mia liegt ein anstrengender Arbeitstag in ihrer Kanzlei. Gedankenverloren starrt sie gegen die pechschwarze Scheibe, in der sich das trostlose Innere des Abteils spiegelt. Bis ein stechender Klingelton sie plötzlich aus ihren Gedanken reißt. Müde lässt sie den Blick durch das fast menschenleere Abteil schweifen. Als ihre Augen schließlich auf dem leeren Polstersitz zu ihrer Linken hängenbleiben, erstarrt sie. 

MIA NEUBERT – NIMM DIESES HANDY UND VERLASSE DIE U-BAHN AN DER NÄCHSTEN HALTESTELLE! 

FOLGST DU MEINER ANWEISUNG NICHT, WERDEN ALLE MENSCHEN IN DIESER BAHN STERBEN! 

FALLS DU MICH FÜR EINEN SPINNER UND DEINE WAHRNEHMUNG FÜR EINE TÄUSCHUNG HÄLTST, SIEH DIR DOCH MAL DIE FOTOS AUF DIESEM HANDY AN…

 Energisch greift sie nach links und fixiert die Nachricht, die sich nahezu über den gesamten grell leuchtenden Sperrbildschirm des Handys zieht. Nur einen Wimpernschlag später öffnet sich der Bildschirm und das Hauptmenü leuchtet auf. Nach einem kurzen Klick offenbart sich Mia ein Fotoalbum des Grauens. 

Die kleine Gruppe aus Ärzten und Krankenpflegern lächelt freundlich in die Kamera. In ihrer Mitte – unverkennbar Mia. Hektisch wischt sie nach links und liest die Schlagzeile des abfotografierten Zeitungsartikels vom 13.11.2006 »Vierjähriges Mädchen spurlos aus Uniklinik verschwunden«. Rechts daneben eine übergroße Portraitaufnahme. Beim Anblick des darauffolgenden Fotos stockt Mia endgültig der Atem. Das Mädchen aus dem Artikel liegt, angeschlossen an mehrere Schläuche und Geräte, in einem Krankenbett. An der linken Bettkante steht eine Krankenschwester mit einer Spritze in der Hand. Sie kann ihren Augen kaum trauen, aber das Gesicht, in das sie ungläubig blickt, ist ihr eigenes. »Noch immer kein Lebenszeichen der kleinen Nora – Krankenschwester weiterhin unter Verdacht«, lautet die Überschrift, die in Mia’s Kopf einschlägt wie eine Bombe. 

Die elektronische Durchsage kündigt den nächsten Halt Olof-Palme-Allee an. Nach einem kurzen Zögern schnappt sich Mia ihre Aktentasche und hastet schnellen Schrittes zur Tür. 

 

Gerade als sie die letzte Treppenstufe nach oben erreicht hat, klingelt das Handy in ihrer Hosentasche erneut. Eingehender Anruf eines anonymen Teilnehmers. »Wer zur Hölle bist du und was willst du von mir? Wenn du mir etwas anhängen möchtest, hast du dir wohl die Falsche ausgesucht. Diese Frau auf deinen Fotos mag zwar aussehen wie ich, aber ich bin weder Krankenschwester noch habe ich auch nur das Geringste mit diesem ominösen Verschwinden von vor vielen Jahren zutun.« 

»Die ganz Schlauen sehen um fünf Ecken und sind geradeaus blind.«, entgegnet die verzerrte Stimme nach einem kurzen hämischen Lachen. »Spiel mit mir dieses Spiel oder der junge Mann zu meinen Füßen wird dich nie wiedersehen. Der erste Schritt obliegt dir.« »Mia, bitte, das hier ist kein Scherz. Tu was er sagt, bitte!», krächzt die dumpfe Stimme, die hörbar nach Luft schnappt. Mia erkennt sie sofort, es ist die ihres Bruders Clemens. Sekunden darauf ist nur noch das monotone Geräusch des Verbindungsabbruchs zu hören. 

Mia lässt das Telefon sinken und starrt in die Dunkelheit. Vor ihr liegt eine lange Allee, in der sich die heruntergekommenen Wohnhäuser wie Perlen aneinanderreihen. Kein Mensch ist zu sehen, nur vereinzelt brennt eine Straßenlaterne. Was auch immer dieser Alptraum hier gerade zu bedeuten hat, diese schäbige U-Bahn Station ist kein Ort zum nächtlichen Verweilen, denkt sie und setzt sich in Bewegung. 

 

»Der erste Schritt obliegt dir.«, flüstert Mia immer und immer wieder vor sich hin, während sie Haus um Haus passiert und langsam zu zittern beginnt. Ihr Adrenalin treibt ihr die Schweißperlen ins Gesicht und dennoch friert sie. Irgendetwas in ihr sagt ihr, dass sie diese Gegend kennt, aber sie weiß einfach nicht woher. Hat sie hier einmal einen ihrer Mandanten besucht? Übersieht sie gerade etwas, obwohl es direkt vor ihrer Nase liegt? Sie glaubt, Fußschritte in ihrem Rücken zu hören und dreht sich vorsichtig um. Niemand zu sehen. Vermutlich nur ein Projekt ihres auf Hochtouren laufenden Gehirns. Nach einigen weiteren hundert Metern taucht plötzlich wie aus dem Nichts ein Krankenwagen auf der Straße neben ihr auf und kommt zum Stehen. Ein Sanitäter steigt aus und läuft geradewegs auf sie zu. Unter seinem Arm klemmt ein rotes Paket mit der Aufschrift MIMI. Nur einen Meter vor ihr bleibt er stehen und streckt es ihr mit den Worten »Ein Geschenk für Sie, Frau Neubert.« entgegen. Ehe Mia etwas entgegen kann, ist er bereits wieder Richtung Wagen verschwunden.

 

Bereits beim Öffnen des Deckels steigt ihr ein beißender Geruch in die Nase. Ein steriler Duft, den man sonst nur aus Krankenhäusern und Arztpraxen kannte. Ein leicht abgenutzter Teddybär fällt ihr als erstes ins Auge. An ihm heftet ein kleines Familienfoto. Die strahlenden Gesichter der Eltern lassen erahnen wie sehr sie das Kind in ihrem Arm lieben müssen. Bei näherem Hinsehen erkennt Mia das schüchtern wirkende Mädchen mit den markanten roten Locken sofort. Sie überkommt ein Gefühl, das sie selbst nicht einordnen kann. Ein Gefühl der Vertrautheit. Rasch schiebt sie die in ihr aufkommenden Gedanken beiseite und greift beherzt nach dem kleinen MP3-Player, der sich ebenfalls im Inneren der Kiste befindet. »Herr Dr. Schneider, wie würden Sie Frau Neubert beschreiben?«, tönt die männliche Stimme aus dem Kopfhörer. »Sie ist immer sehr bemüht und freundlich zu allen hier. Wir haben ihr den Spitznamen Mimi gegeben, weil sie das Nesthäckchen in unserem Team ist. Ansonsten – weitestgehend unauffällig.« »Mir ist gestern Morgen nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Ich habe wie jeden Tag die Visite durchgeführt und als ich etwas später in ihr Zimmer kam, war sie plötzlich nicht mehr da. Ich kann Ihnen nicht viel sagen, aber ich habe damit definitiv nichts zutun.« Beim Klang ihrer eigenen Stimme beschleunigt sich Mia’s Atem schlagartig. Für den Bruchteil einer Sekunde flackert vor ihrem inneren Auge verschwommen ein Bild auf. Sie kann es nicht genau ausmachen, glaubt aber eine steile Holztreppe zu erkennen. »Seien Sie bitte ehrlich, Frau Schlegel. Glauben Sie, dass ihre Kollegin etwas mit dem Verschwinden zutun hat? Verschweigen Sie uns etwas?«. »Naja, manchmal wirkte sie auf mich wie ein gebrochenes Mädchen. So in sich gekehrt und nachdenklich. Aber eine Kindesentführung? Oder weiß Gott was noch? Nein, das traue ich ihr auf keinen Fall zu!«. Ein kurzes Rauschen, dann hört Mia nichts mehr. Während sie das Gerät zurück in die Kiste wirft, bleiben ihre Augen an deren hinterem Rand hängen. Ein kleiner brauner Umschlag steckt im Spalt zwischen Boden und Seitenwand. Sie öffnet ihn und faltet das fein säuberlich geknickte, leicht vergilbte Papier hastig auseinander. Die krakelige bunte Kinderzeichnung stammt offensichtlich von einem kleinen Kind. Papa – Mama – Nora, wie soll es auch anders sein. Jemand hat mit schwarzem Filzstift einen Text quer über das Bild geschrieben: 

SPIELREGELN

1. DENK GAR NICHT DRAN – KEINE POLIZEI!

2. DAS BESTE VERSTECK FINDET SICH DORT, WO GANZ OFFEN    NICHTS VERBORGEN IST

3. DA GIBT ES EINE STIMME, DIE KEINE WORTE BENUTZT –     HÖRE IHR ZU 

4. ZWEI STUNDEN, DANN STIRBT CLEMENS! 

PS: UNSERE AUGEN GLAUBEN AN SICH SELBER, UNSERE OHREN    GLAUBEN ANDEREN MENSCHEN, UNSERE INTUITION GLAUBT    DER WAHRHEIT. 

 Ihre weit aufgerissenen Augen suchen zunächst das Display ihrer Smartwatch. Mittwoch, 13. November 2019, 22:48 Uhr. Zwei Stunden Zeit, also bis circa 00:48 Uhr. Verdammt nochmal WAS hat dieses Theater hier zu bedeuten? Denk nach Mia, denk nach! Jetzt bloß nicht in Panik verfallen, du hast wie immer alles im Griff. »Die ganz Schlauen sehen um fünf Ecken und sind geradeaus blind.«, schreit sie die Worte des Anrufers regelrecht aus sich heraus und verzieht sekundenlang angestrengt das Gesicht. Langsam und schleichend keimt in ihr eine Vorahnung auf. 

Ich finde dich, du elendige Bestie. Und dann wirst du schon noch erkennen, dass man mit MIR besser keine Spiele spielt!, denkt sie, knüllt das Papier in ihre Hosentasche und lässt die Kiste samt restlichen Inhalt achtlos auf den Boden knallen. 

 

An der nächsten Kreuzung hält Mia kurz inne. Entlang der breiten Straße zu ihrer Rechten wechseln sich ein paar hellgraue Plattenbauten mit einigen Geschäften, darunter ein Supermarkt, ab. Geradeaus mündet der Asphalt in einen schmalen Schotterweg, der in ein dunkles Waldstück führt. Linkerseits setzen sich die kleinen unscheinbaren Einfamilienhäuser der Wohnsiedlung fort. Während sie in sich geht und krampfhaft überlegt welche Richtung sie wählen soll, schießt ihr erneut blitzartig ein Bild in den Schädel. Die Vorderansicht eines schmalen Hauses, das sich hinter einem mickrigen, verwahrlosten Vorgarten erstreckt. Neben der massiven dunkelbraunen Holztür baumelt schief eine 4 aus verrostetem Metall. Ich kenne diese triste Bruchbude. Aber woher? Mia atmet einmal tief ein bevor sie nach links läuft, immer weiter in das Labyrinth der Siedlung hinein. »Unsere Intuition glaubt der Wahrheit«, murmelt sie.

 

Wie lange ist sie nun schon hier herumgeirrt? 23:35 Uhr – schon über eine halbe Stunde. Und viel wichtiger: Nur noch etwa eine Stunde bis zum Ablauf des Ultimatums. Mia biegt um die nächste Ecke und spürt, wie ihr Inneres sich abrupt verändert. Eine gewisse Unruhe steigt in ihr auf, ihr Herzschlag beschleunigt sich. Es ist nicht das erste Mal, dass sie einer enormen Stresssituation ausgesetzt ist. Und doch durchströmt ihren Körper etwas, das sie in dieser Form bislang nur ein einziges Mal in ihrem Leben gefühlt hat. Aber wann? Als sie den Blick intuitiv nach rechts richtet, sieht sie über den ungepflegten Vorgarten hinweg direkt auf das Haus mit der Nummer 4. Die Stimme, die keine Worte benutzt, sagt mir, dass ich hier richtig sein muss!

Im Inneren des Hauses ist nicht der geringste Funken Licht zu sehen. Kein Wunder zu dieser Uhrzeit. Neben dem überquillenden Briefkasten am Fuße des schmalen gepflasterten Weges zur Eingangstür türmen sich die Werbeprospekte und Briefumschläge. Angespannt sucht Mia nach einem Hinweis. Einem verräterischen Relikt, das sie in ihrer Vermutung bestätigt. Nichts. § 123 StGB – Hausfriedensbruch – Naja, was soll’s. Das ist wohl gerade meine kleinste Sorge!, denkt sie und muss innerlich über sich selbst lachen. Typisch, dass sie selbst jetzt nichts anderes im Kopf hat als Paragraphen. Die Terassentür zum Garten klemmt, schießt es ihr unvermittelt durch den Kopf. Moment mal – woher weiß ich das? Unauffällig schaut sie sich in alle Richtungen um und schleicht vorsichtigen Schrittes Richtung Garten. 

 

Nach einem kräftigen Ruck springt die vergilbte Kunststofftür ruckartig nach Innen auf. Mia vergewissert sich noch einmal kurz, dass sie niemand beobachtet und betritt langsam das Haus. Ohne groß nachzudenken geht ihre Hand instinktiv nach rechts und betätigt den Lichtschalter. Das Wohnzimmer ist altmodisch eingerichtet und unordentlich, aber offensichtlich bewohnt. Während sie sich wachsam im ganzen Raum umschaut, muss sie an ihre Eltern denken. Ein Gefühl tiefer Trauer überkommt sie. Vor ihrem Tod damals, sie war gerade erst 19 geworden, war alles ganz anders gewesen. Ein deutlich hörbares Knacken reißt sie aus ihren Tagträumen und holt sie zurück in die schmerzliche Gegenwart. Sie beginnt, ihre Tasche fieberhaft nach einem spitzen Gegenstand zu durchwühlen, der ihr im Ernstfall zur Verteidigung dienen könnte. Außer ein paar Stiften und ihrem Haustürschlüssel jedoch nichts Brauchbares zu finden. Zaghaft, aber hochkonzentriert setzt sie einen Fuß vor den anderen und verlässt das Wohnzimmer Richtung Hausflur. 

Die Küche, die sich gleich neben dem Wohnzimmer befindet, ist ebenso chaotisch und dreckig wie der Rest des Hauses. Gleich die erste Schublade ein Volltreffer. Mia greift forsch nach dem größten darin befindlichen Küchenmesser und behält es fest in ihrer schwitzigen Faust. Als sie beim Verlassen des Raumes ihren Blick einmal quer durch das Treppenhaus wandern lässt, bleibt sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Genau diese Treppe habe ich heute doch schon einmal gesehen!, erinnert sich Mia sofort an das verschwommene Bild in ihrem Kopf. 

 

Bedächtig steigt sie die knarrenden Treppenstufen herab, die Klinge direkt vor ihrem angespannten Gesicht. Hier unten riecht es modrig und feucht. Bis auf eine flackernde Glühbirne, die trostlos von der niedrigen Decke herunterhängt, ist alles stockfinster. Das wenige Licht offenbart jedoch, dass der Keller größer ist als Mia erwartet hat. Fünf wuchtige verschlossene Stahltüren sind zu sehen. Die rauen Betonwände entlang der engen verwinkelten Gänge strahlen eine bedrückende Kälte aus, die Mia erschaudern lässt. Das Versteck, wo ganz offen nichts verborgen ist – der Keller eines Wohnhauses?, grübelt sie sichtlich verwirrt. Und doch treibt es sie im nächsten Augenblick bereits nach links in Richtung der zweiten Tür. Ganz langsam drückt sie die Klinke herunter und lugt durch den winzigen Spalt, der sich vor ihr auftut. 

Schwarz. Vorsichtig schiebt sie ihre Finger durch die Tür und tastet nach dem Schalter. Ein paar Sekunden, dann ist der Raum in grelles Neonlicht gehüllt. Gestapelte Umzugskisten, ein kleines Schaukelpferd aus Holz, verschlungene Rohre an der Decke. Niemand zu sehen, keinerlei Auffälligkeiten. Doch was lauert möglicherweise gleich hinter der Tür? Wartet sie nur darauf, dass sie mich aus ihrem sicheren Versteck heraus überwältigen kann? Mia umklammert das Messer noch etwas fester und stößt die Tür kraftvoll auf.

Nichts. Neben einem leeren Metallregal und einer Holzkommode türmt sich lediglich altes Gerümpel. Plötzlich zuckt sie krampfhaft zusammen und kneift schmerzerfüllt die Augen zu. Ein stechender Kopfschmerz, begleitet von einem weiteren Bild, das dieses Mal einer ganzen Szene gleichkommt. Es ist eine Frau, die mit einiger Anstrengung ein Regal verschiebt und im nächsten Moment geduckt durch die Wand verschwindet. Was soll das denn jetzt schon wieder bedeuten? Stop – das Metallregal!, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Nervös tritt sie ganz nah an es heran und beäugt es akribisch von allen Seiten. Dabei fällt ihr auf, dass die Rückwand nicht flach mit der Betonwand abschließt, sondern einige Zentimeter in sie hineinragt. Nachdem Mia ihren ganzen Körper mit aller Kraft gegen das Regal presst, schnellt es mit einem Mal zur Seite und offenbart einen kleinen Eingang, hinter dem sich ein versteckter Raum befindet. Vorsichtshalber dreht sie sich noch einmal nach hinten um und kriecht auf allen Vieren in den Hohlraum. Darin angekommen richtet sie sich auf und wischt sich den Staub von den Knien. Das einzige, was Mia in dem nur spärlich durch das hindurchscheinende Neonlicht beleuchteten Raum entdecken kann, ist eine dunkelbraune Holztruhe.

Ein unangenehmes Quietschen, dann wird Mia schlagartig speiübel.

 

Beim Anblick des mit wenigen roten Locken bedeckten kleinen Schädels glaubt sie ohnmächtig zu werden und taumelt einen Schritt nach hinten. Alles um sie herum dreht sich, ihre Wahrnehmung scheint auszusetzen. Bitte nicht, bitte nicht!, fleht sie. All ihre verbleibenden Kräfte bündelnd stützt sich Mia an der Wand ab und wirft noch einmal einen kurzen angewiderten Blick in die Kiste. Das feine rötliche Haar ziert eine kleine Metallspange mit einer Blume darauf. Um etwas, das wie der Knochen eines kleinen Armes ausschaut, baumelt ein rosa Plastikarmband. Sie muss gar nicht lesen was darauf geschrieben ist – sie weiß es.

 

»Bravo kleine Mimi, neunmalklug und doch SO blind«, hallt die tiefe Stimme in ihrem Rücken, gepaart mit einem triumphierenden Klatschen. »Hast die ganze Zeit über geglaubt mich zu finden. Und in Wahrheit habe ich DICH gefunden. Nein, nicht dich. Zu deinem größten Geheimnis hast du mich geführt, übermütig und naiv wie du nun mal so bist. Unwissend, dass du mir gerade das schönste Geschenk bereitest, das du mir nur hättest machen können. Mein teuflischer Plan ist genau aufgegangen. Und lass mich raten: Du verstehst immer noch nur Bahnhof und kannst dich nicht erinnern?! Dann will ich dir gerne mal ein wenig auf die Sprünge helfen, Frau Anwältin.« Mia sieht dem älteren Mann mit der Halbglatze mit weit aufgerissenem Mund in die Augen. Fassungslos lässt sie sich gegen die eiskalte Wand fallen und sackt kraftlos zu Boden. »Ich hab damals gleich am ersten Tag der Ermittlungen gewusst, dass du für das Verschwinden der Kleinen verantwortlich bist. Musste mich richtig zusammenreißen bei deinem Verhör. Hab dich sogar noch hier herumfahren sehen mit deinem kleinen weißen Polo. Abends dieser tragische Unfall, der Tod deiner Eltern, das Schädel-Hirn-Trauma. An absolut nichts konntest du dich mehr erinnern. Keine Beweise, nur wenige Indizien. Ohne Leiche war da nichts mehr zu machen für uns. Zerfressen hat es mich innerlich, dass du kleine Rotzgöre ungeschoren davongekommen bist. Und dieses unschuldige hübsche Ding – zur falschen Zeit am falschen Ort. Wehrlos in den Händen einer Psychopathin. Meinen jahrelang hart erarbeiteten Job musste ich aufgeben wegen dir, hab’s einfach nicht mehr ertragen. Noch Jahre danach hab ich immer und immer wieder an diesen Fall gedacht, mich gefragt was ich tun kann, um die Information aus den Untiefen deines Bewusstseins hervorzulocken. Während du dein Leben komplett umgekrempelt und dich in der Sonne des Erfolges ausgeruht hast, wurde ich jede verdammte Nacht von Alpträumen heimgesucht. Hab recherchiert, nachgedacht, auf diesen einen Tag, den 13. November, hingefiebert. Alles aufeinander abgestimmt: der Tag, die Bilder, die Tonaufnahmen der Polizeiverhöre, der Geruch von Desinfektionsmittel, ihr Teddybär. Nicht mal nach meiner kryptischen Botschaft hast du’s kapiert. Und doch hast du, hat deine Erinnerung, mich geradewegs hierher geführt. Dein Elternhaus bis du 3 warst, richtig? Wie hätte auch irgendjemand auf dieses Versteck kommen können. Dreizehn Jahre hat es gedauert, aber jetzt kann ich, kann Nora, können ihre Eltern endlich ihren Frieden finden. Und die beste Anwältin der Stadt wird ihre gerechte Strafe erhalten!«

 

Das nächste, was Mia hört, sind Polizeisirenen, die immer näher zu kommen scheinen. Sie musste bewusstlos geworden sein, liegt regungslos auf einer unbequemen Ledercouch. Die Sirenen verstummen abrupt, kurz darauf hört sie Schritte und hektisches Gemurmel. Ein metallisches Klicken ist alles, was ihr benebelter Geist noch registriert. 

 

Während Mia nervös auf dem Rücksitz des Polizeiwagens vor und zurück wippt, fingert sie vorsichtig eine Büroklammer aus ihrer Hosentasche. Keine zwanzig Sekunden, schon springen die Handschellen mit einem leisen Klick auseinander. Nach einem kurzen Blick in den Rückspiegel auf den Polizisten, schiebt sie ihre Finger in den Hosenbund und zieht unbemerkt ein Handy heraus. Tja, habt wohl ganz vergessen, dass ich nicht nur eins, sondern gleich zwei Handys bei mir habe. Schwachköpfe! Sie lächelt süffisant, tippt schnell eine SMS und drückt auf »Senden«:  

JULIA, WIR MÜSSEN UNS UNBEDINGT MAL WIEDER TREFFEN. ICH WURDE HEUTE DARAN ERINNERT, DASS ICH NOCH EINE OFFENE RECHNUNG ZU BEGLEICHEN HABE! 

            

 

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27 thoughts on “Hausnummer 4

    1. Vielen Dank liebe Christina ☺️
      Es freut mich riesig, dass dir meine Geschichte gefällt!
      Gerade wegen meines Schreibstils hatte ich lange Zeit große Zweifel, bin mir dann letztendlich aber doch selbst treu geblieben. Umso mehr freut es mich, dass er dir gut gefällg!

    2. Als allererstes: Du hast eine sehr spannende Geschichte geschrieben, ich wollte unbedingt wissen, wie es endet! Ein paar Fragen hatte ich beim Lesen bzw. ich habe noch ein paar Anmerkungen Zu Dingen, die mir aufgefallen sind. Gleich zu Beginn droht der „Erpresser“, alle Menschen in der Bahn zu töten, sie sitzt aber a) relativ spät b) in einem menschenleeren Abteil – daher wirkt die an sich gute Drohung ein bisschen lau, in einer vollbesetzten UBAHN hätte sie einen anderen Effekt.
      Als nächstes droht der Erpresser mit dem Bruder , der später allerdings gar nicht mehr erwähnt wird – hier hätte ich mir noch 1,2 Sätze gewünscht. Außerdem muss doch auch der Bruder eigentlich über die Vergangenheit von Mia bescheid wissen- wieso haben sie nicht darüber gesprochen, dass sie früher Krankenschwester war? Oder ist sie bei Pflegeeltern aufgewachsen und es ist nicht ihr leiblicher Bruder?
      Die Auflösung mit dem Gedächtnisverlust/der Verdrängung der Tat gefällt mir sehr gut!
      Was ich leider gar nicht verstanden habe, war der Schluss. Wer ist Julia? Wieso ist sie auf einmal so gefasst und „klar“?
      Und: schöner Titel, macht sehr neugierig.
      Liebe Grüße

      1. Erst einmal vielen lieben Dank für deinen Kommentar und die Anregungen 🙂
        – zur Drohung: da gebe ich dir Recht, das habe ich nicht wirklich bedacht! Eine U-Bahn hat zwar mehrere Abteile, aber tagsüber wäre es natürlich deutlich voller.
        – zum Bruder: naja, eine Kurzgeschichte lebt ja quasi davon, dass manches offen bleibt; daher keine Erwähnung mehr dazu!
        – der Schluss: bewusst offen gehalten 🙂 soll im Prinzip nur verdeutlichen, dass durch die ganze Sache auch ihre dunkle Seite zum Vorschein gekommen und geweckt worden ist. Der Rest ist dann der eigenen Phantasie überlassen (das wollte ich gerne so machen, ein letzter Satz, der im Gedächtnis bleibt und bewirkt, dass man weiter darüber nachdenkt).

        Viele Grüße zurück

  1. Spannend, gruselig, Stil gefällt mir. Und mit der Ollenhauerstraße im ersten Satz hast Du mich sowieso schon gehabt, der die Bonner Südstadt und die angrenzenden Stadteile bergen ein paar schöne Erinnerungen, nicht nur unbewusst ☺️

  2. Mega spannend, was du aus den Parametern gemacht hast. Absolut keine Klischee-Story und daher echt fesselnd. In manchen Szenen hätte ich mir gewünscht, es wäre komplett in ich-Perspektive von Mia geschrieben, weil ich gerne noch so viel mehr Eindrücke und Erinnerungen von ihr wahrgenommen hätte.
    Die rätselhaften Hinweise LIEBE ich und hätte mir gewünscht, dem so richtig Seite um Seite auf die Spur zu kommen… Leider war es viel zu schnell vorbei.
    An manchen Stellen bin ich über die ein oder andere Ausschmückung im Lesefluss gestolpert, fast immer hat es mich aber total in die Szene mitgenommen. Tolle Geschichte und ich mag den Titel auch sehr!

    1. Ich danke dir für deinen lieben Kommentar und die Anregungen 🙂
      Werde sehr gerne weiter an mir und meinen Stil arbeiten und mich hoffentlich noch verbessern. War erstmal mein erster Versuch 🙂 das ist sicherlich noch ausbaufähig.

    1. Dankeschön für deinen Kommentar und die Anregung 🙂
      Ich denke, dass die Formatierung hier noch nicht 100% perfekt ist, weil es laut Sebastian ja keine Rolle spielen sollte. Und sie kommen dadurch, dass ich (in Word) Normseiten verwendet habe und mich unbedingt an die Maximalzahl an Seiten halten wollte (daher habe ich die Absätze eher spärlich eingesetzt).
      Kann man ja aber auch alles nochmal verändern/verbessern, falls es meine Geschichte ins eBook schaffen sollte!

  3. Liebe Kathrin!

    Tolle und fesselnde Geschichte! Hat mir wirklich gut gefallen! Das Ende fand ich sehr überraschend und deshalb super!

    LG, Florian

    PS. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn du meine Geschichte lesen und evtl einen Kommentar/ein Feedback und – wenn sie dir gefällt – sogar ein Like hinterlassen würdest. Meines hast du jedenfalls! Meine Geschichte heißt „Schach Matt“.

    1. Lieber Florian,
      dankeschön für deinen lieben Kommentar! Freut mich sehr, dass dir meine Geschichte gefallen hat 🙂 Gerne lese ich auch deine und lasse dir ein Feedback (und wenn sie mir gefällt natürlich auch ein Like) da!
      Viel Erfolg beim Voting

  4. Hallo Kathrin,
    tolle Geschichte, die mich am Anfang zu folgenden Fragen geführt hat:
    Warum nimmt Mia freiwillig die Horrorfilm-Treppe in dem Haus, die kein normaler Mensch freiwillig hinuntersteigen würde? Warum die 2. Tür und nicht die 1.? Erst wollte ich die Geschichte abbrechen, da es mir unlogisch erschien, aber der Stil hat mir gut gefallen, deswegen habe ich weiter gelesen.
    „Wartet sie nur darauf, dass sie mich aus ihrem sicheren Versteck heraus überwältigen kann?“ Warum „sie“? Auch mit dem Ende der Geschichte im Kopf, weiß ich nicht, ob es gut war, hier „sie“ zu wählen.
    „Ein stechender Kopfschmerz, begleitet von einem weiteren Bild, das dieses Mal einer ganzen Szene gleichkommt. Es ist eine Frau, die mit einiger Anstrengung ein Regal verschiebt und im nächsten Moment geduckt durch die Wand verschwindet.“ Ist für mich nicht so ganz klar, dass dies eine Erinnerung sein soll. Das würde ich vielleicht besser kennzeichnen. Erst habe ich gedacht, sie beobachtet tatsächlich jemanden, aber der Raum war ja leer.
    Dann kam die Auflösung, also deswegen ihre Wahl, in den Keller zu gehen. Gute Erklärung, da alles in ihrem Unterbewusstsein gespeichert war. Wobei hier nicht logisch ist, warum der Kriminalbeamte (was genau er war, wurde nicht erwähnt, oder?) ihr es abgenommen hat, dass sie ihr Gedächtnis verloren hat, weswegen auch immer. Das ist ja schließlich nicht normal, also warum hätte er es ihr glauben sollen? Und als Psychopathin, warum sollte sie so etwas verdrängen? Für Psychopathen ist es doch nicht ungewöhnlich, solche Verbrechen zu begehen.
    Das Ende habe ich gar nicht verstanden. Auch der Bruder, der nicht mehr erwähnt wurde. Aber, das hast du ja schon in einem Kommentar erklärt. Aber bei dem letzten Satz kann man vermuten, dass sie doch alles noch gewusst hatte, auch eine Bemerkung zwischendurch hatte mich stutzig gemacht. Aber dann hättest du uns Leser als Autorin veräppelt, denn Mias Gedanken zeigten klar, dass sie nicht wusste, worum es ging. Mit dem letzten Satz hast du die Geschichte etwas ins Unlogische geführt. Entweder sie ist eine Psychopathin, dann hätte sie den Mord nicht verdrängt, oder sie ist keine und es war ein Trauma für sie, was sie damals getan hat.
    Die Dialoge („Mein teuflischer Plan ist genau aufgegangen.“) und Gedanken haben mich nicht so überzeugt. Aber Dialoge sind sauschwer und Gedanken nicht so unecht („Was auch immer dieser Alptraum hier gerade zu bedeuten hat, diese schäbige U-Bahn Station ist kein Ort zum nächtlichen Verweilen“) rüber zubringen, ist nicht leicht. Da es dein erster guter Versuch ist, ist es sicherlich noch etwas, an dem du arbeiten kannst. Auch die gelegentlichen Kommas, die du vergessen hast, kann man nachbessern.
    Ansonsten bist du für mich echt ein Talent und die Story ist eine der besten, die ich bisher hier gelesen habe. Natürlich auch von mir ein Herzchen. Sorry, für den so langen Kommentar. Viel Glück und liebe Grüße Claudia

  5. Hey Claudia,
    erst einmal danke für deinen ausführlichen Kommentar und das Kompliment (vor allen am Ende) 🙂
    Zu deinen Fragen:
    – sie nimmt die Treppe, weil ihre langsam wieder aufkeimende Erinnerung das sagt; dieses Geschehen zieht sich ja nahezu durch die gesamte Handlung und ist ja gerade einer der Knackpunkte
    – Warum nicht die 2.? 😀 Verstehe die Frage ehrlich gesagt nicht.
    – das mit dem „sie“ habe ich absichtlich so gewählt, um zu zeigen, dass Mia eigentlich einen ganz anderen Gegner im Kopf hat und dem tatsächlichen Gegner (Mann) unwissend in die Falle tappt
    – die Erinnerung mit dem Loch in der Wand zeigt sie selbst wie sie damals die Leiche dort versteckt hat; sie erinnert sich bruchstückhaft, kann diese Erinnerung aber ja gerade zu diesem Zeitpunkt noch nicht zuordnen
    – Mia hat damals beim Autounfall (bei dem auch ihre Eltern gestorben sind) tatsächlich eine Amnesie erlitten, das weiß auch der Gegner und versucht ja gerade durch den ganzen Zirkus ihre Erinnerung zurückzuholen (dieses Phänomen gibt es sogar tatsächlich!)
    – das Ende (bzw der letzte Satz) soll lediglich zeigen, dass durch dieses Hervorrufen der Erinnerung auch wieder ihre dunkle Seite geweckt wurde
    – der Bruder fungiert lediglich als Druckmittel und spielt keine weitere Rolle (Kurzgeschichte -> es kann nicht alles erklärt werden!)

    Ich hoffe, dass ich somit noch ein paar Fragen klären konnte.
    Dankeschön nochmal und liebe Grüße zurück!

    1. Das mit der Treppe war klar. Hatte ich ja auch geschrieben.
      Die 2. Tür anstatt die 1.? Wenn ich in Mias Lage gewesen wäre, hätte ich erst einmal in den ersten Raum geschaut, um abzuklären, dass niemand drin ist, und dann wäre ich von Raum zu Raum gegangen. Aber auch das hat sich ja geklärt, da sie unbewusst gewusst hatte, wohin sie musste.
      Oh, das mit dem anderen Gegner habe ich nicht mehr im Kopf, wer sollte das sein? Hab noch einmal im Text gesucht, meintest du ihre Doppelgängerin, also die, die Mia für ihre Doppelgängerin hält? Eine andere Frau habe ich nicht im Text gefunden.
      Nach nachdenken war klar, dass es eine Erinnerung war, aber nicht sofort, da nicht so deutlich gekennzeichnet.
      Und jetzt muss ich einen Irrtum eingestehen, ich habe es nicht richtig gelesen: Der Autounfall war nach der Entführung und dem Mord an dem kleinen Mädchen, durch den Unfall hatte sie eine physische Amnesie. Sorry, ich hatte gedacht, es handelte sich um eine psychische durch das schreckliche Verbrechen (Trauma). Jetzt ist es mir klar, ich hatte noch einmal im Text nachgelesen.
      Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, auf meinen Kommentar so ausführlich zu antworten, sonst stände ich ja als völlig begriffsstutzig da. Es hat Spaß gemacht, über deine Geschichte zu sprechen. Das öffnet einem das Auge für Details.

      1. Es gibt keinen anderen Gegner, damit meine ich die Polizeibeamten (der damals das Verschwinden der kleinen Nora aufklären sollte) 🙂
        Eine Doppelgängerin gibt es nicht.
        Nichts zu danken – ich danke dir für deine Kommentare und die Anregungen!
        Werde versuchen, mich in Zukunft (sofern ich das Schreiben beibehalte) noch zu verbessern 🙂
        Liebe Grüße

  6. Spannende Geschichte, heute bin ich endlich dazu gekommen sie zu lesen. Man hat jetzt, nach ein paar Tagen, schon eine Liste für die restliche Woche. Schrecklich, oder?

    Was auch ich nicht ganz verstanden habe, ist der Schluss. Die Wendung von Mia hätte vielleicht etwas ausführlicher oder schon vorher angedeutet sein können, aber die Kommentare haben auch geholfen :o)

    Als Sanitäter hätte ich noch die Anmerkung gehabt, dass man Gesichter ggf. kennt, wenn man im gleichen Umfeld arbeitet. Aber das wäre höchstens ein Nebensatz gewesen von wegen den Krankenwagen kannte ich nicht, also egal.
    Die Bahn hätte ich auch voller gemacht. In einem leeren Abteil sieht man auf einem leeren Sitz vermutlich das Handy schneller und ist neugierig, wem es gehört.

    So. Wie Du liest, es sind nur Kleinigkeiten. Mein Like und den Kommentar hast Du! Bleibt der Gedanke, ob Du demnächst mehr schreiben willst? Würde mich interessieren!

    LG Chris (Identität-6)

    1. Hey Chris,
      danke für deinen lieben Kommentar und die konstruktive Kritik 🙂
      Zum Ende nochmal: bewusst offen gehalten! Arno Strobel sagte in einem der Live-Videos, dass er es gerne mag, wenn ein Ende schockt und den Leser zum Nachdenken animiert. Genau das wollte ich gerne umsetzen und habe deshalb diesen letzten Satz eingebaut.
      Er sollte einfach nur verdeutlichen, dass ihre dunkle Seite wieder geweckt wurde.
      Wie das weitergeht und in welcher Form bleibt dann dem Leser selbst überlassen.

      Aus Zeitgründen werde ich wohl in Zukunft erst einmal nichts mehr schreiben. Bin aktuell im Referendariat (Jura) und habe noch ein Zweites Staatsexamen vor mir.
      Wenn das alles vorbei ist, würde ich vielleicht nochmal darüber nachdenken ;D denn Spaß macht es mir in jedem Fall!

      Werde bei Gelegenheit auch gerne deine Geschichte lesen und dir ebenfalls einen Kommentar schreiben!

      Viele Grüße

  7. Hallo Kathrin,
    Ich finde die Idee deiner Geschichte ganz gut. Leider hakt es noch an der ein oder anderen Stelle. Auch bleiben zu viele Dinge während des Lesens schleierhaft. Nachdem ich mir einige Kommentare durchgelesen hatte, wurde es klarer. Das Problem ist nur, dass eine Geschichte, die erst noch groß erklärt werden muss, oftmals zu unausgereift ist. Auch wenn hier viele sagen, der Schreibstil hätte ihnen gut gefallen, möchte ich dir gegenüber so ehrlich sein und dich darauf hinweisen, dass du, meiner Meinung nach, an manchen Stelle dringend die Formulierung überarbeiten solltest. Ich weiß, wie schwer es oftmals ist, etwas blumig zu umschreiben und trotzdem auf den Punkt zu bringen. Damit du vielleicht verstehst, was ich meine, zwei Beispielsätze, dich ich mehrmals lesen musste:
    … erinnert sich Mia sofort an das verschwommene Bild in ihrem Kopf.
    Hier wäre evtl. so etwas wie: erinnerte Mia sich vage an … besser
    Bis auf eine flackernde Glühbirne, die trostlos von der niedrigen Decke herunterhängt, ist alles Stock finster.
    Hier dachte, ja, was sollte den sonst noch leuchten ;-). Glaube jedoch zu wissen, was du sagen wolltest. Problematisch finde ich an dieser Stelle aber wie es weitergeht. Es ist zwar, bis auf den kümmerlichen Lichtklecks der Funzel absolut dunkel, dennoch erkennt sie fünf weitere Türen! und kann soweit in die Räumlichkeiten hineinsehen, um zu wissen, dass „die Gänge“ arg verwinkelt sind.

    An der Stelle gleich darauf:
    „Und doch treibt es sie im nächsten Augenblick bereits nach links in Richtung der zweiten Tür.„
    fragte ich mich auch, wieso gerade die zweite Tür. Mittlerweile weiß ich warum. Dort wäre, aufgrund deiner Erläuterung, evtl. sowas wie „und doch strebt sie im nächsten Augenblick einem innerer Drang folgend direkt zur zweiten Tür.“

    So, das soll erst mal genügen. Ich hoffe, der ganze Text hilft dir ein wenig weiter. Und, nur damit das nicht untergeht, will ich abschließend noch einmal erwähnen, dass, wie ich es irgendwo aufgeschnappt hab, dein Beitrag für einen ersten Versuch durchaus vorzeigbar ist. Wenn dir das Schreiben Spaß macht, solltest du auf jeden Fall dranbleiben.

    Grüße
    J.D.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/das-leben-eines-toten-mannes

  8. Hallo Kathrin

    Vieles, was ich beim Lesen gedacht, gefühlt habe, ist in den anderen Kommentaren schon erwähnt worden.

    Und weißt du was?

    Genau deshalb finde ich deine Geschichte im Nachhinein so gut (ich habe sie gestern Abend gelesen, schreib den Kommentar aber erst 24 Stunden später).

    Das mach ich selten.

    Die meisten Geschichten vergisst man nämlich leider viel zu schnell.

    Das zeigt mir aber, dass deine Geschichte eine so große Wirkung auf mich hatte, dass mir die Mini-Rezension ein Bedürfnis ist.

    Eine Kurzgeschichte ist kein Rezept und kein wissenschaftlicher Befund.

    Eine Kurzgeschichte ist Kunst.
    Unter ein Gemälde haut der Künstler ja auch keine ausgedruckte Interpretation.

    Klar, gewisse Dinge sollten genau und exakt rüberkommen.

    Aber viele Dinge, Bilder, Eindrücke leben doch erst durch die eigenen Gedanken. Die eigene Fantasie.

    Deshalb ist dein Finale auch so herausragend.

    Es hat mich noch lange „beschäftigt“.
    Gefordert.

    Gefördert?

    Man muss dem Leser nicht immer alles vorkauen.

    Es ist viel geiler, ihn mit dem Ende zum Denken, zum Fühlen zu inspirieren.
    Das ist dir bei mir gelungen.

    Deshalb meinen höchsten Respekt.

    Du hast zuweilen Zweifel an deinem Schreibstil?

    Ach, Kathrin.

    Dein Schreibstil ist sehr aussagekräftig und sicher. Zudem einzig und individuell.

    Gib 10 Schreibern das komplett gleiche Thema, die komplett gleichen Parameter, die identischen Charaktere und das komplett identische Finale vor.

    Und du wirst dennoch 10 unterschiedliche Geschichten erhalten.
    Und das ist auch gut so.

    Weil sie eben alle ihren eigenen Stil haben.

    Ein individueller Schreibstil ist wie ein literarischer Fingerabdruck.

    Ändere ihn nur, wenn du es für richtig hältst oder wenn du dich ganz natürlich und unbewusst mit ihm veränderst.
    (So wirst du zum Beispiel vor 10 Jahren anders geschrieben haben als heute).

    Ich finde deinen Schreibstil individuell, erfrischend und sehr gut.

    So!
    Muss langsam zum Ende kommen.

    Nochmal:
    Deine Geschichte ist außergewöhnlich und genial.
    Das Finale offen … und deshalb genau richtig.

    Meinen Like hast du natürlich sicher, und ich hoffe, dass noch mindestens 5 Dutzend dazukommen.

    Dann bist du nämlich im EBook 🙂

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und noch viele Leser.

    Liebe Grüße, Swen Artmann
    (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Aber nur, wenn du mir einen ganz ehrlich gemeinten Kommentar verfasst.
    Egal, ob lang oder ganz kurz.
    Ob 20 Sätze oder nur ein Wort.

    Hauptsache ehrlich.

    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Ich danke dir.
    Und schreib bitte IMMER weiter.
    Swen

    1. Lieber Swen,

      Wow – vielen lieben Dank für diesen tollen Kommentar! Habe mich riesig über das, was du geschrieben hast, gefreut 🙂
      Eine angenehme Abwechslung neben der (teils auch nicht ganz so konstruktiven) negativen Kritik auch einmal etwas derart positives zu lesen.

      Nochmal zum Ende: Arno Strobel sagte in einem der Live-Videos, dass für ihn ein gutes Ende bewusst offen ist, schockt und den Leser zum Nachdenken anregt. Genau das habe ich umzusetzen versucht. Ich wollte eine Richtung vorgeben (Mia’s böse Seite wurde wieder geweckt und kommt zum Vorschein), aber alles Weitere der Phantasie des Lesers überlassen.

      Ich freue mich bereits darauf, auch deine Geschichte zu lesen und dir ein Feedback zu geben 🙂

      Viele Grüße

  9. Hallo Kathrin,
    nun bin ich endlich auch dazu gekommen, die zweite Geschichte von Dir zu lesen ( obwohl es offenbar Deine erste war, wenn ich das hier richtig gelesen habe).
    Mir hat die Geschichte in großen Teilen sehr gefallen und ich habe mich unterhalten gefühlt; das ist schon mal einer der wichtigsten Punkte, finde ich. Ich mag auch Deinen Schreibstil sehr, obwohl er hier und da sicher noch „sicherer“ werden kann – aber wie soll das bei der ersten Geschichte auch schon da sein!?
    Beim Lesen sind mir die gleichen Fragen gekommen, wie meinen Vorschreibern. Auch wenn Du bereits erklärt hast, dass der Bruder nach dem Anruf keine weitere Bedeutung mehr für die Geschichte hatte, fehlte mir eine kleine Erklärung dafür ob und warum er bei dem ganzen Theater mitgemacht hat. Dass ein Polizist – ob noch im Dienst oder nicht – so viele Jahre an einem, wie er selbst sagt, teuflischen Plan arbeitet, um die Täterin schließlich doch noch zu überführen, war für mich tatsächlich etwas unglaubwürdig. Das hätte ich sicher anders versucht umzusetzen. Hab ich aber nicht, es ist ja auch schließlich Deine Geschichte 😉 .
    Ich mag auch durchaus das offene Ende, das sowohl zum „weiterspinnen“ einlädt, wie auch eine Fortsetzung ermöglicht. Das ist clever, finde ich.
    Ich bin der Meinung, Du solltest das Schreiben auf jeden Fall fortführen. So ein Studium geht ja nicht ewig …
    Mein Like hast Du auf jeden Fall.

    P.S. wenn Du es nicht schon gemacht hast, würde ich mich freuen, wenn Du auch meine Geschichte lesen würdest („Glasauge“) und über ein Feedback würde ich mich auch freuen.

  10. Mit der U-Bahn hattest du mich sofort und dann gab es nur noch eine Haltestelle: Bis zum Ende fahren bzw. lesen. Sehr tiefgründig (und das auf der kleinen Strecke Kurzgeschichte). Chapeau! Toll umgesetzt, toll geschrieben und das bleibt im Gedächtnis.

    D. Calva

  11. Liebe Kathrin,

    jetzt habe ich es auch geschafft, deine zweite Geschichte zu lesen 😊

    Ich fragte mich anfangs: Wenn das Abteil leer ist, dann müsste sie doch mitbekommen haben, dass jemand etwas neben ihr ablegt?

    Die Aufforderungen waren sehr rätselhaft, finde ich aber gut, weil man als Leser auch miträtseln muss – warum meint sie jetzt, bei Hausnummer 4 richtig zu sein usw.
    Die Auflösung, dass es sich um eine Amnesie handelt, erklärt dann auch einiges.

    Dass am Ende noch eine weitere Person erscheint, kam überraschend und wirft Fragen auf (aber das ist ja so gewollt, wie ich in den vorherigen Kommentaren gelesen habe).

    Die Parameter hast du gut umgesetzt, dennoch gebe ich zu, dass mir deine andere Geschichte etwas besser gefallen hat 😉

    Viel Spaß weiterhin mit dem Schreiben und viel Glück fürs Voting!
    LG Yvonne/ voll.kreativ (Der goldene Pokal)

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