Freiciska„Ich“

Dr. Windmann war eine gute Psychotherapeutin. Sie behandelte Ihre Patienten immer mit dem nötigen Maß an Professionalität und Einfühlungsvermögen. Sie schätzte die Privatsphäre der anderen und war sich der Bürde, die Ihre Arbeit mit sich brachte, stets bewusst. Deswegen hatte sie es geschafft, es bislang zu vermeiden, sich das Handy, das vergangenen Tag in ihrem Briefkasten gelegen hatte, genauer anzuschauen. Vermutlich hatte es einer ihrer Patienten in ihrer Zufahrt verloren und ein anderer hatte es wiederum in den Briefkasten gesteckt. Außerdem sah das Gerät nicht besonders sauber aus, weshalb sie kein großes Verlangen danach verspürte, es unnötig anzufassen. Neben dem Dreck in den Fugen, hatte es zahlreiche kleine Kratzer, sowohl auf dem Gehäuse, als auch auf dem Display. Sie schielte kurz zum Schreibtisch rüber, auf dem sich der kleine schwarze Kasten deutlich vom weißen Hochglanz abhob. Er war dunkel und stumm, den gesamten gestrigen Abend und den heutigen Morgen lang. So verbrachten die beiden noch einige Zeit, Dr. Windmann in ihrem Behandlungssessel, das ominöse Handy auf der hintersten Ecke des Schreibtisches. Beide stumm und mit sich selbst beschäftigt.

Nach einer Ewigkeit absoluter Ruhe, drang plötzlich ein hartnäckiges Brummen an ihr Ohr. Dr. Windmann zuckte zusammen, völlig aus den Gedanken gerissen. Genervt stand sie auf und starrte auf den Übeltäter. Der Bildschirm leuchtete auf und zeigte eine Benachrichtigung des Messengers an. Unentschlossen ging sie darauf zu. Doch kaum hatte sie sich einen Schritt vorwärts bewegt, war es schon wieder aus. Die Nachricht hatte sie so schnell nicht lesen können. Aber sie hatte einen kurzen Blick auf das Foto des Sperrbildschirms geworfen. Es war das Ufer eines Sees zu erkennen gewesen. Wahrscheinlich nur ein 0815 Bild. Sowas hatte doch jeder zweite Mensch auf dem Handy. Nein, das ging sie nichts an. Brumm, brumm. Eine weitere Benachrichtigung erschien, diesmal eine Sprachnachricht. Nun hatte sie etwas Zeit sich das Bild genauer anzuschauen. Irgendetwas daran kam ihr bekannt vor. Es wirkte idyllisch und dennoch lief ihr ein kurzer Schauer über den Rücken. Heute war es etwas frisch in ihrem Büro. Das Handy wurde bestimmt vermisst. Dann sollte sie es sich vielleicht doch einmal genauer anschauen. Es musste ja schließlich zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurück finden. Sollte es einem ihrer Patienten gehören, war es Dr. Windmanns Pflicht, dafür zu sorgen.

Das Handy hatte keinen Sperrcode – wie leichtsinnig. Sie wischte den See mit einer schnellen Fingerbewegung weg und öffnete den Messenger.
„Ich freue mich, dich bald wieder zu sehen. Wir müssen reden.“ Die Nachricht war wohl doch nicht vom Besitzer. Dennoch hieß der Absender „Ich“. Merkwürdig.
Gekonnt schloss sie die App und öffnete die Galerie. Die Sprachnachricht empfand sie dann doch als zu privat, um sie anzuhören. Die meisten Menschen tendierten aber dazu, viele Selbstporträts zu machen. Ob zu Hause oder im Urlaub. So als ob sie ihrem späteren Ich beweisen wollten, dass sie dort gewesen waren. Dr. Windmann hielt das für lächerlich und unnötig. Auf ihrem Handy existierten keine Fotos von ihr, wie auch im Internet. Sie hoffte, in der Galerie fündig zu werden und vielleicht einen ihrer Patienten wiederzuerkennen. Damit wäre die Sache dann erledigt gewesen. Wie von einem elektrischen Schlag getroffen ließ sie plötzlich das fremde Handy fallen. Beide Hände vor den Mund geschlagen stand sie wie erstarrt da. Das Foto, das sie sich angesehen hatte, war noch immer auf dem hellen Bildschirm zu sehen. Es zeigte zwei Frauen in einem Arbeitszimmer. Sie standen lächelnd nebeneinander. Eine davon hatte ihr Gesicht, die andere ihren Namen.

Wirre Gedanken und Gefühle durchkreuzten ihren Kopf. Verschwommene Erinnerungen, verrückte Vermutungen und vor allem Panik. Das konnte nicht sein. Dr. Windmann erinnerte sich nicht daran, dieses Foto gemacht zu haben, geschweige denn an diese Situation. Sie zwang sich dazu, das Handy aufzuheben und das Foto noch einmal genauer zu betrachten. Die linke Frau sah definitiv aus wie sie, abgesehen von der Haarfarbe. Dr. Windmann hatte noch nie blonde Haare gehabt. Sie waren schon immer braun gewesen. Die andere Frau hatte ein klar erkennbares Namensschild an ihrem weißen Kittel befestigt: „Dr. Simone Windmann“. Das Gesicht dieser Frau jedoch kam ihr überhaupt nicht bekannt vor. Das musste ein absurder Zufall sein. Aber warum hatte sie dann dieses beklemmende Gefühl tief in ihrem Inneren? So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte es nicht näher benennen. Ihr wurde langsam schwarz vor Augen. Das Handy fiel Richtung Boden und sie hinterher.

***

Aber diese Dr. Windmann konnte nicht real sein. Und vor allem zusammen mit diesem gruseligen Doppelgänger. Das musste ein mieser Scherz sein, vielleicht Photoshop. Seit sie nach einiger Zeit wieder zu sich gekommen war, überlegte sie fieberhaft, ob es jemanden in ihrem Umfeld gab, der ihr einen derartigen Streich spielen würde. Doch sie kam zu keinem Ergebnis. Der pochende Schmerz in ihrem Kopf ließ sie jäh zusammen zucken. Sie beschloss, dass es für den Moment besser war, nicht weiter darüber nachzudenken. Vielleicht würde ihr stattdessen ein Spaziergang gut tun. Heute hatte sie schließlich keine Termine mehr und außerdem schien draußen zum ersten Mal seit langem wieder die Sonne. Leider wohnte Dr. Windmann mitten in der Stadt, weshalb sie beschloss, mit dem Auto raus in die Natur zu fahren. Mal sehen, wo sie landen würde. Überzeugt von ihrem guten Einfall zog sie sich bequeme Schuhe an, packte Handy und Schlüssel und stopfte beides in ihre Handtasche.
Also fuhr sie einfach los, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Wozu hatte man heutzutage schließlich Navis in den Handys integriert. Über ihren Rückweg machte sie sich deswegen keine Sorgen. Sie empfand Autofahren als sehr beruhigend. Man musste sich nur auf eine Sache konzentrieren und dennoch war es nicht monoton. In Gedanken verloren rauschte sie über die lange Landstraße, raus aus der Stadt und rein in die Natur. Die verschiedenen Variationen von Grün um sie herum verschwammen zu einer einzigen Masse. Sie bog nach links und nach rechts ab, ließ sich einfach treiben. Die Straßen waren mittlerweile wie ausgestorben.

Nach einer guten dreiviertel Stunde bog Dr. Windmann schließlich in einen sporadisch befestigten Waldweg ein. Der holprige Untergrund riss sie aus ihrer Trance. Während sie langsam den leicht abfallenden Weg hinunter fuhr, betrachtete sie ihre Umgebung interessiert. Sie war umgeben von hohen, strahlend grünen Bäumen und Büschen. Zwischendrin wuchsen hier und da bunte Blumen. Sie atmete zufrieden aus. Ihr Kopfschmerz war mittlerweile verschwunden. Der Weg endete in einem kleinen Areal, das man mit viel Fantasie wohl als Parkplatz bezeichnen konnte. Sie beschloss, dass sie an ihrem Ziel angekommen war und wollte sich hier zu Fuß etwas genauer umsehen. Die Sicht vom Parkplatz weiter runter versperrte dichtes Schilf. Nur mit ihrer Handtasche bewaffnet versuchte sie sich einen Weg durch das wilde Gestrüpp zu bahnen und erreichte schließlich einen kleinen Trampelpfad. Bald schon konnte sie das gemächliche Plätschern von Wasser hören. Sie trat zwischen dem Schilf hervor und fand sich an einem kleinen See wieder. Die Sonne spiegelte sich auf der seidigen Oberfläche und das weiche Gras lud zum Verweilen ein. Dr. Windmann war plötzlich unendlich müde und machte es sich deshalb am Ufer gemütlich. Mit der warmen Sonne im Gesicht schlief sie fast augenblicklich ein.

***

Dr. Windmann schlug die Augen auf. Wo war die Sonne plötzlich hin? Wie lange hatte sie bloß geschlafen? Sie streckte sich und begann in ihrer Handtasche zu wühlen, auf der Suche nach ihrem Handy. So klein und trotzdem fand man nie auf Anhieb, was man suchte. Das Mysterium einer Frauenhandtasche. Ein unerwarteter Schmerz durchzuckte ihre rechte Hand. Sie stockte und betrachtete verwundert die Handinnenfläche. Dort prangte ein kleiner roter Schnitt. Wann war das denn passiert? Das Blut sah noch relativ frisch aus. Merkwürdig. Vielleicht hatte sie sich im Schlaf an einem spitzen Stein geritzt. Sie spürte, wie sie mit einem Fingernagel ihrer anderen Hand irgendwo in der Tasche hängen blieb. Na super, auch noch ein eingerissener Nagel. Bei genauerer Betrachtung fiel ihr auf, dass sich unter all ihren Fingernägeln dunkler Dreck befand. Sie sah aus, als ob sie mit bloßen Händen in der Erde gebuddelt hätte. Das wurde ja immer merkwürdiger. Sie kramte weiter und fischte endlich das Handy heraus. Kopfschüttelnd schaltete sie es ein und blickte auf den leuchtenden Bildschirm – auf ein Seeufer. Erschrocken musste sie feststellen, dass sie zu Hause offensichtlich das falsche Handy eingesteckt hatte. Was sie allerdings noch mehr verwirrte war die Tatsache, dass das Foto fast schon gespenstisch ihrer tatsächlichen Umgebung ähnelte. Sie schaute zwischen dem  Bildschirm und dem vor ihr liegenden See hin und her. Ihr Kopfschütteln wurde energischer. So ein Blödsinn. Als ob sich Seen im Allgemeinen extrem voneinander unterscheiden würden. Wasser umgeben von Gras und Bäumen. Mehr war das nicht. Sie war bestimmt noch etwas duselig von ihrem Nickerchen. Trotzdem drängte alles in ihr danach diesen Ort hier schleunigst zu verlassen. Sie merkte, dass ihre Finger sich fest um das fremde Handy krallten. Sie verspürte das Bedürfnis, es einfach hier ins Wasser zu schmeißen, soweit weg von ihr zu schleudern wie nur irgend möglich. Doch wie würde sie dann wieder nach Hause finden. Also verwarf sie den Gedanken schnell und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto.

***

An die gesamte Autofahrt zurück vom See bis in die Stadt hinein hatte Dr. Windmann keine wirkliche Erinnerung. Das passierte ihr in letzter Zeit leider allzu oft. Wenn sie großem Stress ausgesetzt war oder an einer bestimmten Sache besonders zu knabbern hatte, war sie manchmal derart in ihren Gedanken versunken, dass sie mehrere Minuten lang wie auf Autopilot zu funktionieren schien und nichts wirklich bewusst mitbekam. Da sie diese Tatsache als etwas beunruhigend empfand, gerade im Straßenverkehr, hatte sie es vor einiger Zeit bereits nachgelesen. Es war wohl ein weit verbreitetes, meist eher harmloses Phänomen, das dem Gehirn dazu diente, Dinge zu verarbeiten. Danach war ihr Gewissen einigermaßen beruhigt gewesen und sie hatte es als normal abgetan. Aber heute war es extrem. Sie erschrak richtig, als sie sich plötzlich mitten im Stadtverkehr wiederfand. Wie war sie hierhergekommen? Ihr ganzer Körper war enorm angespannt. Sie sah auf ihre verkrampften Hände auf dem Lenkrad, auf die Fingerknöchel, die weiß hervortraten, und spürte das Brennen der kleinen Wunde in ihrer rechten Hand. Ein lautes Hupen und ein harter Ruck nach vorne rissen sie wieder in die Realität zurück. Ihr Autopilot hatte bereits fest auf die Bremse gedrückt und so Schlimmeres verhindern können. Dr. Windmann hatte allem Anschein nach eine rote Ampel überfahren, denn sie stand mit ihrem Auto mitten auf einer Kreuzung. Ein anderer Autofahrer gestikulierte wild in ihre Richtung als er mit quietschenden Reifen an ihr vorbei zog. Irgendwie schaffte sie es, sich einigermaßen zusammen zu reißen und heil von der Kreuzung runter zu kommen. Langsam fuhr sie auf den nächstbesten Parkplatz und rollte in eine freie Lücke. Was war nur mit ihr los? Sie hielt sich eigentlich für eine gute Autofahrerin. Erst der extreme Blackout auf der Rückfahrt, dann der beinahe-Crash gerade eben und alles wegen diesem verdammten Handy. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht, das spürte sie tief in ihrem Inneren. Dr. Windmann saß noch eine ganze Weile einfach nur so da und versuchte Ruhe in den Wirbelsturm zu bringen, der immer noch in ihrem Kopf tobte. Sie schloss die Augen und versuchte, an gar nichts zu denken. Sie ließ die Wellen in ihren Geist strömen und nach und nach die Aufregung und Angst mit sich nehmen. Diese Übung empfahl Dr. Windmann stets ihren Patienten, wenn ihnen etwas zu viel wurde oder ihre Gefühle sie zu überwältigen drohten. Und es schien auch tatsächlich zu funktionierten.

Sie hielt sich für eine intelligente Frau. Schließlich hatte sie einen Doktor und war eine anerkannte Psychotherapeutin. Ihre zahlreichen Auszeichnungen, die in ihrem Arbeitszimmer hingen, bestätigten dies. Sie sollte also am besten ruhig und professionell bleiben. Emotionalen Abstand halten war hier der Schlüssel, wie in der Therapie. Das Handy war gruselig, keine Frage. Aber sie würde kein Stück weiterkommen, wenn sie sich weiterhin wie ein kopfloses Huhn benahm. Wenn sie mehr über dessen Inhalt oder dessen Besitzer erfahren wollte, durfte es keine derartige Macht mehr über sie haben. Wie sah also der nächste Schritt aus? Entschlossen schoss ihr Arm in ihre Handtasche und brachte das etwas mitgenommene Handy zum Vorschein. Ohne groß zu überlegen wischte sie den See zur Seite und öffnete wieder die Galerie. Dr. Windmann wollte unbedingt mehr erfahren, nein, sie musste mehr erfahren. Die einzigen beiden Bilder auf dem Gerät waren der See und die beiden Frauen. Das konnte doch nicht sein. Selbst sie, die selfie-hassende Dr. Windmann, hatte mehr Fotos auf ihrem Handy. Das musste doch etwas zu bedeuten haben. Angestrengt starrte sie die beiden Frauen an. Es war zwar immer noch gespenstisch, aber je öfter sie sich dieses absurde Paar anschaute, desto besser kam sie damit klar. Das war gut, so konnte sie beherrscht an die Sache rangehen. Dr. Windmann gähnte plötzlich. Sie schüttelte sich und schob das aufkommende Gefühl der Müdigkeit weg. Die linke Frau konnte ihre Zwillingsschwester sein, die Ähnlichkeit war extrem verblüffend. Aber bei dem anderen Gesicht klingelte immer noch nichts bei ihr. War das eine Arztpraxis im Hintergrund? Der Anblick erinnerte sie an ihr eigenes Arbeitszimmer. An der Wand im Foto hingen einige gerahmte Bilder und Dokumente. In dem abgebildeten Bücherregal standen dicke Wälzer und ein bunter Dummy des Menschlichen Gehirns. Sie besaß ebenfalls eine derartige Nachbildung zu Demonstrationszwecken. Genauere Details waren leider nicht zu erkennen, dafür war der Fokus zu stark auf die beiden Frauen im Vordergrund gerichtet. Eine weitere Welle der Müdigkeit schwappte über sie herein und versuchte, sie mit zu reißen. Nein, sie konnte jetzt nicht müde sein. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf. Sie durfte jetzt nicht schon wieder ohnmächtig werden, sie musste die Kontrolle behalten. „Nein!“, schrie Dr. Windmann laut auf. Überrascht, aber mit Genugtuung, stellte sie fest, dass sich die aufkommende Dunkelheit in ihrem Inneren wieder zurückzog. Schnell wischte sie das Foto auf dem Handy zur Seite und betrachtete nun den See. Sie konnte sich dem Gedanken nicht verschließen, dass das derselbe Ort war, an dem sie selbst vorhin wie von Geisterhand gelandet war. Die Form des Sees, die Färbung, die Bäume am Rand, selbst die kleine mit Sträuchern bewachsene Insel in der Mitte des Wassers. Alles stimmte überein.

Dr. Windmann musste wohl oder übel zu dem Schluss kommen, dass der Besitzer des Handys sie kannte und, dass dieses Handy irgendeine rätselhafte Botschaft an sie war. Derjenige schien sie außerdem zu beobachten und es kam ihr fast schon so vor, als ob diese Person etwas wusste, das ihr selbst nicht klar war. Ihr fiel die Nachricht von „Ich“ ein, der sie anfangs keine große Beachtung geschenkt hatte: „Ich freue mich, dich bald wieder zu sehen. Wir müssen reden.“
Ja, das mussten sie wohl. „Ich“ war definitiv der Besitzer des Handys. Just in diesem Moment erinnerte sie sich an die Sprachnachricht, die sie noch gar nicht angehört hatte. Vielleicht würde diese ihr ein wenig mehr Klarheit verschaffen. Mit heftig klopfendem Herzen öffnete sie den Messenger. Ja, sie hatte eigentlich beschlossen ruhig zu bleiben, aber die Aufregung war mittlerweile einfach zu groß. Dort war sie. Die Sprachnachricht prangte auf dem hellen Bildschirm. Sie zögerte und versuchte ihre Atmung zu beruhigen. Da fiel ihr plötzlich eine Kleinigkeit ins Auge. Ganz oben, in dem kleinen Balken des Handys, war ein winziges Flugzeug abgebildet. Das Handy war im Flugmodus. Wie konnte das sein? Dr. Windmann hatte ihn definitiv nicht eingeschaltet, warum auch. Ihr war als ob dieses Gerät ein Eigenleben besaß – oder sich jemand anderes daran zu schaffen gemacht hätte. Aber sie hatte das Handy die ganze Zeit über bei sich getragen. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Es hatte heute nur zwei Situationen gegeben, in denen sie nichts mitbekommen haben konnte: Während ihrer Ohnmacht zu Hause und als sie am See, mitten im nirgendwo, eingeschlafen war. Beide Varianten machten ihr mächtig Angst. Ihr Vorsatz, ruhig zu bleiben, konnte sie nun komplett vergessen. Sie spürte, wie die Dunkelheit wieder in ihr aufstieg, wie wenn sie nur auf einen Moment der Schwäche gewartet hätte. Dieses Mal konnte sie sich nicht dagegen wehren. Ihre Augen wurden schwer und sie sackte in ihrem Sitz zusammen, das Handy immer noch fest umklammert.

***

Dr. Windmann erwachte in völliger Dunkelheit. Sie versuchte angestrengt zu erkennen, wo sie war, aber ihre Augen hatten sich noch nicht an die Abwesenheit des Lichtes gewöhnt. Ihre Finger tasteten vorsichtig ihre nähere Umgebung ab. Der Boden war kalt und glatt. Das letzte, an das sie sich erinnerte, war, dass sie im Auto gesessen hatte, auf diesem Parkplatz, mit diesem verdammten Handy. Zu ihrer Angst mischte sich nun auch Wut. Wut darüber, dass sie im Dunkeln tappte, dass jemand so viel Kontrolle über sie besaß und sie sich so hilflos fühlte. War das irgendein grausames Spiel, das der Besitzer dieses Handys mit ihr spielte? Hatte er sie vielleicht sogar entführt? Plötzlich ertastete sie etwas Lederartiges – ihre Tasche. Gott sei Dank! Sie zog die Tasche an sich heran, wie einen Rettungsreifen, der sie vor dem Ertrinken retten würde. Das Handy fand sie auf Anhieb. Sie leuchtete mit dem Display um sich herum. Ein erleichtertes Seufzen entfuhr ihr. Sie saß auf Fliesenboden, mitten in ihrem Badezimmer. Die Entführung konnte sie also zum Glück von ihrer Tagesordnung streichen. Um komplett sicher zu gehen, suchte sie vorsichtig jeden Raum ihrer Wohnung ab, doch außer ihr war niemand da, die Türen und Fenster waren alle zu. Das beruhigte sie zwar ungemein, aber dennoch blieb die bohrende Frage: Wie zur Hölle war sie nach Hause gekommen, wenn nicht durch fremde Hand? Sie stand nun wieder im Bad und starrte auf ihre Hände, als könnte sie dort eine Antwort finden. Der kleine Schnitt ziepte noch ein wenig, war aber bereits am verheilen. Was passierte nur mit ihr? Sie hatte Angst darüber nachzudenken, wollte lieber nicht wahrhaben, dass möglicherweise etwas mit ihr nicht stimmte. Sie schaute hilfesuchend in den Spiegel. Schlafwandelte sie? Aber mitten am Tag? Und sie schlief ja nicht im herkömmlichen Sinne, wenn diese ganzen merkwürdigen Dinge passierten. Es war wohl eher eine Art Ohnmacht. Ein dunkler Zustand, während dem sie wie ferngesteuert war.
„Wir müssen reden.“ Vielleicht wollte der Besitzer des Handys ihr gar nichts antun. Was, wenn er ihr helfen wollte? Dr. Windmann sah ein, dass sie dringend Hilfe brauchte. Sie musste sich nun unbedingt die Sprachnachricht anhören. Entschlossen tippte sie auf dem Handy herum.
Die Sprachnachricht war weg. Die hatte sie sich doch nicht eingebildet. Unmöglich, da war definitiv eine Sprachnachricht von diesem „Ich“ gewesen! Und jetzt war sie verschwunden. Abgesehen von der Textnachricht, war der Chat leer. Wer hatte sie gelöscht? Verängstigt wich sie vor ihrem eigenen Spiegelbild zurück. Drehte sie nun langsam durch? Vermutlich. Wenn das mal keine tolle Schlagzeile war: Die Psychiaterin, die verrückt wurde. Es half nichts, sie musste den Besitzer des Handys kontaktieren. Sie stellte den Flugmodus aus, tippte rasch die Nachricht und schickte sie sofort ab, bevor noch irgendetwas Verrücktes passieren konnte: „Wer bist du? Die Sprachnachricht ist weg.“ Sie fühlte etwas in ihr brodeln, etwas Dunkles. Oh nein, nicht schon wieder! Es kam ihr fast schon so vor, als wollte etwas in ihr nicht, dass sie mehr erfuhr. Dieser bedrohliche Teil wollte Dr. Windmann in die Dunkelheit zerren und ihr die Kontrolle entreißen. Verzweifelt schickte sie einen zweiten Text hinterher: „Hilfe!“
Sie trat näher an den Spiegel heran und fokussierte ihre Augen. Mit all ihrer Kraft konzentrierte sie sich darauf, wach zu bleiben. Das Handy mit der linken Hand umklammert, ballte sie die andere zur Faust zusammen. Ihre Fingernägel bohrten sich in ihre Haut. Ein scharfer Schmerz zuckte durch ihre rechte Hand. Aber dieses Mal war es ein guter Schmerz, denn er half ihr, bei Bewusstsein zu bleiben. „Wer bist du? Was willst du von mir?! Verschwinde aus meinem Kopf!“, schrie sie wütend ihrem eigenen Spiegelbild entgegen.
Das Handy brummte. „Ich“ hatte geantwortet. Es war eine Videodatei.

Zu sehen war eine blonde Frau, die frontal zur Kamera lässig in einem braunen Sessel saß und geistesabwesend Richtung Decke schaute. „Abigail Montgomery, Sitzung Nr. 5, 11. Mai 2019. Fangen wir an.“, sprach eine melodische Frauenstimme aus dem Off. Abigail regte sich und senkte langsam den Kopf. Sie blickte mit wachen Augen in die Kamera, ein schräges Grinsen im Gesicht. „Alles klar, Frau Doktor. Worüber möchten Sie denn heute reden?“

Dr. Windmanns Mund klappte auf. Ihre geweiteten Augen starrten ungläubig auf die Frau im Video, die ihr mit arrogantem, kühlem Ausdruck entgegenschaute. Das war ihre Doppelgängerin von dem Foto, sie selbst in blond. Und wenn diese den Mund aufmachte, hörte sie ihre eigene Stimme. „Abigail?“, flüsterte Dr. Windmann ihrem Spiegelbild zu.

„In unserer letzten Sitzung hattest du angedeutet, dass du schon mehrere Persönlichkeiten bewusst erschaffen hast. Du musst wissen, dass dies äußerst ungewöhnlich ist, selbst für jemanden mit einer dissoziativen Identitätsstörung. Wie viele dieser andere Persönlichkeiten hast du denn deiner Meinung nach bis jetzt erschaffen?“, fragte die Stimme aus dem Off interessiert. Abigail lachte kurz auf: „Ach Frau Doktor, Sie haben es immer noch nicht begriffen, oder? Ich bin nicht der Meinung welche erschaffen zu haben – ich habe definitiv andere Persönlichkeiten erschaffen. Und wieso heißt es überhaupt Störung? Nur weil ich in der Lage bin etwas zu tun, was andere nicht können, soll ich krank sein? Wenn Sie mich fragen, hört sich das eher nach etwas Göttlichem an.“ Abigail bedachte die Frau im Off mit einem herausfordernden Blick.

Damit endete das Video. Dr. Windmann stützte sich haltsuchend auf das Waschbecken vor ihr. Eine dissoziative Identitätsstörung. Sie wusste, was das war. Sollte sie tatsächlich glauben, dass sie selbst nur eine erfundene Persönlichkeit war? War es das, was der Besitzer dieses Handys ihr weismachen wollte? Das konnte nicht sein. Was bedeutete das dann für ihr Leben? Viel wahrscheinlicher war doch, dass Abigail eine Art böse Zwillingsschwester war, von der Dr. Windmann bis jetzt nichts gewusst hatte. Aber wie passten ihre Ohnmachtsanfälle in diese wackelige Vermutung hinein. „Wir müssen reden.“, sprach sie nun an das Handy gewandt. Sie tippte auf den Anrufen-Button und führte mit zitternder Hand das tutende Handy ans Ohr. Keine fünf Sekunden später nahm die Person auf der anderen Seite ab.
„Hallo, mit wem spreche ich?“, ertönte eine melodische Stimme aus dem Handy. Wenn sie nicht alles täuschte, war das die andere Stimme aus dem Video. „Ja, eh hallo, hier ist Dr. Windmann. Ich… ich bin total verwirrt. Was Sie mir da geschickt haben… Das ergibt alles einfach keinen Sinn. Wer ist diese Abigail? Bitte… helfen Sie mir!“, stotterte sie verunsichert und mit brüchiger Stimme. Für kurze Zeit herrschte Totenstille auf der anderen Seite. „Also gut, ich werde versuchen, es Ihnen zu erklären. Aber nicht übers Telefon. Treffen wir uns am See. Sie wissen, welchen ich meine?“, die Stimme klang ernst. Dr. Windmann nickte mit dem Kopf und krächzte gleichzeitig: „Ja.“
„Gut. Fahren Sie jetzt los. Und noch etwas: Bleiben Sie unter allen Umständen wach!“

Irgendwie schaffte es Dr. Windmann ihr Auto ohne größere Probleme zum vereinbarten Treffpunkt zu steuern. Es war mittlerweile bereits wieder Morgen geworden. Sie war nun tatsächlich müde. Nicht nur ihr Kopf, sondern auch ihr Körper sehnte sich nach einer ruhigen Minute – oder ein paar Stunden. Doch das musste warten. Sie konzentrierte sich auf die Straße und auf den kleinen Pfeil, mit dem sie sich auf dem Navi stetig vorwärts bewegte. Ab und zu drückte sie ihre Fingernägel in die rechte Hand, um auch sicher zu gehen, dass sie wach blieb. Sie spürte die allgegenwärtige Dunkelheit in ihrem Inneren nun deutlicher als jemals zuvor, doch diese blieb die gesamte Fahrt über bedrohlich ruhig. Für das alles musste es doch eine logische Erklärung geben. Eine, die nicht besagte, dass Dr. Windmann entweder selbst verrückt oder nur das Hirngespinst einer Verrückten war. Sie wollte fest daran glauben. Der Schmerz durchzuckte erneut ihre verletzte Hand. Er war echt – sie war echt!

Sie war nun fast da. Das Auto holperte den abschüssigen Waldweg hinunter. Sie blickte in die düsteren Schatten der Bäume hinein, die an den Wegesrand grenzten. Ihr Herz wurde immer schneller je näher sie dem See kam. Sie schluckte schwer, als sie das andere Auto vor dem Schilf parken sah. Nun war also die Stunde der Wahrheit gekommen. Sie hoffte inständig, dass die Person, die hier auf sie wartete, ihr helfen konnte. Dr. Windmann stakste vorsichtig durch das Schilf, ihre Handtasche fest an sich gedrückt. Als sie an das Seeufer trat, war niemand zu sehen. Sie ging noch ein Stückchen weiter und blickte sich suchend um.

„Bleib stehen, Abigail!“, die Stimme aus dem Off klang nun nicht mehr allzu melodisch, eher beängstigend. Dr. Windmann drehte sich erschrocken um und erblickte eine Frau, die mit ausgestrecktem Arm auf sie zukam, eine Pistole in der Hand. Starr vor Schreck konnte Dr. Windmann weder etwas sagen noch sich bewegen.
„Du hast mein Leben zerstört, du Monster. Aber ich sollte vermutlich dankbar sein, dass ich überhaupt noch am Leben bin, richtig? Nachdem du versucht hast, mich umzubringen!“, schrie die Frau mit der Waffe aufgebracht, mittlerweile nur noch eine Armeslänge von ihr entfernt. Ihn ihrem Gesicht spiegelte sich neben der offensichtlichen Wut, auch ein bisschen Angst wieder.
„Bitte! Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich bin nicht Abigail. Ich heiße Simone – Dr. Simone Windmann. Ich dachte, Sie wollten mir helfen.“, brachte sie endlich mit ängstlicher Stimme hervor. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie sah, dass ihre Worte die andere Frau nicht kalt ließen. Ihr Gegenüber war kein erbarmungsloser Killer, sie war ebenso verzweifelt wie sie selbst. Als Dr. Windmann das erkannte, sprach sie schnell weiter: „Sie sind die Frau von dem Foto, die mit meinem Namen. Sie sind auch Therapeutin, genau wie ich, richtig? Bitte helfen Sie mir. Wer ist diese Abigail und warum glauben Sie, dass ich sie bin? Sie haben anscheinend genauso viel Angst vor ihr wie ich. Aber Sie wissen um einiges mehr.“ Dr. Windmann war über ihren eigenen Mut und ihre Worte erstaunt, denn es war immer noch eine Waffe auf ihre Brust gerichtet. Aber was sollte sie schon anderes tun als reden. Zu mehr sah sie sich im Moment nicht in der Lage.
Eine nervenzerreißende Ewigkeit lang sagte die andere Frau nichts mehr. Dann senkte sie die Waffe ein kleines Stück und sprach: „Ja, du trägst denselben Namen wie ich, das hat einen guten Grund. Und ja, ich war Abigails Therapeutin. Ich dachte damals wirklich, dass ich ihr helfen könnte. Doch ich war überheblich und habe nicht richtig hingesehen. So erkannte ich viel zu spät, was unter der arroganten, selbstgefälligen Fassade steckte – ein Monster. Letztendlich hat sie versucht mich umzubringen und es fast geschafft. Danach hat sie meine Identität benutzt und eine passende Persönlichkeit dazu erschaffen. Das war vor circa einem Jahr. Und es tut mir sehr leid, dir das sagen zu müssen, aber diese neu erschaffene Persönlichkeit warst du, Dr. Simone Windmann. Du bist ein Teil von Abigail.“

Tränen strömten Dr. Windmanns stilles Gesicht hinunter. Sie hörte zwar die Worte, die diese Frau von sich gab, wollte sie aber nicht glauben. Die Ereignisse der vergangenen Tage rauschten vor ihrem geistigen Auge an ihr vorbei. Es ergab alles einen grausamen Sinn. Die andere Frau sah sie voller Mitleid an, die Waffe zitterte leicht in ihren Händen als sie weiterredete: „Es tut mir so leid, Simone – oder wie du dich nennst, aber Abigail muss unschädlich gemacht werden. Ein für alle Mal. Sie stiehlt nicht nur Identitäten, sondern ist dafür auch noch bereit, über Leichen zu gehen. Meinen Recherchen zufolge, war „Dr. Windmann“ nicht ihr erstes Experiment. Sie hat bereits mindestens drei Menschen ermordet, mich nicht eingeschlossen. Sie hat mir alles genommen, ich habe nichts mehr. Und auch leider nichts Festes gegen sie in der Hand. Meine Beweise hat sie alle vernichtet. Du bist nur eine Erfindung von ihr. Eine weitere von ihr erschaffene Persönlichkeit. Selbst wenn du nicht böse zu sein scheinst, Abigail ist es. Wenn du dich ihr in den Weg stellst, wird sie dich früher oder später beseitigen. So hat sie es bis jetzt immer getan.“ Die Frau ihr gegenüber blickte sie mit verzweifelten Augen an. „Ich muss ehrlich zugeben, dass ich sehr beeindruckt von dir bin. Du hast scheinbar ein Eigenleben entwickelt und kannst dich ihr teilweise widersetzen. Was mache ich also mit dir? Verdammt! Vielleicht rufe ich doch lieber die Polizei? Aber was soll ich denen nur erzählen?“ Die Frau raufte sich die Haare. Ihr war anzusehen, dass sie unbedingt das Richtige tun wollte. Dr. Windmann konnte deutlich erkennen, wie die Andere mit ihrem inneren Zwiespalt kämpfte.
Plötzlich fühlte sie sich mit einem Schlag so unendlich schwer und müde. Ihre Sicht verschwamm allmählich. Sie öffnete den Mund, um nach Hilfe zu rufen, doch es kam nichts heraus. Sie versank langsam in der Dunkelheit, aber dieses Mal nicht vollständig. Wie von der hinteren von zwei Reihen, konnte sie zwar sehen, was geschah, hatte aber keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Dr. Windmann wollte schreien und um sich schlagen, wollte ihr Gegenüber warnen – doch vergebens. Sie stieß stattdessen die andere Frau hart zu Boden und trat ihr mit aller Kraft die Waffe aus der Hand, sodass sie in hohem Bogen im Schilf landete. Die Frau schrie vor Angst und Schmerz laut auf.

Abigail richtete sich langsam auf und schaute mit kalten Augen auf ihre totgeglaubte, ehemalige Psychotherapeutin, Dr. Simone Windmann. Sie atmete theatralisch aus und warf die Arme nach oben. „Jetzt aber genug mit dem Theater. Hach nein, wie herzzerreißend. Was tun Sie nur hier, Frau Doktor? Müssten Sie nicht irgendwo anders sein – unter der Erde zum Beispiel?“ Ein dreckiges Lachen drang aus Abigails Kehle. Sie riss ihre Augen weit auf. „Sie sind überflüssig, denn ich habe eine neue, eine bessere Version von Ihnen erschaffen, wie Sie sehen konnten. Ach nein, wie ärgerlich. Jetzt muss ich nicht nur Sie töten, Frau Doktor – ERNEUT. Sondern auch noch die arme unschuldige neue Dr. Windmann. Verwirrend, so viele Dr. Windmanns hier, ich weiß. Schade eigentlich, ich hatte die Neue mittlerweile recht lieb gewonnen. Naja, nicht zu ändern. SIE MUSSTEN JA WIEDER AUFERSTEHEN UND ALLES VERMASSELN, FRAU DOKTOR. Damit klebt ihr metaphorisches Blut nun an Ihren Händen, das wissen Sie.“ Abigail hob gespielt hilflos die Schultern, als hätte sie keine andere Wahl. „Passt du auch gut auf da drin, meine liebe Dr. Windmann? Sehr gut.“, erkundigte sich Abigail, wobei sie übertrieben laut und langsam sprach und sich mehrmals gegen die eigene Stirn tippte, „Was? Ich kann dich leider nicht hören dahinten, tut mir echt leid.“ Jetzt wurde sie plötzlich ganz ruhig und sah schief grinsend auf die am Boden liegende Frau herab. Abigail griff seelenruhig in das Seitenfach ihrer Handtasche, und zog ein leicht verrostetes, mit verkrusteter Erde überzogenes Messer hervor. „Kommt Ihnen das bekannt vor? Mh, schon ein bisschen lädiert, das gute Ding, aber immer noch scharf – sehen Sie Frau Doktor.“ Abigail streckte ihr demonstrativ die rechte Handinnenfläche mit dem kleinen Schnitt entgegen.
„Und nun. Werde ich Sie unschädlich machen. Ein für alle Mal. Denn ich bin nicht nur in der Lage Leben zu erschaffen. Nein. Wie es sich für einen Gott gehört, muss ich es ab und zu leider auch nehmen.“

Ihre ehemalige Therapeutin kauerte vor ihr auf dem Boden im Dreck, vor Angst erstarrt. Abigail genoss diesen Anblick zutiefst, genauso wie das unglaublich berauschende Gefühl der Macht. Sie hielt das Leben dieses erbärmlichen Geschöpfes in ihren Händen – erneut. Doch dieses Mal würde sie es richtig machen. Es wich verzweifelt auf Händen und Füßen rückwärts vor Abigail zurück, ohne sie oder das Messer aus den Augen zu lassen. Mit blanker Panik in den weit aufgerissenen Augen schluchzte es verzweifelt: „Bitte, Abigail! Bitte nicht! Hör mir zu! Es muss… doch einen anderen Weg geben! Götter sind doch auch gütig und gnädig! Bitte!“ Abigail schaute unverwandt von oben auf die bleiche Frau herab, die sie mit flehendem Blick ansah. Schließlich entgegnete sie mit einem schiefen Grinsen: „Dieser nicht.“

Mit einem verrückten Funkeln in den Augen näherte sie sich ihr in großen schnellen Schritten, das schmutzige Messer erhoben. Ihr Opfer, wieder aus der Starre erwacht, rutschte wimmernd mit hektischen Bewegungen zurück. Doch ein großer Baum setzte der Flucht ein jähes Ende. In dem Moment, als die vor Todesangst zitternde Frau dies realisiert hatte, sprang Abigail auch schon auf sie und presste sie mit ihrem Körpergewicht zu Boden. Das Messer blitzte in den Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne.

„Nein! Das wirst du nicht tun, Abigail! Das werde ich nicht zulassen!“, keuchte die obere Frau nun mit vor Anstrengung bebender Stimme. Der Klang hatte sich leicht verändert und das wilde Blitzen in den Augen war erloschen. Das Messer zitterte in ihrer Hand und Schweiß sammelte sich auf ihrer Stirn. „Ich versuche sie aufzuhalten. Aber ich weiß nicht… wie lange… ich das noch schaffe. Laufen sie, Frau Doktor! Los!“, rief Dr. Windmann entschlossen und gab die Frau unter ihr frei. In ihren Augen spiegelte sich der Kampf wieder, der in ihrem Inneren tobte.

17 thoughts on “„Ich“

  1. Hallo Freiciska,
    Ich fand es ein bisschen übertrieben, als sie ohnmächtig wurde, aber das hat sich ja dann aufgeklärt. Vielleicht hätte man da dazuschreiben können, dass ihr in letzter Zeit öfter schwindelig wurde oder ähnliches.
    Dann denke ich, hättest du vieles kürzen können, weil es für eine Kurzgeschichte schon viele Umschreibungen und Beschreibungen gab. Vll schaffst du es, früher auf den Punkt zu kommen.
    Oder du machst ein Buch daraus, denn ich finde, du kannst sehr gut schreiben. Und das Thema könnte auch super interessant umgesetzt werden.
    Auf jeden Fall weitermachen und viel Erfolg dabei! 🙂

    Alles Liebe
    Pauline

  2. Hallo Freiciska,

    Deine Geschichte hat uns gut gefallen!

    Sie liest sich flüssig, ist aber aus unserer Sicht ein kleines bisschen zu lang geraten.
    Am Ende hatten wir richtige Gänsehaut, der Cliffhanger ließ uns fassungslos zurück! Wir hätten gerne weitergelesen!

    Wir hoffen dementsprechend, dass Du weiter Geschichten schreibst und wir bald erfahren, wie es mit Deiner Hauptperson weitergeht! 🙂

    Liebe Grüße

    JoLo

  3. Liebe Freiciska,

    First of all… was für eine spannende Geschichte. Sicher ganz schön kompliziert zu schreiben. Aber… es ist wir wirklich sehr gut gelungen. Es war so spannend langsam herauszufinden, was das Schicksal für Simone geplant hat. Das Finale war grandios!

    Deine andere Geschichte mochte ich auch sehr. Der kleine Hein bleibt mir sicher im Gedächtnis.

    Von mir ein großes rotes Herz ❤️!

      1. Hallo Freiciska

        Nun habe ich es dann endlich mal geschafft, auch diese Geschichte von dir zu lesen.

        Ich mach es mal kurz:

        Du bist eine Könnerin, eine begnadete Autorin.

        Deine Geschichte ist dir ungewöhnlich gut gelungen.
        Mehr muss man nicht sagen.

        Ich möchte auf jeden Fall noch viele bezaubernde Geschichten von dir lesen.

        Mein Herz hast du natürlich sicher.

        Ganz liebe Grüße.

        Swen Artmann (Artsneurosia)
        „Die silberne Katze“

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