Ann-Kathrin K.Ich besitze deine Identität

 

Bevor der Arzt umgebracht wurde, sagte er noch zu ihr: „Versuchen Sie, ihre Identität wiederzufinden“ Als sie nickte, fragte sie sich insgeheim wann sie wohl ihre eigenen Eltern kennenlernen würde.

Ein Krankenhauszimmer. Sterile Atmosphäre.

Neugierig setzte Elisa sich auf ihr Krankenhausbett und nahm die Fotos, die sie grade in ihrer Reisetasche gefunden hatte, zur Hand.

Ein Moment, festgehalten auf Papier. Es zeigte ein Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, vor seiner Geburtstagstorte. Haare wie Ebenholz umrahmten ihre Augen, in denen der Schalk nur so glitzerte.

Das zweite Foto: Ein Familien-Portrait vor Tannengrün und rot glänzenden Kugeln. Zwei ebenfalls dunkelhaarige Jungen flankierten das Mädchen links und rechts.

Elisa drehte die Fotos um – und es traf sie fast der Schlag.

Elisa Birkner, stand in verschlungener Handschrift hinten drauf.

Entsetzt drehte sie das Foto wieder um und verglich es.

Das bin ich auf dem Foto.

Das Datum auf der Rückseite des Tortenbildes stimmte mit ihrem Geburtstag überein – nachprüfbar festgehalten in ihrem Personalausweis. Wer würde ihr so etwas in die Tasche legen?

Sie griff nach dem beigelegten Zettel und entfaltete ihn. Die ersten Worte sprangen ihr beim Überfliegen der Nachricht ins Gesicht und ließen Übelkeit aus der tiefsten Magengrube in ihren Rachen aufsteigen. Die Tinte verschwamm zu königsblauen Flecken. Sie zwang sich, das Papier Wort für Wort durchzulesen:

Du bist Schuld. Ich finde dich. Ich werde jeden der Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Als letztes kommst du dran. Um zu verdeutlichen, wie ernst ich es meine: 01.05.2020, 11:30 Uhr.

Mit jedem Wort raste ihr Herz schneller, und sie musste innehalten, um sich die nassen Hände an der Hose abzuwischen, ehe der Schweiß die Tinte verlaufen ließ. Die Wanduhr tickte mahnend. Es war, als ob das Ticken sie mit der Nase auf etwas stoßen wollte.

11:30 Uhr. Der erste Mai, das war heute!

Die Haare standen ihr schon zu Berge, als sie den Schrei hörte. Der erstickte Schrei eines Mannes. Etwas Schweres fiel zu Boden – direkt vor ihrer Tür!

Sie rannte hin und stieß die schwere Krankenhaustür auf.

Doktor Grunewald lag am Boden. Unter dem Röcheln des sich im Todeskampf befindenden Mannes schoss das Blut nur so aus der weit klaffenden Halswunde.

Sie schrie ihr ganzes Grauen heraus und hämmerte auf den roten Notrufknopf an der Türschwelle.

Die aufgeschlitzte Kehle griente sie scharlachrot an. Der Alarm schrillte durchdringend und überlagerte sich zur Begleitsinfonie des sterbenden Mannes unter ihr. Sie schrie noch, als endlich eine der Schwestern angerannt kam.

Das Innere eines Streifenwagens. Auf dem Rücksitz beobachtete sie die an der Scheibe hinab fließenden Regenschlieren. Die Welt draußen verwischte zu einer einzigen, grauen Farbe. Die Bilder spulten sich vor ihrem inneren Auge immer wieder wie ein Film ab, das dunkelrote Grinsen eingebrannt auf ihrer Netzhaut.

Der Stoß eines Schlaglochs fuhr ihr Rückgrat hinauf und ruckte ihren Kopf nach vorne.

Ihr Daumen strich über die glatte Oberfläche der Bilder. Es war, als sprächen die Fotos zu ihr:

Ich kenne dich. So gut, dass ich sogar Kinderfotos von dir besitze.

Ich weiß mehr von dir als du über dich selbst.

Ich besitze deine Identität.

Ein Büro. Es roch nach kaltem Kaffee und Ehrgeiz. Eine Polizeibeamtin mit mausbraunem Haar lag mit dem Gesicht auf dem Tisch und schlief, inmitten einer erklecklichen Menge leerer Kaffeetassen. Als sie erwachte, sah sie so müde aus wie Elisa sich fühlte.

„Setz dich. Ich glaub, ich brauch einen Kaffee“ Mit zunehmender Verzweiflung nahm sie eine Tasse nach der anderen, nur um festzustellen, dass sie alle ausgetrunken hatte. 

„Kann mal jemand Kaffee aufsetzen?“, schrie sie durch die angelehnte Tür und schloss ab. Dann nahm sie hinter dem Schreibtisch Platz und wandte sie sich Elisa zu.

„Du bist im Mordfall Grunewald zur Zeugenvernehmung hier. Dein Name?“

„Elisa Birkner“

„Angaben zu deiner Person? Wer bist du, woher kommst du?“, sagte sie und nahm ihren Personalausweis entgegen.

„Ich bin – “, begann sie „Ich bin – niemand. Ich habe keine Identität“ Angesichts der hochgezogenen Augenbrauen der Beamtin setzte sie nach:

„Ich leide an einer retrograden Gedächtnisstörung und lag auf Doktor Grunewalds Intensivstation im Koma. Ich kann mich an wesentliche Teile meiner Vergangenheit nicht erinnern “

Die Beamtin kritzelte eine Notiz in ihre Akte.

„Ich muss dich darüber in Kenntnis setzten, dass du ein Aussage- und Zeugnisverweigerungsrecht hast. Ich möchte dich bitten, den Fund des Mordopfers genau zu schildern. Lass nichts aus“

Nervös begann Elisa zu erzählen. Die Polizistin protokollierte jedes Wort und forderte sie an manchen Stellen dazu auf, mehr ins Detail zu gehen. Zusammen rekonstruierten sie Minute für Minute den Tathergang.

„Und du hast niemanden gesehen?“, fragte die Polizistin zum wiederholten Male, und allmählich begannen Elisa die Schuldgefühle zu plagen, als sie ihr Gehirn nach übersehenen Hinweisen durchforstete und dennoch verneinen musste.

Schließlich reichte die Beamtin die Mitschrift herüber. „Durchlesen und korrigieren, wenn nötig“

„Da ist noch etwas“, sagte Elisa, und ihre Eingeweide krampften sich schmerzhaft zusammen. „Bevor ich den Drohbrief fand, war da noch etwas anderes. Sie hat mir – “

„Wie kommst du darauf, dass es eine Frau war?“, unterbrach die Beamtin sie.

„Wie bitte?“

„Du hast sie gesagt“

„Oh“, erwiderte sie „Ein Gefühl – der Ton in dem der Zettel verfasst war… Ich hatte das Gefühl, sie schon länger zu kennen“, sagte Elisa verschwommen.

Die Polizistin sagte nichts, aber ein Hauch der Skepsis huschte über ihr Gesicht.

„Ich arrangiere ein Gespräch mit unserem Kriminalpsychologen für dich. Vielleicht entdeckt ihr ja noch mehr Details, wenn ihr in Ruhe sprecht“

Ihr Gegenüber glaubte anscheinend, sie wisse mehr über den Täter als sie preisgab.

„Nein, nein“, beeilte Elisa sich zu sagen. Sie nahm sich vor den Mund zu halten und ihren Status als Zeugin nicht auf Spiel zu setzen – bevor sie den Nachmittag noch in Untersuchungshaft verbringen würde.

„Der Täter oder die Täterin hat mir Fotos in meine Tasche gesteckt. Kinderfotos von mir selbst. Hinten steht mein Name drauf. Er besitzt Fotos von mir, die ich selbst nicht einmal kenne“, sprudelte es aus ihr hervor. „Woher hat er sie? Und wie sind die Bilder in mein Zimmer gekommen? Niemand hat es verlassen oder betreten, als ich direkt davor mit Doktor Grunewald geredet habe“

Die Beamtin musterte sie ganz ruhig. „Es kommt vor, dass Täter durchs Fenster in Zimmer einbrechen“

„Das Krankenzimmer liegt im dritten Stock. Das Fenster war abgeschlossen“

Sie starrte sie an. „Du bist dir sicher, dass du nicht noch immer an kurzen, vorübergehenden Gedächtnisausfällen leidest?“

„Ja“, sagte Elisa verärgert. „Sie sind, wie es scheint, Expertin im Bereich der Gedächtnisstörungen“

Ihr Gegenüber überhörte ihre letzte Bemerkung und erhob sich. „Ich werde eine Untersuchung deines Krankenzimmers veranlassen“ Die Erschütterung war der üblichen Professionalität gewichen, während sie geschäftig ihre Notizen sortierte.

„Eins noch“, hob Elisa an. „Was wissen Sie bereits über den Täter? Ich weiß, dass Sie ihn anhand von Fingerabdrücken am Tatort identifizieren konnten. Zwei Ihrer Kollegen haben vorne darüber gesprochen“

Die Beamtin seufzte.

„Sie oder er muss meine Familie gekannt haben. Woher sonst die Fotos?“

„Wir kennen den Mörder. Wie in dem Drohbrief bereits angedeutet, verübt er aus Rache eine Serie an Morden“

„Eine Serie?“, fragte Elisa schockiert.

„Die tatverdächtige Person hatte vor Jahren einen schlimmen Autounfall. Ihr Vater und ein Bruder starben direkt an der Unfallstelle. Ihr anderer Bruder und die Mutter später im Krankenhaus. Sie blieb ganz alleine auf der Welt zurück. Es dauerte, aber sie erholte sich. Dann begannen die Morde. Der Täter rächt sich an allen Personen, die seiner Meinung nach für den Unfall und somit für den Tod seiner Familie verantwortlich sind“

Es klopfte, und die Beamtin unterbrach sich um eine dampfende Tasse Kaffee in Empfang zu nehmen – „Das hat ganz schön lange gedauert!“ – und fuhr fort, nachdem sie die Tür sorgfältig verschlossen hatte.

„Der erste Mord geschah an dem Sanitäter, der als erster an der Unfallstelle angelangt war. Als Rache, dass er den Vater und Bruder des Täters nicht retten konnte“

„Hat – hat er einen Fehler gemacht? Der Sanitäter, meine ich“, sagte Elisa bestürzt.

„Die beiden waren schon tot, als der Sanitäter zu ihnen durchgedrungen war. Die tatverdächtige Person gibt ihm trotzdem Schuld, wie wir aus zahlreichen Briefen entnehmen konnten“

Elisa indes konzentrierte sich auf ihre Atemzüge, durch die Nase ein, durch den Mund wieder aus. Ein, eins, zwei, drei, vier – Aus, eins, zwei, drei, vier…

„Er geht also rum und bringt alle um, die in irgendeiner Art und Weise in diesen Unfall verwickelt waren“, versuchte sie angemessen auf alle diese neuen Informationen zu reagieren.

Die Polizistin berichtete weiter:

„Eine Woche nach diesem abscheulichen Mord wurde der Fahrer des Räumungsfahrzeugs der betreffenden Straße mit aufgeschlitzter Kehle gefunden“

„Was hatte der damit zu tuen?“, fragte Elisa.

„Der Täter war der Ansicht, er hätte die Straße nicht ausreichend gestreut, weswegen die Glätte das Fahrzeug zum Schleudern brachte. Dafür hat er den Tod verdient, ein Zitat aus dem Brief. Dann geschah der dritte Mord an Doktor Grunewald hier. Er war der betreuende Arzt der Intensivstation, auf der Mutter und Bruder des Mörders ihren Verletzungen erlegen waren. Nur dass dieses Mal eine weitere Person bedroht wurde, du nämlich“

Es dauerte bis Elisa ihre Stimme wiederfand. „Ich bin also auch Schuld an dem Unfall“

Wieder ignorierte die Beamtin ihre letzte Erkenntnis geflissentlich und setzte eine weitere Anmerkung in ihre Akte.

„Ich werde mich mit deinen Ärzten auseinandersetzen. Sie kennen deine Geschichte, und werden uns sagen können, in welchem Verhältnis der Täter zu deiner Familie stand“

Die Polizistin war fast an der Tür angelangt, da wurde sie abermals von Elisas Stimme zurückgehalten, die ihren Vorsatz bezüglich der Vermeidung der Untersuchungshaft kurzerhand über Bord warf:

„Er will erwischt werden“

„Bitte?“

„Er will erwischt werden. Dass er diese Briefe hinterlässt. Die sind ein Schrei nach Hilfe. Glauben Sie, dass er seine eigenen Schuldgefühle auf andere Menschen projiziert? Womöglich sieht er die Schuld bei sich selbst“

Ihr Gegenüber hob die Augenbrauen bis zum mausbraunen Haaransatz.

„Du hast die Weisheit wohl mit Löffeln gefressen und weist obendrein ein abgeschlossenes Psychologie-Studium auf“, gab sie gereizt zurück. Demonstrativ warf sie einen Blick in den Gang.

„Gibt es hier niemanden, der dich bis zur nächsten Vernehmung zurück auf deine Station bringen könnte?“

Kaum war sie fort, wurden Elisas Augen unendlich schwer. Wie gerne hätte sie den Kopf kurz auf dem Schreibtisch abgelegt…

Als sie erwachte, war es weil ein ungutes Gefühl an ihr nagte. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Mit wenigen Schritten war sie bei der Tür und riss sie auf.

Die Luft wurde zu dünn für ihr Empfinden. Zu dünn für ihre sich ausdehnenden Lungenflügel, die immer mehr Sauerstoff forderten.

Vor ihr lag eine Leiche und glotze an die Decke. Die Kehle so viel grässlicher entstellt als beim letzten Mal; Hautfetzen wehten leicht im Luftzug des geöffneten Fensters. Das Blut tröpfelte zu beiden Seiten des Halses hinab und bildete eine spiegelglatte Lache auf dem Linoleum.

Und –

Jemand hatte einen Briefumschlag in der klaffenden Kehle platziert. Ehe sie recht überlegen konnte, beugte sie sich vor und klaubte ihn heraus. Das Papier hatte den roten Saft aufgesaugt, doch die Schrift mit schwarzem Kugelschreiber war deutlich lesbar:

Der Nächste wird der Hauptschuldige sein. 14 Uhr. Mein Zuhause.

Sie ließ ihn fallen. „Hilfe“, schrie sie und machte einen Schritt rückwärts. „Hilfe!“

Blut rauschte in ihren Ohren.  Es war, als hätte jemand den Ton hochgedreht.

Gangaufwärts, gangabwärts flogen die Türen auf und Polizisten rannten hinaus.

Die Beamtin, die sie grade verhört hatte, fiel vor dem Kollegen auf die Knie und stierte zu Elisa hoch.

„Ich hab damit nichts zu tuen“, würgte sie hervor. „Nichts zu tuen“, wiederholte sie, als hätte sie Angst nicht gehört zu werden. Sie würden sie, Elisa, doch nicht wirklich verdächtigen –

„Ich kann diese Amateurmetzger nicht ausstehen“, sagte ein Beamter mit dünner Stimme, der aussah wie ein Maulwurf.

„14 Uhr“, donnerte ein junger Mann direkt neben ihr, und streckte triumphierend den Arm mit dem Zettel in die Luft. „Wir haben die Adresse, nichts wie hin!“

„Wir schicken ein Sondereinsatzkommando“, sprach Elisas Polizistin in ein Walkie-Talkie, das sie mit den zitternden Fingergliedern umschloss.

„Ich will mit dem Täter sprechen“, rief Elisa aus.

„Halten Sie sich daraus, das geht Sie nichts mehr an“, bellte der Mann mit dem Brief in der Hand. Hatte sie je die Charakterstärke besessen, ihren Willen durchzusetzen, so war sie mit dem Blut des Getöteten den Gang hinab davon geflossen.

„Ein Notfallseelsorger nimmt sich deiner an“, versprach ihre Beamtin, dann schubsten sie Elisa den Gang entlang und parkten sie vor dem Empfang, an dem eine bleistiftdünne Dame hektisch herum telefonierte und versuchte jemanden aufzutreiben, der ihr Auskunft darüber geben konnte, was eigentlich vor sich ging.

Elisa blieb alleine und schlotternd neben einer toten Zimmerpalme stehen. Ein metallischer Geruch stieg ihr in die Nase. Sie blickte hinab – ihr drehte es den Magen um – sie hielt ein blutiges Foto in der Hand. Das glatte Fotopapier nahm kein Blut auf. Ein dunkelhaariges Mädchen, emsig an der Arbeit beim Verzieren einer Sandburg. Sie drehte es um:

14 Uhr. Auf der Alten Brücke.

Ein einziger Gedanken sprang in ihrem Schädel herum: Ich muss mit ihm oder ihr reden.

Sie musste den Täter mit den Fotos konfrontieren. Dies war ihre letzte Chance etwas aus ihrer Vergangenheit zu erfahren. Vielleicht hatte er noch mehr Fotos für sie? Wenn die Polizisten ihn festnahmen, würde sie nie die Gelegenheit erhalten, von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu sprechen. 

Sie würde der Polizei bewusst eine Information vorenthalten. Dann bin ich eben egoistisch, dachte Elisa verbissen. Vom Polizeirevier war es nicht weit bis zur Alten Brücke.

Mäßig befahrene Straßen, ein wolkenverhangener Himmel. Sie spürte, des Rätsels Lösung war ganz nah. Dieser Ort, diese Person, würde Antworten für sie bereithalten. Möglicherweise auch den Tod?

Sie hatte keine Identität. Ihr Leben war so kurz, dauerte erst wenige Monate an, seit ihr Gedächtnis wieder eingesetzt war. Das Gefühl, keine Vergangenheit und auch keine Zukunft zu haben, hatte sie stets begleitet. Da würde es nicht allzu schwer wiegen, wenn ihr Tod dieses halb akzeptierte Schicksal besiegelte.

Die Alte Brücke umgeben von hohen Backsteingebäuden. Eine ausgestorbene Gegend um die Mittagszeit. Die Turmuhr schlug zwei – als markierte sie die abgelaufene Zeit und den Beginn der Abrechnung.

Sie hatte sich immer gefragt, wann sie wohl auf ihre eigenen Eltern kennenlernen würde. Angenommen der Täter wusste etwas über sie? Im Bruchteil einer Sekunde würde sie ihrer Vergangenheit begegnen und diese möglicherweise zu ihrer Zukunft machen.

Plötzlich vibrierte es in ihrer Tasche. Erschrocken zog sie ihr Mobiltelefon hervor, das man ihr im Krankenhaus wiedergegeben hatte. „Hallo?“

Konnte das etwa er sein? War so etwas denn möglich? Sie machte sich auf alles gefasst – und war fast enttäuscht, als sie die hektische Stimme der Polizistin vernahm:

„Der Täter ist nicht hier“

„Ich weiß“, sagte Elisa ganz ruhig.

Kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung.

Da flog das Telefon in den Fluss unter ihr. Bevor sie genug Luft holen konnte um zu schreien, legten sich eiskalte Hände um ihren Hals. Jemand stand hinter ihr.

„Du bist schuld“, flüsterte eine Stimme.

„Warum?“, keuchte Elisa. „Sag mir, warum –“

Die Finger drückten nicht zu. In ihrem Kopf reifte ein Plan, wie sie sich befreien konnte.

Ihr Herz schlingerte und pochte so laut, würde ihrem Angreifer verraten, was Elisa vorhatte.

„Warum ich? Ich bin doch schon niemand. Ich habe keine Vergangenheit, keine Identität. Was – willst du – von mir?“

Jetzt! Sie trat ihr mit aller Kraft, wo sie die Füße des Mörders vermutete, riss sich los und schnellte herum. Ihr Vorhaben ging zu ihrer Überraschung auf. Flach atmend spürte sie, wie ihr Fußknöchel vor Angst zu zittern begann.

Ein Mädchen stand ihr gegenüber, lange, dunkle Haare. Elisa fand es schwierig, ihr ins Gesicht zu gucken, als würde sie geblendet von weißen Sonnenstrahlen. Ihres Gegenübers Antlitz schien den Mittelpunkt der Sonne dazustellen.

„Woher hast du die Fotos“, sagte Elisa nach Atem ringend. Endlich sprach das Mädchen wieder:

„Du bist schuld! Du sollst bezahlen, für dein kleines, dunkles Geheimnis“

„Warum bin ich schuld?“

„Meine ganze Familie ist tot“ Das letzte Wort schrie sie heraus, als würde dies den Schmerz erträglicher machen. „Nur wegen dir! Du wolltest an dem Tag nochmal zurück um dein Cello zu holen. Papa fuhr besonders schnell, um unser Flugzeug noch zu erreichen. Mama hat im Spaß gesagt, wenn wir einen Unfall bauen ist es deine Schuld. Deine Mutter ist tot. Dein Vater. Deine Brüder“

Ein Krachen. Splitter. Schreie. Ihre heile Welt verbrannte, wurde kohlrabenschwarz. Das Inferno um sie herum tobte weiter, doch es war ihr lieber so. Sie fürchtete sich vor dem Moment, in dem es zur Ruhe kommen würde; dann müsste sie sich ein Bild von ihrer verkohlten Welt machen.

Elisa schrie auf und stürzte vor ihrem Spiegelbild zurück.

„Ich bin du!“ Das Gesicht verschwamm noch mehr vor ihren Augen. Das Grauen was sie empfand war so tief, so unergründlich.

„Ich hatte diesen Unfall. Ich – hab all diese Menschen getötet“, stieß sie hervor und klammerte sich ans Brückengeländer. Das Wasser rief nach ihr, ein unerträglicher Sog drückte sie hintenüber. Eine Stimme drang an ihre Ohren:

„Du siehst eine Variante deiner selbst. Sie muss nicht Wirklichkeit werden“

„Nein“, flüsterte Elisa benommen. Das Wasser, so einladend, so dunkel, so behütend. „Verzeihe dir. Lerne dir zu verzeihen. Deine Rache, ob an dir selbst oder anderen, macht sie nicht wieder lebendig. Hass fühlt das Loch in deinem Herzen niemals auf“

„Ich bin niemand“, beharrte sie. Es schien ihr sehr wichtig zu sein, dies zu betonen. Wie die Ärzte schon gesagt hatten. Schon hatte sie das Gefühl, im Wasser zu ertrinken…

„Identität setzt sich nicht aus der Vergangenheit zusammen, sondern aus der Zukunft. Du bestimmst, wer du sein willst“ Endlich war das Wasser da, es umfing sie so behutsam wie eine Mutter ihr Kind. Tief versank sie im Strudel, hinab ins wirbelnde Grün. Das Tageslicht wurde zu einer fernen Ahnung.

Sie riss die Augen auf. Jemand zog mit einem Ratschen die Vorhänge zurück und Doktor Grunewald beugte sich über sie.

„Elisa, Sie lagen im Koma. Versuchen Sie, Ihre Identität wiederzufinden“

 

 

13 thoughts on “Ich besitze deine Identität

      1. Hallo Ann-Kathrin,
        ich mag dein Spiel mit Worten total. Du hast echt ein paar sehr eindringliche Sätze geschaffen, die einen in die Szene ziehen.

        Ich bin über die Anfänge deiner Absätze gestolpert: Im Krankenhaus Zimmer… Im Inneren eines Streifenwagen… Das hat manchmal den Lesefluss unterbrochen. Ich würde empfehlen, deine Absätze im Allgemeinen zu reduzieren und nur bei solchen Szenenwechseln große Absätze zu machen – das würde deinem Stil da mehr Gewicht geben. Das könnte dann ein tolles Wiedererkennungsmerkmal sein.

        Am Anfang und Ende greifst du das Thema Identität auf. Das ist mir etwas zu direkt. Das könnte man etwas mehr umschreiben. Ich weiß nicht, ob man tatsächlich sagt „Finde deine Identität“ sondern mehr „Finde raus, wer du wirklich bist“

        Den Titel finde ich etwas schwierig, wirkt etwas starr. Da gibt’s bestimmt noch etwas Knackigeres. Ich mag so rätselhafte Titel wie „eine Variante deiner selbst“ oder „Ich bin du“… Nur mal so auf die Schnelle😊 (würde sich dann im Schlussteil deiner Geschichte wiederfinden)

        Liebe Grüße,
        Jenny

  1. Hallo Ann-Kathrin

    Finde deine geschichte sehr spannend. Das Ende sehr überraschend und verzeiht dass im Komatraum nicht alles zusammenpassen muss 🙂
    Bei den Gesprächen mit der Polizistin verwendest du einmal formelle und dann wieder informelle anreden. Beim Anfang kam ich auch ins grübeln: wer stirbt und sagt ihr dass Sie Ihre Identität finden soll? Dann ist sie im Krankenzimmer findet die Fotos und erst danach wird der Dr vor ihrem Zimmer umgebracht! da komme ich nicht ganz mit.

    Der Schreibstil wechselt auch innerhalb der Geschichte ist das bewusst gemacht?

    Aber im großen und ganzen eine gute Geschichte! gefällt mir.#
    LG Daniel

    1. Danke für dein Feedback! Tatsächlich ist mir gerade erst aufgefallen, dass ich manchmal zwischen formeller und informeller Anrede wechsele. Danke für den Hinweis. Der Anfang war als kleine Vorausdeutung gedacht – ich wollte einen möglichst unvermittelten Einstieg, der Fragen aufwirft. Das hätte ich wohl etwas klarer machen können. Dankeschön 🙂
      Liebe Grüße,
      Ann-Kathrin

  2. Hab zwar noch nicht Feierabend aber immer hin Mittagspause 🙂
    Die Geschichte ist dir wirklich sehr gut gelungen! Und ich mag die Art wie du schreibst. Besonders der Satz „Der Stoß eines Schlaglochs fuhr ihr Rückgrat hinauf und ruckte ihren Kopf nach vorne“ war toll. Ist zwar jetzt keiner der wichtig für die Handlung ist, aber ich konnte mir das Bild einfach perfekt vorstellen und es ist ein sehr echtes Gefühl gewesen. Die Story war spannend und hat mich wirklich mitgerissen. Als der Mörder geschrieben hat, dass der Hauptverdächtige der nächste ist und es bei ihm Zuhause passieren soll, dachte ich erst, er/sie will Selbstmord begehen 🙁
    Eine klitzekleine Sache: manchmal hat die Beamtin Elisa mit Sie und manchmal mit Du angesprochen, aber das passiert jedem Mal, also mach dir da keinen Kopf!
    Ein Like kriegst du von mir auf jeden Fall und ich drücke dir ganz doll die Daumen!

    1. Liebe Elina,
      ich freu mich so, dass sie dir gefällt. Dein Feedback bedeutet mir total viel, und danke dass du dir die Zeit genommen hast. Ich freu mich total über deinen Kommentar. 🙂
      Irgendwie merke ich es wirklich nie, wenn ich die Anreden vertausche. Ich muss auf jeden Fall mehr darauf achten.
      Ich drück dir auch die Daumen! Aber ich bin mir ganz sicher, dass du es ins Ebook schaffst. 🙂
      Ganz liebe Grüße,
      Ann-Kathrin

  3. Sehr spannende Geschichte. Viel Dialoge, aber das mag ich und im den Parts ohne Dialoge beweist du ein sehr gutes Gespür für Worte. Vor allem sowas hier:

    Hatte sie je die Charakterstärke besessen, ihren Willen durchzusetzen, so war sie mit dem Blut des Getöteten den Gang hinab davon geflossen.

    Find ich super!!! Das wertet einen Text immer auf, wenn man ein bisschen mit den Worten spielt.

    Mir ist glaub ich ein Tippfehler aufgefallen den du schnell korrigieren kannst:
    Die aufgeschlitzte Kehle griente sie scharlachrot an.
    „grinste“ sollte dahin, oder?

    Das Ende habe ich auch nicht kommen sehen, man merkt auch dass du recherchiert hast und ich wurde gut unterhalten. Du bekommst selbstverständlich ein Like für diese Story 🙂

  4. Liebe Ann-Kathrin,
    eine gute Grundidee, die Hauptdarstellerin mit den eigenen Fotos zu konfrontieren, obwohl sie sich nicht mehr daran erinnert. 😊👌Das hat mir wirklich gefallen.
    Einen paar Tipps/ Anmerkungen habe ich jedoch: Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, dass du mich als Leser mit Infos überversorgst und so das spannende Potenzial deiner Story nicht ganz ausschöpfst 🙈 Was wäre es denn gewesen, wenn man nicht gewusst hätte, dass Elisa die Endstation ist und einfach nur die Vergeltung ganz allgemein erwähnt oder die Info des Polizisten, dass jemand aus den und den Gründen Rache nehmen will, zu dem Zeitpunkt ganz weglässt? Dann hätte ich aber sowas von auf meinen Fingernägeln gekaut 😅 und warum mussten die anderen vor Elisa sterben Bzw. Warum waren die Teil der Rache?
    Ich hoffe, mein Feedback hilft dir weiter 🤗
    Viele liebe Grüße
    Christina

  5. Moin Ann-Kathrin, vieles was ich auch sagen würde, haben andere hier schon getan. Also komme ich auf‘s wesentliche. Toller Plot und deine Art mit Sprache Bilder zu malen gefällt mir..Insbesondere die Art wie du die Umgebungen beschreibst. Wirklich klasse….wenn das dein erstes Werk war, bleib dran! Wenn nicht…auch!!

    LG Frank aka leonjoestick

  6. Eine gut geschriebene Geschichte, die immer mal wieder zu überraschen weiß. Schnieke. Geschichten die mit Identität und Schuld spielen finde ich ohnehin immer interessant und hier ist es wirklich cool umgesetzt. Bleib dran! (mein kleines Highlight: eine Polizistin die nach Kaffee schreit und nicht ein Polizist)

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