sajaeIch finde auch dich…

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Stromstöße durchzuckten ihn, seine Muskeln kontrahierten in Alarmbereitschaft, erfüllten aber nicht mehr ihren Zweck. Platsch. Glücklich sielte sich der mindestens zwei Meter große Hulk wie ein kleines Kind im Schlamm und rannte wenige Sekunden später weiter durch den Hindernisparcours. Begleitet durch das hämische Gelächter seines Teams „Die drei Muskebiere“, wie es den Mannschaftstrikots zu entnehmen war.

Luca schüttelte den Kopf und begann nicht zum ersten Mal an der Intelligenz der heutigen Menschheit zu zweifeln. Seit etwa sieben Jahren findet nahe ihres Heimatortes jedes Jahr der berühmte „Mudder Race“ statt. Das bedeutete tausende Verrückte bezahlten Geld dafür, um durch Schlamm zu kriechen, in eiskaltem Wasser zu schwimmen und als wäre das nicht schon genug, auch noch Stromstöße zu kassieren, die einem die Beine unter dem Körper wegrissen. Ja, zugegeben, auch sie hatte mit dem Gedanken gespielt an diesem Spektakel teilzunehmen. Doch noch lieber war ihr das Beobachten dieser Schlammmonster und das Ausschenken von Getränken, um in ihren Semesterferien ein bisschen Geld dazu zu verdienen, statt es für diesen Laufwettbewerb auszugeben.

„Eine Cola, bitte.“, riss eine Frau mittleren Alters sie aus ihren Gedanken.

Die ersten Läufer waren im Ziel angelangt und der Andrang würde beginnen. Daher widmete sich Luca ihrer Arbeit.

„Bitteschön und viel Spaß noch“, verabschiedete sie einen weiteren Kunden und reichte ihm sein Getränk.

Die Warteschlange war mittlerweile kleiner geworden, sodass sie ihren Kollegen kurz allein ließ, um die Stehtische zu reinigen. Das Wälzen im Dreck hinterließ eben seine Spuren. Als sie gerade beim zweiten Tisch angelangt war, nahm sie zu ihrer rechten plötzlich eine Bewegung wahr.

„Entschuldigung“, sie blickte in die freundlichen blauen Augen einer zierlichen jungen Frau. „Ich habe dort drüben“, sie deutete mit dem Zeigefinger ihrer linken Hand in die Richtung des noch ungereinigten Tisches, „dieses Smartphone gefunden. Vielleicht können Sie es bei sich im Stand aufbewahren? Es wird bestimmt jemand vorbeikommen oder anrufen, um es wieder abzuholen.“

Luca nahm das altmodisch wirkende Handy mit der Splitter-App an sich und verstaute es hinter dem Tresen bei den anderen Fundsachen des gestrigen und heutigen Tages. Für die nächsten Stunden versorgte sie die Sportlerinnen und Sportler wieder mit den gewünschten Drinks. Niemand erkundigte sich nach dem aufgefundenen Smartphone und auch Luca vergaß es.

Allmählich neigte sich ihre 10-Stunden-Schicht dem Ende. Der Arbeitskollege musste nach Hause, da sein Hund wohl auf ihn wartete und so kümmerte sich Luca um die Abrechnung. Sie zählte das Geld aus der Kasse, glich es mit dem am Laptop angezeigten Betrag ab und verstaute es in einem Umschlag. Da heute niemand das Geld abholen würde, steckte sie das in ihren Augen „kleine Vermögen“ in eine versteckte Tasche ihres Rucksacks. Für morgen hatte sich die Chefin angekündigt, der sie die Einnahmen aushändigen würde. Luca fühlte sich nie wohl dabei, sich mit so viel Geld auf den Weg nach Hause zu machen. Viel zu große Angst hatte sie davor überfallen zu werden. Einer ihrer Freundinnen war das erst letztes Jahr nach einer Schicht auf dem Weihnachtsmarkt passiert. Sie schaute sich noch einmal in ihrem Verkaufsstand um, überprüfte die Menge der vorhandenen Getränke und ihr Blick blieb an den Fundsachen hängen. Sie runzelte die Stirn. Merkwürdig, dass niemand sich wegen des Smartphones gemeldet hat. Sie selbst hatte ihr Handy erst vor wenigen Wochen verlegt und war komplett in Panik verfallen. Ihre Termine und Erinnerungen waren schließlich nur auf diesem kleinen Gerät abgespeichert.

Sie schaltete das Handy ein und hätte sich selbst Ohrfeigen können. Zwei eingegangene Nachrichten. Warum hat sie nicht daran gedacht zu überprüfen, ob der Ton des Handys eingeschaltet war? Lautlos, natürlich. So hat der Suchende natürlich keine Chance, sein Eigentum zurück zu erlangen. Verärgert über sich selbst, schaute sie aus der offenstehenden Tür.

Draußen dämmerte es und die Sonne, die in einem feurigen Orange schimmerte, würde bald hinter der hügeligen Schlammlandschaft versinken und rosafarbene Schlieren am Himmel hinterlassen. Es war ein sehr warmer Sommertag und noch jetzt war Lucas Körper geschmückt von Schweißperlen.

Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf das Handy in ihrer Hand. Als sie über das zerkratzte Display strich, ließ es sich überraschenderweise ohne eine Pineingabe entsperren. Luca ging auf die erste Nachricht und für einen Moment stockte ihr der Atem. Sie wusste nicht, ob sie erstaunt oder entsetzt sein sollte. Ein lauer Windzug bahnte sich von draußen einen Weg in den Getränkestand. Sie vernahm das Knarzen der Tür und erschrak.

„Flo, du kannst mich doch nicht so erschrecken!“ Ihr Arbeitskollege lächelte sie entschuldigend an. Er hatte seine Jacke vergessen, die er nur noch schnell holen wollte. Das viele Geld im Rucksack und das, was sie da eben in den Händen hielt, machte sie schier wahnsinnig. Flo verabschiedete sich wieder und Luca betrachtete die Fotos genauer. Es zeigte zwei Gräber, wovon das linke mit einem Namen beschriftet war. Beatrix Kaiser, 10.04.1996 bis 19.06.2014. Sie kannte das Mädchen. Der rechte Grabstein wurde mit einem Textfeld bearbeitet.

„Der Platz daneben ist für dich reserviert.“ Luca fing an zu frösteln. Was sollte das bedeuten? War diese Drohung für sie bestimmt?

Behutsam trat sie hinaus in die laue Abendluft, um zu schauen, ob sich noch jemand auf dem Gelände aufhielt. Nichts. Niemand. Sie tippte auf die zweite Nachricht und erstarrte. Dieses Foto hatte sie vor einigen Jahren selbst aufgenommen, doch niemand dürfte davon wissen!

Plötzlich nahm sie aus dem Augenwinkel am Nachbarstand einen Schatten war. Im nächsten Moment griff eine große kräftige Hand grob nach ihrem Nacken. Luca wollte nach hinten ausschlagen, nach hinten treten und sie glaubte den ein oder anderen erfolgreichen Treffer gelandet zu haben.

„Flo, bist du das schon wieder?!“, fragte sie laut. Doch die Hand löste sich nicht. „Flo ist nicht hier. Wir sind ganz allein.“, sagte eine tiefe und beunruhigend ruhig klingende Stimme, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

In einem Selbstverteidigungskurs, welcher im Unisport angeboten wurde, hatte sie gelernt in so einer Situation möglichst viel Lärm zu verursachen, damit jemand auf sie aufmerksam wurde. Doch sie war vor Schreck wie gelähmt.

„Wer …?“ wollte sie ansetzen, dann durchzuckten sie tausende kleine Blitze vom Hals abwärts. Hatte Luca sich während ihrer Arbeitszeit noch über den Hulk am Stromnetz lustig gemacht, zuckte nun unkontrolliert jeder Muskel ihres Körpers. Ihre Gliedmaßen versagten den Dienst und nachdem ihr Körper ein weiteres Mal von gefühlten tausend Volt durchströmt wurde, verlor sie das Bewusstsein.

Als Luca aufwachte war die Sonne fast untergegangen. Sie fühlte sich erschöpft und ihre Muskeln brannten als hätte sie ein 24-stündiges EMS-Ganzkörpertraining absolviert, welches in den Fitnessstudios momentan so angepriesen wurde. Rumms! Luca befand sich in einem Bollerwagen, der eigentlich für das Publikum des Laufevents vorgesehen war, um ihre Habseligkeiten oder Kinder zu verstauen. Ihr waren die Hände und Füße straff mit Paketklebeband gebunden. Sie konnte kaum die Finger bewegen. Geknebelt, wie sie es bei Entführungen meist aus Filmen oder Büchern kannte, war sie nicht. Aber das Gelände war groß und momentan hielt sich außer ihnen niemand mehr hier auf. Also war Schreien sowieso sinnlos. Luca schloss kurz die Augen und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Der Entführer sollte erstmal nicht auf sie aufmerksam werden. Dann schaute sie an sich herab. Sie trug immer noch ihre Jeansshorts und ein weites, weinrotes Top. Ansonsten war keines ihrer persönlichen Gegenstände bei ihr. Keinen Rucksack, kein Handy, keinen Schlüssel, selbst die Uhr hatte der Entführer ihr abgenommen. Sie spannte ihre Bauchmuskeln an und hob ihren Oberkörper Wirbel für Wirbel an, um über den Rand des Wagens hinweg sehen zu können. Sie befanden sich immer noch auf dem Eventgelände. Soweit es ihr in Rückenlage möglich war, drehte Luca unauffällig den Kopf. Dass es sich bei ihrem Entführer um einen Mann handeln musste, hatte sie bereits vermutet. Er wirkte von hinten allerdings deutlich hagerer, als seine Griffkraft es vermuten ließ. Plötzlich drehte der Mann sich um. Luca lief ein Schauer über den Rücken. Sie blickte in ein entstelltes Gesicht. Die Farbe seiner Haut war unnatürlich weiß. Vom rechten Auge bis hin zum linken Mundwinkel verlief eine tiefe Narbe quer über das Gesicht. Die Nase war nur im Ansatz vorhanden und der diabolisch grinsende Mund entblößte spitze, schiefe Zähne. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte Luca, dass es sich um eine Halloweenmaske handelte.

 „Na, gut geschlafen?“, fragte die Stimme gedämpft, ohne eine Antwort zu erwarten. Ihr Entführer hatte wahrscheinlich die minimale Gewichtsverlagerung im Wagen wahrgenommen. Die Maske gab Luca etwas Hoffnung. Die Hoffnung, dass der Mann, der sie eben verschleppte, vielleicht nicht töten wollte.

„Ich kann ihn schließlich nicht identifizieren, oder? Aber da sind diese Fotos. Und warum versetzt er mich in einen bewusstlosen Zustand und fesselt mich? Was hat er mit mir vor?“, fragte sich Luca stumm.

„So, da sind wir.“, riss ihr Entführer sie aus ihrem Gedankenkarussell.

Unsanft wurde der Bollerwagen gekippt, sodass sie mitten im Matsch landete. Direkt neben dem Wasserhindernis, welches tagsüber durch Eiswürfel auf vier Grad herabgekühlt wurde und die Teilnehmenden damit ordentlich frösteln lies. „Was wollen Sie von mir? Falls sie Geld möchten, das befindet sich in meinem Verkaufsstand im Rucksack.“

„Ich will kein Geld.“ Mehr als ein paar kurze abgehackte Sätze schien der Entführer nicht zustande zu bekommen.

„Was wollen sie dann von mir?“, fragte Luca verzweifelt.

„Ein Geständnis“, sagte der Mann kalt.

„Ein Geständnis wofür?“

Die Augen hinter der Maske schienen sie direkt anzustarren.

„Komm, ich helfe dir auf die Sprünge.“ Dabei griff er in die Tasche seiner luftigen Sommerjacke und nahm das Smartphone heraus.

„Was siehst du?“ Der Entführer zeigte ihr das Foto aus der zweiten Nachricht. Das Bild, was eigentlich nur sie kennen sollte.

„Was soll das? Sagen Sie mir, wer Sie sind!“, probierte sie ihn hinzuhalten.

Erst wurde sie mit einem Elektroschocker überwältigt, dann bewusstlos verschleppt und jetzt auch noch das.

„Das Foto zeigt ein Mädchen in einem See.“, antwortete Luca mit brüchiger Stimme.

Das Mädchen lag auf dem Rücken. Ihre Augen blicken leer in Richtung des Himmels und ihr Mund war vor Überraschung geöffnet. Ein Rest von Erbrochenem befand sich in ihrem rechten Mundwinkel.

„Erinnert dich das an etwas?“, fragte sie der Entführer mit der Maske.

„Vielleicht an den Nudelsalat und die Kekse, die es an dem Tag zum Abendessen gab.“, überkam Luca ein makabrer Gedanke.

 „Nein! Und jetzt lassen Sie mich gefälligst gehen!“, schrie sie ihm allerdings laut entgegen.

Plötzlich durchzog ein atemberaubender Schmerz ihren rechten Arm. Der Entführer hatte den Elektroschocker aus seiner Tasche genommen und direkt an ihrer Schulter angesetzt. Luca stieß einen Schmerzensschrei aus, was dem Mann große Freude zu bereiten schien, zumindest glaubte sie das. Sein Gesicht konnte sie schließlich nicht sehen.

„Streng dich an, ich will heute Nacht noch mit dir fertig werden!“

„Fertig werden? Was hat er verdammt nochmal mit mir vor?“, dachte Luca.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, wischte er auf dem Smartphone nach rechts, um ihr auch das Foto der ersten Nachricht mit den Grabsteinen und der darin enthaltenen Drohung zu zeigen.

„Der Mann ist maskiert, keine Sorge, alles wird gut, Luca.“, sprach sie sich in einem winzigen Hoffnungsschimmer selbst Mut zu. Luca begann darüber nachzudenken, wie sie sich aus dieser Situation befreien könnte. Ihre Hände waren hinter dem Rücken mit Klebeband gefesselt und auch ihre Füße waren fixiert. Sie sah sich um und erblickte den ein oder anderen spitzen Stein, der ihr helfen könnte. Doch ihr Gegner beobachtete sie viel zu aufmerksam.

„Was ist auf dieser Studienreise in den Niederlanden passiert?“, fragte der Entführer konkreter, aber zunehmend ungeduldiger.

Luca schwieg beharrlich. „Wenn er von mir nicht bekommt, was er wissen will, wird er mir erstmal nichts antun und ich kann mir noch meine Flucht überlegen.“, dachte sie sich.

„Wie du möchtest, dann helfe ich dir auf die Sprünge.“, sagte der Entführer und plötzlich nahm er genau die Maske, die ihr etwas Sicherheit gegeben hatte, ab. Als sie sein Gesicht sah, wurde ein Funken des Erkennens von ihren Augen, über die Synapsen, direkt zu ihrem Gehirn geleitet. Die Vermutung, die tief in ihrem Inneren geruht hatte, nahm nun Gestalt an. Doch sie behielt den Erinnerungsblitz vorerst für sich und schwieg.

„Wie du willst.“, sagte der Entführer noch einmal, diesmal beängstigend ruhig.

Mit aller Kraft griff er gezielt nach ihren gefesselten Händen und riss sie nach oben. Ihre Schultergelenke knackten bedrohlich, doch sie spürte zum Glück keinen Schmerz. Er schliff Luca zum Wasserhindernis und mit einem Ruck landete sie kopfüber im Wasser. Das Wasserbecken war tief genug, dass sie nicht stehen konnte. Wild ruderte sie mit den Armen und Beinen, um irgendwie den Kopf über Wasser zu bekommen. Die Fesseln waren dabei ziemlich störend, vor allem hinter dem Rücken. Sie erinnerte sich erneut an ihren Selbstverteidigungskurs, wo auch das Lösen von Fesseln kurz thematisiert wurde. „Ich muss einfach die Hände unter den Füßen durchschieben.“, überlegte sie. Luca rollte sich zu einem kleinen Paket zusammen und probierte die Arme nach vorne zu bekommen. Als Kind war sie Turnerin und daher hoffte sie, etwas Beweglichkeit beibehalten zu haben. Doch so sehr sie sich anstrengte, ihr Becken machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

Luca kämpfte sich vorerst an die Wasseroberfläche. Kaum hatte sie Luft geholt, drückte der ihr so bekannte Entführer sie an ihrem Kopf wieder grob in die Tiefe und ließ sie nicht mehr nach oben. Nach einem erneuten Entfesselungsversuch wollte sie sich wieder, diesmal gegen den Wiederstand des Entführers, hochkämpfen. Doch er verweigerte ihr diesen Erfolg. Langsam wurde sie schwächer und schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen. Sie war der Dunkelheit so nah und wurde dann abrupt an den Haaren wieder hochgerissen.

„Die nächste Tauchpartie überlebst du nicht!“, drohte der Entführer. Und an der Art wie er es sagte, merkte Luca, dass er es ernst meinte und sie ihn nicht weiter provozieren sollte. Also begann sie langsam von diesem einen Tag der Studienreise in den Niederlanden zu erzählen als das Foto mit dem toten Mädchen entstand.

„Es war der dritte Tag unserer Reise und wir haben das Windmühlendorf besucht. Am Abend saß unsere Klasse beisammen und wir haben gegrillt. Ihre Tochter Trixie war auch mit dabei.“, sie machte eine kurze Pause. Beatrix oder Trixie, wie sie von allen genannt wurde, war das beliebteste und hübscheste Mädchen ihres Jahrgangs. Sie hatte platinblonde, gewellte Haare, wasserblaue Augen, die von langen dunklen Wimpern umspielt wurden, und eine kleine Stupsnase. Auch ihre schulischen Leistungen waren überdurchschnittlich. Luca konnte nie mit ihr mithalten. Sie war eher durchschnittlich. Nicht besonders hübsch, nicht besonders hässlich. Auch für die Schule machte sie nur das Nötigste.

„Aber es wurde nicht nur gegrillt, stimmt´s?“, lenkte Trixies Vater, der Mann, der sie gerade festhielt, ihre Aufmerksamkeit wieder zurück. Er lockerte seinen Griff an ihren Haaren etwas, sodass Luca entspannter im Wasser treiben konnte.

„Nein. Wir hatten unsere Unterkunft in der Nähe von Amsterdam und einige hatten Cannabis besorgt und damit Kekse gebacken. Wie Jugendliche halt sind…Für mich ist das ja nichts, aber Trixie hat sich ordentlich bedient.“

„Wo waren die betreuende Lehrerin und dein Vater? Sie hatten doch die Aufsichtspflicht.“, erkundigte sich Trixies Vater.

Lucas Vater war spontan mit auf die Reise gekommen, da der Lehrer, der sie eigentlich begleiten sollte, kurzfristig krank geworden war.

„Unsere Lehrerin war zu dem Zeitpunkt schwanger. Sie wirkte ziemlich müde und ist zeitig ins Bett gegangen. Mein Vater wollte wahrscheinlich cool sein und kein Spielverderber.“, antwortete Luca wahrheitsgemäß. Ihr Vater ist schließlich Rettungssanitäter und könnte im Notfall eingreifen.

„Natürlich, das sieht ihm ähnlich.“, kommentierte er nur. Trixies und ihr Vater kannten sich. Sie waren in der selben Handballmannschaft und früher, vor dem Ereignis, beste Freunde. Im Gegensatz zu Trixie und ihr.

„Naja, zumindest ist Trixie dann irgendwann vom Tisch aufgestanden und gegangen. Niemand weiter hat reagiert, also bin ich ihr gefolgt, um mich zu erkundigen, ob bei ihr alles in Ordnung ist. Ich holte Trixie direkt am See ein und dann…“, Luca stockte.

Sie hatte sich damals ziemlich erschrocken, denn Trixies Haut war leichenblass. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn und sie atmete schnell und flach, als würde etwas ihren Brustkorb beschweren. Es glich optisch einer Panikattacke und Trixie gestand ihr sogar, dass sie Todesangst hatte. Wahrscheinlich eine Nebenerscheinung der Drogenüberdosis, die sie erlitten hatte.

„Mehr weiß ich nicht.“, probierte sie auszuweichen.

„Du lügst! Erzähle mir die ganze Geschichte!“, Trixies Vater wurde wieder ungehaltener.

„Nein! Mehr weiß ich wirklich nicht!“

Mit voller Wucht wurde sie wieder unter Wasser gedrückt. Eine Minute, zwei. Luca verfiel in Panik und schluckte eine gehörige Portion Schlammwasser. Der dadurch ausgelöste Hustenreiz verschlimmerte ihre Situation noch weiter, da sie automatisch noch mehr Wasser inhalierte. Gleich würde sie endgültig das Bewusstsein verlieren. Kurz vor der Ohnmacht probierte sie noch einmal die Fesseln nach vorne zu bekommen. Das Klebeband löste sich durch das Wasser etwas und endlich gelang es ihr. Luca unterdrückte einen Jubelschrei, damit Trixies Vater nichts von ihrem Erfolg mitbekam. Dann wurde sie an den Haaren wieder an die Wasseroberfläche gezogen. Sie bereitete sich innerlich auf einen weiteren Tauchgang vor, doch sie wurde vorerst verschont.

„Konnte ich deiner Erinnerung jetzt weiterhelfen oder sollen wir das Spiel noch einmal spielen?“, die Stimme von Trixies Vater hatte nun einen noch bedrohlicheren Unterton.

Er riss Luca noch gröber nach oben, sodass sie spürte, wie einige ihrer Haarsträhnen aus der Kopfhaut förmlich entwurzelt wurden.

„Wir haben geredet und dann ist sie zusammengebrochen. Ich war überfordert, habe Geräusche gehört und bin weggerannt. Aus der Ferne habe ich meinen Vater gesehen. Er hat sich über Beatrix gebeugt und probiert ihr zu helfen.“

Luca hatte sich die ganze Zeit über im Gebüsch versteckt und heimlich beobachtet. Ihr Vater starrte die bewusstlose Trixie anfangs nur an, um ihr anschließend sanft eine Haarsträhne aus dem schweißnassen Gesicht zu streichen. Erst dann schien er die Ernsthaftigkeit der Situation wieder wahrzunehmen. Er neigte Trixies Kopf zur Seite, sodass ihr Erbrochenes aus dem Mund lief. Dann griff er geschickt in ihren geöffneten Mund und holte die Zunge, die sie wohl verschluckt haben musste, hervor. Er überprüfte Trixies Puls, die Atmung und brachte sie anschließend in die stabile Seitenlage. Ganz der Profi. Anschließend schrie Lucas Vater um Hilfe, doch niemand reagierte. Er tastete nach seinem Handy, was er nicht dabei zu haben schien, denn er machte sich zurück auf den Weg zu den Ferienhütten, in denen sie übernachteten. Den Moment nutzte Luca, um sich aus ihrer Tarnung zu lösen und sich weiter um ihre Mitschülerin zu kümmern.

„Wenn du das gesehen hast, wie ist sie dann plötzlich in den See gekommen und ertrunken? Und was macht dieses Bild meiner toten Trixie auf deinem Smartphone, dass mir zugespielt wurde? Ich habe erst deinen Vater für den Tod meiner Tochter verantwortlich gemacht. Es hat mich nach und nach innerlich zerfressen und ich wollte es ihm heimzahlen. Er hat nicht gut genug auf Trixie aufgepasst und er sollte erfahren wie sich der Tod der eigenen Tochter anfühlt! Aber du bist …!“

Die aufbrausende Wut von Trixies Vater nutzte Luca dazu, ihre Arme nach oben zu reißen. Mit den Fingern der gelockerten, aber dennoch zusammengebundenen Hände, griff sie nach der Jacke ihres Entführers. Tatsächlich gelang es ihr einen halbwegs stabilen Griff herzustellen, nutzte ihr gesamtes Gewicht und zog Trixies Vater mit aller Kraft ins Wasserbecken. Nachdem dieser wiederauftauchte, nutzte sie das Überraschungsmoment, um einen Delphinkick zu machen. Sie katapultierte sich ein Stück nach oben und schwang sich hinterrücks an den Hals des Entführers. So, dass sein Kopf zwischen den gefesselten Armen und ihrem Brustkorb eingeklemmt wurde. Wild ruderte er mit den Armen und probierte sie irgendwie abzuschütteln. Luca verfestigte ihren Griff daraufhin noch weiter, holte Schwung und drückte ihn unter Wasser. Dass er in dem Wasserbecken ebenfalls nicht stehen konnte, vereinfachte ihr den Kampf. Plötzlich warf Trixies Vater sich nach hinten, sodass nun sie unter Wasser war. Ihr Schwitzkasten hatte sich zwar leicht gelockert, aber mit aller Kraft drückte sie wieder zu, sodass er weiterhin keine Luft bekam. Allmählich fühlte sie, wie ihr Gegner schwächer wurde. Nur noch ein paar Sekunden, dann würde er bewusstlos werden. Sie hielt ihn weiter fest, obwohl sie unter Wasser weiter die Luft anhielt. Ihre Muskeln brannten. Sie würde morgen definitiv Muskelkater haben. Endlich! Der Körper ihres Gegners erschlaffte. Sie wartete noch einen Moment, dann löste sie ihren Griff und tauchte an die Wasseroberfläche, um erstmal durchzuatmen. Dann robbte sie an Land und löste ihre Fesseln. Das Klebeband hatte sich aufgrund der Feuchtigkeit weiter gelöst, dennoch nutzte sie einen scharfkantigen Stein, um sich zu befreien.

„Sie haben recht. Ich bin dafür verantwortlich. Ertrunken ist Ihre Tochter meinetwegen.“, vollendete Luca den begonnenen Satz von Trixies Vater.

Sie war damals zu Trixie geeilt und hatte sich ähnlich wie ihr Vater über sie gebeugt. Hoffnung blitzte in den Augen ihrer Mitschülerin auf. Luca war fasziniert von ihrer Hilflosigkeit. All die negativen Erlebnisse, die sie mit diesem Mädchen verband, blitzten vor ihrem geistigen Auge auf. Die immer perfekte Trixie, die jeder mehr mochte als sie. Auch ihr eigener Vater, der mehr Zeit mit Trixies Vater und wahrscheinlich auch mit Trixie verbrachte als mit ihr. Ständig wurde sie mit Trixie verglichen. Luca ignorierte diese Bemerkungen großzügig. Was nicht bedeutet, dass es sie nicht beschäftigte und an schlechten Tagen innerlich förmlich zerfraß.

„Bin ich denn nicht gut so wie ich bin?“, fragte sie sich immer häufiger.

Kurzerhand zerrte sie ihre Mitschülerin, die immer noch nicht die Kraft hatte, sich zu rühren, in den See und drückte ihr Gesicht unter Wasser. Die Hoffnung in Trixies Augen schwang um in Panik. Bei Luca verbreitete die Kontrolle, die sie über das Leben eines anderen Menschen hatte, ein kribbelndes, aufregendes Gefühl in der Magengegend. Trixies Körper bäumte sich in einem letzten Kraftakt noch einmal auf, ein gurgelndes Geräusch drang durch das Wasser nach oben und die letzte Luftblase zerplatzte vor Lucas Augen. Trixie blieb reglos liegen. Als Luca Trixies Gesicht ihr entgegen drehte, schaute sie in angstgeweitete leere Augen. Im linken Auge war ein Äderchen geplatzt. Sie fotografierte diesen unbeschreiblichen Moment, ihren ersten Mord, um ihn festzuhalten und huschte still und leise zurück in die Dunkelheit. Ihr ganzer Körper war durchströmt von Adrenalin, sie fühlte sich noch nie so lebendig.

Die Polizeibeamten nahmen damals an, dass Trixie in Richtung des Sees gekrochen war, um ihr Durstgefühl oder ihre Überhitzung, die mit der Drogeneinnahme einherging, zu lindern. Die Überreaktion erklärten die Ärzte durch den erstmaligen Konsum der Droge und deren Wechselwirkungen mit Medikamenten, die Trixie wohl einnahm. Lucas Vater wurde zerfressen von Schuldgefühlen und die Freundschaft zu Trixies Vater zerbrach. Niemand kam auf die Idee eines Mordes. Bis zu diesem Zeitpunkt.

Stolz betrachtete Luca ihr jetziges Werk. Den Mann im Wasserbecken. Alle viere von sich gestreckt und bewusstlos trieb er da. Genauso hilflos wie seine Tochter damals.

„Das Grab neben Trixie war anscheinend für dich reserviert“, dachte sie mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht als sie an das Foto dachte. Da war es wieder das Gefühl. Eine Mischung aus Weihnachten und Geburtstag zusammen.

Luca glitt zurück in das Wasserbecken, um den Vater ihrer ehemaligen Mitschülerin zu drehen, sodass sein Gesicht unter Wasser war. Er begann sich wieder zu wehren, doch damit hatte Luca gerechnet. Sie hielt mit aller Kraft dagegen und drückte ihn nach unten. Es dauerte einige Minuten bis Trixies Vater ruhiger wurde. Ein lauschiges Gluckern durchschnitt die Nacht. Dann war es still. Der Todeskampf war beendet. Luca stellte sicher, dass ihr Opfer wirklich ertrank. Dann durchstöberte sie seine Taschen: Der Elektroschocker, das Handy, einen Schlüsselbund und ein Portemonnaie. Mehr fand sie nicht. Die Gegenstände verstaute Luca in dem Bollerwagen, in welchem sie angereist war. Anschließend machte sie sich im Schein der Taschenlampenfunktion des Handys auf den Weg zurück zu ihrem Verkaufsstand. Da holte sie ihr eigenes Smartphone, um ihr Kunstwerk als kleines Andenken zu fotografieren. Ihr bisher zweites Todesopfer durch Ertrinken: Trixie und ihren Vater. Nun musste sie unbedingt herausfinden, wer Trixies Vater das Foto zugespielt hat und sich darum kümmern!

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4 thoughts on “Ich finde auch dich…

  1. Wow, eine super Geschichte mit viel zu wenigen ♥️en. Ich habe hier schon viele Entführungsgeschichten gelesen, aber Deine hat mir am besten gefallen. Dass die Hauptfigur nicht wirklich ein Opfer ist, hat die Geschichte viel origineller gemacht. Sie wurde immer besser und besser und spannender. Sie ist fesselnd geschrieben und so erzählt, dass einem vor dem geistigen Auge während des Lesens ein Film abläuft Die Mordszenen haben mich gepackt und die Grausigkeit der Taten war zu spüren. Auch das Ende ist super, dass man weiß, dass sie weiter morden wird.
    Wirklich gut gemacht 👏👏👏
    Hab Dir ein ♥️ da gelassen. Ich hoffe Du bekommst noch viel mehr davon. 🌻🌷

    Vielleicht magst Du ja auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen, das würde mich sehr freuen. 🌻🖤

    Liebe Grüße, Sarah! 👋🌻 (Instagram: liondoll)

    Link zu meiner Geschichte: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stumme-wunden?fbclid=IwAR1jjPqPu0JDYk0CBrpqjJYN78PYopCEU1VGdqzCvgp7O4jnGKQSFdS6m6w

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    1. Hallo Sarah,
      Ich freue mich sehr, dass dir meine Geschichte gefallen und du mir ein ♥️ da gelassen hast. Vielen Dank für dein ausführliches und positives Feedback. 😊
      Deine Geschichte werde ich auf jeden Fall lesen!
      Liebe Grüße, Sandra

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