tnodmIch habe lange im gelben Haus gelebt

 

Oh, I yearn
For the roots of the woods
That origin of all my strong and strange moods

I lost something in the hills
I lost something in the hills

~Sibylle Baier

 

 

 

Ich habe lange im gelben Haus gelebt

von Joshua Hutsteiner

 

 

 

 

Es kommt näher

Denise Keltainen hasste Gelb.

Am Morgen vor der Heimkehr wässerte Frau Suchanow aus Nummer 10 ihre Narzissen und die Pollenbelastung zwang Denise mehrmals dazu, die verspiegelte Sonnenbrille abzunehmen, um ihre Augen rot zu reiben. Auf halbem Weg zwischen ihrem Apartment in Ludwigsfeld, Beryllstraße 12, und der Fachoberschule für Sozialwesen, an der sie ihr Abitur machte, fuhr Denise an der Artur-Kutscher-Realschule in Moss vorbei, einer eitrigen 60er Jahre Schachtel, von Außen so entzündend für den Betrachter wie von innen, wie sie aus eigener Erfahrung wusste. Im Abschlussjahr fing sie also an, jeden Tag eine Sonnenbrille zu tragen – auch deshalb, weil ihre Photophobie sich akutisierte. Trotzdem war ihr letztes Jahr das schönste gewesen. Erinnerungen an es blubberten gerne, wenn mit alten Freunden über den Urinstein von Harper gelässtert wurde. Wenn Erinnerungen daran bloß nicht gelb wären. Gelb wie obscure Treppen und Türen in nebulösen Albträumen. Denise erinnerte sich nie an ihre Träume, nur an eine einzige, schreckliche Farbe. Die Farbe kehrte immer wieder zurück, obwohl Denise sie hasste. Gelb brannte mit seiner Helligkeit in sensiblen Augen, war unmöglich zu übersehen, egal, mit wie vielen Farben und Gesichtern es sich einen Hintergrund teilte. Selbst durch dunkle Gläser eiterte das Gelb des Urinsteins in ihre fahrende Aufmerksamkeit. In strampelnden Momenten wie diesen wünschte Denise sich ein Auto. Dank Antidepressiva und Schilddüse hielt die tägliche Bewegung nicht einmal schlank. Nicht, dass es sie störte – du bist nicht fett, nur gepolstert. Im Auto könnte sie Musik hören. Musik erleichterte Verdrängung und den Führerschein hatte sie schon gemacht, vor fünf Jahren.

Denise bremste scharf ab und stürzte. Rechtzeitig, Autos rollten schon über die Kreuzung. Aus geschwollenden Augen sah Denise, dass die Ampel für Fahrradfahrer auf Gelb stand. Fast wie Papa, dachte sie und bekam schlechte Laune. Anton Becker bekam in Psychologie ihre gesamte Schulbank in den Rücken getreten, als er sich aus Versehen zu weit nach hinten lehnte und ihre Augentropfen umschmiss. Etwas Ähnliches tat sie einmal am blumenlosen Valentinstag, da war es heißer Tee, keine Augentropfen. Beide Male trug er Gelb, beide Male tat es ihr Leid und beide Male entschuldigte sie sich nicht und sie hasste sich dafür für die nächsten siebzehn Tage. Vierunddreißig diesmal, weil die Erinnerung an den Valentinstag mit der Gegenwart eine Totgeburt zeugte. Denise wurde unfruchtbar für Optimismus.

Nachmittags kellnerte Denise in dem irisch angehauchten Pub Yellow Jacket, unweit von der FOS. Dort wurden Bestellungen mit gelben Kugelschreibern aufgenommen und wenn die Stimmung so gut war wie heute, rammte sie die Kugelschreiber gerne in das ein oder andere Auge. Natürlich nur in Gedanken. Gedanken verletzen nichts, außer das Aquarium, in dem sie schwimmen. Einfach schwimmen, einfach schwimmen, sang Dorie der Doktorfisch in ihrem Kopf. Heute Nacht sollte ich mal wieder Findet Nemo schauen. Es war ein schöner Vorwand um wach zu bleiben, keine Tabletten zu nehmen. Ich seh scheiße aus, mir geht es scheiße. Kann morgen ruhig zuhause bleiben.

An Tisch 8 fand sie das Smartphone mit dem kaputten Bildschirm, ein Wiko, Modell Lenny 2, scheiß Marke, Schrott. Zuvor saß hier eine große Frau, von der sie auf Finnisch angesprochen wurde und das machte Denise wütend, da sie gerne geantwortet hätte. Ihr Vater weigerte sich bis zum Tag des Unfalls, etwas anderes als Deutsch mit seiner Tochter zu sprechen. Und wenn er nicht gestorben wäre, würde er es heute noch tun. Denise sah der großen Frau also passiv aggressiv nach, ich trag dir deinen Müll nicht nach, komm und hol ihn dir selbst! Irgendwann schaltete sie das Handy an, um sich den Hintergrund anzusehen. Ein Hintergrund verriet vieles über den Menschen des 21. Jahrhunderts.

Dieser verriet ihr, dass sie mit ihren Eltern in einem gelben Haus gelebt hatte und sich nicht daran erinnerte. Auf dem Foto konnte Denise nicht älter als fünf Jahre sein, daran erinnerte sich kein Mensch, oder? Sollte ich sowas wissen? Sie lag in den Armen des Mannes, der unmissverständlich ihr Vater war. Ohne grauen Bart und mit vollem, langen Haar war er schwer zu erkennen, aber sie sah seine blauen Augen jeden Morgen im Spiegel, in einem dreieckigen Gesicht mit flacher Nase, irgendwie schmelzend, fand sie. Jehnes schmelzende Gesicht trug die viel größere Frau hinter Asko Keltainen, deren Arme sich um Ehemann und Tochter falteten. Beide Menschen waren die wichtigsten Menschen ihres Lebens, sagte das Foto. Ihr Haus kauerte im Hintergrund – ein gelber Hals zwischen dem blauen Himmel und dem roten Buchenwald, der Hals dieser kleinen, vergessenen Welt auf einem fremden Smartphone. Der Bildschirm war in der linken oberen Ecke gesprungen, als wäre ein schwerer Schlüssel darauf gefallen. Warum es ein Schlüssel sein musste, wusste sie nicht, aber sie war sich unfassbar sicher. Denise war sich auch etwas Fassbarem sicher: das Handy wurde nicht zufällig vergessen. Auf dem Weg nach Draußen kam Mr. O’Sullivan ihr in die Quere. Kunden am Stammtisch. Als sie zu ihnen kam, Tisch 19, bemerkte sie neben üblichen Schleimerein, die man als junges Mädchen in einem Pub eben bekam, auch andere Bemerkungen, besorgte Bemerkungen:

Alles okay? Bist ’n bisschen Blass um die Nase.“

Also alles wie immer, finnische Kalkwiese!“

Was ist denn bitte eine Kalkwiese?“

Keine Ahnung. Das übliche für uns, bitte- upps, vorsichtigt Süße!“ Denise bückte sich und hob den Kugelschreiber wieder auf. Sie starrte ihn an. Fünf Sekunden. Gelb. Zehn Sekunden. Gelb. Gelb. Ich muss gehen. Ich muss

…nachhause Denise, du siehst scheiße aus!“ Mr. O’Sullivans englischer Akzent war wundervoll. Denise liebte diesen Akzent. Nachhause, ich muss zurück…

Huh?“ Sie schüttelte den Kopf. Blinzelte. Sie standen draußen vor dem Pub. Wann..? „Was?“

Du sollst bitte heim gehen, hab ich gesagt. Und das du scheiße aussiehst.“ Ihre Augen juckten und brannten hinter der Sonnenbrille. Es hatte seit Wochen nicht geregnet und vieles blühte gleichzeitig, scheinbar in Panik, sich nicht rasch genug vermehren zu können. Daran musste es liegen: „Tut mir leid. Meine Allergie…“

Ist schon okay, aber bitte melde dich das nächste mal vorher krank, all right? Du, uh… Ye are scaring- Angst, ja, du machst unseren Kunden sonst noch Angst!“

Inwiefern?“

Du stehst da, schreibst nicht auf, guckst nur den Stift an. Sieht scary aus!“ Der Chef klopfte ihr auf die Schulter. „Gute Nacht. Nimm vielleicht…“, eine seiner knotigen Hände schwenkte eine unsichtbare Flasche quetschend über seinem Gesicht, das, wie seine abnehmenden roten Haare, allmählich an Jugend verlor. „Augentropfen“, fügte Denise hinzu.

Yes, Augentropfen.“ O’Sullivan lachte, winkte, verschwand zurück an seine Arbeit. Denise rieb sich die Augen. Sie griff in die Hosentasche ihrer Jeans, zog ihr Handy heraus und sah auf die Uhr. Es war nicht ihr Handy. Und das gelbe Haus scheinte am Horizont wie die untergehende Sonne, größer als vorher. Nein, nicht größer. Näher. Oh Gott, es kommt näher!

Papa

Please I wanna die, die, die! Die, die, die! It’s muffin time!“ Der neue Tag kündigte sich so optimistisch an wie nie zuvor – Denise erinnerte sich an ihren Traum und sie erinnerte sich nicht daran, etwas gelbes in ihm gesehen zu haben. Sie stellte den Wecker auf Schlummern. Etwa eine Stunde später wurde sie von einer gurrenden Taube auf dem Fensterbrett geweckt. Sie sah dem Vogel eine Weile zu, bevor der Stand der Sonne ihr anzeigte, dass sie den Wecker eindeutig nicht auf Schlummern gestellt haben musste und ihre Brille aufsetzen sollte. Es war bereits halb Acht auf der Uhr des Handy’s, das definitiv nicht ihres war und trotzdem auf dem Nachttisch lag, ganz, als würde es dort hingehören, zwischen der Sonnenbrille, einer frisch geleeren Flasche Dornfelder, Antiallergenen, Schlaftabletten und einer alten Ausgabe von Das Schweigen der Lämmer – es war die rote Hardcoverauflage von Heyne, mit Filmposter und dazugehöriger Überschrift ‚DER ROMAN ZUM FILM!‘, wie sehr Denise das auf Büchern missfiel. Sie war sich nicht sicher, ob sie das Wiko gestern Abend dort liegen ließ oder ob sie Findet Nemo gesehen hatte. Und ihre Augen brannten.

Augentropfen.

Sorry, ich muss mich heute leider krank melden. Die Pollen machen mich fertig…“

Polen?“ In Milosz Glogowskis Akzent schwamm Belustigung. Er besaß den Humor eines mitte Vierzigjährigen, der fast erwachsen war, Denise fand ihn sehr sympathisch. Ihr entglitt sogar so etwas wie ein Lachen, das schnell in einen Niesanfall stolperte. „Kurwa, ich hör schon. Gesundheit! Nächste mal aber bitte vor halb Acht, oi?“

Klar. Tut mir leid.“

Gute Besserung, bleib weg von Polen!“ Dankend legte sie als erstes auf. Frühstück setzte sich aus versalzenem Avocadotoast zusammen, auf den sie so viele Spiegeleier briet, bis er keine ganze Oktave über ungenießbar erhöht wurde. Vom traumvollem Schlaf erfrischter Optimismus trocknete dezent aus und die Taube auf dem Fensterbrett flatterte davon. Denise sah ihr nach und nahm sich nebenbei vor, die Fenster zu putzen. Unten auf dem Parkplatz der Beryllstraße pickten etwa ein dutzend Tauben in Brotresten herum. Frau Suchanow schleppte die Last von achtzig Jahren zurück über die ‚Wiese‘. Keine fünf Meter Grasstreifen trennten Beton, Lärm und Abgase von der Terasse, ein Schicksal, um das Denise die alte Russin nicht beneidete, zumal zuvor an dieser Stelle ein schöner Gemeinschaftsgarten mit Krischbäumen atmete, der einzig genießbare Teil des Frühling, fand Denise. Tauben kümmerte es nicht, ob sie auf Grün oder Grau speisten, da waren sie sehr viel kompromissvoller als Zweibeiner und sie würden so lange zwischen den Autos picken, bis Irina Suchanow nicht mehr aufstand um sie zu füttern. Kein Futter mehr, nicht schlimm, einfach woanders hin fliegen. Manchmal wäre Denise gerne eine Taube. Davon handelte sogar der im Gedächtnis gebliebene Traum. Von einer Taube auf dem Dom von Helsinki. Dort hatte sie Familie. Die war kurz nach dem Tod ihres Vaters angerückt und sie kannte keinen von ihnen. Alle sprachen ihr herzlichstes Beileid aus, teilweise sogar in akzentfreiem Deutsch. Dinge aus dem Heimatland, Dinge von Wert, deren Besitzer nicht mehr lebte, wurden auch in akzentfreiem Deutsch eingefordert. Manche waren anständig genug gewesen zu bezahlen, also aus Mitleid Almosen zu spenden, andere nicht. Denise war es damals gleich und sie überließ alles bereitwillig, teils um zu vergessen, teils um in Ruhe gelassen zu werden. Vergessen war erfolgreich gewesen, denn weder Namen noch Gesichter blieben hängen. Zwischen ihnen bestand kein Kontakt, selbst davor nicht. Denise erfuhr nie wieso. Jetzt wüsste sie es gerne. Sie wüsste gerne, ob die finnische Frau vom Vortag vielleicht Familie war. Möglich wäre es doch, dass jemand ihr etwas zurück geben wollte. Ein Fenster zur Vergangenheit, sozusagen.

Aber warum dann so, ein fucking Smartphone?! Rationales Denken, so verräterisch. So nicht, nein, so nicht… aber das Haus kam näher, drückte sich mächtiger gegen den Horizont, wann immer Denise es sah und wenn sie es sah loderte Schmerz.

Nur die Allergie. Augentropfen. Einfach schwimmen, einfach schwimmen. Schwimmen wurde schwerer, wenn man keine Luft bekam. Wenn Lungenflügel sich in schwere Wasserschläuche verwandelten. Ich hab Nemo gestern noch gesehen.

Pollen bedeckten ihr Fenster mit einer gelben Schicht. Als sie scharf Frustration ausatmete, meinte sie tatsächlich ein Rauschen in ihrer Brust zu hören, Wasser. Der Glasreiniger von Sidolin roch nach Zitrus. Mit Sonnenbrille über den kochenden Augäpfeln hing sie an der Scheibe wie eine mutierte Fliege. Seth Brundle wäre stolz auf mich, dachte sie und lachte nicht. Nach vollendeter, lange aufgeschobener Haushaltspflicht begegnete Denise in der Küche einer zweiten aufgeschobenen Haushaltspflicht. Der überkochende Müll forderte schon seit Tagen ihre Faulheit heraus. Dankend nahm sie die Herausforderung an und brachte ihn runter, den Zitrus-Glasreiniger nach kurzem zögern mit zum Müllhaus nehmend. Sie warf ihn nicht weg, sondern stellte ihn neben die Restmülltonne. Er war eindeutig noch voll und vielleicht würde sich ein Nachbar freuen, ihn hier zu finden. Absurde Logik, Darling. Auf dem Rückweg in ihr Appartment kam sie nicht an den Narzissen vorbei, ohne sie zumindest zu bemerken. Egal wo, Gelb war unmöglich zu ignorieren. Denise zwang sich zu einem Blick in das Beet. Die Blumen starrten zurück.

Augenreiben.

Zur Sonne hin ausgerichtet, wie jede andere Pflanze. Oder, das machen die doch so? Vibrieren in ihrer Hosentasche. Jemand, den sie nicht kannte, rief auf ihrem Handy an. Ihrem Handy, da war sie sich ganz sicher. Kein Sprung auf dem Bildschirm. Sie starrte auf die Nummer und einen eisigen Moment lang fragte sie sich, ob jemand sie mit dem Wiko anrief, jemand, der in ihrer Wohnung auf sie wartete und vielleicht schon die ganze Nacht unter ihrem Bett lag, der sie verfolgt hatte, über eine installierte Phone-Tracking-App. Shit, warum hab ich mir das Teil nicht angeguckt?! Ist nicht mal gesperrt! Ja, aber warum ruft er dich jetzt an, es ist ganz sicher ’n Kerl, nur perverse Kerle machen sowas, hey, du bist draußen, er ist drinnen, du kannst einfach gehen, die Polizei rufen, macht das Sinn?

Keltainen?“

…wie bitte, wer ist da?“ Der Anrufer war ein Mann. Er war sichtlich verwirrt, als hätte er weder den Namen noch die Stimme erwartet. Denise rollte ein ganzer Steinschlag vom pochenden Herzen: „Keltainen. Ich bin Kellnerin im Yellow Jacket und wen immer Sie da zu erreichen Versuchen hat sein Handy bei uns liegen lassen. Mit wem sprech-“ Also das macht nun wirklich keinen Sinn, was faselst du da, das ist dein Handy, nicht das andere, mein Gott, reiß dich mal zusammen, De-

Denise, hast du meine Nummer gelöscht?“ Der Steinschlag rollte tiefer und tiefer. Erleichterung stürzte mit ihm hinab. Zurück blieb ein kahles, wundes Grauen. Ein Schatten aus der Zeit legte sich über den Hörer. Denise erkannte ihn an der Art und Weise, wie er ihren Namen rief, alle Kinder erkennen ihre Eltern an der Art und Weise, wie sie ihre Namen rufen und die Telefonnummer, natürlich, es war seine, gelöscht, wie alles andere, das von ihm übrig geblieben war: „Papa?“

Du bist tot

Aber du bist tot. Du bist seit Jahren Tod!

…was ist los, Näschen? Du klingst ’n bisschen verheult.“ Verschnupft, hätte sie beinahe gesagt, als wäre das ein normales Gespräch. Besorgnis. Wie lange hatte sie das schon nicht mehr gehört? Was ist denn, Näschen, wer hat dir das Herz gebrochen? Etwas lief gerade sehr falsch. Schmerz in den Augen. Und die Narzissen beobachteten sie, ängstigten ihre Worte auf das gespannte Seil des Ungesagten zwischen ihr und ihm. „Alles gut bei dir?“ Der Ton wurde ernster. Seine Besorgnis ballte sich nur dann, wenn er spührte, dass etwas sehr falsch lief, sehr, sehr falsch, zum Beispiel lange Ärmel im Hochsommer, die Denise nicht hochkrämpeln wollte. Weibliche Intuition, nannte er das, obwohl er definitiv nicht weiblich war: „Denise, sag mir bitte was los ist.“

Und endlich sagte sie es: „Was ist das für ein Haus?“ Nein, du bist tot, das ist los, du bist tot, wieso sagst du- Auf der Seite ihres Vaters schallte ein Hupe.

Was für ein Haus?“ Asko drehte sich auf dem Fahrersitz, um nach dem Arschloch zu suchen, das ihn an einer roten Ampel anhupte. Als er wieder auf die Straße sah, sprang sie gerade auf gelb. Er klemmte sein kleines Wiko zwischen Schulter und Ohr, krallte mit beiden Händen an das Lenkrad und widerholte die Frage, nicht fähig die Angst in seiner Brust zurück zu halten.

Das gelbe Haus.“

Sämtliche Haare seines Körpers sträubten sich. Sogar sein grauer Bart schien so etwas wie Krämpfe zu haben und wenn sein Kopf nicht längst brach liegen würde, sähe es da wahrscheinlich nicht anders aus, wie bei einer Katze. Er wollte ihnen schon seit Ewigkeiten eine Katze holen. „Denise, wo hast du es gesehen?“ Verdammte scheiße, es hat doch gebrannt, es hat ganz sicher gebrannt! An der nächsten Kreuzung wartete eine zweite rote Ampel auf Asko, er bremmste ab. Wieder hupte jemand hinter ihm, den er nicht sehen konnte. In den Sekunden, in denen er auf eine Antwort wartete, nahm er die rechte Hand vom Lenker und fasste in die Brusstasche seines Parkers. Der Schlüssel war da wo er sein sollte, nicht in seinem Besitz, aber unter seiner Kontrolle, das Haus war unter Kontrolle, abgesperrt, abgebrannt: „Wo?“ Die Ampel schaltete Gelb.

Ein Handy“, sagte sie. Treppenstufen, schweres atmen auf ihrer Seite der Leitung, als würde sie rennen. Und Asko hatte die gleiche, schreckliche Idee. Er hielt das Wiko vor sein Gesicht, Modell Lenny 2, so ein furchtbar schlechtes Scheißteil, er brauchte dringend ein neues, und er sah es, sein einziges Familienfoto. Im Hintergrund kauerte, klein, beinahe unkenntlich, das verdammte Haus, ein gelber Hals zwischen dem blauen Himmel und dem roten Buchenwald, der Hals dieser kleinen, so mühsam versteckten Welt auf seinem Smartphone. Hupen, viele hupten hinter ihm. Auf Denise Seite schnappte ein Schloss, was Asko nochmal nach dem Schlüssel tasten ließ. Immernoch da. Aber außer Kontrolle.

Es ist deins!“, heulte seine Tochter. Wieder gelb, Asko sah es nicht und drückte auf das Gaspedal, warum sollte er auch nicht, da hupte doch jemand. Seine Aufmerksamkeit ganz der Zukunft verfallen, in der es ihn nicht mehr gab, von der er wusste, an die er nicht glauben wollte. Jehne Zukunft entfaltete sich in dem Moment, als die Ampel auf Rot blutete und seine Tochter ihm endlich sagen konnte:

Papa, du bist tot!“

Ich muss gehen

Der Anruf brach etwa zu dem Zeitpunkt ab, in dem der 40-Tonner LKW von MAN den kleinen Opel Corsa auf die Fahrerseite küsste. Jahre später sah seine Tochter im selben Moment, mit ihren eigenen, geschwollenen Augen, wie das beim Zusammenstoß beschädigte Telefon ihres Vaters sich selbst auflegte. Zurück blieb der Hintergrund. Das Familienfoto mit dem Haus. Von Buchen war nichts mehr zu sehen, als hätte es den Wald verschlungen. Nur der dämmernde Himmel verblieb, und die drei Erdgebundenen unter ihm. Sechs Augen, alle in Richtung des Sprunges ausgerichtet, der wieder den grundlosen Gedanken an einen Schlüssel herein wehen ließ. Denise fand nichts auf dem Speicher. Leere Gallerie, natürlich abgesehen von einem Bild, keine Kontakte, außer ihre eigene Nummer, keine SMS, nichts. Datum und Uhrzeit lagen exakt auf dem Todeszeitpunkt ihres Vaters, zumindest wusste sie, das es dieser Tag war, und es muss 14:47 Uhr sein, sonst wäre sie nicht da stehen geblieben, DENISE, was denkst du da eigentlich für Müll, er ist tot, das kann nicht seins sein, er kann nicht mit dir gesprochen haben, die Narzissen dich nicht beobachten, das Haus nicht näher kommen, die Fenster… Eine leuchtende Schicht Pollen bedeckte jeden Zentimeter des Glases, als hätte ein monströses, formloses Gelb sein wachendes Auge an den Rand ihrer Welt gedrückt. Ich werde beobachtet, dachte sie augenreibend. Das Stechen wurde zunehmend unerträglicher und die Augentropfenflasche leerer. Im Badezimmer wusch sie sich das Gesicht so energisch, das Wasser in Mund und Nase gelangte, Ertrinken. Warum sollte ich nicht? Papa getötet. Keine Badewanne. Will nicht mehr, weiß nichts mehr. Im Spiegel stand ein rot äugiges Elend, fett, verrückt. Warum sollte ich nicht? Mama ist auch so gegangen. Oder? Wie viel hast du mir nicht erzählt? Hm?

Vibrieren. Kalter Puls. Eine SMS war bei ihr angekommen, selbe Nummer, solide Angst. Zahlen. Koordinaten. 61.332945, 26.058605. Zitternde Finger tippten sie auf Google Maps und verloren merklich an Kraft, als der rote Pfeil auf einem Ort in Finnland nieder fiel. Damokles Schwert hing im Nirgendwo, Denise änderte zur Satelitenansicht und sah bewaldete Hügel, zu deren Füßen eine unbefestigte Schotterstraße schlief. Am Ende jehner Straße war ein dunkler Fleck. Kein Gelb, bloß schwarz, verkohlt. Denise wusste, was dort einmal drohte und wer es vor der Welt versteckte. Ideen vernetzten sich in ihrem Kopf: dunkle Geheimnisse ihrer obskuren Familie, begrabenswerte Geheimnisse. Mama. Denise wusste nichts über ihre Mutter, abgesehen vom Namen und wie sie starb. Bilder von Aili Keltainen bekam sie niemal zu Gesicht. Asko sprach selten über seine Frau. Angeblich wachte er eines Morgens in einem kalten Bett auf und fand ihren leblosen Körper in der Wanne. Mehr erzählte er nicht, es sei zu schmerzhaft und er wolle nicht vor seinem Kind darüber sprechen. Oder wütend werden. Jeder Mensch verarbeitete Trauer anders und Papa zürnte, sobald das Wort Mama fiel. Denise erbte das von ihm, ihr Temparament war sogar um einige Kettenglieder kürzer. Passive Aggressionen hatten ihr das Unbekannte auferlegt, das Furcht in ihr legte. Furcht und Verlangen. Das Verlangen nach Antworten. Verloren in Gedanken zogen ihre Finger an der virtuellen Landkarte. Heinola. Lahti. Hellsinki.

Auf dem Fensterbrett landete eine Taube. Ich muss gehen.

Es begraben

Und ich höre nicht mal Musik, dachte Denise, wie ihr auf der E75 in der Dämmerung die ersten Scheinwerfer seit ungezählten Kilometern entgegen kamen. Schnee glitzerte an vereinzelten Stellen über dem Frühling, der in diesem Teil der Welt noch zögerlich aus dem kalten Boden wuchs. Für Denise war das erleichternd, allergische Beschwerden hielten sich zurück. Die Augenschmerzen ließen merklich nach und sie fragte sich, ob das daran lag, dass der Mietwagen dem roten Pfeil im Nirgendwo immer näher rückte. Den Flug und den Wagen zu buchen war einfach gewesen – zu einfach. Als würde es wollen, das ich komme. Der einsame Gegenverkehr passierte sie und Denise war wieder alleine in wachsenden Schatten. Die erste Hälfte der Fahrt lag bereits hinter ihr und sie wünschte sich nichts mehr, als umdrehen zu können. Zurück zum Tageslicht, zu den tauenden Seen, den grünen Nadeln, der blassen Sonne. Aber es wurde mit jeder Meile dunkler. Im Scheinwerferlicht glühte der Schnee lockend wie die Lampe eines Anglerfisches. Die Bäume am Straßenrand zerflossen zu seinen lauernden Kiefern in der Tiefe. Dahinter spiegelten die Seen das Nichts einer langen, sternenlosen Nacht. Denise fuhr an den letzten Lichtern der letzten Ortschaft vorbei, die auf ihrem Weg lag. Nur eine halbe Stunde trennten sie vom gelben Haus, oder seiner Leiche. E75 wurde verlassen. Es dauerte nicht lange, bis die Landstraße leicht kippte Schotter hinter den Reifen bergab floh. Die lauernden Kiefer in der Tiefe wuchsen mit den Hügeln und der Schnee lockte im Scheinwerferlicht heller, sie war fast da, fast verschwunden.

Ein umgestürzter Baum. Totholz, viele Winter alt. Dazwischen etwas, das wie Geweih aussah. Denise kniff ihre Augen zusammen und konte nichts erkennen, außer, dass der Mietwagen niemals hier durch kommen würde. Geistesabwesend löschte sie den Motor. Augenblicklich presste Dunkelheit gegen Metall, das Auto stöhnte unter dem Druck, hölzernes krachen, Denise griff nach ihrem Handy und schaltete die Taschenlampe ein. Das Licht war zu schwach, um mehr als die graue Motorhaube des Fremdkörpers zu beleuchten. Alles andere tauchte unter. Von ihr wurde erwartet, das sie mit ihnen tauchte. Den Fremdkörper zurück ließ. Wärend dem Aussteigen bemerkte Denise den schlüssigen Sprung im Bildschirm. Das gelbe Haus nahm den gesamten Hintergrund ein. Außerdem bemerkte sie, dass die umgestürzten Bäume in zwei gesplittert waren. Vom Geweih fehlte jede Spur – abgesehen von einem frischen Trampelpfad zwischen dem Totholz. Der verbliebene rationale Teil ihres sinkenden Verstandes schrie ihr in beruhigender Panik das Wort Elch ins Ohr, natürlich hörte Denise längst nicht mehr zu. Rationales schimpfte alle vergangenen Geschehnisse Zufall. Ich denke nicht. Zufall hätte nicht ermöglicht, dass ihre Aggressionen sie das gesprungene Telefon ihres Vaters fand. Zufall hätte Vater und Tochter nicht ein letztes Mal miteinander sprechen und einen von ihnen gehen lassen. Zufall hätte den Weg zurück nachhause nicht so einfach gemacht und Zufall hätte sie eine richtige Taschenlampe mitnehmen lassen. Stattdessen war das Weg leuchtende Irrlicht in die Unwirkichkeit das gelbe Haus. Und nicht länger fürchtete sie das Licht, das grelle Gelb, ihre Augen blickten klar und ihre Lungen füllten sich mit sauberer, kühler Luft. Über ihrem Kopf summten rote Buchenblätter im Wind, der an ihren Rücken drückte, vorwärts, den Pfad nach oben. Das Summen stieg mit ihr auf, zu immer helleren Tönen, hellerem Schein. Rot. Schwarz. Stille.

Denise war da. Hier, unter der Morgensonne, ruhte es in Unfrieden: ein untotes Plateau verbrannten Fluches auf vergiftetem Boden. Um den blähenden Tumor der Heide kreiste von Asche ergrautes Gras. Nicht einmal der Wind wagte es, die verseuchte Erde jenseits der Baumgrenze zu berühren, aus Furcht, die Krankheit in den Wald zu tragen. Was immer hier lag, lag schon lange hier. Es versteckte sich und konnte nicht gefunden werden von den Urmächten, denen dieses Land gehörte.

Deshalb bin ich hier.

Nur ich kann es finden.

Es begraben.

Durch das Tor

Der Schlüssel steckte noch in der Tür und das geschmolzene Schloss händigte ihn Denise nach kurzem drehen und ziehen aus. Es war zu einfach, schon wieder. Es will, das ich es finde. Warum sollte es auch nicht? So funktionieren die besten Fallen. Sie drehte den Schlüssel in der Hand. Er war schwer und ließ Ruß an ihren Fingern zurück. In der anderen Hand hielt sie das Wiko. Denise hielt beide Gegenstände vor sich. Der Sprung. Der Schlüssel. Sie schaltete das Handy ein. Hinter ihrer Familie war nur noch die große, gelbe Tür des Hauses zu sehen und das Schlüsselloch überlagerte sich dort mit dem Sprung, wo alle Risse zusammen führten.

Der erste irrsinnige Gedanke war der Richtige. Sie drückte den Schlüssel direkt darauf und er glitt in die zerbrochene Oberfläche, als wäre sie ein Schloss. Drehen. Klick. Die Tür öffnete sich weit und entblößte ein tiefschwarzes Quadrat, das rasch an Größe zulegte. Nacheinander verschluckte es sie. Erst Mutter, dann Vater, und dann aktivierte sich die Frontkamera. Denise kniff sofort die Augen zu. Blinzelte. Öffnete sie wieder. Keine Schmerzen. Aber es war da. Es war da, in voller Größe, viel Größer, als die Kamera es fassen konnte. Ihr Puls schlug hoch und setzte aus, sobald sie das Handy sinken ließ, denn es war wirklich da. Sie hatte es endlich gefunden. Wärme. In ihrem Rücken radierte die aufgegangene Sonne über das Verdorbene Land und die Rotbuchen erwachten brüllend zu einem Sturm, der die Asche fort bließ. Weiter. Denise wurde an der Schwelle erwartet. Höflich hielt er ihr die Tür auf, um sie Zuhause willkommmen zu heißen. Ihr Vater trug einen furchtbaren Anzug, der praktisch mit dem schmutzigen Gelb des Staub atmenden Teppichs im Flur verschmolz. Sein graues Gesicht wirkte wie aus Stein gehauen. Er sah der Tochter auf der Schwelle nicht in die Augen sondern lief den Flur entlang und viele Kreaturen aus Staub und Asche folgtem ihm. Ihnen folgte Denise in keine bestimmbare Richtung. Wände, Decke und Licht schoben sich in der einheitlichen, verblassenden Farbe nahtlos ineinander. Einige Winkel vielen an Stellen ab, an denen andere aufwärts kletterten. So entstand der entrückte Eindruck einer ungeheuer schiefen Welt, sich in grenzenlose Dimensionen der Klaustrophobie verirrend. Mehrmals stolperte sie über Stufen von ziellosen Treppen ohne Sinn. Ihr Vater stolperte ebenfalls, meistens vor ihr, trotzdem war es ihr unmöglich zu erkennen, wie sie ihre nackten Füße anheben sollte, um dem zu entrinnen. Asko Keltainen stolperte ein letztes Mal und viel der Länge nach in den Boden. Staubkreaturen zogen Denise mit sich nach unten, der Flur verschwand und wich einer Garderrobe. Sie fragte sich gerade, wohin die endlose Zunge jehnes platzlosen Flures sie versprochen hätte, wenn sie nicht unter ihr hindurchgerutscht wäre, als ein Kleid in ihren Armen landete. Beim hinabsehen fiel ihr auf, das nicht nur ihre Füße entblößt waren. Um sich zu bedecken musste sie sich in der Farbe des Hauses kleiden – vorzugsweise blieb sie nackt, da es keinen Unterschied machte: „Ich hasse Kleider“, sagte Denise.

Zieh es bitte an. Es macht keinen Unterschied“, sagte Asko.

Wenn es keinen Unterschied macht, dann muss ich es auch nicht tragen. Und ich hasse gelb!“

Gewöhn dich besser daran. Hier ist alles Gelb. Ziehst du dich jetzt bitte an?“ Sie tat es, wenn auch quängelnd. Ihr Vater nahm sie an seine große Hand. Denise war klein. So klein, wie sie sein sollte, so klein, dass sie sagen konnte, sie sei schon ein großes Mädchen und müsste nicht an der Hand gehalten werden. Er ließ nicht los. Stufen, viele Stufen in zwielichtiges Überall. Hin und wieder sah Denise den Flur und andere Räume, myriade Möglichkeiten, sich zu verlieren. Papa kennt den Weg. Er ist ja schon lange hier. „Papa, wie lange lebst du hier schon?“

So lange wie du“, antwortete er.

Und wie lange ist das?“ Er schwieg. Ich habe lange im gelben Haus gelebt, dachte sie und damit war sie zufrieden. Zeit ist für Kinder unwichtig. Die Naht der Fantasie war noch ganz und die weiche Füllung noch drinnen. So, wie es sein sollte. „Wo gehen wir hin?“

Mama besuchen.“ Sein Griff festigte sich und entließ sie vor einer schweren, gelben Flügeltür aus Holz. Unter dem Türspalt flackerte Licht.

Ist sie da drinnen?“, fragte Denise.

Ja… „ch möchte, dass du weißt, dass das hier nötig ist. Ich bin bei dir.“

Sie gingen durch das Tor.

Ich werde immer Kontrolle haben

Die Halle der Konfrontation sah dem Rest des Hauses, bis auf die Farbe Gelb in allen Ecken, nicht ähnlich. Er war sauber, von schwindelerregender Größe und die von der Tür aus gesehene Wand ein einziges, schwindeliges Sprossenfenster, zu dem der rote Buchenwald herein winkte. Untergehende Sonnenstrahlen verloren sich im möbellosen Inneren. Einzig die Bäume warfen lange, greifende Schatten hinein. Denise folgte den Sprossen mit den Augen nach oben. Der Raum verfügte über keine Decke – er spiralte sich in einem haltlosen Wahnsinn von Licht, Schatten und den geistlosen Winkeln zwischen ihnen in einen Albtraum, an dessen Ende nur vielleicht ein Erwachen wartete. Lauwarmes Wasser tropfte auf ihre Stirn, wie sie atemlos in Unendlichkeit schwelkte. Ein kleiner Finger strich das Nass von ihrer Stirn: Badewasser, dachte sie und leckte sich die Lippen.

Willkommen Zuhause.“ Denise senkte den Blick. In der Mitte der Halle stand Aili Keltainen in einem Kleid, das dem ihrer Tochter auf die Faser glich. Sie lächelte. Es war kein mütterliches Lächeln. Es war hungrig: „Komm her. Ich möchte dich sehen.“ Ailis Tochter gehorchte, ein wohl erzogenes Kind, aber ihr Vater hielt sie zurück: „Lüg sie nicht an. Du weißt genau, wie sie aussieht.“

Tue ich das“, sagte Aili, ohne sich zu rühren. „Ich sehe so viele Gesichter hier drinnen, Schatz. Es ist manchmal schwer, sich alle zu behalten. Komm her, Näschen.“ Askos Bart zitterte in seinem wutvernarbten Gesicht und er lockerte den Griff um seine Tochter, damit er sie nicht verletzte. Da riss sie sich los: „Ich bin schon ein großes Mädchen, du musst mich nicht mehr halten!“ Leichten Schrittes kreuzte das Mädchen die Fliesen der Halle. Wie ein Schachbrett. „Ich bin eine Dame!“

Oh ja, das bist du. Schon ganz erwachsen.“ Ihre Mutter kniete sich auf den Boden und war trotzdem noch so groß, dass sie ihren langen Hals weit strecken musste, um dem Kind in die Augen zu sehen: „Was sehe ich da? Das sind ja meine Augen…“

Tropf.

Nein. Die hat sie von mir“, sagte Asko.

Es sind meine“, sagte Aili, ohne ihren Mann anzusehen. „Schon seit ihrer Planung.“

Aber deine Augen sind schwarz, Mama! Meine sind doch blau, wie die von Papa“, kicherte die kleine Denise. „Ich habe keine Augen“, sagte Mama und renkte ihren Unterkiefer aus. Ihr langes Maul schnappte auf wie die Arme eines Kraken und statt Zähnen senkten sich Saugnäpfe auf den kleinen Kopf ihres Fleisch und Blutes. Denise schrie, warf sich rückwärts, aber lange, starke Arme fingen sie auf und drückten sie in eine Umarmung des Grauens. Saugen. Blut, das in ihren Schrill schreienden Mund lief und sie husten ließ. Aili ließ von ihr ab, der Schädel wölbte sich, zuckte, schluckte und stieß ein zweites Mal zu. Denise sprang ihrem Vater entgegen und sie sah nur ein blinzeln lang, wie er nicht hinsah, bevor er hinter saugendem Fleisch verschwand und sie auf den Boden gedrückt wurde: „MAMA, DU TUST MIR WEH! PAPA, WARUM TUT MAMA MIR WEH?! PAPA SIE TUT MIR WEH, ICH SEHE NICHTS, ICH SEHE NICHTS, BITTE HÖR AUF, AUF, AUUU!“ Dann war es vorbei. Denise kroch mit gießenden Augenhöhlen über den Schachbrettboden, blind, geschlagen.

Tropf. Tropf.

Ooh, ich habe so lange darauf gewartet, dass du kommst! Es hat mit den Anderen nicht funktioniert. Ihre Augen haben nicht gepasst. Aber dann wurde ich schwanger und ich wusste, es würde funktionieren. Wenn es mein eigenes Kind ist, dann funktioniert es. Es funktioniert! Es- nein. Wie- was ist hier los?“ Sie schlug ihre großen Klauen über den Löchern zusammen, die leer blieben. Denise warf sich auf den Rücken, blinzelte und ihre Höhlen füllten sich. Sie sah an sich hinunter. Ich bin eine Dame!

NEIN“, heulte das Monstrum und wich zurück, stolperte über Schatten, die sich sofort um ihre Knöchel und Handgelenke schlangen. Denise stellte entsetzt fest, dass die Schatten auf dem strampelnden Körper die Form von Kinderhänden annahmen. Sie rächen sich. Erst hatte sie ein Kind werden und es selbst erleben müssen. Ihr Vater musste sterben um sie im Tod zu führen, wo er sich doch im Leben zu sehr davor fürchtete. Alle Linien trafen sich hier, im gelben Haus, das an Rache erkrankte, Rache für die schreckliche Suche nach der Nadel für die gerissene Naht der Zeit. Denise erhob sich über dem Monster zu ihren Füßen: „Es ist vorbei, Mama. Ich bin ihr Zeuge.“

ICH-“, das Monster kämpfte mit Zähnen und Klauen gegen die ausbreitenden Schatten, krümmte seine Wirbelsäule, schnappte nach Luft, aber atmete nur Badewasser ein, das nun in Sturzbächen von der einstürzenden Decke regnete. „ICH KONTROLLIERE DIESES HAUS, ICH HABE MICH HIER EINGESPERRT, ICH HABE ES VERSTECKT, ICH HABE DICH GERUFEN, DU, DU BIST GEKOMMEN, DU-“

Du hattest nie die Kontrolle. Niemand kontrolliert irgendwas und weil du das nicht akzeptieren kannst, bist du hier. Und sie sind deshalb auch hier. Und sie haben genug!“

Die Kinderhände legten sich zu Hunderten um den gierigen Hals, in dem so viele Augen verschwanden. Sie drückten zu. Das Monstrum röchelte, seine schwarzen Augen sprangen auf, flackerten zurück in eine Zeit, in der sie diesen Ausgang verhindern hätten können. Zurück zu ungetroffenen Entschedungen. Unerforschten Pfaden. Aili Keltainen starb ohne Reue:

Ich… werde immer Kontrolle haben.“

Frieden

Und so ging es zuende mit der Erinnerung an ihre Mutter. Wo eine Ruine schlafen sollte, schlief eine Ruine. Wo das Gras grün und die Natur atmen sollte, war das Gras grün und die Natur atmete.

Wo Worte gesagt werden mussten, wurden Worte gesprochen: „Alles, was du jetzt noch tun musst, ist loslassen.“

Ich möchte dir noch so viel sagen.“ Sie umarmten sich vor der schwarzen Ruine. Die Sonne stand hoch und sie warf friedliche Schatten auf das gesunde, grüne Gras. Denise weinte, unfähig, mehr als das zu sagen. Sie wollte ihrem Vater noch so viel sagen, aber was wollte sie ihm sagen? Wäre es besser, nichts zu sagen, sagte das genug?

Näschen…“, flüsterte er behutsam und tätschelte ihren Rücken. „Du bist größer geworden als ich.“

Ich bin fett, ich weiß“, sagte sie, aber musste dabei lachen.

Gepolstert, Näschen. Was hab ich dir denn beigebracht?“

Das ich so viel essen darf wie ich will?“ Sie ließen voneinander ab.

Das du dich für deinen Körper nicht schämen musst, blabla, keine Lust das jetzt nochmal zu diskutieren. Wir haben nicht viel Zeit. Wir sollten sie nutzen!“

Ja…“ Schweigen.

Nicht für peinliche Stille. Frag mich was. Irgendwas! Das ist ein guter Anfang.“

…wo sind sie hin? Wo-… wo gehst du hin?“
„Nirgendwohin.“ Asko nahm eine ihrer Hände zwischen seine. Sogar sie waren größer. „Ich bin geblieben, weil ich noch was zu erledigen hatte. Ich sollte dich führen. Dir Dinge zeigen, denen ich mich zu Lebzeiten nicht stellen konnte. Und auch sie hatten noch was zu erledigen. So… abscheulich die Absichten auch gewesen sein mögen. Und danach ist nichts. Wie auch davor.“

Oh. Okay.“ Es wird also wirklich kein zweites Mal mehr geben. Schweigen.

Wenn dir nichts mehr einfällt – naja, ich bin sicher, dir fällt später noch was ein, auf dem Heimweg, auf der Toilette, da, wo du es auf jeden Fall nicht mehr brauchst – dann möchte ich noch etwas sagen. Ich war glücklich mit unserer Familie… sehr glücklich. Und ich wünschte, du hättest anders aufwachsen können. Mit einer Mutter. Ich habe viel vor dir versteckt und dir damit eine Bürde auferlegt, die nicht nötig gewesen wäre. Kein Kind… kein Kind…“, seine Stimme brach, „…sollte die Fehler seiner Eltern gut machen müssen.

Ich verlange nicht, dass du mir vergibst… aber bitte, vergiss nicht, dass du für mich alles warst. Und das du nicht fett bist. Und das Finnisch eine wunderschöne Sprache ist, die du lernen solltest! Und das unsere Familie grässlich ist, aber auch nur, weil ich grässlich zu ihnen war und du bist nicht ich! Und das du mein Näschen warst und bleiben wirst. Guten Morgen, Denise! Ich hoffe, dein Tag wird besser als meiner!“

Und er war fort, wirklich fort, wie er es sein sollte.

Denise blieb noch Stunden auf der geheilten Heide sitzen. Erst in der Dämmerung, mit der Abendsonne im Rücken, ging sie den Trampelpfad zurück. Die Buchen sangen mit vollstem Geäst triumpfahle Winde durch die roten Wälder und was immer hier ruhte, ruhte in Frieden.

 

 

5 thoughts on “Ich habe lange im gelben Haus gelebt

  1. Was für ein Ritt!
    Du wiederholst sehr viel Input – das ist ein Stilmittel, ich weiß. Für mich persönlich aber ein bisschen viel.
    Der Wechsel aus sehr kurzen und sehr langen Sätze, die kleinen Denksätze in der Erzählung – all das mochte ich sehr gerne.
    Die Geschichte ist ziemlich schräg, das finde ich gut. Aber nicht zu 100 Prozent verständlich für mich und das Ende kam etwas übereilt. Ich wollte dann aber schon zu Ende lesen, weil what?! 😀

    Insta: helenfaust_buecher
    Meine Story: Blumen für Peter

  2. Das Wichtigste einer Geschichte ist der Stil – Ich glaube Philippe Djian hat das mal sinngemäß so geschrieben.
    Wenn das so stimmt, dann hast Du hier eine der besten Geschichten geschrieben, die ich seit sehr langer Zeit gelesen habe.
    Die Geschichte ist in der Tat schräg und auch für mich nicht komplett zu begreifen. Aber das stört mich nicht. Ich war ungemein unterhalten und musste mehrfach feststellen, ein Lächeln im Gesicht zu haben. Das macht für mich Literatur aus. Da ist etwas wirklich eigenes und einzigartiges entstanden. Ganz großes Kompliment und mein dickes LIKE!

    P:S. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen und ein Feedback da zu lassen… („Glasauge“)

  3. Moin,

    Lyrik, Poesie oder doch etwas ganz anderes? Keine Ahnung wie ich das eben gelesene bewerten soll. Anders ist es auf alle Fälle. So eine, auf positive Art erschlagende Wortwahl habe ich noch nie gelesen. Vieles in der Handlung der Geschichte erscheint wirr, ja fast konfus…aber es passt irgendwie dann doch zusammen. Und die Geschehnisse im Haus, lassen einem mit offenem Mund zurück.

    Für deine Art zu schreiben hast du auf alle Fälle ein Like verdient und ich lass es dir gerne da.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

  4. Ich bin erschlagen. Von den Worten, deinem Stil, der Wirrheit der Geschichte – aber nicht im negativen Sinne. Ich weiß einfach noch gar nicht genau, ob ich alles verstanden habe und lasse es erst mal sacken.
    Ein Ritt, wie oben erwähnt, trifft es auf jeden Fall sehr gut. Die Geschichte hatte unglaublich viel Tempo, das find ich toll.

    Liebe Grüße,

    Jenny / madame_papilio

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