Tina.ScottIdentität

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Dolores saß beim Küchentisch vor einer mittlerweile kalten Tasse Kaffee als ihr Ehemann ins Zimmer kam und besorgt fragte: „Lori Schatz, ist alles in Ordnung? Du siehst so abwesend aus!“ Sie fuhr erschrocken hoch und blickte ihrem Gatten ins Gesicht, verzweifelnd nach glaubhaften Wörtern suchend stammelte sie: „Ja, Bill, alles gut! Ich habe nur Kopfschmerzen. Der gestrige Abend war wohl doch etwas anstrengend!“ Milde lächelte sie ihn an und trank einen Schluck der dunklen Brühe.

Der gestrige Abend“ hallte es in ihrem Kopf nach. Ihr Mann sprach noch weiter aber sie registrierte seine Worte kaum, nickte nur ab und an in seine Richtung was ihn offenbar zufriedenstellte, denn er verabschiedete sich mit einem Kuss auf ihren Kopf und machte sich auf den Weg in die Arbeit. Lori war Lehrerin und da sie gerade ein paar Tage Ferien hatten musste weder sie, noch ihre beiden Kinder morgens außer Haus gehen, weshalb ihre beiden halbwüchsigen Jungs auch noch tief und fest schliefen, wie es für Teenager in diesem Alter anders auch eher undenkbar gewesen wäre. Der Ruhe bewusst, die sie noch einige Zeit haben würde bevor Joel und Joshua aufwachten, starrte sie auf ihre Handtasche und dachte an das Handy, welches sie gestern vor ihrem Haus auf der Straße fand und das nun in ihrer Tasche lag. Sie war mit ihren Freundinnen aus, sie feierten ohne Grund nur einfach das Leben und ihre Freundschaft die nun mehr als 20 Jahre anhielt. Ein Vierergespann an Frauen, die sich seit der Schulzeit kannten und jede erdenkliche Phase des Lebens gemeinsam hinter sich brachten. Studienzeit, Hochzeit, Kinder, gemeinsame Reisen und sogar die Scheidung einer der vier Frauen hatten sie Seite an Seite erlebt in den vergangenen Jahren. Geheimnisse teilten sie natürlich auch und das vermutlich heftigste dieser Geheimnisse war ihr eigenes, das sie nun beinahe fünf Jahre mit sich herum schleppte und von dem nicht mal ihre drei besten Freundinnen alle Details kannten. Die Eckdaten wussten sie, sie mussten doch stets als Alibi dienen wenn es für Lori von Nöten war, aber was tief in ihr drinnen noch schlummerte, begraben wie ein kalter lebloser Körper, das wussten nicht einmal die Mädels. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend ging Dolores zu ihrer Handtasche die verloren in einer Ecke am Küchenboden lag und fing an nach dem Handy zu suchen, als dieses plötzlich zu vibrieren begann und Dolores zurück wich ehe sie es dann doch in die Hand nahm und darauf blickte. Eine neue Nachricht!

Da das Gerät ohne PIN Code funktionierte konnte Lori bereits am Vorabend einen Blick auf die gespeicherten Daten des Handys werfen. Eigentlich dachte sie somit den Besitzer ausfindig zu machen, doch als sie das Teil durchforstete, fand sie jede Menge heftiger Fotos. Fotos auf denen sie selbst zu sehen war. Vor ihrem Haus, in ihrem Haus durchs Fenster fotografiert, vor der Schule in der sie arbeitete, am Heimweg, beim Einkaufen, bei den Treffen mit ihren Freundinnen, ja sogar vorm Fitnessstudio und am allerschlimmsten waren die Fotos auf denen sie und Dean zu sehen waren. Dean! Dean, oh mein Gott Dean, sie musste ihm sofort schreiben, sie mussten sich so schnell wie möglich treffen. Jemand wusste was da lief. Sie wurden beobachtet, verfolgt und fotografiert und das,

wenn man sich die Bilder ansah, schon über einen ziemlich langen Zeitraum. Zu lange. Jemand wusste vermutlich ALLES was es zu wissen gab, die ganze Geschichte von Dean und ihr und ihrer beider tiefstes Geheimnis, das sie seit bald zwei Jahren teilten. Doch bevor sie ihn anrufen würde, wollte sie die neue Nachricht öffnen und sehen, was darin geschrieben stand. Zögernd glitten ihre Finger über das Display und es poppte der Text auf:

>>Das du dieses Telefon gefunden hast, ist kein Zufall! Ich sorge dafür, dass sich dein Leben ändert…<<

Absender unbekannt.

Sie fühlte ein warmes, fast brennendes Gefühl ihre Speiseröhre herauf kommen und im nächsten Moment musste sie sich übergeben.

Dean saß am Schreibtisch in seinem kleinen stickigen Büro. Rechts von ihm stand ein Foto von seiner Frau und seinem Sohn, links von ihm lag sein Handy und daneben stand ein Becher frischer Kaffee, den ihm seine Sekretärin wenige Minuten zuvor gebracht hatte. Er griff nach der Tasse, machte einen Schluck und verbrannte sich dabei die Zunge, dann drehte er seinen Kopf in Richtung des Bildes. Seine Frau war noch genau so schön wie vor zwanzig Jahren als sie heirateten. Auch sein Sohn war mittlerweile ein hübscher Junge von Achtzehn, er fand, dass er ihm sehr ähnlich sah und auch von der rebellischen Art her, ganz nach ihm kam. Es war keine Frage, er liebte seine Familie, er liebte seine Frau, aber er fühlte sich einfach nicht vollkommen, keinen einzigen Moment den er an ihrer Seite verbrachte. Mit Lori war das anders. Lori! Seine Gedanken schweiften ab zu ihrem letzten Treffen vor einer Woche. Sie trafen sich, wie immer, heimlich am späten Abend in ihrer Hütte im Wald. Ein kleines fast verfallenes Holzhaus mit nur einem Raum. Es war im Besitz von Lori‘s bester Freundin Jenna, die es von irgendeinem verstorbenen Onkel geerbt hatte und die es ihnen für die geheimen Treffen zur Verfügung stellte. Jenna wusste von der Affäre zwischen Dean und Dolores, wenn er ihr auch bisher nie begegnet war, er war dankbar dafür, dass sie die Klappe hielt und ihnen dieses kleine Domizil lieh. Ihre Dates liefen immer nach dem gleichen Schema ab: sie trafen sich zu einer bestimmten Uhrzeit bei einem Parkplatz einige Kilometer von dem Wald entfernt in dem sich die Hütte befand. Lori stieg zu Dean in den Wagen und sie fuhren zu ihrem kleinen Versteck. Dean hatte immer eine gute Flasche Wein dabei, gelegentlich auch eine Kleinigkeit zu Naschen und ab und an ein hübsches Geschenk. Dolores war für die Romantik zuständig und brachte immer Kerzen mit. Die Hütte war mit einem gemütlichen Bett ausgestattet, einem alten Tisch mit zwei Sessel und einem kleinen Schrank bei dem die Türen nicht mehr wirklich hielten. Sie hatten selten länger als zwei Stunden Zeit für einander, da beide wieder zurück in das reale Leben mussten. Zurück zu den Ehepartnern und ihren Kindern. Zurück zu Alltag, Lügen und Sehnsucht nacheinander, doch die kurzen Momente die sie miteinander teilten, die waren für ihn absolut erfüllend. Sie konnten miteinander reden, lachen und vor allem war der Sex ein Wahnsinn. Er wurde nicht müde zuzusehen, wie sich Lori langsam ihrer Kleider entledigte, alles sanft von ihrem Körper streifte um jedes Mal in einem anderen aufregenden Dessous vor ihm zu stehen und ihn mit ihrem tief sinnlichen Blick fordernd ansah.

Als seine Gedanken gerade die sanften Berührungen ihrer samt weichen Haut aufrufen wollten riss ihn ein lauter Klingelton aus seinen Tragträumen. Sie hatte wohl gespürt, dass ich gerade an sie denke, dachte er bei sich, als er aufs Display starrte, den es war Lori. Er konnte nicht einmal ein einziges Wort fassen den Dolores keuchte ganz verstört ins Telefon: „Dean, wir müssen uns treffen und dass so schnell wie möglich. Ich habe ein Handy gefunden auf dem lauter Bilder von dir und mir gespeichert sind und dann kam heute diese Nachricht. Jemand weiss, was wir getan haben, jemand hat uns beobachtet. Dean, ich habe Angst!“

Es dauerte einen Moment bis er seine heißen Phantasien beiseite kehren und ihren Worten folgen leisten konnte, doch es war nicht die Art von Gespräch mit der er gerechnet hatte. Wovon sprach sie da? Er hielt inne und versuchte die Sätze die sie so hektisch ins Telefon sprach zu verarbeiten. „Heute um 20.00 Uhr, du weißt wo!“ schnaubte sie in den Hörer bevor sie sogleich auflegte.

Sie wartete in ihrem Auto auf dem dunklen, verlassenen Parkplatz und spürte jeden ihrer Herzschläge bis hinauf in den Hals. Heute galt das Pochen jedoch nicht dem attraktiven, großen Mann mit den perfekten Zähnen und den azurblauen Augen, nein heute schlug es vor lauter Panik und dem Gefühl auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden. Das Handy lag neben ihr auf dem Beifahrersitz, immer noch am Ladekabel angesteckt, da es kaum noch Akku besaß als sie von Zuhause weg fuhr. Zu Bill hatte sie gesagt, sie müsse sich mit ihrer Chefin Amanda treffen, das war immer eine glaubhafte Ausrede, wenn sie weg musste, denn Bill hatte keinen Kontakt zu ihren Kollegen aus der Schule. Als Lori erneut einen Blick in Richtung Telefon warf, blitzten hinter ihr die Scheinwerfer von Dean‘s Wagen auf. Er hielt neben ihr an und sie wechselte samt dem kleinen Teufelsteil und ihrer Tasche hinüber in sein Auto. Nicht wie gewohnt mit einem langen, innigen Kuss sondern der forschen Aufforderung: „Fahr los!“ wurde er von ihr begrüßt.

Er war ruhig und wartete ob sie etwas sagte, doch sie war still, die ganze Fahrt bis zu der Hütte sagte sie kein Wort und er fragte auch nicht nach. Sie würde es ihm dann schon erklären, würde die wirren Worte von heute Morgen klarstellen und dann könnten sie den Abend noch mit einer heißen Betteinlage ausklingen lassen. Wein hatte er jedenfalls noch in den Kofferraum geworfen um für alle Fälle gewappnet zu sein. Dolores sah immer und immer wieder aus dem Fenster und wirkte wirklich nervös, das fiel ihm schon auf, aber mussten sie sich wirklich vor irgendetwas sorgen, oder vor irgendjemandem? War ihr Mann der Affäre auf die Schliche gekommen und terrorisierte er sie jetzt etwa bis sie mit einem Geständnis herausrücke oder – und dann hielten sie vor der Hütte und Lori riss ihn aus seinen Gedanken: „Jetzt komm endlich!“ Sie betraten den kleinen Raum und Dean setzte sich aufs Bett, erwartungsvoll schaute er sie an und wurde prompt mit dem Handy beworfen. „Was soll das?“ fragte er sie mit weit aufgerissenen Augen. „Öffne die Bilder und sieh sie dir an!“ befahl sie ihm und er gehorchte. Fotos von ihr und ihnen beiden, die eindeutig zeigten, dass sie etwas miteinander am Laufen hatten. „Woher hast du das Telefon?“ ratlos blickte er in ihren tief grünen, glasigen Augen. „Es lag auf der Straße zu unserer Einfahrt, ich fand es gestern Nacht als ich nach Hause kam. Ich wollte nur sehen, ob ich herausfinden kann wem es gehört, doch als ich die Bilder sah…“ sie verstummte. „Denkst du dein Mann hat es herausgefunden? Das mit uns?“ „Vielleicht war es auch deine Frau?“ konterte sie forsch. Er überlegte, doch dass es seine Frau gewesen sein könnte, das kam ihm unglaubwürdig vor. Sie hatte sich nicht anders verhalten als sonst auch. Zuhause war alles in Ordnung, es war wie immer, es war Alltag. Lori‘s Mann war Anwalt, der hätte genug Möglichkeiten gehabt jemanden zu engagieren der die Fotos gemacht haben könnte. Lori würde alles verlieren, das Haus, die Kinder, er hätte ihr Ehebruch vorwerfen können und mit diesen Beweisen zog sie eindeutig den Kürzeren. „Wer auch immer die Bilder gemacht hat weiß mehr!“ sie setzte sich neben ihn, nahm ihm das Handy aus der Hand und öffnete die Nachricht von heute Morgen, dann reichte sie es ihm wieder und er las sie sich still durch. „Du denkst jemand kennt die Geschichte von damals, oder? Darauf willst du hinaus? Nicht der Gedanke, dass unsere Affäre ans Licht gekommen ist, sondern die Sache!“ er betonte „die Sache“ mit Nachdruck und Lori erwiderte: „Die Sache von damals, wie du so schön sagst, war Mord! Wir haben jemanden getötet!“ sie sprang auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab. „Es war ein Unfall!“ betonte er mit gespielter Ruhe, denn er war alles andere als ruhig, innerlich brannte sein Magen wie Feuer. „Wir haben jemanden getötet, es war unsere Schuld!“ Sie ließ die Nacht von der die beiden sprachen Revue passieren und begann mit ihrer Schilderung: „Wir hatten beiden eindeutig zu viel von dem sündteuren Chardonnay getrunken, den du gekauft hattest und wir waren definitiv nicht in der Lage mit dem Auto zu fahren, erinnerst du dich. Hätte dein Sohn nicht angerufen wegen dem Rohrbruch bei euch zuhause, dann hätten wir hier übernachtet. Bill war mit den Zwillingen irgendwo Fischen, das weißt du noch!“ Er nickte stumm und hörte weiter zu. „Nach dem Anruf haben wir uns in deinen Wagen gesetzt und sind losgefahren. Wir waren wie elektrisch aufgeladen, vor Erregung und ich hatte diese neue, weiße Spitzenunterwäsche an, die ich dir unbedingt vorführen wollte. Ich zog mir im Auto die Bluse aus, schob den Rock hoch und du meintest ich soll mich auf dich setzen. Während du fuhrst!“ sie betonte es mit Nachdruck, bevor sie weiter sprach ohne ihn zu Wort kommen zu lassen:“Wir haben uns wie liebestolle Teenager benommen, die nicht von einander lassen können und während ich dir dein Gesicht abgeleckt haben, wie eine Wahnsinnige….“ er unterbrach sie: „Ja, ich weiß noch genau, was wir in dem Moment gemacht haben, du musst meine Erinnerung nicht so gezielt auffrischen! Ich hätte alles gegeben, wenn dieser Moment anders gelaufen wäre, wenn wir wirklich nur das gemacht hätten, bis zum erfreulichen Ende, was du gerade so detailliert wiedergibst.“ Doloris hielt kurz inne, dann setzte sie erneut an und sagte: „Gut, dann frische ich eben nicht die ganze Erinnerung auf, sondern nur den Teil in dem wir den Jungen überfahren haben! Das hast du doch nicht vergessen, mein Lieber?“ „Nein, natürlich nicht!“ Dean schluckte schwer und die Bilder an jenen Abend wurden immer klarer vor seinem inneren Auge sichtbar. Die Nacht die er seit zwei Jahren versucht hatte zu verdrängen, über die sie seither kein Wort mehr verloren hatten schoß ihm wie eine Rakete durch den Kopf und er stand auf, ging auf Lori zu und nahm sie in den Arm: „Es war ein Unfall! Wir haben den Jungen doch nicht mit Absicht überfahren! Natürlich hätten wir uns wie Erwachsenen benehmen müssen, nicht wie zwei notgeile Affen, das ist mir schon klar, aber wir hatten beide zu viel getrunken, wie du ja schon sagtest und was hätten wir tun sollen? Es wäre alles aufgeflogen und das hätte keiner von uns gebrauchen können!“ „Ja und jetzt? Das Handy? Die Bilder? Jetzt wird es sowieso auffliegen! Wenn jemand die Leiche des Jungen gefunden hat, dann sind da bestimmt noch unsere Spuren drauf, die können das heutzutage alles ganz easy nachvollziehen. Bill erzählt oft genug von solchen Fällen in denen die Mörder nach Jahren noch ausfindig gemacht werden!“ sie konnte ihre Tränen nicht mehr halten und sie liefen über ihre glühenden Wangen. „Niemand hat die Leiche gefunden!“ er strich mit seiner Hand über ihre rechte Backe und sah ihr tief in die fragenden Augen: „Ich bin am nächsten Abend nochmal hergekommen und hab die Leiche endgültig beseitigt.“ Ihr Blick wurde noch fragender: „Du hast was?“ „Wir hatten den Körper doch in dieses modrige Loch hinter der Hütte geworfen, du weißt noch, das wir mit diesen Ästen abgedeckt hatten!“ Sie nickte zustimmend. „Pass auf, ich bin zurückgekommen und in diese Grube hinunter gestiegen, dann habe ich die Leiche zerstückelt!“ Sein Blick wurde kalt und leer und seine Stimme zittrig: „Stück für Stück habe ich den Körper mit Benzin übergossen und verbrannt, bis alles kohlrabenschwarz und nicht mehr zu erkennen war. Zuhause habe ich die Säge gereinigt und meine Klamotten ebenfalls verbrannt! Niemand hat die Leiche gefunden, niemand hat den Jungen vermisst. Denk doch mal nach, es war keine Vermisstenanzeige zu sehen? Normal ist unser Lokalblatt doch ständig voll mit vermissten Teenagern, der Junge war aber nie zu sehen, glaub mir, ich hab täglich nachgesehen!“ er ließ sie wieder los, tritt einen Schritt zurück und sah sie mit einem milden Lächeln an: „Den Mord kann uns also keiner nachweisen!“

Lori traute ihren Ohren nicht, hatte er das wirklich gerade gesagt? Was für einem Menschen stand sie da gerade gegenüber? Sie verspürte das selbe Gefühl in ihrem Magen, welches sie morgens hatte, bevor sie sich auf den Küchenboden übergab und hätte sie während des Tages auch nur einen Bissen zu sich genommen, dann wäre er vermutlich in diesem Moment in einem Schwall aus ihr herausgekommen.

Im nächsten Moment stieg sie aus Dean‘s Wagen aus und stand vor ihrem eigenen. Was nach dem Geständnis passierte oder wie die Fahrt zurück war konnte sie nicht wiedergeben. In ihrem Kopf drehte sich alles. Das Handy mit den Bildern und der Textnachricht, die Erläuterung wie Dean die Leiche des Identitätslosen Jungen entsorgte und das Gefühl, das sie ihm gegenüber nun verspürte. Es war eine Form von Ekel und Hass, die Zuneigung und das Begehren waren wie ausgelöscht. Sie knallte die Beifahrertüre zu nachdem er ihr ein leises: „Bis bald!“ entgegnete und wartete bis er weg fuhr ehe sie in ihrer Tasche nach ihrem Autoschlüssel zu kramen begann. Als sie ihn endlich fand spürte sie einen dumpfen Schlag auf ihren Hinterkopf und sank zu Boden, dann wurde alles still und schwarz um sie.

Als Lori wieder zu sich kam saß sie auf dem Fahrersitz ihres Wagens, die Hände zurück und nach hinten zusammengebunden, sodass sie sich nicht wirklich bewegen konnte und den Mund mit einem Stück Klebeband abgeklebt. Im Rückspiegel sah sie jemanden hinter sich sitzen mit dunklem Kapuzenpulli, den Kopf nach unten geneigt, offenbar gerade mit seinem Handy beschäftigt. Dann sah er hoch und raunte: „Oh, schon wach?“ Jedoch mehr als am Sitz herum zu wetzen und ein paar stöhnende und quietschende Geräusche konnte sie nicht als Antwort geben. „Keine Angst ich habe nicht vor dich zu töten!“ flötete die junge männliche Stimme die Lori nicht wirklich zuordnen konnte. Angestrengt heraus zu hören wer es sein könnte, horchte sie zu. „Du hast das Handy gefunden und du hast die Nachricht gelesen, doch leider hast du dich gleich heute wieder mit ihm treffen müssen!“ Die Stimme klang leicht wütend als sie fort fuhr: „Ich wünsch mir nicht mehr, als dass das endlich vorbei ist. Ihr sollt euch nicht mehr treffen! Kannst du dich nicht einem anderen an den Hals werfen du Schlampe?“ Irritiert riss Lori die Augenbrauen hoch. Wer bitte war das und was störte ihn an der Sache zwischen ihr und Dean? Doch dann schob er die Kapuze zurück und sie konnte schwach ein junges, hübsches, ihr sogar vertrautes Gesicht, ausmachen, Deans Sohn. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken als ihre Gedanken begannen Achterbahn zu fahren. Was wenn er genau so kaltblütig sein konnte wie sein Vater, dann hätte ihr letztes Stündlein geschlagen. Vielleicht würde er sie umbringen und verbrennen, so wie es Dean mit dem unbekannten Jungen gemacht hatte. Der Junge, dessen Identität sie nie herausgefunden hatte, dessen Eltern irgendwo verzweifelt auf die Rückkehr ihres Sohnes warteten, oder noch immer warten. Sie verspürte ein unbehagliches Gefühl und dann geschah etwas mit dem sie nicht gerechnet hatte, Dean‘s Sohn sprach ganz ruhig weiter: „ Dolores, als wir vor sechs Jahren in diese verdammte Stadt zogen und ich in der Schule ausgerechnet in deine Klasse gesteckt wurde, hätte ich nie im Leben damit gerechnet, dass du dich meinem Vater an den Hals schmeißt. Ich hab dich vergöttert, du warst echt meine Lieblingslehrerin, dein Unterricht war super und ich hatte das Gefühl du verstehst deine Schüler. Aber dann passierten komische Dinge, die ich mit meinen damals zwölf Jahren nicht deuten konnte. Mein Vater war plötzlich so sehr an meinem Schulleben interessiert, was vorher nur meine Mutter war. Er lief ständig zu Sprechstunden und dann musste er sogar abends oft im Büro bleiben. Meine Mutter hat oft geweint, sie hat es bestimmt früh gewusst, dass er eine andere hat, aber gesagt hat sie nie was. Ich denke auch, sie weiß bis heute nicht, dass du es bist, aber ich hab es herausgefunden und beschlossen, dem Ganzen hier und jetzt ein Ende zu setzen.“ Den letzten Satz sprach er mit großem Nachdruck und Lori wurde Angst und Bange. „Ich sag dir, wie das hier jetzt ablaufen wird!“ er holte tief Luft und sprach wieder weiter: „All die Fotos die du am Handy gesehen hast und noch einige weitere sind auch noch in meinem Besitz und bleiben da solange du das machst, was ich dir sage. Du wirst meinem Vater einen Nachricht schicken, dass es aus ist und dann nach Hause fahren, zu deinem Mann und deinen Kindern. Die Nummer von ihm blockierst du und du triffst dich nicht mehr mit ihm und solltest du es doch tun, dann werd ich es wissen und die Bilder landen sofort bei deinem Mann, deinen Söhnen und deiner Chefin, sie kann sich sicher an meinen Vater erinnern, immerhin hat er sie Schule ja oft genug aufgesucht…“ Er hielt kurz inne bevor er fragte: „Hast du mich verstanden?“

Dolores nickte heftig und hoffte, dass es wirklich sein Ernst war, denn sie hätte auch ohne seine Drohungen die Beziehung zu Dean beendet, nach seinem Geständnis kurze Zeit zuvor und somit würde sie Sache weniger schrecklich ausarten, als sie es sich noch Stunden zuvor ausgemalt hatte. Er öffnete die Tür bei sich hinten und flüsterte ihr ins Ohr:„Ich öffne jetzt die Fesseln und dann verschwinde ich! Du schreibst die Nachricht und wenn du es nicht machst, sind die Bilder morgen zuallererst bei deinem Mann!“ Dann machte er wie versprochen die Seile locker und stieg aus. Lori befreite ihre Hände vollständig und riss sich das Klebeband von ihren Lippen. Tränen flossen über ihre Wangen und ihr Kopf brummte von dem Schlag, den er ihr verpasst hatte. Sie griff nach ihrer Handtasche, die im Fußraum des Beifahrersitzes lag, holte ihr Handy heraus und begann mit zitternden Händen eine Nachricht zu tippen:

Dean, es tut mir leid, aber….

 

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One thought on “Identität

  1. Hallo Tina,
    deine Geschichte liest sich sehr gut. Dein Schreibstil gefällt mir. Er ist flüssig und du baust die Spannung immer stärker auf, so dass man gefesselt ist und ohne Unterbrechung weiterliest. Am Schluss hätte ich mir erhofft, dass das Rätsel des toten Jungen ein schlüssiges Ende findet. Bis dahin ist die Geschichte, meiner Meinung nach, top. 👍

    Ich würde mich freuen, wenn du auch meine Geschichte lesen würdest und, wenn du magst, sie auch kommentierst. Falls sie dir gefällt, würde ich mich über ein Like sehr freuen.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stunde-der-vergeltung
    Liebe Grüße Angela 😊🙋🏼‍♀️

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