Charmaine StrehlIDENTITÄT

14+

 

Identität – laut Duden bedeutet das „Echtheit einer Person oder Sache“.
»Bin ich also nicht echt? Bin ich ein Fake?«, fragte sich Björn.
Fake – dieses Wort hatte er in den letzten Tagen immer wieder gehört, vor allem der Begriff „Fake News“ wurde mindestens ein Dutzend Mal von den hübsch frisierten und leicht spießig wirkenden Nachrichtensprechern am Tag verwendet.
Eigentlich könnte Björn daraus ein Trinkspiel machen. Jedes Mal, wenn die hübschen Nachrichtensprecher den Begriff Fake aus ihren 30-Wort-Vokabular verwendeten, muss einer gehoben werden. Doch das Wort eigentlich schmerzt ihn bei diesem Gedankengang, denn mit wem solle er spielen?

Mit Helen, seiner 76-jährigen Zimmergenossin, die vor kurzem erst eine Bypass-OP hinter sich brachte? Wohl kaum!
Dann schon eher mit Mike – dem sympathischen Pfleger von Station zwei, der mit seiner ruppigen aber zugleich auch herzlichen Ruhrpott-Art Björn in den letzten 14 Tagen mehr ein Freund, als ein Krankenpfleger war.
Abseits der üblichen Visite versuchte Mike Björn so oft es ging zu besuchen.
Erst neulich waren die beiden im Park spazieren. Da hatte Mike ihm von den Schwierigkeiten mit seiner vierzehnjährigen Stieftochter Amy erzählt.
»Neuerdings kleidet sich Amy gerne in diesem Grufti Style, weißt schon, schwarze Klamotte und son komischer Halsschmuck.
Wenn du mich fragst sieht der mehr nach Hundehalsband als nach Modeschmuck aus – aber was weiß ich schon … doch jetzt hat Yvonne die Schnauze endgültig voll
«, klagte er.
»A
my kam am Dienstag nicht nur mit ner neuen Freundin im Schlepptau nach Hause, sondern auch mit einer neuen Friese – Sidecut sagen die Kids von heute dazu. «

»Wenn das so weiter geht, müssen wir Amy, den Umgang mit dieser Jule,» Mike fügte hinzu «die besagte neue Freundin, verbieten – Sie hat einfach einen zu schlechten Einfluss auf meine Amy», äffte Mike Yvonne nach.

»Typisch Frauen. Die machen sich immer zu viel Kopf. Ich mein Amy ist ein Teeny und der Sidecut wird ihre Versetzung in die neunte Klasse schon nicht gefährden. Wer hatte in ihrem Alter denn keine kleine Identitätskrise?! «

Björn schluckte.

Im selben Moment kratze sich Mike an seinen blonden Lockenschopf und schaute ihn verlegen an. »Ach Shit – sorry, Ich weiß, das Böse I-Wort. Hab’s vercheckt. Wir wollten ja nicht mehr drüber sprechen. Reicht schon, dass die alte Brecht dich gefühlt 24-7 damit quält«.

Es klopfte und Björn wurde aus seinen Gedanken gerissen.
Herein trat eine zierliche Frau Ende 40 mit leicht schütteren, blond-rötlichen Haar, einen gesunden Teint und kastanienbraunen Augen.
»Na wie fühlen wir uns heute«, fragte sie Björn mit einem Lächeln. Björn schloss die Website des Dudens und legte das I-Pad, welches ihm Mike fürs Erste geliehen hatte, auf den Beistelltisch neben seinem Bett. Dann baute er sich leicht auf. »Gut geht es mir Frau Doktor«.
Frau Dr. Brecht musterte ihren Patienten.
»So so, dann schauen wir uns das einmal genauer an«, sagte Sie nun mit einem prüfenden Blick. Mit einem sicheren und anmutigen Gang ging sie auf Björn zu. »Bitte führen Sie Ihren Zeigefinger zunächst mit offenen und anschließend mit geschlossenen Augen zu Ihrer Nasenspitze«. Um die Durchführung der Übung besser zu beurteilen, beugt sie sich leicht in Björns Richtung vor.  Dieser seufzte. Täglich musste er sich neurologischen Untersuchungen unterziehen und allmählich kam er sich wie ein Versuchsobjekt vor. Nachdem Björn den sogenannten Finger-Nase-Test erfolgreich gemeistert hatte, fragte sie ihn, ob er noch an Schwindelattacken und Kopfschmerzen leidet. Björn wollte gerade antworten, als etwas anderes seine volle Aufmerksamkeit einnahm. Eine feine goldene Kette mit dem Buchstaben M, umschmeichelt von ihrem im Sonnenschein nun noch stärker rötlich schimmernden Haar, blitzte unter ihrem Kittel hervor. »Komisch, eigentlich fällt mir doch jedes noch so kleine Detail auf«, dachte sich Björn. Ausgelöst durch seine aktuelle Situation hatte er es sich zu seiner Hauptaufgabe gemacht, so viele Informationen wie möglich aus seinem Umfeld zu sammeln und diese als Erinnerungen abzuspeichern. Dies schloss natürlich auch seine derzeitigen Kontaktpersonen mit ein – Mike, Helen und eben auch Frau Dr. Brecht. Die Kette war für ihn nun wie ein neues Puzzlestück, dessen Gesamtbild er bislang noch nicht erahnen konnte.

»Björn« sprach ihn Frau Dr. Brecht nun mit mahnender Stimme an.

»Entschuldigen Sie … Kopfschmerzen habe ich keine mehr, manchmal habe ich noch leichte Schwindelattacken, wird aber täglich besser«, sagte er mit leicht gerötteten Wagen.

»Im Fall einer retrograden Amnesie sind Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sowie Kopfschmerzen häufig neurologische Begleitsymptome«, erwiderte Frau Dr. Brecht.
Retrograden Amnesie – vor fünf Tagen teilte sie ihm den Befund mit. Die genaue Diagnose lautete: Posttraumatische Belastungsstörung in Verbindung mit komorbider retrograder Amnesie. An diesem Tag verwendete sie ein Dutzend Fachbegriffe und versuchte ihm die Nachricht so schonend wie möglich mitzuteilen. Doch Björn brauchte keine Erklärung gemäß dem Fachbuch der Neurologie. Denn er kannte sie – er kannte die Wahrheit seit dem Moment, als er seine Augen das erste Mal wieder öffnete.
Als er nach zwei Tagen Koma wieder zu sich kam, fragte er sich nicht nur wo er ist und was passiert ist, er fragte sich auch wer er ist.

Damals sagte man ihm noch, dass er unter Schock stehe und sein Gedächtnisverlust ein vorübergehender Schutzmechanismus seines Gehirnes sei, um die dramatischen Ereignisse zu verarbeiten. Doch dem war nicht so. Heute – fünf Tage später ist Björn um keine Erinnerung reicher – er hat seine Identität verloren.  Auch die Polizeibeamten Ingo Klein und Martina Eck konnten ihm die Frage nach seiner Identität nicht beantworten. Weder war er in der polizeilichen Datenbank registriert, noch wurde jemand als vermisst gemeldet, auf den seine Beschreibung passte. Die Tatsache, dass Niemand nach Björn suchte quälte ihn am meisten. Was sagte das über ihn als Mensch aus? Wenn es scheinbar niemanden gibt, der ihn vermisst?

Mike hatte ihm damals zur Aufmunterung das I-Pad mitgebracht. »Hier Kollege, du musst doch wissen was in der Welt so abgeht«.  »Der ist aber aus Boomerangstahl – kommt immer wieder zurück«, fügte er mit einem Zwinkern hinzu.

Das erste wonach Björn im sogenannten World Wide Web gegoogelt hatte waren männliche Vornamen. Er konnte den Gedanken einer namenslosen Identität schlichtweg nicht länger ertragen – eine Namensgebung erschien ihm als folgerichtiger Schritt. Obwohl es schon ein befremdliches Gefühl war nach einem Namen für sich selbst und nicht etwa für sein Kind oder sein Haustier zu suchen, wie es wahrscheinlich die meisten tun würden. Nach kurzer Zeit ist ihm der Name Björn ins Auge gestoßen. Vielleicht war er auch ein bisschen zu faul, die Namensliste bis zum Buchstaben Z in dem Forum namens ‘familie.de‘ runter zu scrollen. Doch der Name Björn fühlte sich für ihn irgendwie richtig – beinahe schon vertraut an. Björn, der aus dem Norden stammende Name, bedeutet übersetzt der Braune oder der Bär und irgendwie passte diese Bezeichnung zu Björn. Mit einer Größe von 1.86 Meter und einem Gewicht von 90 Kilo, wobei das Meiste davon Muskelmasse war, hatte er einen stattlichen Körperbau, die braunen leicht zerzausten Haare machten das Gesamtbild der Beschreibung beinahe perfekt.

Es schien, dass auch die Ärzte, Pfleger und Björns Zimmernachbarin Helen erleichtert waren. Endlich mussten Sie nicht mehr verzweifelt drum herumreden. Er war nun nicht mehr der  namenslose Neue und dies gab ihm das Gefühl den ersten Baustein in seiner Identitätssuche gesetzt zu haben.

»Also gut Björn, Ihre Vitalwerte sowie die neurologischen Befunde schauen vielversprechend aus. Ich denke, dass wir Sie in den nächsten Tagen entlassen können. Ich sehe zumindest keinen Grund Sie noch länger stationär hierzubehalten«.

Ein komisches Gefühl überkam Björn. Auf der einen Seite war er erleichtert, dass er das Krankenhaus bald verlassen konnte. Auf der anderen Seite war das Krankenhausumfeld das einzige, was er in seinem neuen Leben kannte. Er fühlte sich wie ein gestrandeter auf einer Insel, bislang hatte er nur den Strand erforscht, aber nun musste er die Reise in das Innere antreten – eine ungewisse Reise.

»So mein lieber Björn, das wars auch schon wieder für heute, meine nächste Patientin wartet bereits auf mich. Wie gesagt, wenn Ihre Werte stabil bleiben, können wir Sie Ende der Woche entlassen«.

Ende der Woche – also noch drei Tage, dachte sich Björn. Er bedankte und verabschiedete sich höflich und schenkte Frau Dr. Brecht zum Abschied ein Lächeln. Diese erwiderte seine Geste mit einem Nicken und schloss die Tür hinter sich.

Zehn Minuten Später. Björn wollte sich gerade für einen kurzen Mittagsschlaf zu Bett legen, als auf einmal das Telefon klingelte. Voller Euphorie streckte er seine Hand zum Telefon auf seinem Beistelltisch aus, bis er bemerkte, dass nicht sein Telefon klingelte – es war das Zimmertelefon von Helen. Mit einer Zarten Stimme hauchte sie ins Telefon »Hallo«.

»Ach du bist es, bleibt es bei gleich? Holst du mich ab und wir gehen in den Park und schauen nach Speedy? «. Stille, dann folgte ein gedämpftes »verstehe«.

Ohne die Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören, wusste Björn ganz genau wer am Telefon war. Kevin, Helens einziger Sohn. Björn war zwar noch nicht lange mit Helen auf einem Zimmer. Doch schon diese kurze Zeit reichte aus, um ein stiller Zuhörer des einen oder anderen Familiendrama zu sein.

»Dann meldest du dich die Tage? Ok«

»Bis bald und grüß mir den Johannes«

Helen legte mit einem niedergeschlagenen Gesichtsausdruck auf. Auch ohne Worte, wusste Björn über ihre Enttäuschung Bescheid. Vertrösten, darin verstand sich Kevin gut. Mal war es die Arbeit, dann hatte Johannes zu viele Hausaufgaben auf, dann wollte der Wagen nicht anspringen. Dabei musste er sich eigentlich keine Ausrede einfallen lassen. Innerlich wusste sie genau, dass ihr Sohn und ihr Enkel sie nicht besuchen kommen werden, weder heute, noch nächste Woche, noch die Woche darauf. Denn Helen kannte die Wahrheit, sie wollte sie nur nicht wahrhaben. Kevin wollte, nein er konnte sie einfach nicht besuchen. Die Trennung von seinem Vater konnte und wollte er ihr auch nach über zehn Jahren nicht verzeihen. Seiner Meinung nach, hatte sie Horst im Stich gelassen. Der ohnehin schon überdurchschnittliche Alkoholkonsum von Horst nahm daraufhin ein Ausmaß an, welches niemand lange überstehen konnte. Und so passierte es, seine Lunge kollabierte. Genau hier im St. Elisabeth Hospital in Iserlohn, wo er vor gut neun Jahren verstorben ist.

»Du Helen«, sagte Björn mit einem Lächeln »was hältst du davon, wenn wir beide in den Park gehen und nach Speedy schauen?« »Wir zwei?«, sagte Helen fragend. »Ja, warum denn nicht. Ich denke die frische Luft tut uns beiden gut«.

»Aber bist du nicht viel zu schwach dazu? « »Ach quatsch, Fr. Dr. Brecht hat doch gesagt, wenn meine Werte weiterhin stabil bleiben, werde ich Ende der Woche entlassen und einen Spaziergang mit meiner Lieblingszimmernachbarin werde ich mir doch nicht nehmen lassen«, schmunzelte Björn.

Helen grinste wie ein junges Schulmädchen, dass soeben ihre erste Einladung für ein Date erhalten hatte. Björn stieg aus dem Bett und ging zwar langsam, aber mit festen Schritten auf Helen zu. Aus der linken Ecke neben Helens Bett zog er einen Rollstuhl hervor und platzierte ihn seitlich vor Helens Bett. Dann streckte er ihr seinen Arm entgegen und half ihr langsam und behutsam in den Rollstuhl hinein. Auf Helens Bitte hin sammelte Björn noch ein paar Zeitschriften, darunter die neuste Ausgabe der Gala, von Helens Beistelltisch auf und reichte ihr zu dem neuesten Klatsch und Trasch der Royals auch ihre Lesebrille.

»Bereit für die Spritztour?« flüsterte er ihr ins Ohr. »Und wie«, entgegnete Helen.

Im Park angekommen dauerte es nicht lange bis die beiden für sich das perfekte Plätzchen entdeckt hatten. Gegenüber von einem Ahornbaum stand eine leere Bank im Halbschatten. Dort angekommen, viel Björn auf, dass er auf dieser Bank schon öfters mit Mike bequem gemacht hatte. Björn parkte den Rollstuhl neben der Bank und setzte sich selbst seitlich ans Ende der Bank, so dass er in der Nähe von Helen saß. Auf einmal schrak Helen auf und streckte ihre Arme aufgeregt in Richtung Himmel aus »Björn schau, da ist er wieder, da ist mein Speedy«.

Sie hatte sich so sehr über den Anblick des kleinen Nagers gefreut, dass ihr bei der ganzen Euphorie die Lesebrille, die sie wie einen Haarreif trug, heruntergefallen war. »Oh Björn, meine Brille … bist du so lieb und hebst sie für mich auf?«.

Die alte Dame war Björn schon in kürzester Zeit ans Herz gewachsen. Auch wenn es so schien, als hätte sie kein einfaches Leben, verfügte sie über diese wunderbare Eigenschaft, sich über die kleinen Dinge im Leben, wie zum Beispiel über den Anblick von Speedy zu freuen. Ohne zu zögern stand Björn von der Bank auf und kniete rechts neben Helen auf dem Boden, um die Brille, ein silbernes Gestell mit ovalen Gläsern, aufzuheben. Doch da lag noch etwas anderes auf dem asphaltierten Weg. Der Gegenstand war etwa sieben cm lang und zwei cm breit. Im Gegensatz zu ca. 90% der Deutschen Bevölkerung besaß Björn diesen Gegenstand nicht, doch er wusste trotzdem ganz genau worum es sich handelte – es war ein Handy.

Intuitiv hob er das Handy auf, zu seiner Verwunderung war dies noch entsperrt. Er warf einen Blick auf das Display, doch er konnte seinen Augen nicht trauen. Wie war das möglich? Was hatte das zu bedeuten?

Das Hintergrundbild des Handys war auf den 05.04.2019 datiert und zeigte einen Mann, Anfang 30 beim Autofahren.

Der Mann trug zwar eine schwarze NY YANKEES Cap, doch Björn erkannte ihn dennoch. Für ihn bestand kein Zweifel, der Mann war er selbst. Datiert auf das Datum drei Wochen bevor er aus dem Koma erwacht ist.

»Björn mein Lieber, ist alles ok? Hast du meine Brille gefunden?«. Björn war in Gedanken versunken, doch durch Helens Fragen wurde er seinen Gedanken entrissen und trat wieder in das Hier und Jetzt ein. Reflexartig verstaute er das Handy unbemerkt in seiner Jackentasche, hob die Sonnenbrille auf und gab diese an Helen zurück.

Auf einmal stand Mike vor Helen und Björn. »Hey ihr zwei, genießt ihr das Wetter?«. Zusammenzuckend stöhnte Björn auf »oh Shit«. Mike und Helen schauten ihn beide gleichzeitig besorgt und verwundert an. »Björn, was ist los? Soll ich einen Arzt rufen?«

»Ich glaube, ich habe mir beim Hochkommen einen Nerv eingeklemmt« erwiderte er in der Hoffnung, Mike habe nicht gesehen was in seiner Tasche verschwand. »Was hast denn auch da unten auf dem Boden gesucht», fragte Mike verblüfft. »Ich habe Helens Brille aufgehoben. Du Mike, ich weiß du hast wahrscheinlich Feierabend, bist ja in zivil unterwegs. Wäre es trotzdem ok, wenn du noch einen Moment bei Helen bleiben könntest? Ich würde mich jetzt gerne ein wenig ausruhen, ist mit dem eingeklemmten Nerv gerade echt unangenehm«.

»Klar Björn, kein Ding! Zu Hause erwartet mich wahrscheinlich eh Zickenhausen. Soll ich Fr. Dr. Brecht anrufen, dass Sie einmal nach dir schaut?«

»Nein, nein, ich will mich einfach nur ausruhen – geht bestimmt gleich wieder weg«. »Okay, aber sag Bescheid, wenn es schlimmer wird«. »Das mache ich, versprochen«.

Auf dem Weg zum Krankenzimmer ärgerte sich Björn über sich selbst» ein eingeklemmter Nerv – etwas Dümmeres hätte mir auch nicht einfallen können« dachte er sich. Im Zimmer angekommen holte Björn das Handy aus seiner Tasche. »Mist, gesperrt – das kann doch nicht wahr sein, das Ding war doch gerade noch an«. Björn starrte das Handy, das in seinen Augen ein Wunder der Technik und gleichzeitig ein für ihn nie verstandenes Instrument des digitalen Lebens darstellte unglaubwürdig an und fragte sich, ob ihn sein Verstand etwa einen Streich gespielt hatte. Hatte er sich das Ganze etwa nur eingebildet?

Auf einmal klopfte es. Herein kamen die beiden Polizisten Ingo Klein und Martina Eck. »Hallo Björn, wie geht es Ihnen heute? Wir waren wegen eines anderen Falls im Klinikum und trafen Frau Dr. Brecht im Aufzug. Sie hat uns berichtet, dass Ihre Genesung gut voranschreitet und Sie wahrscheinlich schon bald entlassen werden können. Da wollten wir nochmal nachhaken, ob Sie sich in der Zwischenzeit schon wieder an irgendetwas erinnern können? Sie wissen ja, jedes noch so kleine Detail, kann nützlich sein«.  Verkrampft umklammerte er mit seiner rechten Hand das Handy, also würde es sich dabei um einen Tatgegenstand handeln. Sollte er den Polizisten von dem Handy und dem Foto erzählen? Er wollte die Wahrheit sagen, doch ein kleiner Teil in ihm sträubte sich massiv dagegen. »Das klingt einfach zu abgedreht. Die lassen mich doch direkt noch länger hier oder schlimmer noch, sie stecken mich in die Geschlossene – auf keinen Fall! », dachte er sich. So antwortete er nüchtern »leider nein«.

Die Polizisten nickten verständnisvoll. »Verstehe, sollte Ihnen doch noch etwas einfallen, rufen Sie uns bitte an, Sie wissen ja wie sie uns erreichen können«, sagte Martina Eck. Die Polizistin war eindeutig der sympathische Part des Duos. Neben dem wortkargen und grimmig reinblickenden Ingo Klein erschien sie beinahe wie ein wahrer Sympathieträger.

Die beiden verabschiedeten sich und verließen das Krankenzimmer 17 auf Station zwei wieder. Immer wenn er die beiden traf, schmerzten seine mittlerweile schon sehr gut verheilten Verletzungen. Doch immer wenn er seine blauen Flecke und Narben betrachtete realisierte er, dass ihn irgendwer aus irgendeinem Grund zusammengeschlagen und wie einen Köter an einer Straßenecke liegen gelassen hatte. Auch wenn er keinerlei echte Erinnerungen an diese Tat hatte, malte er es sich immer wieder, aufgrund der Erzählungen von den Polizisten und den Ärzten aus. Einmal erzählte Mike Björn bei einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge im Vertrauen, dass die Ärzte ihn schon fast für Tod erklärt hatten und sein Überleben an ein Wunder grenzte. Er sollte dieses Geschenk, die „Neugeburt“ wie Mike Björns Zustand charmant bezeichnete, dankend annehmen. Immerhin hatte er eine zweite Chance bekommen – eine Chance zu leben. Doch was ist ein Leben ohne Identität?  Wäre der Tod eine bessere Option gewesen?

Björn wollte das Handy gerade erneut betrachten, als die Tür wieder aufging. Diesmal waren es Helen und Mike. »Björn, es war noch so schön im Park«, sagte Helen mit einem strahlenden und zufriedenen Gesichtsausdruck zu Björn. Mike hingegen schaute Björn besorgt an. »Wie geht es dir? Du schaust ja noch blasser aus, als vorhin im Park«.  »Ich komme klar, ist halt unangenehm, aber wird mich schon nicht umbringen«. Mike wollte gerade antworten als Helen ihn unterbrach, »Pfleger Mike, Sie wissen doch, ich habe eine schwache Blase, könnten Sie mir einmal zum WC helfen«. Mit einem charmanten Lächeln antwortete Mike »sehr gerne Frau Ahrend«. Mike hebte die zierliche, 1.50m große Helen aus ihrem Rollstuhl und half ihr in den Nassraum. Als Helen die Tür des WCs selbst schloss, wendete sich Mike erneut zu Björn. »Was hältst denn da eigentlich so Geheimnisvolles in der rechten Hand?«

»Ach das ist nichts« erwiderte Björn.

»Nach nichts sieht das aber nicht aus, für mich schaut das stark nach einem Handy aus.«
»
Volltreffer«, dachte sich Björn.  Was sollte er jetzt tun? Immerhin hatte er den Polizisten nichts von dem Handy und dem Foto erzählt, aber die wussten ja auch schließlich nicht, dass Björn kein Handy besaß. Immerhin hatte Mike ihm auch das I-Pad geliehen, warum sollte es mit einem Handy nicht auch so sein. Das Problem war, dass Mike ganz genau wusste was sich in Björns Besitz befand und was nicht. Die Klamotten, in denen er hierher gebracht wurde und dann die Sachen, die von den Spenden für das Krankenhaus kamen. Drei Paar Jeans, vier Shirts, eine dickere Jacke, eine Jeansjacke, sechs Paar Socken und sechs Paar Unterhosen. Das war Björns ganzer Besitz, platziert in einer Sporttasche, die auch aus dem Fundus des Krankenhauses stammte.

»Nun gut, raste nicht aus, ich habe im Park ein Handy gefunden». »Gut, dann dachteste dir einfach „geil, ich hab ja gerade keins, dann behalte ich es einfach?». »Nein, so ist es nicht. Ich glaube das Handy hat jemand extra unter die Parkbank gelegt, damit ich es dort finde». »Du willst mir also erzählen irgendjemand legt extra ein Handy für dich unter eine Parkbank, weil derjenige weiß, dass du heute um 16.00 Uhr zur besagten Parkbank gehst, um dort nach einem Handy zu schauen? «

»Mist«, dachte sich Björn, »jetzt nachdem Mike es einmal laut ausgesprochen hatte, machte es in der Tat noch weniger Sinn. «

»Ich weiß es klingt total verrückt, aber ich glaube ich sollte es finden«.

»Und warum glaubst du das? «, fragte Mike, beinahe schon mit einem genervten Unterton.

»Nun ja, das Handy war zunächst noch entsperrt und auf dem Display… also… auf dem Display … war ich«. Stille

»Wie auf dem Display warst du?« »Ja eben ein Foto von mir«.

»Du willst mich doch verarschen, hättest dir echt keine bessere Geschichte einfallen lassen können. Hätte echt nicht gedacht, dass du ein Langfinger bist«. »Nein, Mike, du musst mir glauben«. »Na gut, dann zeig das mysteriöse Bild von dir doch mal her«. »Genau da ist ja das Problem, das Handy ist gesperrt«.

»Wie passend«, schmunzelte Mike und verdrehte dabei seine Augen. »Bitte Mike, ich verarsche dich nicht, da ist ein Foto von mir und das Foto ist datiert auf den 05.04.2019.

Also drei Wochen vor meiner Einlieferung, was bedeutet, derjenige, dem das Handy gehört, kennt mich und weiß wer ich bin«.

»Aber warum hat derjenige sich dann nicht bei der Polizei gemeldet?«  »Ich weiß es nicht. Apropos Polizisten, die waren gerade hier«. »Und?« »Ja nichts und, ich sehe doch wie du reagierst. Ich habe natürlich meinen Mund gehalten.«

»Was stellst dir denn auch vor? Erzählst mir hier irgendwelche Märchen von einem entsperrten Handy, was jemand extra für dich unter eine Parkbank gelegt hat. Achja und dann bist du auch noch als Hintergrundbild auf diesem ominösen Handy – ja moin!«.

»Bitte Mike, ich weiß wie verrückt das klingt, aber ich verarsche dich wirklich nicht. Welchen Grund hätte ich mir so eine Story zu überlegen? Denkst du ich habe Bock in die Geschlossene verlegt zu werden? «

Mike schaute Björn nachdenklich an.

»Ein plausibler Grund fällt mir auch nicht ein, aber merkst selbst wie bescheuert das klingt, oder? «

»Ja schon, aber sobald ich das Handy entsperrt habe, kann ich es dir beweisen. Ich habe nur leider keine Ahnung, wie ich das anstellen soll«.

»Vielleicht kann ich helfen, oder besser gesagt mein Bruder«.

»Dein Bruder? « »Ja, Mein Bruder Lars, ist das Technikgenie in der Familie, betreibt son kleinen Laden in der Lösslerstraße 13. Ist auch nicht weit von hier, mit dem Auto ca. 15 Minuten«.

»Kannst du mich dahin bringen? «

»Na gut. Aber keiner vom Krankenhauspersonal darf das mitkriegen, sonst bin ich meinen Job los. Wir treffen uns in zehn Minuten unten am Parkplatz«.

Zehn Minuten Später.

Björn steigt in den weißen VW Polo von Mike ein. Die beiden Männer schauen sich an – Stille.

Nach dem die Fahrt bedingt durch den Feierabendverkehr doch ein bisschen länger als 15 Minuten gedauert hatte, sind die beiden an ihrem Zielort, der Lösslerstraße 13, angekommen. ‘Elektrodog‘ – das Logo war durch die neongelb leuchtende Schrift nicht zu übersehen.  Der kleine Laden lag war ca. drei Minuten zu Fuß von der Altstadt entfernt und befand zwischen einer Backwerk-Filiale und einer Änderungsschneiderei.

»Hey Keule, was treibt dich denn hier her. In meinem Laden hast dich ja schon ewig nicht mehr blicken lassen! Gut schaust du aus! Das Eheleben scheint dir zu bekommen! «

»Kannst du uns helfen, ohne Fragen zu stellen?«  »Hört sich nach was Illegalem an, worum geht es denn? « Björn zog das Handy aus seiner Jackentasche und präsentierte es Lars, »wir müssen dieses Handy irgendwie entsperren«.

Lars schaute Mike mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ich habe doch gesagt, bitte keine Fragen stellen. Ich kann dir aber versprechen, es ist nicht gestohlen«.

»Nicht gestohlen? Aber ihr habt den Pinn nicht? Ich nehme an ihr habt ihn vergessen? «

»So könnte man es formulieren«, sagte Mike und zog dabei seine Schultern nach oben.

»Aha, Mike, du weißt, dafür schuldest du mir was! «

»Schon verstanden, du kannst meine Dauerkarte für das nächste Spiel Bayern gegen Dortmund haben«.

»Wie ich sehe, verstehen wir uns immer noch blind. Okay, lasst dem Genie mal ein bisschen Privatsphäre und gibt mir ein paar Minuten mit Schätzchen alleine. In der Zwischenzeit könnt ihr euch ruhig umschauen, vielleicht braucht ihr ja noch passendes Zubehör für das nichtgeklaute Handy. Das wird dann aber bezahlt«, sagte Lars zwinkert zu Mike und Björn und verschwand dann in einen Hinterraum.

Kurzer Zeit später.

»So Männer, ihr könnt euch einen neuen Code aussuchen«.

»Wie hast du das geschafft? «, fragte Björn verdutzt.

»Du weißt doch, ein Magier verrät seine Tricks nicht«.

»Wir nehmen 26419« schellte es aus Björn heraus.

»Der Tag deiner Einlieferung? « fragte Mike verdutzt. »Jap, ist das einzige Datum, dass ich kenne«.

Björn gab den Code ein »2.6.4.1 und die 9«. Alle drei starrten erwartungsvoll auf das Handy.

Dann kam die Meldung ‚SIM-Karte wurde entsperrt‘.

Und dann erschien es, dass mysteriöse Hintergrundbild. Björn warf Mike einen triumphierenden Blick, nach dem Motto »Ich hab’s dir ja gesagt«, zu.

»Das gibts doch nicht, du hast echt kein Scheiß erzählt. Bist du denn ganz sicher, dass du das bist?«  

»Ja klar bin ich das«

»Hey warte mal, mir fehlt gerade etwas auf«, sagte Mike.

»Siehst du das Schild? ‘Deniz‘, da oben links in der Ecke. Ist ne Dönerbude, hab mir da schon öfter was geholt. »

»Vielleicht ein Anhaltspunkt, irgendwo muss ich ja anfangen zu suchen«, sagte Björn.

»Du meinst wohl, müssen wir anfangen zu suchen«, warf Mike mit einem verschwörerischen Lächeln ein.

»Jetzt guck nicht so erstaunt, denkste ich lass dich jetzt damit alleine? Wir ziehen das zusammen durch

Da war er wieder, dieser Moment in dem sich Mike und Björn wie eine Einheit fühlten. Die Streitigkeit im Krankenzimmer und die angespannte Stimmung während der Autofahrt schienen von jetzt auf gleich vergessen.

»Ich will euch ja nur ungern unterbrechen«, sagte Lars. »Ich habe aber noch ein kurzes Update für euch. Ich konnte auf dem Handy leider nichts finden, keine Telefonnummer, keine Nachrichten, keine Audio-, Video oder-Bilddateien. Deswegen habe ich mal die Speicherkarte rausgenommen. Ich nehme die mal genauer unter die Lupe. Ein Handy ohne Daten? Heutzutage schwer vorstellbar. Ich rufe dich an Mike, sobald ich irgendetwas auf der Speicherkarte gefunden habe«.

Gut dann statten wir doch mal meiner Lieblingsdönerbüde Deniz einen Besuch ab.

Eigentlich ein glücklicher Zufall, dachte sich Björn. Denn so langsam knurrte schon gewaltig der Magen.

Kurze Zeit darauf hatten Sie die Dönerbude, oder wie Mike sie bezeichnete »das Paradies auf Erden«, erreicht. Leider vergebens, denn diese Station entpuppte sich als Sackgasse – hier ging es nicht weiter. Der gutgelaunte Ladenbesitzer Ahmet war zwar ein lustiger Zeitgenosse, doch er konnte den beiden auf ihrer Schnitzeljagt, den so dringend benötigten zweiten Hinweis zu finden, nicht weiterhelfen. «Tut mir leid mein Freund, ich sehe dich heute zum ersten Mal«, sagte er mit gezuckten Schultern zu Björn.

Die Enttäuschung konnte man buchstäblich von Mikes und Björns Gesichtern ablesen.

»Mist, die Dönerbude war ein Reinfall, wäre ja auch zu schön gewesen, hätte dich dort jemand erkannt. Tut mir echt leid, aber ich glaube ohne weitere Infos kommen wir hier und heute nicht weiter. Aber vielleicht entdeckt mein Bruder ja noch etwas auf der Speicherkarte«.

»Ja, hast Recht! Kannst du mich zurück ins Krankenhaus bringen? Vielleicht fällt uns ja morgen noch was ein«.

»Herr Speier sind Sie es? « Ein kahlköpfiger Mann Anfang 50 in abgetragener Kleidung und mit ungepflegtem Bart packte Björn wie aus dem Nichts kommend an der Schulter.

 Björn erschrak »Entschuldigen Sie, kennen wir uns?«.

»Ja natürlich, erkennen Sie mich denn nicht? Anton Jäger, ihr Vermieter. Hab Sie bestimmt schon nen Monat nicht mehr gesehen, dachte Sie sind mal wieder im Süden unterwegs?« »Im Süden?« »Ja auf Geschäftsreise«. »Ich verstehe nicht, bitte entschuldigen Sie, ich hatte einen Unfall und ich kann Ihnen gerade nicht folgen. Sie sagen Sie kennen mich?«.

»Achherrje«, seufzte Anton Jäger »Ja natürlich kenne ich Sie, Sie zählen doch zu meinen Lieblingsmietern«.

»Aber wenn Sie ihren Mieter schon fast einen Monat nicht mehr gesehen haben, warum haben Sie dann nichts gesagt, haben ihn bei der Polizei nicht als vermisst gemeldet? «, fragte Mike verwundert.  »Sie müssen wissen Herr Speier ist öfters ein paar Tage oder Wochen nicht da, das ist nichts Ungewöhnliches und seine Miete hat er damals direkt für neun Monate im Vorfeld bezahlt«.

»Im Voraus? für neun Monate? «

»Ja, ja, war ne schöne Stange Geld, da fragt man als Vermieter auch nicht nach, da freut man sich einfach«.

»Man, schien bei dir zu laufen«, sagte Mike zu Björn.

»Können Sie uns zu meiner Wohnung führen? « »Ja klar. Ist hier direkt um die Ecke ca. Fünf Minuten Fußweg.«

 

Kurze Zeit später

Da waren Sie nun, angekommen an der Augustusstraße 37. Björn hatte sich wahrhaft etwas anderes für sein Zuhause vorgestellt. Ein nettes Häuschen, mit einem weißen Gartenzaun, eine Ehefrau, vielleicht ein Hund oder eine Katze. Die Realität sah ganz anders aus. Sie waren in einem Hinterhof. Überall lag Müll herum. Türen und Hauswände waren mit Schimpfwörtern wie „Hurensohn“ besprüht. »Das zum Thema läuft bei mir«, dachte sich Björn.

»Ich weiß, von außen sieht es nicht so einladend aus, aber innendrin ist es ein wahres Schmuckstück. 60 m² für 420,00€ – ein Knaller. Ich habe übrigens gerade eine Wohnung die leer steht, sogar mit Balkon, wenn Sie Interesse haben?« Anton Jäger versuchte seinen ganzen Charm bei Mike auszuspielen, doch dieser fühlte sich noch nicht einmal angesprochen, bis Anton ihn erwartungsvoll anstarrte »Ach, Sie meinen mich? Ähm sorry, ich bin schon versorgt«, antwortete er leicht irritiert.

»Nun gut, aber man weiß ja nie, was das Leben so für einen bereit hält. Aber nun wieder zu Ihnen Herr Speier. Heute ist Ihr Glückstag, ich habe den Ersatzschlüssel für ihre Wohnung dabei, ich gehe mal davon aus, dass Sie keinen Schlüssel dabeihaben, wenn Sie nicht einmal wussten, dass Sie eine Wohnung besitzen?« Björns schweigen reichte dem Vermieter als Antwort aus, um kurz darauf die Tür mit seinem Ersatzschlüssel zu öffnen.

Auf dem Klingelschild konnte Björn den Namen ‘Jan Speier‘ ablesen, »das ist also mein Name, mein echter Name«, dachte sich Björn.

»So, gehen wir mal rein in die gute Stube«. Anton Jäger betrat als erstes die Wohnung, Björn und Mike folgten ihm.

»Nunja, gemütlich hast du es dir hier aber echt nicht gemacht«, sagte Mike zu Björn »sieht alles eher spärlich eingerichtet aus. Erinnert mich ein bisschen an meine erste Bude während der Lehre«.

»Wie schon gesagt, Herr Speier war eher selten hier und meiner Meinung nach ist der ganze Einrichtungskram auch eher Frauensache. Aber die Wohnung hat einen schönen Schnitt, wurde vor ein paar Jahren sogar kernsaniert. Herr Speier, ich würde sagen Sie schauen sich erst einmal in Ruhe um, ich lasse Ihnen fürs Erste meinen Schlüssel für die Wohnung hier, wir werden dann einen Schlüssel nachmachen lassen, aber das können wir ja die Tage in Ruhe besprechen«, mit diesen Worten verabschiedete sich Anton Jäger.

»Du Björn oder ähm, Jan, ach ich weiß auch nicht, wie willst du denn jetzt lieber genannt werden? «

»Belassen wir es erstmal noch bei Björn«

»Gut, ich würde mich mal auf die Suche nach dem stillen Örtchen machen, ich muss echt dringend«.

»Klar, ich würde dir ja sagen wo das WC ist, aber…« Mike grätschte ein »Ich komm schon zu Recht, so viele Türen gibt es hier ja auch nicht«.

In der Zwischenzeit begutachtete Björn die Wohnung. Doch es gab nicht viel zu begutachten, hier waren keine Bilder oder Poster, keine Bücher, noch nicht mal ein PC, Laptop. Nichts was hätte weitere Rückschlüsse über Björns/Jans Identität geben können. Hier stand er nun, er wusste wie er heißt, aber wusste immer noch nicht wer er ist.

Auf einmal vibrierte Björns Jackentasche – es war das Handy. Björn zog das Handy heraus. Auf dem Display las er ‘Anonymer Anruf‘. Zögerlich nahm Björn den Anruf entgegen. Am anderen Ende der Leitung war eine verzerrte Stimme zu hören. Mit kräftiger Stimme sagte Björn »hallo«, in der Hoffnung, dass man ihm seine Unsicherheit nicht anmerkte.  »Wie ich sehe hast du mein kleines Geschenk gefunden«, sagte die verzerrt klingende Stimme. »Wer spricht da? Was wollen Sie von mir?«, sagte Björn nun mit gefestigter Stimme.

»Du hast bis Mitternacht Zeit.«

»Zeit wofür?«

»Um mir zu sagen, wer du bist «.

»Was geht Sie das an, wer ich bin?«

»Nunja, du kannst es auch drauf ankommen lassen, aber wahrscheinlich wirst du deinen nächsten Krankhausaufenthalt dann nicht so glimpflich überstehen«.

»Stopp, haben Sie etwas mit meinen Verletzungen zu tun?«

»Spielen wir doch ein Spiel, du verrätst mir dein Geheimnis und ich verrate dir meins«.

»Was für ein Geheimnis?«

»Das Geheimnis, wer du in Wahrheit bist«

»Ich bin Jan Speier und jetzt bist du an der Reihe, du krankes Arschloch«

Björn vernimmt Gelächter von der anderen Seite »Nein nein so einfach ist das nicht, du sollst mir sagen wer du bist und nicht wie du heißt«

»Ich versteh nicht«

»Dann finde es heraus und komm um Mitternacht zur Parkbank, an der du das Handy gefunden hast und du wirst erfahren was mit dir passiert ist. Solltest du die Polizei kontaktieren oder dir sonst irgendwelche Hilfe suchen, wirst du die Wahrheit nie erfahren«.

Stille

Was passiert hier gerade? Björn stand völlig neben sich, wie ein Häufchen Elend sank er in sich zusammen.

»Björn alles gut? Was ist mit dir?«.

Björn versuchte krampfhaft seine Tränen zurückzuhalten, doch das alles war einfach zu viel für ihn. Bis eben war er noch Björn und nun war er Jan Speier, hauste in einer Bruchbude und wurde von einer Computerstimme bedroht. Seine Emotionen übermannten ihn, nun schaffte er es nicht mehr seine Tränen zurückzuhalten. Seelisch gebrochen und unter Tränen erzählte er Mike von dem bedrohlichen Anruf.

»Björn, du bist im Krankenhaus nicht sicher. Ich nehme dich mit zu mir nach Hause und fürs Protokoll, ich akzeptiere kein nein«. «Aber deine Frau und deine Tochter. Die kennen mich doch gar nicht«. »Mach dir wegen denen keine Sorge, Yvonne ist auf Dienstreise in Freiburg und Amy hockt wahrscheinlich eh nur in ihrem Zimmer rum«.

Mikes Heim war genauso wie es sich Björn vorgestellt hatte, eine Doppelhaushälfte mit einem überschaubaren Grundstück in einer guten Wohngegend mit vielen Ein- und Zweifamilienhäusern. Von Innen sah man jedoch wenig von Mikes Geschmack und mehr von Yvonnes Liebe zu Rosa. Mike sagte mal, dass er glücklich sei, solange Yvonne glücklich ist. Björn bewunderte und bemitleidete ihn zugleich. Mit einem pinken Kissen, einen Teppich in altrosa und den passenden Gardinen könnte er ja noch irgendwie leben, aber die komplette Küche in Schweinchenrosa? »Liebe macht anscheinend tatsächlich blind», dachte sich Björn.

»Mach es dir ruhig auf der Couch gemütlich, ich zauber uns in der Zwischenzeit was Feines zu Essen.« Das ließ sich Björn nicht zweimal sagen, immerhin war es ein anstrengender Tag. Er zog die Schuhe aus und machte es sich auf der Couch zwischen den pinken Plüschkissen bequem. Es dauerte nicht lange bis seine Augenlieder schwer wurden und er die Augen schloss.

»Wer bist denn du? «

Björn öffnete verdutzt die Augen, zu seiner Verwunderung stellte er fest, dass er tatsächlich für kurze Zeit eingenickt sein musste.

Vor ihm stand ein dünnes Mädchen mit blasser Haut und stechend blauen Augen, die Haare hatte sie auf der rechten Seite auf Brustlänge, jedoch auf der linken Seite komplett abgeschoren.

Irgendwie hatte er sich Amy immer ganz anders vorgestellt. Sie war viel hübscher als von Mike beschrieben und sie hatte irgendetwas an sich, Björn konnte es nicht in Worte fassen, doch sie schien etwas ganz Besonderes zu sein.

»Essen ist fertig«, brüllte Mike aus der Küche

Björn streckte seine Hand nach Amy aus und stellte sich verlegen vor «Hi, ich bin Mike, ich bin ein Freund von deinem Vater«.

»Stiefvater meinst du wohl«, zischte ihn Amy an.

»Wie auch immer«, wir sollten zu Mike in die Küche. Das Essen ist fertig.

Björn und Amy betraten die Küche «lass mich raten: Spaghetti Bolognese?«

»Was habe ich für eine schlaue Tochter«, lachte Mike.

»Stieftochter– okay?«, sagte Amy nun noch patziger als vorhin zu Björn.

Alle drei nahmen sich einen Teller mit einer großen Portion Spaghetti Bolognese und saßen sich damit an den Esszimmertisch. Amy setzte sich gegenüber von Björn, trotz ihrer frechen Art hatte sie etwas Unschuldiges an sich, dachte sich Mike. «Als du früher noch im Hellersen gearbeitet hast, hast du deine Patienten nicht mit nach Hause geschleppt«.  «Woher weiß sie, dass ich ein Patient bin? Also nicht nur hübsch sondern auch schlau«, dachte sich Björn.

»Erstens ist Björn mein Freund und nicht mein Patient und zweitens, wie läufst du eigentlich wieder rum junge Dame? Ohne BH am Esszimmertisch während wir Besuch haben? Was soll Björn denn von dir denken? «.
»Ihm scheint es zu gefallen«, sagte Amy mit spitzer Zunge. «Junge Dame zieh dir sofort etwas Vernünftiges an«.

Genervt stampfte Amy daraufhin die Treppe hoch in Richtung Kinderzimmer.

»Sorry Björn, wie gesagt Amy provoziert gerne«. Björn schaute Mike verlegen an.
» Hey Mike, ich habe echt nicht … «

»Du brauchst gar nichts zu erklären, ist schon gut. Amy erzählt viel, wenn der Tag lang ist. Alles okay, ich halte dich doch nicht für einen Pädophilen. Hey, du brauchst dich jetzt nicht schlecht fühlen wegen der Sache mit Amy, ich sehs dir nämlich direkt an«.

»Nein, das ist es nicht«

»Sondern?«

»Es geht um den Anruf«

»Jetzt fang nicht wieder damit an, wir haben das doch bereits im Auto besprochen, du bleibst die Nacht hier und morgen gehen wir zur Polizei. Wir müssen uns nur noch eine plausible Geschichte überlegen, wie wir an das Handy gekommen sind, aber da fällt uns noch was ein! Ich zeig dir jetzt erst mal wo du die Nacht pennen kannst«.

Mike führte Björn in sein Arbeitszimmer. »Na, hier schlägt doch direkt jedes Männerherz höher«, lachte Mike zufrieden und stolz. Björn war positiv überrascht, dass Mike es doch geschafft hatte, einen Raum in dem Haus nicht nach Yvonnes Vorstellungen zu gestalten«.

»Was ist das denn hier? « Björn betrachtete einen Gegenstand, den er beim Durchforsten des World Wide Web noch nicht gesehen hatte. »Das ist mein neustes Spielzeug, ein Stimmenverzerrer«. »Ein Stimmenverzerrer? Wofür brauchst du den denn?« »Ach weiß ich noch nicht, vielleicht als Partygag»

»Hast du mir nicht erklärt, dass der Anrufer seine Stimme mithilfe eines Programmes oder eines Gerätes entfremdet hat? «

»Ja schon, aber du glaubst doch nicht, dass ich etwas damit zu tun habe? «

»Ich weiß es nicht, sag du es mir. Als ich den Anruf bekommen hatte, warst du nicht bei mir und jetzt finde ich hier dieses Gerät und als ich das Handy im Park gefunden hatte, warst du auf einmal auch da, bist quasi aus dem nichts gekommen«.

»Was redest du denn? Was soll der Scheiß, denkst du wirklich, dass ich irgendwelche Psychospiele mit dir abziehe? «

»Ich weiß es nicht, sag du es mir!« » Das ist Bullshit! Man, ich kümmere mich um dich, nehme dich sogar mit zu mir nach Hause, obwohl ich heute erst deinen richtigen Namen erfahren habe. »

»Genau das ist es ja! Du nimmst mich trotzdem mit zu dir und deiner Stieftochter«.

»Ja, so etwas nennt man Gutmensch, vielleicht würde Yvonne auch „naiv“ sagen. Aber ich spiele keine Spielchen mit dir! »

»Bullshit! Ich glaube dir kein Wort!»

Mike ging einen Schritt auf Björn zu, dann noch einen und noch einen. Bis Björn schließlich mit dem Rücken zur Wand stand. »Björn, komm endlich runter von deinem Trip». Mike drängte Björn mit seinen Beruhigungsversuchen immer mehr in die Enge. Schließlich sah Björn nur noch einen Ausweg und auf einmal ging alles ganz schnell.

Björn schaute zum Boden. Dort lag Mike mit blutverschmiertem Gesicht, regungslos.

»Was ist passiert», fragte sich Björn, »so bin ich doch gar nicht. In Panik holte Björn seine Schuhe aus dem Wohnzimmer und verschwand in die Nacht hinaus. Alles was er wollte war, so weit und so schnell es ging, weit weg von diesem furchtbaren Ort zu gelangen.

 Mike stöhnte »scheiße, mein Kopf. Björn? Björn, bist du da?» Mike versuchte aufzustehen doch er schaffte es nur bis zum Schneidersitz. Orientierungslos versuchte er das soeben Geschehene zu realisieren und zu verarbeiten. Auf einmal nahm er ein Geräusch war. Für einen kurzen Augenblick dachte er Björn wäre zurückgekommen, doch dann begriff er, dass sein Handy neben ihm auf dem Boden vibrierte.

Langsam und schwach hob er das Handy auf und sagte gequält »Ja».

»Hallo, Mike bist du das, ich höre dich ganz schlecht, hier ist Lars».

»Hey Lars, ja sagen wir so ich hatte eine kleine Auseinandersetzung».

»Ist dein Freund von vorhin bei dir? »

»Ich denke, der ist weg»

»Okay, ich habe nämlich tatsächlich was auf der Speicherkarte gefunden. Aber ich wollte es erst einmal nur dir zeigen. Du müsstest eine E-Mail von mir bekommen haben».

»Du machst es aber echt spannend»., keuchte Mike in die Leitung.

Mike klickte auf die Outlook-App seines Smartphones, öffnete die E-Mail seines Bruders im Posteingang und klickte auf den Link den Lars ihm geschickt hat.

Björn war über sich selbst erstaunt, er hatte es wirklich geschafft sich den Weg zurück zur Augustusstraße 37 zu merken. In seiner Wohnung angekommen durchsuchte er alle Schubladen und Schränke nach Bargeld und tatsächlich, in einer silbernen Box in einem seiner Küchenschränke wurde er fündig.

50,00€ – das müsste fürs erste reichen, dachte er sich. Er nahm das Geld, steckte es in seine Jackentasche und machte sich wieder auf in die schwarze Nacht. Nach ungefähr 1,5 Km wurde er fündig. Er stand vor einem Motel.

Hier vermutet mich wahrscheinlich niemand, dachte er sich während er ein Zimmer für eine Nacht an der Rezeption bestellte. Er konnte weder zurück in seine Wohnung, noch ins Krankenhaus gehen, denn dort sucht Mike wahrscheinlich als erstes nach ihm. Mike – er konnte es immer noch nicht fassen, dass er sich so sehr in diesem Menschen getäuscht hatte. Doch noch immer plagte ihn die Frage »wieso», auf diese Frage fand er einfach keine schlüssige Antwort.

Im Zimmer angekommen, zog Björn seine Kleidung aus und ging unter die Dusche. Als das warme Wasser seinen Rücken sanft massierte, konnte er das erste Mal seit langem wieder runterfahren. Unter der Dusche ließ er seinen Gedanken freien Lauf und auf einmal kam ihm Amy in den Sinn. »Die Kleine hatte Recht, dachte er sich, es hatte  ihm tatsächlich ein bisschen Gefallen». Je mehr er an Amy dachte, desto erregter war er.

Bis … »Scheiße, was mache ich hier gerade? Bin ich jetzt völlig bescheuert», dachte sich Björn.

Er duschte sich kalt ab und beschloss direkt ins Bett zu gehen, denn er wollte, dass dieser schreckliche Tage einfach nur noch endet. Morgen früh, so nahm er sich vor, wollte er direkt zu Ingo Klein und Martina Eck gehen und Ihnen von Mikes kranken Psychospielchen berichten.

 »Hallo Mike, bist du noch da? » fragte Lars. Mike konnte einfach nicht fassen, was er da auf seinem Handy sah. Es dauert einen Moment, bis er seine Worte wiederfand. »Scheiße Man, was ist das? »

»Den Ordner habe ich auf der Speicherkarte gefunden», sagte Lars mit einer Mischung aus Ekel und Entsetzen in der Stimme. »Sagt dir zufällig der Name Jan etwas? »

»wieso? »

»So lautet der Ordnername»

Mike konnte es nicht glauben, hatte Björn etwas mit diesen Fotos zu tun? Auf seinem Handy scrollte er durch hunderte Fotos von Jungs und Mädchen, nicht älter als 15 Jahre, die in anzüglichen Posen abgebildet waren.

Das ist einfach nur krank dachte er sich und wollte den Ordner gerade schließen, bis er ein Gesicht auf den Fotos erkannte.

 Björn öffnete die Augen. Diese Matratze vom Motel war eindeutig schlechter, als die im Krankenhaus, dachte er sich.

Doch dann bemerkte er, dass er gar nicht mehr im Motel war. Er fand sich in einem Keller auf einer Matratze liegend wieder, die nach Urin roch, an den Händen und Füßen mit Kabelbinder gefesselt.

»Süß geträumt», fragte eine Stimme. Björn versuchte sich anzustrengen, um die Person zu erkennen, doch es war zu dunkel, er konnte nur eine Gestalt erkennen. Aber die Stimme, sie hörte sich vertraut an, aber dennoch fremd. Aber eins konnte er mit Sicherheit sagen, es war nicht Mike, mit dem er sprach, die Stimme war weiblich.

»Ich hatte dir ein Ultimatum gestellt, du solltest dich um Mitternacht mit mir treffen und mir sagen, wer du bist. Ich habe dich gewarnt, dass du beim zweiten Mal nicht so viel Glück haben wirst».

»Ich bin Jan Speier, das habe ich doch schon am Telefon gesagt».

Ein Name sagt uns nicht wer wir sind, es sind unsere Emotionen und Handlungen die uns zu dem machen, wer wir sind. Und ich weiß, dass es dir gestern Abend im Hause deines Freundes und unter der Dusche wieder eingefallen ist».

 

Björn öffnete die Augen. Diese Matratze vom Motel war eindeutig schlechter, als die im Krankenhaus, dachte er sich.

Doch dann bemerkte er, dass er gar nicht mehr im Motel war. Er befand sich in einem Kellner, liegend auf einer Matratze, die nach Urin roch, an den Händen und Füßen mit Kabelbinder gefesselt.

»Süß geträumt», fragte eine Stimme. Björn versuchte sich anzustrengen, um die Person zu erkennen, doch es war zu dunkel, er konnte nur eine Gestalt erkennen. Aber die Stimme sie hörte sich vertraut an aber dennoch fremd. Aber eins konnte er mit Sicherheit sagen, es war nicht Mike, mit dem er sprach, die Stimme war weiblich.

»Ich hatte dir ein Ultimatum gestellt, du solltest dich um Mitternacht mit mir treffen und mir sagen, wer du bist. Ich habe dich gewarnt, dass du beim zweiten Mal nicht so viel Glück haben wirst».

»Ich bin Jan Scheier, das habe ich schon am Telefon gesagt».

Ein Name sagt uns nicht wer wir sind, es sind unsere Emotionen und Aktionen, die uns zu dem machen, wer wir sind. Und ich weiß, dass es dir gestern Abend im Hause deines Freundes und unter der Dusche wieder eingefallen ist».

Auf einmal erkannte Björn die Stimme, doch spielte ihn sein Gehirn einen Streich, denn was er dachte zu wissen, ergab einfach keinen Sinn.

 

Auf einmal klingelte es. Aber es klingelte nicht einmal, nicht zweimal, es klingelte ununterbrochen. Die Tür wurde geöffnet. Vor der Tür stand Mike, »Gott sei Dank, dass ich Sie gefunden habe. Ich war schon im Krankenhaus, aber man sagte mir, dass sie sich heute freigenommen haben».

»Sie sind ja total aufgedreht mein Lieber. Kommen Sie ruhig rein und erzählen mir in Ruhe, was Sie passiert ist». Frau Dr. Brecht winkte Mike in ihr Haus hinein. »Setzen wir uns, ich mache uns erst einmal einen beruhigenden Kräutertee und Sie erzählen mir, was sie so sehr bedrückt, dass es morgens um 09.00 Uhr nicht warten kann».
»Es geht um ihre Tochter». »Um meine Tochter», fragte Fr. Brecht irritiert. »Ja», erwiderte Mike.

»Ich glaube Sie ist in Gefahr».

»In Gefahr? »

»Ja, Jan ich meine Björn ist vielleicht hinter ihr her »

»Ich verstehe nicht, Jan? Björn?»

»Ja Björn, der Patient von der Station zwei. Sein richtiger Name ist Jan Speier und ich habe Beweise gefunden, dass er ein krankes Schwein ist. Ich habe Bilder gefunden, von Kindern. Zwischen den Bildern habe ich auch Bilder von Mary gefunden. Es sind andere Bilder, sehen aus wie Stalking-Bilder. Es scheint, jemand oder besser gesagt Björn, ähm ich meine Jan hat Ihre Tochter tage- oder sogar wochenlang verfolgt».

»Und Sie haben diese Beweise jetzt bei sich?  »Ja, ja ist alles auf meinem Handy.
Nehmen Sie doch erst einmal einen Schluck Tee. Und ich schaue mir die Bilder an, dann gehen wir zur Polizei.

Ich habe gehört, dass Björn über Nacht verschwunden sei, haben Sie etwas damit zu tun?
Ja ich weiß, ich wollte dem Penner noch helfen, wusste ja nicht was für eine kranke Sau er ist.
Mike nahm einen großen Schluck. Auf einmal wurde seine Wahrnehmung ganz anders, ihm wurde schwindelig, sah alles verschwommen. Dann brach er zusammen.

Fr. Dr. Brecht öffnete eine Tür neben der Küche und holt einen Rollstuhl heraus, dann nahm Sie Mike und setzte ihn von dem Stuhl in den Rollstuhl

Sie öffnete die Kellertür und legt ein Brett auf die Stufen, sodass sie den Rollstuhl mit dem bewusstlosen Mike runterfahren konnte.

»Wer ist das, wer ist das», schrie Björn.

Dann stellte er mit Schrecken fest, dass es Mike war, der bewusstlos im Rollstuhl saß. Das war auch der Moment, in dem ihm klar wurde, dass Mike ihn nicht verarscht hat. »Sie kranke Psycho-Schlampe, was haben Sie ihm angetan», schrie Björn Fr. Dr. Brecht an

»Du müsstest es am besten wissen, denn du hast es immerhin schon zweimal erlebt, das Mittelchen heißt GHB».

»Auch als Vergewaltigungsdroge bekannt, ist so jemand wie dir doch sicherlich bestens bekannt».

»Jemand wie mir? » fragte Björn.

»Weißt du wie viele Vergewaltigungsopfer ich im Jahr habe? »

Unschuldige Mädchen und Jungs, die Schweinen wie dir hilflos ausgeliefert sind. Ich kann mein Möglichstes tun um ihr Leben zu retten, ich kann versuchen Ihnen einen Weg zu zeigen mit dieser Schande zu leben, aber ich kann eines nicht – ich kann sie nicht davor schützen, ich kann die Tat nicht verhindern. Doch eines Tages kam Marie zu mir, sie erzählte mir, dass sie von einem Mann mit schwarzer Cap verfolgt wird. Zunächst dachte ich, dass sie sich das alles einbildet oder auf der Suche nach Aufmerksamkeit ist. Aber irgendwann sah ich dich vor ihrer Schule und dann als ich richtig hinsah, sah ich dich immer öfter. Dann drehte ich das Spiel um. Ich brachte Marie zu Ihrem Vater, meldete sie in der Schule krank und wartete dort auf dich und du kamst. Fast Pünktlich zum Schulschluss um 14.15 Uhr standest du da. Beinahe wie die anderen, doch die anderen warteten auf ihre Kinder, du mein Lieber, du wartetest auf dein nächstes Opfer. Doch sie war nicht da. Du stiegst wieder in dein Auto und fuhrst los. Ich fuhr dir hinterher, dann habe ich dich verfolgt. Irgendwann wusste ich wer du bist, wo du wohnst, und das du deine kleine lächerliche Arbeitsstelle als Vertreter nur als Alibi benutzt um quer durchs Land zu reisen und dich an unschuldigen Kindern zu vergehen. Ich brach in deine Wohnung ein und fand diese ganzen Fotos auf deinem Laptop.Ich wollte mit den Beweisen zur Polizei. Doch wie viele Jahre wärst du weggesperrt worden? Und dann vielleicht sogar auf Bewährung, dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Also füllte ich in jede deiner Flaschen im Kühlschrank die Droge. Dann nahm ich den Laptop an mich, versteckte mich und wartete bis du nach Hause kamst und aus einer der Flaschen trinken würdest. Mein Plan ging auf. Nachdem du weggetreten warst, brachte ich dich mithilfe des Rollstuhles in meinen Keller. »

»In diesem Moment wurde mir klar, es gibt nur eine Lösung. Ich muss dich töten. Aber ich wollte dich nicht nur einfach erschießen oder ersticken, ich wollte das du leidest, du solltest so leiden wie deine Opfer. Also folterte ich dich und was soll ich sagen, ich entwickelte eine gewisse Sympathie für diese Kunst. Doch dann rief mein Exmann an, Marie ging es nicht gut und ich sollte sofort vorbei kommen.Ich war mir sicher, dass du nicht überleben wirst und warf dich wie Abfall auf die Straße und richtete alles so her, dass es nach einem Überfall aussah. Doch als ich dann ein paar Tage später den gerade aus dem Koma erwachten Patienten Björn von Dr. Hebert zugewiesen bekam, traute ich meinen Augen nicht. Als du sagtest du könntest dich an nichts erinnern wollte ich dir zunächst nicht glauben. Ich dachte du willst dich an mir rächen und täuscht deine Amnesie bloß vor. Doch bald bemerkte ich, dass du dich wirklich nicht erinnern konntest. Aber nur weil du nicht wusstest wie du heißt, hieß das noch lange nicht, dass du nicht wusstest, wer du bist, oder was du bist – ein Monster! Ich wusste es ist nur eine Frage der Zeit, bis du wieder in alte Gewohnheiten verfällst ».

»Jetzt frage ich dich, nachdem du die letzten Stunden so damit beschäftigt warst herauszufinden wer du bist, kannst du mit dieser Realität leben? ».

Mike kam langsam wieder zu sich. Er war zwar noch benommen, konnte aber seine Umgebung wieder wahrnehmen. Er sah Frau Dr. Brecht mit einer Waffe auf Björn gerichtet.

Dann sah er direkt neben ihm auf dem Boden das Holzbrett liegen, welches Fr. Dr. Bechtel benutzt hatte, um den Rollstuhl die Treppe runterzufahren. Ohne lange zu zögern, ergriff er das Brett und schlug damit auf Fr. Dr. Brecht ein – sie viel zu Boden.

»Ist sie tot, fragte Björn mit zitternder Stimme», Mike fühlte Ihren Puls. »Nein, sie ist nur bewusstlos».

»Mike, Ich, Ich …».

»Du musst nichts sagen, Lars konnte die gelöschten Daten wiederherstellen. Ich weiß über dich Bescheid.Ich werde jetzt die Polizei rufen. »

 »Mike, ich wollte so verzweifelt wissen, wer ich bin, doch nachdem ich es jetzt weiß, weiß ich nicht, wie ich mit der Wahrheit leben soll, ob ich damit überhaupt leben kann».

Björns Blick wanderte zu dem Revolver der auf dem Boden lag.

Björn schaute Mike flehend an. Mike hatte in seinem ganzen Leben nie darüber nachgedacht, jemals Sterbehilfe zu leisten und erst recht nicht in so einer Form. Aber er hatte diesen Gesichtsausdruck noch nie gesehen, es war der Gesichtsausdruck eines zerbrochen Menschen.

Wortlos schob er die Pistole mit seinem Fuß zu Björn, dann ging er die Kellerstufen hoch, holte sein Handy raus und wählte die 110.

Björn lief eine Träne über sein Gedicht. Er musste sich an ein Zitat erinnern, welches er beim Durchstöbern des Internets gefunden hatte:

Gewissen ist das Bewusstsein eines inneren Gerichtshofes im Menschen – Immanuel Kant

Die Waffe fiel zu Boden – der innere Gerichtshof hatte entschieden.

 

         Ende  –

 

 

14+

4 thoughts on “IDENTITÄT

  1. Hej Charmaine Strehl,
    ein ernstes Thema hast du da in deiner Geschichte aufgegriffen.
    Der Plot ist gut und ich finde auch das Ende mit dem angedeuteten Selbstmord gut gelungen. Täuscht mich mein Gefühl oder sind das etwas mehr als 15 Normseiten? 😉
    Ich denke du könntest mehr aus deiner Geschichte herausholen.
    Folgende Dinge sind mir aufgefallen:
    – Die Grammatik passt manchmal nicht und du springst relativ häufig in den Zeiten (Vergangenheit/Gegenwart).
    – Du verwendest viele Dialoge. Prinzipiell finde ich so etwas gut, da es eine Geschichte auflockert und ihr Geschwindigkeit geben kann. Bei dir ist mir aufgefallen, dass die flapsige/umgangssprachliche Art von Björn und Mike teilweise etwas anstrengend zu lesen ist. Außerdem ist mir häufig nicht klar gewesen, wer gerade spricht. Das lag teilweise an fehlender Zeichensetzung, aber auch an fehlenden Absätzen oder z.T. auch zu viele Absätze innerhalb der Wortmeldung derselben Person. Das machte das Lesen auch etwas anstrengend.
    – Wenn du die Perspektive von Björn zu Mike wechselst (und umgekehrt) würde ich das für eine bessere Lesbarkeit kennzeichnen, z.B. durch **** o.ä.
    – Als letztes ist mir noch aufgefallen, dass eine Passage doppelt ist: „Björn öffnete die Augen. Diese Matratze vom Motel war eindeutig schlechter…“ Da wechselt auch die Schriftgröße, vielleicht wolltest du an der Stelle in irgendeiner Form einen Perspektivwechsel andeuten?
    Du hast Potential, der Plot ist wirklich gut. Mach unbedingt weiter 🙂
    Viele Grüße,
    calathea1787
    („Der Banker“)

    0
    1. Hallo „Der Banker“,

      vielen lieben Dank für deine ausführliche und konstruktive Kritik! 😊 Leider hatte ich ein schlechtes Zeitmanagament und habe die Geschichte an den letzen zwei Tagen nach der Arbeit geschrieben.
      Hier und da merkt man, dass ich einfach „schlampig gearbeitet“ habe, doch ich wollte unbedingt ein Teil von diesem tollen Projekt sein und habe sie trotz allem hochgeladen.
      Vielleicht nehme ich mir jetzt die Zeit und pfeile sie aus. 😊

      Liebe Grüße zurück
      Charmaine

      0
      1. Hi Charmaine,
        gerne, wenn ich mir die Zeit nehme, Geschichten zu lesen, dann gebe ich auch gerne eine Rückmeldung dazu. Gerade dann, wenn mir etwas auffällt.
        Sehr cool, dass du die Geschichte hochgeladen hast, ohne dass sie „perfekt“ ist. Ich würde auf keinen Fall von schlampiger Arbeit sprechen. Ich habe meine Geschichte auch auf den letzten Drücker überarbeitet und hätte vermutlich noch 3 oder 4 Durchläufe mehr gebraucht, damit sie sich – aus meiner Sicht – gut anfühlt. Ich finde es auch total toll bei dem Projekt dabei zu sein!
        Witzig übrigens, dass du mich mit „Der Banker“ angeschrieben hast – das ist der Name meiner Geschichte 🙂
        Viele Grüße,
        calathea1787

        0

Schreibe einen Kommentar