Enike KirschIdentität – Nicht nur ein Leben

Ich hörte die S-Bahn einfahren und beschleunigte meine Schritte. Die Treppen nahm ich im Hechtsprung, stieß mit einer Frau zusammen und sprengte sie nahezu aus dem Weg. Die Türen schlossen sich gerade hinter mir, nachdem ich in die Bahn gesprungen war. Zehn Minuten auf die nächste Bahn warten? Nicht mit mir. Während ich mir einen Sitzplatz suchte, beruhigte sich langsam mein Atem. Ich ließ mich auf den Fensterplatz fallen und starrte hinaus. Teilnahmslos nahm ich die vorbeifliegende Landschaft wahr. Endlich Feierabend, wieder ein trostloser Tag zu Ende. Die Bahn hielt und an jeder Station stiegen Menschen aus und neue Menschen ein. Bald kam meine Station. Ich seufzte und brachte mich in eine bequemere Sitzposition. Dabei stützte ich mich mit der rechten Hand zwischen den beiden S-Bahn-Sitzen ab und sortierte meine Beine, um mir mit meinem Gegenüber nicht ins Gehege zu kommen.

Meine Finger ertasteten etwas, das zwischen den beiden Sitzen auf dem schmalen Sims lag und ich warf einen Blick auf meinen Fund. Ein Handy. Ein Smartphone.

Mein Kopf schnellte nach oben mit dem Blick Richtung Tür und ich wollte schon laut darauf aufmerksam machen, dass ein Handy vergessen worden war, besann mich dann aber eines Besseren. Moment mal, woher willst du wissen, dass das Handy neben dir deinem Sitznachbarn gehört hat, der eben hier gesessen hat? Würdest du ihn wiedererkennen? Du hast doch überhaupt nicht darauf geachtet, wer sich hingesetzt hat und vor allem, der wievielte seit du in die Bahn eingestiegen bist. Die Person wird schon anrufen, wenn sie feststellt, dass das Handy verloren wurde.

Ich schloss meine Finger fester um das Telefon und nahm es ganz in die Hand, um es zu betrachten. Ohne Spider-App, das sah man ja selten. Dann könnte es eher einem Erwachsenen anstatt einem Jugendlichen gehören. Ich drückte auf einen der seitlichen Knöpfe, sodass das Display aufleuchtete. Voller Akku. Sehr gut, dann konnte die Person anrufen, ohne dass das Handy gleich den Geist aufgab. Und bis dahin könnte ich ja mal sehen, wem es gehörte. Ich betätigte noch einmal den Knopf und das Display erhellte sich erneut. Na, ob du dein Handy gut gesichert hast? Ich wischte probeweise über das Display. Nein, hast du nicht. Ganz schön dumm. Ich lächelte, stand auf und verließ die Bahn. Zu Hause würde ich den Inhalt des Telefons gleich auseinandernehmen. Wie viele Kontakte? Welche Kontakte? Zu wem wie oft Telefonate? Welche Messenger? Welche anderen Social Media Kanäle? Bilder, Videos und vieles mehr. Wie spannend – das war wie das Tagebuch einer anderen Person zu lesen!

Ich ließ die Haustür hinter mir ins Schloss fallen und zog die Schuhe im Flur meiner Altbauwohnung aus. Hohe Wände, knarrende Dielen, kalte Winter. Soviel Charme! Nein, Wohnungsnot. Ich lief gerne barfuß, aber auf diesem Boden zog man sich auch gerne mal einen Splitter zu. Geräuschdämmende Fenster waren ebenfalls etwas anderes, aber sie waren ja alt und schön, fanden zumindest andere. Andere, die nicht in der Bude hausen mussten. Ach ja, in einem anderen Leben zog ich in eine andere Stadt und nahm mir eine schönere Wohnung, führte ein glücklicheres Leben und lief viel mehr barfuß. Aber in diesem Leben rackerte ich mich noch eine Weile ab, fiel morgens aus dem Bett in eine überfüllte Bahn, arbeitete den ganzen Tag neonlichtbestrahlt in einem Großraumbüro und fuhr allabendlich mit dem Mob zurück.

Tja, an welcher Stelle in meinem Leben hätte ich die Weichen anders stellen können, um nicht dort zu enden, wo ich war? Hätte ich mich einfach mal in anderen Städten bewerben sollen? Hätte ich studieren sollen? Hätte ich mich dazu in der Schule mehr anstrengen sollen, um überhaupt das Abitur zu bestehen? Hätte ich andere Eltern gebraucht, die mir mehr Grundintelligenz mitgaben? Ich wusste nicht, wem ich letztendlich die Schuld geben sollte. Dass ich mein Leben in der Hand hatte und selbst verantwortlich war für den Platz im Leben, den ich eingenommen hatte, mochte ich mir nicht eingestehen. Leider lief mein Gedankengang jedes Mal aufs Neue darauf hinaus.

Na gut, dann versuchte ich zumindest in der nächsten Stunde jemand anderes zu sein, und zwar der Eigentümer des Handys. Ich hatte kein schlechtes Gewissen oder Schamgefühl demjenigen gegenüber. Das Handy bot ihm an, es ordentlich zu sichern, wenn er das nicht machte, glich es einer Postkarte. Und wer schaute sich schon nur die Vorderseite der Karte an?

Ich strich über das Display und öffnete danach die Kontaktliste. Leer. Wie konnte das denn sein? Wie konnte denn jemand keine Kontakte in seiner Liste haben Nachrichten? Keine. Messenger? Einen, aber ohne Chatkontakte. Galerie? Ein paar Fotos waren drauf. Ein Lächeln überzog mein Gesicht. Na, dann wollte ich doch mal sehen, mit wem ich es hier zu tun hatte. Ich klickte auf das erste Bild, das nun den gesamten Bildschirm einnahm und erstarrte.

Das bin ja ich!

Nein, das bin nicht ich.

Es ist trotzdem mein Gesicht.

Aber ich bin das nicht. Ich war nicht dort. Das ist nicht mein Körper. Jemand hat mein Gesicht da hineingesetzt!

Fassungslos wischte ich durch die Bilder und mein Unterkiefer sank immer weiter nach unten. Das durfte doch nicht wahr sein! Was war das denn für eine kranke Scheiße?

Auf dem ersten Foto war ich – oder jemand, der so aussah wie ich als etwa 10-Jähriger – der stolz einen gefangenen Fisch neben sich hochhielt.

Auf dem nächsten Foto war ich etwa 14 Jahre alt und stand oberkörperfrei in gleicher Pose mit einer Katze da. Ich hielt das Tier am Schwanz, es schien tot zu sein, denn es zeigte keine Gegenwehr. Das Fell war rot verfärbt, genau wie mein Oberkörper.

Welcher kranke Bastard machte so etwas und woher hatte diese Person so viele Bilder von mir in verschiedenen Altersgruppen?

Ich wischte weiter. Ich befand mich in der Hocke, ein Knie ruhte auf dem erlegten Hirsch, das Messer, mit dem ihm die Kehle durchtrennt worden war, reckte ich stolz in die Kamera. Ich ekelte mich vor mir selbst. Wer kam auf solche Ideen? Also zum Einen Tiere quälen und zum Anderen mein Gesicht dafür zu benutzen? War heute der 1. April? Hatte ich etwas verpasst? Erlaubte sich jemand nur einen äußerst makabren Spaß mit mir? Sicherheitshalber prüfte ich das Datum auf meiner Uhr, auf die ich mich bisher immer verlassen konnte. Es war der 15. März – die sogenannten Iden des März. Wäre ich abergläubisch, müsste ich annehmen, dass Unheil bevorstand.

Welchem meiner Freunde konnte ich etwas derart Geschmackloses zutrauen? Wen könnte ich anrufen und zusammenfalten?

Was wollte jemand mit solchen Bildern? Was wollte die Person von mir? Wollte sie denn etwas von mir? Wollte sie mich erpressen? Würde sie sich dazu noch melden?

Nächstes Bild: Im Hintergrund erkannte ich einen Wald, davor einen See, die Polizei hatte den See abgesperrt und eine Leiche aus dem Wasser geborgen. Diese war bereits verpackt, sodass ich nichts Genaues erkennen konnte. Das einzige scharfe Detail war meine grinsende Fratze im Vordergrund mit einem hochgereckten Daumen. Das durfte doch nicht wahr sein!

Ich legte das Handy auf den Tisch und bedeckte meine Augen mit den Händen. Ich rieb mir über die Augen, um sicherzugehen, dass ich mir das einbildete. Ich hatte nicht wirklich ein Handy gefunden, auf dem sich Bilddateien von mir befanden. Nicht nur Bilder, sondern diskreditierende Bilder. Welcher derart, die sollten sie in den Umlauf gebracht werden, viel Schaden anrichten konnten.

Da träumte ich zuerst meinen Tagtraum vom besseren Leben und dann erwachte ich in so einem Albtraum. Ja, ich hatte verstanden. Mein Leben zuvor war äußerst annehmbar. Ich wollte es zurück.

Ich ließ meine Hände sinken. Das Smartphone hatte sich nicht in Luft aufgelöst. Das schwarze Display starrte mich an. Ich wollte es zerstören. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Im Hintergrund vernahm ich das „kuckuck“ der Uhr, die meine Tante mir geschenkt hatte. Acht Mal hörte ich den Vogel rufen und starrte währenddessen ausdruckslos auf das dunkle Display. Als ich meinen Blick abwenden wollte, leuchtete es kurz auf.

Kein Anruf. Aber eine Nachricht. Das Telefon hatte sich meine Aufmerksamkeit zurückerobert. Ich rückte wieder näher heran und entsperrte das Gerät. Oh, es hatte noch mehr Social Media, es hatte Facebook und Instagram. Und jemand hatte kommentiert.

Ein neuer Kurztext flimmert auf.

„Du Bastard!“

Der Text erlosch und verwandelte sich in ein f. Ich war aufgeregt, sodass sogar meine Finger etwas zitterten. Ich bestätige, dass ich den Beitrag lesen wollte.

Dabei hätte ich es wissen müssen! Es hätte mir klar sein müssen! Verdammte Scheiße!

Ich schmetterte das Telefon auf den Tisch, kickte mit dem Fuß den Stuhl weg und brüllte durch die Wohnung. Sollte die Nachbarin unter mir doch denken, was sie wollte. Ich hatte hier gerade existenzielle Probleme zu klären und sah ihr Ruhebedürfnis als untergeordnet an. Auf Facebook waren die Bilder hochgeladen worden, genau die, die ich zuvor in der Galerie gesehen hatte und jemand hatte mich darin markiert. Öffentlich. Von jedem kommentierbar. Jeder konnte seinen Senf dazugeben und jeder konnte mich sehen. Jeder konnte meinen Namen lesen. Jeder konnte die Untertitel lesen.

„Mein erster fetter Fisch.“,

„Ein Katzenjammer.“,

„Ich bin ein ganz wildes Schwein.“

Ich stellte den unschuldigen Stuhl wieder auf und ließ mich darauf fallen. Okay, jetzt noch einmal von vorne. Wem gehörte der Account? Er lautete auf meinen Namen, ganz toll. Mein „echter“ Facebook-Account lautete nicht ganz auf meinen richtigen Namen. Manchmal möchte man ja doch nicht ganz so offiziell im Internet unterwegs sein. Mit dem Fake-Account war ich allerdings ultraecht unterwegs. Meine Hackfresse als Profilbild über meinem richtigen Namen. Ich würde die Beiträge einfach löschen. Ich musste nur die Verbindung zu mir kappen. Ich löschte alle Beiträge auf Instagram und Facebook und versuchte, die Kommentare so weit es ging, auszublenden.

Nicht nur einer hatte angedroht mich auszuweiden und an sein Auto gebunden durch die Straßen zu schleifen. Ich schluckte. Auf einmal fühlte ich mich in meiner Wohnung unwohl und knipste das Licht aus. Jetzt saß ich da im Dunklen und lauschte. Die Straße war belebt wie immer, aber die Geräusche erschienen mir bedrohlicher. Ich würde heute Nacht kein Auge zumachen können. Ich musste herausfinden, ob die Bilder noch auf anderen Plattformen hochgeladen worden waren. Ich musste die Polizei einschalten! Andererseits sahen die Bilder total echt aus. Man konnte gar nicht erkennen, dass es sich um eine Fotomontage handelte. Dann hielte die Polizei mich noch für einen Wilderer und Tiertöter. Wobei die doch sicher feststellen konnten, ob es sich nicht doch um veränderte Bilder handelte, oder? Und dann? Was sollten die denn machen? Die konnten die Bilder doch auch nur sperren, wenn sie auftauchten. Anzeige gegen unbekannt? Ob Spuren auf dem Telefon zu finden waren? Puh, ich hatte das inzwischen so oft in der Hand gehabt, da dürfte von einem Zweiten nichts mehr zu finden sein. Verdammt, verdammt verdammt. Ich begann erneut das Telefon zu durchforsten. Ein paar wenige Lieder konnte ich finden, alles altes Zeug, das ich in meiner Kindheit gehört hatte. Doch beim Abspielen wollte sich kein nostalgisches Gefühl einstellen. Nein, es hatte wohl keinen Sinn, die Polizei einzuschalten. Ich öffnete Youtube und stellte glücklicherweise fest, dass kein Account angelegt war. Ich suchte nach Tierquäler und wurde mit tausenden von Suchergebnissen überschüttet. Das hatte so keinen Sinn. Ich suchte nach meinem Namen. Nichts. Ich blieb hier wohl verschont. Vielleicht auch nur vorerst. Ich würde jetzt öfter nachsehen müssen, ob irgendetwas über mich in Umlauf gebracht wurde oder die Augen offen halten, um meinen Verfolger zu enttarnen. Er schien mir immer noch auf der Spur zu sein. Was sollte ich denn jetzt tun? Mich einfach ins Bett legen, die Augen schließen, schlafen und wenn morgen der neue Tag anbrach, hoffen, dass sich alle meine Probleme in Luft aufgelöst hatten? Ja, ich wollte ein anderes Leben. Mein Leben hatte ich mit meinen Entscheidungen in eine Richtung gelenkt, die mir nicht gefiel, die mich langweilte und ich keinen Sinn darin fand. Ich wollte ein aufregendes Leben, ich wollte inspirierende Leute um mich haben mit verrückten Ideen und einem Haufen Zeit und Geld, damit ich mir meine Wünsche erfüllen konnte. Aber wie hätte ich ahnen können, dass mein Leben noch schlimmer werden konnte durch einen unabsichtlichen Fund? Das war doch nicht meine Schuld, da hatte mich doch jemand anderes auf dem Kieker. Ich tigerte in meiner Wohnung auf und ab, blieb zwischenzeitlich stehen, um mich seitlich an das Fenster zu stellen, um hinauszuspähen und dann wieder meine Tigerrunde aufzunehmen. Es klingelte. Ich ließ mich zu Boden fallen und atmete leise. Du Idiot! Es war nur das Smartphone gewesen. Ich atmete tief aus und stemmte mich wieder hoch, schnappte mir das unheilvolle Ding und entsperrte das Display. Es hatte eine E-Mail erhalten. In dem E-Mal-Fach befand sich genau eine neue Nachricht. Von Google.

Zum Schutz Ihrer Privatsphäre möchten wir Sie daran erinnern, dass Sie Ihren Echtzeitstandort über die Google-Standortfreigabe für eine Person freigegeben haben.

Ich habe was? Nein, habe ich nicht. Um Himmels willen, wo stellte man das aus? Wem war das denn freigegeben worden? Jetzt wusste der Irre auch noch, wo ich wohnte. In aller Panik hämmerte ich auf dem Handy herum und klickte mehrmals daneben, bis ich es endlich geschafft hatte, die Freigabe zu deaktivieren. Ich sank an der Wand zu Boden, zog meine Knie an die Brust und legte meine Arme darüber. Ich fühlte mich so entsetzlich unwohl in meiner Wohnung. Ich würde diese Nacht kein Auge zutun, ich musste einen klaren Kopf bekommen, um planen zu können, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Es klingelte erneut. Dieses Mal jedoch an der Tür. Wer sollte das sein? Ich erwartete niemanden. Ich schob meinen Körper an der Wand nach oben und drückte meine Nase an das Glas des Fensters, konnte jedoch nichts Verdächtiges erkennen. Keine zwanzig Motorräder mit schwerbewaffneten Tierliebhabern, die mich aufknüpfen wollten und keine Polizei. Die Türklingel erscholl erneut. Dieses Mal wurde sie gedrückt gehalten, sodass eine urmenschliche Reaktion bei mir einsetzte.

„Ja, ja verdammt, ich komme ja schon!“

Es war der Pizzadienst. Ich hatte nichts bestellt und versuchte ihm das entsprechend zu verdeutlichen, doch er bestand darauf, dass ich die Pizza abnahm. Tomaten, Käse, Champignons, Artischocken, Knoblauch und extra Sardellen.

Meine Lieblingspizza.

Letztendlich drückte ich dem Boten das Geld in die Hand und verzog mich mit meiner Errungenschaft zurück in meine Wohnung. Ich stellte den Karton auf dem Esstisch ab und setzte mich. Schweigend starrte ich den Karton an. Wer konnte wissen, dass das meine Lieblingspizza war? Ob sie vergiftet war? Andererseits, wer betrieb soviel psychische Manipulation, nur um mich dann mit meiner Lieblingspizza zu vergiften? Wobei, so abwegig war das nicht, ich hätte genau diese Pizza als Henkersmahlzeit gewählt. Zaghaft holte ich eines der Pizzastücken aus dem Karton und biss hinein. Salzig. Genau so wie ich es mochte. Oder war das ein Friedensangebot? Ein Besänftigungsversuch, weil der Spaß, mich in Bilder hineinzumanipulieren im Internet keine Pointe gehabt hatte?

Ich griff wieder zum Smartphone und entsperrte es. Zurück in die Galerie. Drei der Bilder waren hochgeladen worden, das vierte nicht. Das vierte, auf dem offensichtlich eine Leiche aus dem See gezogen wurde, war nicht veröffentlicht. Hatte ich das bereits verhindern können oder war es noch geplant dieses zu veröffentlichen? Wenn ja, wie konnte ich das verhindern? Ohne einen ausgeklügelten Plan erarbeitet zu haben, hatte ich die restliche Pizza in mich hineingemampft und immer verschwörerisch das Handy im Blick gehabt. Die olle Büchse der Pandora. Verdammtes Ding! Smartphones waren der Untergang des persönlichen Umgangs. Dieses Unding schaffte es, mich nicht nur virtuell in die Knie zu zwingen.

Es klingelte. Natürlich klingelte es. Es war noch lange nicht fertig mit mir. Der ominöse Messenger blinkte. Eine neue Nachricht. Eine – natürlich unbekannte, da nicht eingespeicherte – Nummer mit dem dahinterstehenden Namen Pthonos (*FN* Griechischer Gott des Neides*FN*) hatte mir geschrieben. Phtonos, wie sollte man das denn aussprechen? Das war etwa wie mit den Leuten, die nicht wussten, wo sie das „ph“ in Stephan einsetzen sollten. Phtefan? Phtonos also – kannte ich nicht. Was hast du mir zu sagen?

Die Ablaufzeit verschwindender Nachrichten wurde auf 30 Sekunden festgelegt. Was sollte das denn sein? Ich schüttelte irritiert den Kopf und begann zu lesen.

Ich hoffe, dir hat meine kleine Aufmerksamkeit gefallen. Du warst früher so bemüht, mein Leben zu leben. Du hast es dir zur Aufgabe gemacht, meine beste Freundin glücklich zu machen bis es deine war und meine Erfolge als deine zu verkaufen. Du wolltest mein Leben? Jetzt mit Sicherheit nicht mehr. Nachdem du darin gepfuscht hattest, wollte das keiner mehr haben. Dabei möchte ich dich nur an die Aktion erinnern, als wir beide auf der Autobahnbrücke standen und du sagtest, dass jeder von uns einen Stein werfen würde. Ich hatte mich geweigert und den Stein auf den Boden geworfen. Ich habe dich mit deiner blöden Idee zurückgelassen und was hast du gemacht? Du hast deinen Stein geworfen. Volltreffer! Das getroffene Auto schlingerte, der dahinter fuhr auf, es gab eine Massenkarambolage. Die Beifahrerin des getroffenen Fahrzeugs starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Und was hast du gemacht? Du erzähltest herum, ich hätte Steine von der Brücke geworfen und du hättest mich dabei beobachtet. Klar, waren an dem einen Stein meine Fingerabdrücke, du kleine dreckige Ratte. Alle in der Klasse, in der Schule und in der Nachbarschaft haben mich gemieden. Ich wurde auch nicht nur einmal verprügelt. Meine Eltern und ich mussten wegziehen, weil wir so schlimm gemieden und ausgegrenzt wurden, obwohl ich nicht dafür verantwortlich war. Das war allein dein Werk und das weißt du. 

Schweiß war mir auf die Stirn getreten, den ich mit dem Ärmel wegwischte. Oh nein! Scheiße! Das war doch nicht wahr, oder? Das war doch nur Kinderkacke damals gewesen.

Der Kinderstreich war ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Ich fand ja, dass er sich das zu sehr zu Herzen genommen und vollkommen übertrieben hatte. Wir waren ja noch nicht einmal strafmündig gewesen. Ich dachte auch, seine Eltern wollten sowieso umziehen. Ich hatte keinen Grund zu der Annahme, dass das wegen dieser Sache gewesen sein sollte. Ich las weiter.

Aber weißt du noch etwas? Ich habe meine Lektion daraus gelernt. Ich habe fürs Leben gelernt, wie man so schön sagt. Jetzt kannst du etwas lernen. Lieber spät als nie. Ich möchte dir ein anderes Leben geben, in dem du einer neuen Identität nachgehen kannst. Ich habe viele Bilder von dir, die du gerne mit der Welt teilen möchtest. Du wolltest ein anderes Leben? Du sollst es haben.

Die Nachricht hatte sich verflüchtigt. Ich blickte auf einen leeren Chat und das Smartphone zitterte in meiner Hand. In meinem Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus. Mein Untergang ging gerade erst los.

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