danileinIn the Desert You Can’t Remember Your Name

Freitagabend, viertel vor neun. Es war viel zu spät, um an einem Freitagabend von der Arbeit Heim zu fahren. Wieso bin ich Psychiater geworden? Ich hätte auch einfach einen 9 to 5 Job ausüben können. Aber dir war ja dein Doktortitel so wichtig, dachte Andrew als er mit einem leisen Klimpern des Schlüsselbundes die Tür zu seiner Praxis verschloss. Ein befreiendes Gefühl überkam ihn, als er das Gebäude verließ. Andrew wandte sein Gesicht der beinahe untergegangenen Sonne entgegen, schloss für einen kurzen Augenblick die Augen und sog die nach Herbst duftende Abendluft tief in seine Nase. Er lockerte seine Krawatte und dachte an eine Flasche Tignanello, den feinen kostspieligen Rotwein, den er sich aus seinem Sommerurlaub in der Toskana mitgebracht hat. Er konnte den feinen Wein förmlich schmecken als er die Tiefgarage betrat, in der sein Dodge bereits auf ihn wartete. Zwei Tage lagen vor ihm, an denen er nichts von seiner Arbeit wissen wollte. Trotzdem verfolgten ihn manche Patienten auch am Wochenende in seinen Gedanken und Träumen. Das war die Bürde des Jobs. Sein Auto stand als letztes noch in der kleinen Tiefgarage, wie immer eigentlich. Zwei Zahnärzte, ein Rechtsanwalt und ein weiterer Psychiater und deren Angestellten teilten sich die Stellplätze. Andrew spiegelte sich in den Seitentüren des lackschwarzen Dodge als er sich der Beifahrerseite näherte. Du bist erst 39 und doch schon so unförmig, dachte er sich als er sich seinem leicht verzerrten Spiegelbild näherte. Er ging um das Auto herum, um zur Fahrerseite zu gelangen. Seine Hand umfasste den Türgriff, als er bemerkte, dass etwas auf seinem Fahrersitz lag. War das etwa ein Handy? Wie konnte ein Handy auf seinem Fahrersitz liegen? Instinktiv griff er in seine Sakkotasche und ertastete dort sein eigenes Handy. Verloren hatte er es nicht. Er öffnete die Tür, nahm mit einem flauen Gefühl im Magen das Handy in die Hand und beäugte es ausgiebig. Es handelte sich um ein älteres schwarzes iPhone 6, dessen Display teilweise beschädigt war. Was hatte dieses alte Handy nur in seinem Auto zu suchen? Hatte Charlotte etwa den Wagen in letzter Zeit gefahren und eine Bekannte mitgenommen? Obwohl er sich sicher war, dass das Handy durch eine Sperre geschützt war, versuchte er das Handy zu entsperren. Er legte seinen rechten Daumen auf den Home-Button…und das Handy entsperrte sich. Wie konnte das sein? Das Handy hat auf seinen Fingerabdruck reagiert. Das konnte nicht möglich sein, eigentlich… Er erinnerte sich auch mal ein solches iPhone besessen zu haben, aber das war viele Jahre her. Hatte er es nicht verloren gehabt? Andrew durchsuchte zunächst die Kontakte. Leer. Keine zusätzlichen Apps. Keine Anrufliste. War er einfach überarbeitet und bildete sich das alles bloß ein? Litt er selbst inzwischen unter Wahnvorstellungen, weil er zu viel mit psychisch Kranken arbeitete? Mit der Erwartung, auch hier nichts vorzufinden, öffnete er den Ordner der Fotos. Ein Bild enthielt die Galerie. Er vergrößerte es. Er rückte seine Brille zurecht, um das abfotografierte Bild genauer zu erkennen. Ein Bild aus einem College-Jahrbuch…Sein Bild. Er konnte sein Gesicht erkennen. Er schaute auf die Daten und erschrak. Das konnte nicht sein…Niemand konnte es wissen. Wie konnte jemand an das Bild gekommen sein? Es sind doch schon 14 Jahre vergangen seit der Sache. Er sperrte das Handy und sah sich panisch um. Was ging hier vor sich? Wurde er erpresst? Wenn ja, von wem? Und wieso? Die Fragen rannten durch seinen Kopf wie aufgescheuchte Feldhasen, schlugen Haken und kamen doch zu keinem Ergebnis. Niemand kann es wissen, Andrew, du hast so sauber gearbeitet und wieso nach all den Jahren? Er merkte, dass sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten, die langsam ihren Weg zu seiner Nasenspitze suchten. Andrew zog das Jackett aus und lockerte seine Krawatte noch einmal. Der Wunsch einen guten Wein zu schmecken war nun vollends verflogen. Er legte das gefundene Handy beiseite und nahm sein iPhone in die Hand. Was wenn es Charlotte war? Was wenn sie es irgendwie herausgefunden hat, dass er ihr nie seine wahre Identität offenbart hatte? Nach 6 Jahren Ehe war es noch immer sein bestgehütetes Geheimnis. Von den Mädchen wusste Roger Bescheid. Und auch sonst gab es immer jemanden, der seine Geheimnisse kannte. Doch dieses eine, dieses besonders wichtige, das kannte nur er. Der einzige, der es kannte, war derjenige, dessen Identität er damals stahl. Doch Andrew hatte persönlich dafür gesorgt, dass er nie wieder auch nur einen Sonnenaufgang sah. Andrew öffnete den privaten Surfmodus, in der Hoffnung, dass niemand jemals seine Suchanfrage auf Google entdeckte. „Dr. Andrew Bakerhill“ tippte er in die Suchleiste. Obwohl er merkte, dass sein Puls raste und seine Finger zitterten, während er die Suchanfrage stellte, musste er schmunzeln. Nach 14 Jahren hat er sich so sehr an diesen Namen gewöhnt, dass er bereits wirklich glaubte, als Dr. Bakerhill geboren worden zu sein. Sein Gesicht tauchte vor ihm auf, da sahst du noch besser aus Andrew, jünger und schlanker, er scrollte nach unten. Die Verlinkung zu seiner Homepage erschien, darunter Artikel aus Fachzeitschriften und Forenbeiträge. Bewertungen. Wieso war es überhaupt erlaubt Psychotherapeuten zu bewerten? Dass einige der Bewertenden nicht klar bei Verstand waren sollte doch auf der Hand liegen. Er merkte, dass seine Panik sich in Wut wandelte. Eigentlich mied er es, sich solche Bewertungen durchzulesen, aber ein unterbewusstes Gefühl vermittelte ihm, er solle sie heute betrachten. Andrew überflog die Namen, bei den meisten hatte er direkt ein Bild vor Augen. Sind ja doch gar nicht so übel, dachte er sich als er eine Fünf-Sterne-Bewertung nach der anderen überflog. Sein Herzschlag beruhigte sich langsam mit jeder weiteren Bewertung, die er las. Er konnte stolz sein. Er hat so viel erreicht. Musste dafür zwar einen ungewöhnlichen Weg einschlagen, doch bestätigten ihn die Bewertungen darin, dass er hier das richtige tat. Es war seine Bestimmung, Menschen zu therapieren. Er konnte Zugang zu ihnen finden. Eine Ein-Stern-Bewertung tauchte auf. Verfasst von: Rachel. Dieses Miststück, dachte er sich. Sie hatte keinen Kommentar verfasst. Würde sie sich nicht bereits seit einiger Zeit in der geschlossenen Abteilung Santa Rosas befinden, so hätte er sie nun dorthin befördern wollen. Wütend scrollte er weiter und die folgenden Fünf-Sterne-Bewertungen besänftigten sein Gemüt wieder etwas. Es folgte eine weitere Ein-Stern-Bewertung und als er auf den Namen des Verfassers blickte, fühlte es sich an, als hätte ihm jemand in die Magengegend geschlagen. Andrew Winter: „Dr. Bakerhill ist ein Betrüger!“, verfasst am 04.05.2013. Wie konnte ich so etwas zwei Monate lang ignorieren? Wie arrogant bin ich eigentlich geworden, dass ich mir keine Bewertungen mehr angeschaut habe? Und dann DAS? Andrew Winter. Der Name, den seine Taufurkunde schmückte. Der Name, den das abfotografierte Jahrbuchbild trug. Sein Name. Seine wahre Identität. Seine Stirn bildete neue Schweißperlen und die Hitze im Auto drohte ihm die Kehle abzuschnüren. Er hatte keine Wahl, er musste sich vergewissern und an den Ort zurückkehren, den er nie wieder im Leben besuchen wollte. Seine Hände bebten vor Panik, als er Charlottes Nummer wählte. „Was gibt’s?“, meldete sie sich rasch. „Charlotte, ich muss mich noch mit einem Patienten beschäftigen, warte nicht auf mich, bin erst spät daheim.“ „Andrew, es ist Freitagabend. Das kann auch bis Montag warten.“ Du hast ja keine Ahnung, dachte er sich und versuchte mit möglichst ruhiger Stimme zu antworten: „Ich weiß, ich nehme mir bald ein paar Tage frei, das verspreche ich dir, aber das ist jetzt wirklich wichtig.“ Noch hatte er sich keine Gedanken dazu gemacht, was er ihr erzählen sollte, was ihn so beschäftigte, wenn er Heim kam. Du hast jetzt ganz andere Sorgen, redete er sich ein und versuchte sich wieder auf das Wichtige zu fokussieren. „Nun gut, ist ja deine Sache“, antwortete Charlotte knapp und legte auf. Er wusste, dass sie sauer war, doch das war im Moment seine geringste Sorge. Er tippte eine kurze Nachricht an Roger, legte dann beide Handys auf den Beifahrersitz und startete den Dodge. Rückwärts parkte er aus und verließ mit schnellem Tempo die Tiefgarage. Wenn er sich beeilte, wäre er in 40 Minuten dort. Als er Los Angeles verließ, nahm der Verkehr spürbar ab. Noch immer kreisten seine Gedanken unaufhörlich. Andrew Winter. Wie konnte das nur sein? Niemand außer dem wahren Bakerhill konnte es wissen, niemand. Aber der war doch schon seit 14 Jahren verstorben. Oder etwa nicht? Wie hätte er sich denn befreien können? Das war unmöglich. Die Sonne war bereits untergegangen als sich Andrew seinem Ziel näherte. Hier irgendwo musste es sein. Er schaltete das Fernlicht ein. Da konnte er es erkennen, das Geisterhaus. Eine seit gut 50 Jahren verlassene 8-stöckige Ruine tauchte in der Ferne in düsterem Grau vor ihm auf. Kurz nach dem Krieg ist dieses Gebäude errichtet worden, selbst die Elektrik und sanitären Einrichtungen waren fertiggestellt, doch bezogen wurde es nie, da dem Bauherrn die finanziellen Mittel für die Außenverkleidung ausgingen. Namhafte Firmen wollten das Gebäude kaufen, doch es lag zu weit außerhalb der Städte und wer wollte mitten im Nirgendwo arbeiten oder wohnen? Die Kosten für den Abriss wollte ebenfalls niemand tragen, so verrottete das Gebäude langsam zur Ruine. Als bekannter Lost Place eignete sich die Ruine aber auch nicht, sie lag zu weit abseits des Highways, umgeben von nichts als Sand. Andrew war froh, dass sein Dodge ihn sanft hindurchtrug. Er parkte vor dem Gebäude und sein Herz raste als er die Handys in die Taschen seines Jacketts stopfte und das Auto verließ. Wie sollte er Bakerhill denn finden, wenn er nicht mehr hier war? Was wollte er? Nach 14 Jahren seine Identität zurück? Das war lächerlich. Andrew hatte bereits ein wahres Imperium aufgebaut. Alle Patienten und einige Studenten kannten sein Gesicht, ebenso andere Doktoren und Professoren. Niemand würde dem wahren Bakerhill glauben. Es gab – abgesehen von diesem etwa 20 Jahre alten Jahrbuchbild – keinen Beweis dafür, dass Andrew nicht Dr. Bakerhill, sondern Andrew Winter war. Er hatte alle Spuren beseitigt und seinen eigenen Tod damals glaubwürdig inszeniert, dass niemand daran hätte zweifeln können. Der Gedanke beruhigte ihn etwas. Er schlug die Autotür hinter sich zu und ging geradewegs zum Loch im Zaun, der die Ruine umgab, sofern das Loch überhaupt noch existierte. Er nutzte sein eigenes Handy als Taschenlampe und leuchtete den Zaun entlang. Er schien nicht erneuert worden zu sein, seit er das letzte Mal hier war. Lächerlich, wie wenig es den Staat Kalifornien interessierte, ob Menschen in die Ruine einbrachen. Aber hier gab es auch nichts zu finden. Abgesehen von ein paar Leitungen, Kabeln und Rohren. Und hoffentlich ein paar Knochen. Er entdeckte das Loch und musste schmunzeln. Genau so hatte er es in Erinnerung. Er selbst hat es in den Zaun geschnitten. Vor 14 Jahren, einer gefühlten Ewigkeit. Andrew zwängte sich hindurch. Du bist fett geworden und unbeweglich noch dazu. Er trat in das türlose Gebäude ein, das nur noch auf die Abrissbirne wartete. Es stank nach Rattenexkrementen, Verfall, Schimmel und Verwesung. Zu lange konnte er sich in dem Gebäude sicher nicht aufhalten, ohne dass ihn der Gestankcocktail in den Wahnsinn trieb. Andrew hielt sich seine Krawatte vor die Nase und leuchtete mit der Handytaschenlampe vorsichtig ins Dunkle hinein. Er hatte den echten Bakerhill damals nicht ins Kellergeschoss gebracht. Keller zogen Eindringline jeder Art magisch an. Er entschied sich lieber für die 5. Etage des Gebäudes, dessen Stufen noch immer recht stabil aussahen. Schwer atmend erklomm er Stufe für Stufe. Und fit bist du auch nicht mehr, damals hast du einen 75 Kilo schweren Mann hochgetragen, als wäre es ein Sack Kartoffeln. Endlich erreichte er den 5. Stock und ging den langen, dunklen Flur entlang. Am vorletzten Zimmer links blieb er stehen. Nicht nur wegen der fünf Etagen merkte er seinen Herzschlag nun stark pulsieren. Was, wenn die Knochen verschwunden waren? Wenn ihn jemand gefunden hatte? Wenn das FBI nun ermittelte und herausfand, dass er die Schuld trug? Vorsichtig leuchtete Andrew mit seiner Taschenlampe in das Zimmer hinein und erschrak beim Anblick des noch immer Handschellen tragenden Skeletts. Er war noch hier. Er ist verstorben und bis auf die Knochen verwest. Langsam näherte er sich den Überresten des wahren Bakerhills. Seine Handknochen waren noch immer an ein altes Stahlrohr gefesselt. Er hatte keine Chance. Ist wahrscheinlich verdurstet. Andrew versuchte sich einzureden, dass der wahre Bakerhill nicht lange leiden musste, vielleicht gar nicht mehr vor seinem Tod erwachte, schließlich hat er ihn damals gut betäubt. Aber wer konnte es dann nur gewesen sein, der ihm das Handy auf den Fahrersitz legte? „Langsam umdrehen und Hände nach oben, Arschloch!“, hörte er eine ihm bekannte Frauenstimme hinter sich. Verdammt, ihm war jemand gefolgt. Er war unvorsichtig. Er streckte die Hände über seinen Kopf, wie es ihm befohlen wurde und drehte sich um. Im Lichtkegel einer größeren Taschenlampe stand eine ehemalige Patientin. „Rachel? Was soll das? Was machst du hier? Ich dachte du bist in Santa Rosa!“ Sie richtete eine Waffe auf ihn, die Taschenlampe zu ihren Füßen tauchte sie in ein gespenstisch wirkendes Licht. Die braunen langen Haare klebten strähnig an ihren schmalen Wangen. Sie sah mager aus. „Ja, sehr wohl DOKTOR, du hast es geschafft mich dorthin zu bringen. Aber leider bin ich nicht verrückt und die wahren, ausgebildeten Therapeuten dort haben das auch erkannt!“ Sie wusste es. Sie war es also. „Was sollte das mit dem Handy?“ Noch immer kniete er mit erhobenen Händen am anderen Ende des Raumes vor ihr, Bakerhills Leiche im Rücken. „Ich bin nur aus einem Grund zu dir gegangen, Andrew“, sagte sie in einem scharfen, selbstsicheren Tonfall, „Rache.“ „Wofür um alles in der Welt solltest du dich an mir rächen wollen?“ Sie löste eine Hand von der Waffe und deutete mit dem Zeigefinger hinter Andrew. Er sah hinter sich und blickte den leeren Augenhöhlen des Skeletts entgegen. Sie umklammerte mit leicht zittrigen Händen die Waffe wieder fest. „Er war mein Bruder. Du hast gut recherchiert Andrew. Ja, wir lebten einige Jahre im Waisenheim. Andrew aber war sehr begabt und bekam Stipendien. Er schaffte es trotz seiner Vorgeschichte etwas zu erreichen. Natürlich war er immer etwas sonderbar, hatte keine Freunde, die sich um ihn sorgten. War ein regelrechter Einzelgänger im Studium und doch so begabt, dass er seine Dissertation verfasste. Er konnte Menschenseelen heilen, da er selbst die Abgründe der Seelen kennenlernte. Du warst ein Versager, Andrew. Durch die letzte Prüfung gefallen, keine Approbation für dich und damit auch kein Job als Psychotherapeut. Es schien ja wirklich perfekt, man entführt jemanden an der Ostküste, der dort noch relativ unbekannt ist, bringt ihn in ein verlassenes Gebäude nach Südkalifornien und man lässt ihn menschenunwürdig verrotten. Den eigenen Tod täuscht man vor, lässt sich die Nase operieren, nimmt zu und ändert seinen Namen. Doch einen Fehler hast du begangen. Du hast mich vergessen. Ich wurde adoptiert, hab eine neue Familie gefunden und ihren Namen angenommen. Du wusstest nie, dass ich mit meinem Bruder noch regelmäßig in Kontakt stand. Du hattest mich einfach nicht auf dem Schirm. Als ich einen Monat nichts von ihm gehört habe, habe ich mich auf die Suche begeben. Wohnung gekündigt, nirgends an der Ostküste konnte ich ihn finden. Nach fünf nie enden wollenden Jahren dann finde ich bei google die noch neue Praxis eines Dr. Andrew Bakerhills in Los Angeles. Ich bin zu dir in Therapie gegangen, um deine wahre Identität zu finden. Stattdessen hast du es geschafft, mich einweisen zu lassen, weil du deine schmierigen Finger nicht bei dir halten konntest und so einige Mädchen in den Wahnsinn triebst! Nach Jahren in Santa Rosa habe ich endlich ein Jahrbuch gefunden. Mit deinem Gesicht, Andrew WINTER!“ Tränen rannten über ihre Wangen während sie weiter die Waffe auf Andrew gerichtet hielt. „Das ist mein altes Handy, das in meinem Wagen lag. Du hast es mir damals geklaut, es leergeräumt und nur dieses eine Bild darauf gelassen, um mich hier hin zu locken, du bist ja geisteskrank! Wie ist dir die Flucht gelungen?“ Wut kochte in ihm. Er wurde tatsächlich erpresst. Wollte sie ihn töten? Vergeltung? Was wollte sie? „Ich musste nicht flüchten, ich bin gesund. Ich war immer gesund, aber blind vor Hass. Ich wusste, dass wenn du meinen Bruder umgebracht hast, würdest du mich heute Abend an den Ort bringen, an dem du ihn getötet hast. Du bist sehr berechenbar, DOKTOR.“ Er schielte kurz auf sein Handy, das er noch immer als Taschenlampe neben ihm auf dem Boden liegen sah, die Hände weiter in die Höhe gerichtet. „Nun, wenn ich so berechenbar bin, frage ich dich, warum du nicht damit gerechnet hast, dass ich nicht allein komme?“ Seine dunklen Augen funkelten ihr entgegen und sie konnte sehen, dass er seine Mundwinkel zu einem fiesen Grinsen verzog. „Du bist allein. Ich habe fünf Minuten gewartet und niemand außer dir saß im Wagen. Du kannst mich nicht mehr einschüchtern, nicht noch einmal!“, rief sie ihm entschlossen entgegen. „Was hast du nun vor, Rachel? Willst du mich zu deinem Bruder befördern?“ „Ich werde dich zu ihm ketten und mit ansehen, wie du um Gnade bettelst, während du verdurstest!“ Er grinste sie wieder an: „Rachel, da bist du doch gar nicht der Typ für.“ „Und ob ich das bin! Meinst du wirklich, ich hätte dir mein wahres Ich offenbart? Du bist ein Versager, Andrew Winter, du kannst keine Menschen auslesen. Du hättest niemals Therapeut werden dürfen.“ Noch einmal linste er auf sein zu seinen Knien liegendes Handy und sagte dann: „Weißt du Rachel, DU hast einen Fehler begangen. Du dachtest ich würde einfach in die Falle tappen?“ „Das hast du getan, sieh, ich stehe mit einer Waffe vor dir.“ Er lachte: „Ja, das tust du, aber wer steht da hinter dir?“ Sie lachte laut und hielt ihn weiter fest im Blick: „Du kannst mir keine Angst machen. Niemand steht hinter mir, du bist allein gekommen und willst die Chance nutzen, mir meine Waffe zu rauben.“ „Da irrst du dich Mädchen“, hörte Rachel eine tiefe Stimme hinter sich sagen und wurde im nächsten Augenblick gewaltsam zu Boden befördert. Sie verlor die Waffe aus ihrem Griff und lag bäuchlings auf dem kalten Boden. In ihrem Rücken spürte sie das Gewicht eines kräftigen Mannes, der ihre Hände auf dem Rücken fixierte. Sie konnte aus dem Augenwinkel erkennen, dass Andrew aufgestanden war. „Danke, Roger, ohne den Live-Standort hätte das hier sicher böse enden können. Eine verrückte ehemalige Patientin, eine aus Santa Rosa geflohene.“ „Ach, das sind mir die Allerliebsten“, antwortete die tiefe Stimme in Rachels Rücken. „Ich bin nicht geflohen, er lügt, helfen sie mir!“, wimmerte sie um Hilfe. Andrew kniete sich vor sie und hob ihr Kinn mit seiner Hand an. „Weißt du, wieso ich wusste, dass du es bist? Du warst so dumm und hast eine schlechte Bewertung meiner Praxis öffentlich verfasst. Außer dir kannte ich keine Rachel. Aber du saßt nach meiner letzten Information in einer Gummizelle in Santa Rosa und weißt du, was Gummizellen nicht haben? Genau, Internetzugang! Also schrieb ich meinem guten Freund Roger, der auch so einige wahnsinnige Patientinnen kennt, mir zu folgen. Tja, die Sache ging leider nicht glücklich für dich aus. Wobei, vereinen wir die traurige Familie nicht einfach wieder, was meinst du Roger?“ Rachel schrie um Hilfe und versuchte sich aus dem festen Griff zu lösen. Roger lachte: „Wunderbare Idee.“ Er versetzte ihr einen festen Schlag auf den Hinterkopf, sodass sie das Bewusstsein verlor. Roger, der ebenfalls als Psychotherapeut arbeitete und bereits einige illegale Erfahrungen mit Andrew gesammelt hatte, da sie beide ein Faible für hilflose Patientinnen hatten, fixierte Rachel mit Andrews Hilfe an dem schweren Stahlrohr neben ihrem Bruder. Noch immer war sie bewusstlos. „Wir sollten die zwei allein lassen, sie hat ihrem Bruder sicher viel zu erzählen nach all diesen Jahren. Die werden immer verrückter die Geschichten dieser Irren“, sagte Roger grinsend als sie vor der Leiche und der bewusstlosen Rachel standen. Andrew nickte. Er war als Dr. Bakerhill hier hergekommen und verließ auch mit diesem Namen das Gebäude. Dieses Mal für immer, da war er sich sicher, heute starb auch der letzte Teil von Andrew Winter. Erleichtert sagte Andrew: „Wir sollten gehen, bevor unsere Frauen noch auf dumme Ideen kommen. Das Gebäude sollten wir uns aber für die Zukunft mal merken, mit ein wenig Aufwand kriegt man die Elektrik hier sicher zum Laufen.“ Laut lachend verließen sie dank des hellen Lichts von Rachels Taschenlampe trittsicher den Raum.. Der gute Tignannello sollte heute doch noch getrunken werden. Die Männer schritten den Flur entlang und kehrten der gerade wieder zu sich kommenden und panisch schreienden Rachel den Rücken.  

One thought on “In the Desert You Can’t Remember Your Name

  1. Hi,
    ich finde die Geschichte sehr gut geschrieben, sie bietet sicher noch mehr Stoff und könnte so zu einem Roman werden.
    Die Story erinnerte mich ein wenig zu sehr an typische amerikanische Krimi-/Thrillerserien, deshalb war sie für mich etwas sperrig. Aber das ist Geschmacksache und soll die Qualität Deiner Geschichte nicht herabwürdigen.

    Viel Erfolg weiterhin, ein like lasse ich Dir da.

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte (“Glasauge”) zu lesen und ein Feedback da zu lassen…

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