SentaBrummelKindermund tut Wahrheit kund

Kindermund

tut Wahrheit kund

 

 

„Was meinen Sie damit, Sie sind schuld am Tod Ihrer Kinder?“, fragte Kommissar Boddenberg, der gerade die Zeugenaussage von Elisabeth Strowel in seinem Büro aufnahm, die vor knapp einer Stunde den Tod ihrer beiden Kinder gemeldet hatte.

 

„Es war gegen 15 Uhr, ich bereitete meine Geburtstagsfeier vor. Wissen Sie, heute ist mein einundsechzigster Geburtstag.“

Sie sprach hastig und aufgeregt. Boddenberg beglückwünschte sie beiläufig, hörte aber weiter zu.

„Ich wollte gerade meine Geburtstagspost öffnen, hatte es mir auf der Terrasse unterm Schirm gemütlich gemacht, in der Wohnung rauche ich nicht, als mein Telefon in der Wohnung klingelte. Ich war nur kurz im Haus, wissen Sie? Es war meine Tochter, die mir zum Geburtstag gratuliert hat.“

Sie stockte, als müsse sie nachdenken. Unser letztes Telefonat.

„Als ich mich wieder draußen an den Tisch setzte, lag es einfach da. Auf meinem Tisch lag ein fremdes Handy. Ich sah mich um, konnte aber niemanden sehen. Dann kontrollierte ich die Fenster und Haustür, auch da war nichts Ungewöhnliches. Es war mir unheimlich, aber ich war auch neugierig. Am Geburtstag hätte es ja eine Überraschung sein können, nicht wahr?“

Der Kommissar nickte nur, um ihre Erzählung nicht zu unterbrechen.

„Eine Überraschung war es definitiv, aber keine gute. Auf der Rückseite des Handys

standen vier Ziffern, mit einem Filzstift geschrieben. Zuerst wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte. Als ich das Handy anschaltete und nach dem Code gefragt wurde, gab ich instinktiv die Ziffern ein und das Menü öffnete sich. Auf dem Display wurde eine Nachricht angezeigt.“

Sie stockte, als müsste sie sich sammeln bevor sie weiter sprach.

„Möchten Sie ein Glas Wasser haben? Es ist wichtig, dass Sie ganz in Ruhe erzählen und nichts auslassen.“

Er goss ihr ein Glas Wasser ein und schob es ihr hin.

„Danke.“

Elisabeth du musst jetzt aufpassen was du sagst!

Das Glas zitterte in ihrer Hand.

„Was stand in der Nachricht?“, fragte Boddenberg interessiert.

Sie trank einen Schluck, stellte das Glas wieder hin und berichtete weiter.

„Es war ein Bild. Johanna! Sie war gefesselt und geknebelt!“

„Darf ich es sehen? Warum haben Sie nicht sofort die Polizei verständigt?“

Elisabeth zögerte einen Moment.

„Es blieb nicht bei dem Foto. In einer darauffolgenden Nachricht bekam ich die Aufforderung mich zum Veilchenweg 13 zu begeben, wollte ich Johanna, meine Tochter, vor dem Tod bewahren.“

Sie schob ihm das Handy hin.

„Auch ohne die zweite Nachricht hätte ich gewusst, wo sich Johanna befindet. Ich habe die hässliche Tapete im Flur erkannt, die hatte mein Mann damals ausgesucht.“

„Okay. Das Bild ist recht dunkel, sieht nach einem Keller aus“, merkte Boddenberg an. „Sie sind also sofort nach Fühlingen gefahren?“

„Ja. Ich wusste, dass es Tim war, der mir die Nachrichten schickte, naja, ich hatte so ein Gefühl, natürlich wusste ich es nicht genau.“

„Ist Tim ihr Sohn?“

Sie nickte.

„Bitte entschuldigen Sie, wenn ich hier genauer nachhaken muss. Was stimmt mit ihrem Sohn denn nicht? Sind solche Nachrichten normal für Sie?“ Hier stimmt doch etwas nicht.

 

Elisabeth Strowel erzählte Kommissar Boddenberg, wie sie damals mit ihren zwei Kindern von ihrem zweiten Mann sitzen gelassen wurde. Damals wohnten sie in Fühlingen, im Veilchenweg 13.

„Mein erster Mann, Johannas Vater, starb an einem plötzlichen Herzinfarkt. Johanna fehlte ihr Vater sehr und sie forderte mir viel ab. Meine eigene Trauer musste ich hintenanstellen.“

Boddenberg registrierte, dass sie auf die Tischplatte vor sich schaute und an ihrem Daumennagel knabberte, als sei sie nervös.

„Nach knapp einem Jahr lernte ich Günther kennen, bei einer Gruppentherapie für Trauernde. Er hatte seine Frau verloren und wir teilten unsere Sorgen. Ich fand Trost und es tat mir gut, mit ihm zusammen zu sein. Wir verliebten uns. Heirateten.“

 

Elisabeth schilderte weiter, dass die Liebe der beiden schwierig gewesen sei. Günther hatte seine eigene Art die Trauer zu verarbeiten. Er trank viel Alkohol und verlor gelegentlich die Kontrolle. Sie sei oftmals überfordert gewesen mit beiden Kindern und Tim war leider kein Wunschkind.

 

„Verstehe. Bitte erzählen Sie weiter“, sprach Boddenberg mit ruhiger Stimme.

„Ich versuchte mich zusammenzureißen, ihm eine gute Ehefrau und den Kindern eine gute Mutter zu sein. Es war die Hölle! Für Freunde und Familie wahrte Günther stets den Schein, nach außen schien alles perfekt. Er nahm Johanna an, als sei sie sein eigenes Kind, dann die schnelle Hochzeit…. Jedenfalls für Außenstehende schien er der perfekte Vater zu sein. In Wahrheit hatte er zwei Gesichter, von denen sich das Boshafte mir gegenüber mit den Jahren immer öfter zeigte. Er war verbittert, hasserfüllt und grausam. Für nichts war ich gut genug, ständig hatte er etwas an mir auszusetzen, ihm rutschte die Hand aus und schließlich vergewaltigte er mich, als ich ihm den Sex verweigerte. Die Kinder ließ er in Ruhe. Für sie biss ich die Zähne zusammen und ließ mir nichts anmerken, bis Günther uns schließlich verließ. Vermutlich wegen seiner Sekretärin. Eines Morgens packte er seine wichtigsten Sachen und verreiste geschäftlich. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Es war eine schwierige Zeit. Die Leute stellten Fragen. Und die Kinder vermissten ihren Vater.“

Elisabeth knetete ihre Hände, beobachtete Boddenberg.

„Zuerst rechnete ich damit, dass er einsichtig werden würde und sich entschuldigte. Zu meinem Geburtstag hatte er mir noch die schönen Rosen geschenkt, weiße Schneewittchenrosen, die rochen so gut. Er verschwand zwei Tage nach meinem Geburtstag. Ich pflanzte sie im Garten an seinen Lieblingsplatz neben die Bank, die wir zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten.“

Sie machte eine Pause.

 

„Zu dem Zeitpunkt war Tim sieben Jahre alt und Johanna zehn. Anfangs gelang es mir, Zuneigung für Tim aufzubringen. Alles an ihm erinnerte mich an seinen Vater. Je älter er wurde, desto schwerer fiel es mir einen Zugang zu ihm zu finden. Tim hatte seine eigene Weise das Verschwinden seines Vaters zu verarbeiten. Er malte düstere Bilder, benutze nur schwarz und rot, Gott weiß, woher er diese Fantasien nahm!“

„Sie wirken sehr aufgeregt. Versuchen sie bitte ruhig weiterzusprechen, damit ich alles verstehe.“

„Mit der Zeit konnte ich ihn nicht einmal mehr umarmen, ihn anzusehen fiel mir schwer. Es tat mir im Herzen weh, ich konnte nie richtig einen Schlussstrich ziehen, Günther hat mir das letzte Wort durch sein plötzliches Verschwinden genommen.“

„Ihr Mann hat sich nie wieder bei Ihnen gemeldet?“, wollte Boddenberg genauer wissen.

„Nein. Ich hatte mal versucht ihn über das Internet zu finden. Vergeblich. Vielleicht ist es auch besser so. Er hatte sich gegen uns entschieden.“

Boddenberg runzelte die Stirn, ließ Frau Strowel jedoch fortfahren.

„Ich bemühte mich, Tims Erzieherinnen in der Kita und später den Lehrern in der Schule ein normales Familienleben vorzuspielen. Ich sorgte dafür, dass er immer ordentlich angezogen war, immer pünktlich zum Unterricht erschien, eine liebevoll zubereitete Brotbox hatte, ich antwortete stets zügig auf Briefe und er brachte das Geld für die Klassenkasse und den Kakao zuverlässig mit. Der Lehrerin fiel Tims doch sehr introvertiertes Verhalten auf, ich konnte in Gesprächen das Ganze aber auf seinen ruhigen Charakter schieben. Als Tim volljährig war, seine Schwester Johanna lebte noch bis zum Ende ihres Lehramtsstudium bei mir, zog er aus.

Unser Verhältnis war abgekühlt und es schien uns die beste Lösung zu sein.

„Und wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Sohn heute?“

„Wir haben seit seinem Auszug keinen Kontakt.“

Elisabeth dachte nach und knetete ihre Hände im Schoß.

„Hätten Sie vielleicht eine Zigarette für mich?“

Der Kommissar zog eine Schachtel Zigaretten aus seiner Dienstweste, reichte ihr eine und nahm auch sich eine, die er sich hinter das Ohr steckte. Frau Strowel nahm die Zigarette in den Mund und lauschte dem Knistern der sich entzündenden Zigarette. Boddenberg legte das Feuerzeug zurück neben sich.

Was versucht sie mir zu verschweigen?  

 

„Wissen Sie, ich wollte nie mehr zurück in mein vergangenes Leben. Dort verbrachte ich sowohl meine glücklichsten als auch meine schlimmsten Jahre. Letztere machten es mir leicht, die Gegend und auch das vergangene Leben hinter mir zu lassen. Ich musste mal an mich denken.“

„Das verstehe ich alles. Aber bleiben Sie bitte bei der Sache. Sie sind dann, ich nehme an mit Ihrem Auto, nach Fühlingen gefahren?“

„Genau. Bei dem Sauwetter dauerte es etwas länger als üblich, ich stand etwa eine halbe Stunde später vor unserem alten Grundstück. Es wurde zwar viel gebaut in den letzten Jahren, das Haus allerdings stand noch so wie früher am Ortsrand, auf der einen Seite an den Wald angrenzend. So verlassen erinnerte es an ein Geisterhaus. Ich stand eine Weile vor dem Haus und horchte in die Stille. Meine Finger krallten sich um das Handy. Seitdem es auf meinem Tisch lag, ließ ich es nicht mehr aus den Augen. Ich traute mich nicht ins Haus zu gehen, die Erinnerungen holten mich ein.

Eine erneute Nachricht riss mich aus meiner Starre. Es war eine Sprachmitteilung meiner Tochter: Sie flehte ´Hilf mir Mama!´ Ich fühlte mich beobachtet.“

 

„Was machten Sie als nächstes? Gingen Sie ins Haus?“, fragte Boddenberg nach.

„Ich betrat zuerst den Garten und wollte nachsehen, ob ich durch die Fenster jemanden erkennen konnte. Im Haus war es dunkel. Bis zu dem Zeitpunkt vermutete ich nur, dass Tim hinter alldem steckte, aber dann sah ich ihn auch. Er hatte sich verändert. Seine Arme hatte er sich tätowieren lassen. Mein Gott, ich hatte ihn siebzehn verdammte Jahre nicht gesehen!“

Boddenberg nahm wahr, wie Elisabeth ihren Rücken gegen die Rückenlehne des Stuhls drückte.

„Das ist eine lange Zeit. Um nochmal auf meine Frage von Vorhin zurückzukommen.  Hatten Sie denn gar keinen Kontakt? Nicht einmal zu Geburtstagen? Wer von Ihnen beiden wollte den Kontakt denn abbrechen, Frau Strowel?“

„Wir haben bei seinem Auszug gestritten. Er hat mir vorgeworfen, ich würde ihn nicht lieben und immer nur Johanna vorziehen. Es sagte, wenn sein Vater noch da wäre, hätte er wenigstens ihn gehabt.“

„War das so?“, hakte er nach.

„Er hatte recht damit, dass ich Johanna schlecht etwas abschlagen konnte, sie hatte es doch so schwer. In so kurzer Zeit verlor sie zwei Väter. Johanna war ein ruhiges Kind. Sie spielte mit ihren Puppen und war auch in ihrer Jugend unkompliziert. Ich konnte ihr blind vertrauen, sie hielt sich an alle Absprachen.

Tim war da anders. Er war eher der Rebell, wir eckten oft aneinander. Ob ich ihn weniger liebte als Johanna? Auf meine Weise habe ich ihn geliebt, auch wenn ich es ihm vielleicht nicht so zeigen konnte.“

Boddenberg ermutigte sie fortzufahren.

„Ich sah ihn durch das Wohnzimmerfenster. Er stand mit dem Rücken zu mir. Muskulöser als früher sah er aus, die große Statur hatte er von seinem Vater. Tim stand an der Stelle, wo die Treppe in den Keller führte. Plötzlich sah ich ihn nicht mehr. Ich ging davon aus, dass er runter gegangen war. Ich schlich mich in den Hausflur.“

„Stand die Haustür offen?“

„Ja.“

„Bitte erzählen Sie weiter.“

„Ich hörte Johannas unterdrücktes Schluchzen aus dem Keller. Tim sprach mit aggressiver Stimme auf sie ein, ich verstand aber nichts Genaues. Langsam ging ich die Treppe hinunter. Ich blieb einen Moment stehen, um mich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Ich tastete mich an den Wänden voran, es war finster. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, wie verwinkelt der Keller war. Je näher ich dem Raum kam, umso besser konnte ich Tim  verstehen.

Er schrie Johanna an, ich sei schuld, dass aus ihm nichts geworden sei, er hätte als Kind immer hinten angestanden und wäre für alles bestraft worden. Johanna hätte immer alles gedurft. Er zählte einiges auf, wie Freunde einladen, länger aufbleiben, etc… Er warf Johanna vor, dass ich ihm nie Geschichten vorgelesen und ihn nicht mal in den Arm genommen hatte, wenn er sich weh getan hatte.“

 

„Hatten Sie Sichtkontakt zu den beiden?“

 „Nein, ich lehnte mich an die Wand und hörte einfach nur zu. Ich wusste ja gar nicht, wie schlimm es für Tim gewesen war. Tim erzählte Johanna, dass er aus seiner Wohnung raus geflogen sei, er mal wieder arbeitslos sei und seine Freundin ihn verlassen habe. Es würde nie glatt bei ihm laufen. Und all das sei meine Schuld.

Ich machte mir große Vorwürfe. Dann hörte es sich an, als wollte Johanna etwas sagen,  aber sie wimmerte nur. Sie war ja gezwungen zuzuhören. Tims Stimme klang wie eine Drohung. Ich hörte es genau, weil ich unmittelbar vor der Tür stand, hinter der er tobte. Dieser feucht moderige Keller, mit seinen finsteren Gängen, vergrößerte meine Angst.

Mir lief ein Schauer über den Rücken.

 

Er schrie: `Mutter ist schuld an meinem Scheißleben und ich habe nur darauf gewartet, ihr Leben auch zu zerstören. Ich werde ihr ihr Liebstes nehmen. Dich, Johanna!`“

Elisabeth weinte und ließ sich eine weitere Zigarette geben.

„Schon gut. Machen wir eine kurze Pause.“

Der Kommissar nahm sich nun ebenfalls die Zigarette hinter seinem Ohr und rauchte. Sie saßen sich einige Minuten schweigend gegenüber, als Elisabeth weitererzählte.

 

„Ich wollte gerade die Tür zwischen uns öffnen, als ich den lauten Schuss hörte. Getrieben von dem Geräusch und der Angst, dass ich zu spät war, öffnete ich die Tür. Ich betrat meine frühere Waschküche. Mein Blick fiel zuerst auf Tim, der zwischen mir und meiner Johanna stand. Der Stuhl, an den er sie gefesselt hatte, lag umgekippt mit ihr auf dem Boden. Da war Blut. Tim hat einfach auf sie geschossen. Warum nur…? Sie hatte ihm doch nichts getan.

Dann zielte er auf sich. Dabei sah er mich an und weinte.

Er wollte mich immer nur für sich, hat er gesagt. Johanna sei ihm im Weg gewesen.

Jetzt wo sie tot sei, würde ich ihn sicher lieben können. Jetzt, da er nun mein einziges Kind sei.

Er redete und redete auf mich ein. Er habe auch niemandem verraten, wie gemein ich zu ihm gewesen sei früher und dass er oft eingesperrt gewesen sei.

´Kannst du mich jetzt lieben, Mama?` hatte er immer wieder gefragt und sah mich dabei erwartungsvoll an.

Ich konnte nichts sagen, ich fühlte mich leer und kraftlos. Die Pistole zitterte in seiner Hand. Ich wollte ihm sagen, dass er vernünftig sein solle, wir könnten es ja nochmal versuchen, aber dann drückte er ab.“

 

Elisabeth sackte in ihrem Stuhl zusammen, als sei sie mitgestorben.

Boddenberg räusperte sich. Er hatte ja einiges erlebt, aber wenn eine Mutter ihre beiden Kinder auf so tragische Weise verlor, ging das auch an ihm nicht spurlos vorbei.

„Mein Beileid, Frau Strowel. Das ist schrecklich. Möchten Sie, dass ich jemanden verständige?“

Sie schüttelte apathisch den Kopf.

 „Nein. Ich habe niemanden mehr.“

 

„Okay, ich fasse es einmal zusammen. Sie bekamen über ein fremdes Handy eine Nachricht von vermutlich ihrem Sohn, der ihre Tochter, seine Stiefschwester gefangen hielt. Da bleibt die Frage, wie er das Handy bei Ihnen platziert haben könnte, aber das wird noch zu untersuchen sein. Sie Frau Strowel, sollten zu dem geforderten Ort kommen, Ihrem alten Wohnhaus. Dort wurden Sie Zeugin an dem Mord Ihrer Tochter und dem Suizid Ihres Sohnes. Ich verstehe nicht, warum Sie nun behaupten die Schuld an der Tragödie zu tragen?“

 

Es klopfte an der Tür und eine Kollegin Boddenbergs gab ihm ein Zeichen, kurz mit ihm sprechen zu wollen. Als er den Raum wieder betrat sah er, dass Elisabeth „ihr“ Handy fragend ansah.

„Es gab eine neue Nachricht: ICH WEIß WAS DU GETAN HAST. TIM HAT ES MIR ERZÄHLT.“

Wie kann das sein? Wer weiß es?

Von wem kommt die Nachricht? Tim ist doch tot??

 

Boddenberg ignorierte vorerst die eingegangene Nachricht.

„Frau Strowel, das war meine Kollegin, die gerade vom beschriebenen Tatort kommt. Sie sagte, dass man am Tatort nur eine Leiche gefunden hat. Sie sprechen aber von zwei Toten. Was stimmt hier nicht? Bei der Leiche hat man diesen Brief gefunden.“

Elisabeth schaute auf den Brief, den Boddenberg in seiner Hand hielt.

„Ich denke, Sie haben Verständnis dafür, dass wir ihn unter diesen Umständen geöffnet haben“, sprach Kommissar Boddenberg ganz professionell mit fester Stimme.

„Sagten Sie gerade, eine Leiche? Wer?“, sie vermochte seinen Worten nicht zu trauen, hatte sie doch mit ihren eigenen Augen gesehen, was sie gesehen hat.

 

„Herr Tim Wiens trug diesen Brief an Sie gerichtet in der Hosentasche. Von Ihrer Tochter Johanna Strowel fehlt bisher jede Spur. Wenn Ihre Aussage stimmt, muss sie sich befreit haben, möglicherweise war sie nur bewusstlos. Zwei Kollegen suchen die Umgebung ab, weit kann sie ja nicht gekommen sein mit ihren Verletzungen. Ein Krankenwagen ist vor Ort, wenn wir sie finden, wird sich um sie gekümmert.

 

„Herr Kommissar, ich habe während Sie draußen waren eine weitere Nachricht auf dieses Handy bekommen. Ich verstehe das alles nicht. Tim ist doch tot?!“

Boddenberg nahm ihr das Handy ab und Elisabeth schaute irritiert, als er es zur Seite schob.

„Der Brief belastet Sie schwer und wir werden den neuen Hinweisen nachgehen müssen.“

Boddenberg schob ihr den Brief hin.

Elisabeth nahm den Brief und Boddenberg beobachtete sie genau, während sie zu lesen begann.

Hallo Mutter,

ich schreibe dir diesen Brief, in der Hoffnung, dass ich meinen Plan bald durchgezogen habe. Mein Leben verläuft seit immer…wie soll ich sagen…es ist die reinste Katastrophe! Es ist Zeit die Wahrheit aussprechen. Ich habe dich gesehen. Ich habe beobachtet, wie du in der Nacht…und ich bin mir sicher du weißt von welcher Nacht ich spreche… aus dem Garten gekommen bist. Du hast nicht gemerkt, dass ich wach war und dich durch die Treppenstufen sehen konnte. DU hast ihn getötet! Ich weiß zwar nicht wie, aber ich habe mich immer gefragt, woher das Blut und der Dreck kamen. Papa musste geschäftlich verreisen, hattest du am nächsten Tag gesagt. Ab dem Tag war alles anders.

Kannst du dir vorstellen, wie es für mich war, wenn du schöne Sachen immer nur mit Johanna gemacht hast? Was hätte ich dafür gegeben, eine Gutenachtgeschichte zu hören, ich war doch noch so klein. Wie oft musste ich zur Strafe auf meinem Zimmer bleiben? Glaubst du, es war für mich nicht peinlich vor meinen Freunden, dass mich niemand besuchen durfte? Ich war für alle immer der komische Junge, der nie Geburtstage feierte. Irgendwann wurde ich nicht mal mehr eingeladen, wenn Klassenkameraden feierten… du hast mich abgelehnt und ich fühlte mich, selbst wenn du eine Umarmung mal zugelassen hast, weit von dir entfernt. Warum kannst du mich nicht lieben? Erinnere ich dich an IHN?? Johanna konnte mit ihrem „kleinen Bruder“ auch nichts anfangen…ich hatte IMMER  nur mich. Ich war so eifersüchtig auf sie! War ich euch egal?

Nach meinem Auszug ging es so weiter. Vermeintliche Freunde wendeten sich von mir ab, Beziehungen hielten nur kurz,…Ich sei so verschlossen und kalt!! Wie du Mutter, wir haben sogar etwas gemeinsam.  

Du fragst dich, warum ich dich nie verraten habe? Aus Liebe? Aus Angst?? Es war all die Jahre schwer für mich. Immerhin warst du alles, was ich hatte, auch wenn ich von deiner „Mutterliebe“ nichts gespürt habe. Johanna ist dein Liebling (…noch!), da habe ich keine Schnitte. Alles, was ich will, ist deine Anerkennung, deine Aufmerksamkeit, deine Liebe. Die Hoffnung, dass du vielleicht ein bisschen Restliebe für mich übrighast, ließ mich dein dunkles Geheimnis hüten. Immer habe ich…musste ich alles mit mir selbst ausmachen. Ich war mein ganzes Leben lang allein. Das muss aufhören!

Du hast mir den Vater genommen und jetzt ist es an der Zeit dir etwas zu nehmen.

Mit deinem Gewissen zu leben war sicher schlimm. Für mich war es unerträglich und ich fiebere dem Tag entgegen, an dem ich DEIN LEBEN restlos ZERSTÖRE. Du sollst mit deinem Gewissen weiterleben, der Tod wäre zu einfach.  

 

Tim

 

Der Kommissar sah, dass Elisabeth weinte. Tims Brief traf sie hart.

Er wusste es all die Jahre…! Wie konnte ich mich nur so sicher fühlen?

Hätte er mir doch eine Kugel über gelassen.

 

Boddenberg stand auf und nahm Elisabeth mit den Worten „Sie sind vorläufig festgenommen!“ in Gewahrsam.

Elisabeth leistete keinen Widerstand bei der Verhaftung. Meine Johanna! Wo ist sie nur? Geht es ihr gut?

Boddenberg klärte Elisabeth über Ihre Rechte und die Möglichkeit ihren Anwalt zu kontaktieren auf.

„Ein Kollege führt Sie in eine Zelle, Frau Strowel. Bitte geben Sie all Ihre persönlichen Sachen ab. Wenn wir Ihre Tochter finden, sagen wir Ihnen Bescheid.“, ergänzte er als er sah, dass Elisabeth weinte.  

Irgendwann überkam sie die Müdigkeit. Sie schlief, bis ein junger Polizist die Tür öffnete.

„Wir haben Ihre Tochter gefunden.“

 

 

Monate später

 

Frau Elisabeth Strowel bekam lebenslänglich, Herr Tim Wiens beging Selbstmord

und Johanna Strowel blieb das einzig überlebende Kind des Familiendramas. Leichenspürhunde schlugen im Garten der Strowel-Wiens an und man fand, tief unter einer verrotteten Holzbank vergraben, Überreste der Leiche von Günther Wiens.

Eine Harke fand man ebenfalls, die, wie sich durch die Obduktion des Schädelknochens herausstellte, die Tatwaffe der Mörderin gewesen sein musste.

Überrascht waren die Rechtsmediziner, dass sie zusätzlich Knochen fanden, die nicht zu Herrn Wiens Skelett gehörten, jedoch ebenfalls menschlich waren. Sie fanden ein weiteres vollständiges Skelett eines erwachsenen Mannes, das den ersten Untersuchungen zu Folge, circa fünf Jahre früher an Ort und Stelle vergraben worden sein musste.

 

Kommissar Boddenberg schloss die Akte zu dem Fall und machte sich auf den Weg zu Johanna Strowel in die psychiatrische Klinik es LKH Rheinlands, in die Johanna eingeliefert wurde, nachdem sie im naheliegenden Waldstück des Tatortes gefunden worden war. Vorab hatte er die Information bekommen, dass die Zeugin ansprechbar sei.

 

Die Frau, die unter der alten Weide saß, war innerlich so zerstört, sie wusste gar nicht mehr wer sie überhaupt war.

Die Sonnenstrahlen waren schwächer geworden und der Wind wehte kühler durch ihre stumpfen, zu einem Dutt geknoteten Haare. Die Äste der Weide schienen sich auf sie zuzubewegen, als sie sah, dass jemand auf sie zukam. Das war der Mann, der schon einmal mit ihr sprechen wollte.  Boddenberg blieb neben ihr stehen und stellte sich als der ermittelnde Kommissar in ihrem Fall vor.

„Ich würde gerne etwas mit Ihnen besprechen. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze?“

Johanna hörte dem Kommissar wortlos zu. Je weiter er redete, umso fassungsloser wurde sie. 

 

3 thoughts on “Kindermund tut Wahrheit kund

  1. Eine toll erzählte Geschichte mit spannender Wendung! Wenn ich eine Anmerkung machen müsste, hätte ich mir noch ein, zwei Sätze mehr zu den Umständen von Johanna gewünscht. Die Anmerkung, sie war einfach bewusstlos, habe ich persönlich als zu simpel empfunden. Der Rest war sehr gut durchdacht 🙂

    Vielleicht hast du ja auch ein paar Anmerkungen zu meiner Geschichte: „Der letzte Tag“ von L.Grosch

    Viele Grüße und weiterhin viel Spaß beim Schreiben!

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