Emelie BöKontrolle

Berlin, 29. Juli 2019: Nora Seidler

Sie lässt ihre Finger langsam über die harten kalten Tasten gleiten. Die Morgensonne scheint heiß durchs Fenster und entfaltet sich in einem schillernden Spektrum auf der Oberfläche des schwarzen Klaviers.
Ihre Augen sind geschlossen, ihre Finger werden schneller, bestimmter, entschlossener. Die Melodie wird zu vorbeirauschenden Bildern vergangener Erinnerungen, schöne und schmerzhafte, fröhliche und bittere.
Mit einem Seufzen fährt Nora sanft über die jetzt weicher zu sein scheinenden Tasten und lässt den letzten Ton im gleißenden Licht der Sonnenstrahlen verfliegen. Mit der Tasse Kaffee in der Hand streicht sie noch einmal bedächtig über das Klaviergehäuse; dabei fällt ihr Blick auf die Schrift an der Wand: „Am Anfang gehören alle Gedanken der Liebe. Später gehört dann alle Liebe den Gedanken.“ Albert Einsteins Worte begleiten sie schon lange. Seine Persönlichkeit hat sie immer bewundert: messerscharfer Verstand und stets mit einem Ziel vor den Augen.
Sie wendet sich ab und begibt sich schnellen Schrittes Richtung Küche. Die Wanduhr zeigt bereits 07:45 Uhr an und mit einem verzogenen Gesicht stellt sie fest, dass der Kaffee auch kalt ist. Ihre erste Sitzung beginnt schon um 08:30 Uhr und sie muss noch ein paar Unterlagen raussuchen. Der schwarze Stiftrock und die schwarze Bluse liegen fertig zum Anziehen auf ihrem Bett. Beim Abstreifen des Nachthemdes betrachtet sich Nora im Spiegel. Die blauen Flecken an ihrem Handgelenk und der Innenseite ihres Oberschenkels verfärben sich langsam gelb. Nora gleitet behutsam über sie, als wären sie etwas Wertvolles, bei denen es sich lohne innezuhalten. Verdrängte Erinnerungen ziehen ruckartig vor ihrem inneren Auge vorbei. Sie muss schwer schlucken. Nora mustert ihre markanten Gesichtszüge, sie wirken fremd. Die Nase zierlich, die Lippen voll und die Wangenknochen sichtbar ausgeprägt. Ein Gesicht, das manche als symmetrisch perfekt bezeichnen würden. Sie sieht eine unbekannte Frau, die ihr Spiegelbild regungslos betrachtet.
Schnell bindet sie die dunklen Haare zu einem strengen Zopf zusammen. Beim Herausgehen schnappt sie sich noch eine Banane und die Schlüssel aus der Schale neben der Wohnungstür. Im Erdgeschoss leert sie den Briefkasten und schließt die Eingangstür ihrer Praxis auf. „Nora Seidler, Psychologin für Beratung, Behandlung und Prävention“ steht in Druckbuchstaben auf der milchigen Glastür.
Als Nora eintritt, hört sie bereits das Telefon am Empfangstresen klingeln. Sie legt die Post auf die Anrichte neben der Eingangstür und eilt zum Telefon.
„Praxis Nora Seidler“. „Hi, hier ist Bea Tillmanns. Frau Seidler, ich komme heute leider ein bisschen später zur Arbeit, ich hatte einen kleinen Autounfall. Es ist nichts Schlimmes aber die andere Fahrerin hat darauf bestanden, die Polizei zu rufen, also dauert das noch ein bisschen.“
„Ok, alles klar, Frau Tillmanns. Die Post liegt auf der Anrichte und wenn sie kommen, bin ich wahrscheinlich in meiner 08:30 Uhr Sitzung. Ich bitte sie, wie immer, nur dann zu unterbrechen, wenn es sich um einen Notfall handelt.“ Mit diesen Worten legt sie auf und geht zu ihrem Büro am Ende des Ganges.

Berlin, 29. Juli 2019: Tom Richards

Tom wälzt sich unruhig im Halbschlaf in seinem viel zu kleinen Bett umher.
Er schreckt abrupt auf, als er ein nicht weit entferntes Geschrei vernimmt. Es sind, wie an fast jedem Werktag, die Kinder aus der Nachbarswohnung, deren Mutter nichts anderes zu tun hat, als zurückzubrüllen. Er greift nach seinem Handy auf dem Nachtschrank und linst mit einem Auge auf die Uhrzeit, erst 07:45 Uhr. Für die Arbeit und Recherche zu seinem neuen Buch kann er sich Zeit lassen. Sein Konto ist zwar dünn belastet aber für ein paar Wochen ist das genug. Wenn er bis dahin sein neues Buch nicht fertig hat, wird er wie schon öfter, einen Artikel für ein Magazin oder eine Zeitung schreiben. Da findet sich immer etwas.
Tom zieht sich das Kissen über beide Ohren und wird erneut von den durchdringenden Schreien der Mutter erschüttert. Er schmeißt das Kissen wütend zur Seite und steigt aus dem Bett. Jetzt ist er eh wach und wird sich erst mal einen Kaffee machen. Während dieser gurgelnd in der Maschine kocht, zieht er sich seine Latschen an, schmeißt die Outdoor-Jacke über und marschiert schwerfällig die Stufen im Treppenhaus hinunter, um seine Post zu holen.
Wieder oben angekommen, ist er komplett durchgeschwitzt. Es ist wohl einer der heißesten Sommer seit den Wetteraufzeichnungen vor fast 140 Jahren, hat er gestern gelesen. Eine lange Zeit, dachte Tom. 1879, das Geburtsjahr von Albert Einstein. Eigentlich wollte er dem Hype um seine Berühmtheit nie richtig Beachtung schenken. Einstein war ein einsamer Intellektueller, der vielen anderen seiner Art folgte und voraus lebte. Mit einigen Worten jedoch, konnte er sich schon immer identifizieren: „Wer seiner eigenen Sache untreu wird, kann nicht erwarten, dass ihn andere achten.“
Die Handlung seines neuen Buches hat enormes Potenzial, er muss bloß auf den richtigen Pfad gelangen, um ein erstklassiges Produkt kreieren zu können. Der kleine „Zwischenfall“ vor zwei Wochen hatte ihn zunächst etwas zurückgeworfen und auf seinem Weg zeitweilig behindert. Schlussendlich bildete dieser jedoch eine erstaunliche Inspirationsquelle für den Handlungsverlauf der Geschichte.
Seine rechte Hand wandert hinauf zu dem Verband über seinem rechten Auge. Im Krankenhaus waren sie erstaunt und entsetzt zugleich, wie er sich versehentlich einen Kugelschreiber, mit solcher Wucht, in sein Auge hatte rammen können. Tom hatte nur die Achseln gezuckt und mit einem Augenzwinkern erwidert: „Ich bin Schriftsteller, da wird man auch mal unkontrolliert emotional.“ Die Schwestern mussten schmunzeln und haben ihm mitfühlend aber auch sichtbar skeptisch auf die Schulter geklopft. Als der Arzt jedoch die Folgen dieses „Missgeschicks“ kühl erläuterte, war das Lächeln Geschichte. Da es sich um eine Perforierende Augenverletzung handelte und der Kugelschreiber noch im Auge steckte, musste umgehend eine Operation stattfinden. Ziel der Operation war die Entfernung des spitzen Gegenstandes und das Verschließen der Wunde. Der Arzt erläuterte, dass durch den Fremdkörper im Auge Toms Hornhaut, als auch sein Augapfel durchbohrt worden seien.
Nach der Operation erklärte ihm der Arzt, dass die kommende Zeit nun entscheide, wie gut die Wunde verheilen würde und welche Funktionen seines Auges weiterhin bestünden. Eventuell sei auch eine weitere OP notwendig. Der Arzt teilte ihm unter Bedauern mit, dass aber bereits feststehe, dass seine Sehkraft definitiv eingeschränkt sein werde, es zeige sich nur noch in welchem Ausmaße.
Den Kugelschreiber hat er behalten. So ist ein Teil von ihr, immer ein Stück bei ihm. Tom hatte nicht mit solch einer erbarmungslosen Reaktion gerechnet. Im Nachhinein könnte er sich jedoch auf die Zunge beißen. Trotz des monatelangen Beobachtens, den umfangreichen Recherchen und sogar dem erfolgreichen Zusammentreffen hat sie ihn überrascht. Die Kontrolle ist ihm für einen Moment entglitten. Seine Handlung an diesem Abend war zunächst nur von dem Bedürfnis getrieben, ein perfektes brutales Ereignis für seinen Roman zu erschaffen. Doch jetzt trieb ihn noch etwas viel Stärkeres an: Rache. Rache dafür, dass sie für einen Augenblick Kontrolle über ihn besessen hatte und er aufgrund der körperlichen Einschränkung gezwungen war, dies zuzulassen. Aber was geschehen ist, ist geschehen. Was ein Schriftsteller nicht alles für sein Werk tut. Überraschende Wendungen formen die Realität und so nun auch die weitere Handlung. In welcher Form das genau passieren soll, wird sich bald herausstellen.
Was ihn jedoch am meisten verwundert und ein bisschen skeptisch gemacht hat, ist die Tatsache, dass sie anscheinend niemandem von dem Vorfall erzählt hat, erst recht nicht der Polizei. Seine DNA wäre nicht nur auf ihr, sondern durch die zugefügte Verletzung, auf dem Großteil des Bodens verteilt gewesen. Da hätte es keine Zweifel gegeben.
Wovor hatte sie Angst? Was hat sie zurückgehalten? Diesen Fehler hätte ihn seine Freiheit kosten können aber womöglich geht es hier gar nicht um seine Freiheit. Er war sich sicher, dass er jede ihrer Handlungen im letzten Jahr haargenau verfolgt und dokumentiert hatte. Trotzdem scheint es etwas zu geben, das sie geheim hält. Es hilft ja nichts. Er wird seine Unterlagen des gesamten letzten Jahres zu ihr noch einmal Stück für Stück durchgehen müssen, um den entscheidenden Hinweis zu finden. Niemand ist perfekt, Spuren werden immer hinterlassen. Er muss nur an der richtigen Stelle suchen. Seine Hände kribbeln vor Aufregung, was verbirgt sich noch hinter dieser Frau?
Gestern Abend hat er das kleine Päckchen mühelos in ihren Briefkasten gelegt. Wie immer, ist die alte Dame aus dem Erdgeschoss, spät abends mit dem Hund wiedergekehrt. Die Chance hat er genutzt, um unerkannt ins Treppenhaus zu gelangen. Es war kinderleicht. Tom wüsste zu gerne, ob sie das Paket schon entdeckt hat und wie ihre Reaktion darauf ausfällt. Vermutlich hatte sie sich schon in Sicherheit gewogen. Er hat sich Zeit gelassen, um herauszufinden, was wohl der perfekte nächste Schritt wäre. Rache braucht Zeit und Geduld. Sie muss genauestens geplant und durchdacht sein. Zufrieden beginnt Tom mit diesen Worten das nächste Kapitel seines Romans.

Berlin, 29. Juli 2019: Kim Reinhardt

Der Wecker schrillt laut, unangenehm, penetrant. Kim drückt auf die Snooze-Taste, insgesamt dreimal, bis sich neben ihr Etwas bewegt. Sie öffnet widerwillig die Augen. Ach ja, stimmt, gestern hat sie nach der Spätschicht noch jemanden in der Bar kennengelernt. Wie hieß er noch gleich? Wie immer führte eins zum anderen. Er hat sie angesprochen, ihr einen Drink spendiert und Kim hat ihm ihre Absichten klar gemacht. Naja und wie jeder Mann, der sie ansprach, war er nicht abgeneigt.
Der Wecker zeigt 07:45 Uhr an. Um 08:30 Uhr hat sie den wöchentlichen Termin bei ihrer Psychotante. Frau Seidler ist ja ganz nett und scheint echt besorgt, manchmal sogar wie eine Mutter, aber langsam ist es Zeit, die Therapie abzuschließen. Sie hat es unter Kontrolle. Seit sechs Monaten ist sie clean. Das unstillbare Bedürfnis nach der nächsten Line Crystal hat sich gelegt. Sie kommt mittlerweile über die Runden. Nikotin und etwas Gras tun es auch. Nicht, dass ihr die Therapie nicht geholfen hat aber sie sieht mittlerweile keinen zwingenden Grund mehr, sie weiterzuführen.
Ein „Guten Morgen“ aus dem Mund des namenlosen Mannes neben ihr, reißt Kim aus ihren Gedanken. Sie dreht sich um und lächelt gezwungen. „Hey, ähm, ich muss dich leider bitten zu gehen, denn ich habe gleich einen Termin und den darf ich nicht verpassen. Ich muss mich jetzt fertig machen. Zieh dann einfach die Haustür hinter dir zu.“ Mit diesen Worten verlässt sie das Zimmer und den grimmig dreinschauenden Namenlosen.

Berlin, 29. Juli 2019, 09:15 Uhr: Nora Seidler

„Nun gut, Frau Reinhardt, ich kann ihre Einstellung gut nachvollziehen und verstehen, dass sie keinen Grund mehr sehen, die Therapie weiterzuführen. Trotzdem möchte ich, dass sie noch einmal in Ruhe nachdenken und dann sprechen wir in der nächsten Sitzung ausführlich darüber.“ Nora schüttelt Kims Hand zum Abschied. Sie verweilt einen Augenblick in dieser und betrachtet ihr Gesicht. Noras Blick schweift über die blonden Haare mit den pinken Strähnen, etwas durcheinander aber so, wie sie sie schon immer getragen hat. Unter dem von Drogen gezeichneten Gesicht, strahlt immer noch die wunderschöne, lebhafte und quirlige Frau, der Nora einst so viel näher war und für die sie alles gegeben hat, um sie zu beschützen.
Wie gerne würde Nora sie jetzt in den Arm nehmen und sagen, wie stolz sie auf sie ist. „Ähm Frau Seidler, sie können meine Hand jetzt loslassen. Ich komme dann nächste Woche und dann können wir das besprechen“, antwortet Kim.
Widerwillig löst Nora ihre Hand und schaut Kim mit einem abwesenden Lächeln hinterher. Diesen Moment fürchtet sie seit einem Jahr. Nora hat sich immer gefragt, wie lange es ihr möglich sei, sich in ihrer Nähe aufzuhalten und ihr Leben weiterzuverfolgen. Naja, vielleicht kann Nora sie ja doch überzeugen, die Therapie noch etwas fortzusetzen. Ein kleiner Teil von ihr, erwägt es weiterhin, Kim alles zu erzählen, die ganze Wahrheit, alles was im letzten Jahr passiert ist. Nein, das geht nicht, bremst sie sich in ihren Gedanken. Kim hat ihr Leben endlich einigermaßen unter Kontrolle und scheint es halbwegs zu genießen. Die Drogensucht ist seit Monaten kein vorrangiges Thema mehr in den Sitzungen. Wenn sie ihr alles erzählen würde, könnte das Kim womöglich wieder direkt in die Fänge der Sucht leiten. Zunächst müsste sie es jedoch erst einmal glauben. Glauben, dass es mal ein komplett anderes Leben vor diesem hier gegeben hat. Ein Leben samt Erinnerungen, die durch Noras Entscheidung gelöscht, verändert und absichtlich neu konstruiert wurden. Wer würde so etwas glauben und an seinen eigenen Erinnerungen zweifeln?
„Frau Seidler, hier ist ein Päckchen direkt an sie adressiert, kein Absender, nur ihr Name steht vorne drauf“, ruft ihr Frau Tillmanns vom Empfangstresen am Ende des Ganges entgegen.
Noch etwas verloren in ihrer Gedankenwelt, läuft Nora zu Frau Tillmanns, die ihr den braunen A5-großen Umschlag entgegenstreckt. Er fühlt sich schwer an, es scheint kein normaler Brief zu sein. Nora betrachtet den Umschlag fragend und öffnet ihn an Ort und Stelle. Sie greift hinein und zieht ein schwarzes mittelgroßes Smartphone heraus. Sie hat es noch niemals zuvor gesehen. „Hatten Sie ihr Handy irgendwo verloren?“ fragt Frau Tillmanns und deutet auf den schwarzen eckigen Gegenstand. „Nein, das muss wohl ein Missverständnis sein,“ murmelt Nora nachdenklich und begibt sich, samt Handy und Umschlag, in ihr Büro.
Nora betrachtet das Smartphone von allen Seiten. In ihr breitet sich ein mulmiges Gefühl aus. Sie schaltet es ein und denkt sich im selben Moment, dass sie nicht viel weiter kommen wird, da es wahrscheinlich mit einem PIN-Code geschützt ist. Fehlanzeige. Nachdem das Handy vollkommen hochgefahren ist, ist der Zugang frei für sie. Kein PIN, kein Fingerabdruck oder sonst ein Muster wird von ihr verlangt. Wer lässt sein Handy heute noch ungeschützt entsperren? Auf der Startseite befindet sich nichts, keine App und auch kein Hintergrundbild, das auf den Besitzer des Handys schließen könnte. Sie scrollt nach rechts, da, eine einzige Anwendung, die Fotogalerie. Da wird sich bestimmt etwas Brauchbares finden. Sie öffnet das erste Bild, dessen Ordner auf einen Tag, Anfang Juli diesen Jahres datiert ist.
Sie erschreckt unvorbereitet und hätte beinahe das Handy aus der Hand fallen lassen. Das Foto zeigt ihr Büro, dasselbe indem sie sich gerade befindet. Es zeigt ihren Schreibtisch, die Fenster durch die die Sonne scheint und sonst niemanden. Einfach ein Bild vom Inneren ihres Büros. Angestrengt zoomt sie in alle Ecken des Fotos, um irgendeinen Hinweis zu der Person zu finden, die das Foto geschossen haben muss. Nichts. Ihr kommt eine Idee. Das Foto muss am heller lichten Tage aufgenommen worden sein. Müsste sie da nicht gearbeitet haben?
Sie geht mit dem Foto, dessen Datum auf Donnerstag, den 04. Juli 2019 datiert ist, zu ihrem Kalender mit den Terminen ihrer Patienten. Während des Zurückblätterns der Seiten kommt ihr unwillkürlich eine bittere Vermutung. Ihr Finger bleibt verkrampft auf dem Namen liegen, den sie in den letzten Wochen erfolgreich verdrängt hat. 04. Juli, 12:15 Uhr: Tom R. Nora lässt sich zitternd in den Bürostuhl hinter sich fallen. Seinen kompletten Namen hat er ihr nie gegeben. Er hat vom ersten Händeschütteln an darauf bestanden, geduzt zu werden. Dabei würde er sich wohler fühlen und besser Vertrauen aufbauen können. So hat er es damals schüchtern begründet. Nora hatte widerwillig zugestimmt und da er die Sitzungen sowieso gleich bar bezahlt hat, war es ihr zunächst gleichgültig. Dennoch hatte sie vor, nach einer gewissen Zeit auch nach seinem vollständigen Namen zu fragen. Nun ist es leider zu spät. Er hat sie seit ihrer ersten Begegnung an der Nase rumgeführt, als wäre sie eine Marionette, die sich von seinen Fäden, wohin auch immer, führen ließe. Seine Drogensucht, seine gesamte Lebensgeschichte, wahrscheinlich alles eine Lüge. Wut steigt in ihr auf, sie hätte das Handy am liebsten in die nächste Ecke gepfeffert. Aber genau das will Tom doch sicher. Er will, dass sie die Kontrolle verliert, Fehler macht und ihn, wie ein Autor eines Romans, die Handlungen stricken lässt.
Warum spielt er dieses Spiel und wie lange schon? Sie nimmt, nun etwas gefasster, noch einmal das Handy in die Hand und öffnet die Fotogalerie erneut.
Es gibt mehrere Ordner, die meisten scheinen leer zu sein. Sie scrollt weiter nach unten. Die Datumsangaben auf den Ordnern reichen immer weiter zurück: Dezember 2018, Oktober 2018. Da, Juni 2018, ein Ordner der Fotodateien enthält. Nora holt einmal tief Luft und öffnet ihn. Was sie da sieht, verschlägt ihr die Sprache. Nein, das ist nicht möglich. Sie scrollt durch die wenigen Fotos des Ordners, immer wieder. So, als würde es bei nochmaligem Anschauen, unwahr werden. Das erste Bild zeigt ein zweigeschossiges Backsteingebäude mit einem begrünten Weg davor, der zum Eingang führt, aufgenommen vom Straßenrand. Dieses Gebäude war für sie einst ein Ort der Gemeinschaft, der Offenheit, der Hilfsbereitschaft und der Geborgenheit gewesen. Jedoch hat sich an einem Abend im letzten Jahr alles verändert. Zurück blieb nur noch Leere, Angst, Leid und Gleichgültigkeit.

Berlin, 29. Juli 2019: Tom Richards

Toms Boden ist übersät mit Unterlagen. Sämtliche Fotos, Papierfetzen mit Notizen von ihm, Zeitungsartikel und noch anderer Kram, den er über die Zeit sorgfältig gesammelt hat. Es muss doch irgendetwas geben, dass sie in ihr neues Leben mitgenommen hat? Jeder hat doch etwas, an dem er oder sie hängt? Niemand kann jemals alles aufgeben. Was übersieht er? Er greift nach einem der Fotos, die verstreut auf dem Boden liegen. Es zeigt ihn, vor einem Jahr, er hat den Arm um seine damalige Freundin Paula Brunner gelegt und sie lächeln fröhlich in die Kamera. Wie das Schicksal ihm doch alles vor die Füße gespielt hat. Paula hat er damals in Salzburg kennengelernt, als er Recherchen zu einem Artikel über Drogensucht von Jugendlichen in Österreich gemacht hat. Sie arbeitete in einer unabhängigen Beratungsstelle für Suchtprävention in Salzburg, die mit einem kleinen Team, insbesondere Jugendliche mit einer Drogensucht, unterstützte und behandelte.

Salzburg, 12. Juli 2018

Tom und Paula sitzen abends gemütlich vor dem Fernseher. Nach einer Weile beginnt Paula aufgeregt zu erzählen: “Du wirst nicht glauben, was ich heute gehört habe. Meine Kollegin wurde vor ein paar Tagen von der Polizei befragt. Ein Junge, den sie ins Krankenhaus gebracht hat, war komplett mit Drogen vollgepumpt, Crystal Meth glaube ich. Eigentlich seltsam, weil die meisten Jungs in seinem Alter eher Cannabis und Alkohol konsumieren, die trauen sich meistens noch nicht an Crystal ran. Da hatte er wohl die falschen Freunde. Naja, jedenfalls haben sie Nora, meine Kollegin, sogar verdächtigt, ihm die Drogen verabreicht zu haben! Das stand später auch in der Zeitung, aber schlussendlich wurden wohl nicht genügend Beweise dafür gefunden. Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Warum sollte Nora so etwas tun? Das Schreckliche ist jedoch, dass der Junge, nach ein paar Stunden im Krankenhaus, an der Überdosis verstarb. Armer Junge, ich hoffe nur, dass er einigermaßen in Frieden gehen konnte. Demnach wundert es mich nicht, dass das alles Nora wohl zu viel geworden ist, denn sie hat gestern ihre Kündigung eingereicht. Nächste Woche wird ihr letzter Arbeitstag sein.
Sag mal, hörst du mir überhaupt zu, Tom? Ich habe das Gefühl, immer wenn ich etwas Spannendes zu erzählen habe, zeigst du kein Interesse!“ Tom dreht sich zu ihr um und antwortet: „Doch, das ist eine sehr interessante Geschichte. Sag mal, kenne ich diese Nora eigentlich, wie heißt sie noch gleich mit Nachnamen?
Wieder euphorisch von Toms Interesse plappert Paula drauf los: „Nein, nicht das ich wüsste. Immer wenn du mich von der Arbeit abgeholt hast, was ja bisher sehr selten vorkam, war Nora nicht da. Aber ich habe ein Foto mit ihr und meinen anderen Kollegeninnen“. Paula greift nach ihrem goldfarbenen Smartphone und zeigt ihm das Foto: „Hier, das ist sie, Nora Reinhardt.“
Damals war Tom sofort von ihrer Erscheinung gefesselt. Die blonden Haare, die ihr sanft über die Schultern fielen, die blauen Augen, die strahlend in die Kamera schauten und das breite Lächeln, das jeden zum Mitmachen aufforderte. Ihre farbenfrohe Kleidung war elegant und lässig zugleich, perfekt auf ihren sportlichen Körper zugeschnitten. Etwas in ihm, wollte mehr über diese Frau erfahren.
An diesem Tag im letzten Jahr beschloss er, sie zur neuen Figur eines ganz besonderen Romans zu machen. Ein Roman, dessen Handlung er aus der Realität schöpfen und eins zu eins wiedergeben wollte. Diese radikale Idee steuerte von nun an sein Leben. Koste es, was es wolle.
Dafür musste er Nora aber zunächst ausfindig machen. Direkt am nächsten Tag hatte er bereits Erfolg. Er musste sich nur vor das rote Backsteingebäude mit seinem Auto platzieren und warten bis Nora auftauchte. Das Aushängeschild vor der Beratungsstelle am Eingang sprach junge Leute an, die Probleme mit einer Sucht hatten und Hilfe benötigten. Tom musste nicht lange warten und schon bald sah er sie das erste Mal mit seinen eigenen Augen. Sie kam auf einem hellblauen Fahrrad angefahren. Ihr Haar bewegte sich langsam im Wind und als sie die Kollegin am Eingang begrüßte, vernahm er durch die halbgeöffnete Fensterscheibe ihre freundliche aber energische Stimme. Tom schoss damals einige Fotos und beobachtete jede ihrer Handlungen, die er aus dem Auto erhaschen konnte. Sie arbeitete an diesem Tag ziemlich lange, doch Tom hatte sich darauf bereits eingestellt. Als er sich jedoch zu wundern begann, wann sie nun nach Hause fahren würde, sah er, wie das Licht in dem Stockwerk über der Beratungsstelle, anging. Er nahm sein Fernglas zur Hand und sah Nora, wie sie von Fenster zu Fenster lief und die Gardinen zuzog. Aha, also wohnte sie direkt über ihrer Arbeitsstelle.
In den nächsten Tagen folgte ihr Tom auf Schritt und Tritt. Er lebte quasi in seinem Auto und gönnte sich nur nachts etwas Ruhe. Er fragte sich, ob sie nach ihrer Kündigung wohl weiterhin in der Wohnung über der Beratungsstelle leben würde. Er bezweifelte es. Er durfte sie also nicht verlieren, ehe sie ihn zu ihrem neuen Umfeld geführt hatte.
Tom hatte damals so ein Gefühl, dass sie irgendetwas mit dem Tod dieses Jungen zu tun hatte. Bis heute ist er sich da absolut sicher, doch er hat nie herausgefunden, was genau. Als sein Blick wieder auf das Foto von sich und Paula fällt, muss er noch einmal an das denken, was Paula ihm über den toten Jungen erzählt hatte. Da ist eine Ungereimtheit, etwas das nicht ins Bild passt. Es könnte nichts sein, aber Paula hat gesagt, dass der Junge an einer Überdosis Crystal Meth gestorben ist, obwohl er vorher höchstwahrscheinlich noch nie diese Art von Droge genommen hatte. Klar, irgendwann ist wohl immer das erste Mal und in diesem Fall war es wohl zu viel für den jungen Körper.
Nein, Crystal Meth, das ist die Verbindung. Tom spürt es. Er hatte mal etwas über Crystal in engem Zusammenhang mit Nora gelesen. Er legt das Foto zur Seite und beginnt in den Unterlagen, die er zu Nora zusammengesammelt hatte, zu suchen. Von der Geburtsurkunde, bis zu den Schulzeugnissen, über ihren ersten Job in Salzburg, ihre Bachelorarbeit und Masterarbeit in Psychologie bis hin zu sämtlichen Veröffentlichungen ihrerseits in Österreich. Genau seit einem Jahr hat Nora nichts mehr veröffentlicht. Das einzig Schriftliche, was er aus der letzten Zeit von ihr besaß, war die Broschüre, die sie in ihrer Praxis für ihre Patienten ausgelegt hatte. Er zieht sie aus dem Stapel und blättert von Seite zu Seite, bis er die richtige gefunden hat. Toms Mundwinkel verformen sich langsam zu einem Grinsen. Er beginnt unter der Überschrift: „Meine Beweggründe für die Arbeit mit Suchtkranken“ zu lesen: „Ich habe angefangen, mich beruflich auf die Suchtprävention zu spezialisieren, als meine kleine Schwester an einer Überdosis Crystal Meth gestorben ist. Da sie schon lange Drogenprobleme plagten, stand ich quasi tagtäglich mit diesem Thema in Kontakt. Also habe ich mich entschieden, auch um anderen das zu ersparen, was meiner Schwester widerfahren ist, die Prävention von Suchtproblemen zu einem festen Bestandteil meiner Arbeit zu machen.“
Tom überlegt eine Weile. Ok, also wenn das stimmt, was Nora in ihrer Broschüre schreibt, dann wäre es möglich, dass ihre Schwester damals in Salzburg gestorben ist. Eine leise Hoffnung kommt in ihm auf. Da Noras Schwester Drogenprobleme hatte, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass sie auch mal zu Gast in der Beratungsstelle in Salzburg gewesen war, falls sie da noch lebte. Aufgeregt wühlt er durch die Unterlagen, die er sich von seiner damaligen Freundin Paula zu ihrer Arbeitsstelle besorgt hatte. Darunter waren auch Fotos von Jugendlichen, die in der Beratungsstelle Hilfe suchten und die Sucht schließlich bekämpfen konnten. Deren Bilder schmückten später die Wände einiger Räume, als Inspiration für andere Jugendliche, die noch einen mühsamen Weg vor sich hatten. Vielleicht war die Schwester auf einem dieser Fotos. Das Problem war nur, er wusste weder wie Noras Schwester ausgesehen hat, noch wie sie genau hieß. Der Nachname müsste Reinhardt gewesen sein und das Aussehen könnte Ähnlichkeit mit dem ihrer Schwester gehabt haben. Super, es gab massenweise Fotos mit weiblichen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die scheinbar ihre Drogensucht hinter sich lassen konnten. Finde die Nadel im Heuhaufen. Nach mehrmaligen Durchschauen der Bilder, war er enttäuscht. Niemand geht nur annähernd als Noras Schwester durch.
Er packt die Bilder wieder zusammen, als letztes das Foto vom Beratungsteam, dass ihm Paula eines Abends gezeigt hatte. Moment mal, Tom hielt für einen kurzen Augenblick inne. Da im Hintergrund, auf der Stufe zur Eingangstür des Gebäudes, saß eine junge Frau, die gerade eine Zigarette rauchte. Trotz der schlechten Qualität des Fotos, hatte sie ein unverkennbares Merkmal, das man auch von Weitem gut erkennen konnte. Die Frau hatte blonde Haare mit knallpinken Strähnen. Verwirrt runzelte er die Stirn. Er hatte diese Frau schon einmal irgendwo gesehen.

Er schlug mit der Faust auf den Boden, ja genau, an einem Tag vor ein paar Wochen, als er gerade aus einer Sitzung bei Nora kam, saß vor dem Eingang, rauchend, genau diese Frau mit den pinken Strähnen. Tom konnte sich an ihr Gesicht noch gut erinnern, da es trotz des scheinbar jungen Alters, etwas entstellt gewesen war. Er hatte sich gefragt, was dieser jungen Frau wohl widerfahren ist. Jetzt war es eindeutig. Er hatte schon einige Fotos von Menschen im Internet gesehen, dessen Erscheinungsbild sich nach dem Konsum von Crystal Meth, sagen wir mal naja, sichtbar verändert hat. Das auf der Treppe vor ein paar Wochen war also Noras Schwester. Sie ist quicklebendig, kein Tod durch Überdosis. Jetzt konnte er die versteckten Gemeinsamkeiten auf dem Foto auch deutlich erkennen. Dieselben naturblonden Haare, die etwas gebogene Nase und die zarten Lachgrübchen in den Wangen. Wieso also die Lüge über den Tod ihrer Schwester in der Praxisbroschüre?

Tom kramte jetzt Noras Kalender mit ihren Patiententerminen heraus. Er hatte Seite für Seite, während Noras kurzer Abwesenheit in seiner Sitzung, abfotografiert und später ausgedruckt. Überall waren die Patienten mit ihren Nachnamen eingetragen, außer sein Name, Tom R.. Mehr hatte er ihr nicht verraten und vorgegeben, dass er unbedingt geduzt werden möchte. Es ging völlig problemlos. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass sein Name wohl der einzige Vorname im Kalender ist, nirgends konnte er den Nachnamen Reinhardt entdecken. Aber, was ist das? Toms Blick wanderte über das Blatt Papier in seinen Händen. 08:30 Uhr: Kim. Und da, die Woche zuvor am selben Tag wieder: 08:30 Uhr: Kim. Das musste sie sein, Noras Schwester. Weshalb sollte sie sonst nur einen einzigen Patienten mit dessen Vornamen eintragen. Um ein Treffen mit einer Freundin handelt es sich bestimmt auch nicht; jede Woche am selben Tag und zur selben Uhrzeit? Das ist eher unwahrscheinlich. Außerdem hatte er Nora, hier in Berlin, noch nie mit irgendeiner sich wiederholenden Verabredung beobachtet. Natürlich hatte Nora einen persönlichen Bezug zu dieser Patientin, sie war ihre Schwester und wer benutzt schon den Nachnamen des eigenen Geschwisterkindes?
Tom lehnte sich zufrieden an die Vorderseite seiner Couch. Kim Reinhardt. Schöner Vorname, kurz und prägnant aber trotzdem stark und unabhängig. Den Rest des Tages wird er damit verbringen, alles Mögliche über diese Frau herauszufinden, was sich im Internet und unter seinen gesammelten Unterlagen so ausgraben ließe. Er wird herausfinden, warum Nora die Existenz ihrer Schwester Kim verheimlicht und warum diese sich anscheinend trotzdem noch in ihrem Umfeld aufhält und wie es aussieht, sogar ihre Patientin ist!
Da kommt Tom noch eine spontane Idee. Kann ja nicht schaden und das macht die Sache gleich aufregender, denkt er sich. Er öffnet die unterste Schublade seiner Kommode und fischt eines seiner Handys heraus. Mit schnellen Fingern tippt er auf dem Bildschirm herum und drückt schließlich auf den weißen Pfeil mit dem grünen Hintergrund.

Berlin, 29. Juli 2019: Nora Seidler

Perplex öffnet Nora das nächste Foto. Sie schluckt. Sie sieht sich selbst auf ihrem geliebten blauen Fahrrad, die blonden Haare, die sie so vermisst und die Gestalt einer Person, die sie für immer hinter sich lassen wollte. Die Vergangenheit hat sie eingeholt, wie ein Raubtier seine Beute, unerwartet und schnell. Tom kannte sie beide, Nora Reinhardt und Nora Seidler. Die Frage ist nun, wie viel wusste er über Nora Reinhardt und warum sie Nora Seidler wurde? Ein weiteres Bild zeigte Nora und ihre damaligen Kolleginnen vor ihrer Arbeitsstelle in Salzburg. Sie lächelten ausgelassen. Oh, nein, Nora schloss die Augen. Kim, sie war auch auf diesem Foto, weit im Hintergrund, aber dennoch gut zu erkennen, nicht nur aufgrund ihrer äußeren Erscheinung. Nora betete, dass Tom keinen Verdacht in dieser Hinsicht schöpft.
Aber was wusste sie schon? Nach allem, was sie bisher auf diesem Smartphone gefunden hatte, könnte er alles wissen, jedes kleinste Detail des letzten Jahres. War alles umsonst gewesen? Der plötzliche Aufbruch aus Salzburg. Der Umzug nach Berlin. Die schnelle Heirat mit einem spontanen Fremden aus dem Internet, der ihr seinen Nachnamen quasi verkaufte, damit sie mit diesem ein neues Leben in Deutschland beginnen konnte. Die radikale äußerliche Veränderung inklusive Schönheitsoperation, damit sie ja keiner so schnell erkennen würde.
Plötzlich vibriert das Handy in ihren Händen. Nora starrt es einige Minuten ungläubig an. Die Statusleiste zeigt eine eingegangene WhatsApp Nachricht von einer unbekannten Nummer an. Sie öffnet sie mit angehaltenem Atem. Die Nachricht besteht nur aus einem versendeten Internetlink. Würde sie jetzt so leichtsinnig sein und dem unbekannten Link folgen und sich dann womöglich einen Virus oder Ähnliches aufs Handy holen? Moment mal, das ist ja gar nicht ihr Handy. Dennoch zögert sie für einen Augenblick. Schlussendlich ist natürlich die Neugierde und die Unwissenheit zu groß, um dies nicht zu tun. Der Link führt zu einem Artikel der Zeitung Salzburger Nachrichten. Nora beginnt verkrampft die Überschrift des Artikels zu lesen: „14-Jähriger an Überdosis Crystal Meth gestorben – Drogenberaterin wird zunächst verdächtigt“. Sie legt das Handy zur Seite, mehr muss sie nicht lesen. Den Artikel kennt sie in- und auswendig. Das Passfoto des Jungen, das den Artikel schmückte, spukt seit je her in ihren Träumen herum. So wie jetzt auch.
Nora läuft zur Tür und öffnet sie einen Spaltbreit: „Frau Tillmanns, können sie bitte für heute alle meine weiteren Termine absagen. Mir ist gerade etwas Wichtiges dazwischengekommen. Sie können dann auch Feierabend machen.“ „In Ordnung Frau Seidler, ist sonst noch etwas, was ich tun kann?“, ruft sie zurück. Nora antwortet schnell: „Nein, danke, das ist alles. Wir sehen uns dann morgen.“
Sie schließt wieder die Tür und muss sich an der Klinke abstützen, als die Erinnerung an jenen Tag mit einer penetranten Intensität ihre Gedanken einnimmt.

Salzburg, 07. Juli 2018: Nora Reinhardt

Nora betrachtet den Mund ihres Gegenübers, der unter geräuschvollem Kauen die Salatbeilage seines Gerichtes verschlingt. Sie hat seit Wochen das erste Mal eine Verabredung mit einem Mann in einem einigermaßen vernünftig aussehenden Restaurant. Das Personal läuft die ganze Zeit mit einem bemerkenswerten Dauergrinsen durch die Gegend und die Auswahl auf der Speisekarte ist überragend. Das einzige Problem: der Mann auf der anderen Seite ihres Tisches. Er redet schon den ganzen Abend unerlässlich von sich und seinen einzigartigen Reiseerlebnissen. Die einzige Frage, die er ihr vor geraumer Zeit gestellt hat, war: „Möchtest du auch mal von meinem Essen probieren?“ Sie hat lächelnd abgewinkt. Das plötzliche Klingeln ihres Telefons reißt sie aus ihren Gedanken. Nun wieder euphorisch über diese Unterbrechung, die ihren Abend vielleicht doch noch in irgendeiner Weise spannender machen könnte, nimmt sie den Anruf, ohne zu schauen, um wen es sich bei dem Gesprächspartner handelt, mit einem entschuldigenden Lächeln an und verlässt den Tisch.
„Hi Schwesterlein, na was machst du so? Ich hänge hier bei dir rum und unterhalte mich gerade mit deinem Kumpel. Der ist echt nett. Vielleicht probierst du es mal mit dem? Nicht unattraktiv, na vielleicht ein bisschen jung aber wen kümmert das heute noch. Er hatte ein paar Schmerzen und da habe ich, so großzügig wie ich bin, ihm erst mal ein bisschen von meiner Medizin gegeben. Weißt du, jetzt trinken wir erst mal ein Bier zusammen. Hast du auch Lust, ich habe noch eins übrig?“

Nora erkennt schon nach den ersten Wörtern ihrer Schwester, dass sie unter Drogen steht. Nicht schon wieder, dachte sie verärgert. Als Kim ohne Unterbrechung weiterreden will, funkt Nora laut dazwischen: „Hey, was meinst du, wer ist da bei dir und was für eine Medizin hast du ihm gegeben? Doch Kim hatte bereits aufgelegt. Für einen Moment starrt Nora das Handy nur an. Aufsteigende Panik beginnt von ihrem Körper Besitz zu ergreifen. Nora atmet einmal tief durch und geht dann zurück zum Tisch, um sich aufgrund eines Notfalles von ihrer Verabredung zu verabschieden.
Bis nach Hause ist es ein Stückchen mit dem Fahrrad aber so schnell hat Nora die Strecke noch nie hinter sich gebracht. Zuhause angekommen, lässt sie das Fahrrad auf der Wiese vor dem roten Backsteingebäude fallen und eilt zur Tür. Als sie eintritt, kommt ihr ihre Schwester entgegengelaufen und springt ihr förmlich in die Arme. „Ach schön, dass du auch gekommen bist, ich glaube unser kleiner Freund hier, hat ein bisschen zu viel Bier getrunken, der ist schon ganz rot im Gesicht.“, brabbelt Kim Nora kichernd ins Ohr. „Oh, mein Gott, was hast du getan?“, sind die einzigen Worte, die Nora hervorbringen kann.
Sie löst sich gewaltsam aus Kims Umarmung und läuft zu dem Jungen, der am Boden liegt und sich kaum bewegt. Als sie dessen Stirn berührt, schreckt sie zurück, sie ist unbeschreiblich heiß und bedeckt mit Schweiß. Nora kann nicht anders und schreit Kim an: „Was hast du ihm gegeben?“ Kim erwidert unschuldig: „Na ich hatte noch ne Icepipe in der Tasche. Und der Kleine meinte, er hat Schmerzen, also dachte ich, ich tue ihm mal etwas Gutes.“ „Du hast ihn Crystal rauchen lassen?“, schrie Nora panisch. Sie erhebt sich wieder, drückt Kim ihre auf dem Boden liegende Tasche in die Hand, führt sie auf den Treppenabsatz zur oberen Etage hinauf und sagt: „So, du nimmst jetzt dein Zeug und verschwindest nach oben in meine Wohnung, bis ich wiederkomme. Du verlässt die Wohnung nicht, solange ich nicht wieder da bin. Hast du mich verstanden?“ „Ja, ok. Mach mal halblang, ich schau einfach ein bisschen Fern.“, entgegnete Kim und schlürft die Treppe hinauf.

Nora rennt zurück zu dem Jungen, der nun anfängt, heftig zu zittern und hörbar nach Luft zu schnappen. Sie tastet hektisch nach dem Handy in ihrer Tasche und wählt den Notruf. Nachdem sie ihre Adresse und die Vermutung weitergegeben hat, dass es sich um eine Überdosis Crystal Meth handeln könnte, wendet sie sich wieder dem Jungen zu: „Tommy, hörst du mich? Hier ist Nora, alles wird gut, ich habe bereits den Krankenwagen gerufen, du musst nur noch ein bisschen durchhalten.“

Nora kennt Tommy noch nicht so lange. Vor ein paar Wochen ist er aus eigenem Antrieb zur Beratungsstelle gekommen und wollte sich Hilfe holen. Er hatte Probleme mit dem Konsum von Cannabis und Alkohol. Und jetzt das, Crystal Meth, eine der gefährlichsten Modedrogen derzeit. Sie nahm Tommy unter den Arm und trug ihn hinaus auf die Sitzbank vor der Tür, um auf den Krankenwagen zu warten.
Der Polizei hat Nora später erzählt, dass sie Tommy bereits im Drogenrausch auf der Parkbank vor der Beratungsstelle aufgefunden hat. Sie konnte ihm nur noch entlocken, dass er kurz zuvor Crystal geraucht hat. Sie haben ihr zunächst geglaubt.

Später jedoch wurde sie noch einmal zur Befragung auf die Polizeidienststelle gebeten und musste erneut den Ablauf des Geschehens, plus ihre eigene Tagesabfolge beschreiben. Nach einiger Zeit der Befragung konnte Nora gehen und schon bald schloss die Polizei eine Fremdeinwirkung beim Drogenkonsum aus.
Nun musste alles schnell gehen. Am Morgen danach brachte Nora Kim sofort in eine Entzugsklinik nach Wien. Erst mal raus aus der Stadt und weg von dem ganzen Geschehen. Das war das letzte Mal, dass sich Nora als Kims Schwester fühlte. Seit diesem Tag war sie gestorben, im wahrsten Sinne des Wortes. Was Nora als nächstes tun würde, hätte sie nie für möglich gehalten, aber zu dieser Zeit, schien es die einzig richtige Entscheidung: hypnotische Amnesie. Kim konnte sich, da sie am Abend des 07. Julis sowieso unter Drogen stand, kaum noch an etwas erinnern. Trotzdem konnte Nora nicht das Risiko eingehen, dass die Wahrheit irgendwann rausgekommen wäre und Kims Leben zerstört hätte. Ihre Psyche hatte in der Vergangenheit bereits einiges mitgemacht und Kim hatte schon wegen Geringerem den ein oder anderen Selbstmordversuch hinter sich. Nora ging es also einzig und allein, um das Wohl ihrer Schwester. Dies bedeutete Verlust von Erinnerungen aber dafür Leben.
Also suchte sich Nora Hilfe bei einem renommierten Hypnotiseur. Renommiert, bedeutete in diesem Fall bekannt für kontroverse, nicht ganz legale Methoden zu einem angemessenem Preis. Der Hypnotiseur startete den Versuch eine Amnesie, mithilfe eines sogenannten posthypnotischen Befehls, bei Kim zu erzeugen. Die Erfolgschancen waren gering, denn nur bei ca. einem Drittel aller hypnotisierten Patienten, besteht die Möglichkeit, dass es zu einer Amnesie des geforderten oder gewünschten Ereignisses kommt. Doch wie der Zufall so spielte, funktionierte es bei Kim tatsächlich. Somit lebte Nora in Kims Augen nicht mehr. Ein Autounfall. Außerdem sollte sich Kim an kein Detail vom Abend des 07. Julis erinnern.

Nora konnte später erreichen, dass Kim in eine Klinik nach Deutschland, Berlin verlegt wurde. Da gäbe es bessere Behandlungsmöglichkeiten und ein Neustart in einer anderen Umgebung sei sowieso das Beste.
Das Problem, das nun noch bestand, war neben dem Segen, der Fluch der hypnotischen Amnesie bei Kim. Denn obwohl diese Methode zunächst bei ihr funktioniert hatte, war es sehr wahrscheinlich, dass die „vergessenen“ Erinnerungen nach einer gewissen Zeit wiederkommen würden. Also ging Nora noch einen Schritt weiter. Jetzt steckte sie eh schon so tief drin, da machte ein Schokoladenstück mehr oder weniger auch nichts mehr aus. Ja, bizarrer Vergleich mit der Schokolade, aber Kim war leider auch danach süchtig.
Nora machte eine zweitägige Ausbildung zur Hypnotiseurin in Berlin. Das war schneller getan als gesagt und in Deutschland gibt es da auch keine speziellen Vorschriften über diesen „Titel“, sodass sich Nora ohne Umstände nach Kurzem schon als Hypnoseexpertin hätte bezeichnen können. Ihr Ziel war es, so ethisch falsch es auch manche bezeichnen würden, Kim als Psychologin und Hypnotiseurin weiterhin zu behandeln und somit ihre hypnotische Amnesie aufrechtzuerhalten.
Seit einem Jahr hat Nora nun Erfolg. Doch seitdem Kim ihr eröffnet hat, dass sie keine Therapie und Hypnose mehr benötige, weiß sie langsam keinen Ausweg mehr.
Was hatte sie sich bloß dabei gedacht? Das würde doch niemals gut gehen. Und nicht nur die Zeit spielt jetzt gegen sie, sondern auch dieser Stalker Tom, der ihr Leben, warum auch immer, unnötig erschweren will. Nora hat zwar ein dickes Fell aber allmählich beginnen sich ihre Haare heftig zu sträuben.
Vielleicht sollte sie es einfach darauf ankommen lassen und bei Kim, im Zweifel, alles auf die Drogen schieben. Gedächtnisverlust, verwirrende Erinnerungen, Albträume, all das kann extremer Drogenkonsum verursachen.

Gedankenverloren betrachtet Nora ihr Büro. Seit einem Jahr arbeitet sie nun jetzt schon hier, es kommt ihr aber vor, als wäre sie noch gestern in Salzburg auf ihrem blauen Fahrrad durch die Gegend geradelt. Ihr Blick wandert über das Zitat von Nelson Mandela, dass als Motivation und Inspiration für ihre Patienten an der Wand geschrieben steht: „Das Größte, was man erreichen kann, ist nicht, nie zu straucheln, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.“ Sie seufzt und lässt sich in ihren Sessel fallen; wenn es bloß so einfach wäre, wie es dort geschrieben steht.

Berlin, 31. Juli 2019: Tom Richards

Tom hatte die letzten beiden Tage damit verbracht, alles was irgendwie interessant schien, über Noras Schwester Kim zu sammeln. Er ist immer wieder erstaunt, wie viel sich doch nur allein im Internet ausgraben lässt. Am meisten überrascht hatte ihn die Tatsache, dass Kim anscheinend keinen blassen Schimmer hat, dass ihre Schwester noch am Leben war und dass sie auch noch ihre Psychologin ist. Wie hat es Nora angestellt, Kims Erinnerungen so radikal zu manipulieren?

Wenn sich Kim einfach mal Zeit genommen hätte, auf sämtlichen Plattformen zu recherchieren, wären ihr bestimmt auch einige Ungereimtheiten im vergangenen Jahr ihres Lebens aufgefallen. Doch wie sollte Kim den Wald vor lauter Bäumen sehen, wenn sie keinen Grund hat, den Wald aufzusuchen? Darum hat sich Tom nun entschieden, dass er Kim zu ihrem Wald führen würde. Dennoch ist es weiterhin ein Rätsel für ihn, was genau mit dem Jungen im Juli letzten Jahres in Salzburg passiert ist. Hatte Kim etwas mit deren Überdosis Crystal Meth zu tun? Tom hat immer noch tausende Fragen. Er weiß nur, dass die Antworten bei Kim liegen. Die Erinnerungen liegen irgendwo tief in ihr verborgen und er wird ihr helfen, sie wieder auszugraben. In der Schublade neben seiner Couch vibriert etwas. Tom holt das Handy heraus und liest die kurze Nachricht von Nora: „Was willst du?“ Er tippt seine Antwort ohne zu zögern ein: „Die Wahrheit“.

Berlin, 01. August 2019: Kim Reinhardt

Kim wälzt sich unruhig im Schlaf umher. Die heißen Temperaturen in der Nacht machen ihr zu schaffen und lösen immer Albträume bei ihr aus. Sie schlägt die Augen auf und kann den hellen Mond durchs offene Fenster scheinen sehen. Der Mann neben ihr schläft ruhig, kein nerviges Geschnarche, immerhin etwas, dachte sie. Kim steht auf und geht in die Küche, um sich etwas Wasser zu holen. Am Abend zuvor, hat er sie vor der Bar angesprochen und nach einer Zigarette gefragt. Irgendwie kam er ihr bekannt vor aber sie konnte sich nicht mehr erinnern, woher genau. Naja, trotz Berlins enormer Größe, sieht man ja doch irgendwie immer dieselben Leute. Er war anders, als die anderen, die sie sonst mit nach Hause nahm. Freundlicher, aufmerksamer und er schien wirklich Interesse an ihrer Person zu haben.

Kim geht mit dem halbleeren Glas Wasser wieder zurück zum Bett. „Hey, kannst du nicht schlafen?“, fragte der Mann Kim mit wachen Augen. „Ach, es ist die Hitze, da schlafe ich nie so gut und habe ständig Albträume.“ „Also gut, da ich jetzt auch wach bin, wie wäre es, wenn wir uns einfach ein bisschen unterhalten und vielleicht hilft es ja, wenn du mir von deinen Albträumen erzählst?“ Kim setzt sich misstrauisch auf die Bettkante: „Hast du wirklich Interesse oder tust du nur so? Kannst du dich überhaupt noch an meinen Namen erinnern?“ „Das war das erste, was sich ganz tief in meinem Gedächtnis eingebrannt hat, Kim. Kannst du dich denn noch an meinen erinnern?“ Jetzt mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, erwidert Kim: „ Der ist ja nicht so schwer zu merken, Tom.“
Den Rest der Woche hat sich Kim von Toms Hartnäckigkeit beeindrucken lassen und sich dann wieder und wieder mit ihm getroffen. Sie mag ihn irgendwie, er hört ihr zu und scheint ein guter Kerl zu sein.

Berlin, 05. August 2019, 09:15 Uhr: Nora Seidler

„Dann freue ich mich, Frau Reinhardt, sie nächste Woche wieder zu sehen.“
Mit diesen Worten verabschiedet sich Nora von Kim an diesem Montag nach ihrer Therapiesitzung. Noras Herz hat heute einen Freudensprung gemacht. Kim scheint letzte Woche jemanden kennengelernt zu haben, der ihr sichtbar gut tut. Für einen Moment ist Nora glücklich. Doch dann erinnert sie sich wieder an Toms WhatsApp Nachricht. „Die Wahrheit“ hatte er auf ihre Frage, was er von ihr wollte, geantwortet. Mittlerweile hat Nora beklemmende Angst. Überall wo sie hingeht, fühlt sie sich beobachtet. Tom sitzt ihr buchstäblich im Nacken. Sie kann nicht mit Sicherheit sagen, ob sie noch einmal in der Lage wäre, sich so zu wehren, wie vor ein paar Wochen.

Berlin, 18. Juni 2019, 20:03 Uhr

Nora will gerade Feierabend machen und ihre Praxis von außen abschließen, als ihr plötzlich jemand von hinten den Mund zuhält. Starke große Hände drücken ihr auf die Lippen. Sie vernimmt eine leicht holzige Note des Aftershaves des Mannes hinter ihr. Der Geruch kommt ihr bekannt vor und löst bei ihr eine heftige Gegenwehr aus. Leider zu spät, er hatte sie schon, so selbstverständlich, wie ein Herrchen seinen Hund, über die Schwelle zurück in die Praxis getragen.

Was in den folgenden Minuten passiert, nimmt sie nur noch bruchstückhaft wahr. Irgendwann findet sie sich auf dem Boden wieder und bekommt unerwartet Probleme beim Atmen.
Kräftige Hände umschließen ihren Hals und da sieht Nora ihn das erste Mal richtig, Tom. Verwirrung, Missverständnis und Panik spiegeln sich in ihrem Gesicht wieder. Plötzlich lösen sich die Hände von ihrem Hals und die Luft beginnt langsam und schmerzhaft durch ihre Lungenflügel zu strömen. Toms Hände wandern ihren Körper hinab und beginnen ihren Rock Stück für Stück hochzuschieben. Nora schließt für einen Moment ihre Augen und wünscht sich an einen anderen Ort.

Als sie sie wieder öffnet, blickt sie zur Seite und sieht ihn da liegen, unterm Empfangstresen, ihre womöglich einzige Rettung, einen Kugelschreiber. In einem Moment voller Hoffnung und Willenskraft greift sie danach. Ohne zu zögern, stößt sie mit all ihrer verbliebenen Kraft in das Auge ihres Angreifers. Erstarrt verweilt Nora einen Augenblick in dieser Position, ohne zu Realisieren, was sie da gerade getan hatte.
Als sich Nora aus der Starre lösen konnte, kämpfte sie sich unter Toms Körper hervor und rannte zum anderen Ende des Ganges. Sie schrie ihn an: „Was willst du von mir, hau ab, verschwinde!“ Tom sagte, während des gesamten Vorfalls, kein einziges Wort. Als würde ihm der Kugelschreiber im Auge nichts ausmachen, stand er auf, musterte Nora einen Moment lang, drehte sich dann um und verließ die Praxis. Als die Glastür ins Schloss fiel, sank Nora zu Boden und verweilte in dieser Position, bis sie die ersten Sonnenstrahlen durch die Praxisgardinen scheinen sah.

Berlin, 08. August 2019: Tom Richards

„Nora lebte seit dem Übergriff ihres ehemaligen Patienten in ständiger Angst. Flashbacks von diesem Abend überkamen sie immer, wenn sie einen Mann, der ihm in Gestalt und Größe ähnelte, in der Öffentlichkeit näher als Armeslänge kam. Sie spürte ihn im Nacken lauern und konnte bei bestem Willen nicht sagen, was er als nächstes vorhatte. Sie konnte nur warten, bis er sie von ihrer Ungewissheit erlöste.“

Hingebungsvoll tippt Tom die Worte in seine Schreibmaschine. Er liebt den Klang der Tasten nach jedem Anschlag und die Ruhe zwischen seinen Denkpausen. Sein Roman nimmt langsam Gestalt an. Nachdem er mithilfe des Angriffes auf Nora, der Handlung eine neue Wendung geben wollte, hat ihn der Zufall auf einen ganz anderen Weg geführt. Einen Weg, den er vorher gar nicht wahrzunehmen geglaubt hatte. Nora hat ein Geheimnis, dass sie seit einem Jahr verzweifelt versucht, geheim zu halten. Doch Tom ist ihr auf die Schliche gekommen. Heute ist der Tag der Aufdeckung und der Enthüllung. Da ist er sich sicher.

Seine Klingel läutet. Tom legt seine Unterlagen sichtbar auf seinen Schreibtisch und geht zur Tür. Lasset die Spiele beginnen. „Kim, schön dich zu sehen, komm rein.“

Berlin, 08. August 2019, 16:11 Uhr: Kim Reinhardt

Sie betritt seine Wohnung und ist sogleich überrascht über die unübersehbare Ordnung und die Präzision, mit der er die wenigen Möbel und Gegenstände platziert hat. Kim hat die letzten Tage in seiner Gegenwart wirklich genossen. Irgendwie kann sie das erste Mal seit langer Zeit wieder sie selbst sein, was auch immer das bedeutete. Sie fühlt sich einfach wohl bei ihm und die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit Tom lässt ihr Herz innerlich Sprünge machen.
Den Nachmittag verbrachten sie zusammen in Toms Wohnung. Sie lachten viel, er zeigte ihr seine bisher geschriebenen Romane und erzählte ihr oberflächlich von seinem aktuellen Werk, dass er für eine Goldgrube hielt. Kim wollte unbedingt einen Teil davon lesen, doch Tom meinte, dass es den Zauber zerstören würde, wenn er es nicht vorher beenden könnte.
Nachdem sie sich schmollend auf seine Couch gesetzt hatte, gesellte er sich mit einem Stapel Papier neben sie und reichte ihr diesen: „Aber ich möchte dir etwas anderes zeigen.“ Am liebsten würde Kim zu genau diesem Augenblick zurückkehren, den Papierstapel in seinen Händen ignorieren, zur Tür hinaus gehen und nie mehr wiederkehren.
Doch das tat sie bedauerlicherweise nicht.
Kim nimmt das Foto in die Hand, das ganz oben auf dem Stapel thront. Zunächst sieht sie eine kleine Gruppe von Frauen, die auf einer Wiese vor einem kleinen Gebäude in die Kamera lächelt. Tom deutet mit ernster Miene auf das Foto: „Schau es dir noch einmal genau an.“ Und dann entdeckt Kim es sofort, sich im Hintergrund, auf einer Treppe sitzend. Sie umklammert das Foto eisern und starrt auf die Frau mit den pink-blonden Haaren im Hintergrund. Sämtliche verwirrende Gedanken fliegen kreuz und quer durch ihren Kopf, sie stoßen heftig gegeneinander und wollen nicht eher ruhen, ehe sie sich mit ihnen auseinandergesetzt hat. Kim lässt das Foto fallen und fasst sich mit beiden Händen an ihre Schläfen. Sie muss hier raus, sofort.

Doch ehe sie sich zum Gehen wenden kann, versperrt Tom ihr den Weg: „Du gehst erst dann, wenn du die komplette Wahrheit erfahren hast.“ Kim schaut ihn ungläubig und entsetzt an. Sein entschlossener und kalter Gesichtsausdruck macht ihr unwillkürlich Angst. Kim nimmt langsam den Stapel Papier wieder in die Hand, so als würden die Worte Toms, sie wie eine Marionette eines Puppenspieler, dirigieren.
Die nächsten Stunden zwang Tom sie alles, wirklich jedes kleinste Detail seiner Unterlagen, zu lesen. Kim hatte keine Ahnung, woher Tom diese Unterlagen hatte und ehrlich gesagt, wollte sie es auch nicht wissen. In diesen Stunden funktionierte sie einfach nur. Funktionieren, um zu lesen. Ihr Kopf zersprang förmlich vor der Informationsflut und sie hatte keine Ahnung, was sie wirklich glauben konnte und was nicht.

Berlin, 08. August 2019, 20:23 Uhr: Tom Richards

Nachdem Kim seine Wohnung verlassen hatte und vollkommen verwirrt nach Hause gegangen war, hatte sich Tom vor seine Schreibmaschine gesetzt. Nun beginnt er die letzten Stunden in seinem Roman zu verarbeiten. Er hatte sich mehr erhofft und dachte, wenn er sie konfrontierte, würde alles aus ihr heraussprudeln. Kim konnte sich jedoch in den letzten Stunden an kaum etwas, was er ihr gezeigt hatte, erinnern. Sie las nur die Blätter, die er ihr gereicht hatte und verharrte für Stunden erstarrt in dieser Position.
Als er sie da so sitzen saß, tat sie ihm fast leid. Doch darum ging es jetzt nicht. Für Mitgefühl gibt es keinen Platz in seiner Welt. Sein Roman hat jetzt seine volle Aufmerksamkeit und einen würdevollen Abschluss verdient.
Also nimmt er seinen Schlüsselbund in die Hand und lässt die Haustür seiner Wohnung hinter sich ins Schloss fallen.
Nach mehrmaligem Klingeln öffnet niemand die Tür. Seltsam, dachte Tom. Wenn niemand da ist, dann kann er sich ja ein bisschen umsehen. Er holt eine Kreditkarte aus seinem Portemonnaie und versucht es zunächst damit. Nach mehrmaligem Hin-und Herprobieren öffnet sich die Tür problemlos mit einem leisen Klick.

Tom schaut sich um und tritt dann ein. Doch weiter kommt er nicht, sein Körper streikt. Hinter der Couch gegenüber der Eingangstür sieht er etwas auf dem Boden liegen, unverkennbar und doch fehl am Platz; blonde Haare mit verblassten pinken Strähnen. Mit voller Willenskraft zwingt er seinen Körper die nächsten Schritte zu tun.
Tom kniet sich neben sie. Der regungslose Körper sorgt für eine erdrückende Stille im Raum. Dann sieht er es, die Einstichstelle an ihrem Arm und die daneben liegende Spritze.
Mechanisch greift er nach dem Handy in seiner Tasche und wählt die erste Nummer, die ihm in diesem Moment, als einzig richtige erscheint. Es dauert ewig, bis endlich jemand abnimmt: „Ich hab gesagt, lass mich in Ruhe, sonst schalte ich die Polizei ein!“ Tom ignoriert ihren Satz und hört sich nur sagen, als wäre es das normalste der Welt: „Sie ist tot.“

Berlin, 18. August 2019: Nora Seidler

Die Regentropfen prasseln leise und stechend gegen die Fensterscheibe. Die Melodie, die durch das leere Zimmer dringt, hallt schwer und lange nach. Mechanisch bewegt Nora ihre Finger über die Tasten des Klaviers. Das schwarze Instrument ist das einzige, was noch in der Wohnung steht, einsam und verlassen. Während sie spielt, ist ihr Kopf leer, frei von Gedanken. Der schwermütige Klang der Musik kriecht über ihre Fingerspitzen hinauf in ihren Kopf, ins Zentrum all ihrer Gefühle, Handlungen, Entscheidungen und Reaktionen. Als der letzte Ton des Klavierstücks gespielt ist, steht Nora auf, schaut auf die kahle weiße Wand vor sich, wendet ihr den Rücken zu und verlässt die Wohnung.

 

 

„Mama, Mama, wann bist du endlich fertig mit dem Schreiben? Ich habe Hunger!“ „Ja, mein Schatz, ich habe gerade den letzten Satz geschrieben.“ „Und um was geht es in deiner Geschichte?“ „Ach, eigentlich um Menschen, die in ihrem Leben verzweifelt versuchen, die Kontrolle zu bewahren.“ „Aber heißt es nicht, Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser?“ „Genau, mein Schatz und da bist du vielen Menschen schon um Einiges voraus…“

13 thoughts on “Kontrolle

  1. Ich finde, das ist schon Stoff für einen ganzen Roman, und das meine ich als positives Feedback!
    Auch dein Schreibstil ist schon sehr fortgeschritten und hat was ganz Eigenes. In jedem Fall schreibst du fesselnd und spannend, beleuchtest die unterschiedlichen Perspektiven auf gekonnte Art und Weise und verknüpfst sie gut.
    Ich hab dir ein Like da gelassen 🙂

    Vielleicht schaust ja auch mal bei mir vorbei und hinterlässt mir auch einen Like 🙂

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/das-fremde-handy

  2. Wow! Tolle und interessante Idee! Dein Schreibstil hat mir wirklich sehr gut gefallen. Deine Geschichte war spannend und fesselnd. Ich fand auch das Ende richtig gut! Ich mag das spielerische Umgehen mit Sprichwörtern sehr gerne und es war schön das in einer Geschichte zu finden. Vor allem in dem Zusammenhang. Ich lasse dir auf jeden Fall ein Herz da! Mir ist nur aufgefallen, dass du ab und zu die Zeitformen gewechselt hast. Lg Lisa

  3. Hi, mir hat die Geschichte wirklich sehr gefallen. Obwohl ich sie beinahe etwas lang fand, aber sei´s drum. Der Stoff würde tatsächlich reichen, ein ganzes Buch daraus zu machen.
    Das mit den Zeitformen ist mir zwischendurch auch mal durch den Kopf gegangen, habe ich dann aber wieder in den Hintergrund gedrängt.
    Mir hat auch sehr der Anschluss gefallen, also der kurze Dialog der Autorin mit ihrem Kind. Ein toller Kniff, den Leser nochmal zum Nachdenken zurück zu lassen.
    Mein like hast Du.

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen >>Glasauge
    Ich würde mich sehr über ein Feedback freuen.

  4. Hallo liebe Emelie,

    ich finde die Idee Deiner Geschichte super!
    Der Autor, der versucht, seine „Romanfiguren“ zu lenken und zu manipulieren um einen Bestseller zu schreiben – den Gedanken finde ich total genial!
    Sehr außergewöhnlich und gelungen finde ich den Einstieg und den Schluss mit dem Klavierspiel, er versetzt den Leser zu Beginn der Geschichte in atmosphärische Stimmung und macht mit dem Aufbrechen von Nora und dem Hinweis auf die verblassenden Hämatome neugierig – der Abschluss rundet alles wieder ab. Toll.
    Was ich nicht ganz verstanden habe, war der Schlußdialog zwischen Mutter und Kind, bzw. wer spricht da miteinander? Ist das eine Geschichte in der Geschichte?

    Ich wünsche Dir viel Erfolg fürs Voting!

    Liebe Grüße
    Anita

    1. Hi Anita,
      ich freue mich über deinen tollen Kommentar, danke!
      Ja, das mit dem Klavierspiel wollte ich unbedingt am Ende der Geschichte nochmal aufgreifen.
      Genau, das hast du richtig interpretiert. Also ich wollte in die Geschichte noch irgendeinen Twist einbringen und war mir im Endeffekt nicht ganz sicher, ob es so wirklich rein passt. Aber ich habe mir gedacht, dass die Geschichte um Nora, Kim und Tom die geschriebene Geschichte einer Mutter ist. Das löse ich dann am Ende auf. 🙂

  5. Hallo Anita,
    deine Geschichte wurde mir bei ungelesene Geschichten angezeigt und ist komplett anders, als alle bisher gelesenen. Das ist wirklich eine ganz andere spannende und interessante Umsetzung der Parameter.
    Alles Gute
    Jana (Strafe)

  6. Hi Emilie!
    Deine Story hat viel Potenzial, da könntest du eine längere Sache draus machen. Dein Schreibstil ist gut – die zahlreichen Perspektiven verwirrten am Anfang, aber du hast es immer schön mit Überschriften versehen. Ein dickes Like von mir!
    Vielleicht hast du Lust, auch meine Geschichte zu lesen und mir Feedback zu geben, würde mich riesig freuen.
    Liebe Grüße Lotte
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-alte-mann-und-die-pflegerin

  7. Liebe Emilie, sowohl den Anfang als auch das Ende deiner Geschichte finde ich großartig. Ganz toller Schreibstil. In der Mitte zieht es sich leider etwas. Das ist ja schon ein kleiner Roman geworden. Ich würde dir empfehlen, die Geschichte zu kürzen. Dann bleibt die Spannung und das positive Lesegefühl durchgehend erhalten. Du findest bestimmt Abschnitte, die für die Geschichte nicht zwingend relevant sind.
    Also in aller Kürze: Ganz starker Anfang, super starkes Ende, in der Mitte etwas langatmig, insgesamt aber eine Geschichte, die ich gerne gelesen habe.
    Liebe Grüße aus dem Maislabyrinth, Andrea

    1. Hi Andrea,
      danke für dein Feedback! Ich freue mich über deinen Tipp, das hilft mir auf jeden Fall weiter, denn ich hatte auch schon darüber nachgedacht, ob die Geschichte an manchen Stellen zu lang/ausführlich ist.
      Grüße zurück und weiterhin fröhliches Schreiben 🙂
      Emelie

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