Judith LichnerKuckuckskind

6+

Kuckuckskind

Ein letzter Gedanke, bevor ein heller Knall die Luft zerriss. Wer bin ich?

Markus war nie besonders in Eile, wenn er auf der Suche nach einer neuen Idee war. Der Arbeitsprozess war für ihn zwar jedes Mal aufregend, aber auch anstrengend und nervenaufreibend. Nicht selten verschloss er sich wochenlang sämtlicher sozialer Kontakte, ausgenommen derer, die für seine Arbeit unverzichtbar waren. Diese Pausen waren es, so schien es ihm, für die sich das Künstlerdasein überhaupt lohnte. Er steuerte ein Cafe an. Die Art von Cafe, in dem junge Menschen allein sein konnten mit ihren Handys und Laptops. Wo sie sich selbst glauben machen konnten, besonders außergewöhnlich, kreativ oder neuartig zu sein. Er war sich der Ironie durchaus bewusst, dass dieses hippe Klischee von einem Cafe in Berlin sein Lieblingsort zum Auftanken war. Er selbst erkannte sich in diesen beinahe peinlich verzweifelten Versuchen sich abzuheben oft wieder, wobei er sich in einem wesentlichen Punkt von den anderen hier unterschied: Er war tatsächlich ein Künstler. Jemand, der damit seinen Lebensunterhalt verdiente, wenn auch durch das großzügige Startkapital seiner Eltern unterstützt. Ja, er war durchaus stolz auf sich und verdiente diese Pause nach den beiden letzten Wochen. Er setzte sich an seinen üblichen Platz am Fenster, von dem aus man die ganze Straße überblicken konnte. Es war sonnig, aber immer noch sehr kalt – ein typischer Februartag. Er bestellte sich, wie üblich, einen schwarzen Kaffee. Der Akku seines Handys war schon schwach gewesen, als er zu Hause losgegangen war, also steckte er es an sein Ladekabel an, und vergewisserte sich mit einem Blick auf das Display, dass es auch wirklich lud. In dem Augenblick hörte er auch schon seinen Namen von einer freundlichen Kellnerin hinter der Theke ausrufen. „Der schwarze Kaffee für Markus?“, fragte sie laut in den Raum. Er erhob sich und trottete zur Theke. Nachdem er einen kräftigen Schluck getrunken hatte, entsperrte er sein Telefon, um seine Nachrichten zu lesen, die vor wenigen Sekunden noch vor seinen Augen aufgeleuchtet hatten. Doch der Bildschirm zeigte keine neuen Mitteilungen an. Er zeigte überhaupt gar nichts an. Stirnrunzelnd entsperrte er das Telefon. Das kann doch gar nicht sein… Das, ihm sonst so bekannte Gerät kam ihm in seiner Hand ganz fremd vor. Sein Hintergrundbild, Seerosenteich von Monet, und all seine Apps waren verschwunden. Nur das Fotogalleriesymbol prangte in der Mitte des Displays. Instinktiv klickte er darauf, doch es enthielt nur eine einzige Datei. Ein Foto. Ihm wurde ganz heiß und trotz der Februarkälte, die noch in seinen Knochen saß, begannen seine Hände zu schwitzen. Was zur Hölle? Das körnige Foto zeigte ein Neugeborenes auf einer Säuglingsstation. Es lag in einem kleinen Bettchen, an dessen Fußende ein Schild befestigt war: „22.11.1990; Markus Schobert“. Er zoomte näher heran. Warum zeigt dieses Foto mich unmittelbar nach meiner Geburt? Er erstarrte. Ein Taubheitsgefühl breitete sich in seinen Fingern aus. Dieses Baby, dass da in dem Bettchen lag und friedlich schlief – in dem Bettchen, das mit seinem Namen und seinem Geburtsdatum beschriftet war, hatte ein großes, dunkles Muttermal am Hals – ein Muttermal, dass er bei sich noch nie im Leben gesehen hatte.

Identität bezeichnet die Echtheit einer Person oder Sache.

Sie ist ein unverzichtbarer Aspekt der menschlichen Entwicklung in der Abgrenzung zu anderen Menschen.

Lachend ging Markus die Straße hinunter zu seinem Mercedes – ein Geschenk seiner Eltern zum abgeschlossenen Kunststudium. „Die müssen mich doch alle für verrückt halten“, sinnierte er. Noch vor wenigen Minuten hatte er sämtliche Leute im Cafe des Diebstahls bezichtigt. Das Handy in seiner Hand sei ausgetauscht worden. Nachdem er der verwirrten Kellnerin sein Anschrift hinterlassen hatte, um ihm das Handy bei Fund zuzuschicken, hatte er beschlossen zu seinen Eltern zu fahren. Wenn jemand die Antwort auf die Frage kannte, wer diese ominöse Baby auf dem Foto war, dann ja wohl sie. Auch, wenn er innerlich einfach auf einen üblen Scherz hoffte.

Es war 11 Uhr am Vormittag und der Verkehr hielt sich in Grenzen. Markus Eltern wohnten etwa zehn Kilometer außerhalb von Berlin, in einem Haus, das Außenstehende eher als Residenz bezeichnet hätten. Auf der Autofahrt dachte er über das Gespräch nach, was er gleich mit seinen Eltern führen würde. Ich habe einen Stalker, der mir ein Handy untergejubelt hat, auf dem ein Foto von einem vermeintlich fremden Baby gespeichert ist, das meinen Namen trägt. Wisst ihr vielleicht etwas darüber? Das ganze schien im so absurd, dass er schon wieder umkehren wollte, doch er war mittlerweile so gut wie da. Langsam fuhr Markus den Schotterweg zum Eingang hinauf. Die Autos seiner Eltern waren nicht in Sicht, aber die hatten sie vermutlich bei der Kälte in der tiefergelegten Garage unterstellen lassen. Er beschloss zu klingeln. Heute war Mittwoch – das heißt die Haushälterin hatte frei und er könnte seine Eltern allein antreffen. Sein Vater, Hirnchirurg in der Berliner Charité , praktizierte schon seit 2 Jahren nicht mehr. Er klingelte erneut. Niemand öffnete. 674521005. Den Türcode konnte er quasi im Schlaf. In seiner Jugendzeit hatte er sich auch sehr oft noch spät in der Nacht nach Hause geschlichen. An den geräumigen Eingangsbereich grenzte eine selten benutze Küche. „Hallo?“ Niemand antwortete. Das kribblige Gefühl in seinen Fingerspitzen kehrte zurück. Etwas war anders. Sein Blick fiel auf den Kühlschrank. Er trat näher und betrachtete die bunte Kinderzeichnung, die mit einem edlen Magneten an der Tür gehalten wurde. Sein Kopf wurde ganz heiß. Markus spürte das Blut in seine Wangen schießen und ein taubes Gefühl breitete sich in seinen Beinen aus. Was soll das Ganze? Das Bild zeigte ein Kind mit einer blonden großen Frau, vermutlich der Mutter vor einem bunten Wohnwagen stehend. Benommen nahm er es vom Kühlschrank und drehte es in seinen klammen Fingern. „Für Mama. Von Markus“, stand in großen, ungeschickten Lettern auf der Rückseite. „Wer bist du?“, Markus bemerkte gar nicht, dass er seine Frage laut ausgesprochen hatte. Er hatte dieses Bild noch nie im Leben gesehen, geschweige denn selbst gemalt. Seine Verwirrung schlug in Angst um, denn plötzlich vibrierte das fremde, fast vergessene Handy in seiner Hosentasche.

Wer verschickt denn heutzutage noch MMS?, war Markus erster, unwillkürlicher, und unsinniger Gedanke, als er das Telefon entsperrt und die Nachricht gesehen hatte. Unterdrückte Nummer. Wieder eine einzige Fotodatei. Mit zitternden Fingern vergrößerte er das Foto. Das kann doch unmöglich… Markus erschauerte. Das Foto zeigte einen Raum. Einen Raum, den Markus nur allzu gut kannte – das Arbeitszimmer seines Vaters, eine Etage über ihm. Der Stalker war hier im Haus gewesen! Er hat die Zeichnung platziert und das Arbeitszimmer meines Vaters fotografiert. Aber warum? Er lief eine Runde um die große Hochglanzkücheninsel, an der er seine Mutter noch nie hatte kochen sehen und sah schließlich nochmal auf das Foto hinab. Was willst du mir sa – Er hielt in der Bewegung inne. Sein Herz schlug so stark in seiner Brust, dass er Angst hatte es würde herausbrechen. Mit schweißnassen Fingern zoomte er ungeschickt ins Bild, bis er seine Vermutung bestätigt sah: Neben dem Fenster im Arbeitszimmer, hing schon seit Markus denken konnte eine Digitaluhr, die neben der Zeit, auch Datum und Außentemperatur anzeigte. Und diese Uhr zeigte auf dem Foto deutlich lesbar den 12.02.2020, 12:27 an. Das Foto war vor genau einer Minute aufgenommen worden. Der Absender musste noch im Haus sein.

In dem Moment, in dem Markus erkannte, dass er in die Falle gegangen war, polterte es über seinem Kopf. Ohne nachzudenken, rannte er die Treppe empor – nahm immer 2 Stufen auf einmal. Verdammt, ich muss echt anfangen mehr Sport zu machen. Eine Sekunde später stand er auch schon schwer atmend in der Tür zum Arbeitszimmer und – leer. Keine Menschenseele war da. Nur er selbst und ein weit geöffnetes Fenster.

„Scheiße!“. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte seine Befürchtung. Ein Einbrecher musste gesprungen und geflohen sein. Ungefähr drei Meter ging es vom Fenster aus in die Tiefe. Nicht gerade wenig, aber überwindbar. Für einen trainierten Menschen sogar ohne Verletzungen. Erschöpft ließ sich Markus in den großen Sessel am Arbeitstisch seines Vaters sinken. Der Raum hatte etwa 16 Quadratmeter und war an beiden Längsseiten mit großen, dunklen Bücherregalen aus Eiche ausgestattet. Die Regale standen voll mit edlen Büchern unterschiedlichster Themen. Viele beschäftigten sich mit der menschlichen Anatomie, vor Allem aber dem Gehirn und der Psyche. Einige Bücher behandelten auch historische Themen, Kunst oder ganz schlicht die fachgerechte Bestimmung von Waldpilzen. Markus musste unwillkürlich schmunzeln. Sein Vater war schon immer ein sehr vielseitig interessierter Mann gewesen. Und doch hatte er niemals einen einzigen Pilz im Wald gesammelt. Er selbst hingegen war immer gerne draußen im Wald gewesen. Hatte Mooshäuser gebaut, Feuerholz gesammelt, für einen Kamin, der Zeit seines Lebens nie in Benutzung war, war auf kleine Hügel geklettert und hatte Höhlen erforscht. Die Nähe seines Elternhauses zum Wald war für ihn einfach perfekt – auch wenn er sich heute manchmal fragte, warum seine Eltern sich für diese Lage entschieden hatten, wenn sie doch so gar kein Interesse an der Natur zeigten. Wie er so sinnierte, fiel sein Blick auf ein großes Fotoalbum. Es lag aufgeschlagen vor ihm auf dem Tisch. Die gelben Seiten müssen wohl mal weiß gewesen sein und die vergilbten Fotos hingen mit Sicherheit, vor vielen Jahrzehnten einmal gerahmt über einem Kamin. In einer Zeit, in der ein Kamin noch befeuert wurde. Die Seite, die aufgeschlagen war, zeigte ein Foto von Markus´ Ur-Ur-Großvater in Uniform. Neben ihm, in einem Sessel, der unschwer als der Sessel identifizierbar war, in dem Markus gerade saß, eine schöne junge Frau mit einem fürchterlich schwer und unbequem anmutenden Kleid. Das musste seine Ur-Ur-Großmutter sein. Warum schaut sich mein Vater die alten Bilder überhaupt noch an? „Das kann doch nicht wahr sein!“ Markus stand so energisch auf, dass der Sessel nach hinten umfiel. Doch es gab keinen Zweifel. Er hatte sich nicht vertan. Unter dem Kragen der Uniform schaute etwas hervor. Das Muttermal, das auch das Baby auf dem Foto zierte. Das Muttermal, das Markus fehlte!

In seinem Kopf drehte sich alles. Was hatte das alles zu bedeuten? Wer war dieses fremde Kind – das Baby auf dem Foto. Hatte dasselbe Kind diese Zeichnung angefertigt? Und wieso trug es das Muttermal, er aber nicht?

In diesem Augenblick heulte unten in der Einfahrt der Motor seines Wagens auf. „Oh nein bitte nicht…“ Markus rannte so schnell er konnte die Treppe hinunter. Vorbei an der Küche, auf deren Arbeitsplatte vorhin noch sein Autoschlüssel gelegen hatte. Draußen angekommen, erinnerte nur noch ein weit entferntes, immer leiser werdendes Brummen an den schwarzen Mercedes. „Scheiße!“ Markus war müde. Antriebslos ließ er sich auf den eiskalten Schotter der Einfahrt sinken und atmetet langsam tief durch. Die kalte Februarluft strömte schmerzend in seine Lungen und sein Magen erinnerte ihn daran, dass er lange nichts mehr gegessen hatte. Sollen sich doch die Profis um dieses Irren kümmern. Es reichte ihm. Das gestohlene Handy hätte ihm eigentlich schon genug sein sollen. Spätestens aber, als er bemerkt hatte, dass sich jemand im Haus aufhielt, hätte er die Polizei anrufen sollen. Die hätten seinen Verfolger womöglich noch vor Ort gestellt und der Spuk hätte ein Ende gehabt. „Und jetzt ist auch noch dein Auto weg du dämlicher Idiot.“ brummte er zu sich selbst. Bestimmt zog er das Handy aus seiner Hosentasche, um die 110 anzurufen, als etwas geschah, womit er, an dieser Stelle, eigentlich nicht mehr gerechnet hatte. Eine SMS ging ein. Sie enthielt nur 2 Worte: „Dein Heim“ und eine Adresse. Markus schüttelte hysterisch mit dem Kopf. „Du glaubst doch nicht, dass ich deine kindische Schnitzeljagd weiter mitspiele!“ Doch irgendetwas ließ ihn innehalten. Das ergab doch alles keinen Sinn. Das Foto. Die Zeichnung am Kühlschrank. Das Muttermal. Der Diebstahl. Er wurde auf irgendetwas gestoßen, aber worauf?

Gerade, als er erneut die Polizei rufen wollte, ging eine neue Mitteilung ein. Wieder eine MMS diesmal. Wieder dieses klamme Gefühl in den Fingern, und die Enge in der Brust, als er auf die Datei klickte. „Oh nein.“ Diesmal war es keine Verwirrung, die Markus packte. Es war die pure Angst. Angst um die schöne, junge Frau auf dem Foto. Lächelnd. Nackt. In eindeutiger Pose. Das war Jessica – Sein Aktmodell.

Markus und Jessica hatten sich vor etwa einem Monat kennengelernt, nachdem er ein Inserat aufgegeben hatte, in denen er nach weiblichen Aktmodells suchte. Schon oft hatte er in der Vergangenheit mit Studentinnen oder jungen Frauen zusammengearbeitet, die sich für eine kleine Provision von ihm malen oder studieren ließen. Das war nichts Anstößiges, sondern diente lediglich seinem ästhetischen und bildnerischen Studium. Auch, wenn er mit Jessica vor 2 Wochen zu weit gegangen, und in einer Nacht mit ihr im Bett gelandet war. Beide waren sich einig gewesen, diesem Ausrutscher keine allzu große Bedeutung zuzuschreiben, um ihr Arbeitsverhältnis nicht zu gefährden. Was hatte der nur mit Jessica zu schaffen? „Wollt ihr mir etwa drohen?“ Als wolle das Handy seine Frage beantworten, ging eine weitere Nachricht ein: Wieder eine MMS, und diesmal wusste Markus gleich, was der Verfolger wollte. Ja, er wollte Markus drohen, nicht aber mit Jessicas Leben, sondern mit einer Information. Einer Information, die Markus bis vor wenigen Sekunden nicht einmal selbst hatte. Das Foto zeigte Jessicas Ausweis:

Name: Korn

Vorname: Jessica

Geboren: 09.12.2003, Berlin

Jessica war erst 16!

„Das wusste ich doch nicht!“, wimmerte er in das Handy in seiner Hand, als würde das irgendetwas ändern. Der Fremde hatte ihn in der Hand. Wenn herauskam, das Markus- ein mittlerweile anerkanntes Mitglied der Kunstgemeinschaft, mit seinen minderjährigen Aktmodells schlief, dann konnte ihn das nicht nur ganz schnell seine Karriere kosten, sondern womöglich auch seine Freiheit. „Verdammt, verdammt, verdammt.“ Die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen marschierte Markus in der Einfahrt im Kreis. Dein Heim. Er hatte die SMS mit der Adresse schon wieder fast vergessen vor Aufregung. Womöglich fand er dort die Antworten auf seine Fragen. Oder einen gewaltbereiten Irren, der scheinbar mehr über sein Leben wusste als er selbst. Jedoch blieb im Nichts anderes übrig, als sich auf das Risiko einzulassen, wenn das mit Jessica geheim bleiben sollte.

Eine halbe Stunde später saß er im Taxi. Der alte Taxifahrer roch nach Kaffee und billigen Zigaretten. Seine Haut war grau und seine Stimme so tief und bellend, das Markus jedes Mal vor Schreck zusammenzuckte, wenn er etwas sagte. „Interessante Gegend“, spuckte er. Und er hatte gar nicht unrecht. Die Adresse, die sie anfuhren, lag in einer dieser Gegenden, in denen man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr unbewaffnet auf die Straße ging. Markus stieg aus und das Taxi brauste davon. „Jetzt gibt’s kein zurück mehr.“, flüsterte er sich selbst zu. Ein massiger kleiner Glatzkopf, Anfang 20 stapfte schnell und energisch an ihm vorbei. Seinen Kampfhundemischling an der Leine zog er mehr hinter sich her als dass er ihn Gassi führte. Ihre Blicke trafen sich und dümmlich ginsend spuckte er neben Markus Füße auf den Boden. Einfach ignorieren. Er hatte sich selten so fehl am Platz gefühlt, wie hier und jetzt. Warum, um alles in der Welt soll das hier Mein Heim sein? Unentschlossen durchschritt er die Lücke im Zaun, an der vor langer Zeit womöglich einmal ein Gartentor angebracht gewesen war und ging den schmalen Pfad zu dem großen, leerstehenden Einfamilienhaus hinüber. Die Hecken und Bäume ringsherum hatten die Fassade beinahe vollständig überwuchert. Der Rest, der noch zu sehen war, sah baufällig und schmutzig aus. Der Briefkasten war schwarz und verrußt, und hing nur noch mit einer Ecke an der Wand – vermutlich Opfer von gelangweilten Kindern aus der Gegend. Das Klingelschild fehlte. Die Tür zum Haus war nur angelehnt, jedoch hätte die wackelige, morsche Holztür wohl auch abgeschlossen niemanden aufgehalten. Drinnen war es dunkel. Die mit Brettern zugenagelten Fenster ließen nur mäßig streifiges Licht hinein, das den Staub im Haus sichtbar machte. Der, mit fleckiger Auslegeware ausgestattete Boden knarrte mit jedem Schritt. Nach links ging es in eine Küche und rechts musste das ehemalige Wohnzimmer sein. Geradeaus ragte eine steile Treppe empor ins erste Obergeschoss. Markus erschauderte. Die Treppe war an der untersten Stufe mit einem Babygitter gesichert. Hier lebten einst Kinder, kein Zweifel. So viele Dinge schossen ihm durch den Kopf. Das unbekannte Baby im Babybettchen. Sein Vater, wie er lesend hinter seinem Schreibtisch saß und Kaffee trank. Seine Erkundungstouren im Wald. Der explodierte Briefkasten. Das Babygitter. Diese Welt, in die er gerade eintauchte konnte ihm fremder nicht sein, und er hatte bei Gott keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte.

Trotz seiner schwachen Beine, seinem hämmernden Herz in der Brust und seinem gähnend leeren, protestierenden Magen stieg er die Treppe hinauf. Ein Flur erstreckte sich in zwei Richtungen und insgesamt sechs Zimmer gingen ab. Die Zimmer mussten relativ klein sein, denn sehr groß war die Grundfläche des Hauses nicht. Mit klopfendem Herzen und schweißnassen Händen öffnete Markus die erste Tür, rechts von der Treppe. Ein Doppelbett mit fleckiger Bettwäsche und ein brauner, kleiner Kleiderschrank. Eine Gardine hing am letzten Faden am Fenster. Hier oben waren die Fenster nicht mehr mit Brettern gesichert. Vermutlich dachten sich die Besitzer, dass die Bretter in der unteren Etage als Schutz gegen Einbrecher ausreichten. Falsch gedacht. Das Zimmer gegenüber war noch eine Nummer kleiner, als das Schlafzimmer. Es war ausgestattet mit einem unsicher aussehenden Etagenbett. Die Matratzen fehlten – wurden wohl beim Auszug mitgenommen. Sonst war der Raum leer. Das Zimmer neben beim „Elternschlafzimmer“, wie Markus es nunmehr innerlich getauft hatte, musste das Badezimmer sein – oder das was davon übrig war. Mehr als eine halb aus der Wand gerissene Toilette und ein zerbrochener Spiegel erinnerten nicht mehr daran. In der gelb gefliesten Badewanne stand bis zum Rand braune Flüssigkeit. Markus wollte gar nicht wissen, was das war und kehrte dem Raum, lange ausatmend, den Rücken zu. Die zwei übrigen, einander gegenüberliegenden Zimmer im linken Teil des Flurs identifizierte Markus ebenfalls als Kinderzimmer. Eines war für einen Jugendlichen, das andere für ein Baby und ein Kleinkind eingerichtet, erschloss sich Markus aus der Größe der Betten und den bunten Tapeten. Zusammen mit dem Etagenbett zählte er nun schon 5 Kinder. Das war schon eigenartig. Vor allem, weil in diesen Gegenden und explizit in diesem Haushalt das Geld an allen Ecken und Enden zu fehlen schien. Das hinterste Zimmer des rechten Teils hatte er sich bis zum Schluss aufgehoben. Es war das, gegenüber des Badezimmers, von dem Markus vorhin erst einmal ein paar Meter Abstand nehmen musste. Nun aber betrat er es doch. Das letzte Zimmer dieses unheimlichen Hauses, in das ihn ein verrückter Erpresser gelockt hatte, nachdem er ihm beunruhigende Hinweise gegeben, sein Auto geklaut und seine Affäre als Druckmittel gegen ihn benutzt hatte. Der winzige rosa gestrichene Raum war links von der Tür mit einem ca. 1,80 m kleinen Einzelbett aus fleckigem Holz ausgestattet. Daneben, an der gegenüberliegenden Wand ein Schreibtisch und ein oranger, zerrupfter Sessel. Markus Anspannung hatte seinen Klimax erreicht. Er schwitzte trotz der zugigen Kälte des Flures am Rücken. Sein hellbraunes Haar lag schweißnass an seiner aschfahlen Stirn an, und sein Herz hämmerte so laut und schmerzhaft gegen seine Brust, dass er das so bekannte Motorgeräusch seines Mercedes unten in der Einfahrt des Hauses gar nicht mitbekam, auch nicht, wie es abgestellt wurde und erst recht nicht, wie sich jemand von hinten näherte. Er konnte nicht einmal mehr vor Schreck schreien, als jemand ihm einen spitzen Gegenstand in den Arm rammte und er in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.

Identität bezeichnet die Echtheit einer Person oder Sache.

Sie ist ein unverzichtbarer Aspekt der menschlichen Entwicklung in der Abgrenzung zu anderen Menschen.

Als Markus erwachte, konnte er sich zunächst nicht erinnern, wo er war. Orientierungslos beäugte er die rosafarbenen Wände und den zerschlissenen Sessel an der Wand gegenüber. Um den Schreibtisch und das Fenster zu sehen, musste er seinen Hals unangenehm überstrecken und drehen, was ihm einen hellen Stich durch den Augapfel trieb. Mit einem leisen Wimmern drehte er seinen Kopf wieder in seine Ausgangslage zurück. Er lag auf dem Rücken, beide Arme waren mit Gurten an dem Bettgestell des niedrigen, hölzernen Bettes fixiert und sein Gesicht war zur Tür gerichtet. Die Wand daneben war mit einem weißen Laken verhüllt. Mittlerweile war Markus Erinnerung langsam zurückgekehrt und er betrachtete die vermeintliche Einstichstelle an seinem Arm, die mit einem dicken Wattebausch bedeckt war. Ich bin definitiv betäubt worden. Erst jetzt bemerkte er, dass er andere Kleidung trug. Seine zugegebenermaßen völlig überteuerte Chinohose und sein dunkelblaues Hemd, waren einer grauen Jogginghose und einem weißen T-Shirt gewichen. Sein Mantel hing über der Lehne des Sessels. Der Gedanke, dass ein Fremder ihn aus- und angezogen hatte, wie ein wehrloses Kleinkind trieb im kalte Schweißperlen auf die Stirn. In dem Moment hörte er im Flur etwas klirren. Sein Herzschlag verdoppelte sich und sein schmerzender Arm verkrampfte sich in den Fesseln. Nur wenige Augenblicke später stand er in der Tür- der Mann, der Markus gestalkt, verfolgt, bestohlen und erpresst hatte, und der nun auch vor Entführung nicht zurückgeschreckt war: Markus.

Der Schock über den Anblick seines Peinigers hatte Markus so getroffen, dass er nun schon seit einiger Zeit die Augen fest verschlossen hielt. Das gibt es nicht. Das ist nicht real. „Das gibt es einfach nicht!“ „Nein, das gibt es tatsächlich nicht. Jedenfalls nicht so, wie du gerade denkst.“ Markus erstarrte. Er hatte gar nicht bemerkt, wie er seinen letzten Gedanken laut ausgesprochen hatte. Schockierender war jedoch für ihn, mit welch freundlicher Stimme ihm sein Abbild antwortete. Langsam getraute er sich seine Augen zu öffnen, und das Zimmer und der Mann im Sessel wurden schärfer. Der Fremde hatte recht. Das gab es tatsächlich nicht. Auch, wenn die Ähnlichkeit nicht abzustreiten war, waren sie zwei verschiedene Personen. Was die Illusion vorhin so perfekt gemacht hatte, war die Chinohose und das dunkelblaue Hemd, dass er Markus abgenommen und sich selbst angezogen hatte. „Wer sind Sie?“ War die Höflichkeitsform in so einer Situation überhaupt angebracht? „Ich bin du.“, antwortete der Fremde lächelnd. Sein Gesicht war deutlich hagerer, als das von Markus und seine Zähne vorn gelb und leicht schief. Nicht übermäßig, aber so, dass er als Kind eine Zahnspange hätte tragen sollen. „Obwohl ich finde, dass das zu spirituell klingt.“, ergänzte er und lachte hell und übermütig über seinen eigenen Kommentar. „Nein. Sagen wir einfach, ich hätte du sein müssen.“ Markus war mit dieser Antwort restlos überfordert und schüttelte nur matt den Kopf. „Was wollen Sie denn von mir?“ Der Fremde schien ernsthaft darüber nachzudenken, wie er die Antwort auf diese Frage so unmissverständlich, wie möglich formulieren konnte. Das Ergebnis verwirrte Markus nur noch mehr. „Ich möchte, dass du begreifst, wer du in Wirklichkeit bist.“ Dieser Typ war geistesgestört. Keine Frage. „Wo sind meine Eltern?“ „Du meinst das reizende Paar, in dessen Haus ich heute mit dir Verstecken gespielt habe? Auf den Malediven.“ Oh mein Gott, er hatte recht. Das hatte Markus bei all der Aufregung völlig vergessen. „Und woher wussten Sie dann, das ich versuchen würde sie aufzusuchen?“ Mit einem Schnaufen erhob sich der Fremde aus dem Sessel, ging hinüber zum Schreibtisch, nahm eine Wasserflasche und setzte sie Markus an den Mund. Dieser hatte gar nicht bemerkt, wie trocken seine Kehle war und trank gierig. Währenddessen sprach der Fremde weiter: „Das konnte ich nicht mit Sicherheit wissen. Aber ich hatte einfach angenommen, dass du zu der Sorte Egozentriker gehörst, die solche Details vergessen würden.“ Plötzlich hielt Markus beim Trinken inne. Vor Schreck verschluckte er sich und das Wasser lief links und rechts seine Wangen hinab. Ein ausgedehnter Hustenanfall folgte und der Fremde richtete sich wieder auf und trat zurück zum Schreibtisch. Doch kein Zweifel. Markus hatte es ganz genau gesehen, als er über ihn gebeugt war. Das Muttermal am Hals! Er musste das Baby auf dem Foto sein!

„Sie sind das, oder? Auf dem Foto, in der Säuglingsstation. Das Baby. Das sind Sie!“ Markus war völlig außer Atem. Er konnte seinen Entführer aus diesem Winkel nicht sehen, deswegen huschten seine Augen einfach an der Decke entlang, auf der Suche nach einem Punkt, den sie fixieren konnten. „Aber warum lagen Sie auf dem Foto an meiner Stelle? Wer…?“ Forsch wurde er unterbrochen: „Das ist nicht die Frage! Ich lag nicht an deiner Stelle, sondern an meiner! Ich war genau da, wo ich sein sollte Markus, verstehst du mich?!“ Er hatte sich wieder Markus zugewandt und sein Gesicht war dem des Entführers so nahe, dass er beobachten konnte, wie seine Halsschlagader vor Wut anschwoll. „Du denkst, ich sei hier der Böse, oder? Der Verrückte, der deinen privilegierten Arsch bedroht und entführt hat, aber du irrst dich.“ Er stampfte in dem kleinen Zimmer auf und ab, kopfschüttelnd, nach Worten suchend. Schließlich blieb er am Fußende des Bettes stehen, hob die Hand und riss das weiße Laken von der Wand. Was Markus nun sah ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. „Schau bloß nicht weg Markus. Sieh hin. Sieh, welches Schicksal das Universum für dich bereithielt!“ Für mich? Markus verstand nicht. An der Wand hingen Fotos. Die meisten zeigten eine sehr junge, blonde Frau mit ausgehungertem Körper auf dem Boden eines Wohnwagens liegen. Die Frau auf der Kinderzeichnung. Ihre Arme schienen Markus so dünn, dass sie nicht einmal Uhren hätte tragen können. Das Unerträglichste an diesen Bildern waren allerdings nicht die schwarzen Punkte in ihren Armbeugen und an ihren Knöcheln. Heroin. Es waren ihre weit aufgerissenen, blassen Augen, die einen direkt anblickten. Diese Frau war zweifellos tot. Markus Hirn arbeitete auf Hochtouren, doch er verstand nicht was hier vorging. Die anderen Bilder zeigten einen kleinen Jungen. Dünn, zerbrechlich, traurig, mit einem dunklen Muttermal am Hals. „Das sind auch Sie.“, sagte Markus leise, mehr zu sich selbst. „Nun, ob ich das bin, liegt wohl ganz im Auge des Betrachters, aber wenn du fragst, ob das Bild meinen Körper abbildet, dann hast du wohl recht, schätze ich.“ Seine Worte klangen fast etwas nostalgisch. Als würde er sich an etwas erinnern. „Nach dem Tod seiner heroinabhängigen Schlampenmutter kam Klein-Markus in eine Pflegefamilie.“ begann er plötzlich seinen Monolog. „Und jetzt rate mal, wo diese Familie gewohnt hat.“ Er wartete keine Antwort ab, sondern drehte sich einmal triumphierend um die eigene Achse, die Arme ausgestreckt. „GENAU! Hier an diesem wundervollen Ort.“ „Warum erzählen Sie mir das Alles?“ Markus hatte beschlossen, das ´Sie´ zunächst nicht abzulegen. Es wahrte eine Distanz zwischen ihm und dem Entführer, die er nicht verlieren wollte. „Nun, du musst doch auf den neuesten Stand der Dinge gebracht werden, Markus. Du hast schließlich so viel verpasst von deinem Leben als du bei deinen lieben Eltern in der großen Villa Geburtstagstorte gefressen hast!“ Die Wut war zurück. „Ich hab kein einziges mal in meinem Leben eine beschissene Geburtstagstorte gefressen!“ Markus versuchte so ruhig und diplomatisch, wie möglich zu klingen: „Hören Sie, es tut mir wirklich ausgesprochen leid, dass Ihnen so etwas Fürchterliches widerfahren ist. Aber ich, …“ „Es hätte mir aber nie wiederfahren sollen!“ Hysterisch schlug er mit der flachen Hand gegen die Wand mit den Fotos, atmete tief ein und drehte sich zu Markus um. „Das hier ist dein Zimmer Markus, nicht meins. Das ist deine Mutter.“ Er deutete auf die tote Frau auf den Bildern. „Dass du der Mensch bist, der du bist, hat rein gar nichts mit dir zutun, sondern mit einem beschissenen Irtum! Ich bin nämlich du! Ich bin Markus Schobert! Und du bist ein beschissenes Kuckuckskind. Weißt du, was Kuckuckskinder sind Markus?“ Er grinste breit, als freue er sich darauf sein Wissen mit Markus zu teilen. Markus nickte langsam. „Gut. Dann müsstest du ja jetzt verstehen.“

Markus Schobert trägt ein Muttermal, genau so wie sein Ur-Ur-Großvater. Er wurde in eine privilegierte Ärztefamilie geboren und war ein angesehener junger Stern am Künstlerhimmel Berlins. Der Mann der vor ihm stand trägt dieses Muttermal. Er ist am 22.11.1990, um 17:52 Uhr geboren. Das ist Markus Schobert.

Es traf Markus, wie einen Blitzschlag: „Wer bin ich?“ „Endlich fängst du an die richtigen Fragen zu stellen.“ Vor Freude in die Hände klatschend, trat er einen Schritt zurück und zog einen gefalteten Brief aus der Tasche des Mantels, der auf der Lehne des zerfetzten Sessels, wie ein unpassendes Requisit wirkte. „Die alte Schnapsdrossel hat es erwischt, bevor sie auch dir Bescheid sagen konnte, dass dein ganzes Dasein eine Lüge ist.“ Er trat an das Bett heran, und zu Markus Überraschung löste er den linken Gurt und gab ihm den Brief in die nun freie Hand. „Ließ!“

Herr Kaut. Markus. Sie werden mich nicht kennen. Wie auch? Mein Name ist Gabriele Richter und ich habe mein Leben lang auf der Säuglingsstation in der Charité gearbeitet. Ein harter Job müssen Sie wissen. Manchmal härter als mein Herz aushalten konnte, aber trotzdem hätte ich nie etwas anderes gemacht. Ich habe beschlossen Sie zu kontaktieren, um mich bei Ihnen zu entschuldigen. Wissen Sie, ich war damals schon über 20 Jahre auf der Station beschäftigt. Ich hatte tausenden Babys auf die Welt geholfen, sie in den ersten Minuten, aber auch letzten Minuten ihres Lebens begleitet. Sie kamen am 22.11.1990 auf diese Welt, ich weiß es noch genau. Ich war dabei. Keine leichte Geburt. In dem Kreißsaal neben dem ihrer Mutter kam zur selben Zeit auch ein Junge auf die Welt, müssen Sie wissen. Ihm wurde der Name Markus gegeben, genau wie Ihnen. Manchmal spielt einem der Zufall doch verrückte Streiche, nicht wahr? Ich versorgte Sie nach der Geburt. Sie alle beide, während die Mütter sich ausruhten von den Strapazen der Geburt. Nun Herr Kaut. Markus. Ich trank damals. Ich hatte so viele Dinge gesehen, so viele Jahre lang, jeden Tag. Sterbende Mütter, sterbende Babys, Krankheiten, Hass, Wut, missglückte Schwangerschaftsabbrüche, unfachgerecht ausgeführte Anästhesien bei Kaiserschnitten…. Keine Entschuldigung, aber es ist mir wichtig, dass sie versuchen mich zu verstehen. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit auf dieser Erde. Ärzte sprechen von Tagen, aber man weiß ja nie, oder? Vielleicht ist meine Krankheit Gottes Stafe für meine Trinkerei (Schon komisch, wie Menschen im Angesicht des Todes auf einmal zu Gott finden). Ich muss nur noch mit dieser Lüge aufräumen bevor ich abtrete, verstehen Sie? Nun, es ist im Grunde simpel. Ich habe Ihrer leiblichen Mutter den falschen Markus ausgehändigt. Schon witzig, nicht wahr? Zwei Kinder. Ein Name. Eine betrunkene Krankenschwester und das Chaos war perfekt. Beide Mütter hatten Ihre Kinder nach der Geburt nur wenige Sekunden gehalten, und ich habe selten so ähnlich aussehende Babys gesehen… Bis auf Ihr Muttermal, aber das hatten ihre leiblichen Eltern nach der Geburt nicht gesehen. Das junge Paar hatte die Station bereits verlassen – der Mann arbeitete auch in der Charité, ich kannte ihn vom Sehen- als ich meinen Fehler bemerkte, und als dann die echte Mutter des Babys auftauchte, gab ich Ihr, ohne nachzudenken, Sie. Ich bereute meine Tat unmittelbar am nächsten Tag, als ich wieder klar denken konnte, doch ich wusste, dass ich meinen Job verlieren würde, wenn ich mit der Wahrheit herausrücke. Also habe ich geschwiegen. Bis heute. Es tut mir sehr leid.

PS: Machen Sie mit den Überwachungsaufnahmen, was sie wollen. Ich habe Sie damals gestohlen, um mich zu schützen, doch das werde ich jetzt nicht mehr müssen.

Leben Sie wohl

Vertauscht. Ich wurde bei der Geburt ganz einfach nur vertauscht. Und die tote Frau auf den Fotos ist meine leibliche Mutter. Das Bett, in dem ich liege, hätte meines sein sollen.

Markus Gedanken rasten. Er laß den Brief noch ein zweites Mal. Ein drittes Mal. Doch die Erkenntnis blieb die Gleiche: Er hatte das Leben eines Anderen geführt. Und dieser Andere war nun auf Rache aus. „Wie lange weißt du es schon?“ Höfliche Distanz ergab ab diesem Moment für Markus keinen Sinn mehr. „Seit Dezember 2018. Kurz vor Weihnachten kam der Brief. Ich hatte genug Zeit, um herauszufinden, was du mir alles genommen hast. Was mir wegen dir verwehrt geblieben war. Ich hab dich beobachtet. Hab herausgefunden, wo du wohnst, wen du fickst, wo du deinen verdammten Kaffee trinkst…“ Markus ließ den Brief sinken, den er die ganze Zeit noch fassungslos vor sein Gesicht gehalten hatte, als würden sich die Worte und deren Bedeutung dadurch verändern. Diesen Brief, der so viel Macht hatte, und doch auf so normalem Papier geschrieben war. In der nächsten Sekunde blickte Markus in den Lauf einer Pistole.

„Ich bin Markus Schobert und du hast dich in mein Leben gedrängt und mir meine Identität gestohlen.“ Die Waffe lag ruhig in seiner Hand und seine Augen ließen keinen Zweifel zu, an dem was er vorhatte. Dieser Hass, die Trauer, um die verlorene Kindheit, die eigentlich ihm allein zugestanden hätte. „Du hast mein Leben lange genug gelebt.“

Ein letzter Gedanke, bevor ein heller Knall die Luft zerriss. Wer bin ich?

Identität bezeichnet die Echtheit einer Person oder Sache.

Sie ist ein unverzichtbarer Aspekt der menschlichen Entwicklung in der Abgrenzung zu anderen Menschen.

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