A.V. HardingLaura

8+

»Laura? Ein Latte Macchiato für Laura …«
Na endlich. Wieso heißt es Coffee to go, wenn ich mich zum Warten trotzdem zwischen all die Leute und die ach so wohlriechenden Schwaden von Kaffeearoma setzen muss? Das bisschen Milchaufschäumen kann doch nicht so lange dauern! Aber solche Gedanken äußert man hier nicht. Es gehört zu den unausgesprochenen Regeln, keine negative Stimmung zu verbreiten und so zu tun, als würde hinter dem Tresen eine Gourmet-Kreation gezaubert werden, die jede Wartezeit wert ist.
»Möchtest du wieder extra viel Zucker – wie immer?«, fragt die Bedienung in ihrem vertraulichsten Ton als wären wir alte Freundinnen. Dabei ist sie mindestens zehn Jahre jünger als ich und interessiert mich so wenig, dass ich mir noch immer nicht ihren Namen gemerkt habe. Ich schenke ihr mein freundlichstes Lächeln und ein »Sehr gerne. Du kennst mich zu gut«. Dann schütte ich ohne weiteres Nachdenken die drei Päckchen Zucker in den Becher.
Ich hasse gesüßten Kaffee. Mehr noch als Kaffee an sich.
Jetzt nichts wie raus, bevor ihr einfällt, dass heute Dienstag ist und ich dienstags doch immer einen Schokomuffin bestelle. Noch mehr Süßes als Belohnung nach getaner Arbeit.
Also schiebe ich mich zwischen den eng stehenden Stühlen hindurch zurück zu meinem Tisch und stecke das Portemonnaie in die Tasche. Fehlt nur noch mein Handy. Ich habe es schon in der Hand, doch dann zögere ich: Auf dem Tisch liegen zwei identische Telefone. Selbe Firma, selbes Modell, beide etwas abgegriffen, mit gesprungenem Display. Ich weiß genau, welches von beiden meines ist, aber das andere ist mir nicht weniger vertraut. Wie um alles in der Welt kommt es hierher?
Ich sehe mich verstohlen unter den Gästen um. Aufmerksamkeit ist das Letzte, was ich jetzt brauche. Aber das Gesicht, das ich suche, ist nicht unter ihnen. Stattdessen leuchtet es mir vom Display entgegen, als ich das zweite Handy berühre. Das Hintergrundbild zeigt ein Foto, das eigentlich in einem längst vergessenen Album meiner Mutter vergilben sollte: Ein sechs Jahre altes Mädchen mit dichten blonden Locken, Zuckertüte im Arm und einem blauen Kleid, auf das ein großes L aufgenäht war. L für Laura.
Ich lasse das Telefon beinahe fallen, als es in meiner Hand vibriert. »Vielleicht ist es gar nicht so schlimm«, sage ich mir zu meiner Beruhigung selbst und stopfe mein eigenes Handy mit fahrigen Händen in die Tasche. Dann greife ich im Gehen nach dem Kaffeebecher und stürme aus dem Laden. Eine neue Nachricht – von Anna-Maria. »In einer Viertelstunde. Du weißt wo.«

Den Hügel hinauf zu radeln, ist anstrengender als gedacht. Normalerweise fahre ich so wenig wie möglich mit dem Rad; nur von Zuhause zur Arbeit und zurück, alles innerhalb unserer Kleinstadt, in der ich die Wege zur Not auch laufen könnte. Früher bin ich trotzdem überall hin mit dem Auto gefahren. Einfach, weil es sich gut anfühlt, hinter dem Steuer zu sitzen und theoretisch immer weiter fahren zu können – in die Welt hinaus. Aber seit fünf Jahren muss ich ökologischer denken. Und überteuerten, gesüßten Kaffee trinken. Neben vielen anderen Dingen, die ich nicht mehr selbst entscheiden kann. Was, wenn sich das heute ändert?
Die Sonne scheint mir von vorne in die Augen und blendet mich in der letzten Kurve. Die Erinnerungen sind sofort wieder da: ein herrlicher Spätsommertag vor fünf Jahren, herrliches Wetter, die gewundene Straße vor uns, trocken und leer, so verlockend. Wie sollte man da nicht schneller fahren wollen, den Fahrtwind in den Haaren spüren, sich lebendig fühlen? Meine Schwester saß neben mir. Wie immer mit einer tiefen Sorgenfalte auf der Stirn, aber auch sie hatte Spaß an der Geschwindigkeit. Wenn nicht, hätte sie mir mit all ihren Bedenken in den Ohren gelegen. Um sie zu verstehen, musste man zwischen den Zeilen lesen, denn im Gegensatz zu mir, war sie viel zu gut erzogen, um aus sich heraus zu gehen. Ich denke jeden Tag an sie.
Dann erreiche ich den höchsten Punkt der Straße. Einen Ort, den ich seit fünf Jahren vermeide. Selbst wenn ich bei Stefan im Auto mitfahre, muss er den langen Weg außen um die Stadt herum nehmen, statt den kurzen über diesen gottverdammten Hügel.
Hier ist uns damals der zweite Wagen entgegengekommen. Er hat die Kurve geschnitten und uns an der Seite gestreift. Der Aufprall war gar nicht so stark. Ich weiß noch, dass ich ganz kurz erleichtert gedacht habe: »Glück im Unglück«. Doch dann ist unser Auto aus der Spur geraten. Das Heck zog nach rechts. Ungebremst sind wir auf den Hang zu geschlittert. Dann schoss der Wagen über die Straße hinaus und hat sich den ganzen Weg den Hügel hinunter mehrfach überschlagen. Allein wegen dieser Erinnerung würde ich mich nicht mehr hinter ein Steuer setzen.
Heute sieht die Stelle anders aus als damals. Sie haben eine Leitplanke gebaut und dahinter ein weißes Kreuz. Ich steige ab und hebe das Rad über die Absperrung. Meine Hände sind schweißnass. Obwohl ich am ganzen Körper zittere, ziehe ich mich über die Leitplanke. Ich will auf die Frau zugehen, die neben dem weißen Kreuz steht, den Blick hinunter auf die Stadt, doch stattdessen halte ich mich an dem kalten Metall in meinem Rücken fest und versuche, ruhig zu atmen. Ihre langen blonden Haare bewegen sich leicht im Wind, so wie meine, und sie streicht sie sich mit der gleichen Bewegung aus dem Gesicht und zurück hinters Ohr wie ich. Sie ist mein Ebenbild in jeglicher Weise.
»Laura?« Meine Frage ist kaum zu hören. Sie bleibt auf halbem Wege zwischen uns hängen; nicht an den wenigen Schritten, die uns trennen, sondern an den fünf verlorenen Jahren, die sie nicht überwinden kann. Meine Schwester dreht sich trotzdem zu mir um. Erst nur das Gesicht, dann zieht sie langsam den Körper nach. Zögernd, als müsste sie sich dazu zwingen. Ich kann sie nur wortlos anstarren. Sie sieht nicht so aus, wie ich sie in Erinnerung habe; ist älter geworden, so wie ich. Auch sie mustert mich. Nickt ruckartig mit dem Kopf, will kalt und distanziert wirken. Aber einer Zwillingsschwester kann man nichts vormachen. Sie ringt um Haltung, will gefasster wirken, als sie ist.
»Anna-Maria« sind ihre ersten Worte seit dem Unfall. Seit ich leicht benommen vom Airbag zur Seite geschaut und verschwommen meine ohnmächtige Schwester gesehen habe, der eine riesige Menge Blut aus einer Kopfwunde quoll. Seit sie ins Koma gefallen war. »Aber so heißt du nicht mehr, richtig? Soll ich dich lieber Laura nennen?«
Ich weiß nicht, wohin mit meinen Händen. Oder mit meinen Blicken. Am liebsten würde ich mich hier und jetzt auf den Boden hocken und weinen. Vor Erleichterung, sie zu sehen, und vor Schuldgefühlen, die sich auf meine Stimme legen. Dann fällt mir der Kaffee ein. Ich greife hinter mich und ziehe den Becher aus der Halterung an meinem Rad; ihren Becher aus ihrem Rad. Sie nimmt ihn mir irritiert ab, schmunzelt über den Namen und trinkt einen Schluck von der süßen Brühe, die ich ihretwegen seit fünf Jahren täglich herunterwürgen muss. Ist das wirklich alles, was ich ihr nach all dieser Zeit sagen will? Schön, dich zu sehen, ich habe dir mal deinen Kaffee mitgebracht?
»Seit wann bist du wieder wach?«, frage ich stattdessen.
»Gut drei Monate.«
»Und da hast du dich nicht früher gemeldet?« Was soll der Scheiß? »Du versteckst dich vor deiner Familie und wählst dann ausgerechnet diesen Auftritt? Hättest du dich nicht einfach im Café zu mir setzen können, statt mir dein Handy unterzuschieben?« Es fühlt sich verboten gut an, auf sie loszugehen. Ihr Vorwürfe zu machen, bevor sie damit anfängt. Den Moment hinauszuzögern, in dem ich ihr zuhören muss.
»Nein. Ich wollte dich hier sehen …« Sie kickt mit dem Fuß gegen das Kreuz. »Das kann dann ja weg. Jetzt, da wir beide wieder unter den Lebenden sind. Für wen wurde es eigentlich aufgestellt?«
Ich beiße mir auf die Lippe. »Für Anna-Maria.«
Meine Schwester nickt wieder ruckartig, will ihre Worte abwägen. Doch dann platzt es doch aus ihr heraus: »Weißt du, als ich aufgewacht bin, habe ich zuallererst nach dir gefragt. Ob du überlebt hast. Ob du verletzt bist. Wie es dir geht. Dann wollte ich meinen Mann anrufen. Aber die Pfleger sagten mir, dass meine Erinnerungen durch den Unfall und das Koma durcheinandergeraten sein müssen, denn ich sei gar nicht verheiratet.«
Ich verschränke die Arme vor der Brust. Um mich gegen ihre aufkommende Wut zu wappnen, aber vor allem, um den Ring an meiner rechten Hand zu verstecken. Aber natürlich hilft das jetzt auch nichts mehr.
»Ich war mir sicher, dass der Fehler in deren Akten lag und nicht in meinem Kopf. So etwas bilde ich mir doch nicht ein! Ich wollte dich anrufen, meine Zwillingsschwester, mit der ich ein Leben lang alles geteilt habe. Aber dann habe ich den Namen auf meinem Krankenblatt gelesen …«
Jetzt fange ich doch an zu weinen, ringe um Luft.
»Erinnerst du dich an das Foto?«, fragt sie weiter. »Ich hatte es immer auf meinem Handy.«
Auf ihr Zeichen hole ich ihr Telefon hervor und gebe es ihr zurück. Sie vermeidet es, mich dabei zu berühren. Als sie mir das Display vor die Nase hält, zeigt es diesmal das ganze Foto. Zwei kleine Mädchen, die einander nicht ähnlicher sehen könnten. An dem Tag ihrer Einschulung. Unsere Mutter hatte unsere Anfangsbuchstaben auf unsere Kleider genäht, damit die Lehrer uns auseinanderhalten konnten. L für Laura und AM für Anna-Maria. Das war ich.
»Es tut mir Leid, Laura«, hauche ich tonlos. »Es tut mir so Leid …«
Dann trifft mich ein Schlag ins Gesicht. Nicht besonders fest, aber ich bin unvorbereitet und knicke zur Seite weg.
»Wag es ja nicht«, zischt Laura mir ins Ohr. Ich werde an den Haaren hochgezogen, nur um unter einem weiteren Schlag wieder zusammenzusinken. Diesmal hat sie die Faust benutzt. »Das hast du nicht wirklich getan! Steh auf!« Ein Tritt gegen mein Bein. Ich hebe beschwichtigend die Hände, aber ich bekomme noch eine Ohrfeige ins Gesicht. Meine Haut brennt. Aber ich wehre mich nicht. Ich habe noch viel Schlimmeres verdient.
»Zeig her!«, befiehlt sie mir und zieht an meinem Arm. Als sie ihren Ehering an meinem Finger sieht, schreit sie vor Schmerz und wendet sich ab. Als ich mich an der Leitplanke hochziehe, sehe ich, dass sie weint. Ich kann mich kaum aufrecht halten. Fünf Jahre lang habe ich ein Geheimnis mit mir herumgetragen, doch jetzt, da es ans Licht kommt, fühle ich sein Gewicht stärker als je zuvor. Wenn sie nun ihr Leben zurückverlangt? Ich habe nichts anderes mehr.
»Was, wenn ich Stefan sage, dass du dieses eine Mal nicht selbst gefahren bist? Dass du mich überredet hast, es auch mal auszuprobieren? Ein Mal Gas geben, statt ängstlich auf der Bremse zu stehen, wie du es genannt hast. Deswegen haben dir alle geglaubt, nicht wahr? Weil alle davon ausgingen, dass natürlich ich auf der Beifahrerseite saß und du am Steuer … Was hast du dir nur gedacht?« Da ist sie wieder: die vernünftige Laura, die verstehen will. Vielleicht sucht sie sogar schon nach einer Lösung; wieder einmal für ein Problem, das ich in die Welt gebracht habe. »Wie um alles in der Welt kommst du auf die Idee, mit mir zu tauschen? Ja, als Kinder haben wir das oft gemacht, zum Spaß. Aber du kannst mir doch nicht mein Leben wegnehmen! Meinen Mann … Weiß er davon?«
Natürlich nicht! Sonst hätte ich ihn nie bekommen. Er liebt dich mehr als alles andere! So sehr, dass er blind ist für all die kleinen verräterischen Anzeichen. Ich habe einfach alles von dir abgeschaut, deine Gewohnheiten, deinen Modegeschmack, deine Ausdrucksweise, sogar deine Persönlichkeit ahme ich nach. Schlucke hinunter, was ich denke, und spiele dich! All das möchte ich ihr ins Gesicht schleudern, ihr die Schuld daran geben, dass ich all die Jahre nicht ich selbst sein konnte, als wäre es ihre Entscheidung gewesen und nicht meine.
»Du wirst es ihm sagen.« Laura streicht sich die Haare aus dem Gesicht; beseitigt die Spuren ihrer verlorenen Selbstbeherrschung, die so gar nicht zu ihr passt. »Du bringst das in Ordnung.«
Ein Teil von mir möchte ihr das versprechen. Wäre sie nach einem halben Jahr aufgewacht, hätte ich es getan. Ich wusste die ganze Zeit, dass ich nicht im Recht bin. Ich spiele ein grausames Spiel mit meiner Schwester und dem Mann, den ich liebe. Dem Mann, der sich für sie entschieden hat. Ich hätte mein halbes Jahr Glück genommen und wäre voller Scham aus ihrem Leben verschwunden. Aber das war nun schon fünf Jahre her.
»Nein«, sage ich, »das werde ich nicht«. Lauras Wut ist verflogen. Sie wirkt müde und erschöpft. Ich sage ihr, dass zu viel Zeit vergangen ist, dass ich inzwischen länger mit Stefan zusammen bin, als sie es war, dass ich dieses Leben nicht aufgeben will. Und dann sage ich ihr, dass wir zwei Kinder haben.
Laura erwidert daraufhin gar nichts mehr. Sie setzt sich einfach schweigend neben ihr Kreuz, den Rücken zu mir. Damit ist unser Treffen beendet. Ich radele nach Hause, lasse mir nichts anmerken und warte. Irgendetwas würde ganz sicher geschehen.

Die Tage vergehen, dann Wochen, dann Monate. Ich frage mich, warum ich nichts von Laura höre. Von der echten Laura, die jederzeit an meiner Tür klingeln und meine kleine Welt vollkommen zerstören könnte. Wieso kommt sie nicht? Will sie mich in Sicherheit wiegen? Ihren Auftritt sorgsam planen? Genießt sie meine Angst? Ich habe keine ruhige Minute mehr. Immer, wenn Stefan dem Paketboten öffnet, halte ich erstarrt inne und lausche auf die Stimmen. Aber es ist nie Lauras. Vielleicht wartet sie auf einen bestimmten Anlass. Unseren Geburtstag oder ihren Hochzeitstag. Ich kann mich auf keinen dieser Tage mehr freuen. Jede Minute meines Lebens rechne ich damit, dass sie aus dem Schatten tritt. Vielleicht beobachtet sie auch das Haus und wartet auf den Moment, in dem ich von selbst aufgebe und alles gestehe. Manchmal bin ich kurz davor. Wenn ich es kaum noch aushalte, meine eigenen Gedanken und Wünsche hinunterzuschlucken.
Oder aber ich tue ihr nach allem, was ich ihr bereits zugemutet habe, jetzt auch noch Unrecht. Ist es denn nicht möglich, dass sie sich zurückgezogen hat? Aus Rücksicht auf die Kinder, vielleicht aus Liebe zu ihrem Mann, den sie glücklich sehen will. Möglicherweise, ich wage kaum es zu denken, hat sie mir sogar vergeben. Sie war schon immer die Bessere von uns beiden, das wussten alle. Deswegen hatte Stefan ja auch sie geheiratet und nicht mich. Wenn sie wirklich für uns verzichtet, dann würde ich alles nur ihr verdanken, wäre nichts ohne ihr Wohlwollen. Alles nur geliehen.
Ob sie nun grausam ist oder versöhnlich: Ich lebe entweder ein gestohlenes Leben oder ein geschenktes. Auf jeden Fall ist es nur noch ein halbes. Vielleicht weiß Laura auch einfach, dass es keine schlimmere Strafe gibt.

8+

2 thoughts on “Laura

  1. Da kann ich nur zustimmen – du hast einen großartigen Schreibstil! 😀 Und auch inhaltlich fand ich die Geschichte extrem gut. Ich liebe das Zwillingsmotiv sowieso, aber deine Umsetzung war toll. Und ich mochte das Ende mit dieser permanenten Unsicherheit … Das ist vielleicht sogar noch fieser als ein brutales Ende mit körperlicher Gewalt – und das finde ich gut! Du siehst: Ich bin begeistert! 😀
    Viele liebe Grüße
    Kaja

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