Janina L.Lege Artis

Er schaute zu viele Krimiserien. Las zu viele Thriller. Hatte eine zu lebhafte Fantasie. Wie sonst ließ es sich erklären, dass er schon seit dreißig Minuten an seinem Schreibtisch saß, das Handy skeptisch betrachtete und sich Szenarien ausmalte, die die Situation erklären würden. Das Handy war angeschaltet, aber gesperrt. Eine PIN wusste Elias natürlich nicht. Wie auch – er hatte das Handy, was er heute an einem Samstagmorgen in seinem Briefkasten fand, noch nie zuvor gesehen. Was hatte das zu bedeuten? Ein Streich schien nicht sehr wahrscheinlich, dafür war das Handy vermutlich zu teuer – und der Witz dahinter erklärte sich ihm auch nicht. Würde es bald klingeln und eine verzerrte Stimme ihn bedrohen und erpressen? Unwahrscheinlich, weswegen sollte man ihn schon erpressen? War es eine Wanze? Noch unwahrscheinlicher, dann wäre der Briefkasten wohl der denkbar ungünstigste Ort so etwas zu platzieren. Und was sollte man in seiner kleinen Junggesellen-Wohnung überhaupt belauschen wollen, er hielt sich doch sowieso länger in seiner Arztpraxis als in der Wohnung auf. Die Fantasie ging wohl wirklich mit ihm durch. Also musste es die einzig vernünftige Lösung sein, die ihm während der ganzen Grübelei gekommen war: Jemand hatte das Handy im Treppenhaus oder im Vorgarten gefunden, gedacht es gehöre einem der Bewohner und in seinen Briefkasten geworfen. Doch derjenige hatte sich getäuscht. Ihm gehörte es nicht. Seiner Nachbarin wird es wohl auch nicht gehören. Die modernste Technik der 80-jährigen Dame war ein alter Röhren-Fernseher, da wird ihr kein neues Smartphone gehören. Die andere Wohnung über ihm stand leer – also, wem gehörte dieses Handy?

***

„Ich schau mal nach aber viel versprechen kann ich Ihnen nicht, es werden jeden Tag so viele Handys gestohlen und tauchen nie wieder auf, da machen sich viele nicht die Mühe das bei der Polizei zu melden“, sagte der Polizeibeamte der nächstgelegenen Wache. Elias gab ihm das Handy und wartete, während der Polizist die Datenbank durchsuchte. „Moment…“, sagte dieser, „wie war noch mal Ihr Name?“ „Elias Sander, wieso?“ Elias schaute den Beamten skeptisch an. Dieser musterte ihn, stand dann von seinem Bürostuhl auf und baute sich drohend vor ihm auf: „Wollen Sie mich verarschen oder ist ihr Gedächtnis wirklich dermaßen schlecht?“, fuhr er Elias an. „Sie haben das Handy vor nicht mal einem Jahr SELBST als gestohlen gemeldet. Das ist die einzige Anzeige, die ich hier finden kann. Modell, Farbe, alles passt! Sogar der Kratzer auf der Rückseite ist vermerkt!“ Elias nahm das Handy und betrachtete perplex den großen Kratzer, der sich einmal quer über die Rückseite zog. „Aber… ich…“ „Nichts aber! Ich habe nun wirklich Besseres zu tun als Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, nehmen Sie das Ding mit und gehen Sie wieder nach Hause.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in einem der unzähligen Büroräume der Polizeistelle. Elias blieb wie angewurzelt stehen und betrachtete fassungslos das Handy in seiner Hand. Sein Kopf war leer. Alle Erklärungen, über denen er noch vor wenigen Minuten gegrübelt hatte – egal wie abstrus und abwegig sie waren – hatten sich in Luft aufgelöst. Wie in Trance drehte er sich schließlich herum und ging langsam die Stufen der Polizeistelle hinunter. Bald darauf saß er in seinem Auto, das Handy immer noch in der Hand. Wie kann es sein, dass ein fremdes Handy in seinem Briefkasten lag? Ein Handy, das vor Monaten, angeblich von ihm selbst, als gestohlen gemeldet wurde. Er drehte es erneut um und fuhr mit dem Finger über den Kratzer an der Rückseite – und hielt inne. Sein Finger begann zu kribbeln. Ein Fingerabdrucksensor. Er kannte zwar keine PIN für das Handy, das angeblich ihm gehörte – aber was wäre, wenn…? Er zögerte einen Moment, sein Zeigefinger schwebte über dem Sensor und berührte ihn schließlich. Die Bildschirmsperre war aufgehoben. Der nichtssagende, einfarbige Sperrbildschirm verschwand und Elias sah fassungslos auf die wenigen, auf dem Handy installierten Apps. Kamera, Galerie, Telefon, Einstellungen… ihn packte die Neugier. Wenn doch sogar der Polizist sagte, das Handy gehöre ihm, wenn sein Finger das Handy entsperren konnte, was sollte dann dagegen sprechen die Dateien und Apps zu durchforsten? Einer Intuition folgend öffnete er die Galerie. Und ließ Sekundenbruchteile später das Handy fallen, als wäre es plötzlich glühend heiß.

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Zurück in seiner Wohnung inspizierte er das Handy aus sicherer Entfernung. Das musste eben Einbildung gewesen sein. Wie anders ließe es sich erklären, dass das erste Bild in der Galerie sein Arbeitszimmer zeigte. Er riss sich zusammen, nahm das Handy erneut in die Hand und öffnete die Galerie. Tatsache. Sein Schreibtisch. Sein Computer. Sein Notizblock. Seine Stifte. Alles genauso angeordnet, wie er es heute Morgen noch verlassen hatte und wie es auch jetzt noch auf dem Schreibtisch lag. Sogar die Bonbons auf dem Tisch lagen an derselben Position. Nur eine Sache passte nicht. Er vergrößerte das Bild. Medikamente? Paracetamol, Ibuprofen, Lorazepam und mehrere Packungen Midazolam – alles Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel. Nicht gerade unüblich. Er war schließlich Arzt und holte sich hin und wieder Medikamente, um seine Hausapotheke aufzufüllen… aber in dieser Menge und Dosierung? Das erschien ihm absurd. Irritiert schaute er sich in seinem Arbeitszimmer um und durchsuchte dann die gesamte Wohnung. Aber außer einer angebrochenen Packung Ibuprofen konnte er keine der Medikamente finden. Er wandte sich erneut dem Handy zu und sah sich das zweite Bild in der Galerie an. Elias runzelte die Stirn. Das verwirrte ihn ebenfalls, wenn auch auf eine andere Art und Weise.
Das musste ein Bereitschaftsraum in einer Klinik sein. Die Einrichtung kam ihm bekannt vor und plötzlich fiel es ihm wieder ein: Das war der Bereitschaftraum, in dem er viele schlaflose Nächte verbracht hatte. In dem Klinikum, in dem er die ersten sieben Jahre nach seinem Studium gearbeitet hatte, bevor er sich in die Ruhe einer ländlich gelegenen Hausarztpraxis flüchtete. Er betrachtete das Foto genauer. Neben dem spartanischen Bett lag seine Tasche. Er konnte sich allerdings nicht daran erinnern dieses Foto gemacht zu haben. Was hatte das alles zu bedeuten? Unruhig und wenig fokussiert scrollte er weiter durch die Galerie, doch seine Gedanken hingen an dem letzten Foto. Ich muss dahin, dachte Elias, ich muss mit meinen ehemaligen Kollegen sprechen. Vielleicht wissen sie, was es mit dem Foto auf sich hat.

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Ein seltsam beklemmendes Gefühl beschlich Elias als er die Klinik betrat. Seit seinem letzten Arbeitstag hier hatte er nicht einen Fuß in das Gebäude gesetzt und auch keinen Kontakt mehr zu seinen Kollegen gehalten. Seine aktuellen Freundschaften konnte er an einer Hand abzählen und kein Finger davon stand für einen Arzt oder Pfleger aus diesem Klinikum. Freundschaften waren ihm nie leichtgefallen und der Kontakt zu seinen Kollegen beschränkte sich ausschließlich auf die Arbeitszeiten. Trotzdem hatten sie stets einen freundlichen Umgang gepflegt. Umso irritierter war er über den seltsamen Empfang auf seiner ehemaligen Station. Natürlich gab es viele neue Gesichter, die ihn wenig beachteten, aber die zwei oder drei Pfleger, die er noch kannte, wichen seinem Blick aus und verzogen sich in andere Zimmer oder Flure. Dann sah er Tanja und atmete auf. Sie würde hoffentlich mit ihm reden und ihn nicht wie alle anderen ignorieren. Sie hatten sich schließlich immer gut verstanden, die Pausen zusammen verbracht und Gespräche, die über Smalltalk hinausgehen, führen können. „Schön, dass ich dich sehe!“, sagte er und sah, wie sie zusammenzuckte und sich umdrehte. Sie hatte ihn wohl nicht kommen sehen. „Tut mir leid, dass ich dich erschrecke und ohne Ankündigung hier reinplatze, aber ich…“ Er stutzte. Tanja sah ihn fassungslos an, ihre Gesichtszüge entglitten, als stünde ein Geist vor ihr. „Ist alles in Ordnung? Ich wollte wirklich nicht stören“, fuhr er fort. „Was fällt dir eigentlich ein!“, fuhr sie ihn mit gesenkter aber bestimmter Stimme an. „Nach all dem wagst du es noch hier aufzuschlagen?“ „Was… aber…“, stammelte Elias. „Aber, aber, aber – du hast nun wirklich keine Ausrede hier noch mal aufzutauchen, Freundchen“, sie sah ihn mit stechenden Augen an. „Ich mochte dich wirklich, das weißt du. Aber keine Entschuldigung der Welt kann das wieder gut machen, falls es das ist, weshalb du hier bist. Das wäre dann übrigens reichlich spät aber das tut jetzt auch nichts mehr zur Sache.“ Elias war sprachlos. „Und jetzt verzieh dich besser, bevor hier noch jemand einen Aufstand macht, der dir weniger wohlgesonnen ist. Wir haben hier alle viel riskiert für dich, stell‘ uns nicht auf die Probe!“ Bevor Elias auch nur die Gelegenheit hatte nachzufragen, über was sie eigentlich sprach, verschwand Tanja bereits mit energischem Schritt um die nächste Ecke. Ich verstehe gar nichts mehr, dachte Elias verunsichert. Konnte dieser Tag noch seltsamer werden?
Nachdem er das Krankenhausgebäude verlassen hatte, saß er erneut mit dem Handy in den zittrigen Händen und einem fragenden Blick in seinem Auto und konnte sich die gesamte Situation noch nicht mal ansatzweise erklären. Irgendetwas mussten diese Fotos doch bedeuten! Er öffnete die Galerie: Der Schreibtisch mit den rätselhaften Medikamenten, der Bereitschaftraum, in dem er seit sieben Jahren nicht gewesen ist. Er wischte zum nächsten Bild. Und das konnte er überhaupt nicht zuordnen.

***

Nachdem er den ganzen Abend über das dritte Bild nachgedacht und schließlich frustriert ins Bett gegangen war, war er an diesem Morgen kein Stück weiter. Die schlaflose Nacht hatte auch nicht geholfen seine Gedanken zu sortieren und sich einen Reim auf dieses Bild zu machen. Wieder lag das Handy vor ihm. Mittlerweile fühlte es sich beinahe vertraut an und er hinterfragte dessen Existenz kaum noch – alle seine Gedanken fokussierten sich auf dieses eine Bild. Es fühlte sich beinahe an wie eine Schnitzeljagd. Als Kind hatte er es geliebt kleine Rätsel zu lösen, den mit Kreide auf den Gehweg gemalten Pfeilen zu folgen oder auf Fotos festgehaltene Orte aus seinem Heimatdorf zu suchen, um zum ersehnten Schatz zu kommen. Was auch immer hinter diesen Bildern steckte, es wird wohl kein Schuhkarton mit Süßigkeiten sein, wie am Ende der Schnitzeljagden seiner Kindheit.
Diese Schnitzeljagd gab ihm Rätsel, die unlösbar schienen. Das dritte Bild zeigte einen Hasen. Keinen echten wohlgemerkt, das wäre ihm vielleicht sogar lieber gewesen. Der Hase vor ihm war ein Plüschtier. War dieser wohl ursprünglich mal schneeweiß gewesen, hatte er auf dem Bild einen eher beigen Ton und verwaschene Flecken zierten die langen Schlappohren. Das Kuscheltier war wohl von seinem Besitzer wirklich geliebt worden und das schon einige Jahre, dem Zustand nach zu urteilen. Es lag auf einem weiß bezogenen Bett und hatte eine Schleife um, an der ein kleiner Anhänge baumelte. Der Buchstabe „M“ war darauf zu sehen. Vermutlich gehörte es einem Kind, dessen Name mit M beginnt – zu dieser Erkenntnis war Elias immerhin gekommen – aber um welches Kind handelte es sich? Er hatte in seinem Alltag keinen Kontakt zu Kindern, der über das Grüßen der Nachbarskinder hinausging und keines dieser Kinder hatte er je mit einem solchen Hasen in der Hand gesehen. Er griff zum Telefon und rief seine Freundin Christina an. „Was gibt’s? Hast dich ja länger nicht gemeldet?“, meldete sie sich mit einer Wärme in der Stimme, die eine unglaubliche Ruhe ausströmte. Elias entspannte sich merklich, ihm war gar nicht bewusst gewesen, wie verkrampft er die ganze Zeit auf der Stuhlkante gesessen hatte. „Hey, ähm, ich habe eine… nun ja… merkwürdige Frage“, stammelte er in den Hörer. „Schieß los, wie merkwürdig kann sie schon sein?“ Christina lachte kurz auf. Sie war die gute Seele der Straße. Sie kannte jeden und jeder kannte sie. Umso froher war Elias, seit seinem Einzug in diese Wohnung vor wenigen Jahren den Kontakt zu ihr aufrecht gehalten zu haben. Was wohlgemerkt weniger sein Verdienst war als vielmehr Christinas. Sie schien einen Narren an dem zurückhaltenden und wortkargen Arzt gefressen zu haben und versorgte ihn stets mit allen Infos, allem Tratsch, den es im Wohngebiet gab. Und er war froh darum. Aus eigenem Antrieb eine Freundschaft zu erhalten gehörte nicht gerade zu seinen Stärken. „Du kennst doch die meisten Kinder aus unserer Gegend, oder?“ „Ja klar, wieso?“ Elias Hände verkrampften sich um den Hörer als er sagte: „Hat eines von ihnen einen weißen Hasen als Kuscheltier? Mit ganz langen Ohren und Schleife um den Hals?“ Er hörte Christina atmen. „Okay, das ist tatsächlich eine merkwürdige Frage aber…“, sie schien einen Moment zu überlegen, „nein, nicht, dass ich wüsste. Also zumindest habe ich noch kein Kind mit einem solchen Hasen gesehen. Wieso willst du das überhaupt wissen?“ Elias hatte mit dieser Frage gerechnet. Nicht nur, weil Christina generell neugierig war, sondern auch, weil es überhaupt nicht zu ihm passte, sie einfach so wegen einer scheinbar so banalen Frage anzurufen. „Ach, nichts Besonderes“, log er, „ich habe den Hasen in meinem Vorgarten gefunden und dachte, vielleicht gehört er einem der Nachbarskinder. Bevor ich überall klingele wollte ich dich fragen. Vielleicht weißt du ja, wer ihn vermisst.“ Diese Lüge ging ihm ungewöhnlich leicht von den Lippen. Noch konnte – oder besser wollte – er ihr nichts von dem fremden Handy mit den seltsamen Bildern erzählen. Nicht, bevor er sich nicht selbst sicher war, was es damit auf sich hatte. Er wurde in den letzten Stunden schon oft genug für verrückt erklärt, er wollte es nicht noch einmal aus dem Mund einer seiner besten Freundinnen hören. Da war die Geschichte von dem gefundenen Plüschtier leichter zu erklären. „Ach so, na sag‘ das doch gleich! Wenn du möchtest, kann ich gerne rumtelefonieren? Oder ich komme einfach zu dir, dann gehen wir zusammen mal durch die Straßen und fragen nach? Du kannst auch danach gerne zu mir auf einen Kaffee kommen, ich habe gestern Kuchen gebacken, da ist noch genug…“, plapperte Christina gleich darauf los. „Nein, nein, danke für das Angebot!“, unterbrach Elias sie schnell. „Ich, ähm, hab noch einiges zu tun. Ich kümmere mich einfach später selbst drum und zur Not bringe ich es ins Fundbüro. Aber danke für deine Hilfe. Wir sehen uns bestimmt bald mal wieder!“ Er verabschiedete sich und legte schnell auf. So lieb und fürsorglich seine Freundin war, so wenig konnte er sie in dieser Situation gebrauchen. Er betrachtete das Bild erneut eindringlich. Plötzlich schwirrte ein Gedanke, vielleicht sogar ein Wiedererkennen durch seinen Kopf aber ehe er ihn zu fassen bekam, war der Gedanke bereits wieder verflogen. Seufzend beschloss er, dass er hier nicht weiterkam und wischte zur Seite, um das nächste Bild zu betrachten. Das war ihm vertrauter.

***

Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten, Hämoglobin, Retikulozyten. Elias schaute konzentriert auf das Display. Blutwerte. Es war ein Laborbericht. Wie kann es sein, dass ein abfotografierter Laborbericht auf diesem Handy war? Die Datenschutzmaßnahmen wurden gerade in den letzten Jahren immer stärker verschärft, deshalb war es für ihn als Arzt undenkbar einfach einen Laborbericht abzufotografieren und auf einem Handy zu speichern. Er hätte so ein Foto nie gemacht, aber doch schien der Bericht mit ihm in Verbindung zu stehen. Elias hatte sich bald nach dem Studium angewöhnt seine Gedanken zu verschiedenen Befunden direkt festzuhalten. Besonders im stressigen Klinikalltag half es, sich die auffallenden Werte oder vermuteten Diagnosen schnell zu notieren, um den Überblick zu bewahren und sich den aktuellen Stand der Dinge in Erinnerung zu rufen. Für genau diesen Zweck hatte er zu dieser Zeit immer einen Block Haftnotiz-Zettel und einen Stift in der Tasche gehabt. Und genau so ein gelber, kleiner Zettel leuchtete ihm auf dem Bild entgegen. Die darauf stehende Notiz war eindeutig in seiner Handschrift verfasst:

Eisen, B12, Folsäure, EPO i.O. Beckenkammpunktion?

Er schien also den entsprechenden Patienten behandelt zu haben. Elias studierte die Blutwerte aufmerksam. Dann verstand er auch seine Notiz. Der Patient schien eine Anämie zu haben, auch Blutarmut genannt. Bei dieser Krankheit fehlt es dem Körper an Blutfarbstoff, dem Hämoglobin. Aber auch die Zahl der roten Blutkörperchen, der Erythrozyten, kann vermindert sein. Dieses Krankheitsbild las er aus dem vorliegenden Laborbericht. Nun fehlte noch die Ursache – und da konnte es viele geben. Hierbei half Elias seine eigene Notiz weiter: Scheinbar waren bei diesem Patienten die Eisenwerte normal. Eisenmangel war eine der häufigsten Ursachen für Blutarmut. Auch die Werte für Vitamin B12, Folsäure und Erythropoetin (abgekürzt mit EPO) waren wohl im Normbereich, wenn er seiner eigenen Handschrift trauen konnte. Das erklärte auch das letzte Wort ‚Beckenkammpunktion‘. Liegt eine Anämie vor und diese anderen Werte sind normal, wird oft eine Erkrankung der Stammzellen oder des Knochenmarks in Betracht gezogen – und um das zu überprüfen ist eine Knochenmarkpunktion üblich, meist aus dem Beckenkamm. So weit so gut. Aber warum war ein Bild dieses Laborberichts mit seinen Notizen auf diesem Handy? So langsam frustrierte ihn diese ganze Geschichte. Jedes Foto stand offensichtlich auf irgendeine Art mit ihm in Verbindung – von dem Hasen mal abgesehen – und doch konnte er sich nicht erinnern auch nur eines dieser Fotos selbst geschossen zu haben. Und jedes Foto gab ihm mehr Rätsel auf. Er hatte nicht übel Lust das Handy zu nehmen und zu zertreten oder in den nächsten Fluss zu werfen. Hauptsache es war alles wieder normal. Doch er blieb mit dem Handy in der Hand am Tisch sitzen. Er wusste, er würde keine Ruhe finden, bis sich das ganze aufgeklärt hatte. Er litt sowieso schon an Schlaflosigkeit und hatte keine Lust noch weiter über das Handy zu grübeln. Er wischte zurück zum ersten Bild und sah die Medikamentenpackungen an. Midazolam. Das würde ihm wenigstens beim Einschlafen helfen. Er atmete einmal tief durch und sah sich das nächste Bild an.

***

Hellgelber Putz, zwei Fenster, eine kleine Treppe, die zum Hauseingang führte. Ein leuchtend rotes Dach und ein gepflegter Vorgarten. Das Ebenbild einer Kleinstadtidylle. Elias überlegte. Was sollte das jetzt bedeuten? Ebenso wie auch der Hase, schien dieses Haus nicht im Geringsten etwas mit ihm zu tun zu haben. Auf der Suche nach genaueren Infos vergrößerte er das Foto auf dem Handy. Elias hatte Glück, wenigstens fand sich in diesem Bild ein konkreter Anhaltspunkt: An der Hauswand, wenn auch durch die Vergrößerung sehr verpixelt, standen Straßenname und Hausnummer. „Lilienstraße 14“, murmelte Elias. Das sagte ihm nichts. Er ging in sein Arbeitszimmer, öffnete seinen Laptop und suchte nach der Adresse. Tatsächlich gab es eine Lilienstraße nicht weit von ihm entfernt. Ohne weiter darüber nachzudenken schnappte er sich seine Jacke, den Autoschlüssel und verlies seine Wohnung. Er musste wissen was diese Bilder zu bedeuten hatten. Vielleicht konnten die Bewohner des Hauses ihm weiterhelfen. Er setzte sich in sein Auto, gab die Adresse im Navi ein und fuhr los.
Nur fünfzehn Minuten später bog er in die Lilienstraße ein. Langsam fuhr er durch die Straße, die Hände um das Lenkrad verkrampft und angespannt die Hausnummern abzählend. Dann sah er das gelb leuchtende Haus. Er kam direkt vor dem dazugehörigen Jägerzaun zum Stehen und blickte neugierig zum Eingang. Elias atmete einmal tief durch, nahm das Handy vom Beifahrersitz und stieg aus dem Auto aus. Am Zaun, der den Vorgarten von der Straße abgrenzte, war ein Briefkasten befestigt. Er warf einen Blick auf das Namensschild und erneut, wie auch beim Bild es Hasen, durchzuckte ihn ein seltsames Gefühl. Verunsichert schaute Elias in Richtung der Haustür. So sehr er sich anstrengte, es fügte sich kein Bild zusammen, das diese seltsame Situation, in der er sich befand, erklären konnte. Ein beklemmendes Gefühl legte sich über ihn und kurz dachte er daran das verdammte Handy einfach in den nächsten Mülleimer zu werfen und nach Hause zu fahren. Doch er wusste genau, dass es ihm keine Ruhe lassen würde. Also wandte er sich in Richtung Haustür, ging darauf zu und drückte schließlich die Klingel, die den Namen ‚Blaschke‘ trug. Er hörte Schritte, dann öffnete sich die Tür. Eine zierliche Frau stand im Eingang. Sie schaute erst irritiert, wahrscheinlich verwundert über den unangekündigten Gast an einem Sonntagnachmittag, dann weiteten sich ihre Augen entsetzt und sie taumelte einige Schritte zurück, ohne auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln. Dann drehte sie sich um und rief: „Oliver! Komm, bitte! Schnell!“ Elias war wie gelähmt. Was hatte diese Reaktion nun wieder zu bedeuten? Er stammelte irgendeine Begrüßung und entschuldigte sich für die Störung aber die Frau starrte ihn nur weiter an. Und dann erschien ein Mann in der Tür. Im Gegensatz zu seiner Frau schien Oliver weniger überrascht zu sein, doch auch seine Reaktion konnte sich Elias nicht erklären. Mit vor Wut funkelnden Augen starrte er Elias an. Oliver schien ihm seine Verwirrtheit anzusehen. „Sie wissen es nicht mehr, oder?“, begann er leise aber voller Hass zu sprechen. „Ich sehe es in Ihren Augen!“ Plötzlich fing erhob er seine Stimme und Elias zuckte vor Schreck zusammen. „Sie verdammter Mistkerl haben es aus ihrem kaputten Hirn gelöscht und machen sich jetzt ein schönes Leben als Mr. Perfect? Der vertrauensvolle Landarzt? Wenn Ihre Patienten nur wüssten! Ich wusste es schon immer, dass Sie nicht alle Latten am Zaun haben! Und sowas ist Arzt, kannst du das fassen Martha?!“ Die Frau schluchzte und Elias sah Tränen in ihren Augen. „Vertuscht seine Kunstfehler, als wären es Kleinigkeiten und besitzt dann auch noch die Dreistigkeit hier aufzutauchen“, fuhr er fort. Elias blieb weiterhin wie angewurzelt stehen. „Jetzt verpissen Sie sich endlich von meinem Grundstück, bevor ich mich vergesse!“, brüllte der Mann. Elias‘ Kopf war wie leergefegt. Er taumelte ein paar Schritte rückwärts. Drehte sich schließlich um und ging auf wackeligen Beinen zurück zu seinem Auto. Bevor er einstieg warf er noch einen Blick in Richtung der Haustür. Die Frau, Martha, war im Inneren verschwunden. Doch der Mann stand weiterhin in der Tür. Ein fürchterliches, ja, schadenfrohes Grinsen auf den Lippen.
Elias setzte sich in sein Auto. Was meinte dieser Typ? Warum kannte er ihn? Und warum war er so wütend? Elias konnte keinen klaren Gedanken fassen. Die geringe Hoffnung, dass die Bewohner des Hauses etwas aufklären und ihm bei dem Rätsel hinter den Fotos helfen könnten, hatte sich verflüchtigt. Wieder einmal waren nur mehr Fragen aufgetaucht. Aber ein Wort dieser Hasstirade hallte in seinem Kopf wider: Kunstfehler. Ein schwerer Vorwurf für einen Arzt. Der Mann, Oliver, warf ihm also vor einen Behandlungsfehler vertuscht zu haben. Ein Kunstfehler konnte vieles sein, im besten Fall nur ein kleiner Fehler, der zwar vermeidbar, aber auch nicht sonderlich schlimm oder mit langwierigen Folgen verknüpft war. Die Reaktion Olivers hatte jedoch eine andere Sprache gesprochen. Im schlechtesten Fall wiederum… Elias wurde schlecht. Er stieß die Autotür auf und schnappte nach Luft. Plötzlich erinnerte er sich an gestern Abend. Er hatte die Fotos nur schnell durchgescrollt aber nichts Besonderes entdeckt. Dachte er zumindest. Jetzt griff er hastig nach dem Handy, entsperrte es und wischte so lange über das Display, bis er erneut das Bild mit dem Haus sah. Seine Hände zitterten und er hatte Mühe das Handy nicht fallen zu lassen in Erwartung des nächsten Bildes. Als er schließlich nach links wischte, um es anzusehen, blieb ihm die Luft weg. Er hatte sich richtig erinnert. Leider.

***

Er raste durch die Straßen, brauchte dieses Mal kein Navigationssystem, er wusste wohin er wollte. Als er sich seinem Ziel immer weiter näherte wurde er jedoch immer langsamer, bis er in mitten in einem Wohngebiet beinahe nur noch rollte. Er war sich nicht mehr sicher, ob er es wirklich wollte, ob er die Wahrheit hinter all dem wirklich wissen wollte. Was zuvor nur Frustration und Verwirrung in ihm ausgelöst hatte sorgte jetzt dafür, dass er schweißnasse Hände bekam und einfach nur noch Angst verspürte. Angst davor etwas zu erfahren, was er nicht wahrhaben wollte. Dann hatte er sein Ziel erreicht. Er fuhr auf den Parkplatz, stieg wie ferngesteuert aus seinem Auto und trat mit dem Handy in der Hand durch das Friedhofstor.
Er sah sich das Bild noch einmal genauer an. Eine große Eiche im Vordergrund, daneben ein Fußweg und an diesem Fußweg säumten sich Grabsteine. Glücklicherweise war der Friedhof nicht sehr groß, sodass er den Weg auf dem Foto bald fand. Er schritt langsam die Grabsteine ab und blieb schließlich vor einem schlichten Grab stehen. Ein paar Blumen säumten die Grabplatte, die das Urnengrab verschloss. Auf der Platte standen das Geburts- und Todesdatum, daneben ein Herz und darüber der Name: Marie Blaschke. Elias schloss die Augen. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Plötzlich fügten sich drei Bilder zusammen. Der Hase mit dem ‚M‘ auf dem Anhänger – er musste Marie gehört haben. Er war vor wenigen Minuten noch am Haus ihrer Eltern gewesen und stand jetzt vor ihrem Grab. War es vielleicht auch Maries Laborbericht, den er vor wenigen Stunden erst konzentriert gelesen hatte? „Vertuscht seine Kunstfehler…“, hallte die Stimme von Oliver Blaschke in seinem Ohr. „Nein, nein, nein, das kann nicht sein, wie soll… ich würde mich doch daran erinnern. Ich würde mich erinnern!“, murmelte er, den Blick weiterhin auf das Grab gerichtet. Sie war nur vierzehn Jahre alt geworden. Am 17.03.2013 war sie verstorben. Nur wenige Tage bevor Elias das Klinikum verlassen hatte, um kurzfristig eine Stelle als Landarzt anzunehmen.

***

Er wusste gar nicht mehr wie er vom Friedhof nach Hause gekommen war. Nie hätte er gedacht, dass ein Handy – oder besser gesagt ein paar Fotos – sein Leben an einem Wochenende dermaßen auf den Kopf stellen könnte, dass er nun an seinem eigenen Verstand zweifelte. Die angebliche Anzeige wegen Diebstahl des Handys bei der Polizei, Tanjas rauer Ton und ihre Vorwürfe in der Klinik. Marie Blaschkes aufgebrachte Eltern. Ihr Grab. Und schließlich der Vorwurf eines Kunstfehlers. Er hielt den Atem an. Maries Eltern. Maries Vater. Dieses Grinsen. Er hatte Schadenfreude in seinem Gesicht gesehen und es zunächst dadurch erklärt, dass er sich über Elias eindeutige Verwirrtheit und Gedächtnislücken amüsierte. Was ihm nicht zu verdenken war, sollte an dem schweren Vorwurf Elias gegenüber auch nur ein Fünkchen Wahrheit sein. Elias Gedanken begannen zu rasen. Was aber wäre, wenn das alles von Oliver Blaschke eingefädelt worden war? Den behandelnden Arzt seines Kindes aus Rache an dessen Tod auf eine grausame Schnitzeljagd schicken? Ihm Hinweise in Form von Bildern hinterlassen? Ihn zunächst zappeln lassen und als großen Höhepunkt zum Grab seines Kindes schicken? Ihn langsam aber sicher in den Wahnsinn treiben, sodass er an seinem eigenen Verstand zweifelte? Makaber. Und doch auch irgendwie nachvollziehbar beim Verlust des eigenen Kindes. Und doch blieben Fragen offen: Wie kann es sein, dass er selbst das Handy als gestohlen gemeldet hatte? Wie kam dieser Mann an Bilder aus seinem eigenen Arbeitszimmer? Wie konnte er wissen, dass Elias sich an nichts erinnerte? Und die größte Frage von allen: Was war wirklich geschehen? Hatte er mit dem Tod dieses Mädchens zu tun gehabt? Hatte ihr Vater recht mit den Vorwürfen? All diese Fragen kreisten in Elias‘ Kopf, bis ihm beinahe schwindelig wurde. Wenn es stimmte – wie konnte es sein, dass er all das vergessen hatte? Er versuchte seine Gedanken zu fokussieren. Was war in der Klinik im Jahr 2013 passiert? Gab es Behandlungsfehler? War eine Patientin von ihm, ein junges Mädchen, gestorben? Konnte er sich an ein Mädchen mit Anämie erinnern? Doch alles verschwamm in seinen Erinnerungen. Kurze Episoden vom Krankenhausalltag und einzelnen Patienten oder Behandlungen folgten auf tiefschwarze Lücken, die Elias auch mit aller Kraft nicht zu füllen vermochte. Ihm war mulmig zumute. Warum konnte er sich an so wenig erinnern? Es war zwar schon ein paar Jahre her, doch da musste mehr sein! Das konnte es nicht gewesen sein! Er kniff die Augen zu, versuchte sich erneut zu konzentrieren und gab nach wenigen Minuten auf. Nichts. Keine Marie, keine Anämie, kein Behandlungsfehler. Und doch musste etwas vorgefallen sein, dachte er mit Blick auf die seltsame Reaktion seiner ehemaligen Kollegin Tanja. Er griff nach seinem Telefon und durchsuchte die Kontaktliste. Tatsächlich. Er hatte Tanjas private Nummer noch eingespeichert. Das war die einzige Möglichkeit herauszufinden, was geschehen war. Er drückte auf den grünen Hörer und betete, dass die Nummer noch stimmte.

***

Als das Freizeichen die Stille in seiner Wohnung durchschnitt, nahm Elias erneut das Handy in die Hand und wollte die Bilder noch einmal durchscrollen. Doch die Galerie war leer. Fast leer. Nur ein Bild, das er zuvor nicht gesehen hatte, war auf dem Display in einer kleinen Vorschauansicht zu sehen. Er traue seinen Augen nicht. Immer wieder öffnete und schloss er die App, doch die restlichen Bilder blieben verschwunden. Er hatte doch nichts verändert? Oder doch? Hatte er die Bilder aus Versehen gelöscht? Das hätte er doch gemerkt, oder nicht? Und wie kam dann dieses eine Bild in die Galerie? Er konnte es ja nicht die ganze Zeit übersehen haben, so oft wie er die Galerie nun schon geöffnet hatte. Das Freizeichen wurde immer lauter und schriller, oder zumindest kam es Elias so vor. Tanja schien wohl nicht zu Hause zu sein. Er tippte auf das Bild und erschrak, sodass ihm das Handy aus der Hand fiel und mit dem Bildschirm nach unten auf dem Tisch landete. Das ist unmöglich, dachte Elias. Es kam ihm vor wie eine Fata Morgana, wie Wahnvorstellungen – wie ein absurdes Spiegelbild. Vorsichtig, als würde das Handy gleich in seiner Hand zu Staub zerfallen können, nahm er es in die Hand und drehte den Bildschirm um. Er selbst war auf dem Foto zu sehen. Er schaute direkt in die Kamera, mit abgemergeltem Gesicht, dunklen Augenringen und einem tief traurigen Ausdruck in den Augen. Er erkannte sich kaum wieder und doch war er es. Im Ärztekittel im Bereitschaftraum des Klinikums. Der gleiche Raum, der auch schon auf dem zweiten Bild zu sehen war.
„Hallo?“ erklang es plötzlich aus dem Hörer, den Elias weiterhin an sein Ohr gepresst hielt. Tanja hatte doch noch abgehoben. „Wer ist da?“ Elias räusperte sich. „Ich bin’s, Elias. Ich… ähm… sorry, ich wollte nicht…“, fing er, noch völlig von dem Bild verstört, an zu stottern. „Ist alles ok bei dir?“, fragte Tanja hörbar verwirrt. „Ja“, erwiderte er reflexhaft und korrigierte sich sofort, „nein, eigentlich ist nichts okay. Ich brauche deine Hilfe.“ Und dann schüttete er ihr sein Herz aus. Die Worte quollen nur so aus seinem Mund und ihm wurde bewusst, wie ihn die letzten zwei Tage belastet hatten. Nachdem sein Redeschwall beendet war und er Tanja die ganze Geschichte vom Öffnen des Briefkastens bis zu seiner Fahrt zum Friedhof erzählt hatte – das Foto von ihm selbst und das seltsame Verschwinden der restlichen Fotos auslassend – atmete er tief durch und setzte zu seiner eigentlichen Frage an: „Kurz bevor ich die Klinik verlassen habe, da ist etwas vorgefallen, oder? Und ich weiß, dass du mich ohnehin jetzt für völlig durchgeknallt halten musst aber zu all dem kommt noch: Ich kann mich an nichts davon erinnern. Als ich dich gestern auf dem Flur der Station getroffen hab, konnte ich wirklich nichts mit deinen Vorwürfen anfangen. Aber du scheinst ja etwas zu wissen. Also, was ist damals passiert?“ Es war still in der Leitung. Tanja hatte ihn nicht einmal unterbrochen und geduldig zugehört. „Das ergibt Sinn“, sagte sie. „Also ich meine dein Auftreten gestern. Ich dachte echt, ich würde dich nach deinem Rauswurf nicht wiedersehen, auch weil dich die ganze Sache so kaputt gemacht hat und Abstand von der Klinik nach all dem wirklich das Beste für dich war. Und scheinbar hat es dich kaputt gemacht, aber auf eine ganz andere Weise als ich es für möglich gehalten hätte…“ Rauswurf? Die Sache? Elias konnte nicht viel damit anfangen, ließ Tanja aber weiterreden. Scheinbar kam er dem Ende seiner Schnitzeljagd immer näher, auch wenn er sich erneut nicht sicher war, ob er das wirklich wollte. „Du warst schon vor dem Vorfall länger seltsam drauf. Ich wusste zwar, dass du Schlafstörungen hattest aber das war nicht nur Müdigkeit, da war noch etwas anderes. Es wurde immer schlimmer, du warst zeitweise wie in Trance nach deinen Pausen auf der Station aber das besserte sich immer wieder recht schnell. Bis zur nächsten Pause, bis zur nächsten Schicht, da ging es dann von vorn los. Du warst… irgendwie anders. Nicht so aufgeweckt wie sonst. Manchmal fingen deine Hände an zu zittern, du bist unsicher gelaufen, wirktest verwirrt. Spätestens da war ich nicht mehr die einzige, die es bemerkt hat, aber auch alle anderen haben dich gedeckt. Du warst und bist ein guter Arzt Elias, du konntest nur dem Stress nicht standhalten.“ In Elias‘ Kopf ratterte es. Plötzlich blitzten bruchstückhafte Erinnerungen in seinem Kopf auf, bis er schließlich erneut das erste Bild des Handys vor Augen hatte: Die Packungen Midazolam. Ein Beruhigungsmittel, was typischerweise vor Operationen verabreicht wird. Schnell wirksam und hilft beim Einschlafen. Es wirkt angstlösend, spannungslösend, beruhigend – und führt schnell zu psychischer Abhängigkeit. Mit einigen Nebenwirkungen. Er konzentrierte sich wieder auf Tanja. „Dann kam Marie in die Station, alles schien recht unkompliziert. Es gab einen Verdacht auf Anämie, die Blutergebnisse bestätigten das und du ordnetest eine Knochenmarktpunktion an, um die Ursache herauszufinden. Und ab dann ging alles schief. Der OP-Plan wurde geändert, ich weiß schon gar nicht mehr warum, aber deine Patientin kam früher dran als geplant und du wurdest aus der Pause gerufen.  Ich habe dich kurz vor dem Eingriff noch gesehen, du wirkest etwas fahrig und unkonzentriert, hast gar nicht auf mich reagiert und bist schnurstracks an mir vorbeigelaufen. Nachher habe ich dann mitbekommen, dass es Komplikationen gegeben haben muss. Wenn ich das alles noch richtig in Erinnerung habe, schien zunächst alles normal gelaufen zu sein, doch dann hat deine Patientin starke Schmerzen bekommen. Weil sie ja noch nicht so alt war, wurde wohl erst vermutet, dass sie etwas übertreibt, denn natürlich tut die Einstichstelle noch etwas weh. Aber als dann klar wurde, wie ernst die Lage war, war es bereits zu spät. Auch mehrere Notoperationen konnten sie nicht mehr retten. Sie war innerlich verblutet, Elias. Du hast bei der Punktion die Hauptarterie getroffen. Sie starb wenige Tage später im Krankenhaus.“ Tanja verstummte, die letzten Worte hatte sie sehr leise und bedächtig ausgesprochen. Auch ihr schien die Sache nach wie vor nahe zu gehen. Als Elias immer noch nichts sagte fuhr sie fort: „Ich glaube, ich war nicht die einzige, die wusste, dass du ein Problem hast und, dass dieses Problem wohl zu diesem Behandlungsfehler geführt hat. Aber du hattest verdammt viel Glück. Keiner hat dich verpfiffen und auch die Familie der Patientin hat keine Klage eingereicht. Ich weiß nicht warum, vielleicht hatten sie für Anwälte nicht genug Geld oder wussten ganz einfach nicht, wie sie gegen dich vorgehen sollten – aber das hat dir den Arsch gerettet. In der Nähe hat eine Arztpraxis einen Nachfolger gesucht, du konntest aus dem Klinikum raus, deine Zulassung behalten und weiter – ohne den Klinikstress – praktizieren.“ Elias brachte kein Wort heraus. Nach einigen Sekunden ließ er das Telefon sinken und hörte noch, wie Tanja fragte, ob er noch am Apparat sei. Doch er reagierte nicht. Perplex starrte er auf das Foto von ihm selbst und zweifelte mehr als je zuvor an seiner eigenen geistigen Verfassung. Er fuhr mit dem Finger über den langen Kratzer auf der Rückseite, bis seine Fingerspitze auf dem Fingerabdrucksensor lag. Wenn das Handy von ihm selbst als gestohlen gemeldet wurde, seine Fingerabdrücke zum Entsperren eingespeichert waren, war es dann wirklich ein fremdes Handy? Waren die anderen Fotos jemals tatsächlich da gewesen oder nur ein Streich seiner Sinne, seines Unterbewusstseins, dass ihm die Wahrheit vor Augen führen wollte? War er wirklich so von der Realität abgedriftet?
Er schaute auf das Bild von ihm selbst und erstarrte. Ein Gedanke verfestigte sich in seinem Kopf. Er vergrößerte das Bild auf das hinter ihm liegende Fenster und kniff konzentriert die Augen zusammen. Wer hatte das Foto gemacht? Wer war die Person auf dem Bild, die sich vage in dem Fenster hinter Elias spiegelte und dessen Silhouette ihm so vertraut vorkam?

2 thoughts on “Lege Artis

  1. Hallo Janina,

    auch wenn du schon lange nicht mehr online warst, möchte ich dir einen Kommentar (und ein Herz) dalassen.

    Mich hat der Titel deiner Geschichte angesprochen, da mein Sohn diese beiden Worte tätoviert hat, er ist Phsiotherapeut.
    Wenn man bedenkt wie jung du noch bist, ist die Geschichte wirklich tell geschrieben, und es wundert mich warum du nicht mehr Likes hast.

    Ich war von Anfang an gefesselt, allerdings fand ich das Ende etwas zu offen. Aber evtl. ist deine KG ja der Prolog zu einem Roman???

    Deinen Schreibstil finde ich ganz gut, aber einige Beschreibungen oder adjektive wiederholen sich zu oft. Z. b. die zittrigen Hände oder „er fokussierte“ sich. Man könnte evtl. auch mal die schwitzigen Hände oder Schweißnassen Hände benutzen oder statt fokussieren einfach konzentrieren.

    Aber du bist ja noch jung, mit etwas Übung könnte aus dir durchaus eine Autorin werden.

    Ich wünsche dir alles Gute und bleib gesund.
    Falls du doch noch einmal hier rein schaust, würde ich mich freuen, wenn du meine Geschichte „Ende Gut?“ auch lesen würdest.
    Liebe Grüße
    Monika

  2. Moin Janina,

    da hab ich zum Schluss des Wettbewerbs aber noch ne tolle Storie entdeckt! Wirklich gut erzählt!
    Dein Plot ist klasse durchdacht und deine Schnitzeljagd sehr spannend formuliert.
    Dein Ende gefällt mir richtig gut. Viele Fragen und die Antworten darauf darf jeder für sich selbst interpretieren. Klasse! So mag ich das!

    Deine erste Geschichte? Schreib auf alle Fälle weiter, denn das wichtigste Handwerkszeug eines Autors hast du in dir. Fantasie und Kreativität.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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