Lena KühnLily

12+

 

…Genießen Sie die letzten Sonnenstrahlen, bevor es in den nächsten Tagen regnerisch und kalt wird!“, plaudert es gut gelaunt aus dem Radio. „Und jetzt: Musik!“
Caroline dreht das Radio leiser und wendet ihr Gesicht den Sonnenstrahlen zu. Wie jeden Morgen sitzt sie am reich gedeckten Frühstückstisch und startet in aller Ruhe gemeinsam mit ihrem Mann Victor in den Tag. Ein halb abgebissener Toast liegt auf dem Frühstücksbrett, die Zahnreihe gut zu erkennen. Perfekt. Makellos. Genau so, wie Carolines Leben derzeit zu sein scheint. Erst vor Kurzem sind alle Renovierungsarbeiten in der gerade bezogenen Wohnung abgeschlossen worden und es liegt nach wie vor der Geruch frischen Holzes, neuer Möbel, in der Luft.
Caroline schließt die Augen, wärmt ihre Hände an einer suppenschüsselartigen Kaffeetasse. Gedanklich bereitet sie sich auf den heutigen Tag vor und beschließt mit dem Fahrrad zur Universität zu fahren, an der sie als Professorin tätig ist. Sie mag den Umgang mit vielen verschiedenen Menschen, jedoch wirkliche nahe kommen darf ihr nur eine Person und die sitzt zeitungraschelnd auf dem Stuhl gegenüber.
Caroline beobachtet Victor, wie er die soeben gelesene Zeitung akribisch faltet, bis man ihr nicht mehr ansieht, dass sie bereits auseinandergenommen und ihr Inhalt genau gelesen wurde. In Victors Gegenwart fühlt Caroline sich ebenfalls häufig schutzlos offen. Sie lässt es zu, ist er doch der Einzige, der sie versteht. Ihre kühle, distanzierte Art wirkt auf die meisten Menschen befremdlich, doch Victor akzeptiert sie. Akzeptiert, dass sie ihn eindringlich mustert, während er die Hemdsärmel runterschiebt und seine Manschettenknöpfe mit einer geübten Handbewegung schließt. Auch er wird in Kürze den Weg zu seinem Arbeitsplatz antreten.
Victor tritt vor den Spiegel an der Wand, rückt seine Brille zurecht, fährt sich noch einmal durch das gegeelte Haar und prüft den akkuraten Sitz des Selbigen. Ein selbstzufriedenes Lächeln, er hat alles im Griff.

Vergiss dein Smartphone nicht“, erinnert Victor, als er schließlich den Tisch abräumt. Caroline kramt in ihrer Tasche und erfühlt das kalte Silber. „Schon eingepackt“, murmelt sie. „Es liegt hier auf der Anrichte“, erwidert Victor eindringlich. Caroline erhebt sich. „Nein, ich habe…“ Sie bricht mitten im Satz ab und starrt auf die Anrichte. Irritiert blickt sie zwischen dem dort liegenden Smartphone und ihrer Tasche hin und her. „Aber das ist nicht meins“, beginnt sie, wird jedoch direkt unterbrochen. „Wem soll es denn sonst gehören? Wir hatten schließlich keinen Besuch.“ Der letzte Satz hängt schwer im Raum. Senkt sich wie eine Decke der Angst auf Carolines Schultern. Wir hatten schließlich keinen Besuch. Vermeintlich. Caroline fühlt sich für einen kurzen Moment von Victor bevormundet. Wie ein kleines Kind, dem man nicht glaubt. Sein forscher Ton ist ihr nicht entgangen. Trotzig greift sie nach dem Smartphone. „Es ist nicht meins! Siehst du, der PIN passt nicht!“ Sie tippt ihn ein und der Bildschirm entsperrt sich. Caroline schnappt nach Luft, als ein Bild aufploppt. Das, was sie sieht, lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Caroline spürt nicht, dass sie schwankt und sich auf der Anrichte abstützt. Sie bemerkt nicht, dass sie dabei die kurz zuvor abgestellte Kaffeetasse mit dem Ellenbogen hinunterfegt. Sie hört nicht, wie diese auf den Fliesen zerbirst. Sie sieht nicht, dass der Kaffee langgezogene Spritzer auf der perfekt geweißten Wand hinterlässt. Dunkle Hände aus der Vergangenheit, die nach ihr greifen. Und kein Entkommen ist möglich.

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Es ist nur ein kurzer Moment, für den Caroline ihre Fassung verliert. Aus der Schockstarre erwacht starrt sie auf ein Abbild ihrer selbst, aus einiger Entfernung und leicht verschwommen aufgenommen. Deutlich zu erkennen ist jedoch das Baby, das über ihre Schulter guckt. Caroline ballt eine Hand zur Faust, sodass die Knöchel sichtbar hervortreten. Blutrauschen in ihrem Kopf, äußerlich verfestigt sich eine harte Miene. Sie nimmt das Smartphone an sich, schaltet den Bildschirm aus und verstaut es auffällig beiläufig neben ihrem Smartphone in der Tasche.
„Du hast Recht. Ich hätte es fast liegenlassen“, presst sie hervor. Victor betrachtet sie eingehend. „Geht es dir gut?“ „Ja…ja. Natürlich. Mir ist nur… kurz schwindelig geworden. Die Hitze…“, winkt sie ab und sieht fluchend an ihrer kaffeedurchtränkten Hose herunter. Sie sammelt dann jedoch betont lässig die Scherben zusammen, lächelt ihren Mann an. Die Härte in ihrem Blick entgeht ihm nicht, spiegelt sich in seiner undeutbaren Miene, während Caroline nach Fassung ringt. Energisch reibt sie mit einem nassen Lappen an der Wand entlang, um die Spuren ihres kurzen Kontrollverlustes zu entfernen. Anschließend verschwindet sie im Schlafzimmer, um sich eine saubere Hose anzuziehen.
Dort setzt sie sich für einen kurzen Augenblick auf ihr Bett, schließt die Augen und atmet tief durch. Etwas zieht und zerrt an ihrem Inneren, sodass sie befürchtet, sich von der aufsteigenden Panik übermannen zu lassen. In ihr toben unausgesprochene Fragen. Fragmente der Vergangenheit, zersplitterte Erinnerungen. Aufgefächert, schutzlos.

Mit einem Ruck erhebt Caroline sich, betritt erhobenen Hauptes den offenen Wohn- und Küchenbereich und räumt den Tisch zu Ende ab. Schiebt die Stühle ran. Stellt die äußere Ordnung wieder her. Victor steht nach wie vor neben der Anrichte, als habe er sich keinen Millimeter bewegt. Seine Augen registrieren jede ihrer Bewegungen, ruhen ruhig auf ihr. Etwas in seiner Ausstrahlung hat sich verändert, weiche, korrigierte Konturen. „Weißt du…“, setzt sie an und lässt leere Worthülsen verklingen.
Dann spürt sie die Wärme um sich herum, den starken Griff vertrauter Arme. Den Körper, den sie fast besser zu kennen glaubt als ihren eigenen. Seinen Geruch, ein Gemisch aus Waschmittel, Aftershave und sonnengewärmter Haut.
„Was weiß ich?“ flüstert er behutsam. Doch sie möchte nicht antworten. Sie möchte nur seinem gleichmäßigen Herzschlag lauschen, seine sich hebende und senkende Brust wahrnehmen, sich zu Hause fühlen. Angekommen. Angekommen in diesem Leben, angekommen in ihrer heutigen Identität. Caroline erinnert sich wieder daran, warum sie Victor liebt. Er ist ihr Anker in die Jetztzeit. Wirf ihn aus und halt dich fest daran. Lass ihn nicht los. Lass ihn bloß nicht los…


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Caroline packt ihre Skripte zusammen. Die heutigen Vorlesungen haben sie vom morgendlichen Durcheinander abgelenkt und ihr die Chance gegeben, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen als mit sich selbst. Noch herrscht großer Tumult im Vorlesungssaal. Zu hören sind lautes Reden, hochklappende Sitze, Schuhe auf Holz. Der Moment, in dem alle Studierenden den Saal verlassen haben, ist jedes Mal ein einsamer. Vollkommene Stille im Gegensatz zum vorherigen Trubel.

 

Caroline denkt kurz an ihr eigenes Studium zurück, diese unbeschwerte Zeit, in der sie noch eine ganz andere Person war. Im Nachhinein ist immer alles besser, wird durch jedes Erinnern verändert, verschönert, wenn auch nur minimal. Das Klicken der Schnalle ihrer Tasche verursacht einen lauten Widerhall, lediglich übertönt vom resoluten Klackern ihrer Absätze, und holt Caroline zurück in die Gegenwart. Sie schiebt den Stuhl heran und wischt die Tafel, entfernt Wissensfragmente. Caroline hinterlässt keine Spuren. Bis heute Morgen glaubte sie, das noch nie getan zu haben.

 

Caroline begibt sich auf den Heimweg durch ein kleines Waldstück mit Wanderern und Hundespaziergängern, Vogelgesang und Rauschen in den Bäumen. Fahrtwind in ihrer Kleidung, in ihren Haaren, wie streichelnde Hände. Die kleinen Erschütterungen durch das Fahren auf unebenem Boden wirbeln ihre Gedanken durcheinander. Gedanken an das Foto und an ein anderes Leben, an eine andere Identität. Was ist Identität? Caroline stellt sie sich als einen unsichtbaren Rucksack mit vielen Utensilien vor, den jede Person mit sich trägt. Er beinhaltet alles, was eine Person einzigartig macht: Angefangen mit Äußerlichkeiten, offensichtlichen Identitätsmerkmalen, wie dem Aussehen, der Kleiderwahl, aber auch den Fingerabdrücken. Und die inneren Merkmale sind möglicherweise noch zahlreicher. Charakter, Temperament, Dazugehören wollen oder nicht, die Suche nach Abgrenzung der eigenen Individualität, um Identität herzustellen, sich selbst zu finden… Kann man sich selbst finden? Kann man sich immer wieder neu finden?

Eine Carolines größter innerer Anstrengungen ist es schon seit langer Zeit, einen Teil ihrer Identität zu unterdrücken und zu verbannen. Die dunkle Seite, die in jedem von uns steckt. Gefährlich wird es, wenn die Dunkelheit die Überhand gewinnt und alles überschattet.

Caroline ist in ihrem Alltag fortwährend darauf bedacht, trotz Ausblendung dieses Anteils kongruent zu sein, ein harmonisches Bild ihrer Handlungen zu zeigen, verbal und nonverbal übereinzustimmen und die Illusion heraufzubeschwören, ihren inneren Zustand mit äußerem Verhalten in Einklang zu bringen. Die Extraktion des Bösen verweilt konzentriert und tief vergraben auf dem Boden des wasserdichten Rucksacks. So lange ausreichend Gewicht auf ihr liegt, wird sie verborgen bleiben.

Caroline wird jäh aus ihren Überlegungen hochgerissen, als sie mit ihrem Fahrrad über eine Wurzel fährt. Sie erinnert sich, dass Lily Karottenbrei mochte. Und sie erinnert sich, dass in diesem Wald ein Teil ihrer Vergangenheit begraben liegt.

Welche Parameter erfassen Carolines Identität? Caroline. Eine Frau, weiß, deutsch, Mitte 30.
Kluge, zahlenliebende Universitätsprofessorin, charmant, gutaussehend, zugewandt, sich ihrer Stärken bewusst.
Ehefrau und Wohnungsbesitzerin.

Kindermörderin.

 

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Wie war dein Tag?“, fragt Caroline und überschlägt ihre Beine auf der Bank, die Hand in Victors gelegt. „Zahlenlastig“, antwortet dieser, bevor er ausführlicher berichtet. Sie hatten sich entschlossen, die letzten Ausläufer des Nachmittags im Park zu verbringen. Victor beendet seine Ausführungen und es folgt Stille. Angenehme Stille. Caroline mag es, in Zweisamkeit zu schweigen. Ist man jemandem nicht dann erst nah, wenn man keine Worte braucht und es dennoch angenehm ist, Zeit miteinander zu verbringen? Sie hängt ihren Gedanken nach.

Jäh durchbrochen wird die Stille von einer vorbeischlendernden Familie. Vater, Mutter, zwei kleine, lachende, tobende, schreiende Kinder. Victor beobachtet sie. Caroline beobachtet ihn. Spürt die Sehnsucht in seinem Blick und eine emotionale Wand, die sich zwischen ihnen aufbaut.
„Meine Kollegin ist schwanger“, erwähnt er leise. Instinktiv zieht sie ihre Hand von seiner zurück, eine Sorgenfalte auf ihrer Stirn. Sie weiß, was er damit ausdrücken möchte. Ihre Ehe war bisher kinderlos geblieben. Carolines Ansicht nach aus gutem Grund, aber das würde Victor nicht verstehen.
Caroline steht auf, geht ein paar Schritte, flieht vor den auftauchenden Empfindungen. Unwillkürlich reibt sie sich ihre Handgelenke und erinnert sich an den Schmerz, die Blutergüsse, als der Unbekannte sich von ihr nahm, was er wollte und sie gebrochen in der dunklen Nacht zurückließ. Mit einem Andenken, einem Kind. Aus der Vergewaltigung war Lily entstanden und Caroline hatte sich nie fähig gefühlt, dieses Kind zu lieben. Dieses Kind, das sie für immer an das schlimmste Erlebnis ihres Lebens erinnern würde.

Caroline hat Victor nie von diesem Vorfall erzählt und auch nicht davon, bereits ein Kind gehabt zu haben. Es gehört nicht in ihr aktuelles Leben. Und doch wünscht sich Victor nichts mehr als seine kleine Familie mit einem Kind zu vervollständigen, ein immer wiederkehrendes Thema. „Caroline…“ Victors Arm, der sich um ihre Schulter schiebt. „Ich…“ „Nein!“, unterbricht sie, bevor er weiter sprechen kann. „Ich verstehe dich nicht“, beginnt er erneut. „Ich will nicht darüber reden“, erwidert sie scharf, löst sich von ihm und stapft etwas schneller davon. Nach kurzer Zeit holt Victor sie ein, geht schweigend neben ihr her. Das Spazieren durch die Natur hat eine beruhigende Wirkung auf sie beide, erdet und verbindet. Als ob nichts gewesen wäre.

Der Kies knirscht hörbar unter ihren Füßen. Beim Unterwandern einer Brücke verändert sich das rhythmische Geräusch zu einem lauter werdenden Hall. Caroline bleibt stehen, um die graffitibeschmierten Pfeiler zu betrachten. „Ich war hier“, liest sie laut vor. „Sehr einfallsreich“, kommentiert Victor nüchtern. Außerdem sind eine Reihe obszöner Worte sowie unleserliche Schriftzeichen zu sehen. „Von Kunst kann man nicht gerade sprechen“, stimmt Caroline zu, bleibt jedoch an einem nicht zum Rest passenden Satz hängen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Victor zieht skeptisch die Augenbrauen in die Höhe. „Ein Bibelzitat?“ Caroline nickt und zieht ihn schließlich weiter. Auf ihren Armen hat sich eine Gänsehaut gebildet, unter der Brücke fehlt die wärmende Sonne.
„Rache… Was für ein herrlich philosophisches Thema…“, sinniert Victor. „Und so süß…“ Ein verklärtes Lächeln tritt auf sein Gesicht. „Aber sonst geht es dir gut?“, erwidert Caroline mit gespielter Besorgnis. „Mir ist nicht nach Philosophie“, ergänzt sie noch, verhakt ihre Finger in seinen und zieht ihn weiter in das wärmende Licht.

 

Als sie die Wohnung betreten, schlägt ihnen ein süßlicher Geruch entgegen. Auf dem Küchentisch steht eine Vase mit einem Strauß weißer Lilien. Caroline wirft Victor einen fragenden Blick zu. „Seit wann kaufst du mir Blumen?“ Ihr Mann schließt die Tür, zieht Jacke und Schuhe aus, bevor er antwortet: „Die sind nicht von mir. Sie wurden vorhin geliefert.“
Jetzt bemerkt Caroline das kleine Schild des Blumenhandels und begutachtet es. Victor kommt näher, blickt über ihre Schulter auf ihre Finger, die das Schild drehen, ohne einen weiteren Hinweis des Absenders zu finden.
Victors Hände suchen streichelnd den Weg in eine Umarmung, die Caroline kaum wahrnimmt. Doch sie spürt seinen Atem an ihrem Hals. „Sag es mir“, flüstert er. „Hm?“, erwidert sie, ihn kaum beachtend. Im Gegensatz zu seinen zärtlichen Gesten sind Victors nächste Worte durch ein bedrohliches Zischen gefärbt. „Wer ist dein heimlicher Verehrer?“ Caroline bleibt stumm. Ihre Fingerspitzen streichen über die Blumen. Weiße Lilien gelten als Zeichen von Unschuld, Reinheit. Bekannt als Blumen der Toten, häufig auf Beerdigungen zu sehen. Vor Carolines innerem Auge taucht das Bild eines Kindersarges auf. Tischlern, ihr verborgenes Talent.
Caroline hat keine Angst mehr. In ihr steigt lediglich kalte Skrupellosigkeit auf, während sie einen Entschluss fasst: Sie wird ihren Verehrer finden.

 

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Tick Tack. Tick Tack. Tick Tack. Caroline starrt an die Decke, an der sich die nächtlichen Schatten widerspiegeln. Sie lauscht dem Ticken der Uhr, lauscht dem regelmäßigen Atmen ihres Mannes. Auch der Atem tickt, zählt die Sekunden bis zum Tod. Das blasse Mondlicht malt sein Gemälde auf Victors Oberkörper, nur teilweise von der Bettdecke verhüllt, fast skulpturesk. Caroline fixiert Victor, streicht ihm sacht mit einem Finger die Haare aus der Stirn. Auf den ersten Blick eine liebevolle Geste, auf den zweiten ein Test. Er schläft. Er schläft wirklich.
Caroline erhebt sich langsam aus dem Bett, schlüpft in Jeans und Pulli. Sie ist darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, weiß, welche Dielen knarren, sodass sie einen umständlichen Tanz vollführt. Schließlich zieht Caroline die Tür ins Schloss, das Schnappen hallt vermeintlich laut in ihren Ohren wider. Sie verharrt einen Augenblick, es ist nichts zu hören. So setzt Caroline ihren Weg in die laue Sommernacht fort, auf der Suche nach Antworten.

Draußen fühlt Caroline sich frei, erreicht nach kurzer Zeit das nahe gelegene Waldstück und nimmt dort keine Rücksicht mehr. Äste knacken unter ihren zügigen Schritten. Caroline leuchtet sich den Weg bis zu einem Baum mit Loch in der Mitte. Den Ort ihrer Geheimnisse würde sie immer wiederfinden.
Sie beginnt, mit bloßen Händen im Waldboden zu graben. Natürlich hätte sie auch das Baumloch als Versteck nehmen können, doch das wäre zu einfach gewesen. Carolines Fingernägel splittern, Erde setzt sich unter ihnen fest. Sie war schon lange Zeit nicht mehr hier, hat sich nicht an ihre im Boden vergrabene Vergangenheit herangewagt. Dort liegt sie vor ihr, eine kleine Metallkiste.
Caroline befreit die Kiste von der Erde, atmet tief durch und öffnet sie. Zum Vorschein kommen ein Schnuller, ein kleiner Plüschhase sowie ein Strampelanzug. Mit zittrigen Händen greift Caroline danach, spürt den zerschlissenen Stoff. Ihre Atmung beschleunigt sich, das Herz pocht stark gegen die Brust, strengt sich so sehr an, die aufkeimende Gefahr anzukündigen.

Unkontrollierte Bilder tauchen vor Carolines innerem Auge auf. Dieses kleine Geschöpf, das sie anlächelt, zerbrechliche Fingerchen, die nach ihr greifen. Ein schutzloses Wesen, das sein Leben in ihre Hände legt und ihr bedingungslos vertraut. Caroline spürt den warmen, schweren Kinderkörper in ihren Armen. Sie hört Lilys Weinen ebenso wie ihr fröhliches Brabbeln. Lily war noch zu jung, um Worte zu formen, damals, zum Zeitpunkt ihres Todes.

Caroline versucht krampfhaft, die aufkommenden Erinnerungen bei Seite zu schieben. Am Boden der Kiste liegt noch etwas: ein Notizbuch. In diesem Notizbuch hat Caroline all ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Alle Gedankenfragmente, die sie vergessen hatte und die sich ihr im Laufe der Jahre gezeigt haben. Es sind einzelne Puzzleteile, die sie zu einem großen Ganzen zusammenzufügen versuchte, was ihr bisher nicht gelungen war. Es kostet Caroline Überwindung, das Buch zu öffnen und all das Grauen zu lesen. Dennoch tut sie es, in der Hoffnung, in ihren wirr aufgeschriebenen Gedanken Spuren und Lösungen zu finden. Wer ist es, der ihr so viel Leid zugefügt hat? Wie hat er sie aufgespürt und warum schickt er ihr jetzt diese eindeutigen Botschaften?
Caroline überfliegt die Seiten, ihre flüchtige Schrift, hält das Zeugnis der Vergewaltigung in den Händen. Sie erinnert sich nicht an ihn, ein Fremder, und doch klammert sie sich an die einzigen Indizien, die sie hat. Es war dunkel und seine Kapuze, tief ins Gesicht gezogen, ließ nichts von Selbigem erkennen. Die Ereignisse ziehen wie ein Film erneut an Caroline vorbei. Sie spürt die Wut und die Verzweiflung erneut, die sich damals jedes Mal in ihrem Körper befand, wenn sie Lily sah. Die Wut und die Verzweiflung, die sie übermannt, sich in Kraft umgewandelt hatten und Lily immer wieder gegen die Wand schleuderten. So lange, bis sie verstummte. Es hat nicht geholfen, es hat nichts besser gemacht.

Kurz nach Lilys Tod trat Victor in ihr Leben, umwarb sie, war da, gab ihr das erste Mal seit langer Zeit Sicherheit und das Gefühl von Stabilität in ihrem einsturzgefährdeten Emotionshaus. Sie war mit ihm gegangen in diese Stadt, nach kurzer Zeit bei ihm eingezogen. Und sie hatte mit allen Menschen gebrochen, die ihr vorher wichtig waren. Nach einschneidenden Erlebnissen gibt es für immer ein Vorher und ein Nachher.
Und jetzt, gerade jetzt, als Caroline mit Victor in ihre erste gemeinsame und eigene Wohnung gezogen war, gerade jetzt, als es in ihrem Job gut lief und gerade jetzt, als sie mit ihm glücklich werden wollte, greifen die Schatten der Vergangenheit nach ihr. Caroline hatte ihre Erinnerungskiste in diesem verlassenen Waldstück vergraben, damit Victor nicht zufällig auf ihre Einträge stoßen würde. Sie wollte vermeiden, dass ihre heile Welt erneut ins Wanken geriet.
Caroline bemerkt, dass sie tränenüberströmt ist, als das erste salzige Wasser in das Buch tropft und die Seiten wellt. Es ist, als ob sie aus ihren Erinnerungen auftaucht und wieder wahrnimmt, wo sie sich befindet. Mitten im Wald, mitten in der Nacht, ganz allein.
Sie schlingt die Arme um ihren Körper, hält sich fest und wiegt sich sanft. Dazu schließt sie die Augen, atmet tief durch, spürt Erschöpfung. Und dann… Schritte. Caroline vernimmt Schritte. Regelmäßige, beständige Schritte, die immer näher kommen.
Caroline ist schockerstarrt, kann sich nicht rühren, obwohl sie verzweifelt versucht, ihre Taschenlampe auszuschalten. Den verräterischen Lichtschein, der inmitten dieses dunklen Waldes ihre Anwesenheit geradezu spöttisch herausschreit. Wer auch immer auf sie zukommt, muss das Blut in ihren Adern rauschen hören und das Herz pochen, das fast aus ihrem Körper zu springen scheint.
Die Person geht zielstrebig auf sie zu. Das tänzelnde Licht ihrer Taschenlampe blendet Caroline, senkt sich schließlich und sie erkennt… Victor. Sie erkennt ihn und doch kennt sie ihn nicht. Das, was sie sieht, ist eine Mischung aus kaltem Zorn und verächtlicher Verbitterung. In ihr schrillen alle Alarmglocken, sie will instinktiv zurückweichen und fliehen, ist jedoch noch immer wie gelähmt. Er beginnt zu sprechen, bedrohlich und leise.
„Du hast mir meine einzige Tochter genommen…“ Caroline schnappt hörbar nach Luft, Victor spricht jedoch unbedacht weiter: „Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich sofort, dass du die Mutter meiner Kinder sein wirst. Mit dir ist alles so… perfekt.“ Seine Stimme bricht und er hält kurz inne, sammelt sich. „Jetzt ist die Wohnung fertig renoviert, es ist der richtige Zeitpunkt.“ Entschlossen. „Victor…“, Caroline ahnt, was folgt. „Du wirst mir ein neues Kind schenken und dann wird alles gut. Dann wird es aufhören.“ „Nein…“, flüstert Caroline, versucht, ihn zu fokussieren. „Was hast du gesagt?“, Victor kommt näher. „Nein“, versucht Caroline es erneut, bestimmter. Victor scheint für einen Moment irritiert, der nächsten Schritte unschlüssig. Er setzt sich neben sie auf den Waldboden, legt den Kopf schief. Seine Finger greifen nach Caroline, streichen betont langsam über ihre Wange. Ihr Atem stockt, alles in ihr versteift sich. Im Licht der Taschenlampe sieht sie Victors Gesicht nur als grotesk verzerrte Fratze, die immer näher kommt. Es ist der betörende Wahnsinn, der aus ihm spricht: „Komm wir gehen. Komm mit, nach Hause.“
Sein Gesicht ruht an ihrem Hals, er hinterlässt heißen Atem auf ihrer Haut. „Und dann schenkst du mir ein Kind.“ „Nein…“, nur noch ein Flüstern, während Caroline sich zusammenkauert. Victor entfährt ein wütender Schrei. Er packt ihr Handgelenk, drückt es fest. „Dann wird es sein wie damals“, zischt er, was Caroline wieder zum Leben erweckt. Scheppernd fällt die Kiste zu Boden und Caroline nutzt den Überraschungsmoment, rappelt sich auf und reißt sich los. Sie ist jetzt im Fluchtmodus. Wut und Verzweiflung. Sie rennt, rennt, rennt, so schnell ihre Füße sie tragen. Sie strauchelt auf dem unebenen Waldboden, fällt und sofort ist Victors schwerer Körper auf ihrem, drückt sie nieder, gibt keinen weiteren Raum zur Flucht. Niemand hört ihn, den gellenden Schrei, der die Nacht zerreißt.

ENDE

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Danksagung:

An dieser Stelle möchte ich meinen korrekturlesenden Freunden danken, ohne die es die vorliegende Kurzgeschichte so nicht geben würde:

Sebastian Slaby, der mich mit seinen kritischen Fragen zeitweise fast in den Wahnsinn getrieben hat und nicht müde wurde, ständig neue Versionen der Geschichte zu lesen.

Sabine Kregel, deren schriftliche Rückmeldung ebenfalls dem Umfang einer (humoristischen) Kurzgeschichte entspricht.

Cora Mette, die ihre ehrliche Kritik sehr liebevoll verpackte und ganz ohne Bitten in dieser Danksagung auftaucht 😉

Außerdem möchte ich mich bei Sebastian Fitzek und allen Livestreamteilnehmenden für die tollen Tipps und Einblicke in ihre Arbeit bedanken sowie bei der Jury und Denjenigen, die im Hintergrund dieses Projektes arbeiten, um es zu ermöglichen.

Zu guter Letzt möchte ich mich bei den Personen bedanken, die für meine Geschichte gevotet haben.

12+

7 thoughts on “Lily

  1. Hallo Lena,
    ich habe deine Geschichte sehr gern gelesen. Dein flotter Schreibstil gefällt mir. Du hast es geschafft, die Spannung bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. 👍 Eine Sache ist mir jedoch nicht ganz klar. Wurde der Mord an dem Kind nie aufgedeckt? Wie kann das sein? Der Schluss kam für mich unerwartet. Es ist schon eine beklemmende Vorstellung, den eigenen Vergewaltiger zu heiraten und auch während des Zusammenlebens nicht zu erkennen. Diese Geschichte wird mich gedanklich noch eine ganze Weile beschäftigen.

    Ich würde mich freuen, wenn du auch meine Geschichte (Stunde der Vergeltung) lesen und kommentieren könntest. Falls sie dir gefällt, würde ich mich über ein Like riesig freuen.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stunde-der-vergeltung
    Liebe Grüße Angela 😊🙋🏼‍♀️

    1+
    1. Hallo Angela,

      es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. 🙂 Anfangs hatte ich überlegt, den Mord aufdecken zu lassen und auch der Zeit danach mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Vermutlich hätte das den Rahmen der Kurzgeschichte jedoch sehr gesprengt, deswegen habe ich mich dafür entschieden, dass (fast) niemand etwas davon mitbekommen hat (kaum Kontakte, neues Umfeld…).

      Deine Geschichte habe ich ebenfalls gelesen, ich kann sie hier nur jedem empfehlen, lest mal rein! 😀

      Liebe Grüße
      Lena

      0
  2. Ich finde die Geschichte echt gelungen und super zu lesen. Ich glaube, dass man sie auch noch strecken und ausbauen könnte, wenn man aus der Kurzgeschichte ein Buch machen würde. Dann könnte man die spannenden Passagen, bzw. die Pointen noch länger und damit noch spannender/mysteriöser gestalten. Das Ende kam für mich auch etwas überraschend. Sie hätte gerne noch länger sein können 🙂 Aber wir mussten uns eben kurz halten, mir ging es in meiner Geschichte „Maskeradenspiel“ genauso!
    Ich hoffe, dass du noch weitere Werke zu Papier bringst.
    Meinen Like hast du. Liebe Grüße!

    1+
  3. Hallo Lena,

    eine spannende Geschichte mit einem unerwarteten Ende. Mir gefällt Dein Schreibstil sehr, teilweise nur „Ein-Wort-Sätze“, die aber genau das Gefühl für die ausweglose Situation beschreiben, in der sich die Protagonistin befindet. Wie Sarah vor mir geschrieben hat, finde ich auch, dass der Plot Potenzial zu einem Roman hat. Ich würde mich freuen, mehr von Dir zu lesen.
    Liebe Grüße, Regine

    0
    1. Du hast einen spannenden, flüssigen Schreibstil und arbeitest die Personen gut und nachvollziehbar heraus – ich war jedenfalls von Anfang an richtig „drin“. Tolle Grundidee, ist mir in der Form bislang noch nicht untergekommen. Das Wort „Kindermörderin“ kommt daher wie ein Schock. Der Beweis, dass eine gute Story nicht unendlich viele Figuren braucht. Top!

      1+

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