LilianaMarias Geheimnis

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Es war 5:37Uhr als ich wie jeden Morgen in den Zug Richtung Hamburg stieg, um zur Arbeit zu fahren. Wie jeden Morgen war der Zug noch sehr leer. Nur vereinzelt saßen Leute in dem Abteil. Sie lasen ein Buch, tippten auf ihrem Handy oder schliefen, was ihnen um diese Uhrzeit gegönnt sein sollte. Doch ich fuhr gerne zu dieser Zeit Bahn, denn so hatte ich eine gute Chance auf einen Sitzplatz mit einem Tisch, auf dem ich meinen Laptop abstellen und noch eine Folge f.r.i.e.n.d.s gucken konnte. Das war meine Lieblingsserie. Ich wollte mich gerade auf einen der freien Plätze setzen, als mein Blick auf ein Handy fiel, das auf dem Tisch lag. Ich griff danach, sprang auf und lief einem Mann in einer braunen Jacke und mit einem schwarzen Rucksack hinterher. ,,Entschuldigen Sie, ich glaube Sie haben Ihr Handy vergessen!“, rief ich dem Mann hinterher, doch der hatte den Zug bereits verlassen, die Türen schlossen sich und der Zug fuhr weiter.

 

Zurück an meinem Platz beschloss ich mehr über den Besitzer des Handys zu erfahren.Wenn er an der Station, an der ich eingestiegen war, ausstieg, wohnte er vermutlich in meiner Stadt. Dann konnte ich ihm das Handy auch persönlich vorbeibringen und musste nicht zur Polizei.

 

Also versuchte ich das Handy zu entsperren. Es war ein vierstelliger Code eingestellt. Die ersten beiden Versuche 1234 und 5678 missglückten. Noch ein Versuch. Ich gab die Hoffnung auf. Bei so etwas hatte ich nie Glück. Mental bereitete ich mich darauf vor, heute Abend nach der Arbeit zur Polizeistation zu gehen und das Handy dort abzugeben.

 

Aus Spaß versuchte ich eine letzte Kombination. 2506. Mein Geburtstag war der 25. Juni 1990. Warum sollte ein Wildfremder das als seinen Pin benutzen? Trotzdem drückte ich auf Okay. Wie durch ein wunder oder viel eher, wie durch einen seltsamen Zufall, ließ sich das Handy entsperren. Was nun? Vielleicht hatte der Mann dort Bilder von sich.in der Galerie. Vielleicht hatte ich ihn ja schon einmal gesehen. Die Stadt, in der ich lebte war klein. Da kannte man die meisten Menschen vom Sehen. Aber als ich die Galerie öffnete, sah mich auf dem Handy wider Erwarten eine junge Frau an. Eine junge Frau mit dunkelblonden Haaren, grünen Augen und einem markanten Muttermal unter dem linken Auge. Diese Frau sah genauso aus wie ich. Ich stutzte. Woher hatte dieser Mann ein Bild von mir? Ich wischte weiter durch die Galerie und fand immer mehr Bilder von mir. Bilder, wie ich im Zug saß und auf meinen Laptop schaute. Bilder, wie ich den Weg zu unserem Bürogebäude entlang ging. Bilder, wie ich die Haustür aufschloss. Und Bilder, wie ich in der Küche vor dem Fenster stand und Essen kochte.

 

Mir lief ein eisiger Schauer den Rücken herunter. Stalkte mich dieser Mann? Woher wusste er wo ich wohnte? Wie lange beobachtete er mich schon und machte Bilder von mir?

 

Ich wischte ganz zum Anfang der Galerie. Das erste Bild zeigte mich am 20. April 2018. Heute vor genau zwei Jahren. Ich schluckte. Genau vor zwei Jahren zog ich in diese Stadt. Vor genau zwei Jahren änderte ich mein Leben komplett. Vor genau zwei Jahren wurde ich eine andere Person, weil ich mit der, die ich früher einmal war nichts mehr zu tun haben wollte. Vor genau drei Jahren starb sie. Maria. Meine beste Freundin. Immer wieder redete ich mir ein es war ein Unfall, ich könne nichts dafür. Aber wir alle wussten, dass es nicht so war, dass wir alle Schuld an ihrem Tod hatten und wir diese Schuld bis an zu unser Lebensende in uns tragen würden. Vor zwei Jahren und fünf Monaten hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich ging zu dem Ort, an dem sie starb. Zu dem Ort, an dem auch ich sterben wollte. Aber nicht starb. Denn gerade als ich den Cocktail an Pillen schlucken wollte, mich neben ihr Bild, das wir dort in Gendenken an Maria aufgestellt hatten, legen und friedlich neben ihr einschlafen wollte, entdeckte mich ein Jogger. Er rief den Krankenwagen und nach drei Monaten in psychischer Behandlung fasste ich den Entschluss mein Leben umzukrempeln. Ich machte mein Leben zu ihrem. Ich wollte ihren Traum leben. Ich dachte, dass sei ich ihr schuldig.

 

Also färbte ich meine von Natur aus roten Haare dunkelblond, um ihr ähnlicher zu sehen. Ich zog ans andere Ende von Deutschland, besuchte eine Journalismus Schule und tat all das, von dem sie immer geschwärmt hatte. Eine eigene Kolumne über Frauenrechte in einem der renommiertesten Magazine Deutschlands mit Sitz in Hamburg. Und hier saß ich nun im Zug auf dm Weg zu Arbeit. Ich schüttelte den Kopf. Auch, wenn heute der dritte Jahrestag ihres Todes war, wollte ich mich nicht an all das erinnern. Das war mein altes Leben gewesen. Jetzt war ich die neue Maria, in einem neuen Leben.

 

Eine Bahnmitarbeiterin kündigte die Endstation an und ich packte meine Sachen zusammen. Ich sah das Handy des fremden Mannes und beschloss es mitzunehmen, um den Vorfall später der Polizei zu melden. Aber soweit sollte es nicht kommen.

 

Polizei, wie ich dieses Wort hasste. Kurz nachdem wir festgestellt hatten, dass Maria nicht mehr atmet, dass sie tot war, besprachen wir, was wir der Polizei bei einem Verhör sagen wollten. Wir waren schließlich ihre engsten Freunde, früher oder später würde jemand auf uns zu kommen. Würde uns fragen, wo wir in dieser Nacht gewesen wären. Ob sie mit uns unterwegs war. Da wollten wir alle die gleiche Lüge erzählen und so tun als wäre es die Wahrheit, damit die Polizei oder sonst jemand nie dahinter kommt, was in der Nacht von Marias Tod geschah.

 

Zu unser aller Überraschung schien es tatsächlich funktioniert zu haben. Die Ermittlungen wurden wegen Mangel an Beweisen eingestellt und wir kamen davon.

 

Irgendwie wünschte ich die Polizei hätte die Wahrheit erfahren. Wir würden im Gefängnis sitzen oder hätten sonst eine Strafe erhalten. Alles war besser als diese Schuld, die wir nun unser Leben lang mit uns herumtrugen.

 

Das ungute Gefühl beschlich mich, die Fotos von mir auf dem Handy hätten irgendetwas mit ihrem Tod zu tun. Aber ich konnte mir nicht zusammenreimen was.

 

Ich verließ den Zug und machte mich auf den Weg zur S-Bahn Haltestelle. Gerade als ich in die Bahn steigen wollte, ging wieder dieser Typ mit der braunen Jacke und dem schwarzen Rucksack an mir vorbei. Ich schaute auf die Uhr. 7:00 Uhr. Selbst wenn ich die nächste Bahn in einer Viertelstunde nehmen würde, käme ich noch pünktlich zur Arbeit. Also hatte ich noch genug Zeit, dem Mann sein Handy zurück zugeben und ihn mit den Bildern zu konfrontieren. Ich drehte mich um und suchte nach dem Mann, konnte ihn aber in den Menschenmassen am Hamburger Hauptbahnhof nicht entdecken. Stattdessen sah ich voller Entsetzen ein Bild von mir auf einer dieser großen Werbetafeln. Es war eines der Bilder, die auch auf dem gefundenen Handy waren. Was ging hier vor sich? Ich schaute mich weiter um. Auf einer zweiten Werbetafel sah ich ein Bild von Marias blutverschmierter Leiche, auf einer dritten wieder ein Bild von mir und auch ein viertes Plakat zeigte Maria, mich und unsere Freunde in der Nacht ihres Todes. Mir wurde das alles zu viel. Wie konnten dieses Bilder hierherkommen? Ich sah von dem Bild von Maria zu dem unserer Freunde weiter zu dem Bild von mir. Alles drehte sich. Mir wurde schlecht. Ich ,musste hier raus. Langsam bemerkte ich, wie mich immer mehr Menschen ansahen. Sie erkannten mich von den Bildern. Unter den Bildern von mir und meinen Freunden erschien plötzlich der Schriftzug Mörder in blutroter Schrift. Wieder sah ich diesen Mann, doch dieses Mal lief er nicht von mir weg, sondern stellte sich direkt vor mich. Und da erkannte ich ihn und plötzlich ergab alles einen Sinn: Der Mann war Marias Zwillingsbruder. Er hatte mir damals, vor drei Jahren, auf Marias Beerdigung Rache gedroht. Er hatte all das hier geplant. Und weil ich wusste, dass Marias Tod auch aus ihm einen ganz anderen Menschen gemacht hatte und weil ich wusste, dass ich all das hier verdient hatte, bewegte ich mich nicht, als sich die Kugel direkt in mein Herz bohrte.

 

 

 

Ich schreckte hoch und sah mich um. Wie jeden Tag um 5:51 Uhr saß ich im Zug Richtung Hamburg. Wie jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit hatte ich diesen Alptraum. Wie jeden Tag fragte ich mich, wann all das Realität und die Vergangenheit mich einholen würde.

 

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2 thoughts on “Marias Geheimnis

  1. Hey Liliana (;

    mir hat deine Kurzgeschichten wirklich gut gefallen. Sie ist relativ kurz im Gegensatz zu denen, die ich bisher gelesen habe – was ich jedoch nicht als Kritik äußern würde. Meine Geschichte ist auch nicht so lang …
    Dein Schreibstil ist angenehm zu lesen und die Idee finde ich gut gedacht. .
    Vor allem überrascht hat mich, dass die Vergangenheit der Protagonistin sie immer wieder einholt – mit solch einem Ende habe ich nicht gerechnet.

    Liebe Grüße
    Sarah

    Wenn du möchtest, kannst du gerne auch meine Geschichte lesen, kommentieren und/oder Llken – sie heißt „Unschuldskind“.

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