Anika SawatzkiMein Schweigen

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Mein Blick huschte durch den Flur, dann traf er wieder auf den Mann zu meinen Füßen. Schwarze Haare, dunkler Teint, buschige Augenbrauen. Das Foto auf seinem türkischen Personalausweis stimmte mit seinem Gesicht überein.

Yusuf Demir.

Er hatte mich auf dem Marktplatz nach dem Weg gefragt. Da war er mir noch sympathisch gewesen. Auf dem Heimweg hatte ich ein eigenartiges Gefühl gehabt, aber das hatte ich öfter. Meine Schwester meinte, ich sei paranoid. Und vielleicht war ich das auch seit jenem Vorfall vor zwei Jahren. Aber heute sollte mich mein Gefühl nicht trügen.

Als ich die Haustür aufgeschlossen hatte, war er wie aus dem Nichts aufgetaucht. Er hatte mich von hinten gepackt und an der Schulter herumgerissen. Der Schlag kam unerwartet und heftig. Benommen taumelte ich rückwärts gegen die Flurwand. Ich riss die Arme hoch. Blut floss mir in den Rachenraum.

Nachdem ich mich vom ersten Schlag erholt hatte, nahm ich sofort Kampfhaltung ein. Ich führte den ersten Gegenschlag aus. Der Mann riss schockiert den Mund auf. Offenbar war ihm nicht bekannt gewesen, dass ich seit über fünfzehn Jahren Karate trainierte und in Besitz eines schwarzen Gürtels war. Man durfte Informatiker nun einmal nicht unterschätzen.

Nach fünf sauberen Treffern war er zu Boden gegangen. Ich hatte noch einmal nachgetreten. Ein Impuls, doch unnötig. Mein Trainer hätte mir dafür fünfzig Liegestütze aufgebrummt.

Wieder streifte mein Blick durch den Flur. Jeden Moment konnte einer meiner Nachbarn durch diese Haustür treten. Ich wog das Smartphone des Fremden in meiner Hand und biss mir auf die Unterlippe. Dann nickte ich einmal und tippte aufs Display. Fingerabdruck-Scan. Mein Blick fiel auf den Ohnmächtigen, neben dem ich in die Hocke gegangen war. Mit Leichtigkeit hatte ich das Handy entsperrt und durchsuchte seine Dateien.

Seine Fotos zeichneten das Bild eines liebevollen Familienvaters, wenn das alles wirklich seine Kinder waren. Die hübsche Schwarzhaarige war vermutlich seine Ehefrau. Ein Haus. Ein Auto. Mein Auto.

Mein Daumen stoppte. Ich schluckte schwer. Mein Auto. Ich beim Einsteigen; ich beim Überqueren der Straße vorm Firmengebäude; ich beim Öffnen des Briefkastens; meine Schwester Leo und ich im Supermarkt. Mein Herz setzte einen Schlag aus, nur um danach mit doppelter Geschwindigkeit weiter zu pumpen.

Ich war nicht paranoid. Ich bildete mir das nicht ein. Sie waren hinter mir her. Doch wer waren „sie“ eigentlich? Mit der Hand fuhr ich mir durchs Haar und lehnte mich gegen die Wand neben mir.

Ob ich ihn besser in unsere Wohnung brachte? Nein, er war viel zu schwer für mich allein. Außerdem war meine Schwester vielleicht schon von der Vorlesung zurückgekehrt? Was sollte ich ihr erzählen, woher ich diesen Mann kannte? Zumal er jeden Moment aufwachen konnte.

Ich musste jemandem von meiner Erkenntnis erzählen. Jemandem, der keine Fragen stellte. Jemandem, der mir Antworten geben konnte. Und wenn er sie aus diesem Kerl erst herauskitzeln musste. Ich hatte gesehen, wozu er in der Lage war.

Schnell kramte ich mein eigenes Smartphone heraus. Er hatte mir strengstens verboten, seine Nummer in meinem Handy zu speichern. Er hatte aber nie gesagt, dass ich das nicht außerhalb des Handys tun durfte. So ging ich ins Internet und suchte über die Cloud das Foto mit dem Titel „Leon“. Es zeigte eine ulkige Babyziege mitten im Sprung. Auf dem Schild unmittelbar hinter dem Tier stand eine elfstellige Nummer, dich ich nun anrief.

Bei jedem ertönenden Freiton stach mir die Ungeduld ins Herz. Warum nahm er nicht ab? Schließlich brach der Anrufversuch ab. Ob die Handynummer nicht mehr aktuell war? Aber er hatte mir geschworen, dass ich ihn jederzeit kontaktieren könnte, wenn ich in Schwierigkeiten war. Wahrscheinlich hatte er genau mit einem Zwischenfall dieser Art gerechnet.

Gerade wollte ich mein Handy wütend zurück in meine Tasche stopfen, da vibrierte es in meiner Hand. Ich nahm sofort ab.

„Was willst du, Nestor?“, erklang Aris gehetzte Stimme.  

„Ich hab ein Problem.“

„Was ist passiert?“

In wenigen Sätzen erklärte ich ihm, was geschehen war. Ari schwieg.

„Du hast gesagt, mir kann nichts passieren“, endete ich vorwurfsvoll.

„Dir kann nichts passieren“, sagte Ari mit ruhiger Stimme.

Ich sah die Haustreppe hinauf. „Was ist mit Leo?“

„Deine Schwester ist in Sicherheit.“

Vom Treppenhaus her vernahm ich Schritte. Sie kamen schnell näher. Ich richtete mich abrupt auf. Mein Puls beschleunigte sich beim Blick hinab auf den Mann zu meinen Füßen.

„Wo bist du jetzt?“, fragte Ari nach einer kurzen Pause.

Das brummen eines Automotors war zu hören.

„Ich sitze im Hausflur“, sagte ich laut. „Beethovenstraße 33.“

Am Ende des Flurs erschien eine Frau. Sie hielt einen schwarzen Müllsack in der Hand und beäugte mich verunsichert. Ihr Blick verharrte auf meiner Nase, während sie langsam nähertrat. Ich wischte mir mit dem Ärmel meines grauen Pullovers über die Oberlippe. Rote Flecken erklärten mir die misstrauische Miene meiner Nachbarin. Sie sah hinab zu dem Bewusstlosen. Ich lächelte die Nachbarin unbeholfen an und folgte ihrem Blick.

„Ich wollte ihm helfen. Da hat er mich attackiert. Wohl betrunken.“ Ich deutete auf den Hörer in meiner Hand. „Ich rufe schon den Notarzt. Keine Sorge!“

Sie runzelte zwar die Stirn, doch sah mitfühlend auf den scheinbar Betrunkenen hinab. Ohne weiteren Kommentar verließ sie das Haus. Die Tür fiel ins Schloss. Erleichtert atmete ich aus.

„Ich komm zu dir“, sagte Ari und legte auf.

Etwas bewegte sich im Augenwinkel. Ich wandte mich um, sah die Faust, spürte den Schlag. Meine Schläfe pochte, dann wurde alles schwarz.

 ***

 Mein Kopf dröhnte, als ich wieder zu mir kam. Weicher Stoff drückte sich gegen meine Wange. Ich wollte mir an die Schläfe fassen, doch konnte es nicht. Meine Arme waren auf dem Rücken fixiert und die Finger halb taub. Panzertape spannte an meiner Haut. Der Nacken schmerzte von der unbequemen Lage.

Ich lauschte und hörte zwei gedämpfte Stimmen. Ein Mann diskutierte mit einer Frau. Seine Stimme kam mir bekannt vor. Ich wagte zu blinzeln. Neben mir beleuchtete eine antik anmutende Lampe nur spärlich die unbekannte Umgebung. Im Schatten am Ende des Raums konnte ich die beiden Personen erahnen. Um den Mann genauer zu betrachten, öffnete ich die Augen vollends. Blitzartig durchfuhr ein heftiger Schmerz meine Stirn. Ich kniff die Augen wieder zusammen.

„Oh“, sagte der Mann. „Er wacht auf.“

Es hatte keinen Sinn sich weiter schlafend zu stellen. Ich blinzelte erneut gegen das Licht der Nachttischlampe. Weiße Lichtpunkte tanzten vor meinen Augen. Die Frau stand mir unmittelbar gegenüber, der Mann war hinter ihrer Schulter nicht zu erkennen.

„Weißt du, wer ich bin?“, fragte sie.

Ich schüttelte benommen den Kopf. Sie hatte genauso wie der Fremde schwarze Haare, die ihr über die Schultern fielen. Die filigrane Goldkette um ihren Hals passte zum eleganten rosafarbenen Kleid. Vielleicht war sie ein paar Jahre älter als ich, also um die Dreißig.

„Ich bin Samira Demir.“

Der Name kam mir bekannt vor. Ich versuchte mich auf der linken Schulter aufzustützen, um einen Blick auf den Mann im Schatten zu erhaschen. Derselbe Nachname wie auf dem Ausweis. Die Frau auf den Handybildern. Der Fremde trat in den Lichtkegel. Der Mann vom Markt.

„Du erinnerst dich nicht an mich?“, fragte Samira.

Yusuf tippte auf einem Smartphone herum, sah nur kurz auf. In Samiras Stimme schwang Unmut und Enttäuschung mit. Ich suchte nach einem Fluchtweg. Die dunklen Vorhänge waren vor die großen Fenster gezogen. Kein Lichtstrahl drang hinein. Als ich eine Gegenfrage stellen wollte, hob Yusuf plötzlich die Hand.

„Wer ist Leon?“

Ich zuckte zusammen. Yusuf eilte zur Couch und riss mich am Kragen empor, sodass ich saß. Er hielt mir mein eigenes Smartphone unter die Nase. Er hatte das Ziegenfoto mit dem entsprechenden Titel entdeckt und in Kombination mit meinem letzten Telefonat offenbar seine Rückschlüsse gezogen.

Ich ärgerte mich, keine bessere Verschlüsselung gewählt zu haben. Dennoch atmete ich erleichtert aus. Leon, nicht Leo. Vielleicht wussten sie gar nichts von meiner Schwester?

Ich hustete trocken. „Keine Ahnung.“

Yusuf schlug mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Mein Kopf schnellte zur Seite. Ich riss den Mund auf und zerrte an meinen Fesseln.

„Lüg mich nicht an!“

Ich hustete abermals. „Ich kenne keinen Leon.“

„Vielleicht ist es auch seine Schwester?“, gab Samira zu bedenken. „Vielleicht hat er sich nur vertippt?“

Ich hielt die Luft an. Die Panik schnürte mir die Kehle zu. Nur der Stein, der sich schwer auf mein Herz gelegt hatte, kletterte unaufhaltsam meine Speiseröhre hinauf. Ich schmeckte saure Galle.

„Das will er uns glauben machen, dieser miese Hund“, antwortete Yusuf. „Leon ist mit Sicherheit nur ein Codewort. Wie heißt dein Kontaktmann wirklich? Mit wem hast du telefoniert?“

„Hast du probiert zurückzurufen?“, fragte Samira unsicher.

Yusuf verzog die Mundwinkel und schielte über die Schulter zu ihr hinüber. „Natürlich. Die Leitung ist tot.“

Samira schwieg, während Yusuf sich wieder mir widmete.

„Weißt du eigentlich, was du meiner Schwester angetan hast?“

„Ich habe ihr gar nichts getan“, sagte ich mit Blick auf Samira. „Wer seid Ihr  überhaupt?“

„Doch“, blaffte Samira und ging einen Schritt auf die Couch zu. „Ihr beide wart es. Ihr wart beide da.“

Ich schüttelte den Kopf. Yusuf rückte zur Seite, als seine Schwester sich auf die Knie fallen ließ. Samira umschloss mit beiden Händen meinen Kopf. Der Geruch nach Vanille kroch mir in die Nase. Wieder blinzelte ich gegen das Licht. Meine Schläfen begannen zu pochen.

„Du hast ihm geholfen. Auch wenn ein anderer den Schuss abgegeben hat. Du hast ihn getötet. Du hast meinen Mann ermordet.“

Ich sah zu ihr auf, als würde ich sie zum ersten Mal an diesem Tag vollends wahrnehmen. Als wäre sie zuvor nur ein Geist gewesen, der sich im Raum flüchtig hin und her bewegt, nun aber feste Form angenommen hätte.

„Sie sind Samira Pérez“, sagte ich perplex.

„Das war ich.“ Sie schluckte schwer. „Bis vor zwei Jahren.“

Wie sie sah ich mit Schrecken auf diesen Tag vor zwei Jahren zurück. Diesen Tag, an dem ich zum Mörder wurde. Jeden Abend beim Einschlafen fragte ich mich, ob ich das Richtige getan hatte. Was war, wenn ich einen Fehler begangen hatte? Damals, als Ari mich als Programmierer aufsuchte. Als er mich fragte, ob ich mich in das Sicherheitssystem einer Diskothek hacken könnte. Er sagte, es handle sich um ein simples Checkup. Seine Referenzen schienen echt. Mein Chef sagte zu.

Erst wenige Minuten vor dem tödlichen Schuss erkannte ich, was sein wahres Ziel war: Rafael Pérez, der Sohn eines spanischen Diplomaten. Ari wollte ihn töten, bevor er weitere Menschen töten konnte.

„Ihr Mann war ein Mörder“, sagte ich.

„Nein.“

„Doch“, sagte ich und unterdrückte den Brechreiz, der mich vor Angst überkam.

Diese Frau sollte ihren Ex-Mann als das erkennen, was er war: ein elender Terrorist. Schlimmer noch: ein Feigling, der Terroristen finanziell unterstützte, statt seine Überzeugungen selbst in die Hand zu nehmen.

Ari hatte zwar meinen Chef anlügen können, doch mir musste er die Wahrheit sagen, nach seiner Tat. Immerhin hatte ich Rafaels Tod unmittelbar über die Überwachungskameras an meinem Laptop miterlebt. Es war ein Schock gewesen. Der erste Tote, den ich je gesehen hatte. Und dennoch unwirklich, als spiele ich Counter Strike am PC. Ich kannte weder das Opfer noch die Hauptperson genauer.

Ari hatte mir erklärt, dass Rafael Pérez ein Mann war, der seine Beteiligung an terroristischen Attentaten bisher erfolgreich abgestritten hatte. Niemand konnte ihm etwas anhaben aufgrund des Status seines Vaters, außer man schlug ihn mit den eigenen Waffen.

Ich half Aris Team beim Verwischen der Spuren, indem ich alle Kameraaufnahmen des Abends löschte. Pérez war ein feiger Hund gewesen, der sich hinter seinem Vater versteckte, genauso wie der Mörder meiner Eltern hinter seinem Steuer.

Der war mit achtzig Sachen in eine Menschenmenge gefahren. Zwölf Leute waren damals gestorben, einschließlich meiner Eltern. Der Täter war von Polizisten erschossen worden. Jedoch zu spät.

Ari machte mir an jenem Abend klar, dass ich Menschenleben retten konnte, wenn ich keinen Alarm auslöste. Wenn ich einfach stillhielt und im sicheren Hinterzimmer der Diskothek wartete. In diesen bangen Minuten gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Unterlassene Hilfeleistung war das, wenn nicht gar Mithilfe zum Mord. Aber in Wirklichkeit wäre es unterlassene Hilfeleistung gewesen, wenn ich Pérez am Leben gelassen hätte, damit er weiterhin Mörder finanzierte.

„Ihr Mann hat Terroristen unterstützt“, fuhr ich fort. „Er hat Anschläge finanziert.“

„Rafael war ein guter Ehemann. Er hat mir so viele Länder gezeigt.“

„Und sich dort mit Terroristen getroffen, um mit ihnen Anschläge zu planen.“

Plötzlich war mein Verstand vollkommen klar. Der Brechreiz war verschwunden. Diese Frau hatte keine Ahnung, was ihr Ex-Mann getan hatte. Samira schüttelte vehement den Kopf. Ihre schwarzen Locken hüpften.

„Nein. Das hätte ich gemerkt. Wir waren immer zusammen.“

Verunsichert beäugte sie ihren Bruder.

„Es gab keine Transaktionen dieser Art auf seinen Konten“, versicherte Yusuf. Ich starrte ihn schockiert an und er erwiderte meinen Blick stur. „Ich war damals sein Finanzberater. Er hätte solche Transaktionen nicht an mir vorbeimogeln können.“

Er log. Da war ich mir sicher. Entweder das, oder Pérez hatte es geschafft, ihm ein Konto vorzuenthalten. Rafael Pérez war ein Mörder.

Mein Blick sank. Yusuf tätschelte Samiras Knie. Sie schluchzte.

„Wir wollten Kinder“, sagte Samira. „Als ich schwanger wurde, hat er gesagt, wir ziehen nach Spanien in sein Heimatland. Eine Finca nahe Barcelona. Er hatte es mir versprochen.“ Sie wischte sich einen Tropfen von ihrem Handrücken. „Wir wollten an diesem Tag das letzte Mal in unseren Lieblingsclub. Und dann liegt er in meinen Armen und … und …“

Ihre Stimme wurde immer flacher, bis sie brach. Yusuf nahm seine Schwester in den Arm. Wieder schnürte mir etwas die Kehle zu, doch es war keine Panik.

Konnte es sein, dass Ari mich belogen hatte? Wenn er nun meinen Hass auf Terroristen ausgenutzt hatte, um einen Unschuldigen zu töten? Aber er hatte mir seinen Dienstausweis gezeigt. Die Presse hatte über das Attentat nur wenig berichtet. Solchen Einfluss hatten doch nur Geheimdienste, oder?

Ich begann zu schwitzen. Mein Blick ging ins Leere. Samira stand auf und entfernte sich ein paar Schritte, während Yusuf sich wieder direkt vor mir positionierte. Ich nahm ihre Silhouette nur verschwommen wahr.

„Meine Schwester kann keine Kinder mehr bekommen“, sagte er. „Sie hatte nach Rafaels Tod eine Fehlgeburt. Es kam zu Komplikationen.“

„Das tut mir leid“, murmelte ich betroffen.

Yusuf starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Mein Blick fiel auf den spitzen Gegenstand, den er aus seiner Hosentasche gezogen hatte. Ich drückte mich mit aller Kraft gegen die Couchlehne und stemmte die Füße in den Boden. Meine Lunge pumpte wie wild. Yusuf packte meine Oberschenkel und stützte sich darauf ab, um mich auf meinem Sitzplatz zu halten. Sein Gesicht war mir so nahe, dass ich seinen Atem riechen konnte.

„Ich will nicht, dass es zu Komplikationen zwischen uns kommt. Verstehst du?“ Ich nickte mehrmals mit pochender Stirn. „Sag mir einfach, was du über deinen Partner weißt!“

„Nichts.“

Das Jagdmesser schnitt langsam in meinen linken Unterarm. Der stechende Schmerz ließ mich aufschreien. Blut rann hinunter zu meiner Hand. Ich zerrte an meinen Fesseln.

„Falsche Antwort, Junge. Zweite Chance: Wer ist Leon?“

Ich schüttelte den Kopf, bis mir schwindelig wurde. Yusuf griff mir ins Haar und zog meinen Kopf in den Nacken. Das Messer blitzte vor meinem linken Auge auf. Ich blinzelte panisch, während es bedrohlich näherkam. Samira trat wieder in mein Sichtfeld. Sie packte Yusuf am Arm. Er sah seine Schwester wütend an.

„Nicht“, rief sie.

„Dieser Mann hat Rafael getötet“, rief Yusuf.

„Nein. Der andere war’s. Der Araber.“

Ari hatte mir erzählt, dass er für den Mossad arbeitet, den israelischen Geheimdienst. Die Juden im Nahen Osten wurde immer noch sehr häufig Opfer von terroristischen Anschlägen, ohne dass die Welt sich groß darum scherte. Der Mossad verfolgte diese Verbrecher. War es möglich, dass Ari selbst ein Terrorist war? Kein Beschützer, sondern ein Mörder?

Ich hätte an besagtem Tag vor zwei Jahren die Überwachungskameras jederzeit wieder einschalten können. Ich hätte mit einem Knopfdruck den Alarm auslösen und Rafael Pérez retten können. Doch ich tat nichts davon. Ich deckte einen Mörder und hatte bis heute gedacht, das Richtige zu tun.

Mir stiegen Tränen in die Augen. Meine Schwester Leo saß jetzt mit Sicherheit am Küchentisch und aß allein eine Scheibe trockenes Brot. Mein Einkauf vom Markt war sicher nie in unserer Wohnung angekommen. Der Teller ihr gegenüber blieb leer, würde es vielleicht für immer bleiben. Nach dem Tod unserer Eltern war ich der Letzte, den sie noch hatte. Ich durfte sie nicht verlassen. Vielleicht hatten wir eine Chance auf ein Wiedersehen, wenn ich den beiden die Wahrheit sagte?

„Er heißt Ari“, stammelte ich. „Ari Salomon.“

Yusuf und Samira tauschten vielsagende Blicke. Sie kniete sich wieder neben ihren Bruder. Der Schweiß lief mir den Rücken hinunter und durchnässte mein T-Shirt.

„Mehr weiß ich nicht“, sagte ich hastig. „Ehrlich. Ich kenne nur seinen Namen. Mehr nicht.“

Ich begann zu hyperventilieren. Wenn sie sich nun nicht mit meinen Antworten zufrieden gaben? Wenn sie meine Schwester mit hineinzogen? Was war, wenn ich Leo nach unseren Eltern auch noch verlor? Wenn sie leiden musste, weil ich damals eine falsche Entscheidung getroffen hatte?

Ein Krachen ertönte, dann ein Knall. Die Zimmertür sprang aus ihren Angeln. Yusuf sprang auf. Binnen Sekunden war der Raum voller dichten Nebels. Ich ließ mich zur Seite fallen und presste mein Gesicht auf die Sitzfläche. Stimmen ertönten, schrien wild durcheinander. Ein Schuss. Ein Schlag. Noch ein Schuss. Stille.

Ich kniff die Augen zusammen. Gleich würde ich die Wunde in meiner Brust spüren. Sicher war ich getroffen, doch das Adrenalin hielt den Schmerz noch ab. Ich würde sterben wie Rafael Pérez – durch einen gezielten Schuss.

Zwei Hände packten mich, drückten mich noch fester ins Polster. Ich zappelte und trat nach dem Unbekannten. Schließlich schlug ich nach ihm und hielt inne. Als ich die Augen öffnete, um meine befreiten Hände zu betrachten, sah ich eine schemenhafte Gestalt vor mir.

Der Mann zog mich auf die Beine und führte mich durch den Raum. Als wir im Flur ankamen, lichtete sich der Nebel langsam. Ich sah meinen Retter verstohlen von der Seite an, während er mich im Eiltempo durch die Wohnung schleifte. Er trug eine schwarze Gasmaske.

Ich atmete tief ein und aus. Es war vorüber. Die Gefahr war gebannt. Der Kloß in meinem Hals löste sich. Doch als ich über die Schulter zurücksah, legte sich ein Stein auf meinen Magen.

„Was ist mit den beiden?“

„Tot“, ertönte die verzerrte Stimme aus der Maske.

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich blieb stehen. Der Unbekannte riss mich weiter, doch ich wehrte mich. Letztlich blieb er stehen und packte mich mit beiden Händen an den Oberarmen. Sofort schoss der Schmerz wie ein loderndes Feuer meinen Arm hinauf. Ich sah genauso wie er hinab auf die blutverschmierte Stichwunde. Er zog mich mit einem Ruck zu sich heran und zog sich die Maske vom Gesicht.

„Wir müssen hier weg“, rief Ari gehetzt. „Sofort.“

Mein Herz machte einen Satz. Mir wurde heiß und kalt.

„Nein“, sagte ich. „Warum …?“

„Du bist in Gefahr.“

„Aber sie … ich … Willst du mich jetzt auch …“

Ari runzelte die Stirn. „Was haben sie dir erzählt?“

„Pérez war kein Mörder. Du hast mich angelogen.“

Er schüttelte den Kopf. „Wir wurden getäuscht. Und jetzt sind sie hinter uns her.“

„Wer?“, fragte ich atemlos.

„Es würde mich nicht wundern, wenn sie die Demirs erst auf deine Spur gelockt haben.“

„Wer?“, wiederholte ich ungehalten.

Ari ließ mich los und verzog die Mundwinkel. „Ich bin Teil einer Organisation. Die Polizei und Gerichte können Morde nur aufklären. Wir können sie verhindern. Aber unsere Informationen über Pérez waren … falsch.“

Mein Blick ging über meine Schulter zum Raum, aus dem noch immer Nebel kroch. Tränen verschleierten meine Sicht zusätzlich. Etwas prallte klatschend auf meine Wange. Ein heißer Schmerz durchlief mein Gesicht wie ein Strom Lava. Schockiert sah ich Ari an.

„Reiß dich zusammen! Wir müssen hier weg und herausfinden, wer uns das anhängen will!“

„Wir haben drei Unschuldige getötet.“

„Jemand hat uns einen Unschuldigen töten lassen“, korrigierte Ari mich. „Und die Demirs habe ich getötet, um dich zu retten. Denk jetzt an deine Schwester!“

„Ich muss zu ihr zurück.“

„Nein. Du musst untertauchen. Ich gebe dir eine neue Identität.“

Ich schluckte schwer. „Und meine Schwester?“

„Leo geht’s gut. Aber sie darf nicht mit hineingezogen werden. Verstehst du? Du darfst sie nicht wiedersehen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin der Einzige, den sie hat.“

„Es ist besser für sie“, sagte Ari eindringlich. „Glaub mir!“

Er wollte mich gerade weiter in Richtung Haustür ziehen, doch ich stoppte ihn. Ari blickte mich gereizt an, doch unter seiner Fassade schien ein Hauch von Mitleid durch.

„Du musst auf sie aufpassen“, sagte ich.

„Ich schwöre dir, Leo wird nichts geschehen. Ich gebe auf sie Acht.“

Er hatte auch behauptet, dass mir nichts passieren könnte. Das Blut an meinem Arm strafte ihn einen Lügner.

Was hatte ich nur getan? Wegen meiner Rachsucht waren nun schon drei Unschuldige gestorben. Meine Eltern waren tot und ich zerriss auch noch das letzte Band meiner Familie. Wenn ich Leo nicht sogar zum Tode verurteilt hatte, genauso wie die Demirs.

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10 thoughts on “Mein Schweigen

  1. Moin und Hallo
    Sau gute Geschichte.
    Respekt.
    Sie hat mich total gefesselt und in ihren Bann gezogen. Dein Schreibstil ist sehr aussagekräftig und sicher. Man merkt dir deine Erfahrungen an.
    Die Handlung der Story ist gut durchdacht und intelligent. Der Spannungsbogen perfekt gestaltet und erarbeitet.
    Wirklich, mir hat die Geschichte sehr gut gefallen.
    Ich war nahezu traurig, als sie zu Ende war.
    Irgendwie kann ich mir die Geschichte gut als das erste Kapitel eines Romans vorstellen.
    Es scheint fast so, als wenn sie es auch ist.
    Schreib weiter und mach daraus ein Buch.
    Ich kann mir die Story auch gut als Film vorstellen.
    Also, nochmal meinen Respekt. Das Liken ist Ehrensache.

    Alles Gute und Danke für deine Story.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, meine Geschichte auch zu lesen. Würde mich freuen.
    Sie heißt: „Die silberne Katze“.
    Vielen Dank.

    1+
    1. Danke für deinen Kommentar und dein Lob. 🙂
      Tatsächlich hatte ich die Personen bereits zuvor für einen Roman entwickelt, den ich aber noch nicht schreiben konnte. Die Shortstory ist so gesehen die Vorgeschichte, Nestors Schwester Leo die Protagonistin auf der Suche nach ihrem Bruder. Habe mir vorgenommen, noch im November den Roman zu beginnen. 🙂 Deine Worte haben mich echt motiviert, diese Story endlich anzugehen. Danke!
      Deine Geschichte schaue ich mir am Wochenende gern an. 🙂

      0
  2. Oh, da ist wohl was beim Kopieren schiefgelaufen.
    Sonst eine sehr gute Geschichte. Dir ist es super gelungen Spannung zu erzeugen. Die Handlung ist wirklich sehr intelligent ausgearbeitet. Respekt dafür! 👏 Hab ein Herz da gelassen. ♥️

    Liebe Grüße, Sarah! 👋 (insta: liondoll)

    Vielleicht möchtest Du meine Geschichte „Stumme Wunden“ auch lesen, dann würde ich mich sehr über Feedback freuen. 😊

    1+
  3. Deine Geschichte samt Entwicklung und Schreibstil hat mich sehr gepackt. Ich finde auch, dass sie nach einer Fortsetzung schreit und mir eher wie der Anfang von etwas viel Größerem vorkommt! Ich würde echt gerne wissen, wie es weiter geht! 🙂

    Wenn du Lust hast, schau doch auch mal bei einer meiner beiden Geschichten vorbei. Über dein Feedback würde ich mich sehr freuen. 🙂

    LG

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/ich
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/das-unbekannte-bekannte

    1+
    1. Tatsächlich ist meine Shortstory die Vorgeschichte eines Romans, den ich gern noch schreiben möchte. Danke für dein Lob! Du motivierst mich wirklich, es noch dieses Jahr anzugehen. Protagonistin ist dann jedoch Nestors Schwester Leo, die nach ihrem verschwundenen Bruder sucht. 🙂
      Deine Geschichten schaue ich mir am Wochenende gern mal an.

      0
  4. Moin Anika,

    HAMMER,HAMMER,HAMMER!!

    Deine Geschichte hat Tempo, versprüht eine Dynamik das ist unglaublich!

    Diese Dialoge…genau so reden Menschen, in solchen Situationen. Super authentisch!

    Dein Schreibstil ist klasse…mit Humor, fesselnd, berührend und einer lässigen Sicherheit jagst du uns durch deine Gedankenwelt. Das hier kein Anfänger schreibt merkt man sofort!

    Deine Geschichte gehört für mich auf alle Fälle zu den besseren im Wettbewerb.

    Es war irgendwie auch eher ein Film, der gelesen wurde.

    Zu keinem Zeitpunkt in der Storie konnte man sich sicher sein, wo du mit uns hin willst! Richtig, richtig gut!

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

    1+

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