Anne B.Mitschuld

8+

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages fielen durch die halb heruntergelassenen Jalousien..
Die Gestalt im Bett bewegte sich. Durch die Wärme der Sommernacht hatte sich ein leichter Schweißfilm auf seinem Körper ausgebreitet und das dunkle Haar des Mannes stand in alle Richtungen ab. Als das Licht sein Gesicht erreichte, stöhnte er leicht gequält auf und tastete langsam auf dem Nachttisch herum.
Als er sein Handy gefunden und einen kurzen Blick auf das Display geworfen hatte, legte er es zurück auf die dunkle Oberfläche. Erneut einschlafen war keine Option. In nicht einmal zehn Minuten würde sein Wecker klingeln und dennoch griff der junge Mann nach der Decke bevor er zurück ins Kissen sank. Seufzend legte er sich den rechten Unterarm über die Augen und tastete mit der linken Hand über die andere Betthälfte. Diese war allerdings verwaist und die Laken fühlten sich kühl an.
Durch die geschlossene Tür drang ein leises Klappern und der betörenden Duft vom frisch aufgebrühten Kaffee und gebratenen Bacon. Ein unbewusstes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.
Schlaftrunken quälte er sich aus dem Bett und notdürftig fuhr der junge Mann sich mit beiden Händen durch das Haar, bevor er seiner Nase folgte.

Im Türrahmen zur gemütlichen Wohnküche blieb er stehen und beobachtete das Treiben, welches sich ihm bot.
Eine kleine, zierliche Frau wuselte summend, in einem viel zu großen Shirt vor sich hin. Die roten Haare, welche sonst akkurat in einem hohen Dutt festgehalten wurden, fielen ihr bis zur Hüfte hinab. Das kränklich blasse Gesicht war durch die bereits am Morgen hohen Temperaturen und der Hitze des Ofens gerötet.
Beim Herumwirbeln trafen ihre braunen Augen auf die grauen des Mannes. Abrupt stoppte sie in der Bewegung und legte den Kopf leicht nach rechts.
„Oh Phillip, habe ich dich geweckt?“ fragte sie zaghaft und biss sich leicht auf die volle Unterlippe. Lachend stieß er sich vom Türrahmen ab. Er ging zu ihr und küsste sie zärtlich. Nur eine Sekunde lang zögerte sie. Dann erwiderte sie den Kuss.
„Nein mein Schatz. Mein Wecker hätte eh gleich geklingelt“, er machte eine kurze Pause. „Außerdem riecht es hier fantastisch.“

Er half den Tisch zu decken und gemeinsam frühstückten sie.
„Vergiss bitte nicht den Müll nachher mit raus zu nehmen“, sie zog sich einen krossen Bacon-Streifen von seinem Teller und biss genüsslich ein Stück ab, während sie mit ihm sprach.
Kopfschüttelnd über ihr Verhalten nippte er an seinem Kaffee.
Eine schmale rote Augenbraue wurde daraufhin nach oben gezogen.
„Also nein, du bringst den Müll nicht raus?“ fragte sie mit einem Lächeln im Gesicht und keine Sekunde später, lachten beide.
Sie hatten sich erst vor Kurzem kennengelernt, trotzdem fühlte er eine tiefe Verbundenheit mit ihr.

Nach einem schnellen Abschiedskuss und dem Versprechen zum Abendessen etwas vom Griechen mitzubringen, verließ der junge Mann die Wohnung. Natürlich nahm er den Müll mit hinunter.
„Guten Morgen mein Lieber. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“, flötete die ältere Dame, die in der 1A des Wohngebäudes lebte. Jeden Morgen blickte sie mit ihren Lockenwicklern aus dem Fenster und grüßte ihn. Er erwiderte den Gruß, bevor er zum Auto ging. Es freute ihn, dass er jeden Morgen mit einem glücklichen Lächeln belohnt wurde.

Der Arbeitstag verlief eintönig und er freute sich auf den romantischen Abend mit Julia.

Mit einer Tüte voll warmer Köstlichkeiten und einem trockenen Rotwein schloss er gutgelaunt die Haustür auf. Der Knoblauchgeruch stieg ihm nun stärker als zuvor in die Nase und sein Magen begann zu knurren..
„Hallo mein Lieber. Haben Sie kurz Zeit?“ seine Nachbarin streckte ihren grauen Lockenkopf aus der Tür. Normalerweise würde er sich die paar Minuten nehmen, um sich mit ihr zu unterhalten. Doch er hatte Hunger Sehnsucht nach seiner Freundin. Aus diesem Grund  zeigte er in einer fast hilflosd wirkenden Geste den Beutel mit dem Essen hoch.
„Entschuldigen Sie bitte, aber das Essen wird kalt. Ein anderes Mal liebend gern“, damit wollte er an der älteren Dame vorbeigehen.
Mit einer Kraft, die er ihr gar nicht zugetraut hätte, hielt sie ihn am Arm fest.
„Phillip. Sind Sie wirklich glücklich mit diesem Mädchen? Sie wirkt immer so abweisend und unnahbar, finden Sie nicht?“
Verwirrt sah er auf sie hinunter und schüttelte nur leicht den Kopf. Vorsichtig entwand er sich ihrer Umklammerung und ging nach oben. Er war fast auf seiner Etage angekommen, als sie endlich ihren Redefluss beendete. Morgen früh würde er sich bei ihr entschuldigen, das nahm er sich fest vor.
Doch nun stand seiner Abendplanung nichts mehr im Wege und die Worte der Nachbarin hatte er schon vergessen.

Fröhlich vor sich hin Pfeiffend, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, kramte er schon mit der freien Hand in seiner Jackentasche nach dem Wohnungsschlüssel. Als er diesen endlich gefunden hatte, war er in der obersten Etage angekommen und streckte die Hand in Richtung Tür aus.
Er erstarrte. Die Tür stand einen Spalt weit offen. Vorsichtig betrat er den dunklen Flur, knipste die Deckenlampe an und stellte den Beutel vorsichtig ab. Leise schloss er die Tür und sah sich aufmerksam um. Alles wirkte unberührt.
„Julia?“ rief er und wartete einen Moment. Doch es blieb still. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Das Essen hatte er komplett vergessen und ging langsam in Richtung Wohnzimmer. Unbewusst hielt er den Atem an, als er die Klinke vorsichtig nach unten drückte. Die Tür schwang ein paar Zentimeter auf und traf dann auf einen Widerstand.
„Julia, Julia, geht’s dir gut?“fragte er panisch. Vor seinem inneren Auge malte er sich aus, dass sie ohnmächtig geworden war und nun hinter der Tür lag.
Mit der Schulter drückte er gegen die Tür. Sobald ein ausreichend großer Spalt entstanden war, quetschte er sich in das Zimmer. Es dauerte einige Sekunden, bis sein Verstand das Bild, welches sich ihm bot verarbeitet hatte.
Nicht seine Freundin lag ohnmächtig hinter der Tür, sondern der schwere Couchtisch. Die Glasplatte war in tausend Stücke zerborsten und knirschte bei jedem Schritte. Der hohe Bücherschrank direkt neben der Tür war umgestürzt und der Inhalt überall im Raum verteilt. Der Fernseher war eingeschlagen, die Kissen aufgeschlitzt und die Stehlampe umgestoßen. Einzig die Couch stand noch an ihrem Platz, was sicher nur an dem Gewicht derselben lag.
Fassungslos drehte sich der junge Mann mehrmals im Kreis und rieb sich über die Augen, als würde er dadurch das Chaos verschwinden lassen können. Doch es half nichts, das Zimmer war komplett verwüstet.
Mit zittrigen Fingern tastete er nach seinem Handy in der Hosentasche.
Gerade, als er die Notfallnummer der Polizei wählte, fiel sein Blick auf einen Gegenstand. Halb verborgen unter dem umgestürzten Sessel leuchtete es und bevor er überhaupt begriff, was er gerade tat, unterbrach er den Anruf, ging in die Hocke und nahm das Objekt in die Hand.
Es war ein Smartphone.
Ein paar Sekunden verharrte er absolut regungslos. Er kannte dieses Telefon nicht und wusste nicht was das bedeuten sollte.
„Was soll das denn jetzt!“ fassungslos starrte er auf das Bild von seiner Abifeier.
Dann folgte ein Bild von der Hochzeit seines ehemals besten Freundes und eines von seinem letzten Urlaub auf der griechischen Insel Kos. Auch Familienfotos kamen und gingen, während er seinen Blick nicht lösen konnte.
„Verdammter Mist!“ murmelte er.
Woher dieses Telefon kam, wusste er nicht.
Woher die Bilder kamen, wusste er auch nicht, denn Social Media war ein grauer Fleck für ihn. Er nutzte kein Facebook oder Instagram und hatte dementsprechend keine dieser Fotos ins Netz gestellt.
Doch bevor er weiter darüber nachgrübeln konnte, begann das Handy in seiner Hand zu klingeln. Eine unterdrückte Nummer rief an. Unsicher, ob er das Gespräch annehmen sollte, oder nicht sah er sich um.

Das Klingeln verstummte.
Doch nur, um keine Minute später erneut einzusetzen.
Nun nahm er ab.

„Hallo“, fragte er unsichtig ins Telefon und kam sich im gleichen Augenblick absolut dämlich vor. Er stand hier, in seinem verwüsteten Wohnzimmer, seine Freundin war nicht in der Wohnung, er hatte ein fremdes Telefon in der Hand, auf welchem Bilder von ihm waren und er meldete sich mit einem einfachen *Hallo*?!
Am liebsten hätte er den Anruf unterbrochen und nun wirklich die Polizei angerufen.

Er hörte nur ein Rauschen und ein seltsam leise klingendes Atemgeräusch.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, atmete tief ein und dann platzte es heraus: „Okay, was soll das?“
„Sei still!“ unterbrach ihn eine künstlich verzerrte Stimme. Ob es sich hierbei um einen Mann, oder eine Frau handelte, konnte er nicht heraushören. Vielleicht lag es an der Stimme, vielleicht auch einfach an den zwei knallhart ausgesprochenen Worten, dass sich eine Gänsehaut über seine Arme ausbreitete und es unangenehm in seinen Nacken kribbelte.
„Hör zu“, fuhr die Person fort, „Hör mir gut zu, denn ich wiederhole mich nur äußerst ungern und glaube mir, dir werden die Konsequenzen nicht gefallen, sollte ich es dennoch tun müssen. Haben wir uns verstanden?“
Phillip hatte gerade genug Zeit, um das eben Gehörte zu verarbeiten, als die Stimme schon wieder fortfuhr.
„Gut! Nachdem wir das nun geklärt haben, können wir anfangen. Wenn du deine Liebste wiedersehen willst, folge den Anweisungen, welche du auf dem Telefon erhalten wirst. Tust du das nicht, oder in meinen Augen zu langsam, wird sie sterben!“
Er zuckte zusammen. Bisher kannte er solche Aussagen aus irgendwelchen Action-Filmen oder Thriller-Romanen. So etwas gab es in der Fiktion, aber niemals im realen Leben. Oder, sollte es real sein, zumindest weit entfernt und nur durch die Nachrichten in seinem Leben.
Die Stimme, die an sein Ohr drang, hörte allerdings nicht auf: „Noch einen letzten Punkt in unserem kleinen Tänzchen. Solltest du der Polizei Bescheid geben, dann stirbt sie. “

Es klickte in seinem Ohr und mit einer zittrigen Hand musste er sich an dem Sessel abstützen. Sein Leben hatte sich innerhalb der letzten Stunden, nein innerhalb der letzten Stunde, wie ihm ein Blick auf die aktuelle Uhrzeit verriet, in einen Alptraum verwandelt. Er wollte seinem inneren Drang nachgeben und das Telefon, welches er immer noch fest umklammert hielt, aus dem Fenster schmeißen. Sich dann in seinem Bett verkriechen und wie ein Kind die Augen vor all den Grausamkeiten des Lebens zu verschließen.
Tränen traten ihm in die Augen und er schämte sich nicht dafür. Er gab sich seiner Verzweiflung ein paar Sekunden hin, bis das fremde Handy in seiner Hand erneut vibrierte. Das Display zeigte ihm eine eingegangene Nachricht an und unschlüssig, was er tun sollte, knabberte er an seiner Unterlippe herum.
Sein erster Reflex war es die Polizei anzurufen, jedoch wollte er nicht Julias Leben in Gefahr bringen, denn er traute es dem Psychopathen durchaus zu, dass er seine Warnung ernst gemeint hat. Doch ihm war auch bewusst, dass er keiner dieser Actionhelden war, die in Geschichten ihre Angebeteten retteten, den Schurken dingfest machten und nebenbei noch diverse alkoholhaltige Getränke in einem teuren Smoking genossen.
Er war Immobilienmakler und das nicht einmal besonders erfolgreich.
Das Telefon vibrierte erneut und diesmal handelte es sich um eine Sprachnachricht. Dies nahm ihm seine Entscheidung ab und er gab sie wider.
„Phillip, „ die Stimme seiner Freundin drang schrill und panisch durch das Telefon, “ Phillip tu was er von dir verlangt. I-ich weiß nicht, wo ich bin. HILF MIR! HIL…“ Ein erneutes Klicken verdeutlichte ihm, dass die Nachricht beendet war.
Ihm wurde schlecht. Ohne auf die Scherben oder die Bücher zu achten, wankte er aus dem Wohnzimmer, lief wie ein Betrunkener ins Badezimmer und sank vor der Toilette auf die Knie. Doch sein Magen war so leer, dass nur übel schmeckende Magensäure nach oben stieg.

Es dauerte ein paar Minuten, bis er sich wieder gefangen hatte.
Sein Entschluss stand fest. Er würde alles in seiner Macht stehende tun, um seine Freundin zu retten.

Unglaublich müde erhob er sich und tastete nach dem Telefon. Er hasste dieses Gerät bereits jetzt schon.
Neben der panischen Sprachnachricht seiner Freundin war noch eine Nachricht eingegangen, welche er jetzt las. Der Text bestand aus Koordinaten.
Kein Kommentar, keine weiterführenden Erklärungen.
Innerhalb von Sekunden traf er schließlich die Entscheidung,  im Nachhinein völlig irrational, doch in diesem Moment sah er keinen anderen Weg.

Im Auto musste er mehrmals tief Luft holen, bevor er die Koordinaten in sein Navi übertragen, das Auto anlassen und mit quietschenden Reifen starten konnte.

Stunden später, nachdem er die Nacht durchgefahren war, erblickte er das Ortseingangsschild, welches er seit Jahren so abgrundtief hasste.
Vor fast 20Jahren, nach seinem Schulabschluss, waren seine Eltern mit ihm fortgezogen und er hatte keinen Gedanken mehr an seine Vergangenheit verschwendet.
*Sie haben Ihr Ziel erreicht* ertönte die Stimme seines Navis, als er an seiner alten Schule stoppte.
Der Unterricht hatte anscheinend schon begonnen, denn es waren nur vereinzelt Schüler zu sehen, als er aus dem Auto ausstieg und auf das Gebäude zulief.
Das Telefon in seiner Hand brummte und verkündete den Eingang einer neuen Nachricht.
*Schließfach 876* konnte er nun auf dem Bildschirm lesen. Viele Erinnerungen wurden geweckt, als er das Gebäude betrat. Er sah seine Freunde vor seinem inneren Auge. Sie waren immer zu 6. unterwegs gewesen, hatten Mädchen gemustert und sich über die Streber lustig gemacht. Sie fühlten sich gemeinsam sehr stark.
Fast schon gewaltsam verbannte er die Gedanken aus seinem Kopf. Heute war er kein Schüler mehr und er war nicht hier um in Erinnerungen zu schwelgen. Kopfschüttelnd begann er nun nach dem Schließfach zu suchen.
Im Obergeschoss wurde er schließlich fündig. Gegenüber seinem ehemaligen Biologieraum befand sich eine lange Reihe blaugefärbter Schließfächer und dort war auch die Nummern 876.
Die Tür stand leicht offen und lud ihn ein einen genaueren Blick darauf zu werfen. Bevor er sich zu viele Gedanken machen konnte, sah er hinein und holte einen Briefumschlag heraus.  In diesem befanden sich 2Schnipsel leicht vergilbten Papiers..

*
Dienstag, 29.08.2000
Liebes Tagebuch,
morgen wird alles anders. Morgen beginnt die 11.Klasse und dieses Jahr habe ich mir vorgenommen,
dass alles besser werden wird. Ab morgen spreche ich mit den Mädels, werde nicht mehr so
schüchtern sein und niemand wird mehr über mich lachen.
Es wird einfach nicht mehr so werden, wie die letzten Jahre.
*

*
Freitag, 08.09.2000
Liebes Tagebuch
seit knapp einer Woche läuft die 11.Klasse und mein Plan scheint zu funktionieren. 🙂
Die Mädels um Maria sprechen mit mir und weißt du was, sie haben mich sogar zu einer Party eingeladen. So eine richtige Party in einer Disco und ich würde soooo gern dort hingehen,aber wie soll ich da hinkommen? 🙁
Busse fahren um die Uhrzeit nicht und Mama brauche ich gar nicht zu fragen.
Ihr geht es immer noch nicht besser.
Aber ich muss da doch irgendwie hinkommen.
Vielleicht treffe ich IHN dort?
*

Ein wenig schlecht fühlte er sich beim Lesen, denn ein Tagebucheintrag war das persönlichste und sollte nicht von Fremden gelesen werden.
Sein elftes Schuljahr bestand aus pubertärer Selbstfindung, Gruppenzwang, nichtgemachte Hausaufgaben und vielen Partys. Was das alles aber mit seinem aktuellen Leben und vor allen mit Julia zu tun hat, konnte er nicht verstehen.
Den Kopf voller Fragen und Erinnerungen, ging er zügig zum Auto zurück.

Dort angekommen, vibrierte das Telefon erneut und zeigte ihm neue Koordinaten an. Er folgte auch dieses Mal den Anweisungen und erreichte keine 10Minuten später den Parkplatz eines sehr kleinen Einkaufzentrums. In seiner Schulzeit gab es hier viele Geschäfte, ein Fitnessstudio für Frauen, eine Dönerbude und eine Discothek, die jedes Wochenende junge Leute aus der Umgebung anzulocken wusste. Schon ein paar Jahre nach seinem Schulabschluss hatte er erfahren, dass die Disco schließen musste und nun sah er auch, dass die anderen Geschäfte ebenso verschwunden waren.
Nach dem Tagebucheintrag wusste er, was sein Ziel sein würde.
Oben vor der Tür angekommen, sah er auch einen festgeklebten Briefumschlag mit seinem Namen drauf. Wieder fielen 2Schnipsel in seine Hand. Erst im Auto konnte er sich aufraffen diese zu lesen.

*
Freitag, 13.10.2000
Liebes Tagebuch,
heute hat ER mit mir gesprochen.
Es war in Bio. Am Freitag! In der letzten Stunde vor dem Wochenende!
Womit habe ich das verdient? Der alte Drachen kann mich nicht leiden und jede Stunde wird zum Horror. Aber heute war es besser.
Wir sollten in Partnerarbeit eine Lektion im Buch ausarbeiten, weil der Drachen durch zu viel
Feuerspucken keine Stimme besaß und ER hatte sich freiwillig zu mir gesetzt.
Seit der Party, bei der ich ja nicht war, ignorieren mich die anderen uns lästern wieder über mich.
Warum er sich trotzdem zu mir gesetzt hat?
Keine Ahnung, aber es war toll!
Wir haben dann über alles andere, außer diesem Lehrbucheintrag gequatscht.
ER war sooooo lieb und süß,…
*

*
Montag 04.12.2000
Liebes Tagebuch,
das war der schlimmste Montag überhaupt.
Bald sind Weihnachtsferien und ich hab echt keinen Bock mehr. Jeden Morgen stehe ich auf und kann es kaum abwarten endlich wieder ins Bett zu gehen. Schlafen und einfach nichts mehr fühlen.
Schon im Bus fing heute alles an. Es waren nur geflüsterte Hänseleien, über die hässliche Kleine, mit den buschigen Haaren und den Pickeln im Gesicht. Ich will es verdrängen, aber es hört einfach nicht auf. Es wird jeden Tag schlimmer..
Heute haben sie mich als Assi bezeichnet. Nur weil meine Lieblingsjacke am Ärmel eingerissen war.
Ich trage sie einfach so gern und sie gibt mir ein gutes Gefühl und die anderen lästern ja eh über alles, egal was ich anhabe, tue oder aussehe.
Ich WILL das alles nicht mehr…
*

Müde fuhr er sich mit seinen Händen über die Augen. die Worte, welche er gerade gelesen hatte, troffen nur so von Traurigkeit und Schmerz. Er versuchte sich an seine Schulzeit zu erinnern, denn dass es sich um eine Schülerin seiner Jahrgangsstufe handelte war klar. Er war sich sicher, dass er das Mädchen kennen musste, Kopfschmerz breitete sich aus und er konnte den Gedanken einfach nicht weiter fassen.
Wie um ihn abzulenken, vibrierte das Telefon, um ihn neuerliche Koordinaten mitzuteilen. Er hatte weiterhin keine Ahnung, was seine Schulzeit und die Tagebucheinträge mit der Entführung zu tun hatten. Er wollte nicht mehr nach den Spielregeln dieses Psychos spielen und genauso wenig wollte er Julia in eine noch größere Gefahr bringen.
Also seufzte er abgrundtief auf und fuhr den Anweisungen seines Navis nach.

Beim Verlassen der Stadt wurden seine Gedanken ein wenig klarer. Er hatte eine Ahnung, wer diese Tagebucheinträge verfasst haben könnte, doch dies tat ihm weh und er konzentrierte sich für die nächsten 30Minuten ausschließlich auf die Straße vor ihm.
An einer Bushaltestelle, die aussah, als wäre sie schon ein paar Jahre nicht mehr benutzt worden, verkündete das Navi, dass er sein Ziel erreicht hatte. Die Müdigkeit wegblinzelnd sah er sich um. An dem Laternenpfahl sah er einen ähnlichen Umschlag, wie schon zuvor.
Der Wind ließ ihn frösteln und er beeilte sich wieder in seinen Wagen zu kommen, bevor er den Umschlag öffnete. Wieder fielen ihm zwei Schnipsel in den Schoß.

*
Mittwoch 10.01.2001
Liebes Tagebuch,
heute war der erste Schultag im neuen Jahr und was soll ich sagen?
Es war mies.
Sie alle lachen über mich, finden es lustig, wenn es mir nicht gut geht und lästern ohne Ende.
Sie alle haben ihren Spaß!
ICH habe keinen Spaß mehr, ich will das alles nicht mehr.
Seit fast 7Jahren läuft das jetzt schon. Es reicht doch auch mal.
Was mir noch bleibt?
Die Biostunden, in denen ich mit IHM zusammen arbeiten kann, er ist mein Lichtblick und mein Sonnenstrahl…

*

*
Mittwoch 07.02.2000
Hallo liebes Tagebuch,
happy birthday to me…
Heute ist der Tag gekommen.
Vor 18Jahren bin ich auf die Welt gekommen und heute werden ich sie wieder verlassen.
Ich weiß, dass das keine gute Lösung ist, aber wer bin ich denn?
Niemand wird mich vermissen.
Mama hat mit sich selbst zu tun.
Papa hat seine neue perfekte Frau und eine viel bessere Tochter gefunden.
Und ER? Derjenige, den ich so lieb und süß gefunden habe? Derjenige, für den ich schon seit Jahren schwärme?
Ja was soll ich sagen?!

*

Ihm wurde schlecht. Bilder drängten sich nun mit Gewalt in seinen Geist. Er in der Gruppe seiner Freunde. Alle lachten und machten ihre Späße. Maria mit der vielen Schminke im Gesicht und selbst bei den kalten Temperaturen im Minirock.
Und da war noch ein anderes Mädchen. Sie war klein, mit kaum zu bändigenden Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, den alten Jeans und dem scheuen Blick aus blauen Augen.
Das Klingeln des Telefons  holte ihn nur langsam aus seinen Gedanken.
Dieses Mal war es keine Nachricht.
Eine unbekannte Nummer rief an.
Er beantworte den Anruf: „Okay was soll das für ein Spiel sein? Wo ist Julia und was hat das alles mit der kranken Schnitzeljagd zu tun?“ brach es voller Wut aus ihm heraus.
Statt einer Antwort drang ein seltsames Geräusch aus dem Hörer. Es dauerte, bis ihm auffiel, dass die Person am anderen Ende lachte.
„So ungeduldig. Aber ich habe doch schon gesagt, dass wir nach meinen Regeln spielen. Keine Sorge, du bist fast am Ende. Steig aus dem Wagen“, die Stimme erzeugte wie auch schon zuvor ein unangenehmes Kribbeln in seinem Nacken. Dennoch tat er, was von ihm verlangt wurde.
„Gut. Überquere die Hauptstraße vor dir und wende dich dann nach links. Die Steinmauer, die du in ein paar Metern Entfernung sehen wirst, gehört zu dem Friedhof des Ortes. Suche dort nach dem Grab, welches sich in der linken hinteren Ecke befindet.“
Damit wurde der Anruf unterbrochen und er starrte wütend auf das Display. Wie sollte er denn ein bestimmtes Grab finden, ohne Namen oder der genauen Ortsangabe. Angespannt machte er sich dennoch auf den Weg zum Friedhof.
Wie ihm die Stimme prophezeit hatte, fand er die Steinmauer des Friedhofes ohne Probleme. Beim Öffnen des schmiedeeisernen Tores quietschte es und bei diesem Geräusch zuckte der junge Mann zusammen.

Er durchquerte den Gang, welcher von hohen alten Bäumen umsäumt vor ihm lag und bog bei der nächstmöglichen Gelegenheit links ab. Anders als erwartet, ging der Gang hier nicht weiter, nein er stand auf einem offenen Gelände voll mit Grabsteinen und kleinen Büschen. Er lief an den gepflegten Gräbern vorbei und nahm die gespannte, melancholische Stimmung in sich auf.
Und dann sah er sein Ziel.
Es war keine Wegbeschreibung nötig, denn das Grab aus weißem Stein erregte sofort die Aufmerksamkeit. Zielsicher ging er darauf zu. Auf der Rückseite war der, ihm bereits bekannte Umschlag festgeklebt worden und er entfernte ihn vorsichtig.
Diesmal fiel ihm nur ein Seitenschnipsel in die Hand und nervös las er ihn.

*
später, am 07.02
Liebes Tagebuch,
entschuldige, dass wir unterbrochen worden sind.
Aber meine Mom wollte meinen Geburtstag feiern.
Ich habe gelacht, mich gefreut und für Bilder posiert.
Aber nun ist das vorbei. Meine Entscheidung hat sich nicht geändert und dies wird mein letzter Eintrag sein.
Vater hat mich nicht einmal angerufen, doch Julia, seine perfekte Tochter hat mir geschrieben.
SO.
Derjenige, den ich für anders hielt, hat gezeigt, dass er genauso ist wie alle.
Es war heute in der Mittagspause.
Die Mädels um Maria und die Gruppe um IHN standen zusammen und ich bin vorbei gelaufen. Alle haben über mich gelästert. Wie immer.
Maria rief hinter mir her und ich drehte mich um.
ER lachte, als sie ihm etwas ins Ohr flüsterte und laut sagte er: „dieses frigide Mauerblümchen, will doch keiner anfassen!“
SIE alle schauen nur auf Äusserlichkeiten und warum sollte Phillip da anders sein.
Es tut mir Leid Mama.
Es tut mir Leid, dass ich nicht stärker bin.
Ich liebe Dich Mami.
*

Beim Lesen war er um das Grab herumgegangen und auch, wenn er nach diesen Zeilen die Gewissheit hatte, wer diese Texte verfasst hatte, musste er auf Nummer sicher gehen.
Mit Tränen in den Augen sah er nun zu der goldfarbenen Innschrift und als seine Befürchtung wahr wurde, gaben seine Knie nach.
*Claudia* stand dort.
Als würde der Deckel einer geschüttelten Cola-Flasche gelöst, stürmten die Erinnerungen auf ihn ein.
Er sah das Mädchen vor sich. Schüchtern lächelnd, als er sie in Bio gefragt hatte, ob sie nicht zusammen arbeiten möchten. Sie tat ihm immer schon Leid und er wollte freundlich zu ihr sein.
Er sah die braunen  Haare, die so widerspenstig waren und auch die Augen, die ihn voller Angst entgegen geblickt hatten.
Und auch Marias lange, perfekt gebräunte Beine kamen ihm wieder in den Sinn. Sie war das Gegenteil von der Brünetten und jeder wollte mit ihr befreundet sein.
Die Tränen liefen nun über seine Wangen.
„Es tut mir so unendlich Leid… warum hast du nie etwas gesagt?“ murmelte er leise, immer wieder von Schluchzern unterbrochen.
Jeder wusste von dem Selbstmord einer geraden 18Jährigen, doch niemand kannte die Gründe. Fast niemand, musste er korrigieren, denn in dem Tagebuch stand es schwarz auf weiß.
Niemals hatte er darüber nachgedacht, dass es seine Schuld sein könnte.
Niemals hatte er sich in ihre Situation hineinversetzt.
Er wollte einfach nur beliebt sein, er wollte dazugehören und Freunde haben.

Er kniete noch lange vor dem Grab, des viel zu früh verstorbenen Mädchens und gab sich seinen Schuldgefühlen hin. Es war schon dunkel geworden, als das Telefon noch einmal vibrierte. Dieses Mal mit einer Wegbeschreibung und da er nichts mit sich anzufangen wusste, verabschiedete er sich von dem Grab.

Am Ende einer kurzen Sackgasse, auf der linken Seite fand er ein Einfamilienhaus vor.
Mit zittrigen Fingern betätigte er die Klingel.
Dann ging die Tür auf und in dem Licht, welches aus den Flur kam, erkannte er seine Freundin Julia.
„Du?“ fragte er entsetzt.

8+

8 thoughts on “Mitschuld

  1. Liebe Anne,
    ich finde deine Idee insgesamt interessant genauso wie die Form der Tagebucheinträge. Das erzeugt eine gewisse Nähe zu den Figuren und man wird richtig mit traurig.
    Am Ende hätte ich mir jedoch ehrlich gesagt ein bisschen mehr Erklärungen/ Auflösungen gewünscht. Warum hat die Julia diese Schnitzeljagd veranstaltet? Was war die Rache?
    Ansonsten aber angenehm zu lesen😊
    Viele Liebe Grüße
    Christina

    0
    1. Liebe Christina,
      vielen, vielen lieben Dank für deinen Kommentar 🙂
      Ja das leidige Thema Ende…
      ich habe relativ viel geschrieben und habe dann erst die Normseitenregelung gesehen, oder bewusst wahrgenommen und hatte noch kein richtiges Ende gefunden.
      Daher habe ich das Risiko mit dem offenen Ende gewählt.
      Teils aus Zeitmangel, teils aus einer miesen Schreibblockade und weil ich mit keinem Ende wirklich zufrieden war, oder besser gesagt bin.. 🙁
      Viele liebe Grüße zurück
      Anne

      0
  2. Moin Anne,

    ein viel zu selten angesprochenes Thema „ Mobbing „ hast du in einer tollen Geschichte verarbeitet. Kann mich Christina nur anschliessen das es zum Ende etwas nachlässt. Wenn ich es richtig verstanden habe ist Julia, ihre Stiefschwester?

    0
    1. Hey Frank,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar 🙂
      Mobbing ist auch ein Herzensthema von mir, was mir sofort eingefallen ist, als ich über die Geschichte nachgedacht hatte 🙂
      Ja das mit dem Ende… wie auch schon bei Christina erwähnt, bin ich ziemlich in Zeitnot geraten…
      Zeitnot und zu vielen Ideen für ein Ende…
      Muss aber gestehen, dass es (in Ermangelung an guten Alternativen) immer noch die beste Variante in meinen Augen ist, auch wenn es definitiv nicht meine beste Arbeit ist…
      Verwirrend aber wahr 😀
      Genau Julia ist die Stiefschwester, die, wie ich geplant hatte, das Tagebuch findet:
      Dann allerdings werden meine Ideen verrückt und wirr^^

      Vielen lieben Dank noch einmal für die Worte und dass du meine Geschichte gelesen hast 🙂
      LG
      Anne

      0
  3. Liebe Anne,

    deine Geschichte lässt mich mit einem bedrückenden Gefühl zurück, was aufgrund des Themas aber auch irgendwie kein Wunder ist….

    Insgesamt lässt sich die Geschichte gut lesen, auch wenn sich hier und da kleine Rechtschreib-/Grammatikfehler eingeschlichen haben (z.B. bei diesem Satz: „Doch er hatte Hunger Sehnsucht nach seiner Freundin.“).
    Durch die genauen Beschreibungen konnte man sich alles gut bildlich vorstellen und in die Personen hineinversetzen. Auch die Teenagergedanken waren schön dargestellt.

    Zum Ende hin, als in dem Tagebucheintrag dann die Namen genannt wurden, konnte man sich leider schon weitestgehend alles zusammenreimen. Umso besser fand ich dann das offene Ende, da man noch rätseln kann, warum sie das gemacht hat, ob sie die Anruferin war, weshalb sie mit ihm zusammen war,…. Vielleicht machst du ja aus deiner Geschichte doch noch einen Kurz-Roman?!

    Schreib auf jeden Fall weiter!

    LG Yvonne / voll.kreativ („Der goldene Pokal“)

    0
    1. Hallo liebe Yvonne,
      nachdem ich technische Probleme hatte und mich jetzt endlich wieder einloggen konnte, danke ich dir natürlich von ganzem Herzen für deinen lieben Kommentar!!! 🙂
      Ohja die lieben Rechtschreib- und Grammatikfehler, muss das echt einmal überarbeiten und schiebe es einfach auf die Aufregung.
      Deine Geschichte werde ich auch gleich einmal lesen und es nutzen, dass ich eingeloggt bin, bevor es noch einmal Probleme gibt.

      Vielen lieben Dank noch einmal
      LG Anne

      0
  4. Hallo Anne!
    Deine Geschichte ist sehr gut geschrieben! Durch die Tagebucheinträge konnte man sich sehr gut in die Lage des Mädchen versetzen! Eine gute Idee! Ich finde das offenes Ende gar nicht so übel…einmal konnte man sich das schon denken und zum andern kommt man noch nachher zum Grübeln!
    Mein ❤ hast du auf jeden Fall!
    Vielleicht magst du ja auch meine Geschichte“ Die Rache“ lesen!?

    LG, Iris

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