Leslie DelhaesMörder unter Menschen

»Diesmal hast du dich selbst übertroffen.«
Bedächtig nicke ich, denn Sophia hat recht. Allen Literaturkritikern nach zu urteilen, gibt es auf dem deutschen Markt eh niemanden außer mir, den man übertreffen kann.
»Es wird Zeit, Amerika zu erobern. Mein Manuskript ist auf die USA zugeschnitten, damit sollte das mühelos gelingen.« Der größte deutsche Thrillerautor zu sein, ist ja schön und gut, aber das reicht mir nicht. Ich wollte schon immer die Welt und ich habe hart gearbeitet, um mir das zu verdienen. Härter als jeder andere. Sophia zieht die Augenbrauen zusammen. »Es ist radikal und grausam. Viel blutiger als sonst«, erkläre ich es ihr.
»Oh!« Sie zieht scharf die Luft ein. »Deshalb hast du die Morde so krankhaft gestaltet. Das ist der einzige Punkt, über den ich mit dir reden wollte.«
»Man muss sich weiterentwickeln.«
»Nicht jede Weiterentwicklung ist positiv. Wie er die Studentin abschlachtet, ist verdammt krass. Also, versteh mich nicht falsch …« Sophia bricht der Schweiß aus. Auch das habe ich mir durch meine Bestseller verdient, man kritisiert mich nicht mehr einfach so, vor allem nicht, wenn man meine Agentin ist und bleiben will. »Die Deutschen gruseln sich gerne, klar, sieh dir die Erfolge der Krimi- und Mystery-Serien an, aber in Maßen. Sinnlose Gewalt und speziell diese Sache mit den Eingeweiden, die funktioniert hier nicht.«
»In den USA schon.«
»Ich weiß nicht.« Sie reibt sich verzweifelt über die Augen. »Du hast einen Ruf zu verlieren.« Dabei ist genau das mein Ruf. Kein anderer Autor beschreibt so detailliert und realistisch, wie Menschen sterben. Die Leser lieben mich dafür.
»Ich weiß es aber, Sophia. Die Szenen bleiben so, wie sie sind.« Entschlossen stehe ich auf, das Gespräch ist beendet. Am Anfang meiner Karriere habe ich mich auf Diskussionen und Änderungen eingelassen und ein paar davon bereue ich noch heute. Entnervt, weil Sophia sich anmaßt, mehr Ahnung zu haben als der Star, verlasse ich schnellen Schrittes das Restaurant, in dem wir gegessen haben. Die Tür klappt laut in meinem Rücken und ich eile zum Parkplatz. Mitten auf dem Pfad liegt ein Handy, ich kicke es mit dem Fuß aus dem Weg, als ich vorbeigehe.
»Entschuldigen Sie«, werde ich von einer Stimme hinter mir aufgehalten. »Sie haben ihr Handy verloren.« Der Mann drückt mir das Smartphone vom Weg in die Hand und geht weiter zum Restaurant, ehe ich protestieren kann. Verärgert will ich es zurück ins Gebüsch werfen. In dem Moment durchzuckt mich ein Geistesblitz. Das passiert hin und wieder. Wenn es so intensiv ist, dann habe ich die ultimative Idee für mein nächstes Werk. Ein Smartphone, das in die falschen Hände gerät. Ein Smartphone, mit einem Geheimnis, das der neuen Besitzer nie erfahren sollte. Dazu ein Racheplan, der ans Licht kommt.
Aber wie öffnet man ein fremdes Handy?
Gedankenverloren drücke ich Knöpfe und wische über die Anzeige, während mein Kopf bereits mögliche Alternativen und Wendungen durchspielt. Mit einem Lächeln stelle ich mir das Muster von Blutspritzern auf dem Display vor. Das Handy geht an und präsentiert mir den Startbildschirm. Meine Verwunderung darüber, dass es nicht gesichert ist, weicht Entsetzen. Denn das Foto zeigt mich.
»Da bist du ja noch«, ertönt Sophias erleichterte Stimme. Der Fund hat ihr Zeit gegeben, die Rechnung zu begleichen und hinter mir herzulaufen. Leider. »Ich hatte den Eindruck, du wärst sauer auf mich. Dabei wollen wir doch dasselbe.«
Da bin ich mir nicht so sicher. Sie will vor allem Geld verdienen und ich will ein Weltstar werden. Der neue Stephen King, sobald wie möglich. Diese Ziele können ein Widerspruch sein, denn ich bin bereit, Risiken einzugehen.
Mein Blick wandert wieder zu dem Display und dem abgebildeten Profil. Auf dem Foto betrete ich meine Villa und habe den Finger auf dem Zahlenfeld, um den Code für das Türschloss einzutippen.
»Wir reden später«, fahre ich Sophia an und wende mich ab. Ich muss nachdenken. Diesmal nicht über einen neuen Plot. Oder über einen neuen Mord. Diesmal bin ich das Opfer.
»Klar, machen wir. Wir reden später.« Sophia eilt neben mir her und nickt enthusiastisch mit dem Kopf. »Wir lassen einfach eine Nacht verstreichen und denken morgen beide noch mal nach. Wir werden uns schon einig. Haben wir doch immer«, plappert sie weiter. Mein Finger schwankt zwischen der Galerie und den Kontakten, gleichzeitig bemühe ich mich, Sophia bloß nicht das Display sehen zu lassen.
»Verfolgst du mich?«, fahre ich sie an. Endlich habe ich meinen Wagen erreicht. Sie kneift die Augen zusammen, während sie mich irritiert mustert.
»Ich parke neben dir.«
Wortlos steige ich ein und knalle die Tür zu. Dann öffne ich die Kontakte. Eine mögliche Erklärung ist, dass ich den Besitzer des Handys kenne. Eine andere, dass es ein durchgeknallter Fan ist, wäre nicht der erste. Gespeichert ist eine einzige Nummer, die mir nichts sagt. Ich bin gut mit Ziffern, Telefonnummern merke ich mir automatisch. Leider kein Bekannter.
Der durchgeknallte Fan, dessen Handy ich aktuell in der Hand halte, ist wohl kaum harmlos. Ein Mensch, der eine einzige Nummer eingegeben hat – und das unter der nichtssagenden Bezeichnung Jemand – ist extrem einsam oder ein Psychopath. Ich sollte die Polizei einschalten, denn der Irre spioniert mich aus, und ich muss wissen, ob man anhand dieses Fotos meinen Türcode ausspionieren kann.
Ich wähle den Notruf auf der Freisprechanlage und verlasse die Kontakte des Stalkers. Gedankenverloren öffne ich die Galerie. Nur meiner Geistesgegenwärtigkeit habe ich es zu verdanken, dass ich auflege, bevor ich die Bullen an der Backe habe. Die dürfen dieses Handy nie in die Hände bekommen.
Lautes Pochen an der Fensterscheibe lässt mich endgültig zusammenzucken. Sophia steht nach wie vor neben meinem Wagen und klopft entschlossen gegen die Scheibe. Die kann ich jetzt auf keinen Fall verkraften. Ich starte den Motor und fahre davon, ohne auf ihre wild fuchtelnden Hände und ihre fassungslose Miene zu achten.
Die verdammten Bilder auf diesem verdammten Handy sind uralt. Zumindest diejenigen, die ich auf den ersten Blick gesehen habe. Nur mit Mühe gewinne ich meine Skrupellosigkeit zurück und steuere Richtung Innenstadt. Definitiv nicht nach Hause, denn der Startbildschirm hat mir deutlich gemacht, dass ich dort nicht sicher bin. Ich fahre langsam und beherrscht und gehe meine Optionen durch. So oder so, ich bin auf mich allein gestellt.
In der Tiefgarage des Hyatts werde ich den BMW los, bevor ich ein Zimmer beziehe. Dann sehe ich mir die Bildergalerie genau an. Es sind exakt zwölf Fotos und alle zeigen, wie ich eine Leiche entsorge. Erfreulicherweise ist es auf sämtlichen Bildern dieselbe Leiche. Irritierend, sich in einer Situation wie meiner freuen zu können, aber es hätte durchaus schlimmer sein können.
Ach, Scheiße, das ist fünfzehn Jahre her. Ich war ein armer Student, der Ambitionen hatte, Thrillerautor zu werden, jedoch keinen blassen Schimmer, wie sich ein Mörder fühlt. Oder welche Herausforderungen sich ergeben, wenn man im Anschluss den Körper loswerden muss und partout nicht erwischt werden darf. Denn sind wir ehrlich, die wenigsten Mörder wollen erwischt werden.
Auf den Bildern wird deutlich, wie ungeschickt ich mich anstelle. Ich hatte keine passende Technik, den Leichnam in den Kofferraum zu hieven, hatte nichts vorbereitet, um die Blutspuren zu verhindern, und musste im Anschluss in der Tiefgarage putzen. Das alles unter der Gefahr, einem Zeugen zu begegnen.
Damals habe ich geglaubt, mehr Glück als Verstand gehabt zu haben. Jetzt weiß ich, dass das nicht stimmt. Es hat einen Zeugen gegeben. Einen Zeugen, der Beweise gesammelt hat und fünfzehn Jahre wartet, ehe er mich damit konfrontiert.
Der Schriftsteller in mir wittert händereibend eine Story, der Mörder in mir wittert Gefängnisluft. Ich muss erst dem Mörder Rechnung tragen, ehe ich mich dieser brillanten Geschichte widmen kann, die jetzt schon irre viel Potential verspricht.
Auf dem Handy sind weder Apps installiert, noch ein Mailprogramm, nichts außer zwölf Bildern und einem Kontakt. Offensichtlich, was von mir erwartet wird. Versteht sich von selbst, dass ich genau das nicht machen werde.
Der Mörder in mir verlangt, dass wir das Schwein stellen und stilecht bei Leiche Nummer eins verschwinden lassen. Aber wie finde ich die Person, wenn ich kein Kommissar bin und keine Ortungsfunktion zur Verfügung habe, sondern nur eine unbekannte Telefonnummer, die ich nicht anrufen werde? Der Mörder in mir merkt an, Gewalt sei immer die perfekte Lösung, aber der Schriftsteller möchte Pläne schmieden.
Und Pläne schmiede ich, die ganze Nacht. Denn so blöd, den wichtigsten Punkt bei Dunkelheit anzugehen, sind nur die Protagonisten in meinen Büchern, die ich zwinge den Spannungsbogen zu steigern.

Am nächsten Morgen starte ich mit einem ausgiebigen Frühstück. Ich bin niemand, der sich den Appetit vermiesen lässt, nicht, wenn es ein riesiges Frühstücksbuffet eines 5-Sterne-Hotels zu genießen gibt. Dann checke ich aus, besorge mir einen neuen Laptop und einen Haufen Bargeld. Entschlossen überspiele ich die kompromittierenden Fotos auf den Laptop und schalte beide Handys aus. Nur für den Fall, dass der wahre Handybesitzer es orten kann. Dann erst mache ich mich auf den Weg zur Leiche.
Diesen ersten Mord habe ich meiner Großmutter zu verdanken, zumindest indirekt. Es war meine Oma, die mir Tag für Tag predigte, ein ausgezeichneter Schriftsteller könne nur über Sachen schreiben, die er erlebt hat. Folgerichtig habe ich die erste Leiche in ihrem Keller eingemauert.
Das Haus riecht modrig, als ich aufschließe. Ich habe es seit fünfzehn Jahren nicht betreten. Andere Personen genauso wenig, denn es gehört mir.
»Ach, Oma, so sehen wir uns wieder«, begrüße ich den Geist der Verstorbenen, die ich um mich herum spüre. »Ich werde deinen Untermieter heute mitnehmen. Ich hoffe, das ist dir recht.«
»Mach, was nötig ist, Junge.« Wir waren schon immer auf einer Wellenlänge, daher kenne ich ihre Antwort.
Die wackelige Treppe knarrt, als ich hinuntergehe. Im hellen Tageslicht ist es trotzdem nicht gruselig, denn der Sonnenschein reicht bis weit hinunter. Früher schon habe ich den Keller geliebt, das Geheimnisvolle, die Spinnweben, den Geruch nach ewigen Jahren, die vergangen sind. Die Mauer, die ich hochgezogen habe, ist klar zu erkennen. Genauso klar ist, dass meine Leiche verschwunden ist.
Verdammt!
Es ist ja nicht irgendein Körper. Es ist meine erste Leiche, an der ich trotz oder gerade wegen des naiven, unprofessionellen Vorgehens hänge. Clever wäre es gewesen, sie genau wie die anderen unwiderruflich zu entsorgen. Außerdem ist es diejenige, von der Bilder im Umlauf sind.
Jetzt hat der irre Stalker also auch noch meinen Toten.
Entsetzt geht der Mörder näher an die Mauer heran. Der Schriftsteller reibt sich gleichzeitig die Hände und schreit: »Super Story, geile Wendung!«
Die Wand ist äußerst stümperhaft hochgezogen, ich bin alles andere als handwerklich geschickt. Ein guter Beobachter bin ich dagegen durchaus. Und langsam setzen sich die Informationen in meinem Kopf zu einer Erklärung zusammen. Die Steine liegen nicht hinter der Mauer, wie es zu erwarten wäre, wenn ein Mensch sie von außen eingerissen hätte. Und neu sehen die Bruchstellen ebenfalls nicht aus. Im Gegenteil. Staub spricht eine eindeutige Sprache, und die sagt mir, dass nicht jemand die Leiche herausgeholt hat. Nein, die Leiche hat sich selber herausgeholt. Weil es nämlich keine Leiche war.
Das ändert so einiges.

»Das ist irre, das ist einfach irre. Und genial.« Sophia ist absolut aus dem Häuschen und begrüßt mich mit Begeisterung pur. Ihre Erleichterung über das Treffen ist nicht zu übersehen. Leicht lächelnd sinke ich auf den Stuhl und schaue mich zufrieden um. Nach vier Wochen selbst auferlegter Isolation ist sogar ein einsamer Wolf wie ich froh, wieder unter Menschen zu sein. »War das von Anfang an so geplant? Hast du mich absichtlich beim letzten Mal auflaufen lassen, um mich auf das hier vorzubereiten?«
Lässig nicke ich und gebe vor, nicht aus Notwehr gehandelt zu haben. Sophia grinst noch breiter. »Das bringst auch nur du. Einen Thriller zu schreiben, in dem man sich selber als Mörder darstellt. Es wird ein paar Deppen da draußen geben, die das wörtlich nehmen werden.«
»Das Risiko geht man in meinem Genre doch immer ein.« Ich habe schon so einige Fanbriefe bekommen, aus denen hervorging, dass der Schreiber mich für einen kranken Irren hielt. Einen, den man wegsperren sollte.
»Wie kamst du bloß auf so eine Idee?«
Vor mir steht bereits ein Glas mit Rotwein, Sophia hat wie üblich eine Flasche bestellt. Alkohol ist am heutigen Abend keine Option.
»Ich habe ein Handy gefunden. Hier vor der Tür.« Ich deute zum Eingang, denn wir sitzen in dem Restaurant, in dem wir uns vier Wochen zuvor getroffen haben. In dem wir uns genau genommen immer treffen. »Und da hat es Klick gemacht, ab da war die Story im Kopf und musste geschrieben werden.«
Das Ganze ist in einen Tatsachenbericht ausgeartet. Ein paar Punkte musste ich mir zwar zusammenreimen, aber nachdem sich meine Leiche als ausgebrochene Nicht-Leiche entpuppte, sind alle dazugedichteten Fakten äußerst glaubwürdig. Ich schwöre, dass es sich genauso abgespielt hat.
»Mich hat es gegruselt. Ich musste mich immer wieder zwingen, dir nicht abzukaufen, dass du ein psychopathischer Mörder bist, der seine Krankheit abwechselnd auf dem Papier und im realen Leben auslebt.« Sophia lehnt sich zurück und mustert mich intensiv. »Wenn ich dich nicht so lange kennen würde …« Sie lässt den Satz in der Luft hängen und kichert hysterisch. »Das Haus von deiner Oma?«
»Gibt es wirklich«, bestätige ich. »Ich habe sogar im Keller eine Mauer hochgezogen, damals als ich ›Mörder unter Menschen‹ geschrieben habe.«
»Das hast du nie erzählt.«
»Peinlicherweise hatte ich mich im Eifer des Gefechts selbst eingemauert und musste im Anschluss ein Loch in mein Werk hauen, um wieder rauszukommen.« Meine Agentin lacht laut auf. »Es hatte den Vorteil, dass ich danach wusste, wie mühelos man eine frisch gemauerte Wand eintreten kann, solange der Mörtel noch nicht hart ist.«
»Wie du diesen ersten Mord beschreibst, ist grandios. Dieses spontane Opfer, das nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist und dadurch die Ehre bekommt, an einem Experiment teilzunehmen. Auf so eine kranke Idee muss man erst einmal kommen.« Sie schenkt sich Wein nach und wirft einen erstaunten Blick auf mein nach wie vor volles Glas. »Wie bist du auf das Krematorium gekommen?«
»Meine Großmutter wurde eingeäschert. Extrem gruselige Atmosphäre.«
Ich liebe die Stimmung im Krematorium vor allen bei Nacht. Aus mehreren Gründen, die ich Sophia nicht erzählen werden. Sie muss nicht wissen, dass der Geschäftsführer in der Realität ein Megafan von mir ist, der mir einen Schlüssel und damit ungehinderten Zutritt bei Tag und bei Nacht gegeben hat. Sie muss nicht wissen, dass ich tatsächlich immer wieder des Nachts dort herumschleiche und mich von der kahlen, kalten Umgebung inspirieren lasse. Sie muss vor allem nicht wissen, dass ich nicht nur eine Leiche in einem der Särge deponiert habe, die bereit zur Einäscherung warten. Sie soll weiterhin annehmen, dass dieser Teil Fiktion ist.
»Ich gehe nicht davon aus, dass es so einfach möglich ist, seine Opfer dort loszuwerden, wie du es beschreibst«, wendet Sophia ein und nippt nachdenklich an ihrem Wein. »Die kontrollieren die Särge mit Sicherheit sorgfältig, bevor sie sie endgültig in den Ofen schieben.«
»Das denke ich auch«, lüge ich, obwohl ich es besser weiß. »So ein bisschen künstlerische Freiheit muss erlaubt sein.«
»Am brillantesten finde ich, dass du jeden deiner Buchmorde hier so schilderst, als habest du sie persönlich im Vorfeld begangen. Wer dieses Buch liest, muss danach die schon veröffentlichten Sachen ebenfalls lesen. Oder erneut lesen, diesmal mit anderen Augen. Das ist so dermaßen genial, dass mir die Worte fehlen.« Die Worte fehlen ihr eindeutig nicht, aber das ist bei Sophia nie der Fall. »Ich wette, es wird Leute geben, die behaupten, sie werden dich bei einem der Morde beobachtet haben. Was für eine herrliche PR.« Sophia konzentriert sich wie üblich auf die finanzielle Dimension.
»Ich wette, es wird Leute geben, die Fälschungen von Fotos anfertigen, die zeigen, wie ich eine Leiche entsorge«, setze ich noch einen drauf und lasse mir nicht anmerken, wie nah wir an der Wahrheit sind. »Oder Irre, die behaupten, sie wären das erste Opfer, das entkommen ist.«
»Das kann sein.« Sophia leckt sich über die Lippen und grinst dann. »Es wäre pures Gold, wenn so etwas passiert. Wenn ein Typ behauptet, er wäre derjenige, der den Mordanschlag überlebt hat. Eventuell sollten wir jemanden dafür anheuern.«
»Du willst einen Krüppel engagieren, der vorgibt, mein Opfer zu sein? Wie skrupellos ist das denn?« Langsam ist sie mir zu begeistert.
»Genau. Stell dir die Schlagzeilen vor: Mörder oder unschuldiger Thrillerautor?« Definitiv nicht. An dieser Stelle ist das Manuskript leider das, was es bei anderen Autoren immer ist – Fiktion. In meinem Fall eine Mischung aus Recherche, Vermutungen und Fantasie, die der verlorenen Leiche einen Gedächtnisverlust und weitreichende gesundheitliche Einschränkungen unterstellt haben. Das erklärt die vergangene Zeit und den Willen nach Rache. Ich an seiner Stelle würde im ersten Schritt so viel Geld wie möglich fordern und im zweiten Schritt Vergeltung üben. Entweder mit einem langsamen und qualvollen Tod oder mit lebenslänglich. Die Erpressung und die Strafverfolgung habe ich mit der Weitergabe meines Manuskriptes verhindert. Gegen die zu befürchtende Gewalt steht ein Bodyguard bereit, der mich ab heute Tag und Nacht bewachen wird.
»Lass uns erst einmal veröffentlichen. Dann schauen wir weiter«, bremse ich meine übereifrige Agentin. Voraussichtlich wandere ich in die USA aus, sobald ich dort den Erfolg habe, den ich anstrebe.
»Das mit den Fotos finde ich allerdings weit hergeholt.« Sophia legt ihren Finger gnadenlos auf die Stelle, bei der ich raten musste. »Nein, ehrlich, wenn es nur darum ginge, dass ein Autor die Morde, die er beschreibt, selbst vorher begangen hat, das wäre lahm. Daher finde ich die Idee mit dem ersten Opfer und dessen Schlüsselrolle so gelungen. Eine Zufallsbegegnung, die sich in der Adresse geirrt hat, ist die perfekte Gelegenheit für einen angehenden Schriftsteller, der erfahren will, über was er da schreibt. Sehe ich auch so. Dann überlebt der Mann schwerverletzt mit einem Schädelbruch, einem zertrümmerten Bein und den dazu gehörenden Folgeschäden, inklusive Amnesie. Alles bestens. Ich finde es ebenfalls realistisch, dass er fünfzehn Jahre später durch Zufall in dem Haus landet, in dem er damals überfallen wurde und Erinnerungen hochkommen. Nur mit den Fotos bin ich nicht einverstanden. Die Kamera in der Tiefgarage, die aufzeichnet, wie die angebliche Leiche wegtransportiert wird – meinetwegen. Aber dass das Opfer diese Bilder nach so langer Zeit bei der Sicherheitsfirma findet und ausgehändigt bekommt, das geht zu weit.«
Das ist nichtsdestotrotz die einzige Erklärung. Ich habe mich in meinem alten Wohnhaus umgesehen und an der Stelle, an der die Bilder entstanden sind, hängt nach wie vor eine Überwachungskamera. Sophia fuchtelt mit ihren Fingern vor meiner Nase herum.
»Lass die Bilder weg!« Diese Fotos sind elementar für das Manuskript, wenn es als Alibi herhalten soll.
»Wie erpresst er den Autor ohne Beweis? Ich bestehe auf die Bilder.« Keine Ahnung, ob der Typ mich erpressen wollte. Ich habe die Telefonnummer nie gewählt, denn manipulieren lasse ich mich nicht. Sophia klopft ungehalten mit einem Finger auf dem Tisch. Das macht sie immer, wenn sie nachdenkt und häufig kommt im Anschluss ein passender Vorschlag heraus.
»Er hat endlich einen Job gefunden«, überlegt sie dann laut. »Bei einer Sicherheitsfirma. Logischerweise im Büro, denn er kann sich ja nur unter Schmerzen bewegen. Und dort überwacht er ausgerechnet die Kamera, die in der Tiefgarage des Mörders installiert ist.«
»Da macht es klick«, stimme ich ihr zu. So kann es gewesen sein.
»Da macht es nicht nur klick.« Sophia redet sich langsam warm. »Da kommt er ebenfalls an die alten Bänder, auf denen die letzten Jahre gespeichert sind.«
Diese Version ist realistischer, als alles, was ich mir zusammengereimt habe. Genau genommen ist sie so realistisch, dass bei mir Alarmglocken läuten. Sophia hatte schon immer ein Pokergesicht, dem man nicht ansieht, worauf sie hinaus will. Bei Verlagsverhandlungen weiß ich es sehr zu schätzen.
Vermutlich muss ich mir bald eine neue Agentin suchen. Wenn die aktuelle unerklärlicherweise verschwindet, bleibt mir nichts anders übrig. Genauso wie die perfekte Art, Leichen zu entsorgen, denn das Krematorium ist raus.

4 thoughts on “Mörder unter Menschen

  1. Hi,
    eine wirklich richtig gute Geschichte! Die Doppelung der Handlung, also dass der Schriftsteller genau das nutzt, womit er konfrontiert wird und das sehr großartige Ende fand ich richtig klasse! Mein Like hast Du.
    Du hast einen tollen Schreibstil, er hat es mir sowohl leicht gemacht, die Geschichte zu lesen, wie auch dazu geführt, dass ich sie geradezu verschlungen habe. Ich hoffe, dass noch ganz viele Likes dazu kommen, verdient hat es die Story allemal!

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen („Glasauge“) und ein Feedback da zu lassen …

  2. Liebe Leslie,
    sehr gute Geschichte. Die Idee, dass der Protagonist über das schreibt was er selbst erlebt, ohne, dass jemand davon weiß, hat mir sehr gut gefallen. Dein Schreiben ist klar und flüssig zu lesen. Den Charakter der Hauptfigur hast Du sehr gut herausgearbeitet. Das Ende war sehr gut, es blieben bei mir einige Fragen offen, das hat der Geschichte aber keinen Abbruch getan.

    Dafür ein ♥️ von mir!

    Vielleicht magst Du ja auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen, das würde mich sehr freuen. 🌻🖤

    Liebe Grüße, Sarah! 👋🌻 (Instagram: liondoll)

    Link zu meiner Geschichte: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stumme-wunden?fbclid=IwAR1jjPqPu0JDYk0CBrpqjJYN78PYopCEU1VGdqzCvgp7O4jnGKQSFdS6m6w

  3. Hallo 🙂
    Mir gefällt deine Geschichte sehr gut! Besonders wie die Gedanken des Protagonisten immer in „Mörder“ und Schriftsteller“ geteilt werden. Auch das offene Ende ist die sehr gut gelungen!
    Liebe Grüße,
    Nathalie (Zwischen Liebe und Leichen)

  4. Liebe Leslie,

    Schon vorbei? Ich war gerade total in deiner Geschichte gefangen und finde es richtig gut, wie du die Realität und die Geschichte im Buch miteinander verknüpfst. Sehr gruselig, aber genial!
    Und dabei ist mir der Protagonist immer noch sympathisch geblieben.

    Leider war es nur so früh vorbei und ich würde gerne wissen, welche Bücher da noch entstehen.

    Den Titel mag ich übrigens auch sehr gern. Sowohl als Titel für deine Kurzgeschichte, als auch als Titel für den Debütroman.

    Ich liebe außergewöhnliche Beschreibungen. Bei dir waren es folgende, die ich wirklich mega gut fand:

    Erfreulicherweise ist es auf sämtlichen Bildern dieselbe Leiche.

    Am nächsten Morgen starte ich mit einem ausgiebigen Frühstück. Ich bin niemand, der sich den Appetit vermiesen lässt, nicht, wenn es ein riesiges Frühstücksbuffet eines 5-Sterne-Hotels zu genießen gibt.

    Diesen ersten Mord habe ich meiner Großmutter zu verdanken, zumindest indirekt. Es war meine Oma, die mir Tag für Tag predigte, ein ausgezeichneter Schriftsteller könne nur über Sachen schreiben, die er erlebt hat. Folgerichtig habe ich die erste Leiche in ihrem Keller eingemauert.

    –> das hat alles was gruseligea, markantes, aber auch lustiges. Hut ab! Gefällt mir sehr gut.

    Schade, dass du erst so wenig Likes und Kommentare hasr. Viel Erfolg dir noch!

    Liebe Grüße,

    Jenny/madame_papilio

    Falls du Lust hast auch meine Geschichte noch zu lesen, dann freue ich mich natürlich: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/nur-ein-kleiner-schluessel

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