SimoneMomentaufnahme

2019
Donnerstag, 14. März

Die Klapse hatte Michael sich immer anders vorgestellt.
Er hatte gummierte, weiße Wände erwartet wie in den schlechten alten Filmen, in denen man die Irren einsperrte und bis auf die Pillenausgabe ihrem Wahnsinn überließ. Er dachte er habe wahrscheinlich einfach schon zu viele miese Filme gesehen, während er langsam registrierte, dass er sich im städtischen Krankenhaus befand. Nach seinem Auftritt gestern Abend hatte er vermutet, man habe ihn in die nahegelegene psychiatrische Klinik gebracht. Das Bett war weich, weit weg von bequem, doch das war ihm gleich. Nur ein Gedanke beschäftigte ihn, als er aufwachte.
Er hatte die ganze Zeit über Recht.
»Ganz langsam, erst mal wach werden«, unterbrach eine Männerstimme seine panischen Gedanken. Michael öffnete die Augen und sah Max‘ Gesicht. Er hätte ihn nicht ansehen müssen um ihn zu erkennen, denn seine Stimme hallte seit gestern Abend in seinem Kopf wie die Orgel einer Kathedrale.
Wenn seine Erinnerung korrekt war, hatte er einen klassischen Nervenzusammenbruch erlebt. Er musste klaren Gedanken fassen. Dass sein Schwager überhaupt hier war und sich dafür interessierte wie es ihm ging, war schon eine Ehre, die er nicht verdiente. Deshalb konnte er ihm schlecht sagen, dass er einfach nur wollte, dass er verschwand.
»Max, ich bin müde und wohl ziemlich high«
»Kein Problem, ich lasse dich schlafen und komme dann später mit Stefanie vorbei«
»Nein!«
Er erhob sich in seinem Bett und bemerkte im gleichen Moment, dass seine Reaktion zu hart klang.
»Ich will nicht, dass meine Schwester mich so sieht. Von meinen Nichten ganz zu schweigen. Und bitte…«
»Keine Sorge. Ich behalte dein Geheimnis für mich« erwiderte sein Schwager und ging.

2011
April
»Und Sie hätten wirklich Interesse an einem Job als Haustechniker? Ich schätze als Fotograf sind Sie andere Honorare gewohnt, als ein Teilzeiteinkommen in einem Seniorenheim«
Ja, da hatte sie Recht. Weder hatte Michael Lust auf die Arbeit eines Hausmeisters (der -techniker wurde ja doch nur angehängt um einen mies bezahlten Job etwas wichtiger klingen zu lassen) noch war die angebotene Bezahlung es wert, morgens überhaupt aufzustehen. Nur durfte er sich diese Möglichkeit einfach nicht nehmen lassen. Wenn an dieser Sache etwas dran war, konnte das die Story sein, die ihn wieder ins Spiel brachte. Und sein Gefühl müsste ihn schon schwer täuschen, wenn es in diesem Bunker nichts zu holen gäbe.
Über den Tag verteilt hatte er mitbekommen wie Angestellte des Hauses leise darüber tuschelten, welch seltsame Dinge hier vor sich gingen und es kam nicht in Frage, dass er seinen Lebensunterhalt weiter mit Aufträgen wie diesem hier verdiente. Wer bitte fotografierte freiwillig auf einer Party im Seniorenheim?
Michael war dreiunddreißig. Würde er es nicht bald schaffen, war es vorbei mit der Karriere. Er wollte als Journalist krumme Geschäfte aufdecken, seit er als Kind mit seiner Mutter einen Film darüber gesehen und den Protagonisten für einen wahren Helden gehalten hatte.
Anders als bei seinen letzten Versuchen bekäme er hier über diesen lausigen Job eine legale Möglichkeit in alle Räumlichkeiten des Gebäudes zu gelangen. Und diese Frau, er glaubte sie hatte sich als Christine Irgendwas, Residenzleitung, vorgestellt, schien ihn zu mögen.
Außer ihre Bluse wäre ganz zufällig ein gutes Stück weiter geöffnet als noch kurz zuvor. Derartig tiefe Einblicke gewährte man sonst nur seinem Psychiater, dachte Michael sich und schätzte, dass ihr Outfit in etwa sein Quartalseinkommen wert sein dürfte.
»Na ja, ich habe mitbekommen, dass dringend jemand gebraucht wird, der sich um dies schöne Haus kümmert und ich habe eh zu viel Zeit. Sie wirken so engagiert in ihrer Arbeit für diese hilfsbedürftigen Menschen, da helfe ich ihnen gerne eine Zeit lang aus der Klemme«
„Du bekommst am ehesten was du willst Junge, wenn dein Verhandlungspartner das Gefühl hat, du würdest ihm einen Gefallen tun“ hörte er die Worte seines Vaters.
Und das war es auch schon gewesen. Zwei Unterschriften und er hatte den Generalschlüssel in der Tasche. Als Abschluss für einen Tag voller harter Arbeit (er hatte ein paar Fotos geschossen und Christine war in ihrem Designerkostüm denen, die wirklich arbeiteten, im Weg gestanden) hatte sie ihn noch zu einem Drink eingeladen. Michael hatte seine Stammkneipe gewählt und genoss wie pikiert seine Begleitung von den Hygienestandards und den anderen Gästen war. Trotzdem war die feine Dame am selben Abend noch in seinem Bett gelandet und alles andere als eine feine Dame gewesen.

2019
Mittwoch, 13. März

Der Typ beobachtete ihn. Oder er war paranoid geworden und verlor langsam den letzten Rest Verstand. Nein. Die Art wie dieser schmierige Typ ihn so durchdringend ansah war zu auffällig.
Er hatte automatisch die kleine Kneipe angesteuert in der er die letzten Jahre viel Zeit verbracht hatte. Die meisten anderen hier waren um die sechzig und frönten, am schlimmsten zum Monatsanfang, ihrer Spielsucht an den Automaten in der hinteren Ecke des Lokals. Auf dem Weg zu den Toiletten musste man an ihnen vorbei und kam in den Genuss von Alkoholfahnen, die einen betrunken machten ohne einen einzigen Cent ausgeben zu müssen. Selten kommunizierte man hier über ein Nicken hinaus und wurde für übermäßigen Alkoholkonsum zu einer Uhrzeit, zu der andere in die Kirche gingen, nicht verurteilt. Man kannte sich. Aber den Schmierlappen am Tresen hatte noch niemand hier je gesehen und er starrte Michael an, als habe der gerade seinen Hund überfahren.
Er dachte sofort an Holger.
Holger war der Vater von Michaels Frau Christine. Vor sechs Jahren hatten die beiden geheiratet und Holger hatte Michael nie leiden können. Sogar bevor der ihm einen guten Grund dafür geliefert hatte.
Holger Forstmayer, Inhaber einer Kette von 20 Pflegeheimen, lebte wie die Made im Speck und hätte sich nicht geschämt, sein Kaminfeuer mit Geld anzuzünden. Eine Tochter solchen Hauses konnte keinen Fotografen heiraten. Er war zu arm, zu ungebildet und seiner Tochter nicht würdig. Nein, er war nicht mit einem goldenen Löffel im Munde geboren worden und trotzdem hatte es ihm als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau an nichts gemangelt. Nach Holgers Standard stand er dennoch auf Dritte-Welt-Ebene. Es würde ihm ewig ein Rätsel bleiben, wie seine Christine eine so herzliche Frau hatte werden können. Sie war wohl der lebende Beweis dafür, dass unsere Herkunft nicht zwingend darüber entscheidet, wer aus uns wird.
Wenigstens hatte er sich auf seiner Hochzeit nicht mit einem unzufriedenen Schwiegervater herumstreiten müssen, denn Christines Bruder Max hatte seine Schwester zum Altar gebracht. Holger saß für seine betrügerischen Geschäfte im Gefängnis. Michael hatte seine Story bekommen, wenn auch anders als erwartet.
Holger war immer sicher gewesen, Michael war Schuld, dass er seine Tochter verloren hatte. Er glaubte er habe Christine von ihm abgeschottet und war blind dafür gewesen, dass sein eigenes Verhalten daran schuld war, dass seine Tochter den Kontakt mit ihm abgebrochen hatte, als er in den Knast kam.
In den Seniorenheimen der Familie war über Jahre hinweg massiver Abrechnungsbetrug praktiziert worden, der einen Schaden in noch immer unbekannter Höhe verursacht hatte. Als alles ans Tageslicht kam hatte der Mäzen seinen Posten und viel Geld verloren.
Ja, Michael war vielleicht Schuld daran, dass die Machenschaften seines Schwiegervaters ans Tageslicht gekommen waren, doch dass es etwas zu finden gab hatte der Alte selbst zu verantworten. Außerdem konnte er froh sein, dass Michael nicht alles öffentlich gemacht hatte.
So gerne würde er einfach zur Polizei gehen und all die gesammelten Informationen auf den Tisch legen. Und trotzdem würde genau das nie passieren. Selbst wenn der Alte ihn augenscheinlich wieder beschatten ließ, wenn auch diesmal von einem Stümper im Praktikum.
Er hatte Christine versprochen, die Sache ruhen zu lassen.

Der Typ saß da wie eine Salzsäule, während Michael sich nicht nur die Frage stellte, warum man ihn wieder beobachten ließ, sondern warum ausgerechnet heute.
Heute war es auf den Tag drei Jahre her.
Vor genau drei Jahren wurde die Liebe seines Lebens ermordet.

Seine Blase holte ihn für einen kurzen Augenblick aus der Trauer zurück in die Realität. Er musste dringend zur Toilette und schlängelte sich an den Alten an den Spielautomaten vorbei. Kurz bevor er um die Ecke und am Treppenabsatz zu den im Keller gelegenen Toilettenräumen war, nahm er wahr, wie auch der Fremde sich erhob. Entweder der Mann ging nach Hause und Michael hatte sich alles nur eingebildet, oder er folgte ihm tatsächlich auf die Toilette. Er beeilte sich die Treppe hinunter, öffnete die Tür mit dem kleinen Männchen darauf und entschloss sich statt für das Urinal für eine Kabine.
Kurz nach ihm hörte er den Mann den Raum betreten und hielt den Atem an. Es passierte nichts. Er kam sich wie ein Idiot vor, als er zuhörte wie der Fremde sich erleichterte, sich die Hände wusch und den Raum wieder verließ. Was hatte er denn erwartet? Wahrscheinlich war der Typ nur ein trauriger Trinker mit steifem Blick.
Als er aber seine Kabine verließ und direkt vor deren Türe einen kleinen Gegenstand liegen sah, war die Paranoia mit einem Schlag zurück.
Bei näherem Hinsehen erkannte er es als eine SD-Speicherkarte. Nichts besonderes. Einen Moment lang stand er einfach nur da und überlegte, was das alles bedeuten könnte. Einen wirklichen Reim konnte er sich nicht darauf machen.
Klar, es war möglich, der Mann war nur ein Typ in einer Bar, der etwas auf dem Klo verliert, zufällig dann, wenn Michael, der schon mehrmals beschattet wurde, sich im Raum befindet. Das ganze genauso zufällig an diesem Jahrestag. Das war möglich, enthielt aber mindestens einen Zufall zu viel, um wahrscheinlich zu sein.
Er steckte die Karte in sein Jackett und ging zurück nach oben in den Schankraum. Auf dem Weg dachte er darüber nach, ob er dem Mann die Karte einfach zurückgeben oder dem Drang seiner Neugier nachgeben sollte.
Eine Antwort war überflüssig, denn als er zurück am Tresen angekommen war, war der Fremde nicht mehr da.

2013

Sie hatte fast den ganzen Tag nur geweint.
Sie waren mitten in der Planung ihrer Hochzeit, während in einer Parallelwelt der Vater der Braut zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Michael versuchte seine Verlobte so gut zu trösten, wie er konnte. Dass er Schuld an Holgers Verhaftung war, weil er mit den in der Seniorenresidenz gesammelten Informationen zur Polizei gegangen war, hatte er seiner Freundin schnell gebeichtet. Er fragte sich immer noch, wie sie ihm hatte verzeihen können. Holger beharrte weiter auf seiner Unschuld, obwohl die Beweise eine andere Sprache sprachen. Vielleicht hatte Christine ein so ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, dass sie die Notwendigkeit der Strafverfolung verstand. Ungeachtet der Tatsache, dass es sich um ihren Vater handelte. Sie hätte ihren Job behalten können, hatte aber nach alldem das Pflegeheim nicht mehr betreten wollen. Die gesamte Kette würde an einen anderen Träger verkauft und neu aufgebaut werden, da Christine nun das Sagen hatte. Jetzt, wo klar war, dass ihr Vater nicht bei ihrer Hochzeit sein würde, konnte sie die Tränen einfach nicht zurückhalten.
Michael wusste nicht, was er sagen sollte, so bot er an, die Hochzeit zu verschieben. Das wollte Christine nicht.
»Es tut mir Leid, was ich deiner Familie angetan habe«
»An schlechten Nachrichten ist nie der Briefträger schuld. Du hast nur deinen Job gemacht. Auch wenn es immer noch etwas wehtut, dass du mich anfangs nur benutzt hast«, schluchzte Christine. Ja, er hatte sie benutzt und es wäre alles glatt gelaufen wenn er sich nicht in Christine verliebt hätte. Nach einem Jahr bereits hatte er um ihre Hand angehalten.
Seine schöne Frau liebte ihn so sehr, dass sie ihm verzieh. Nicht nur, dass er sie ursprünglich nicht lieben, sondern benutzen wollte. Obendrein riss er dadurch ihre Familie auseinander. Dafür verdiente sie wenigstens die ganze Wahrheit.
»Wenn es noch mehr Informationen zum Fall deines Vaters gäbe, die dir aber sicher nicht gefielen…würdest du es wissen wollen?« fragte er sie direkt.
Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und es dauerte einen Moment bis sie antwortete.
»Ja«
Also erzählte er ihr alles. Der Abrechnungsbetrug war nur die Spitze des Eisbergs gewesen. In der Residenz wurden sämtliche Kassen und Geschäftspartner auf dem Rücken der Bewohner betrogen. Menschen wurden mit Medikamenten ruhiggestellt. Die Bewohner wurden unter Druck gesetzt, falsche Angaben zu machen. Für Leistungen, die nur von Fachpersonal erbracht werden dürfen, wurden Aushilfen eingesetzt. Die teuren Fachkräfte waren einmal die Woche anwesend, um für all das zu unterschreiben, das sie angeblich geleistet hätten.
Er erzählte ihr auch, wo die Papiere lagerten, die seine Aussagen untermauerten und als ihr bewusst wurde, dass es die Dokumente wirklich gab, wollte sie diese nicht einmal mehr sehen. Ihr Blick wechselte von traurig zu absolut ausdruckslos.
»Wir werden meinen Vater nie wieder sehen, versprich mir das!«
Er hatte es ihr versprochen.

2019
Mittwoch 13. März

Er hatte seine Rechnung in der Kneipe bezahlt und überlegte, was er tun sollte. Er musste sich die Karte ansehen. Vielleicht waren alle Sorgen unbegründet und sie war leer. Und selbst wenn nicht, selbst wenn er rund um die Uhr beschattet wurde, würden ihn die Bilder beim Einkaufen, im Auto und in der Kneipe zeigen.
Unterwegs hielt er an einem Baumarkt in der Nähe. Es war Zeit endlich das umzusetzen, was er schon ewig aufschob.
Zuhause angekommen fuhr er seinen PC hoch, machte sich Kaffee und setze sich vor den Bildschirm.
Der Ordner enthielt etwa 40 Bilddateien. Weniger, als er vermutet hatte. Sie zeigten das Erwartete: Michael im Supermarkt, Michael an der Theke, Michael an der Haustüre seiner Schwester. Er war schon fast gelangweilt, als er von dem letzten Foto einen Schlag in die Magengrube bekam, als ob eine riesige Faust direkt aus dem Monitor geschnellt wäre.
Das Bild zeigte ein Ultraschallbild.
Ein Ultraschallbild mit dem Namen seiner Frau am linken unteren Rand.

Reflexartig sprang Michael auf, der Kaffee ergoss sich dabei über die Tastatur, das schien er allerdings nicht zu registrieren.
Wo verdammt hatte Holger dieses Foto her?
Das war schlichtweg nicht möglich.
Christine und er hatten jede auffindbare Spur vernichtet.

Schlagartig fühlte er sich zurückversetzt in den Sommer 2015.
Sie waren so stolz als sie erfuhren, dass sie bald Eltern wurden. Michael sah die Schwangerschaft sogar als Chance, seine Frau wieder mit ihrem Vater zu einen. Er war immerhin der Großvater, wie sehr er ihn auch verachtete.
Seine Frau sah das anders. Holger habe jedes Recht verwirkt und sie weigerte sich, ihr Kind einem kriminellen auszusetzen, der es am Ende genauso behandeln würde, wie sie selbst und ihren Bruder. Sie hatte Michael damit so viel Angst gemacht, dass er am Ende einwilligte, die Schwangerschaft zu verheimlichen. Für Max tat es ihnen Leid. Er war ein guter Bruder und wäre auch ein guter Onkel geworden. Er hatte sich immer aus allen Streitigkeiten herausgehalten, doch war es leicht, sich allen Konflikten zu entziehen, wenn man dreihundert Tage im Jahr auf Geschäftsreisen war. So vertraute Michael dem Empfinden seiner Frau. Es würde nicht leicht werden, doch sie würden es schaffen. Max war nie da und wenn Holger aus dem Gefängnis entlassen würde, wüsste er immer noch nicht, wo die beiden jetzt lebten.
Sie waren in die Nähe von Michaels Schwester Stefanie und ihrem Mann gezogen und Christine hatte in den beiden eine neue Familie gefunden.

2019
Mittwochabend 13.März

Michael glaubte, er könne weder seinen Augen noch Ohren mehr trauen, als sein Schwager plötzlich vor seinem Haus stand.
»Nein! Ich will weder abhauen noch irgendwelche Beweise vernichten! Wofür denn? Oder hat dein Vater dich jetzt endlich um den Finger gewickelt und du glaubst ich hätte deine Schwester getötet? Zum Teufel ich habe sie geliebt!«
Michael war so in Rage, dass er sich zusammenreißen musste, nicht vor Wut zu weinen oder aus Verzweiflung hysterisch zu lachen. Er konnte nicht glauben, dass Max ihm offen solche Fragen stellte und sein Gehirn war in Kampfstellung. Umso verwirrender war es für ihn, dass Max sich einfach an der Hauswand zu Boden gleiten ließ und ganz ruhig mit ihm sprach.
»Nein, ich glaube nicht, dass du Christine etwas getan hast. Ich habe dir und dem Urteilsvermögen meiner Schwester vertraut. Aber kannst du nicht verstehen, dass ich an einem gewissen Punkt anfangen muss zu zweifeln? Ich vertraue dir immer noch, selbst wenn ich mich frage, warum! Und jetzt fährst du mit Farbe und Umzugskartons vor deinem Haus vor«
»Tolle Art von Vertrauen! Woher weißt du, dass ich hier bin und was ich gekauft habe? Meinst du ich weiß noch nicht, dass Holger mir wieder einen Spitzel an die Fersen geheftet hat?«
Inzwischen saß Michael ebenfalls auf dem Boden und sah seinem Schwager stumpf in die Augen.
»Sag mir einfach die Wahrheit, nur deswegen bin ich hier. Mein Vater hat dich seit seiner Entlassung mal mehr mal weniger überwachen lassen und ich will, dass er endlich mit der Sache abschließt, bevor von seinem Leben nichts mehr übrig ist. Egal was er getan hat, er bleibt mein Vater und ich kann ihn nicht mehr leiden sehen«
»Du hast gewusst, dass er mich beschatten lässt? Wir haben in diesen Jahren mehr oder minder eine Freundschaft gepflegt!«
»Es hat mir nie gefallen, was er tat. Ich war aber auch sicher, dass nichts dabei herauskommen würde, also hab ich es ignoriert. Vielleicht war es feige, aber ich dachte so käme keiner zu Schaden. Ich glaubte immer, er hat sich da in etwas verrannt, weil er nicht wusste wohin mit seiner Trauer. Die Einstellung des Verfahrens verkraftet er einfach nicht und ich wollte ihm helfen zu erkennen, dass sich der Detektiv nicht lohnt. Ich will aber einfach auch die Wahrheit wissen. Deswegen habe ich den Typen mit der Speicherkarte geschickt«
Michaels Gesichtsausdruck zeugte von Unverständnis und er wollte etwas erwidern, Max bedeutete ihm aber mit einer Geste, er solle abwarten.
»Ich denke nicht über dich, wie mein Vater. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass es etwas gibt, das du verheimlichst. Und dann finde ich per Zufall dieses Bild. Versteckt in einer Kiste mit Büchern, die ich vor Jahren aus Christines Nachlass mitgenommen habe«
Michael wusste genau von welchem Bild sein Schwager sprach. Max hatte die Wahrheit erfahren wollen und deshalb dafür gesorgt, dass das Bild bei ihm landete und er beobachten konnte, wie Michael darauf reagierte.
»Es ist nicht so wie du vielleicht denkst, Max«
»Ich weiß ja nicht mal was ich denke. Ich meine, ihr habt euch von mir zurückgezogen, nachdem wir jahrelang gut miteinander ausgekommen sind. Dann ist Christine plötzlich tot und seit sie nicht mehr da ist bist du mir gegenüber nie mehr derselbe gewesen«
»Ich weiß« gab Michael kaum hörbar zurück.
»Wo ist das Kind?« fragte Max und trieb Michael damit einen unsichtbaren Dolch ins Herz. Er stand auf und steckte den Schlüssel ins Schloss.
»Lass uns drinnen weiter reden«

Michael umklammerte seine Kaffeetasse, als würde der zunehmende Druck helfen, die richtigen Worte zu finden.
»Es gibt kein Kind. Zumindest nicht mehr. Christine wurde schwanger und wir waren so glücklich, dass man es sich kaum vorstellen kann. Deine Schwester wollte in Ruhe darüber nachdenken, ob sie ihre Familie informieren sollte, weil sie trotz allem Holger nicht wieder in unserem Leben haben wollte. Sie wollte unserem Kind nicht erklären, dass sein Großvater ein Verbrecher war. Ich verstehe es, wenn du das verurteilst. Aber sie hat das Baby verloren, bevor wir es jemandem sagen konnten und war so unglücklich, dass sie kaum noch vor die Tür ging.
Ein paar Wochen später konnte ich sie überreden, mit zu meiner Schwester zu fahren und sie hatte sich sogar vorgenommen, mit über unseren Verlust zu sprechen, weil es ihr vielleicht helfen würde. Aber bevor Christine zu Wort kam, verkündeten meine Schwester und ihr Mann freudestrahlend, dass sie ihre Zwillinge erwarteten. Deine Schwester ist in diesem Moment in ein so tiefes Loch gestürzt, dass ich ihr versprechen musste, dass niemand von ihrer Fehlgeburt erfährt und auch wir nie wieder darüber sprechen würden«
Max wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte mit vielem gerechnet aber für die einfachste Erklärung war er blind gewesen und konnte sich kaum vorstellen, was es bedeuten musste erst sein Kind und dann seine Frau zu verlieren.
Michael wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
»Komm mit« sagte er zu seinem Schwager, führte ihn die Treppe nach oben und öffnete die Tür zu seinem Büro. Das Zimmer war leer. Seine Regale, der Schreibtisch, der Heimtrainer den nie jemand benutzte. Alles war verschwunden. Die auffallendste Veränderung waren aber die rosafarbenen Wände und die an der seitlichen Wand angebrachten, weißen hölzernen Lettern, die den Namen „Sarah“ formten.
»Christine hat diese Buchstaben in einem Ramschladen entdeckt. Nach der Fehlgeburt wollte sie nicht, dass das Zimmer neu gestrichen und wieder zum Büro wird, weil es ihr falsch vorkam. Bis heute habe ich es auch nach ihrem Tod nicht übers Herz gebracht. Deshalb stehe ich jetzt an ihrem Todestag mit Farbeimern hier. Ich ertrage es nicht länger, dieses Zimmer zu sehen«

Max hatte genug gesehen und gehört. Er versprach seinem Schwager, den Willen seiner Schwester zu respektieren und ihrem Vater, so schwer es ihm fiel, nichts von der Schwangerschaft zu erzählen. Was hätte es Holger, außer Trauer, denn auch gebracht, jetzt davon zu erfahren?
Er trank seinen Kaffee aus und wollte gehen, damit Michael das Zimmer streichen und seine Trauer wenigstens ein Stück weit aus seinem Haus verbannen konnte.

2013

Christine hatte in einem Gefängnis mit strengeren Sicherheitskontrollen gerechnet. Am Ende war es wie ein Routinecheck am Flughafen abgelaufen.
Sie fühlte sich absolut unwohl in dieser trostlosen Umgebung, aber sie musste ihren Vater wenigstens einmal noch sehen. Der Besuchsraum war nicht unbedingt freundlich gestaltet und hier saß sie nun, ihrem Vater gegenüber, der sie mit Tränen in den Augen ansah.
»Du musst mir glauben, ich habe davon nichts gewusst«
»Das Geld ist auf deinen Konten gelandet, Papa«
»Ich weiß nicht, wie es soweit kommen konnte aber ich werde diese Strafe hier aussitzen, damit ich niemandem aus dem Vorstand das Leben ruiniere und das Unternehmen im Familienbesitz bleibt. Sobald ich rauskomme wird die komplette Führungsebene neu besetzt. Ich habe nichts getan wofür ich mich schuldig fühlen müsste. Wir wirtschaften genauso wie jeder Mitbewerber auch um eine Chance auf dem Markt zu haben«
Seiner Tochter reichte es endgültig.
»Ich werde jetzt aus diesem Raum gehen und ich bitte dich sobald ich dein Sichtfeld verlasse, zu vergessen, dass es mich gibt. Ich mache hier und heute einen Schnitt und lasse alles hinter mir, dich eingeschlossen, damit ich ein neues, glückliches Leben anfangen kann. Wir werden nie mehr von dir hören. Keine Anrufe, keine Briefe, kein Wort!«
Danach drehte sie sich um und verließ den Raum gerade schnell genug um ihren Vater ihre Tränen nicht sehen zu lassen.

2019
Mittwochabend, 13. März

»Max, eine Frage hätte ich noch!«
Max machte auf dem Absatz kehrt und bedeutete Michael mit seinem Blick, seine Frage zu stellen.
»Wieso jetzt? Wieso beginnt Holger mich wieder überwachen zu lassen, drei Jahre nachdem Christine ermordet wurde?«
»Ich denke, er braucht das Gefühl, dass sich noch jemand für den Fall interessiert. Er hat es irgendwie geschafft, sich den Polizeibericht zu besorgen und hat sich in den Kopf gesetzt, dass dein Vater ihn manipuliert haben könnte, weil er mal Polizist war. Er kann es einfach nicht verkraften, dass der Todeszeitpunkt dich entlastet«
»Darf ich den Bericht sehen?«
»Natürlich« sagte Max und händigte ihm die mitgebrachte Kopie aus. Als Michael den Bericht aufschlug erlitt er unter den entsetzten Augen seines Schwagers den ersten Nervenzusammenbruch seines Lebens. Bevor er wirklich realisierte, dass ihm übel wurde, hatte sich sein kompletter Mageninhalt bereits von ihm verabschiedet.
Das letzte an das er sich erinnern konnte, waren seine eigenen panischen Schreie und das entfernte Heulen von Sirenen. Ob es nun die Polizei war oder ein Rettungswagen, war gleich. Der einzige Unterschied würden Schnitt und Farbe der Uniform des Mannes sein, der ihn wegsperren würde.

2019
Sonntag, 17. März

»Gib mir die Kamera, dann bist du auch mal auf einem Bild drauf!«
»Ne, lass mal, ich war schon als Kind kamerascheu. Deswegen bin ich ja Fotograf geworden« lachte er.
»Na komm, was willst du den Kids denn irgendwann sagen, wenn ihr Onkel auf keinem der Bilder drauf ist und dir keins davon mehr glaubt, du wärst überhaupt auf ihrer Party gewesen?« fragte Max mit einem Augenzwinkern. Dem hatte Michael nichts mehr entgegenzusetzen, so gab er Max seine Kamera und stellte sich mit seiner Familie in Pose. Stefanie kniete in der Mitte, Linda und Leonie saßen jeweils auf einem ihrer Knie, während Michael und sein Schwager hinter den dreien standen. Alle strahlten sie über das ganze Gesicht und abgesehen von Michael war die Freude bei allen echter Natur. Er gab sich die größte Mühe, niemanden sehen zu lassen, dass seine gute Laune bloße Fassade war.
Die drei Tage in der Klinik waren ein Witz gewesen und hatten ihm keinen Gefallen getan. Daran waren weder Klinik noch Personal schuld, denn ohne zu wissen mit welchen inneren Dämonen ihr Patient zu kämpfen hatte, lag die Möglichkeit ihm adäquat zu helfen bei einem Prozentsatz unter Null. Für diese Leute war er nur einer von vielen, die von einer belastenden Situation kurzzeitig überfordert waren. Das Rezept für die verschriebenen Stimmungsaufheller hatte er gar nicht eingelöst, da er wusste, sie würden ihm nicht helfen.
Doch das hier war ja immer noch ein Kindergeburtstag und so hüpfte er lachend Seil und krabbelte als die blinde Kuh durch das frisch gemähte Gras im Garten, so wie es ein Onkel eben tut. Seine Nichten wurden unabhängig von seiner Verfassung ja nur ein Mal vier.
Was bedeutete es, dass er so unbeschwert mit den Kindern spielen konnte, ohne dass jemand an seiner guten Laune gezweifelt hätte? Dass er doch nicht so ein schlechter Mensch war, wie er glaubte? Oder, und das schien ihm wahrscheinlicher zu sein, dass man schon ein wahrer Psychopath sein musste, um sich mit einem Fingerschnippen eine solche Maske überstülpen zu können.
Auch als der Abend später wurde, Stefanie die Kinder ins Bett gebracht hatte, und die Erwachsenen bei einem Bier zusammen saßen, kreisten seine Gedanken unaufhaltsam um ein und dasselbe Thema. Er hatte nicht richtig nachgesehen. Es war seine Schuld. Hatte er überhaupt nachgesehen? Die mit der Zeit einsetzende Weichzeichnung unserer Erinnerungen war in vielen Fällen eine Gnade. Diese Gnade schnürte Michael nun seit Tagen die Kehle zu. Er hatte nachgesehen! Oder?
Das Rütteln seiner Schwester an seinem Arm riss ihn aus seinen Gedanken.
»Du warst eben aber ganz schön weit weg, Großer«
»Ja, tut mir Leid. Die Tage stecken mir noch in den Knochen. Ich gebe den Mädchen noch einen Gute-Nacht-Kuss und mache mich dann auf den Heimweg«
Die anderen nickten verständnisvoll, Max bot an, ihn nach Hause zu fahren, doch das lehnte er schnell dankend ab. So leise er konnte schlich er ins Zimmer der Zwillinge und gab Linda und Leonie je einen zarten Kuss auf die Stirn.
Für einen kurzen Moment stand er danach einfach nur in der Tür zum Kinderzimmer und sah den beiden beim Schlafen zu. Diesen komplett friedlichen Moment der Unschuld dieser zwei Kinder versuchte er in sich aufzunehmen um ganz ohne Kamera einen Schnappschuss von diesem Moment zu machen, der sich für immer auf seine Netzhäute brennen sollte.

Sein Weg führte ihn über die Brücke, die seinen Wohnort mit dem von verband und über die A6 führte. Es hatte für Michael etwas beruhigendes, hinunter auf die Autos zu sehen. Heute beschäftigte ihn hier aber nur das, was seit Tagen in seinem Hirn seine Synapsen aufzulösen drohte.
Er hatte Recht.
Unzählige Male nach Christines gewaltsamem Tod hatte er das Szenario vor seinem inneren Auge ablaufen lassen. Er kam an diesem Abend gegen 19 Uhr nach Hause und konnte seine Frau im Haus nicht finden. Also hatte er auf ihrem Handy angerufen und das Klingeln aus der Garage gehört. Doch Christine war nicht ans Telefon gegangen.
Das nächste was er sah war seine tote, auf dem Bauch liegende Ehefrau inmitten von Blut auf dem Garagenfußboden gewesen. Die Obduktion sollte ergeben, dass sie erschossen worden war. Der Täter und das Motiv für diese Abscheulichkeit konnten nie abschließend ermittelt werden. Christines Schmuck hatte gefehlt, doch war dieser nicht viel wert gewesen. Verschiedene Seiten vertraten was die Täterfrage anging verschiedene Theorien. Für Holger war offensichtlich, dass Michael seine Tochter getötet hatte, um an das Geld ihrer Lebensversicherung zu gelangen.
Die Polizei hatte den Fall am Ende als Raubüberfall eingeordnet, weil keine andere Erklärung blieb. Michael war offiziell als Verdächtiger ausgeschlossen worden.
Der Todeszeitpunkt lag um etwa drei Stunden von 19 Uhr entfernt, hatten sie ihm gesagt. Und zu dieser Zeit hatte er ein wasserdichtes Alibi. Die dritte, für Michael wahrscheinlichste Option, blieb jene, dass es da draußen jemanden gab, der wusste wo Michael die „schmutzigen Geheimnisse“ aus seinen Ermittlungen aufbewahrte. In einer unscheinbaren Box in seiner Garage.
Dort befand sich bereits genutztes, aber auch bisher unveröffentlichtes Material, welches hätte Menschen hinter Gitter bringen können. Da er der Polizei gegenüber diese Box nie erwähnt hatte, konnte man den Beamten nicht vorwerfen, dass sie auf diesen Ansatz nicht gekommen waren.
Dass diese Möglichkeit existierte und die Hälfte der belastenden Dokumente fehlte, war Michael sowieso erst Monate nach der Tat überhaupt aufgefallen. Seitdem war für ihn klar, seine Frau hatte den Eindringling beim Diebstahl dieser Dokumente überrascht und war zum Kollateralschaden geworden.

Jetzt stand er hier und dachte daran, dass es Christine noch gelungen war, das wichtigste Beweismittel unter ihrem Körper zu verbergen. Michael hatte es gesehen und seiner Frau abgenommen um es zu sichern. Er wusste nicht wohin damit, in ein paar Stunden würde sein Haus voller Polizisten sein. Also traute er seinem ersten Instinkt und brachte es zu , die sich bereit erklärt hatte, es für ihn zu verstecken. Sie war danach mit ihm an eine Tankstelle gefahren um die Kinder nicht zu wecken. Sie hatte lange gebraucht, ihn dort so weit zu beruhigen, dass er es schaffte, zurück nach Hause zu fahren, seine Frau erneut ermordet aufzufinden und die Polizei zu verständigen. Gegen Mitternacht war das Haus voller Polizisten gewesen, die Beweise sicherten.

Auch heute vermisste er Christine noch an jedem einzelnen Tag und doch hatte die Welt sich weiter gedreht. Bis zu dem Tag, an dem Max ihm diesen Polizeibericht gezeigt hatte. Die Idee, Michaels Vater hätte den Todeszeitpunkt manipuliert, war absurd. Jetzt wünschte Michael sich, er hätte es getan und ihm die Erkenntnis erspart, dass Holger Recht hatte. Er hatte Christine auf dem Gewissen.
Der Bericht sprach eine deutliche Sprache. Todeszeitpunkt etwa 22 Uhr. Drei Stunden nach seiner ersten Heimkehr. Drei Stunden, die für ihn bis vor wenigen Tagen drei Stunden VOR 19 Uhr bedeutet hatten, einen Zeitpunkt, zu dem er noch bei der Arbeit war. Für ihn war klar, Christine war tot als er sie fand.
So arbeitet unser Gehirn. Es schafft für uns eine Realität, die zu unserem Empfinden passt.
Er hatte Recht.
Holger hatte mehr als Recht.
Michael hatte seine Tochter zwar nicht ermordet, aber sie auf noch grausamere Art und Weise auf dem Gewissen. Er hatte sie, ohne Überprüfung an diesem Abend für tot erklärt, dem noch warmen Körper die Beweise aus den Händen genommen und sie dann für drei Stunden ihrem Schicksal, dem Tod, überlassen.
Nicht sein Arbeitsplatz war sein Alibi gewesen, sondern die Überwachungskamera der Tankstelle an der er mit seiner Schwester in dieser Nacht gesessen hatte.
Eines war ihm bewusst. Er konnte und wollte mit dieser Schuld nicht weiterleben. Doch er hoffte, dass es auch Christines Wille gewesen wäre, dass sein letzter Gedanke auf dieser Erde nicht der an Schuld war.
Als er also auf das Geländer stieg und sich fallen ließ, löste er alles Negative aus seinen Gedanken. Den Tod und das Blut, die Angst und die Zweifel, die Sorgen und die Not.
So kam es, dass der letzte Gedanke in seinem Kopf der Gedanke an eine wunderschöne Erinnerung war.

Er sah sich im Kinderzimmer im Haus seiner Schwester, wie er den Mädchen einen Gute-Nacht-Kuss gab. Er hörte sich leise den schlafenden Kindern zuflüstern.
„Gute Nacht, Linda“
„Gute Nacht, Sarah“
Und in diesem letzten Moment vor dem Aufprall wusste er, es war richtig gewesen, das Mädchen unter dem Körper seiner Mutter hervorzuholen und zu ihrer Tante zu bringen. Seine Sarah würde ihr Leben mit zwei wundervollen Eltern, die sie ihr Leben lang lieben würden. Sie würde glücklich aufwachsen und nie erfahren, dass es Tante Christines Fehlgeburt nie gegeben hatte
Ihr Name war seit drei Jahren Leonie. Gleichzeitig war seine Nichte Linda seit dieser Nacht kein Einzelkind mehr.
Für Max tat es Michael leid, doch der Wille seiner toten Frau, ihre Tochter vor dem Großvater zu schützen, überwog.
Ja, so arbeitet unser Gehirn. Es passt unsere Wahrnehmung der uns vorgegebenen Realität an. Die Mädchen waren in etwa gleich alt und sahen sich in gewissem Maße ähnlich. Zwillinge sah aber nur, wer sie sehen wollte.
Sie war jetzt Leonie.
Doch Namen sind nichts als Schall und Rauch.

Epilog
2016

Der Boden unter ihr war eiskalt geworden, nachdem Michael ihrihre Tochter aus den Armen genommen hatte.
Sie hatte jemanden im Haus gehört und war mit ihrer Tochter in die Garage gegangen, um sich zu verstecken und Hilfe zu holen. Nur war der Fremde ihr direkt auf den Fersen gewesen und alles woran sie sich erinnerte war, dass sie Sarah mit ihrem eigenen Körper hatte schützen wollen. So würde es also enden. Sie dachte daran, dass sie nie erfahren würde, wie ihre Tochter als erwachsene Frau aussehen würde. Hatte sie einfach nur Pech und einen Einbrecher überrascht? Nein, sie glaubte nicht an Zufälle. Wer auch immer es gewesen war, wusste, dass sie es verdient hatte.
Sie hatte ihrem Vater seine Enkeltochter verschwiegen. Nicht um die kleine vor einem bösartigen Menschen zu beschützen oder weil sie von ihrem Vater so enttäuscht gewesen war.
Sie wusste, sie war nichts als egoistisch und eiskalt gewesen, während sie ihren Vater für ihre Verbrechen im Gefängnis schmoren ließ. Er hatte sicher vermutet, dass sie etwas damit zu tun haben könnte. Doch liebte er sie so sehr, dass auch der kleinste Verdacht niemals über seine Lippen kommen würde. Doch was, wenn er sich nach seiner Entlassung eines Tages verplaudert hätte? Hätte Michael zu ihr gestanden? Oder wäre er mit ihrer Tochter fortgegangen und sie selbst im Gefängnis gelandet? Die Beweise für all ihre Straftaten hatte sie schon lange vernichtet. Zumindest jene, die sie in der Box hatte finden können. Man sagt, späte Reue sei besser als keine. Diese Redensart erwies sich während ihrer letzten Atemzüge als billige Lüge. Jetzt konnte sie Reue empfinden, so viel sie wollte, ohne dass es etwas ändern würde.
Der Boden unter ihr war eiskalt geworden und schmeckte nach Blut.

13 thoughts on “Momentaufnahme

    1. Deine Idee für die Umsetzung war toll und kreativ. Die Geschichte war spannend, gefühlvoll und zum Schluss voller Überraschuschungsmomente. Dein Schreibstil gefällt sehr gut. Ohne deine Kurzgeschichte mit Beschreibungen zu überlasten, war sie für mich sehr bildhaft. Das Ende hat mich kalt erwischt und das sogar zweimal 😉 Ich finde deine Kurzgeschichte sehr beeindruckend! LG Lisa

  1. Hallo,

    deine Figuren sind genial ausgearbeitet und kommen so authentisch rüber! Da ist man gleich mittendrin! Ein sehr gut gemachter Krimi!

    Liebe Grüsse,
    Orkania
    p.s. falls du meine Geschichte lesen möchtest, würde ich mich freuen 🙂 Sie heisst Gräber

  2. Moin Simone,

    Ein wirklich guter Plot den du dir da ausgedacht hast. Mit einem überraschenden Ende. Mir gefiel wie du die Chronologie der Ereignisse als Stilmittel einsetzt, dadurch hat man das Gefühl immer mittendrin zu sein.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

  3. Hallo liebe Simone

    Da hast du aber eine geniale Geschichte geschrieben.
    Respekt.
    Die Grundidee ist gut gewählt und dargestellt. Die Handlung ist wirklich großartig, die Protagonisten klar und toll angelegt und das Finale spannend und überraschend zugleich.

    Toll.

    Zudem mag ich deine Sprache, deinen Schreibstil. Dein Schreibstil beweist und verdeutlicht, dass du viel Erfahrung in diesem Bereich hast.

    Man spürt deutlich, wie viel Arbeit und Energie in diese Geschichte gesteckt wurden.
    Und das beweist die Verbundenheit zwischen dir und der Story.
    Das überträgt sich auf den Leser, der gebannt liest und fühlt.

    Emotionen bei Menschen auszulösen ist eine Kunst, eine Gabe.
    Und du hast es einfach drauf.

    Ich würde gerne noch mehr von dir lesen.
    Natürlich lasse ich dir ein Herzchen da.

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.
    Und ich wünsche dir noch viele Likes und verzauberte Leserinnen und Leser.
    Du hast es verdient, ins EBook zu kommen.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Ich würde mich sehr freuen.
    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Danke für die gute und hervorragende Unterhaltung.
    Swen

  4. Liebe Simone, zunächst einmal DANKE, dass ich Deine Geschichte lesen durfte!

    Ich bin mir aber gerade unsicher, ob ich alles so richtig verstanden habe:
    Sind jetzt beide tot, sowohl Michael als auch Christine?

    Ich habe es so verstanden, dass C an ihren schweren Verletzungen (die ihr wer zugefügt hat? Doch Michael? Warum?) verstorben ist, aber noch lebte, als Michael ihrer beider Tochter Sarah unter dem leblosen Körper seiner Frau hervorgeholt hat. Soweit richtig?
    Und die Kleine hat er dann seiner Schwester Stefanie an der Tankstelle übergeben? Warum?
    Wenn er „es“ nicht war, bestand doch gar kein Grund dazu …

    Für meinen Geschmack sind es auch zu viele Zeitebenen und zu viele Personen.
    Es gibt die Hauptperson: Michael
    Dann gibt es dessen Frau, vormals seine Cheffin: Christine
    Und ihren Vater: Holger, der Michael nicht ausstehen kann
    Dann hat Christine einen Bruder: Max.

    Michael hat eine Schwester: Stefanie; sie hatte schon eine Tochter und nimmt später Leonie, vormals Sarah, Michael und Christines Tochter, nach Cs Tod bei sich auf.

    Mich verwirren diese Szenen:
    Max besucht Michael nach dessen Nervenzusammenbruch im Krankenhaus.
    Er deutet an, später mit seiner Frau wiederzukommen.

    Dialog:
    »Kein Problem, ich lasse dich schlafen und komme dann später mit Stefanie vorbei«
    »Nein!«

    »Ich will nicht, dass meine Schwester mich so sieht. Von meinen Nichten ganz zu schweigen. Und bitte…«

    Verstehe ich diese Konstellation jetzt richtig: Cs Bruder Max verliebt sich in Ms Schwester Stefanie?

    Das ist zwar etwas konstruiert, kann aber ja sein. Dann geht aber diese Szene nicht (spielt gegen Ende, Max hat Michael vor dessen Haus abgepasst und sie reden im Haus. Michael gesteht Max die (wie wir nun alle wissen: vorgetäuschte) Fehlgeburt:
    „Ein paar Wochen später konnte ich sie überreden, mit zu meiner Schwester zu fahren und sie hatte sich sogar vorgenommen, mit (ihr) über unseren Verlust zu sprechen, weil es ihr vielleicht helfen würde. Aber bevor Christine zu Wort kam, verkündeten meine Schwester und ihr Mann freudestrahlend, dass sie ihre Zwillinge erwarteten. Deine Schwester ist in diesem Moment in ein so tiefes Loch gestürzt, …“
    -> Meine Schwester und ihr Mann – also doch nicht Max?
    Jetzt bin ich endgültig verwirrt ….

    A propos „Sarah“: Dazu gibt es ja diese Szene hier:
    „Seine Sarah würde ihr Leben mit zwei wundervollen Eltern (führen), die sie ihr Leben lang lieben würden. Sie würde glücklich aufwachsen und nie erfahren, dass es Tante Christines Fehlgeburt nie gegeben hatte
    Ihr Name war seit drei Jahren Leonie. Gleichzeitig war seine Nichte Linda seit dieser Nacht kein Einzelkind mehr.“
    -> Die Schwester und ihr Mann hatten ja verkündet, Zwillinge zu erwarten. Insofern war Linda sowieso kein Einzelkind … es sei denn, das andere Zwillingskind wäre zwischenzeitlich verstorben, wovon wir aber nichts wissen.

    Was mir auch gefehlt hat, war das Handy an sich. Es gibt ja nur eine Speicherkarte und darauf neben vielem Erwarteten das Ultraschallbild. Also – so gesehen – erstmal nichts Schlimmes. Außer, dass Max darüber traurig ist, so lange angelogen worden zu sein. Aber nichts, weswegen man ein Verbrechen beginge.

    Michael nimmt sich ja am Ende das Leben, indem er sich von einer Brücke stürzt. Warum eigentlich? Er hat sich doch wirklich nichts vorzuwerfen (außer der unterlassenen Hilfeleistung, aber die Situation kann er ja wirklich falsch eingeschätzt haben).

    Ich fand aber Deinen Stil toll, da schließe ich mich vollumfänglich meinen VorrednerInnen an! Hier und da sind ein paar Kommaschnitzer drin und gegen Ende fehlen Namen im Text, zum Beispiel hier: „Also traute er seinem ersten Instinkt und brachte es zu (Stefanie) , die sich bereit erklärt hatte, es für ihn zu verstecken.“

    Wobei: Dabei geht es ja um das Kind, Sarah, die ein Beweismittel sein soll. Wofür?
    Die beiden hatten für sich beschlossen, die Schwangerschaft und damit dann auch das komplette Leben des Kindes vor Holger, also dem Vater und Schwiegervater, zu veheimlichen. Eine schwere Last und Bürde, finde ich. Denn für die Taten, die ja eigentlich sie begangen hatte (Abrechungskriminalität im Altenheim) war der Vater ja nur für drei Jahre verurteilt worden. Insofern verstehe ich nicht, was genau mit dem Kind bewiesen werden sollte (also, außer der Liebe, die zwischen ihnen bestand)?

    Falls Du aus dem Text mehr machen wollen würdest, wäre meine Empfehlung, hier nochmal genau zu schauen, wen der Charaktere Du wirklich brauchst. Oder eben – den Raum hättest Du dann ja, der war jetzt nicht gegeben – die Charaktere noch weiter auszubauen, als Du es schon getan hast. Der Plot gibt es her, dass man daraus was macht.

    Auch müsstest Du nochmal genauer ausführen, warum C. mit ihrem Vater bricht. Wirklich nur, weil er Michael ablehnt? Schlussendlich geht er für sie ins Gefängnis, das sollte sie eigentlich milde stimmen. Viele Schwiegereltern lehnen die Partner der Kinder ab.

    Mein Like habe ich Dir gegeben, natürlich!

    Ich hoffe auch sehr, Du nimmst es mir nicht übel, dass ich ein bisschen weiter ausgeholt habe. Vielleicht bin ich ja auch total doof und stehe einfach nur mega auf dem Schlauch ?

    Liebe und kollegiale Grüße!
    Kathrin aka Scripturine / https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nacht-in-der-das-fuerchten-wohnt

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