Jules RulesNichts zerbricht so schnell wie Glück

Heute in Salzburg

Es klingelte. Corona sei Dank muss ich nicht außer Haus, dachte Simon, als er am Spiegel vorbei ging. Auf seiner langen Unterhose waren Kaffeeflecken vom Frühstück. Die Out-of-bed-Frisur hatte ihren traurigen Höhepunkt erreicht. Auch der Drei-Tage Bart war einem Vollbart gewichen. Nachdenklich klopfte er sich auf den Bauch, der auch schon trainiertere Zeiten hinter sich hatte. Mit einem Schulterzucken fuhr er durch sein dunkles Haar, bevor er sich dem Türspion zuwandte. Da war er, der Pizzalieferant. Endlich.

Simon hatte schon ziemlichen Kohldampf. Viel gab es im Moment ja nicht zu tun. Dann und wann hatte er natürlich Video-Konferenzen mithilfe gängiger Anbieter. So wie es sich für den leitenden Angestellten eines erfolgreichen Unternehmens gehörte. Zurzeit stand sogar ein ziemlich großer Deal an. Ein Privatinvestor wollte in die Hi-Tech-Firma, in der Simon arbeitete, einsteigen. Die letzten vertraglichen Besonderheiten mussten nur noch geklärt werden. Sein Engagement was die Oberbekleidung betraf, ließ trotz alledem zu wünschen übrig. Die Mühe eine ordentliche Hose anzuziehen, machte er sich mittlerweile auch nicht mehr. Schließlich sah ihm keiner seiner Konferenz-Mitglieder vom PC aus unter den Schreibtisch. Noch ein Vorteil der modernen Technik.

Ein weiteres Klingeln riss ihn aus den Gedanken. Vorfreudig öffnete er die Tür. Der Pizzalieferant und er waren mittlerweile schon gute Bekannte. Seit Beginn der Krise hatte Simon öfter den Lieferservice genutzt. Carla, seine Freundin, würde aufgrund seiner Cholesterinwerte mit den Augen rollen. Da sie als Krankenschwester aber zurzeit im Dauereinsatz war, konnte er die Kartons bis zu ihrem Schichtende galant in der Papiertonne verschwinden lassen.

„Hey Alter, hast du dein Handy verloren?“, fragte der Pizzamann. Er kaute seinen Kaugummi auf die Art und Weise, wie auch Kühe ihr Mittagessen zermalmten. Komplettiert wurde das Bild von den zurückfrisierten Haaren, die vor Gel nur so trieften. Simon sah ihn irritiert an. Der Lieferant deutete mit einem Meter Sicherheitsabstand auf die Fußmatte: „Na daaa Alter! Mein Handy ist es nicht. Dachte es ist deines. Wie dem auch sei. Guten Appetit und bis morgen“. Zur Verabschiedung hielt er beide Handflächen aneinander: Namasté.

Simon sah ihm nach, während er davon fuhr. Dann ging er in die Knie und griff nach dem Handy. Schwer und kühl lag es in seiner Hand. Er wandte es in alle Richtungen. Eindeutig ein älteres Modell. Das konnte er nicht nur aufgrund der Schwere sagen, sondern auch wegen des Designs. Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. Mit der Pizza in der einen und dem Mobiltelefon in der anderen Hand ging er zurück ins Haus. Lässig schlug er die Tür mit seinem Fuß zu.

Drinnen angekommen, setzte er sich auf die Couch und stopfte gierig ein Stück Quattro Stagioni in den Mund. Während er kaute und kurz an Carlas Augengerolle dachte, drückte er den Einschaltknopf. Sofort erklang eine Melodie. Das Handy war voll aufgeladen. Er blätterte im Telefonbuch. Keine einzige Nummer war darin gespeichert. Was hatte das zu bedeuten?

Ein Schauer lief ihm den Nacken hinab. Plötzlich hatte er gar nicht mehr so viel Hunger. Er durchforstete das Telefon weiter und entdeckte ein Fotoalbum. Mit seinem Daumen klickte er darauf. Das zuvor hastig verschlungene Stück Pizza wollte augenblicklich wieder nach oben. Sofort lief er ins Badezimmer und erbrach sich.

Das Album enthielt Fotos. Aber nicht irgendwelche Fotos. Nein. Es waren sehr freizügige Aufnahmen. Abbilder, die manche Pärchen machten, um ihr Sexleben in Schwung zu bringen. Er fand auch ein Video, in dem es ordentlich zur Sache ging. Pornos hatte Simon natürlich schon genug gesehen. Das war nicht das, was ihn erschreckte. Nein.

Was ihn bis ins Mark erschütterte, war vielmehr die Tatsache, dass er einer der Hauptprotagonisten war. Und seine Gespielin nicht seine Frau. Wie zum Teufel? Was, wie kann das sein? Simons Puls raste. Er konnte sich nicht erklären, was er da sah.

Er liebte Carla abgöttisch. Niemals hätte er sie betrogen. Niemals hatte er sie betrogen. Sie teilten immerhin schon 10 glückliche Jahre miteinander. Carla war seine Jugendliebe. Die Art von kitschiger Jugendliebe, die man heiratete und mit der man alt werden wollte. Mit feuchten Fingern durchsuchte er das Handy weiter. Die Übelkeit im Magen als treuer Wegbegleiter. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals.

„Schatz? Hallo“, ertönte es vom Eingangsbereich. Mit rasendem Herzen ließ er das Telefon in seinen Aktenkoffer, der an der Couch lehnte, gleiten. „Baby, was machst du denn schon zu Hause“, fragte Simon kreidebleich und erschrocken. Carla sah missbilligend auf den Pizzakarton, schüttelte den Kopf und wandte sich ihrem Mann zu: „Du bist witzig. Du hast doch vorhin im Krankenhaus angerufen und gemeint es wäre ein Notfall… Ich solle nach Hause kommen?! Was war der Notfall?“ Wütend blickte sie abermals zur Pizza: „Eine Gallenkolik?“

„Ich, ich hab nicht… Wie meinst du das, dass ich angerufen habe?“, stammelte Simon verwirrt. Carla, der die Situation zunehmend auf den Geist ging, knurrte: „Na, genauso wie ich es gesagt habe! Ich wurde ausgerufen, weil mein Mann wegen eines Notfalls am Telefon war. Du hast dich so panisch angehört, dass ich dir gesagt habe, dass ich in der Pause heimkomme. Simon, du weißt genau wie unterbesetzt wir gerade sind. Du weißt auch, wie fertig ich mittlerweile schon bin. Also, wenn das ein scheiß Scherz war…“

Simon schüttelte den Kopf. Was geht hier vor? „Ich schwöre dir, ich hab dich nicht angerufen! Ich weiß nicht, was hier los ist, aber…“ Carlas Handy klingelte.

 „Mist…“, sie hob ab. „Ja, ja, ich bin gleich da. Nein, nein, alles okay. Simon…“, sie sah ihn ärgerlich an, „hat sich beim Postholen ausgesperrt.“ Dann legte sie auf, schnappte ihre Tasche und verließ die Wohnung mit einem wütenden: „Darüber reden wir am Abend noch!“

Vor Simon begann sich alles zu drehen. Wenn er etwas sicher wusste, dann, dass er seine Frau nicht angerufen hatte. Genauso wie ich meine Frau nicht betrogen habe, schoss es ihm durch den Kopf. Mit klopfendem Herzen setzte er sich zurück auf die Couch. Er schluckte die aufsteigende Übelkeit hinunter und griff zu seiner Aktentasche.

Mit zitternden Fingern holte er das mittlerweile bekannte kleine, schwarze Mobiltelefon heraus. Zentnerschwer lag es in seiner Hand. Er durchsuchte die Nachrichten, konnte aber nichts finden. Dann durchforstete er die Notizen. Ein einziger Eintrag war darin gespeichert:

Was wohl passiert, wenn deine Frau das sieht…

Simon griff sich an die Stirn. Was hatte das zu bedeuten? Wer wollte ihn und Carla auseinander bringen? Und vor allem: Wer war das auf den Bildern? Er sah ihm verdammt ähnlich, ja. Aber Simon wusste, dass er das nicht war.

Eine Fotomontage, ganz eindeutig, es musste eine Fotomontage sein. Seine Frau würde so etwas doch sicher nicht glauben. Sie würde wissen, dass er sie niemals betrogen hatte. Sie kannte ihn.

Das Klingeln seines Handys riss Simon aus den Gedanken. Der Name seines Chefs erschien am Display. Mike Müller war einer der Sorte von Vorgesetzten, die der Meinung waren, man wäre dessen Leibeigener, sobald der Dienstvertrag unterschrieben war. Was er auf den Tod nicht ausstehen konnte war, einen seiner Mitarbeiter nicht zu erreichen. Obwohl Samstag war, Simons freier Tag, hob er deshalb trotzdem ab.

„Sag mal bist du komplett irre? Du, du,… gfrml…“, schrie Mike ins Telefon. Simon antwortete irritiert: „Hallo? Was ist denn…“ Viel weiter kam er nicht, da sein Chef weiter keifte und tobte: „Wie kannst du den verdammten Deal einfach platzen lassen? Was heißt da, wir haben es uns anders überlegt? Bist du verrückt?“ Seine Stimme überschlug sich fast: „Ich hatte gerade alle Hände voll zu tun, Yeng zu beruhigen. Wenn der uns tatsächlich abspringt, verdammte Scheiße, dann war’s das mit uns!“ Es dauerte bis Simon die Zusammenhänge verstand.

Sein Unternehmen war im Begriff einen riesen Deal an Land zu ziehen. Natürlich, durch die Krise hatte sich alles nach hinten verschoben. Aber es war wie es war. Krisen trafen in der Regel kleinere Betriebe, Ein-Mann-Unternehmen etc. Wirklich kapitalstarken Player, so wie der Investor Liam Yeng einer war, hatten zwar auch Verluste und Einbußen, trotzdem blieb unterm Strich noch genügend Geld für gewinnbringende Investments übrig.

Glücklicherweise. Denn dadurch würde auch Mikes Firma die Krise durchstehen. So war es zumindest gedacht. Nachdem, was sein Chef ihm am Telefon aber gerade vorbrüllte, kam es im schlechtesten Fall gar nicht dazu: „Wie kannst du ihn anrufen und ihm sagen, dass der Deal platzt, weil wir einen besseren Investor gefunden haben? Erklär mir das, Simon, verdammt nochmal.“ Simon hörte wie sein Chef mit den Zähnen knirschte.

„Ich versteh das einfach nicht! Wie kannst du uns diesen Deal versauen? Du warst mein stärkster Mann. Verdammt, ich hab dir die Angelegenheit anvertraut. Weißt du, wie viel verschissene Kohle das ist?“ Simon begann zu schwitzen. Mehrmals versuchte er, Mike zu unterbrechen. Ihm zu sagen, dass er nicht angerufen hatte.  Dass jemand Anderer den Deal versaut hatte. Haben musste. Weil er es ganz einfach nicht war. „Da muss wer Anderer angerufen haben, ich…“, setzte er abermals an.

Damit unterbrach er Mikes Schimpftirade. Allerdings nur kurz: „Ach, erspar mir deine scheiß Ausreden. Ihr habt videotelefoniert. Sag mal, willst du mich verarschen? Weißt du, wenn du schon nicht mehr bei mir arbeiten willst… Herrgott nochmal, dann sag doch was… Du hättest auch gehen können, ohne mein ganzes Unternehmen, mein Leben gegen die Wand zu fahren, verflucht.“ – „Ich,…“, stammelte Simon, kam aber nicht weiter.

„Du bist gefeuert! Die Entlassung findest du die nächsten Tage im Postkasten“, damit legte Mike wütend auf. Der Schweiß rann Simon mittlerweile in Strömen vom Gesicht. Seine Hände zitterten und sein Puls raste, als er sich auf die Couch setzte. Was ist hier los?

Vor langer Zeit

Alex saß mit Tränen in den Augen auf dem Boden. Seine Wange brannte, sein Körper schmerzte. Wie immer, wenn sein Vater zu viel getrunken hatte. „Du nichtsnutziger Bastard. Ich hab dir gesagt, du sollst einkaufen gehen.“ Alex saß teilnahmslos vor seinem Bett. Er würde nicht nochmal wiederholen, dass sein Vater kein Geld dagelassen hatte. Oder, dass er selber keine Kohle hatte, weil seine Eltern die gesamte Kinderbeihilfe regelmäßig versoffen. Mittlerweile war der Junge 12. Ein Alter, indem seine Schulkameraden Taschengeld bekamen. Das Einzige was er regelmäßig bekam, war eine Tracht Prügel.

Seine Mutter war nicht viel besser. Sie hatte selbst unter ihrem Mann zu leiden. Unter seinen Sauf- und Gewalteskapaden. Zu Beginn hatte sie noch versucht, ihn und seine Geschwister vor ihm zu beschützen. Mittlerweile hatte sie kapituliert. Oder festgestellt, dass sie selbst nicht der Sandsack war, wenn es Eines der Kinder traf. Im Trinken stand sie ihm ohnehin in nichts nach.

Sie wohnten in einem schäbigen, kleinen Haus. Alles war verdreckt, versifft und abgeranzt. Das ganze Geld, dass die Kinder brachten, Alex Vater nannte sie manchmal, wenn er einen guten Tag hatte, seine kleinen Geldeselchen, verwandelte sich in Drogen und Alkohol. Oft lag Alex abends in seinem Bett und sah die Sterne an. Manchmal, wenn er bei seinem besten Kumpel Max über Nacht bleiben durfte, war er glücklich. Dessen Familie war herrlich normal. Sein Vater schrie ihn nie an oder schlug ihn. Nein. Alle deckten zusammen den Tisch, beteten vor dem gemeinsamen Essen und spielten danach miteinander Spiele. Max‘ Eltern umarmten sich.

Seine Mutter gab den Jungs zum Schlafen sogar einen Kuss auf die Stirn. Max schämte sich fürchterlich dafür. Er hatte keine Ahnung, wie sehr Alex ihn beneidete. Bei ihm Zu Hause gab es das nicht. Es herrschte meistens Chaos. Jeder kam und ging, wie er wollte.

Gemeinsames Essen? Meistens war der Kühlschrank leer. Und selbst wenn etwas drinnen war, musste zuerst der Saustall in der Küche oder auf dem Esstisch beseitigt werden. Dort stapelten sich Bierdosen, Gläser und übervolle Aschenbecher von den Saufgelagen seiner Eltern. Wenn alle Alkoholikerfreunde eingeladen waren, dann ging es rund.

Gott hat uns schon vor langer Zeit verlassen, pflegte seine Mutter immer zu sagen. Wie recht sie damit doch hatte.

Alex fragte sich, ob er sein eigenes Leben nicht so schlimm finden würde, wenn er Max Familie niemals kennengelernt hätte. Er konnte sich noch ganz genau daran erinnern, dass er, bevor er das erste Mal auswärts nächtigte, gedacht hatte, dass es überall so war wie bei ihm Zu Hause. Dass Menschen miteinander schrien statt zu reden. Oder, dass Gewalt darüber bestimmte, wer die Fernbedienung bekam.

Aber so war das wohl nicht. Nun wusste er: Es konnte viel schöner sein. In vielen Familien war es auch viel schöner. Nur bei ihm nicht.

Der Junge saß immer noch weinend auf dem Fußboden seines Zimmers. Sein Vater hatte den Raum schon lange verlassen. Das Leben war unfair. Warum verdiente ausgerechnet er so etwas?

Um sich von seinen grauen Gedanken abzulenken, tat er was er immer tat, wenn er sich zurückziehen wollte. Er schnappte sich seinen Laptop und arbeitete damit. Mit Computern war er sehr geschickt. Seine Lehrerin meinte sogar, er könne eine Lehre als IT-Techniker beginnen. Das war auch Alex großes Ziel: Eigenes Geld verdienen, um diesem Alptraum den Rücken kehren zu können.

Und dieser Wunsch sollte ihm später kurzfristig sogar erfüllt werden. Die Cyber-Branche brachte viel Geld, wenn auch nicht immer auf legalem Wege.

Burgenland, 1970

Manfred pfiff freudig ein Lied, als er die Wagentür hinter sich zu schlug. Es war herrliches Wetter, weshalb er den Wagen im Carport stehen ließ.

Endlich Feierabend.

 Er freute sich auf das gemeinsame Kochen mit seiner Frau Louise. Etwas, dass ihnen geholfen hatte, die letzte Beziehungskrise zu überstehen. Etwas, dass sie sich seitdem beibehalten wollten: Aktive Zeit miteinander zu verbringen. Er liebte kochen und Louise ebenso. Außerdem war Manfred Jäger. Ein zusätzlicher Pluspunkt war also, dass er ihr Essen zum Teil selbst erlegte.

Mittlerweile war die gemeinschaftliche Essenszubereitung zur freudigen Abendroutine geworden. Als er die Türe schon fast erreicht hatte, viel ihm ein, dass er die Einkäufe vergessen hatte. Also kehrte er nochmal um, griff sich die Einkaufstüten auf der Rückbank des Wagens und schloss dann die Haustüre auf.

„Loui, Schatz, ich bin zu Hause“, schrie er in den Gang. Es kam allerdings keine Antwort. Überhaupt war es totenstill. Augenblicklich breitete sich ein beklemmendes Gefühl in Manfreds Magen aus.

Er ging in die Küche, konnte seine Frau dort aber nicht finden. Weiter schlich er ins Kinderzimmer, ins Schlafzimmer. Nichts.

„Schatz“, schrie er nochmals laut. Da sah er, dass die Türe zur Garage nur angelehnt war. Plötzlich hörte er ein leises Wimmern und Schluchzen. Mittlerweile rann ihm der kalte Schweiß den Rücken hinab. Seine Nackenhärchen stellten sich auf und sein Puls beschleunigte sich.

Langsam ergriff er den Türknopf und ging durch die Garagentür.

Heute in Salzburg

Simon saß rauchend auf dem Balkon. Eigentlich hatte er voriges Jahr, aus gutem Grund, damit aufgehört. Jetzt gerade war ihm trotzdem danach. Glücklicherweise hatte Carla sich ihr Laster noch nicht abgewöhnt. Naja, so ganz stimmte das nicht. Genaugenommen hatte sie mit ihm aufgehört. Doch durch die Krise, den damit einhergehenden Überstunden, dem Druck und der Belastung, hatte sie wieder damit angefangen. Ein Umstand, der Simon in diesem Moment gerade mehr als entgegen kam. Da sie die Zigaretten immer Stangenweise kaufte, waren welche im Haus.

Die Erste hatte, nach all der Zeit, einen furchtbaren Hustenanfall ausgelöst. Mittlerweile war schon die halbe Schachtel leer und er fühlte sich, als hätte er nie aufgehört zu rauchen. Er zitterte wie Espenlaub und versuchte einen klaren Gedanken darüber zu fassen, was gerade geschah. Er war gekündigt worden, weil er sein Unternehmen in den Ruin getrieben hatte. Außerdem gab es Fotos, auf denen er seine Frau betrog. Er verstand das alles nicht. Fieberhaft suchte er nach einer logischen Erklärung. Drehe ich durch? Verlier ich ganz einfach meinen Verstand? Oder kommt gleich Jemand von Versteckte Kamera?

Erneut steckte er sich einen Glimmstängel an. Die Haare klebten ihm schweißnass an der Stirn. Wenn ihn Jemand erpressen wollte, warum meldete er sich dann nicht?

Burgenland, 1971

Marie saß gerade auf der Veranda und genoss die Sonne. Mit spitzen Lippen nippte sie an ihrem Kaffee. Als ihr Mann noch lebte, hatte er immer gelacht und gesagt, dass man diese Milchpampe unmöglich Kaffee nennen konnte. Gott hab ihn selig. Doch sie liebte ihren Koffeinschuss. Wenn auch in milden Dosen und stark verdünnt.

Ihre Katze Mia strich ihr um die Beine und schnurrte. Sie griff nach unten und streichelte ihr über das wohlig, flauschige Fell. Dann widmete sich die bebrillte Seniorin weiter ihrer Sonntagszeitung.

„Oh Mia, wie furchtbar. Manfred W. hat sich in der Garage erschossen. Es ist ihm wohl alles zu viel geworden. So eine Tragödie. Dabei sah alles danach aus, als hätte er den Tod seiner Frau mittlerweile verkraftet…“, sie leckte über ihren Zeigefinger und blätterte um. Abermals griff sie zu ihren Füßen und kraulte das schnurrende Bündel. Sie hielt inne, dann schüttelte sie den Kopf: „Schrecklich, einfach schrecklich, was der Familie wiederfahren ist.“ Kurz sah sie betrübt in den Himmel, dann nippte sie ein weiteres Mal an der Tasse und begann mit dem Kreuzworträtsel.

Heute in Salzburg

Carla stürmte ins Wohnzimmer. Wütend und mit Tränen in den Augen knallte sie ihre Tasche auf die Wohnzimmercouch. Sofort rannte sie ins Schlafzimmer, zog ihre beige Reisetasche unter dem Bett hervor und begann so viel Gewand wie möglich hineinzuwerfen. Immer wieder schluchzte sie.

Simon der sie vom Balkon aus gesehen hatte, folgte ihr ins Schlafzimmer. Er versuchte ihr den Koffer zu entwenden, sie zu beruhigen. Was ihm Beides nicht gelang. „Schatz, was, was ist passiert? Warum…“ Weiter kam er nicht. „Was passiert ist? Du fragst mich allen Ernstes was passiert ist?“ Sie tippte auf ihrem Handy herum. Wütend knallte sie ihm ihr Mobiltelefon um die Ohren. Carla war in ihrem E-Mail-Account eingeloggt. Offen war eine Nachricht mit dem Betreff:

Was Sie wissen sollten

Angehängt waren ein Video und mehrere Bilder. Simon musste sie nicht öffnen, um zu wissen, was sie abbildeten. Der Absender war offensichtlich eine Fake-Adresse: luegenhabenkurzebeine@gmx.at.

„Schatz bitte, du musst mir glauben! Ich, ich bin das nicht. Jemand will mir übel mitspielen. Ich… jetzt hör doch bitte auf zu packen.“ Simon glitt der Wand entlang nach unten. Dort legte er die Stirn in seine Hände, welche er auf den Knien abgestützt hatte und begann hemmungslos zu weinen: „Bitte…“, schluchzte er, „So glaub mir doch. Ich kann nichts dafür, dass ist alles eine Lüge.“

Wütend funkelte sie ihn an, stemmte ihre Hände in die Hüften und schrie: „Eine Lüge? So eine Lüge wie, dass du nicht mehr rauchst? Ich hab dich gerade am Balkon stehen sehen, Simon. Oder, dass du keine ungesunden Sachen wie Pizza mehr isst, weil du mir versprochen hast auf deine beschissene Ernährung zu achten, nachdem du letztes Jahr einen Herzinfarkt hattest? Solch eine Lüge?“

Sie wischte sich die Tränen aus den rotgeheulten Augen. „Das war’s Simon. Deine Alpträume, dein Herzinfarkt… Ich war immer für dich da. Und du hintergehst mich einfach. Ich fass es nicht.“ Abermals setzte er an: „Aber, du musst verstehen, dass ist eine Dreckkampagne gegen mich. Ich wurde heute gekündigt, weil auch Mike…“ Sie schnitt ihm das Wort ab: „Weißt du was? Es ist mir scheißegal. Von mir aus kannst du verrotten!“

Das Letzte, was er hörte, war die Tür, die lautstark ins Schloss geknallt wurde. Dann war sie weg. Die Liebe seines Lebens. Einfach weg.

Vor langer Zeit

Alex besuchte seine Eltern. Sein besoffener Vater lag neben seiner besoffenen Mutter auf der Couch. Es stank nach Zigaretten und Alkohol. Der mittlerweile junge Mann öffnete das Fenster, um frische Luft herein zu lassen. Kopfschüttelnd setzte er sich und betrachtete die Beiden.

Erbärmlich.

Genau wie ich.

Es wunderte ihn nicht, dass er absolut Nichts auf die Reihe bekam. Dass alles, was er angriff, einfach zu Scheiße wurde. Wie hätte es auch anders sein sollen? Wie hätte aus ihm etwas Besseres werden können, als die gammeligen Lern-Modelle, die da auf der Couch vor sich hin vegetierten. Albert Bandura hätte seine Freude gehabt.

Auch er war mittlerweile tief im Morast von Alkohol und Drogen versumpft. Alex hatte seine Frau verloren. Ob es an seinen ständigen Nörgeleien lag, daran, dass er sie schlug oder an seinem besten Freund, für den sie ihn hatte sitzen lassen, wusste er nicht.

Fakt war, die Schlampe war weg. Er versuchte sich einzureden, dass er das Miststück nun nicht mehr durchfüttern musste. Es tröstete ihn wenig. Zu allem Überfluss hatte er nun auch seinen Job verloren. Er wäre nicht mehr tragbar, was immer das auch hieß. Was ihn aber viel mehr traf als der Verlust seiner Frau oder seiner Arbeit, war die schlagartige Erkenntnis, dass er mittlerweile auch seine Selbstachtung verloren hatte und tatsächlich seine Alten um Geld bitten musste.

„Herrje, was machst du denn hier?“, grunzte sein Vater, dessen einziges Kleidungsstück eine Feinrippunterhose war. „Könnt ihr mir Kohle borgen? Ich bin mit der Miete im Rückstand“, fragte Alex. „Dann such dir Arbeit. Du Nichtsnutz. Hast wohl schon wieder alles vergeigt, was? Willst uns sogar als Erwachsener die Haare vom Kopf fressen? Die 50:50 Chance haben deine Mutter und ich echt gewaltig in den Sand gesetzt… Und jetzt schau, dass du verschwindest. Verpiss dich!“, geiferte ihm sein Vater entgegen. Dann schmiss er eine Bierflasche nach ihm, drehte sich um und schlief weiter.

Alex ballte die Fäuste, während er das Haus verließ. Er spürte die ihm gut bekannte Wut und den Hass in seinen Eingeweiden hochkriechen. Mit zusammengebissenen Zähnen dachte er über die Worte seines Vaters nach.

Heute in Salzburg

Es klingelte. Gott sei Dank, sie kommt zurück, dachte Simon. Es war gerade einmal eine viertel Stunde her, dass seine Frau wutentbrannt die Wohnung verlassen hatte.

Sie hat es sich anders überlegt.

Sie weiß, dass ich sie nie betrügen könnte.

Sie weiß, dass ich sie liebe.

Erleichtert riss er die Tür auf. Doch an ihm vorbei in die Wohnung huschte nicht seine Frau. Kreidebleich blickte er auf die Mündung einer Pistole, die auf ihn gerichtet war. Der maskierte Eindringling verschloss die Türe hinter sich. Dann deutete er Simon mit der Waffe den Vorraum zu verlassen und ins Wohnzimmer zu gehen.

Die Mündung der Pistole wurde für Simon riesengroß. Sie dominierte den gesamten Raum. Er spürte, wie ihm die Panik den Rücken hinaufkroch. Er hörte sein Blut in den Ohren rauschen. Endlich schaffte er es mit erhobenen Armen den Blick von dieser totverheißenden Öffnung zu wenden. Er betrachtete seinen Angreifer, der sich nun die Maske vom Gesicht zog. Was Simon nun sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Er sah sich selbst.

Wie kann das sein? Sein Kiefer klappte nach unten, fassungslos starrte er sein Gegenüber an.

„Na, hat’s dir die Sprache verschlagen? Schön, dass wir uns endlich kennen lernen, Simon“, lachte sein Ebenbild. „Wie“, mehr brachte Simon nicht zustande. „Oh, du interessierst dich dafür, warum es dich zweimal gibt? Oder aus meiner Warte eher, warum es mich zweimal gibt?“ Er griff in seine linke Hosentasche. Er reichte Simon einen abgegriffenen, gefalteten Zeitungsausschnitt. Dieser begann zu lesen:

Vierjähriger erschießt Mutter

Tödliches Unglück mit Gewehr des Vaters in Burgenland – Kommen amerikaähnliche Zustände nun auch zu uns?

In Burgenland hat ein vierjähriger Bub in der Garage seine Mutter erschossen. Er ist derzeit in therapeutischer Behandlung. Die Polizei teilte mit, dass das Gewehr nicht sachgemäß verschlossen war. Der Vater, ein Jäger, habe offensichtlich vergessen, es wieder rechtmäßig wegzusperren, nachdem er es in der Garage gereinigt habe. Unklar sei bisweilen, ob das Kind selbst den Schuss getätigt, oder er sich anderweitig gelöst habe. Die Mutter sei in den Kopf getroffen worden und später in einem Krankenhaus verstorben. Die Frau hinterlässt ihren Mann und Zwillinge.

Simon brummte der Schädel. Er japste nach Luft. Kreidebleich setzte er sich auf sein Sofa. Bildhafte Sequenzen seiner Alpträume liefen vor seinem inneren Auge ab.

So viel Blut. Überall Blut.

„Ich versteh das nicht…“, stammelte er. „Was verstehst du nicht? Du hast unsere Mutter erschossen. Du bist schuld, dass ich in einer scheiß Adoptivfamilie groß geworden bin. Du bist schuld, dass ich ein scheiß Leben hinter mir habe. Alles ist verdammt nochmal den Bach runtergegangen! Und du? Du, der alles ruiniert hat? Lebst hier in Saus und Braus. Offensichtlich hattest du Glück mit deiner Adoptivfamilie, Glück in der Liebe und Glück in deinem verdammten Job. Aber weißt du was? Das verdienst du nicht! Nicht nach allem was ich durchgemacht habe“ Er malmte wütend mit den Zähnen bevor er fortfuhr: „Und deshalb, werd ich dich jetzt umnieten.“

Alex zielte mit der Pistole auf Simons Kopf. Dieser schloss die Augen und bereitete sich auf das Schlimmste vor. Doch plötzlich klingelte es an der Tür.

– Ende –

29 thoughts on “Nichts zerbricht so schnell wie Glück

  1. Super Kurzgeschichte, toller Spannungsbogen, sehr kreativ und alle Anforderungen des Wettbewerbes genial erfüllt! Hatte kaum Zeit zu atmen, so sehr hat es mich gefesselt. Für eine Laienschreibern (so sie es ist) absolut TOP!!! Macht Lust auf mehr, Ende offen – WIE GEHT ES WEITER????

    1. Eine tolle Geschichte, die von Anfang an fesselt. Die verschiedenen Schauplätze und Zeitebenen sind toll gewählt und machen die Geschichte zu etwas besonderen, was sie klar von den anderen Werken abhebt. Spannend bis zum Schluss. Super Umsetzung, gerne mehr von der Autorin.

  2. Sehr fesselnde Geschichte und tolle Auflösung. Ich persönlich fand die Auflösung der Burgenland Szene super genial (mit der alten Frau die Zeitung las). Und obwohl es eine Kurzgeschichte ist, ist es der Autorin super gelungen Charaktere greifbar abzubilden–die Geschichte macht auf alle Fälle Lust auf mehr!!!

  3. Wahnsinns Plot! Toller Schreibstil, spannende Charaktere – eine Geschichte die mitreißt.
    Die zeitversetzten Momente bauen die Spannung ins unermessliche auf.
    Fasziniert haben mich auch die beschriebenen Emotionen der Charaktere. Die Autorin hat diese so erstaunlich gut niedergeschrieben.
    Ich möchte mehr davon lesen.

  4. Super Geschichte. Alle Episoden passen toll zusammen. Mir gefällt, dass jede Szene bildhaft nachvollziehbar geschrieben ist und am Ende alles in einem sehr schönen Spannungsbogen zusammengefasst ist. Mein „Like“ hast Du.
    LG
    L. Paul (Die Mutprobe)

  5. Lieber Schweenie,

    Danke für dein Feedback. Das freut mich sehr. Ich werd gleich auch mal deine Geschichte lesen.

    Eine Fortsetzung ist zur Zeit nicht geplant. Allerdings wer weiß, jetzt kommt der Herbst und dann der Winter… die ideale Schreibzeit 😉

    LG

  6. Hallo Jules!

    Gott sei Dank habe ich deine Geschichte noch auf dem letzten Abdrücker entdeckt. Ewig schade, wäre sie mir durch die Finger gerutscht 😉 Die Geschichte ist toll, hat mir sehr, sehr gut gefallen. Spannend bis zum Schluss – apropos Schluss: der hat mir besonders gut gefallen. Alles in allem eine Kurzgeschichte, wie ich sie mir vorstelle. Viel Glück fürs E-Book! Lasse dir sehr gerne ein Like da!

    GLG, Florian

    PS. Würde mich auch sehr freuen, wenn du vlt noch die Zeit finden und meine Geschichte lesen und vlt auch noch kommentieren würdest.

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/schach-matt

  7. Lieber Jules,
    es ist nur noch wenig Zeit zum Voten. Heute ist mein letzter Lesetag und ich bin beim Durchsuchen meiner ungelesenen Geschichten auf deine gestoßen. Wow, was für eine Story! Zunächst war ich wegen der vielen Personen und der Zeitsprünge etwas verwirrt, aber mit etwas Konzentration konnte ich dir gut folgen. Durch die verschiedenen Zeitebenen entsteht eine unglaubliche Spannung, die einen bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Du verstehst es Geo.artig, die verschiedenen Handlungsstränge ineinander zu verweben. Dafür bekommst du von mir ein sehr verdientes Like!

    Falls du es noch schaffst, würde ich mich über einen Gegenbesuch sehr freuen. Meine Geschichte heißt „Stunde der Vergeltung“. https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stunde-der-vergeltung

    Liebe Grüße und viel Erfolg für das eBook!
    Angela

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