BibiNiemals vergessen, niemals vergeben

Georg liebt es, nach Feierabend durch die Gegend zu fahren, den Duft von Heu in der Nase und den Sommerwind in den Haaren. Wenn er das Tor seines Weinguts geschlossen hat, fährt er mit seinem Cabrio nicht gleich nach Hause, sondern nimmt meist einen Umweg durch die Weinberge. Es ist der Moment des Tages, der nur ihm gehört. Die kleinen Straßen schlängeln sich durch jene Rebhänge, die ihm ein sorgenfreies Leben sichern. Mit dem Rheingauer Riesling – dem besten der Welt – lässt sich ein guter Preis erzielen.

Zufrieden lenkt er seinen alten Triumph Spitfire in Richtung Schloss Johannisberg. Von dort aus hat man eine grandiose Aussicht auf den Rhein. Hier oben auf dem Berg genießt Georg das gute Gefühl, dazuzugehören, zu denen, die es geschafft hatten. Seine Frau Jenny liebt ihn, die beiden haben eine entzückende Tochter, eine Villa im Grünen, gute Freunde und genug Geld für Reisen bis ans Ende der Welt. Ja, er ist glücklich und er hat sich die Fähigkeit bewahrt, sich dessen bewusst zu sein. Er ist 58 Jahre alt und seine Schläfen sind bereits ergraut, aber mit seiner Sonnenbrille und dem Dreitagebart sieht er immer noch sehr verwegen aus.

Und so wundert es ihn nicht, als er an der Kreuzung zur Allee, die zum Schloss hinauf führt, im Rückspiegel eine Frau bemerkt, die ihm lange hinterher schaut. Mit einem Schmunzeln nimmt er die Kurve in die nächste Parklücke deshalb besonders schnittig. Als er aussteigt, ist sie verschwunden. Egal. Das gute Gefühl, ihren Blick auf sich gezogen zu haben, bleibt. Er lässt das Verdeck offen und schlendert hinauf zum Schlossgarten. Doch lange bleibt er heute nicht hier. Eine ungewöhnliche innere Unruhe ergreift ihn. Irgendetwas beschäftigt ihn, erinnert ihn. Diese Frau, die Art wie sie dastand, ihre kastanienbraunen Haare, hatte ihr Mund nicht etwas Spöttisches oder Lauerndes? War es also doch kein Lächeln? Viel zu schnell stürzt er sein Glas Riesling runter und geht zügig zurück zu seinem Wagen. Schade, dass ihm eine solche Banalität die Laune verderben konnte, ärgert er sich. Gerade will er sich wieder auf seinen Sitz schwingen, als er dort etwas Metallisches aufblitzen sieht. Ein Handy? Sein Handy? Nein, das hatte er bei sich. Dies hier war ein viel älteres Modell. Und ein billiges noch dazu. Er schaut sich unsicher um. Wer konnte das hier abgelegt haben? Er nimmt das Handy in die Hand. Es ist nicht gesperrt. Georg steigt ein und zieht die Tür zu. Offenbar hat es jemand verloren und ein Passant warf es in seinen Wagen, in dem Glauben, es gehöre zu ihm. Das offene Verdeck lud ja auch dazu ein. Eigentlich müsste ich es oben im Restaurant abgeben, denkt Georg. Wenn es jemand vermisst, fragt er sicher dort zuerst nach. Doch ein kurzer Blick auf das Display kann nicht schaden.

Das Erste, was er sieht, ist ein altes Schwarzweißfoto. Darauf zu sehen ist eine junge Frau, die sich in einer Kneipe mit einem Mann unterhält. Er trägt eine runde Nickelbrille und hat schulterlanges, dunkles Haar, genau wie die Frau vorhin am Straßenrand. Die Bluse, das Hemd, die Hosen – das muss irgendwann Anfang der 80er Jahre gewesen sein. Die Abendsonne in Johannisberg steht schon sehr tief. Georg kann die Gesichter der beiden nicht genau erkennen. Er zieht das Verdeck zu und zoomt das Bild größer. Sein Atem stockt. Er kennt die Frau. Kannte sie. Nicht persönlich, nur flüchtig, aber doch gut genug. Feine Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Da, ein zweites Bild: Die Frau liegt an einem See und sonnt sich. Sie trägt einen hellen Bikini mit Blumenmuster. Jemand hatte das Foto von weitem gemacht. Und dieser Jemand war er selbst!

Sie waren Studenten, er und sie. Freiberg bei Dresden. Es ist lange her, sehr lange, 1981 vielleicht? Sie waren 20 Jahre alt. Eine schöne, sorglose Zeit an der Bergakademie, Studiengang Geologie. Georgs Gedanken beginnen zu rasen. Kann das sein? Wer wusste von damals?  Wer weiß heute noch davon? Erinnerungen fliegen durch seinen Kopf. Wüsste er es nicht längst, würde sein flaues Gefühl im Magen es ihm verraten: Es ist eine Vergangenheit, die er tief in sich vergraben hatte, nicht um sie zu vergessen. Nein, um sie auszulöschen. Damals war damals. Sein Leben heute war so anders und um so vieles besser. Nichts erinnert mehr an jene Tage in jenem anderen Land. Ein Land, das es seit 30 Jahren nicht mehr gab. Für die Leute hier, für seine Familie, seine Freunde, seine Geschäftspartner war er Georg Heimann, der Weingutsbesitzer und Familienvater. Mit Frau, Kind und einer Villa im Grünen, mitten in der schönen Rheingau-Region. Nichts und niemand würde seine Existenz infrage stellen. Nicht einmal er selbst. Bis heute.

Barbara Leichtwang. Ja, so hieß sie. Alle nannten sie nur „Babsi“. Sie hätte auch Birgit, Ramona oder Antje heißen und rote, blonde oder schwarze Haare haben können. Aber sie hatte kastanienbraunes Haar, das sie immer zu Locken ondulierte. Sie war keine Jugendliebe, nein. Sie gingen nur ein Stück des Wegs zusammen in diesem Leben, eher nebeneinander her, fast unbemerkt. Und doch war sie in dieser Zeit sein Schicksal. Und er war ihr Schatten. Nein, leider hatte er nichts von alldem vergessen. Nichts!

Er folgte ihr auf seinem Moped, wenn sie mit ihrem klapprigen Fahrrad von der Uni in die Mensa fuhr. Er betrachtete sie von weitem, wenn sie albern lachend mit ihren Freundinnen am Fenster des Wohnheims stand. Und er machte Fotos, wenn sie von diesem Typen Besuch bekam. Wie hieß er gleich noch mal? Jochen oder Jürgen? Ja, Jürgen Seemann!

Sein Herz klopft heftig. Er wusste alles von ihrem Alltag. Fast alles. Damals, als er jung war und voller Ideale. Er war überzeugt, dass er auf der guten Seite stand und Barbara und Jürgen, seine Kommilitonen, auf der anderen, auf der falschen Seite. Während sie nur sich selbst sahen, ihr Glück und ihre Verliebtheit, die Leichtigkeit des Seins, sah er, Georg, bereits den Ernst der Lage, das große Ganze, das es zu verteidigen galt. Und war bereit, dafür zu kämpfen. Der Feind kam schließlich nicht nur mit Panzerfäusten und Pershing-2-Raketen daher, sondern in einem kritischen Zeitungsartikel, einem vermeintlich harmlosen Witz oder einem unerhörten Lied, deren Inhalt alle und alles um sich herum vergiftete. Für die beiden war jeder Tag ein Abenteuer. Für ihn war das Leben ein Ringen um die Wahrheit und die Ziele einer gerechten Gesellschaft.

Und so schrieb Georg Leskow Bericht um Bericht, machte Foto um Foto. Er, der eigentlich Georg Schmidt hieß – ein Name wie geschaffen für einen Spion. Schön unauffällig. Einmal in der Woche brachte er seine Werke persönlich zu Klaus Menz, seinem Stasi-Offizier. Wie er zu diesem Auftrag kam, weiß Georg nicht mehr. Später kamen noch so viele andere dazu.

Irgendwann wurde er von diesem Fall abgezogen. Was aus Babsi wurde, daran erinnert er sich nicht. Nur daran, dass sie eines Tages aus der Uni und aus Freiberg verschwand. Doch das beschäftigte ihn nicht weiter. Er machte seinen Abschluss, und machte in der Akademie der Wissenschaften in Berlin Karriere. Bis zum Jahr 1989. Danach war alles anders. Aber wen interessiert das heute noch, 30 später?

Geistesabwesend wischt Georg weiter über den Bildschirm des Smartphones. Da! Das gibt’s doch nicht! Das ist ja ein Foto von ihm! Von ihm und seiner Frau Jenny im Garten am Pool. Sie sonnt sich mit geschlossenen Augen, er telefoniert. Auf dem nächsten Foto sieht er seine Tochter Mathilde auf dem Spielplatz. Sie lacht in die Kamera! Georg lässt das Handy sinken. Sein Verdacht wird zur Gewissheit: Es ist kein Versehen. Das Ding wurde bewusst hier abgelegt. Für ihn! Doch von wem? Wer wusste von damals? Wie kam er zu den Fotos? Wer hatte ein Interesse, ihn daran zu erinnern. Und warum jetzt? Und überhaupt: Wer wusste, dass er jetzt hier war, dass dies sein Wagen war? War ihm dieser jemand gefolgt? Was kannte er noch? Seinen richtigen Namen? Seine Vergangenheit als IM?

Georgs Gedanken überschlagen sich. Das Bild von seinem Haus musste vom Waldrand aus gemacht worden sein. Das andere mit Mathilde direkt von vorne. Es sah fast so aus, als würde seine Tochter denjenigen kennen, der es schoss. Wieso sollte sie sonst lachen? Und es ist nicht von ihm!

Bloß weg hier, schnell nach Hause! Gerade als er den Motor anlassen will, klopft es neben ihm an die Scheibe. Sein Herzschlag setzt für einen Moment aus. „Hallo Sie!“ Es ist ein älterer Herr mit cremeweißem Hut, der einen langen Schatten wirft. Wortlos kurbelt Georg das Fenster herunter. „Sie haben hinten einen Platten“, bedeutet ihm der Alte. „Wie bitte? Das ist doch nicht möglich!“, stammelt Georg und öffnet die Tür. Tatsächlich! Der linke Hinterrad ist platt. „Vielen Dank“, bemüht er sich um Höflichkeit. Der Alte nickt kurz und entfernt sich schnellen Schrittes mit seinem Stock. 

Georg glaubt nicht an einen Zufall. Er ist sich sicher: Jemand verfolgt ihn, bedroht ihn. Heute und hier! Bleib ganz cool, versucht er sich zu beruhigen. Doch für einen Reifenwechsel hat er jetzt keine Nerven. Er schnappt das fremde Handy, schließt den Wagen ab und läuft vor in Richtung Kreuzung. Hektisch sucht er die Nummer der Taxizentrale. Nur 15 Kilometer Luftlinie sind es von hier aus bis zu seinem Haus. Und er muss jetzt dringend nach Hause. Er muss sich vergewissern, dass es allen gutgeht.

Plötzlich, fast lautlos, hält neben ihm ein roter VW Beetle. Die Fahrerin beugt sich rüber zum weit geöffneten Beifahrerfenster: „Kann ich Sie ein Stück mitnehmen?“ Es ist die Frau mit den kastanienbraunen Haaren, die ihm vorhin so seltsam spöttisch nachgeschaut hatte.

Unter anderen Umständen hätte er sich über ihr Angebot gefreut. Doch nun erscheint ihm diese freundliche Geste wie ein unheilvoller Vorbote. Er stammelt „Danke, sehr nett, aber…“ da öffnet sie schon die Beifahrertür. „Es macht mir wirklich keine Umstände. Ich nehme Sie gerne mit“, sagt sie mit einer Stimme, die ihm seltsam vertraut vorkommt. „Jetzt um diese Uhrzeit fährt hier sowieso kein Taxi mehr.“

Dann soll es so sein, denkt Georg und steigt ein. „Ich wohne in Hausen von der Höhe. Sie müssen aber nicht über Eltville fahren. Sie können die Abkürzung über die Hallgarter Zange nehmen“, sagt er, ohne sie anzuschauen. „Ich weiß“, antwortet sie mit einem ganz bestimmten Unterton, der nichts Gutes verhieß. Im Radio läuft HR1. Als sie mit dem Auto den Wald bei Schlangenbad erreicht, nimmt sie die Sonnenbrille ab. Es ist plötzlich dunkel wie bei Nacht. Langsam wendet Georg den Kopf nach links. Es ist die Frau auf dem Foto! „Babsi! „, entfährt es ihm. Sie verzieht den Mund zu einem Grinsen. „Endlich hast Du verstanden“. Was, was habe ich verstanden?! Nein, das kann ja auch nicht sein! Doch Barbara ist ziemlich real, so wie sie gerade einen Gang höher schaltet und auf den CD-Player drückt:

> Du hast Dich geschminkt und solange verwandelt
> dass niemand mehr weiß, um wen es sich handelt
> Lügner, Lügner!

Ein Lied von Tanzwut. „Lass uns über damals reden“, fing sie plötzlich an. Der Tonfall  ließ keine Zweifel daran: Das war keine Bitte. Das war ein Befehl. „Ich verstehe nicht. Woher kommst Du? Was willst Du von mir?“ Georgs Herz fiel ins Bodenlose. „Halten Sie sofort an, ich möchte aussteigen!“ Jetzt wurde auch sein Ton rauer. Seine Stimme überschlug sich.

Doch statt zu halten, gab Babsi mehr Gas. Die Serpentinen hinauf auf den Berg wurden immer enger. Die Bäume rückten in jeder Kurve näher. „Okay, okay, beruhige Dich. Bitte! Was genau wollen Sie wissen?“

„Du weißt ganz genau, was ich von Dir wissen will, ‚Manfred Liebig'“, sagte sie bissig. „Wie Du siehst, habe ich eine ganze Weile gebraucht, um herauszufinden, wer hinter diesem Decknamen steckt“, fuhr sie fort. „Leskow! Dass Du den Namen Deiner Frau angenommen hast, darauf musste ich erst mal kommen. Jedenfalls warst Du fleißig, meine Stasi-Akte ist dick. Zwei ganze Ordner.“ Der Hohn in ihrer Stimme war nicht zu verkennen. „Ich will einfach nur wissen, warum. Warum hast Du mich bespitzelt? Warum hast Du mein Leben zerstört? Du Ratte! Hattest Du was ausgefressen? Was hast Du dafür bekommen. Geld? Privilegien? „

„Nichts“, würgte Georg hervor. Sein Mund war vollkommen trocken. Er sah kurz aus dem Fenster, dann wieder auf das spärliche Scheinwerferlicht, das vor ihm auf der schmalen Straße hin und her tanzte wie in einem finsteren Tunnel. „Nichts?“ Babsi lachte laut auf. „Du bist ja wirklich noch blöder, als ich dachte!“ Du hast ihnen also freiwillig von meinen Treffen mit Jürgen erzählt?“, fragte Babsi mehr sich selbst. „Jürgens Ausreiseantrag in die BRD lief bereits. Er galt als Staatsfeind. Und durch Deine Berichte über mich war ich plötzlich auch einer.“

„Das wusste ich nicht“, antwortete Georg hektisch. „Ich hatte nur den Auftrag …“

„Ja, den Auftrag. Und den hast Du perfekt ausgeführt, als  Innoffizieller Mitarbeiter. Tausend Dank! Bist Du wirklich so naiv oder willst Du jetzt nur Deine Haut retten?“ Sie machte eine kurze Pause und fuhr etwas ruhiger fort. „Durch Deine Geschichten haben sie mich schließlich abgehört und herausgefunden, dass ich über Tschechien in den Westen fliehen wollte. Mit der Uni war sofort Schluss. Ich bekam fünf Monate Knast in Bautzen. War lustig. Als ich rauskam, sollte ich in der Produktion arbeiten. Am Fließband einer Papierfabrik. Meine Eltern konnten mir schließlich einen Platz in einem kirchlichen Kinderheim in Ballenstedt vermitteln.“

Georg antwortete nicht. „Jeden Tag Berge von Windeln mit löchrigen Handschuhen in Eimern rauswaschen. Das war meine Hauptaufgabe. Oder der Oberin den Badeofen anheizen. Sie war herrisch und sadistisch. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war das Warten. Das Warten auf die Genehmigung für meine Ausreise. Das Warten auf ein Wiedersehen mit Jürgen. Meinen Ausweis hatten sie mir weggenommen. Ich konnte die DDR also nicht mal in den Ostblock verlassen.“

Babsi wartete auf eine Reaktion. Doch Georg hockte steif, wortlos und mit gesenktem Blick auf dem Beifahrersitz. „Als ich schließlich nach zwei Jahren in den Westen ausreisen durfte, von einem Tag auf den anderen, hatte Jürgen, die Liebe meines Lebens, eine andere Frau. Und ich hatte nichts. Gar nichts mehr. Keine Familie, keine Freunde, kein Geld. Ich war mutterselenallein in einer fremden Stadt, hier in Mainz. Zweimal wollte ich mich umbringen. Alles wegen Dir!“, schrie Barbara in seine Richtung.

„Aber davon wusste ich nichts! Ich schwöre es. Das habe ich nicht gewusst!“ schrie Georg zurück.

„Ach, und was hast Du denn gedacht, wo ich auf einmal abgeblieben bin? Als ich plötzlich weg war aus Freiberg?“

Georg vergrub den Kopf in seine Hände. „Es tut mir leid! Ich möchte es wieder gutmachen. Sag mir wie, ich tu’s. Egal was“, flehte er. „Zu spät“, antwortet Barbara kalt. „Mein Leben bedeutet mir nichts mehr. Ich habe den Verlust von Jürgen nie verwunden. Als meine Mutter starb, ließen sie mich nicht mal zur Beerdigung in die DDR einreisen. Ich war ein Wrack, an ein Studium war nicht mehr zu denken. Und bei Gelegenheitsjobs wurde ich erniedrigt und missbraucht. Ich hatte niemanden. Ich war nervlich am Ende … und bin es noch. Nur ein Gedanke gab mir all die Jahre Kraft: Dich zu finden und zu vernichten … „

Georg stöhnt auf. Noch vor einer halben Stunde war er der glücklichste Mensch der Welt. Und nun gefangen in diesem Albtraum. Es spürt, es ist zu spät für Erklärungen. Und er kann das Geschehene nicht rückgängig machen und erst recht nie wieder gutmachen. „… aber natürlich nicht Dich allein“, schob seine Entführerin entschlossen nach. „Das wäre zu leicht. Du sollst leiden, wie ich gelitten haben und verlieren, was ich verloren habe. Alles ist vorbereitet.“ Das Auto wand sich mittlerweile wieder den Berg hinab. Sie schaltet den Gang hoch und rast mit quietschenden Reifen in die Kurven.  

„Nein!“ schreit Georg. „Ich flehe Dich an! Meine Frau, meine Tochter, meine Familie. Sie können doch nichts dafür!“ Hektisch sucht er nach seinem Handy. Er will Jenny und Mathilde warnen. Da sieht er eine Nachricht: „Sind schon unterwegs“. Vor fünf Minuten abgesendet.

„Familie? Ich weiß gar nicht mehr, was das ist. Ich habe mir erlaubt“, lacht sie laut im Wahn, „die beiden in Deinem Namen um Hilfe zu rufen!“ Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie hält das Lenkrad fest umklammert. Der Motor heult auf. „Siehst Du die beiden Punkte hier auf dem Navi? In der übernächsten Kurve wird daraus einer.“

„Du bist ja irre“, faucht Georg und greift ihr ins Lenkrad. Sie kämpfen. Der Wagen schleudert, bricht fast aus, bleibt aber auf der Straße. Nur noch wenige Sekunden, dann müssen die Autos aufeinander prallen. Aus den Lautsprechern dröhnt:

> Dein Schauspiel beginnt und niemand entrinnt
> doch hör meine Warnung, ich kenn Deine Tarnung
> die Seele getauscht für ein Herz aus Stein
> ziehst Du alle mit in den Abgrund hinein
> Lügner – verdammt sollst Du sein
> Lügner – und nun bist Du allein

Das Lied reißt ab. Grelles Scheinwerferlicht blendet ihn. Ein Knall, ein Rauschen, Wärme. Feuer mischt sich mit Blut. Das Letzte, was Georg sieht, sind die Flammen in der Dunkelheit. „Jenny!“ Georg spürt keinen Schmerz, nur das Gefühl grenzenloser Ohnmacht und Schuld.

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