XannyNiemand

Sie öffnete ihre Augen.

 

Das Licht schien bereits durch die Lamellen der Jalousie. Wie viele Stunden sie geschlafen hatte, konnte sie nicht sagen. Immer wieder quälten sie die Gedanken. Sie musste ihn loswerden – um jeden Preis.

 

Sie nahm seinen Geruch wahr.  Wie sie ihn hasste.

 

Er hat sich in ihr Leben geschlichen und ließ sie nicht mehr los. Wie eine lästige Zecke biss er sich fest und sog sie nach und nach aus bis nichts mehr von ihr übrig war außer einer leeren leblosen Hülle.

 

Seit er da war, war sie nicht mehr sie selbst.

 

Was hatte sie schon alles versucht, um ihn los zu werden. Nichts hatte funktioniert – im Gegenteil. Er vergiftete sie und ihr Leben mehr und mehr mit seiner Anwesenheit.

 

Niemand konnte ihr helfen, denn er hatte dafür gesorgt, dass sie die Wohnung nicht mehr verlassen konnte.

 

Zu ihren Nachbarn hatte sie nie ein enges Verhältnis gehabt. Sie kannte nicht einmal ihre Vornamen. So fiel niemandem auf, dass etwas nicht stimmte.

 

Die notwendigen Gänge wurden von ihm erledigt, wobei er sich unauffällig und reserviert freundlich verhielt, damit niemand merkte, was hinter den vier Wänden vor sich ging.

 

Sein Handy war voll von ihren Fotos – sie hatte es gesehen. Er schien besessen von ihr zu sein.

 

Sie stand auf und ging ins Bad. Heute würde sie es schaffen. Sie würde sich endlich von ihm befreien.

 

Würde er es merken? Sie betrachtete sich im Spiegel. Er durfte ihr keine Regung ansehen. Ihr Plan durfte nicht scheitern – dieses Mal nicht.

 

Sie nahm die zwei Dosen mit ihren Schlaftabletten, die ihr gegen die Schlafstörungen verschrieben worden waren. Seit drei Monaten hatte sie keine mehr genommen, um genug zu haben – eine Dosis, die ihn beseitigen würde.

 

Er schlief noch immer.

 

Sie ging in die Küche, um alles vorzubereiten. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie befürchtete, es könnte ihn aufwecken.

 

Das Kompott hatte sie gestern bereits vorbereitet.

 

Nachdem sie die Tabletten zermahlen hatte, rührte sie alle unter den Joghurt. Es knackte hinter ihr. Sie drehte sich um, aber konnte niemanden sehen. Nun war es wieder totenstill.

Schnell rührte sie etwas von dem Kompott unter und gab noch ein paar Tropfen Süßstoff dazu.

 

Sie musste diesmal sicher gehen. Hatten sie nicht noch Rattengift in der Abstellkammer? Sie schlich aus der Küche zur Kammer. Hatte sie ein Geräusch gehört? Sie hielt inne. Aber da war niemand.

Leise öffnete sie die Tür der Kammer. Auf der ersten Blick konnte sie das Gift nicht entdecken. Wo war es nur? Sie horchte auf – spürte seinen Atem hinter sich. Nein – jetzt fliegt alles auf… sie darf sich nichts anmerken lassen. Ihr Kopf schnellte herum – doch da war niemand.

 

Sie hatte keine Zeit, weiterzusuchen. Er würde bald aufwachen und sich wundern, was sie machte.

 

Da sah sie den Entkalker. Würde er diesen rausschmecken? Nur einen Teelöffel – zur Sicherheit.

 

Kaum hatte sie die Mischung fertig, war er wach und rief nach ihr.

 

Der Kaffee für ihn war bereits durchgelaufen.

 

Plötzlich stand er da – sie hielt den Atem an. Niemand würde ihr helfen können – sie musste ihn allein loswerden.

 

Dann gab sie ihm sein Frühstück. Er nahm den ersten Löffel. Jetzt gab es kein zurück mehr. Ihr Herz schlug bis zum Hals.

 

Ihre Kehle schnürte sich zu.

 

Ein Löffel würde nicht reichen. Er musste weiteressen. Es schmeckte leicht bitter. Er würde es merken. Aber er aß weiter – Löffel um Löffel bis die Schale leer war.

 

Er stand auf und taumelte. Was hatte sie getan – Nebel stieg in ihrem Kopf auf und sie spürte wie ihre Gliedmaßen immer schwerer wurden. Er wankte ins Bad, um sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Er ohrfeigte sich selbst. Er wehrte sich – er wollte einfach nicht gehen.

 

Dann blickte er in den Spiegel. Sie sah wie die Tropfen das kalte Glas runterliefen. Sie blickte in ihre trüben Augen. Nun würde sie ihn endlich loswerden – für immer. Er würde aus ihrem Kopf verschwinden.

 

Langsam sank sie auf den Boden. Ihr Körper wurde immer schwerer und verschmolz förmlich mit den kalten Fliesen.

 

Niemand würde sie retten – sie war allein.

37 thoughts on “Niemand

    1. So war es gedacht, Klaus 🙂 Es sollte erst am Ende deutlich werden 🙂 Ich habe seit vielen Jahren nicht mehr geschrieben. Bisher gibt es noch kein Buch von mir… aber ich werde dran arbeiten, denn Schreiben macht Spaß…vor allem, wenn es nun auch andere Menschen lesen und so lieb kommentieren 😀

  1. Wow,

    wie viel du in diesem kurzen Text untergebracht hast und dann auch noch so gut geschrieben und durchdacht! Wirklich super zu lesen!

    Liebe Grüsse
    Orki

    p.s. Vielleicht magst du ja auch meine Geschichte lesen? Gräber von Orkania 🙂

  2. Yeah! Endlich mal ne Kurzgeschichte die den Namen verdient hat. Kurz, knackig und auf den Punkt geschrieben. Deine Geschichte ist die erste, die sich überhaupt nicht an die geforderten Parameter gehalten hat. Das macht sie aber nicht schlechter als andere, im Gegenteil! Mir gefällt sie gut.

    LG Frank (Geschichte:Der Ponyjäger)

    1. Vielen Dank, Frank! Ich habe viel Wert darauf gelegt, dass es eine Kurzgeschichte ist und kein kurzer Roman 🙂 Die vorgegebenen Parameter habe ich eingebaut – sowohl das Handy, als auch das Thema Identität sind „untergebracht“ 🙂
      Viel Spaß weiterhin am Schreiben 🙂
      Bin gespannt auf Deine Geschichte.

  3. Liebe Xanny

    Endlich, endlich, endlich.

    Eine richtige Kurzgeschichte.
    Du hast es geschafft, mich von der ersten Sekunde an zu begeistern.

    Deine Handlung, deine Grundidee, deine Hauptprotagonistin, die Spannung, der Aufbau, dein Schreibstil, das Finale, dein Talent, dein Können ….. alles einfach nur PERFEKT.

    Du hast mich mit deiner Geschichte komplett geflasht und in deinen Bann gezogen.

    Zudem die perfekte Rechtschreibung und Grammatik.
    Ich bin begeistert.

    Ich habe an dieser Shortstory NICHTS ABER AUCH GAR NICHTS auszusetzen.
    Im Gegenteil:
    Alle Punkte sind super.

    Die Kürze der Handlung, diese Momentaufnahme, die Hauptperson, deine direkte und unmittelbare Sprache.
    Und die Auflösung in letzter Sekunde.

    Ganz genau so schreibt man Kurzgeschichten, und nicht anders.

    Ich wünsche dir noch viel, viel mehr Likes und begeisterte Leserinnen und Leser.
    Deine Geschichte MUSS einfach ins EBook.

    Wenn nicht deine, welche bitte dann?

    Ich lasse dir sehr gerne ein Like da.
    Leider darf ich nur einmal klicken.

    Dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.
    Und bitte schreib weiter.
    Du hast ein riesiges Potenzial.
    Das spürt man in jedem Wort.
    In jeder Zeile.

    Ich bin so begeistert, mit welcher Coolnes du hier vorgegangen bist.
    Whow!

    Ich möchte unbedingt mehr von dir lesen.
    Ein komplettes Buch mit dieser Art von Shortstories wäre der Hammer.

    Liebe Xanny
    Ich wünsche dir nur das Beste der Welt.
    Ganz liebe Grüße und pass auf dich auf.
    Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn auch DU mir einen Kommentar zurücklassen würdest.

    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Ich danke dir sehr.
    Swen

    1. Lieber Swen,

      vielen Dank für Deinen tollen Kommentar! Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass Du Dir die Zeit genommen hast, nicht nur die Geschichte zu lesen, sondern auch sie so ausführlich, positiv und motivierend zu kommentieren!
      Ich probiere mich derzeit aus und habe noch eine weitere Kurzgeschichte auf eine etwas andere Art geschrieben. Ich wäre sehr an Deiner Meinung interessiert. Falls Du also Zeit hast, würde ich mich sehr freuen, wenn Du Dir diese nehmen würdest, um auch „Mädchenmörder“ zu lesen.

      Selbstverständlich werde ich Deine Geschichte sehr gern lesen und bin schon neugierig darauf.

      Viele liebe Grüße
      Xanny

  4. Hallo Xanny,
    auch wenn es langweilig wird ( irgendwie kommen mir Frank und Swen immer zuvor), Deine Kurzgeschichte ist eine der ganz wenigen hier, die diesen Titel auch verdient! Und die ist großartig! Der Schreibstil ist so klar und gut, dass mir nur ein Wort dafür einfällt : WOW!
    Von der ersten Zeile bis zum letzten Wort habe ich an der Story gehangen – Danke für diesen Lesegenuss!

    LG,
    der schweenie

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen und ein kleines Feedback da zu lassen …
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/glasauge

      1. Hallo Xanny,

        da du dir meine Geschichte durchgelesen hast, habe ich mir auch gerne deine beiden Kurzgeschichten vorgenommen.

        Erstmal ist es ganz schön, das beide Geschichten wirklich sehr kurzweilig waren.

        Bei dieser Geschichte hat mir vor allem das Ende gefallen, mit dem ich nicht gerechnet habe.

        Auch finde ich es toll, das deine beiden Geschichten sehr unterschiedlich von Schreibstil und Aufmachung wirken.

        Viele Grüße

        Marcel

        (Geschichte: „Rate, wer ich bin!“)

  5. Liebe Xanny,

    megagut, deine Kurzgeschichte! Spannend von Anfang bis Ende, kurz und knackig und mit schönem Twist. Ich finde sie super und auch dein Schreibstil gefällt mir.

    Natürlich hast du mein Like 😊 Weiterhin viel Spaß beim Schreiben und viel Glück fürs Voting!

    LG Yvonne/voll.kreativ (Der goldene Pokal)

  6. Hallo! Deine Geschichte hat alles, was eine Kurzgeschichte ausmacht. Man wurde mitten in die gruselige Atmosphäre geworfen und das Ende hat mich wirklich überrascht – sehr schön! Ihre Gedanken und Gefühle waren toll eingefangen! 😊👍🏼
    Deine Geschichte las sich für mich eher ganz einzeln und steht für sich. Dadurch bleibt sie sicher auch im Gedächtnis bei den Lesern. Die Parameter waren mir erst nicht bewusst vorhanden, aber sie waren da. Du hast sie sehr kurz und knackig eingebaut und mal ganz anders als die anderen.
    Viel Glück beim Wettbewerb! 🍀

    LG
    Marlene („Nicht ich“: https://www.wirschreibenzuhause.de/geschichten/nicht-ich)

  7. Hallo Xanny, deine Geschichte hat mich richtig mitgerissen – wow. Echt klasse geschrieben und durch die Kargheit bleibt sie noch lange hängen. War die Frau wirklich eine Gefangene oder spielte sich alles in ihrem Kopf ab. Wahnsinn – so gut.
    Ein dickes Like von mir, leider kann ich nur ein Herz vergeben. Deine Story hätte es verdient, ins Ebook zu kommen.
    Vielleicht hast du Lust bei mir vorbeizuschauen, deine Meinung würde mir viel bedeuten, gerade weil du auch so einen kurzen prägnanten Schreibstil hast, wie ich es immer versuche. Meine Story heißt: der alte Mann und die Pflegerin.
    Liebe Grüße Lotte

  8. Hallo liebe Xanny,
    Du kannst etwas, was mir so unheimlich schwer fällt: Du kannst Dich perfekt kurz fassen! Richtig toll, was in der Kürze alles passiert! Da kann ich mir eine Scheibe von abschneiden… mein Herzcheb hast Du bekommen – mit meinem vollen Respekt!
    Liebe Grüße, Anna

    P.S.: Meine Geschichte ist zwar etwas länger, aber vielleicht magst Du sie ja lesen? https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nachtschicht Ich würde mich freuen!

    1. Vielen Dank, liebe Anna.
      Ich habe mich sehr über Deinen Kommentar gefreut!
      Diese Geschichte hat sich sofort in meinem Kopf entwickelt, als ich die Parameter – besonders „Identität – gehört habe.
      Ich bin gespannt auf Deine Geschichte.
      Vielleicht hast Du ja auch Lust, meine zweite Geschichte „Mädchenmörder“ zu lesen.
      Ich bin gespannt, wie sie Dir gefällt.

      Liebe Grüße Xanny

  9. Liebe Xanny! Heute ist Xanny-Tag, oder? Nachdem ich eben Deine andere Geschichte gelesen habe (Mädchenmörder), dachte ich mir, dann müsste ja nun auch „Niemand“ folgen.
    Zugegebenermaßen hatte ich am Ende erst ein kleines Problem, zu verstehen, dass sie schizophren ist. Das war das Eine, das Andere war, dass ich zunächst dachte: „Ja, ist cool – aber wo sind die Parameter?“. Und da muss ich sagen: Ja, es gibt ein Handy. Aber das wars auch. Aus diesem Grund finde ich den „Mädchenmörder“ besser – er ist besser umgesetzt.
    Was nicht heißt, dass das hier nicht eine super Kurzgeschichte ist – aber sie passt – meine subjektive Meinung!!!!! – nicht in den Gesamtkontext von #wirschreibenzuhause hinein.

    Was ich sonst noch hätte: Siehe Mädchenmörder: Für jeden Satz eine Zeile …. wirkt eher entkräftigend als bestärkend. Aber die Schrift ist dieses Mal besser 🙂

    Kollegial Grüße!
    Kathrin aka Scripturine / https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nacht-in-der-das-fuerchten-wohnt

    … und natürlich freue auch ich mich über einen Gegenbesuch

  10. Hallo Xanny,
    Kurz und knapp, einfach klasse.
    Trotz der Kürze war alles drin was eine gute Geschichte braucht. Daher ein Like von mir 😁. Ich wünsche Dir viel Erfolg 🍀.

    Gruß

    Maddy

    P. S Meine Geschichte heißt „Alte Bekannte“ und vielleicht hast Du Zeit und Lust sie zu lesen 😁🙈☺️.

  11. Hallo Xanny,
    es hat zwar ein Weilchen gedauert, aber jetzt habe ich Zeit, um auch deine Geschichten zu lesen. 🙂
    Ich schließe mich meinen Vorkommentatoren an, das Ende kam so überraschend, dass ich es vor Verwirrung direkt zweimal lesen musste. Der Twist ist dir hier sehr gut gelungen. 👍
    Die restliche Geschichte liest sich flüssig, aber nicht rasend, das Tempo passt hier gut zur Handlung. Für meinen persönlichen Geschmack ist sie aber etwas zu „clean“, wie ein Bekannter sagen würde. Ich hätte mir hier mehr Details aus der Vergangenheit gewünscht. Zumal die Stelle mit den Schlaftabletten sich erst im Nachhinein erschließt – wenn er sie daheim hält, wie können ihr dann Tabletten verschrieben worden sein? Grundsätzlich gefallen mir Idee und Umsetzung aber sehr gut, ich bin ein Fan von solchen Plots – und gabe das Ende trotzdem nicht kommen sehen. 😅

    Liebe Grüße
    Peter

  12. Hallo Xanny, du hast Mut. Gerade weil die Geschichte so kurz ist, muss man aufmerksam lesen und jedes Wort in sich aufnehmen. Und deswegen habe ich sie auch zwei Mal gelesen… Wie müssen Menschen mit Schizophrenie doch leiden, weil sie alles so real erleben. Eigentlich sehr traurig… Du hast natürlich mein Like und jetzt sehe ich mir noch Deine zweite Geschichte an. LG Melanie https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/blaues-mondlicht

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