joyilonaNummer 81

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Nummer 81

Niemand bricht meinen Willen!

Niemand biegt meine Seele!

Der Tag an dem ich aufgebe, ist der Tag, an dem ich sterbe!

Verfasser unbekannt

 

Sollte man sie alle töten? Oder soll man sie foltern? Foltern mit was? Mit Angst? Mit körperlichem Schmerz? Oder mit seelischem?

Verdient hätten sie es, da ich behandelt wurde, als ob mein Leben weniger wert wäre als mein Tod!

Doch wie sollte ich es tun? Bin ich fähig, es zu tun? Wäre ich fähig, einen Menschen zu töten? Rein körperlich sicher. Aber mental? Man könnte sie einfach mental töten? Sind wir nicht geboren, um zu leben, töten und sterben? Sollte unser Tod dann nicht auch einen Sinn haben? Mein Tod wird einen Sinn haben. Ich werde nicht sinnlos und nutzlos von dieser Erde gehen. Mich einfach selbst töten? Nein, ich werde so viele von ihnen wie möglich mit mir nehmen. Indem ich ihre Seele breche. Ihnen das antue, was mir angetan worden ist. Ich werde sie beobachten. Beobachten, wie sie an ihrer eigener Seele zugrunde gehen. Ich werde ihnen dabei zusehen und mich an ihrem Leid erfreuen. An ihren Qualen, als ob sie im Höllenfeuer schmorten, denn dort werden sie hingelangen. Ich werde sie mit Füssen treten, wenn sie auf dem Boden liegen, genauso wie sie es mit mir getan haben. Sie werden nicht mehr wissen, ob sie um Leben oder Tod betteln sollen. Ich werde sie brechen, so wie sie versucht haben, mich zu brechen. Eines ist sicher: Sie sollen leiden und um Hilfe flehen. Aber diese sollen sie, genau wie ich, von nirgendwoher bekommen. Sie sollen genauso gedemütigt werden.

Ich werde einen Plan erschaffen, egal wie lange es dauern mag. Aber bevor das Ziel nicht getroffen ist, oder besser gesagt getroffen und qualvoll verblutet, werde ich nicht aufgeben.

Wie sollen den die ersten Schritte meines Planes aussehen? Ich werde meine Geschichte sicher niederschreiben, sodass meine Mitmenschen wissen, wieso ich es getan habe. Mitmenschen – was für ein absurdes Wort. Es ist kein Miteinander mehr, sondern nur noch ein Gegeneinander. Ich möchte mich natürlich auch noch vorstellen, damit man weiss, wer ich bin. Ich bin Nummer 756.4257.1587.81. Ja, das bin ich. In unserem sogenannten Sozial- und Rechtsstaat. Eine dreizehnstellige Nummer – nicht mehr und nicht weniger. Ich bin hier kein Mensch mehr, sondern nur eine Zahl auf irgendeinem Bildschirm oder Blattpapier. Jedoch wäre es äusserst mühselig, jedes Mal eine dreizehnstellige Zahl einzutippen, wenn ich von mir rede, also nennen ich mich doch einfach Nummer 81. Wie entsteht eigentlich diese dreizehnstellige Zahl? Ist darin auch gleich enthalten, in welcher Teil der Gesellschaft ich reingeboren wurde? Fragen, auf die ich vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt eine Antwort haben werde.

Ich will nicht töten, indem ich mit einem Dolch jemandem das Herz durchbohre oder mich von hinten an die Person anschleiche, dieser mit einem gezieltem Griff, das Genick breche und somit, seinen Körper zum Stillstand bringe. Nein, das würde ich nur tun, falls mir keine andere Wahl bliebe oder ich Gefallen daran fände. Aber eigentlich will ich, dass sie meine Qualen und Ängste erleben müssen. Sodass ihre Seelen weinen, bis sie leer von Tränen sind, und das Bedürfnis habe, sich selbst zu richten, was wirklich die beste Lösung wäre. Somit wären wir alle frei von Sünden und könnten im Paradies mit diesem Spiel weitermachen. Das wird ein Spass! Ausserdem will ich mich nicht mit solchem Drecksblut beschmutzen. Blut bekommt man ja ganz schlecht aus Kleidung raus.

– Mein Tagebucheintrag an dem Tag, an dem ich töten wollte.

 

Brigitte

Brigitte sitzt wie an jedem Wochentag im Bus zur Arbeit und liest in einem Kinderroman. Sie ist ganz vernarrt in Kinderromane. Sie kann durch sie in eine wunderbare Fantasiewelt eintauchen, wie sie es sonst nirgends kann. Fast verpasst sie ihre Haltestelle und schafft es noch so knapp aus dem Bus raus. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin. Eine Arbeit auf die sie nicht wirklich Lust hat und somit öfters den Eindruck erweckt, als ob sie total unfähig wäre. Als sie in ihr Büro kommt, wirft sie ihre Tasche achtlos in eine Ecke und legt das Kinderbuch auf dem Tisch ab. Aus dem Blickwinkel sieht sie ein Smartphone auf ihrem Tisch liegen. Der letzte Mandant von gestern muss es wohl vergessen haben. Sichtlich genervt nimmt sie es vom Tisch. Sie ist immer wieder fasziniert, wie Menschen welche Sozialhilfe beziehen, sich so teure Smartphones leisten können und es nervt sie. Für sie sind alle Menschen, die sie bis dato, auf ihrer Arbeit gesehen hat und die Sozialhilfe beantragt haben, Schmarotzer. Bis jetzt hat sie keinem einzigen geglaubt, dass er wirklich in finanzieller Not war und auch dementsprechend langsam und schlampig die Anträge bearbeitet. Was nicht selten zu Drohanrufen geführt hat, was sie aber nicht sonderlich interessierte. Sie legte dann den Telefonhörer zur Seite und beschäftigte sich mit was anderem, bis der Idiot am anderen Ende fertig war mit seinen Drohungen. Wenn sie ehrlich war, fand sie das Ganze irgendwie belustigend und geniesst die Macht, die sie über diese Menschen hat.

Sie legte das Smartphone zur Seite und kümmerte sich nicht weiter darum. Sie war davon überzeugt, dass der Besitzer sich von selbst melden würde. Der Tag verging und sie vergass das Smartphone. Am Abend machte sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle, irgendwie fühlte sie sich unwohl. Fast schon ängstlich. Woher kam denn das Gefühl, fragte sie sich. Im Bus vergass sie das Gefühl und tauchte wieder in ihre Fantasiewelt ab, in dem sie im Kinderroman lass.

Jeder Wochentag war gleich wie der davor. Somit fand sich Brigitte auch am nächsten Tag, um die gleiche Zeit wieder im Büro ein. Das Smartphone, welches sie komplett vergessen hatte, fiel ihr wieder ins Auge. Muss sie jetzt wirklich rausfinden, wem dieses Smartphone gehört, oder könnte sie es einfach behalten und zu Geld machen? Der Gedanke schien ihr verlockend. Jedoch empfand sie es, im gleichen Moment, mehr als komisch, dass sich noch niemand gemeldet hatte. Normalerweise verfallen Menschen ja geradezu in Panik, wenn sie ihr Smartphone nicht mehr finden. Sie entschied sich zum Empfang zu gehen und sich zu erkundigen, ob jemand vorbei gekommen ist, der sein Smartphone vermisste. Dies wurde jedoch verneint. Zurück in ihrem Büro bemerkte sie, dass das Teil noch Akku hatte und sie dachte, was soll‘s sie könnte es ja mal mit dem simplen Code 123456 versuchen zu entsperren. Obwohl sie nicht daran glaubte, dass es jemand gab, der so dumm war so einen Code zu benutzen. Aber siehe da, das Teil liess sich tatsächlich mit dem simplen Code entsperren.

Was Brigitte nicht wissen konnte, das Smartphone war so programmiert, dass man jede beliebige Zahlenkombination hätte eingeben können um es zu entsperren.

Brigitte entschloss sich, die Anrufliste zu öffnen und die letzte Nummer anzurufen welche gewählt worden war. Doch die Anrufliste war leer. Also ging sie auf Kontakte, in der Hoffnung sie findet einen Kontakt, abgespeichert unter dem Namen Schatz oder dergleichen. Langsam war sie genervt, wieso wusste sie selber nicht. In der Kontaktliste war genau eine Nummer gespeichert, unter dem Namen 4257. Jetzt wusste sie wieso sie genervt war, wahrscheinlich gehörte dieses verdammte Teil dem versifften 20 Jährigen der vorgestern bei ihr war und den sie schon lange in Verdacht hatte, dass er mit Drogen dealt. Sie sah es sogleich als Chance den Beweis zu bekommen, dass sie Recht hatte mit ihrer Vermutung, indem sie direkt von dem Smartphone aus anrufen würde. Dann könnte man diesen Typen, dem das Smartphone gehörte, gleich in die Entzugsklinik schicken und ein Beistand seine Sozialhilfe verwalten lassen. Doch sie sollte sich irren. Am anderen Ende wurde abgenommen und man hörte eine computeranimierte Stimme: „Ich bin Nummer 81. Deine Tat aus der Vergangenheit.“ Brigitte musste vor lauter Schreck lachen. Sie fragte, was denn der Scheiss solle. In dem Moment wurde die Leitung unterbrochen. Sie schaute das Smartphone verdutzt an, bis das Display trüb wurde und im selben Moment wieder voll aufleuchtete. Das Display zeigte an, dass eine Nachricht von 4257 empfangen wurde. Sie öffnete die Nachricht. „Bleib erreichbar“, waren die Worte die sie las und sah ein Bild von sich, wie sie aus dem Gebäude kommt in dem ihr Büro ist. Sie bekam Herzklopfen und fragte sich, was denn das soll. Kannte die Person sie und was meinte sie mit: „ich bin deine Tat aus der Vergangenheit.“ Was soll denn das für ein schlechter Witz sein? Sie drückte die Nachricht weg und auf dem Home Bildschirm erschien ein Bild von ihr, aus dem Jahr 2003. Total geschockt schaltete sie das Handy aus und legte es auf die andere Seite des Tisches. Sie versuchte sich einzureden, dass das Ganze einfach eine total absurde Art von Drohung war, welche sie ja nicht zum ersten Mal erlebte und somit nichts zu befürchten hatte. Denn bis Dato hat sich keiner getraut, auch nur ansatzweise, eine seiner ausgesprochenen Drohungen wahr zu machen. Sie widmete sich einem der Sozialanträge und fing an, ihn erstaunlich genau und sauber zu bearbeiten, bis sie aus dem Blickwinkel wahrnahm wie das Display aufleuchtete und eine neue Nachricht anzeigte. Ihr Herz fing an zu rasen. Sie nahm das Smartphone und öffnete die Nachricht. „Wenn du es ausschaltest kann man dich aber nicht erreichen. Bleib erreichbar.“ Dazu bekam sie wieder ein Bild, diesmal wie sie in das Gebäude geht in dem sie arbeitet. Brigitte stockte der Atem, wie hat sich dieses Teil selbständig eingeschaltet? Sie beschloss den Kontakt 4257 nochmals anzurufen und ihm recht zünftig die Meinung zu sagen. Diese Rufnummer ist ungültig, war das einzige was sie zu hören bekam. Sie starrte ungläubig das Smartphone an und öffnete den Kontakt, um sich die Rufnummer anzuschauen. 1587. Sie verstand die Welt nicht mehr. Sie beschloss zu ihrer Vorgesetzten zu gehen und den Fall zu melden. Als sie Andrea die Nachrichten und die Rufnummer zeigen wollte, war das ganze Smartphone auf Werkeinstellung zurückgesetzt worden. Andrea sah Brigitte fragend an. Brigitte war die Situation mehr als unangenehm, sie entschuldigte sich und ging zurück in ihr Büro. Sie fragte sich, ob sie Wahnsinnig wurde. Kam jedoch zu dem Entschluss, dass sie wohl nur überarbeitet ist und es wahrscheinlich doch zu viele Drohungen waren, in letzter Zeit. Sie beschloss das Smartphone im Abfalleimer, in ihrem Büro, zu entsorgen und sich heute ausnahmsweise so richtig auf ihre Arbeit zu konzentrieren, um sich abzulenken. Als sie sich am Abend auf den Weg zur Bushaltestelle machte, überkam sie wieder das merkwürdige Gefühl, jedoch war es dieses Mal intensiver, sie hatte auf einmal das Gefühl beobachtet zu werden. Hastig blickte sie sich um, doch da waren so viele Menschen, wie immer zur Feierabendzeit. Sie lachte sich innerlich selbst aus und mahnte sich zu Vernunft. Lass dich nicht verrückt machen, nur weil ein Idiot ein bisschen weitergeht als Drohanrufe zu machen. Ja er hat dich fotografiert, mein Gott alles halb so wild, sagte sie zu sich selbst. Ihre innere Stimme gab jedoch keine Ruhe und bohrte weiter nach, woher denn das Foto aus dem Jahr 2003 komme? Ach halt die Fresse, sagte sie ihrem Kopf, das hat der Idiot sicher von irgendeiner sogenannten Sozialen-Plattform.

Als sie am nächsten Tag an ihren Arbeitsplatz kommt vibriert das Smartphone auf ihrem Tisch, welches sie gestern in den Abfalleimer geworfen hat. Ein Balken zeigt an, dass von 4257 eine Nachricht eingegangen ist. „Wenn du ein Smartphone in den Abfalleimer wirfst, bist du nicht mehr erreichbar. Das ist böse von dir. Sehr böse.“ Sie zittert. Sie liest die Nachricht immer und immer wieder, bis sie wieder fähig ist zu denken. Sie versucht die Nummer anzurufen, weiss aber schon vorher was sie zu hören bekommt. „Diese Rufnummer ist ungültig.“ Was für ein krankes Schwein, denkt Brigitte. Sie macht zur Sicherheit einen Screenshot von der Nachricht und dem Home Bildschirm, auf dem wieder ihr Gesicht zu sehen ist aus dem Jahr 2003 und sendet sich die Screenshots auf ihr Telefon. Sie beschliesst am nächsten Tag damit wieder zur ihrer Vorgesetzten zu gehen, die heute leider frei hat. Als sie am nächsten Tag die Screenshots Andrea zeigen will, sind diese gelöscht und auch das unbekannte Smartphone wurde auf Werkeinstellung zurückgesetzt. Sie bekommt es mit der Angst zu tun und fragt sich, wie dieses kranke Arschloch Zugriff auf ihr Telefon erhalten hat. Sie beschliesst nach der Arbeit, sich ein neues Smartphone zu kaufen, inklusive neuer Sim-Karte, noch spazieren zu gehen und dieses verdammte Smartphone ein für alle Mal im Fluss zu entsorgen.

Wie gewohnt ging sie am nächsten Tag zur Arbeit. Kaum stand sie im Büro, vibrierte ihr neues Telefon. Sie öffnete die Nachricht, darin fand sie ein Bild von sich, wie sie das gefundene Smartphone in den Fluss wirft.

Es verging keine Woche mehr, in der sie nicht mindestens drei Nachrichten dieser Art bekam und sie hatte nie die Möglichkeit sie irgendwem zu zeigen, denn sie löschten sich automatisch.

Die Nachricht die der Hauptauslöser für ihre zukünftigen Panikattacken und extremen Angstzustände war, enthielt ein Bild von ihrem Hinterkopf. Das Bild muss im Bus entstanden sein. Das Foto zeigte nicht nur ihren Hinterkopf, sondern auch den Kinderroman und die weiteren Sitzreihen im Bus. An diesem Tag Überfiel sie die Panik voller Wucht. Sie versuchte sich krampfhaft zu erinnern, wer im Bus sass, doch ihr Kopf wollte ihr dabei einfach keine Hilfe sein. Das Telefon vibrierte erneut und im Display erschien eine zweite Nachricht. „Kinderroman? Das passt zu dir. Bald werde ich zu dir kommen und dir vorlesen.“ So ging dies den ganzen Sommer und Brigitte wusste einfach nicht mehr was sie machen sollte, sie war verzweifelt. Sie dachte an Suizid. Tot sein. Tot zu sein, um die Angst nicht spüren zu müssen. Inzwischen war sie in psychiatrischer Behandlung. Die Diagnose lautete wahnhafte Störung. Auch wenn die Nachrichten durch die Medikamente nicht ganz aufhörten, so wurden sie weniger und sie hat nicht mehr permanent das Gefühl verfolgt zu werden. Jedoch war heute wieder so ein Tag, an dem sie eine Nachricht bekam. „Bald wirst du wissen wer ich bin. Dein Ende naht.“

Sie beschloss am Abend die Eishockey WM der Frauen zu schauen, um sich abzulenken. Die Männer hatten die Eishockey WM nur knapp verloren und waren jetzt Vizemeister. Jedoch liessen sie es sich nicht nehmen, den Frauen im Finale zu zusehen. Denn die Chancen standen mehr als gut, dass die Frauen die WM gewinnen, obwohl sie zu den schlechtesten Nationalmannschaften gehörten und es ihnen keiner zugetraut hätte, soweit zu kommen. Brigitte hätte trotzdem lieber die Männer spielen sehen, da sie fand, Eishockey sei ein reiner Männer Sport, ganz abgesehen davon, dass sie viel attraktiver waren vom Aussehen her. Jedoch konnte man nicht bestreiten, dass in der Nationalmannschaft der Frauen, die Spielerin mit dem Namen Guggisberg, genauso eine gute Figur spieltechnisch abgab, wie so manch männlicher Spieler. Das Spiel gegen die Kanadische Frauenmannschaft begann. Es war ein schnelles und sehr gutes Spiel. Jedoch wurde im zweiten Drittel Guggisberg unerlaubt gecheckt, und humpelnd vom Eis ging. In der Slow-motion sah es nach einer ziemlich heftigen Knieverletzung aus. Auch wenn Eishockey ein Mannschaftssport ist, so lag sehr viel Hoffnung auf ihr. Der Moderator stellte die Vermutung in den Raum, dass es das jetzt wohl war mit Guggisberg. Er sollte damit nicht Recht behalten, sie kam im dritten Drittel zurück aufs Eis und gab nochmals alles. Es sah so aus, als würde diese Frau kein Schmerzempfinden haben. Was gut möglich war, wenn man der Presse glauben konnte, was sie erlebt haben soll in ihrer Kindheit. Guggisberg hat zu den Geschichten in den Medien jedoch noch keine Stellung genommen. Man glaubte es fast nicht, aber sie wurden tatsächlich Weltmeisterinnen. Die Kameras filmten die Feier in der Garderobe, in der inzwischen auch die Männer der Nationalmannschaft eingetroffen waren. Brigitte war etwas mehr als eifersüchtig auf die Mädchen, vor allem gönnte sie Guggisberg den Erfolg nicht, was wohl da dran lag, dass Landolt Guggisberg von hinten umarmte und sie in den Nacken küsste und somit sich die Gerüchte bestätigten, dass es zwischen dem Top Stürmer und der Top Stürmerin der Nationalmannschaften wohl knisterte. Brigitte mochte Landolt und fand es im gleichen Moment total lächerlich, darauf neidisch zu sein. Sie war über zwanzig Jahre älter als er, er würde so eine alte Schachtel wie sie, nicht mal mit dem Arsch anschauen.

Brigitte ging ziemlich frustriert ins Bett. Inzwischen konnte sie ohne Schlafmittel nicht mehr einschlafen. Auch wenn sie die Medikamente nahm, erwachte sie doch immer und immer wieder schweissgebadet. Ob sie Albträume hat, konnte sie nicht sagen, da die Schlafmedikamente wohl zur Folge hatten, dass ihr Gehirn sich im Schlaf nichts mehr merken konnte oder nichts mehr bewusst wahrnahm. Sie hoffte, dass dieser Albtraum ein Ende hatte, sobald sie morgen ihren letzten Arbeitstag hinter sich gebracht hat. Sie würde sich in eine Klinik begeben und von dem Geld leben, das sie von 2002 bis 2007 gespart hatte.

Voller Zuversicht und mit der Aussicht auf ein baldiges in den Griff zu bekommen ihrer wahnhaften Störung, nahm sie ihren letzten Arbeitstag in Angriff. Sie hatte ihren letzten Arbeitstag fast überstanden, als ihr Smartphone neben ihr vibrierte. Eine Nachricht von dem Kontakt 4257 mit der Rufnummer 1587. Ein Bild, der Rücken von Guggisberg, welche die Nummer 81 trug. Das Telefon vibrierte erneut, eine Nachricht mit drei Zahlen und einer Frage. „756. Na weisst du schon wer ich bin?“ Schlagartig wurde Brigitte klar, dass der Kontakt, welcher aus vier Nummern bestand und die Telefonnummer die es nicht gab, zusammen mit den aktuell erhaltenen Zahlen und der Trikot Nummer von Guggisberg, eine Sozialversicherungsnummer sein müsste. Da jede Sozialversicherungsnummer in der Schweiz mit 756 beginnt, gefolgt von zehn weiteren Zahlen. Sozialfälle werden unter der entsprechenden Sozialversicherungsnummer abgespeichert. Sollten diese Zahlen also wirklich eine Sozialversicherungsnummer sein, von irgendeinem Sozialfall, würde sie ihn finden. Sie tippte die Zahlen 756. und ohne gross darüber nachzudenken, 4257.1587.81 ein. Mit betätigen der Enter Taste, öffnete sich ein Fenster mit einer Akte aus dem Jahr 2003. Brigittes Herz hämmerte gegen ihre Brust. Nun wusste sie, welcher Teil aus ihrer Vergangenheit sie einholen würde. Sie öffnete die Akte mit einem Doppelklick. Leoni Guggisberg.

Voller Angst ging Brigitte nach Hause. Die Angst frass sie innerlich auf. Total erschöpft von dem was sie heute rausgefunden hatte, setzte sie sich aufs Sofa und fing verzweifelt an zu weinen, bis sie eine Stimme hörte. „Hallo Brigitte“

 

Nummer 81

Die Presse wollte unbedingt meine Geschichte hören, jedoch war ich nie sonderlich gesprächig und habe mich nie dazu bereiterklärt meine Geschichte zu erzählen. Das meiste haben sie erfolgreich ausgegraben und zu Papier gebracht. Meine Familie wurde als ich drei Jahre alt war, erschossen inklusive mir. Nur dass ich nicht sterben wollte, trotz fünf Kugeln in mir. Ich kam in ein Kinderheim und im Alter von fünf Jahren, in eine Pflegefamilie. Eine Pflegefamilie die ihre Liebe auf eine ganz besondere Art und Weise zum Ausdruck brachte und nebenbei ziemlich viel Geld damit machte. Geld von dem Brigitte monatlich was abbekam, damit sie wegschaute. Ich erwies mich jedoch mehr als rebellisch und fing mir regelmässig Schläge ein, welche zu unschönen Narben führten und somit wurde ich wie Handelsware zurück ins Heim gegeben. Keiner mochte kleine Mädchen mit Narben. Brigitte war die Person, welche den Ganzen Papierkram erledigte und dafür sorgte, dass die Familie immer und immer wieder mit neuen Kindern versorgt wurde. Bis zu dem Tag, als man die Amtsstelle mit einer anderen Amtsstelle zusammenlegte und Brigitte versetzt wurde.

Als ich zurück ins Heim kam, erwies ich mich als schwierig und aggressiv und ich liebte es, mit den Jungs die Welt auf den Kopf zu stellen und wann immer möglich Eishockey zu spielen. Wenn dies nicht möglich war, verkroch ich mich hinter Bücher oder einen Bildschirm und verdiene heute mein Geld ähnlich, wie Lisbeth Salander im Roman Verblendung. Die seelischen Wunden sind jedoch nie verheilt und endeten in einem inneren Hasskampf.

 

Ich stand in dem Türrahmen zu ihrem Wohnzimmer und beobachtete sie, wie sie sprachlos auf dem Sofa sass. Beobachtete ihre Angst. Wie sie zitterte. Ich erkannte, dass ihr Gehirn krampfhaft nach einem Satz suchte, der mich beschwichtigen sollte. Sie hatte also tatsächlich Angst um ihr Leben, obwohl ich nur da stand. War es nicht das was ich wollte? Ja, das war es und doch war es nicht befreiend. Nicht erlösend. Es war nicht einmal eine Genugtuung. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich gehofft hatte, die Seele eines anderen zu brechen, würde meiner Seele Frieden verschaffen. Doch tat es das nicht, denn Taten würden mir nicht ermöglichen mein Ich zu finden und meine seelischen Wunden zu heilen.

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