KellyNur ein Spiel

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Müde und erschöpft hängte sie ihren Kittel in den Spind, nahm sich frische Klamotten aus diesem
und verschwand in dem angrenzenden Duschraum. Da zu Hause das Bad aufgrund eines Rohrbruchs
renoviert wurde, war sie gezwungen am Ende ihrer Schicht im Krankenhaus zu duschen. Während sie
sich unter dem heißen Wasser versuchte zu entspannen, schob sie die Gedanken der anstrengenden
OP beiseite welche sie mit für einen solchen Aufwand zu wenigen Helfern durchgeführt hatte.
Nach der ausgiebigen Dusche kehrte sie zu ihrem Spind zurück. Die Tür hatte sie nur angelehnt
gelassen, sie vertraute ihren Kolleginnen, sich nicht an ihren Wertgegenständen zu vergreifen und
Unbefugten war der Eintritt ohnehin verboten.
Sie packte ihre Sachen in ihre Tasche, zog sich ihre Strickjacke über und wollte gerade den Spind
abschließen, als etwas auf der metallenen Ablage vibrierte. Verwundert öffnete sie ihn wieder. Hatte
sie ihr Smartphone vergessen? Während die eine Hand in ihre Jackentasche griff und das
elektronische Gerät ertastete, fanden ihre Finger der anderen Hand ein Smartphone auf der Ablage.
Sie nahm es und schaute sich das schon ältere Modell an. Hastig schaute sie sich um. Jemand musste
es ihr dort herein gelegt haben. Die Frau mittleren Alters ließ das Display aufleuchten, Ihr erster Blick
fiel auf die SMS Benachrichtigung, bevor sie das Hintergrundbild wahrnahm, welches sie und ihren
Mann lachend im Eiskaffee sitzend abbildete. Beinahe ließ sie das Handy fallen. Sie gab sich einen
Ruck und öffnete zitternd die Nachricht. >>Dein Leben ist ein Spiel und nun bin ich an der Reihe,
Fiona! << las sie. Fiona. Diesen Namen hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Ihr wurde
schwindelig und sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Weg. Sie musste hier weg, ehe
man sie noch in diesem Zustand sah und ihr Fragen stellen würde, auf welche sie nicht zu Antworten
wusste. Die Rothaarige schnappte sich ihre Tasche und verließ mit schnellen Schritten das
Krankenhaus und flüchtete in ihr Auto, in welchem sie erneut das Smartphone in Augenschein nahm.
In der Bildergalerie waren etliche Bilder sowohl von ihr allein, als auch mit ihrem Mann, doch das
letzte Foto ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Es zeigte sie mit einer jungen Frau, die ihr bis aufs
Haar glich.
Nachdem sie sich erneut wieder gefasst hatte, öffnete sie das Symbol für Notizen, da die neben der
Galerie das einzige Symbol auf dem Homescreen war. Ein Text war dort schon vor einigen Wochen
geschrieben worden.
„Zuerst, es freut mich wirklich sehr, dass Du diese Nachricht liest, es zeigt mir, dass Du ein schlechtes
Gewissen hast, denn Neugierde ist es mit Sicherheit nicht. Du wirst dich mit Sicherheit fragen, wer
ich bin. Tief in Dir wirst Du eine Vermutung haben und ich garantiere Dir, es stimmt, genau diese
Person bin ich und jetzt werde ich Dein Leben zerstören, es sei denn Du entscheidest Dich dafür es
selbst zu tun, in beiden Fällen wirst Du alles verlieren. Entscheide Dich, erzähl selbst allen von Deinem dunklen Geheimnis, oder ich werde es tun! Deine Zeit läuft, in einer Stunde musst Du
handeln, sonst fallen die Würfel zu meinen Gunsten. Ich habe Dich im Auge.“
Sie hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen. War diese Person, an welche sie dachte wirklich zu
so etwas imstande? Wie hatte er in den wenigen Jahren so viel über sie herausfinden können, wobei
sie so pingelig darauf achtete keinen Fehler zu begehen, die Vergangenheit zu vertuschen. Oder war
das Ganze nur ein Bluff? Ein unheimlicher Scherz und purer Zufall, den sich jemand erlaubte. Konnte
sie es wirklich riskieren es als einen solchen abzustempeln? Sie entschied sich daran zu glauben, dass
es nur ein schlechter Scherz war und startete den Motor. Bis zu der Villa, in welchem sie mit ihrem
Mann lebte, war es eine halbe Stunde Fahrt, eine halbe Stunde in welcher sie zweifelte, ob sie das
Richtige tat. Sollte sie ihn doch mit der Wahrheit konfrontieren und ihn verlieren? Ihren
Lebensstandard, welchen sie so liebte? Ihre Arbeit? Sie wünschte sich das Smartphone nie in die
Hand genommen zu haben.
Zögernd betrat sie die Villa. Ich blick fiel auf ein Bild, welches über der Kommode hing. Es zeigte ein
glückliches, junges Paar am Strand, welches in die Kamera lachte. Doch die Frau, welche dort lachte,
war nicht sie. Sie war ihr dunkles Geheimnis, zumindest ein großer Teil von diesem, das wichtigste
Teil. Sie zuckte zusammen, als sie wen die Treppe runter kommen hörte. „Hallo Liebling“, sagte der
Blonde zärtlich. „Hallo Schatz“, sie konnte ihm nicht das Herz brechen. Sie liebte ihn zu sehr. Niemals
würde sie ihn aufgeben, solange sie ihm noch ihre dunkle Seite verbergen konnte.
Wenig später saßen sie zusammen am Tisch und aßen die Pizza, welche sie sich bestellt hatten, so
wie sie es jeden Donnerstag taten. Immer wieder huschte ihr Blick auf die Wanduhr. Die Stunde war
schon längst vorüber und noch immer war nichts geschehen. In ihr kehrte so langsam Ruhe ein, also
hat sich da doch jemand nur einen verdammt miesen Streich ausgedacht. Sie würde sich ihm
gegenüber so verhalten, wie sonst auch, sollte er Fragen stellen, warum sie seltsam drauf war, würde
sie es auf die Arbeit schieben, dies hatte bis jetzt immer funktioniert, wenn die Vergangenheit drohte
von ihr Besitz zu ergreifen.
Es klingelte an der Haustür, als sie gerade dabei waren den Tisch abzuräumen. Der Rothaarigen glitt
das Wasserglas aus der Hand, als Henry aufstand und zur Tür gehen wollte. „Jenny, alles in
Ordnung?“, besorgt sah er sie an. Hastig nickte sie. Ihr Herz pochte ihr bis zum Hals und nach einem
kurzen Augenblick stand sie auf und folgte ihm zur Haustür. Erneut schrillte die Klingel durch das Gebäude. Als Henry die Tür öffnete, stand dort zu dem erstaunen der Frau niemand, allerdings lag
ein Umschlag vor der Tür. Stirnrunzelnd hob der Blonde diesen hoch. Keine Adresse stand dort drauf.
Nur der sein Name stand in einer unsauberen Schrift dort. Er öffnete diesen noch auf der Türschwelle
und holte sechs weitere Umschläge hervor. 1. Würfel. Konnte sie erkennen. Die Nachricht war also
doch kein schlechter Scherz gewesen. Sie war erledigt. „Was soll denn das sein?“, er schloss die
Haustür hinter sich und riss den Umschlag auf. Er las die gedruckten Worte und die Rothaarige wollte
nur noch verschwinden, als sich seine Gesichtszüge verhärteten. „Das soll doch nur ein mieser Scherz
sein, oder?“, er reichte ihr den Zettel, welchen sie zitternd annahm. Während er sich den zweiten
Umschlag vornahm, lass sie die Worte, in welchen stand, dass Henry sich bewusst sein sollte, dass
diese Frau, welche ihm gegenüberstand sich nicht um Jenny handelte, sondern um Fiona, dass man
sie damals begraben hatte und ihre Zwillingsschwester in die Rolle dieser geschlüpft war. In dem
Umschlag 2. Würfel befanden sich einige Bilder, welche die angebliche Jenny nach der Operation
zeigte, welche sie vor fünf Jahren durchgeführt hatte.
Sie war gebrochen. Sie konnte es nicht mehr länger verschweigen. Mit Tränen in die Augen sank sie
zu Boden. Ihre Beine wollten nicht mehr länger standhalten. „Das alles stimmt“, ihre Worte waren
kaum mehr als ein Flüstern. „Bitte was?“, Henry traute seinen Ohren kaum. „Die Operation die vor
vier Jahren schief ging… ich hatte die Leitung für diese. Ich bin dafür verantwortlich, dass dieser
Mann kein vernünftiges Leben mehr führen kann, der all die Dinge über mich ans Licht gebracht hat.
Jenny hätte ihn retten können, doch ich hatte in meinem Studium zu Recht versagt“, ihre Stimme
brach. „Warum?“, er versuchte sich zu beherrschen. „Warum?“, schrie er sie nun an, als sie nicht
Antwortete. Er wollte wissen, warum sie ihm das Leben nun komplett auf den Kopf stellte, nach all
den Jahren. „Sie hatte alles, was ich erreichen wollte. Sie hatte den Ehrgeiz und das Talent für das
Studium, sie hat mir meine Freunde weggenommen und zuletzt hat sie noch dich geheiratet, ich
hätte ihr alles gegönnt, nur nicht dich. Bei dem Autounfall war ich diejenige die nur knapp überlebte
und Jenny starb. Ich hatte es als meine Chance gesehen ihre Rolle zu übernehmen und das Leben zu
führen, was ich immer haben wollte…“, er hob die Hand und deutete ihr damit zu schweigen, er
wollte nicht ein einziges Wort mehr aus ihrem Mund hören. „Ich denke, du weißt, was jetzt passieren
wird“, sie nickte.
Nicht lange später betraten zwei Polizisten die Villa. Fiona hatte nichts mehr zu verlieren und
bestätigte nur wortlos das, was Henry den Beamten erzählte. Ihr Lebenstraum war vorbei.

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