BirgitOhne Titel

Schritte. Sophie konnte sie deutlich hören. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, genauso wie ihre eigenen Schritte. Sie hätte auf ihre Freundin Anja hören und sich ein Taxi rufen lassen sollen. Aber sie wollte noch etwas Luft schnappen. Der Tag war stressig gewesen. Jetzt bereute sie es. Sophie hatte das Gefühl, dass die Schritte lauter wurden. Unwillkürlich ging sie schneller. Was sollte sie tun? Sich umdrehen? Sehen wer hinter ihr ging? Im letzten Herbst hatte sie einen Selbstverteidigungskurs an der Volkshochschule belegt. Es war interessant und auch lustig gewesen, aber viel behalten hatte sie nicht. Darum hatte sie sich zur Sicherheit Pfefferspray gekauft. Sie griff in ihre Handtasche und stockte. Das Pfefferspray war nicht da. Warum hatte sie auch unbedingt ihre kleine schwarze Ausgehhandtasche mitnehmen müssen? Das Pfefferspray lag in aller Seelenruhe in ihrer normalen Handtasche. Ihr Herz raste. Ihre Gedanken wirbelten herum.
Niemand war weit und breit zu sehen. Eigentlich liebte sie diese Gegend gerade deshalb, weil es so ruhig und beschaulich zu ging. Jetzt aber wünschte sie sich in einem belebten Großstadtviertel zu wohnen.
Es war nicht zu ändern. Sie atmete tief ein, nahm all ihren Mut zusammen und blieb stehen.
Die Schritte kamen näher. Sie drehte sich um, bereit sich zu wehren.
Ein schlaksiger Typ in Jeansjacke und zerrissenen Jeans, AirPods im Ohr, näherte sich ihr und ging ohne ihr Beachtung zu schenken an ihr vorbei.
Unwillkürlich hatte sie die Luft angehalten. Jetzt atmete sie tief aus. Ihr Herz klopfte bis zum Hals und ihre Hände waren feucht. An welcher Stelle war sie so schreckhaft geworden? Früher in der Schule war sie immer die Coole und Hippe gewesen, die vor nichts und niemanden zurückgeschreckt war. Alle hatten sie bewundert und wollten so sein wie sie. Doch das war lange her.
Sie schaute auf ihre Uhr. Es war spät, sie musste dringend nach Hause.
Gerade als sie losgehen wollte sah sie das Handy auf der Straße liegen…. Es musste dem Typen vorhin aus der Hose gefallen sein. Sophie hob es auf. Der Bildschirm war schwarz. Der Typ war weit und breit nicht mehr zu sehen. Also steckte sie es in ihre Handtasche. Darum würde sie sich morgen kümmern. Jetzt musste sie dringend ins Bett. Es war nicht mehr weit. Sie rannte fast, schaute sich immer wieder um, ob der Typ nochmal auftauchte.
Als Sophie endlich in ihrem Bett lag, konnte sie nicht einschlafen. Nachdem sie sich eine gefühlte Stunde nur hin und her gewälzt hatte, stand sie auf, ging in den Flur, holte das Handy aus der Handtasche und kroch wieder unter ihre Bettdecke. Sie schaltete das Handy ein. Vielleicht ließ sich ja was herausfinden. Das Handy fuhr hoch und war nicht gesichert.
Vor ihrem Auge tauchte das Bild eines Baggersees auf. Vor Schreck fiel ihr das Handy aus der Hand. Ihr Herz begann wieder zu rasen und ihre Hände wurden feucht. Sophie hatte schon Jahre nicht mehr an diesen See gedacht, geschweige an jenen Abend – damals. Wenn ich nicht daran denke, ist es auch nicht passiert, war immer ihr Motto gewesen. Und jetzt überrollte sie ein Tsunami der Gefühle. Tränen stiegen ihr in die Augen, ihr wurde übel und sie unterdrückte den aufkeimenden Brechreiz. Ihre Hände zitterten als sie abermals das Handy hoch nahm. Sie öffnete die Gallery und schnappte nach Luft, außer dem Baggersee Foto war nur noch ein weiteres Foto auf diesem Handy. Sie im Straßencafé, letzte Woche Donnerstag. Sie erinnerte sich gut. Es war der erste richtig warme Frühlingstag gewesen und so hatte sie sich spontan mit Esther, ihrer Kollegin, in der großen Pause einen Snack im Café um die Ecke gegönnt. Wer hatte sie fotografiert und warum? Ihre Gedanken begannen sich zu überschlagen. Das konnte ja kein Zufall sein. Sie ging auf die Kontaktliste. Nur eine Nummer war abgespeichert. Sollte sie dort anrufen? Wer würde dort am anderen Ende abnehmen? Wer wollte sie so erschrecken? Nach all den Jahren. Sophie schaute auf die Uhr 2.43 Uhr. Nicht die beste Zeit für einen Anruf.
Vielleicht doch? Vielleicht konnte sie an der Bandansage die Stimme erkennen.
Ihre Finger zitterten. Sie war nicht bereit. Warum jetzt?
Wer wusste von diesem Abend am Baggersee? Hatten sie sich nicht geschworen niemals mehr darüber zu sprechen? Jan, Stefan und sie. Hatte sie jemand beobachtet? Wer konnte davon wissen? Jan und Stefan würden ihr das niemals antun. Sie steckten mit drin. Nein. Jemand anders musste etwas herausgefunden haben.
Sie drückte auf den grünen Hörer. Ein Freizeichen. „Du hast es also gefunden.“ meldete sich eine weibliche Stimme am anderen Ende. Sophies Herz schlug wieder schneller. „Wer sind sie?“ Ihre eigene Stimme war nicht mehr als ein Krächzen.
Ein helles Lachen ertönte. „Das findest du schon noch raus! Viel wichtiger ist, dass ich weiß wer DU bist und was du getan hast.“ Man konnte die Traurigkeit in der Stimme hören.
„Keine Ahnung von was sie reden.“ Sophies Magen zog sich zusammen.
„Sie müssen mich verwechseln. Hören Sie ich habe dieses Handy vorhin gefunden.“ Noch ehe Sophie weitere Erklärungen abgeben konnte unterbrach sie die Stimme der Frau: „So wie es gewollt war. Ich hätte nicht gedacht, dass du dich so schnell meldest.“ Das Lachen in der Stimme war verschwunden. „Wie du dir denken kannst gibt es einiges zu besprechen. Du erkennst den Baggersee doch wieder?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, redete sie weiter. „Komm heute Abend Punkt 19 Uhr zum Baggersee, den Ort kennst du ja. Dann wirst du mehr erfahren. Und ich rate dir zu kommen, sonst erscheint morgen ein Artikel in der Zeitung über die Wahrheit.“
„Dütt“, das Gespräch war beendet worden.
Sophie war verwirrt. Ihr war die Stimme bekannt vorgekommen, vertraut. Aber das war unmöglich.
Diese Stimme hatte seit 17 Jahren nichts mehr gesagt. Konnte nichts mehr sagen. Diese Stimme war tot. Marie.
Die Beerdigung damals war schrecklich gewesen. Die ganze Stufe, viele Lehrer und mittendrin Jan, Stefan und sie. Sie hatten Schweigen geschworen. Am liebsten wäre sie damals zu Maries Mutter gelaufen, als diese von Weinkrämpfen am Grab fast zusammen gebrochen wäre und hätte geschrien: „Es ist meine Schuld, ich sollte da liegen, nicht sie.“ Aber dafür fehlte ihr der Mut, die Kraft. Außerdem hatte sie es geschworen. Man konnte sich auf sie verlassen.
Die Beerdigung ging vorüber, der Schmerz ließ nach, die Erinnerung verblasste nach und nach. Als sie das Abitur hinter sich hatte, zog sie fort, um Marie zu vergessen. Bis heute.

Wer war die Frau mit der sie gerade telefoniert hatte? Sophie fand keine Ruhe mehr. Sie stand auf. Fuhr ihren Laptop hoch und suchte auf Google Selbstmord Marie Kirchner. Nichts. Zumindest nichts, was ihr irgendwie weiterhalf.
Sie wollte schon frustriert den Laptop runterfahren, als ihr einfiel die Namen von Jan und Stefan zu googeln. Bingo! Jan war erfolgreicher Anwalt für Arbeitsrecht und Stefan Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens. Seltsam. Ihre Wege hatten sich seit dem Abitur nie wieder gekreuzt. Sophie hatte auch nie den Wunsch verspürt nochmal mit ihnen zu sprechen. Es gehörte wohl zu ihrer Verdrängungsstrategie. Aber auch die beiden hatten nie den Kontakt gesucht. Doch jetzt musste sie herausfinden, ob einer der beiden geredet hatte. Sie notierte sich die Adressen und Telefonnummern.
Ein Blick auf die Uhr bestätigte, dass es Zeit war den Tag zu beginnen. Sie ging unter die Dusche und trank einen Kaffee. Frühstück wollte und konnte sie nicht hinunterbringen. Danach rief sie in der Schule an und meldete sich krank. Begleitet von gute Besserungswünschen legte sie auf.

Sie hatte noch 11 Stunden Zeit sich etwas zu überlegen.

Auf dem Weg zu Stefan kamen ihr Zweifel, ob es richtig war den Kontakt zu suchen. Aber sie brauchte Klarheit. Sophie parkte ihr Auto auf dem Besucherparkplatz, atmete noch einmal tief ein und aus und stieg aus. Sie klingelte an der Tür und eine Stimme aus der Gegensprechanlage fragte zu wem sie wolle.
„Herrn Lütke“
„Haben sie einen Termin?“
„Nein, hören sie, sagen sie ihm bitte Sophie Sommer möchte ihn sprechen, es ist dringend!“
„Einen Moment bitte.“
Nach ein paar endlosen Minuten in denen Sophie am liebsten wieder in ihr Auto gestiegen wäre, ging der Türsummer. Sie drückte dagegen und stieg die Stufen hinauf.
Oben kam ihr Stefan entgegen. Gutaussehend und selbstsicher, kaum älter geworden.
„Sophie, welch eine Überraschung, komm mit in mein Büro“ Er führte Sophie einige Türen weiter in ein großes, helles Büro mit Sitzecke. „Komm her und lass dich drücken.“ Er umarmte sie, spürte aber wohl ihre Verkrampfung und ließ sie los. „Was ist los? Wie komme ich zu der Ehre nach all den Jahren? Du bist ja einfach verschwunden nach dem Abi und hast dich nicht mehr gemeldet.“
„Stefan“, Sophie suchte nach den passenden Worten. „Du weißt genau, warum ich mich nicht mehr gemeldet habe bei dir oder Jan. Im Übrigen, ihr euch ja auch nicht bei mir.“ Schuldbewusst sah Stefan aus dem Fenster. „Ja, du hast Recht. So war es einfacher zu vergessen.“
Einen Moment herrschte Stille.
Stefan riss sich aus seinen Gedanken. „Was führt dich zu mir?“ Statt einer Antwort reichte Sophie ihm das Handy. Er drückte eine Taste und das Bild des Baggersees erschien. Stefan zuckte kurz zusammen. „Was soll das?“ fragte er. „Ich bin seit damals nie wieder dort gewesen. Warum tust du dir das an?“
„Ich habe es mir nicht angetan, es w u r d e mir angetan.“ Sie begann zu erzählen, was ihr seit letzter Nacht passiert war. „Und nun bin ich hier“ schloss sie, „um herauszufinden, ob du irgendjemandem von damals erzählt hast.“
Dass die Stimme, der von Marie so ähnlich war, verschwieg sie. Sie kam sich albern vor. Ihr Unterbewusstsein hatte ihr bestimmt einen Streich gespielt.
Stefan schaute sie an und sagte erst nichts, dann sprach er leise und langsam: „Sophie, ich habe es niemanden erzählt. Niemals. Dafür schäme ich mich viel zu sehr.“
Eine Zeitlang schwiegen sie. Es war alles gesagt. Schließlich stand Sophie auf und fragte: „Hast du noch Kontakt zu Jan?“
Stefan schüttelte den Kopf. „Was wirst du jetzt tun?“
„Keine Ahnung, ich habe Angst. Angst das alles ans Licht kommt.“
Stefan war aufgestanden und stand jetzt ganz nahe vor ihr. Nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und küsste sie. So wie damals. Sophie erwiderte den Kuss. Für einen Augenblick blieb die Welt stehen und sie war wieder 18, kurz vor dem Abi. Damals als alles noch so wunderbar war. Sie lösten sich voneinander. „Ruf mich an.“ sagte er. „Ja.“ antwortete sie, doch sie wusste, dass sie log.

Als sie wieder im Auto saß liefen ihr Tränen über die Wange. Wann war es aus dem Ruder gelaufen? Wenn es diesen Abend nicht gegeben hätte oder er anders verlaufen wäre, würde sie dann heute in einem schicken Vorstadthaus leben, Kinder haben und darauf warten, dass Stefan von der Arbeit kommt?
Sie schüttelte den Gedanken ab. Es war anders gekommen. Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen.
Als sie den Motor starten wollte klingelte ihr Handy.
„Sommer.“
„Hallo Frau Sommer, schön dass ich sie direkt erreiche. Hier spricht Herr Schulte vom Schulamt. Ich bearbeite gerade ihren Versetzungsantrag an eine andere Schule und habe noch ein paar Fragen. Haben sie einen Augenblick Zeit?“
Sophie war wie vor den Kopf geschlagen. Versetzungsantrag? Das musste ein Irrtum sein. Sie liebte ihre Schule, die Kollegen und auch die Schüler, auch wenn sie manchmal sehr nervig waren.
„Hören sie, da muss ein Irrtum vorliegen. Ich habe keinen Versetzungssantrag gestellt.“ brachte Sophie panisch hervor.
„Aber ich habe ihn hier vorliegen“ Herr Schulte las den Antrag mit Adresse, Geburtsdatum und Name der Schule vor und es gab kein Zweifel. Sie hatte den Antrag gestellt, oder jemand für sie.
„Ich… also… ja ich erinnere mich, aber das hat sich erledigt, sie können ihn zerreißen.“ Sophie merkte wie ihre Hände wieder feucht wurden.
Am anderen Ende der Leitung war ein Seufzen zu hören. „ Tut mir leid, so einfach geht das leider nicht. Eine beantragte Versetzung wird genaustens überprüft. Sehen sie, es gibt ja einen Grund für ihre Entscheidung, auch wenn sie jetzt anscheinend nicht mehr aktuell ist. Ich werde in den nächsten Tagen mit dem Schuldirektor telefonieren und mich nochmal bei Ihnen melden. Auf Wiederhören Frau Sommer.“ Hörbar verärgert legte er auf.
Sophie starrte auf ihr Handy. Ihre Hände zitterten. Das Handy, der Anruf und jetzt das….
Wer steckte dahinter?
Sie musste dringend mit Jan sprechen. Immer noch zittrig wählte sie die Nummer von Jan’s Kanzlei. Sie hatte Glück und wurde durchgestellt.
„Lauterbach, was kann ich für sie tun?“ „Hier spricht Sophie, Sophie Sommer.“
Einen Moment war es still und sie glaubte schon, er habe aufgelegt, als Jan antwortete: „Warum rufst du an?“ Okay, sie konnte nicht erwarten, dass er sich über ihren Anruf freute. Er war nicht Stefan und eigentlich hatte sie nur Kontakt zu Jan gehabt, weil er der beste Freund von Stefan gewesen war.
„Können wir uns treffen?“
„Warum?“
„Es ist dringend, sehr dringend. Es geht um… Du weißt schon. Ich habe einen Anruf bekommen, will aber nicht am Telefon darüber sprechen.“
Sie hörte Papier rascheln, dann sagte er: „ Heute 13 Uhr zum Mittag essen? Meine Kanzlei ist am Marktplatz. Genau gegenüber ist ein Italiener. Ist das okay?“
„Prima! 13 Uhr.“ Sie wollte schon auflegen: „Jan?“
„Ja?“
„Danke!“
„Ich hoffe, ich werde es nicht bereuen.“ Dann legte er auf.
Sophie schaute auf die Uhr. Es war kurz nach 10 Uhr. Wenn sie zügig durch käme, würde sie die Strecke in zwei Stunden schaffen.
Sie startete den Motor und fuhr auf die Autobahn.

Sie war zu früh. Zeit um endlich mal in Ruhe nachzudenken, was passieren würde, wenn dass, was damals passiert war, an die Öffentlichkeit käme. Ihren Traum von der Kandidatur für den Stadtrat könnte sie vergessen. Sie waren jung gewesen damals, hatten Gras geraucht, kann man ihnen wirklich eine Schuld geben? Der Kellner riss sie aus den Gedanken und sie bestellte sich ein Wasser.

Kurz darauf kam Jan. Er hatte kaum noch Haare und war etwas fülliger geworden. In seinem Anzug wirkte er trotzdem attraktiv und strahlte diese gewisse Souveränität aus, die Anwälte vor Gericht haben. Er setzte sich zu ihr. Die Begrüßung fiel eher kühl aus.
Als sie bestellt hatten und aufs Essen warteten, sah Jan Sophie erwartungsvoll an. „Und? Was ist so wichtig, dass du nach all den Jahren plötzlich hier auftauchst?“ Seine Missbilligung war deutlich zu spüren und eine Anspannung lag in der Luft. Jan war derjenige gewesen, der alles hatte sagen wollen. Kein Wunder, dass er Rechtsanwalt geworden war, dachte Sophie.
Sie holte das Handy heraus und wiederholte alles, was sie auch schon Stefan gesagt hatte.
„Das Foto beweist doch gar nichts!“ brach es aus ihm hervor. Er schien erleichtert zu sein.
Sophie schaute Jan eindringlich an. „Ich will nur eins wissen: Hast du jemals irgendwem von diesem Abend erzählt?“
Jan starrte auf den Tisch vor Ihnen. „Ich war ein paar mal kurz davor, weil ich es nicht mehr aushalten konnte, damals, kurz nachdem es passiert war. Aber Stefan hat mir damals immer wieder ins Gewissen geredet. Mir sogar gedroht.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe niemanden jemals von damals erzählt. Auch wenn ich nachts schon mal schweißgebadet aufwache und von Marie träume, wie sie….“ Er erzählte nicht weiter. Brauchte er auch nicht. Solche Träume hatte sie am Anfang auch gehabt. Doch sie hatten aufgehört….irgendwann.
Bevor Sophie darauf antworten konnte brachte der Kellner das Essen. Ihr war mittlerweile der Appetit vergangen.
Sie legte 20 Euro auf den Tisch. „Danke Jan, dass du dir Zeit genommen hast. Ich bringe keinen Bissen runter.“
„ Was wirst du jetzt tun?“ fragte er.
„ Keine Ahnung.“ Sophie war bereits aufgestanden. Sie drehte sich zu ihm. „Glaubst du es besteht die Möglichkeit, dass damals gar nicht Marie beerdigt worden ist, sondern jemand anders?“
„Was? Wie kommst du auf den Quatsch? Ihre Eltern haben sie damals identifiziert. Willst du dir damit dein Gewissen beruhigen?“ Jan schüttelte den Kopf.
„Es ist nur“ begann Sophie, „ach vergiss es. Lebewohl.“
„Warte“ Jan hielt sie am Arm fest. „sag es mir.“
Sophie ließ sich wieder auf ihren Platz fallen und stocherte mit der Gabel in ihrem Salat herum. „ Die Stimme am Handy, sie klang so wie Maries….“
Jan sah sie verständnislos an. „Du willst allen ernstes eine Stimme erkannt haben, die du das letzte mal vor 17 Jahren gehört hast? Glaubst du nicht, dass dein Unterbewusstsein diese Stimme hören wollte? Ich bin zwar kein Psychologe, aber dass klingt absurd.“ Jan’s Tonfall war wieder abweisend und sachlich, wie zu Beginn des Gespräches.
„Ja, vermutlich hast du Recht. Mach´s gut.“ Sophie stand auf und ging ohne sich nochmal umzublicken aus dem Restaurant. Der Zweifel blieb.

Auf der Rückfahrt schweiften Sophies Gedanken immer wieder zu jenem Abend und zu dem Telefonat von letzter Nacht. Aber ihre Gedanken drehten sich im Kreis und fanden keine Lösung. Das Hupen eines Lkws brachte sie zurück in die Realität.

Als sie ihre Wohnung betrat merkte Sophie, wie müde sie war. Ein Kaffee würde ihr gut tun. Sie nahm das Handy mit in die Küche und während der Kaffeeautomat summte betrachtete sie noch einmal das Foto vom Baggersee. Sie war seit damals nie wieder dort gewesen. Wozu auch. Im gleichen Moment bekam sie eine WhatsApp. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Als sie die Nachricht öffnete, stieß sie einen kleinen Schrei aus und das Handy fiel auf die Arbeitsplatte. Unmöglich. Das Foto einer Frau in ihrem Alter schaute ihr entgegen. Einer Frau die nicht mehr lebte, die sie beerdigt hatten – eigentlich. Wie war das möglich? Das Handy piepte erneut und eine weitere Nachricht ploppte auf:

‚Damit du mich erkennst‘

Sie legte das Handy hin, griff sich den Kaffee und ging auf ihren Balkon. Normalerweise genoss sie es hier zu sein, zwischen alle den Blumen. Windgeschützt wärmte der Balkon sich auch schon im Frühling herrlich auf, nachmittags, wenn die Sonne nochmal alles gab.
Doch heute nahm Sophie nichts davon war. Sie ließ sich in ihren Strandkorb sinken und kämpfte mit den Tränen. Marie lebte. Aller Kummer, alle Sorgen, die Tränen, die Ängste, schlaflosen Nächte alles umsonst?
Ihr Körper bebte und alles was sie über Jahre nicht zugelassen hatte fand seinen Weg nach draußen.
Der Kaffee war mittlerweile kalt geworden, als sie keine Tränen mehr hatte, als nur noch Verzweiflung und Ratlosigkeit blieb.
Wo war Marie all die Jahre gewesen und warum tauchte sie jetzt plötzlich wieder auf?
Sophie schaute auf die Uhr. Noch 1 ½ Stunden dann wüsste sie mehr.
Sie schüttete den Kaffee ins Spülbecken und ging unter die Dusche.

Später konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie zum Baggersee gekommen war. Niemand war mehr unterwegs. Dafür waren die Abende doch noch zu kühl. Man traf sich lieber daheim oder in einer Kneipe.
Als sie an dem Platz angekommen war, wo sich damals alles abgespielt hatte, schaute sie aufs Wasser und atmete tief durch. So ein friedlicher Ort. Kannte man seine Geschichte nicht.

Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung war. Als sie zur Seite blickte kam eine Frau auf sie zu. Die Frau von dem Foto.
„Marie?“
Wieder erklang das helle Lachen. „Nein Sophie, ich bin nicht Marie. Tut mir leid dich enttäuschen zu müssen.Was geschehen ist, ist geschehen. Die Schuld wird dir keiner nehmen.“
Die Frau trat näher und setzte sich auf einen Baumstamm der dort lag. „Setzt dich doch“ forderte sie Sophie auf. Diese kam zögerlich näher. „Trau dich, ich werde dir nichts antun.“ Sie lachte wieder und diese Unbefangenheit verunsicherte Sophie noch mehr. Sie setzte sich aber trotzdem.

„Wer bist du? Du siehst Marie so ähnlich.“ Sophie konnte den Blick nicht abwenden.

Die Unbekannte blickte auf den See und sagte: „Bevor ich dir meine Geschichte erzähle, sagst du mir, was damals genau passiert ist.“
„Ich denke du kennst die Wahrheit, sonst könntest du ja nicht mit einem Zeitungsartikel drohen.“ Ihre Stimme klang weniger souverän als es beabsichtigt war.
Wieder dieses Lachen. „Oh, ich weiß was passiert ist, nur nicht das warum! Warum Sophie? Erzähle es mir.“
Ihre Stimme klang eindringlich und unendlich traurig.
„Das kann jeder behaupten. Außerdem wer garantiert mir, dass du den Artikel nicht trotzdem veröffentlichst?“ Panik schwang mit.
„Ich gebe dir mein Wort. Das muss reichen. Um Maries Willen. Außerdem könnte ich den Antrag beim Schulministerium wieder verschwinden lassen, vielleicht.“
Sophie zog heftig die Luft ein. „Also gut.“ Sie sackte etwas zusammen. Dann begann sie zu erzählen. Erst langsam und zögerlich, dann immer schneller und schneller, so als ob die Last von ihr abfiel und sie immer befreiter wurde. „Jetzt kennst du die Wahrheit.“ schloss sie ihren Bericht.

Als sie sich zu der Frau umdrehte hatte diese Tränen in den Augen und schluckte. Dann wischte sie die Tränen mit dem Handrücken beiseite. „Ich habe die Wahrheit wissen wollen.“ Sie sagte es mehr zu sich selbst. „Sie jetzt aber aus deinem Mund zu hören, ist schmerzlicher als ich dachte.“ Sie zog ihre Jacke enger zusammen, nicht nur der Wind ließ sie frösteln.
„Was hat Marie dir getan, dass du sie so bloßstellen musstest und ihr eingeredet hast, sie sei es nicht wert zu leben?“
„Gar nichts.“ Es war nicht mehr als ein Flüstern. „Ich war bekifft, wir waren bekifft. Ich wollte cool sein und Stefan imponieren. Ich hätte doch niemals gedacht, das Marie sich darauf einlässt.“ Ihre Stimme zitterte. Die Verzweiflung war förmlich spürbar. Sophie blickte auf den See. „Es tut mir so unendlich leid.“
Es war plötzlich sehr still. Auch die Vögel hatten aufgehört zu singen.
Sie schauten eine Weile auf den See. Dachten an Marie.

„Sie hat dich geliebt! Wusstest du das nicht?“
Sophie wurde blass, dieser Gedanke war ihr tatsächlich nie gekommen.
„Und woher willst du das alles wissen? Marie hat dich nie erwähnt.“
„Mein Name ist Anna-Lena Neumann. Marie ist meine Zwillingsschwester.“
Sophie sah sie verständnislos an. „Marie hatte keine Schwester.“
„Lass mich erzählen, bitte. Bis ich 17 wurde, wusste ich nur, dass ich adoptiert war. Dann begann ich nach meinen leiblichen Eltern zu forschen und erfuhr, dass ich eine Zwillingsschwester habe. Du kannst dir vorstellen, wie geschockt ich war. Und gleichzeitig war ich so erleichtert. Mir hatte immer etwas gefehlt. Das Gefühl nicht vollständig zu sein, dass ich all die Jahre hatte, war nicht eingebildet. Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, schrieb ich Marie. Dass ich mich freuen würde sie zu sehen und wann wir uns treffen könnten. Keine Antwort. Ich dachte, sie will keinen Kontakt. Dann kam der Anruf ihrer Mutter, Marie hätte sich das Leben genommen. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich hatte eine Schwester gefunden und gleich wieder verloren. Ich besuchte ihre Mutter und ließ mir erzählen, wie Marie gewesen war. Es gab so viele Parallelen. Und ich bedauerte sie nie kennengelernt zu haben. Den Kontakt zu ihrer Mutter habe ich beibehalten. Wir haben uns wohl all die Jahre gegenseitig getröstet. Vor zwei Monaten ist Maries Mutter gestorben. Krebs. Der Kummer hat sie wohl zerfressen. Wusstest du davon? Nein, wie denn? Du hast dich ja nie mehr bei ihr gemeldet. Sie glaubte du hättest den Schmerz nicht ertragen sie wiederzusehen. Ich glaubte das auch, bis ich beim Ausräumen das Tagebuch von Marie gefunden habe. Wirklich gut versteckt. Am Ende standen nur ein paar Sätze: Das ihr am Baggersee gewesen ward und sie danach eine Entscheidung getroffen habe: `Ich will nicht mehr leben. Sophie hat mir die Augen geöffnet. Ich werde mein sinnloses Leben beenden.‘ Am nächsten Tag hat man sie ertrunken im Baggersee gefunden.“
Stille breitete sich aus.

„Ich begann nach dir zu suchen. Glückliche Umstände haben mir dabei geholfen. Du bist Lehrerin an der zukünftigen Schule meines Sohnes. Dein Leben ist weitergegangen, du lebst unbekümmert weiter, während Marie tot ist. Du hast sie vergessen. Also habe ich als erstes den Versetzungsantrag geschrieben. Aber das reichte mir nicht, du solltest dich endlich wieder an Marie erinnern und ich wollte die Wahrheit erfahren, um alles zu begreifen.“

„Und was machst du jetzt mit deinem Wissen?“ wollte Sophie von ihr erfahren.

Anna-Lena stand auf. „Weiterleben.“
Ohne zu sich nochmal umzudrehen ging sie davon.

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