Melli81Ohrenbetäubende Stille

17+

 

Die Stille um sie herum war ohrenbetäubend. Als sie langsam zu sich kam, wusste sie im ersten Moment weder, wo sie war, noch, wie sie hierhin gekommen war. Da war nichts, kein einziges Geräusch. Nichts, was darauf schließen lassen könnte, wo sie sich befand. Nichts als diese seltsame Stille. In diesem Moment bereute sie abgrundtief die vielen Momente in ihrem Leben, in denen sie sich nach Ruhe gesehnt hatte. Denn es war nicht die Art von Stille, die einen ruhig werden ließ. Die einen umarmte wie ein alter Freund und mit der man sich geborgen fühlen konnte. Es war eher diese beunruhigende, angsteinflößende Stille. Die Stille, in der man sich nicht zu atmen wagte, weil etwas Unheilvolles auf einen wartete. Etwas oder jemand, der einen drohte zu zerstören.

 

Sie blinzelte und vernahm weiterhin…nichts. Je mehr sie sich anstrengte, etwas zu hören, desto leiser wurde es. Es war beängstigend.

 

Laura blinzelte und schaute sich um. Sie lag in einem Bett, das ihr offensichtlich nicht gehörte. In diesem Zimmer befand sich nichts außer diesem Bett, einem Tisch und einem Stuhl. Sie richtete sich langsam auf, schwang ihre Beine seitlich über den Bettrand und wunderte sich immer noch über diese Stille. Erst jetzt fiel ihr auf, wie klinisch weiß hier alles war. Weiße Laken, weiße Möbel. Es sah hier aus wie, ja wie in einem Krankenhaus. Was war hier los? Was machte sie hier? Laura sah an sich herunter, erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Arm verbunden war. Jetzt erst registrierte sie auch die Kanüle in ihrem Arm, sie blickte dem Schlauch nach, der von ihrer Hand zum Infusionsbeutel am anderen Ende führte, der wiederum an diesem silbernen Gestell hing, welches neben ihrem Bett stand.

 

 

Als eine Hand sie sanft an der Schulter berührte, durchfuhr Laura ein riesiger Schreck. Wieso hatte sie niemanden bemerkt? Sie zuckte zusammen, fuhr herum und vor ihr stand eine Krankenschwester. Die Schwester machte offensichtlich beruhigende Gesten, doch Laura hörte nichts. Wieso hörte sie nichts? Sie wollte schreien, weinen. Doch selbst sich selbst konnte sie nicht hören. Die Schwester streichelte sie am Arm, sie hatte einen Zettel in der Hand, den reichte sie ihr. Darauf stand: „Sie hatten einen Autounfall. Sie sind mit dem Kopf aufgeschlagen und haben durch den Aufprall einen Hörverlust erlitten. In den meisten Fällen ist der Hörverlust aber nicht dauerhaft, in ein paar Stunden werden sich die Beschwerden bessern und in den meisten Fällen verschwinden die Beeinträchtigungen nach wenigen Tagen wieder.“

 

Die Schwester bedeutete ihr, dass sie sich wieder hinlegen solle. Sie sah Laura an und formte mit ihrer rechten Hand einen Hörer. Laura schüttelte den Kopf, es gab niemanden, den man für sie anrufen konnte. Sie war allein. Die Schwester lächelte sie aufmunternd an, deutete Laura noch, dass sie jederzeit auf den Klingelknopf drücken könne und verließ das Zimmer.

 

 

Laura versuchte, sich zu erinnern, doch ihre Erinnerung war so schwarz wie die Stille, die sie umgab und deren Grund sie jetzt wenigstens kannte. Sie hatte offensichtlich einen Unfall erlitten und war hier eingeliefert worden. Dann mussten doch aber ihre Sachen auch hier irgendwo sein. Laura öffnete die Tür ihres Nachttisches und fand dort auch eine Tüte. Sie fischte die Tüte heraus und kippte den Inhalt auf ihrem Bett aus. Es befanden sich ihre Schlüssel, ihr Geldbeutel und ein Smartphone darin. Oh gut, dachte sie erleichtert, wenigstens kannte sie ihre Sachen noch, bedeutete es doch, dass sie ihr Gedächtnis nicht komplett verloren hatte.Doch wem gehörte das Smartphone? Ihres war es jedenfalls nicht. Sie schaute nochmal nach, ob sich noch etwas in der Tüte befand, aber ihr eigenes Handy war nirgends zu finden. Bestimmt war es beim Unfall vertauscht worden, irgendjemand sonst musste ja noch daran beteiligt gewesen sein. Unschlüssig betrachtete sie das Handy und nahm es schließlich in die linke Hand. In der Rechten hing ja der Schlauch, wie sie schmerzlich feststellte, als sie versuchte, diese zu benutzen. Sie drehte also das fremde Smartphone in ihrer Hand, drückte gedankenverloren auf die Entsperrtaste und hatte Pech. Es musste mit einem Fingerabdruck entschlüsselt werden. Wider besseres Wissen legte Laura ihren rechten Daumen auf den Abdruck und erschrak, als sich das Smartphone dadurch tatsächlich entschlüsseln ließ. Aber wie war so was möglich? Wie konnte es sein, es war doch nicht ihres. Oder war es das doch? Dann musste der Unfall heftiger gewesen sein, als sie dachte. Aber eigentlich wusste sie nicht einmal, was sie eigentlich dachte. Ehrlich gesagt war sie sich noch nicht einmal im Klaren darüber, ob sie überhaupt fähig war zu denken.

 

Als Laura zweifelnd auf das Smartphone hinunterblickte, spürte sie die Kopfschmerzen. Die Medikamente ließen nach und der dumpfe Schmerz kämpfte sich langsam an die Oberfläche. Sie spürte das Pochen in ihrem Schädel, spürte den Druck, der von innen gegen ihren Kopf und auf die Ohren pochte. Sie lauschte, aber da war immer noch nichts. Nur diese unfassbare, angsteinflößende Stille. Laura besann sich wieder auf das Smartphone vor ihr und drückte auf die Kontakte. Vielleicht konnte sie herausfinden, wer der Besitzer war. Es war nur ein einziger Kontakt gespeichert. Laura starrte auf den Bildschirm und blinzelte zweimal. Die einzige Nummer, die darin abgespeichert war, war ihre eigene. Schnell ging sie auf die nächste Liste mit den geführten Telefonaten. Auch hier, sie war es gewesen, die angerufen wurde. Also kannte sie den Besitzer. Irgendwie beruhigte sie der Gedanke, dass jemand da gewesen sein musste, der sie kannte. Denn das würde ja bedeuten, dass dieser jemand früher oder später auf sie zukam und sie so auch ihr eigenes Smartphone wieder zurück bekam. Das erklärte zwar nicht die Sache mit dem Fingerabdruck, aber diesen Gedanken verwarf Laura so schnell wie er ihr in den Sinn kam. Als Nächstes klickte Laura auf die Galerie. Vielleicht hatte sie ja Glück und sie bekam Hinweise auf den Besitzer.

 

Auf dem ersten Bild war sie zu sehen. Sie saß am Steuer, ihr Gesicht war angstverzerrt, der Mund zum Schreien geöffnet. Laura zuckte zusammen, sie glaubte, sich an den Moment zu erinnern. Wie ein ruckartiger Schmerz kam die Erinnerung zurück. Sie durchschoss Lauras Gehirn und ihren Körper mit einer solchen Wucht, dass Laura Mühe hatte,die aufkeimende Übelkeit zurückzuhalten. Sie erinnerte sich, wie sie diese Landstraße entlang fuhr, als plötzlich etwas vor ihr aufgetaucht war. Mitten auf der Straße stand jemand, eine Frau. Sie war fürchterlich erschrocken und riss das Lenkrad nach rechts, um auszuweichen und raste dann genau auf einen Baum zu. Das musste der Moment gewesen sein, als das Foto aufgenommen wurde. Es war also jemand bei ihr gewesen, verdammt, wer war nur bei ihr? Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, doch es gelang ihr nicht. Laura musste unbedingt die Krankenschwester fragen, was aus der Person neben ihr geworden ist. Das würde sie später tun.

 

Das nächste Bild zeigte ein Autowrack. Ein wirklich übel zugerichtetes Auto, der Wagen lag auf dem Dach und war von vorne bis hinten komplett zerbeult. Laura musste genau hinschauen, um überhaupt erkennen zu können, um was für ein Auto es sich handelte und sie erschrak. Es war ihr Auto, ihr eigenes. Auf dem Fahrersitz erkannte sie eine Person. Ihr Puls schnellte in die Höhe und ihr ohnehin schon vorhandener Schwindel wurde stärker. Konnte es sein, dass sie das war? Sie vergrößerte das Bild und tatsächlich, es zeigte sie, wie sie verletzt mit blutverschmiertem Gesicht und offensichtlich ohnmächtig in ihrem Auto lag. Wie war das möglich? Das konnte ja nur bedeuten, dass jemand sie während des Unfalls und kurz danach fotografiert hatte. Das nächste – und das letzte Bild – zeigte wieder sie selbst. Sie selbst, genau hier in diesem Krankenbett. Ihre Hand und ihr Kopf verbunden, die Augen geschlossen.

 

Laura konnte kaum atmen, so groß war der Kloß in ihrem Hals geworden. Sie versuchte, ruhig zu atmen, doch es gelang ihr nicht. Sie zitterte so heftig, dass ihr das Smartphone aus der Hand fiel, es krachte zu Boden. Laura konnte den Laut des Aufpralls sehen, es drang jedoch kein Geräusch zu ihren Ohren vor. Ihr Kopf schnellte wieder in die Höhe, Richtung Tür, jemand musste das Krachen gehört haben.

 

Sie behielt Recht, die Krankenschwester von vorhin betrat das Zimmer und lächelte sie besorgt an. Zum Glück, dachte Laura, sie kann ich fragen. Die Schwester kam einige Schritte auf Laura zu, hielt jedoch inne, als sie das auf dem Boden liegende Smartphone sah. Irrte Laura sich oder was war das für ein Gesichtsausdruck in ihrem Gesicht? Die Schwester hob das Smartphone vom Boden auf und setzte sich zu Laura ans Bett. Sie grinste, öffnete den Mund, sagte etwas. Laura verstand jedoch kein Wort. Sie starrte sie einfach nur an. Irgendwo hatte sie diese Schwester doch schon einmal gesehen, sie wusste nur nicht mehr, wo und wann. Außerdem stiegen die Kopfschmerzen gerade ins Unermessliche. Sie fasste sich an den Kopf und die Schwester reagierte prompt. Sie zog eine Tablette aus ihrem Kittel und gab sie ihr mit einem Glas Wasser. Mit einem großen Schluck spülte Laura die Tablette runter. Die Schwester lächelte wieder, schüttelte das Kopfkissen auf und bedeutete Laura, sich doch hinzulegen. Laura wollte sich nicht hinlegen, hatte sie doch noch Fragen, sie war jedoch zu schwach, um zu protestieren. Also ließ sie sich aufs Bett fallen. Ihre Augen fielen immer wieder zu, während die Schwester durch das Zimmer in Richtung Tür ging.

 

Klick-klack, Klick-klack. Täuschte Laura sich oder durchbrach das Geräusch hochhackiger Schuhe die Stille? Sie versuchte, sich zu konzentrieren, versuchte, gegen das bleierne Gefühl der Müdigkeit anzukämpfen, aber so sehr sie sich auch anstrengte, das Klacken war weg. Sie zuckte zusammen, als sie hörte, wie die Tür geschlossen und ein Schlüssel umgedreht wurde. Schlagartig war sie hellwach. Eindeutig hatte sie gehört, wie die Tür verschlossen wurde. Sie richtete sich auf und blickte zur Tür. So langsam musste doch ihr Gehör zurückkommen und tatsächlich hatte sie mittlerweile doch ein lautes Rauschen im Ohr. Sie schüttelte den Kopf, es war unangenehm, jedoch nicht so unangenehm wie die Stille vorher. Langsam rutschte sie nach vorn über die Bettkante und richtete sich auf. Sie wartete kurz, bis der Schwindel ein wenig nachließ, dann setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den Anderen und ging langsam Richtung Tür. Mit der rechten Hand schob sie das Gestell, an dem der Beutel hing. Endlich hatte sie es geschafft, sie hatte die Tür erreicht und drückte den Türgriff nach unten. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Laura versuchte es noch einmal. Nichts tat sich. Wie konnte das sein? Wieso hatte die Schwester sie eingesperrt? Sie ging zurück zum Bett, durchsuchte ihre Sachen nach ihrem Handy. Nach ihrem, nicht dem ihr fremden Smartphone, welches vorhin herunter gefallen war und welches, wie sie nun feststellte, ebenfalls nicht mehr im Zimmer war. Sie ging ans Fenster, doch auch dieses war verschlossen. Was sollte sie jetzt nur tun? Jetzt erinnerte sich Laura an die Klingel, sie ging zurück zum Bett und drückte mehrmals auf den Klingelknopf.

 

Wenige Momente später flog die Tür auf und die Schwester von vorhin betrat den Raum. Laura versuchte, einen Blick durch die Tür zu werfen, doch die Sicht wurde ihr versperrt von einer weiteren Person, die hinter der Schwester rein kam. Als Laura erkannte, wer da mit der Schwester den Raum betrat, beruhigte sie sich augenblicklich. Es war jemand, den sie gut kannte. Sie lächelte glückselig und machte einige Schritte auf ihn zu, doch er hob abwehrend die Hände.

 

Tu das nicht, Laura.“ drang eine warnende Stimme zu Laura durch. Laura hielt in der Bewegung inne. Das Rauschen in ihren Ohren war noch da, aber sie konnte wieder hören.

 

Oh gut, wie ich sehe, kommt dein Gehör zurück. Wurde auch Zeit, denn so langsam langweilt mich dein Zustand. Du solltest dich wieder hinlegen.“

 

Mit diesen Worten schob die Schwester Laura zurück zum Bett. Laura schaute verwirrt von einem zum Anderen, diese Situation war zu absurd.

 

Was ist hier los?“ fragend schaute sie zu Lukas. Es war ihr unbegreiflich, wie er so dastehen konnte, so abweisend, wo er doch ihre große Liebe war. Doch Lukas schaute nur betreten zu Boden, während die Schwester wieder das Wort ergriff.

 

Unser Leben hast du zerstört, Laura, und dafür wirst du bezahlen. Lukas ist mein Mann und bis du aufgetaucht bist, führten wir ein ganz normales glückliches Leben. Du hast uns das Leben zur Hölle gemacht.“

 

Was redest du da?“ brauchte Laura hervor. Es kostete sie Kraft zu sprechen, aber sie konnte reden. „Lukas ist nicht dein Mann, er ist mein Freund. Er ist nicht verheiratet. Wir lieben uns.“

 

Wir lieben uns nicht“ sprach jetzt Lukas zu ihr. „Du hast dich da in was verrannt. Du verfolgst mich schon seit Jahren, machst mir Geschenke, lauerst mir überall auf. Herrgott, du bist bei meinen Geschäftsterminen aufgekreuzt und hast dich als meine Frau ausgegeben. Wo ich auch hin ging, du warst schon da.“

 

Laura konnte nicht fassen, was sie da hörte. Er log, das tat er immer, wenn diese Frau auftauchte. Diese arrogante, widerwärtige Person. Über Lauras Gesicht legte sich ein dunkler Schatten, wenn sie nur daran dachte. Wie oft hatten sie das schon. Sie stritten, weil diese Frau auftauchte und Lukas sofort leugnete, sie überhaupt zu kennen. Sie drehte sich zur Schwester um und ja klar, jetzt wusste sie auch, woher sie diese Schwester kannte. Sie hatte sich vorhin noch gefragt, warum sie ihr so bekannt vor kam. Das war sie, diese Frau, die ihrem und Lukas´ Glück seit Beginn ihrer Romanze im Weg stand. Wie hieß sie noch gleich? Ach ja, Paula. Paula war es gewesen, die immer alles kaputt machte. Und Paula war es auch gewesen, die Laura immer dazu brachte, dass sie sich vergaß. Immer, wenn diese Frau auftauchte, war es als hätte sie einen Black Out, dann wachte sie immer an irgendwelchen Orten auf, wo sie sich nicht erklären konnte, wie sie hin kam. Manchmal eine Polizeistation, meistens aber eine Klinik und heute, ja heute eben hier. Und da wurde Laura klar, wer mit ihr im Auto war und wer vor ihr auf der Straße stand.

 

Du hast mich hierher gebracht. Wie hast du ihn dazu gebracht, mitzumachen?“ Laura funkelte Paula an, doch die sah sie einfach nur unbeirrt an.

 

Du bist verrückt, Laura. Du verfolgst uns und da niemand in der Lage ist, uns vor dir zu schützen, müssen wir das selbst in die Hand nehmen. Es ist immer nur kurz Ruhe, immer nur solange du in der Psychiatrischen weggesperrt bist. Doch kaum kommst du raus, verweigerst du deine Medikamente und machst weiter. Wir müssen uns schützen. Dass du den Unfall überlebst, war nicht geplant. Also musst du jetzt bei uns bleiben. Das wolltest du doch die ganze Zeit. Oder, Laura?“

 

Sie lügt,“ Laura blickte Lukas flehentlich ins Gesicht. Tränen strömten ihr über die Wangen. „Du weißt, was sie getan hat. Sie hat dafür gesorgt, dass ich mein Baby verliere. Unser Baby, Lukas! Das kannst du ihr nicht durchgehen lassen.“

 

Es gab nie ein Baby, Laura. Es gab nie uns. Du musst aufhören damit.“ Lukas Worte trafen Laura mitten ins Herz. Ihr Herz zerbrach in tausend Teile, bündelten sich zu einem riesigen Ball aus Wut und explodierte förmlich von innen heraus. Es ging alles so schnell, weder Paula noch Lukas konnten darauf reagieren. Laura riss blitzschnell die Nadel aus ihrer Hand und warf den Infusionsständer samt Beutel Richtung Paula. Sie griff nach rechts, packte den einzigen Stuhl im Raum, der neben ihr stand und warf diesen hinter sich, als sie an Lukas vorbei durch die Tür auf den Flur rannte. Sie blickte geistesgegenwärtig nach links, der Flur endete wenige Meter weiter, weswegen sie nach rechts rannte. Hinter ihr hörte sie das Poltern, dann die laute Stimme von Lukas, die aber leiser wurde. Das hieß also, sie folgten ihr nicht. Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, sie wollte nur noch hier weg. Obwohl ihr Kopf immer noch so sehr schmerzte und der Schwindel auch sein Übriges tat, um sie in die Knie zu zwingen, lief sie weiter, stolperte eine Treppe hinunter und fand sich vor einer großen Eingangstür wieder.

 

Hey! Warten Sie!“ hörte sie eine Stimme hinter sich, als sie die Tür aufriss und nach draußen stolperte. Das Tageslicht traf sie mit voller Wucht. Blitze durchzuckten ihr Gehirn, sie fiel in sich zusammen, knallte auf ihre Knie und musste ihren Kopf mit beiden Händen festhalten, so groß war der Schmerz. Sie wimmerte noch, als zwei starke Arme sie umfassten und behutsam zurück ins Haus trugen.

 

Was ist passiert, Schätzchen? Hatten Sie wieder Besuch?“

 

Der Pfleger schaute Laura an, die ihn verständnislos anblickte.

 

Was meinen Sie? Wer sind Sie? Ich muss hier weg, die Schwester…und Lukas, wo ist Lukas? Warum hilft er mir nicht?“

 

Laura schaute sich um, der Pfleger hatte sie in einen anderen Raum nach oben ins 3. Stockwerk gebracht und die Tür hinter ihnen geschlossen. Lächerlich, dachte Laura noch, mich nach oben zu bringen, da ist wohl die Gefahr kleiner, dass ich hier wieder wegkomme.

 

Um Lauras Schultern hatte der Pfleger eine Decke gewickelt. Jetzt reichte er ihr ein Glas Wasser und die Tabletten.

 

Ach Laura, es gibt keine Paula. Sie müssen Ihre Medikamente nehmen.“

 

Doch, der Unfall, mein Kopf. Und diese Schwester…, Sie müssen mir helfen.“

 

Der Pfleger schüttelte bedauernd den Kopf.

 

Ruhen Sie sich aus, Laura, ich werde dem Arzt Bescheid geben, er wird sich um sie kümmern.“

 

Die Tür schloss er hinter sich ab, als er ging. Laura war wieder allein.

 

Klick-klack, Klick-klack…da war wieder das Geräusch von Paulas Absätzen. Laura schreckte hoch und schaute direkt in Paulas Gesicht. Sie wich zurück, Paula stand direkt vor ihr.

 

Wie bist du hier reingekommen?“ Laura war sich sicher, keinen Schlüssel gehört zu haben.

 

Du kannst mir nicht entkommen, Laura. Ich bin überall da, wo du bist. Schau es dir an, schau uns an.“

 

Mit diesen Worten hielt sie Laura einen Spiegel hin. „Wir sind eins.“ Paula lachte. Laura sah in den Spiegel, sie blickte von ihrem Spiegelbild zu Paula und wieder zurück. Paula hatte Recht, sie waren ein und dieselbe Person.

 

In diesem Moment der Erkenntnis wurde die Tür geöffnet und Lukas stand vor ihr. Hatte er vorhin auch schon einen Arztkittel an? Laura konnte sich nicht erinnern. Er setzte sich ihr gegenüber. Irrte Laura sich oder achtete er etwa darauf, genügend Abstand zwischen ihnen Beiden zu halten? In seiner Hand hielt er das Smartphone, das sie vorhin in ihren Sachen gefunden hatte. Lächelnd legte er es auf den Tisch vor sich. „Erinnerst du dich, Laura?“

 

 

Und dann erinnerte sie sich. Er war es gewesen, der mit ihr im Auto war.

 

Sie verstand nichts mehr.

 

Hast du etwa die Bilder von mir gemacht?“ entgeistert schaute sie ihn an.

 

Du hast mir keine Wahl gelassen, Laura. Oder soll ich dich lieber Paula nennen? Du wurdest vor Jahren hier eingeliefert. Ich bin dein Therapeut und dann fingst du an, mich zu verfolgen. Es war nicht möglich, dir das auszureden. Ich wollte dir von Anfang an helfen, doch dann bist du abgehauen, hast deine Medikamente abgesetzt und mein Leben zerstört. Immer wieder bist du aufgetaucht, manchmal als Laura und manchmal als Paula. Es war nicht mitanzusehen, wie sehr du dich selbst bekämpfst. Zwar zerstörst du dich dich selbst, aber das dauert zu lange. Du hast mir alles genommen mit deiner krankhaften Liebe. Meine Freundin verlor unser Baby durch den ganzen Stress, den du verursacht hast. Sie trennte sich von mir, weil sie den Verlust nicht verkraften konnte.“

 

Sein Gesicht wurde finster. Laura spürte den Schmerz, den er durch seinen Verlust erlitten hatte. Sie wollte ihn trösten, ihn in den Arm nehmen, ihm sagen, dass alles gut werden würde, würde er sie nur lassen.

 

Aussichtslos,“ sagte Paula in diesem Moment. „Wir haben alles versucht, er lässt uns nicht an sich heran. Er spielt mit uns.“

 

Geh weg,“ Laura konnte nicht fassen, was sie da gerade begriff. Hatten die Beiden recht? Waren sie und Paula die selbe Person? War das der Grund, warum sie so kämpfte und sich nach Stille sehnte? Hatte sie wirklich diese Leben zerstört? Sie hatte keine Zeit mehr, weiter darüber nachzudenken.

 

Du hättest sterben sollen bei dem Unfall!“

 

Lukas packte sie am Arm und zerrte sie zum Fenster. Er riss es auf und gab ihr einen Schubs. Laura strauchelte, versuchte sich an Lukas festzuhalten, griff mit der anderen Hand zum Fensterrahmen. Sie griff ins Leere. Gemeinsam mit Lukas stürzte sie in die Tiefe.

 

 

Das Klirren der Fensterscheiben vermischt mit Lukas´ Geschrei und Paulas Lachen war das Letzte, was sie hörte, als sie die Augen schloss und sie endlich die Stille umgab, die sie sich so sehnlichst gewünscht hatte.

17+

20 thoughts on “Ohrenbetäubende Stille

    1. Hat mich vom ersten Satz an gefesselt. Vielen Dank für diese spannende Geschichte. Es kam immer noch ein Hinweis mehr, der die Geschichte in eine andere Richtung geführt hat. Das hat mir wirklich gut gefallen. Man hätte vielleicht Lauras innere Welt, die Angst, ihre Gefühlslage noch ein wenig intensiver darstellen können – und das Handy kam etwas zu kurz. Die Geschichte würde aber auch wunderbar ohne funktionieren.
      Mit ein paar Zeilen mehr, hätte man noch etwas mehr Fahrt aufnehmen können, damit man nicht so schnell dahinter kommt.
      Ich finde auch total faszinierend, wie du die Stille beschreibst. Schade, dass du es nicht ins Print Buch geschafft hast, aber Daumen hoch für das Ebook.
      Ich würde deine Geschichte wahnsinnig gerne als Buch lesen, wenn ich den Plot noch nicht kennen würde:-) Könnte man super Kapitel aus verschiedenen Sichtweisen verfassen.
      Und den Titel mag ich auch!

      Liebe Grüße, Jenny / madame_papilio

      1+
      1. Liebe Jenny, auch hier nochmal vielen lieben Dank für das tolle Feedback! Du hast recht, das Handy kam hier eventuell etwas zu kurz und die Gefühlslage könnte ich tatsächlich auch noch mehr ausbauen, danke für den Input! Liebe Grüße, Melli

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      2. Liebe Melli, danke für deine fesselnde Geschichte. Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut und lässt einen richtig Teil der Geschichte werden. Mach weiter so und schreib bitte noch viel mehr von solchen Geschichten. Du hättest es auf jeden Fall so verdient, in das E-Book zu kommen

        0
  1. Ich überlege gerade, welche Deiner Geschichten mir besser gefällt. Dein Stil gefällt mir nach wie vor sehr – diese ist innerlich komplexer, die andere äußerlich. Originell und überraschend sind beide – wobei ich mich, wenn ich müsste, für den Schmetterling entscheide. Einfach – inneres Gefühl.

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  2. Moin Melli,

    deine Geschichte ist klasse! Wie du diese Schizophrenie beschreibst und zur Story formst ist stark. Was mir aber besonders gut gefällt ist das Dein Ende den Anfang noch mal aufgreift. Das macht es rund. Wirklich gut gelöst. Aber eine Frage hab ich dann doch.

    Als du das erste mal von den Abätzen und dem Klick-Klack schreibst erwähnst du danach sie hört danach das verschließen der Tür. Zu diesem Zeitpunkt hat sie aber doch ihr Gehör noch nicht wieder erlangt, schließlich schreibst du ja danach das sie nur ein Rauschen im Ohr hat…
    Oder hab ich das falsch verstanden?

    LG Frank aka leonjoestick ( Der Ponyjäger)

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  3. Hey Frank, danke für deine Bewertung meiner Geschichte. Ich hab mich sehr gefreut darüber. Also zu deiner Frage, da dachte ich eigentlich, dass es verständlich sei, dass da ihr Gehör langsam zurück kam, da sie nicht wusste, ob sie das Klacken tatsächlich gehört hatte und das mit der Zür eigentlich klar sein sollte. Das Rauschen in den Ohren sollte begleitend erscheinen, da man nach einem Hörverlust nicht sofort wieder klar hören kann, als sei nichts geschehen. LG, Melli

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  4. Super Story. Spannend bis zum Schluss. Ich weiß garnicht welche ich besser finden soll. Deine andere Geschichte gefällt mir auch sehr gut. Sie sind beide spannend aufgebaut und du kannst die Spannung auch halt bis das absolut überraschende Ende kommt. Echt genial!

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  5. Moin, Melli! Tolle Geschichte! Gibts nix dran zu meckern oder zu kritteln. Schizophrenie hatte ich in meiner Geschichten-Galerie glaub ich noch nicht… finde ich gut, bin auf die Schmetterling-Geschichte nun auch gespannt, aber die muss noch warten.

    Ich würde mich tierisch freuen, wenn Du meine Geschichte „Die Nacht, in der das Fürchten wohnt“ lesen würdest. Danke!

    Lieber Gruß!
    Scripturine

    1+
  6. Liebe Melli, auch deine zweite Geschichte hat mich gepackt!
    Aus Lauras Sicht zu schreiben, war eine gute Entscheidung. Dies hat es sehr spannend gemacht, da der Leser mit ihr zusammen die „Reise der Entdeckung“ ihrer Schizophrenie macht.
    Ein sehr komplexes Thema, aber du hast es geschafft es wirklich gut zu verpacken und daraus eine tolle Kurzgeschichte zu machen.

    Like ist auch hier gegeben 🙂

    LG, Ani

    http://www.wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-schwur

    1+
  7. Liebe Melli,

    da hast du aber zwei völlig unterschiedliche Geschichten geschrieben – Hut ab 😀

    Mir persönlich gefällt „Der fliederfarbene Schmetterling“ besser, dennoch ist auch diese sehr spannend und mit ihren Wendungen unvorhersehbar.

    Der Titel allein macht schon neugierig und erfüllt alle Erwartungen. Die Stille, die du beschreibst, fand ich sehr beklemmend und ich bin mir sicher, sie nicht erleben zu wollen.

    Vielen Dank für deine beiden fesselnden Geschichten.

    Liebe Grüße
    Sarah

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  8. Liebe Melli!
    Wow, Hut ab, das ist eine Gäsenhaut-Geschichte. Schizophrenie einzuarbeiten, eine tolle Idee. Ich habe die Geschichte förmlich verschlungen, auch dein Schreibstil ist klasse. Ob man allerdings so einfach zu zweit aus dem Fenster stürzt, dass sie ihn mitreißen kann, das erscheint mir unrealistisch. Da hätte ich eine Brücke mit wackligen Geländer oder so genommen. Aber das ist ja eine Kleinigkeit.
    Gerne lasse ich dir mein Like da, vielleicht hast du auch Lust, meine Geschichte zu lesen und mir Feedback zu geben.
    Liebe Grüße Lotte
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-alte-mann-und-die-pflegerin

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