SophieJanetzkoRückschlag

Tropfen für Tropfen wurde die Lache am Boden immer größer. Es hörte einfach nicht mehr auf und floss zu einem kleinen See zusammen.

Um sie herum wurde alles still. Sie bekam nichts mehr mit, noch nicht einmal die Schiffe, die am Hafen anlegten. Hinter einem Container versteckt stand sie einfach da und beobachtete die Situation. Die Dunkelheit und der Regen vermiesten ihr die Sicht, also schaute sie sich nach einem weiteren Versteck um, aber außer den Containern, hinter denen sie stand, war nichts zu finden. Doch ihre Neugier war zu groß und sie schlich sich an. Im Dunkeln sollte sie nicht gut zu sehen sein, auch der Regen tat seinen Teil.

Als sie nah genug war, um zu sehen, was hier vor sich ging, passierte ihr ein Missgeschick, das sie auffliegen ließ. Sie trat auf einen laut knackenden Ast.

Die Gestalt, gebeugt über einer leblos scheinenden Person, drehte den Kopf zu ihr und starrte zu ihr. Sie sahen sich minutenlang an, ohne eine Regung zu zeigen. Dann, wie aus dem Nichts, stand die Gestalt auf und lief auf sie zu. Sie lief rückwärts, versuchte, irgendetwas zu finden, dass ihr helfen konnte. Aber die Gestalt wurde immer schneller. Sie drehte sich und rannte um ihr Leben, spürte ihr Herz, das immer schneller schlug. Sie begann zu schwitzen und fühlte jede Pore ihres Körpers. Ihre Ungeschicktheit machte ihr allerdings einen Strich durch die Rechnung und sie stolperte über ihre eigenen Beine – und gab der Gestalt die Chance, sie einzuholen.

Nun stand dieses riesige Wesen vor ihr. Laut schnaufend, voller Blut am ganzen Körper und einer Wut im Gesicht, die Bände sprach. Sie lehnte sich zu ihr herunter, fuhr mit dem blutverschmierten Messer über ihren Körper, musterte sie grinsend.

Das war es also nun – das Ende ihrer Tage. So hatte sie sich ihr Ableben nicht vorgestellt. Ihr schossen Gedanken durch den Kopf, Bilder, an die sie sich gerne erinnerte. Familie, Freunde, Erlebnisse. All das würde ab jetzt nur noch Erinnerung sein.

Die nächsten Worte holten sie aus ihren Gedanken und versetzten ihr einen Stoß ins Herz: »Ich weiß es. Ich weiß alles!«

Schweißgebadet riss sie die Augen auf. Ihr Herz pulsierte so schnell, dass es sich schon fast überschlug. Sie war nicht mehr am Hafen, sondern lag in ihrem Bett. Lisa warf die Decke zur Seite und schaute an sich herunter. Zu allem Übel hatte sie nicht ihren Pyjama an, sondern noch ihre Klamotten vom Vortag. Aber nirgends war einen Tropfen Blut zu finden, der darauf hinweisen würde, dass sie tatsächlich letzte Nacht am Hafen war und diese Gestalt gesehen hat.

Sie sprang auf und lief ins Badezimmer, musterte sich im Spiegel und konnte nichts, außer ihren tiefen blauen Augenringen, feststellen. Mit den Händen am Waschbecken abgestützt, neigte sie ihren Kopf und atmete tief durch. Ihre langen braunen Haare hingen wie Spaghetti herunter und legten sich im Waschbecken ab.

»Das ist nicht passiert. Du hast gestern nur vergessen, dich umzuziehen und hattest heute Nacht einen Albtraum.«

Früher hatte Lisa volles und gesundes Haar, gerade Zähne, einen durchtrainierten Körper und rosige Haut. Bis zu dem Tag, den sie lieber aus ihrem Leben gestrichen hätte. Ein kleiner Fehler, der alles zerstörte und sie keine Nacht mehr ohne Albträume schlafen ließ. Der Tag, an dem sie nicht mehr die war, für die sie sich einst hielt.

2008 schloss Lisa mit 19 ihre Ausbildung als Grafikdesignerin mit Bestleistung ab. Sie arbeitete so viel, dass sie 2013 als beste Grafikdesignerin in Deutschland gekürt wurde. Ihre Arbeit gab ihr so viel Freude, manchmal saß sie Tag und Nacht am Schreibtisch. Sie hatte alles, wovon es sich nur zu Träumen lohnt. Tolle Freunde, mit denen sie jedes Wochenende etwas unternahm, und eine Familie, die ihr immer den Rücken stärken würde.

Mit verschiedenen Preisgeldern, die sie für ihre Werke erhielt, konnte Lisa sich 2015 endlich den Traum von einem Eigenheim verwirklichen und zog in ihre Wahlheimat Hamburg. Ein fünf Hektar großes Grundstück im Grünen in Billwerder, ein Stadtteil im Bezirk Bergdorf. Weit und breit keine Nachbarn, das wahre Paradies.

Schon als sie im März 2013 das erste Mal in der Hafenstadt war, wollte sie hier leben, obwohl sie Großstädte nicht leiden konnte. Zu viel Trubel, der einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Aber Hamburg – Hamburg war anders. Diese Stadt und die Mentalität der Menschen hatten es ihr angetan. Außerdem hatte Lisa durch ihre offene und lustige Art schon nach ihrem ersten Besuch Freunde in Hamburg gefunden, die sie jedes Jahr mehrmals besuchte.

Lisa war ein gutherziger Mensch. Sie engagierte sich für das Tierheim, half ehrenamtlich bei der Tafel aus und versuchte sogar noch, für verschiedene Organisationen Spendengelder zu sammeln. Da Eva, ihre Mutter, vor 3 Jahren einen schweren Autounfall hatte und seitdem im Rollstuhl sitzt, kümmert Lisa sich um sie und versucht dazu noch, ihre Oma zu pflegen, um ihre Mutter zu entlasten. Sie war schon immer ein sehr hilfsbereiter Mensch. Dazu hatte Eva sie erzogen. Vielleicht lag es auch daran, dass Lisa die volle Liebe und Sorgfalt ihrer Mutter als Einzelkind bekam. Rainer, ihr Vater, starb leider kurz nach ihrer Geburt an Darmkrebs. Eva verkraftete den Tod nur sehr schwer, sah in Lisa aber eine Art „Wiedergeburt“. Sie sagte immer »Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere« und versuchte so, allem etwas Positives abzugewinnen. Lisa war das Ebenbild ihrer Mutter. Schulterlange, leicht gelockte, braune Haare, grüne Augen und eine kleine Stupsnase.

Und dann war da noch Markus.

Sie lernten sich 2013, bei ihrem ersten Besuch in Hamburg, im Café Happenpappen kennen und spürten sofort eine vertraute Verbindung. Es fühlte sich an, als würden sie sich schon ewig kennen. Sie trafen sich mehrere Male und wagten im Juni 2014, nach ihrem fünften Besuch in der Hafenstadt, den Schritt in eine gemeinsame Zukunft. Zunächst noch als Fernbeziehung und 2015 dann zusammen in Lisas Eigenheim.

Markus war ein Muster-Freund. Er war zuvorkommend, unterstütze die Wohltätigkeitsarbeit von Lisa und gab ihr die nötigen Freiheiten.

Außerdem sah er unglaublich gut aus, war groß, sportlich gebaut, hatte kurze braune Haare und eisblaue Augen. Alles schien perfekt.

Lisa dachte, sie hätte DEN Mann gefunden, von dem jede Frau sich nur zu träumen wagt. Der perfekte Schwiegersohn, wie Eva den Polizisten liebevoll immer nannte.

Wenn doch nur alles so schön geblieben wäre.

Mitte 2016 fing Markus an, sich immer komischer zu benehmen. Er redete auf einmal nicht mehr viel und wollte noch nicht mal mehr raus gehen.

»Was ist denn los mit dir, Schatz? Ich mache mir langsam Sorgen um dich…«

»NICHTS! Es ist alles gut. Lass mich hier bitte ein bisschen in Ruhe.«

Sie kam einfach nicht mehr an ihn heran, egal, was sie auch versuchte, sogar eine Paartherapie schlug sie vor.

»Wer weiß? Vielleicht hilft es uns ja und wir können wieder miteinander kommunizieren.«

Seine Antwort darauf hätte nicht deutlicher sein können. Der Abdruck seiner Hand hat einen ganzen Tag ihre Wange gezeichnet. Das erste Mal, dass er gewalttätig wurde.

»Wieso hast du das getan?«, Tränen schossen in ihre Augen. Sie verstand die Welt nicht mehr. Erschrocken sah er sie an.

»Oh Gott, mein Schatz. Es tut mir leid! Das wollte ich nicht! Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte«, entschuldigte er sich tausend Mal und versuchte alles, um diese Situation aus dem Weg zu räumen. Lisa war zu lieb und verzieh Markus, er war doch ihr Schatz.

Zwei Monate später fing sie allerdings der Alltag wieder ein und sie stritten um die albernsten Kleinigkeiten, als Markus wieder die Hand ausrutschte. Doch dieses Mal ließ Lisa dies nicht auf sich sitzen und wehrte sich. Sie pfefferte mit voller Wucht ihre Faust in sein Gesicht und schrie wutentbrannt »DU HAST SO NICHT MIT MIR UMZUGEHEN!!!«

Er bewegte sich nicht von der Stelle, ließ nur den Nacken knacken und wurde immer zorniger. Mit aller Kraft schlug er sie zu Boden, griff sie an den Haaren und zog sie bewusstlos hinter sich her. Er lief die Treppe zum Keller so schnell hinab, dass sich Lisa, als sie zu sich kam, nicht richtig auf den Beinen halten konnte und immer wieder stolperte, bis sie nur noch kraftlos auf dem Boden schliff. Markus ging den Kellergang entlang und öffnete am Boden eine Art Luke, die sich unter einem blauen runden Teppich befand. Sie gelangten weiter hinab in einen Raum, den Lisa noch nie zuvor gesehen hatte – in ihrem eigenen Haus.

Er warf sie in einen Stahlkäfig, fesselte ihre Hände und Füße zusammen und schloss die Tür. Lisa wimmerte vor Angst und Schmerzen. Das Blut der gebrochenen Nase lief in ihren Mund und verursachte einen widerlichen Würgereiz. Sie hasste Blut. Es gab nichts Ekelerregenderes!

Sie tastete ihr Gesicht ab, auch ihr linkes Auge wurde immer dicker und verschlechterte ihre Sicht. Nie im Traum hätte sie damit gerechnet. Nie hätte sie Markus solche Bosheit zugetraut. Markus, dem Traum aller Freunde – wohl eher Albtraum.

Eine kleine Glühlampe, die am Kabel von der Decke baumelte, erleuchtete den Raum nur minimal, aber so viel, dass beide sich ansehen konnten. Er hatte sich einen Stuhl genommen und setzte sich vor den Käfig.

»Wieso tust du mir das an? Wieso?«, Lisa war fassungslos über die charakterliche Wende ihres Freundes.

»Weil du mir langsam auf die Nerven gehst! Schatz hier, Schatz da. Ich kann es nicht mehr hören! Du denkst auch, du hast das beste Leben, was man sich wünschen kann oder? Oh, mein Name ist Lisa Brecht, ich bin die tollste und schönste auf der ganzen Welt. Ich kotz‘ gleich!«

»Aber…aber wir lieben…«

»Quatsch mich nicht voll von Liebe«, unterbrach er sie, »Ich habe dich nie geliebt!«

Wie konnte sie sich in einem Menschen so täuschen?

»Schlaf jetzt.«

Er stand auf, ging die Treppen wieder in das Haus hinauf und löschte das Licht, als sie im nachschrie: »Hey, warte! Wie soll ich denn hier etwas sehen??«

»Gar nicht.«

»Und wie soll ich auf die Toilette gehen?«

»Vor dir steht ein Eimer«, lachend schloss die Tür hinter sich ab.

Sie hatte kein Gefühl mehr für Zeit. Dachte, sie wäre schon Stunden in diesem Käfig, als ihr Darm kurz davor war, zu platzen, aber sie konnte sich nicht dazu bringen, ihr Geschäft auf dem Eimer zu verrichten. Auf den Boden kauernd vor Bauchschmerzen gab sie jedoch nach wenigen Minuten nach und setzte sich auf ihre „Toilette“. Es war widerlich! Er hatte ihr noch nicht einmal ein verschissenes Stück Klopapier dagelassen. Ohne zu wissen, ob ihr die Scheiße noch am Hintern hing, zog sie die Hose hoch und legte sich auf den kalten Betonboden – eine Matratze hielt er auch für zu viel.

Die ganze Nacht blieb sie wach, wusste nicht, wieso sie nicht gesehen hat, dass er das Böse in sich trägt. Fragte sich, ob sie vielleicht einen Fehler gemacht hat, der ihn so wütend machte.

Am nächsten Morgen öffnete er ihr die Stahltür und schmiss ihr einen Napf mit Hundefutter vor die Füße.

»Was soll ich damit?«

»Na, wie sieht es denn aus, du dummes Stück Scheiße? Dein Frühstück. Sei froh, dass ich dir überhaupt etwas gebe und dich nicht elendig verrecken lasse.«

»Markus, wieso bist du so? Was habe ich dir denn getan?«

»Du bist einfach ein elendes Miststück, Lisa! Du denkst auch, dass du der heilige Samariter bist. Von deiner Visage wird mir schlecht! Ich weiß von deiner Affäre, Miss Perfect.«

»Scheiße«, es gab keinen Grund mehr, es in ihrer jetzigen Situation abzustreiten.

»Genau. Scheiße – für dich. Mir ist das doch völlig egal. Aber dafür bezahlen wirst du, das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.«

»Was meinst du mit bezahlen?«, ihr Gesicht färbte sich kreidebleich.

»Das wirst du schon noch sehen.«

Markus ließ sie für zwei Wochen in dem Käfig. Lisa durfte noch nicht einmal heraus, um sich zu waschen. Sie stank bestialisch nach Urin, Kot und Schweiß.

Eines Abends löschte er das Licht und ging nach oben, als sich erneut die Kellertür öffnete und Markus wieder herunter kam.

»Ach Lisa, ich habe eine Überraschung für dich.« Das Licht wieder eingeschaltet stand er vor ihr, in seiner Hand eine Leine. Lisa folgte dem Seil und sah in die Augen einer verängstigten Frau.

»Was soll das?«, sie riss die Augen auf.

»Na, ich dachte, dass du sicher ein bisschen Gesellschaft gebrauchen könntest«, doch sein Grinsen verriet nichts Gutes.

»Ich habe mir etwas überlegt. Da es langsam langweilig mit dir hier unten wird, wollte ich mal ein bisschen Würze in diese Sache bringen.«

Er griff in die hintere Tasche seiner Hose und zog etwas heraus, sodass es ihr kalt den Rücken herunter lief. Lisas ganzer Körper war ein einziges Zittern.

»Markus, bitte. Was soll das?«

»Markus, bitte. Was soll das?«, äffte er sie nach.

»Na was glaubst du denn, du dummes Stück?«

Er näherte sich Lisas Käfig, zeigte durch eine Geste mit seinem Finger, dass sie näher kommen sollte. Sie gehorchte und er flüsterte ihr die Botschaft ins Ohr. Lisa riss die Augen auf und kroch zurück in eine sichere Ecke, noch schlimmer zitternd als vorher. Markus lachte laut, aber dieses Mal mit einem finsteren Unterton.

Er zwang sie zu der schlimmsten Tat ihres Lebens.

Heute

»Lisa, kannst du mir mal kurz helfen, bitte?«, fragte Leni ihre Ausbilderin.

»Ja klar, was gibt’s?«

Lisa verkaufte das Haus in Hamburg und zog im Januar 2017 in eine Wohnung nach Berlin. Hier hatte sie ihre eigene Media Agentur gegründet und sogar schon ihre erste Auszubildende. Sie konnte ihr Leben wieder lieben lernen.

Anfang 2018 lernte sie sogar einen neuen Mann kennen. Dunkelblondes, bis zu den Ohren gelocktes Haar, grüne Augen und eine von Sport geformte Statur – Simon, ein 35-jähriger Anwalt. Bei ihm hatte sie ein besseres Gefühl. Dennoch fiel es ihr, dank Markus, sehr schwer, Vertrauen zu fassen. Allerdings gab Simon Lisa keinen Grund, ihm nicht zu vertrauen. Er spielte mit offenen Karten und bemühte sich, ein guter Partner zu sein. Sie war wieder glücklich. Mit der Arbeit. Mit ihrem Leben. Mit allem.

Anfang 2020 bekam sie den Auftrag ihres Lebens von einem renommierten Kunden. Wenn sie ihn überzeugen würde, hätte sie ausgesorgt. Dann könnte sie sich zurücklehnen und müsste nicht mehr Tag und Nacht arbeiten. Klar, sie liebte ihre Arbeit, aber auch die zog an ihren Kräften.

Es gab nur einen Haken – für diesen Auftrag musste Lisa für eine Woche nach Hamburg. Seit dem schlimmsten Tag ihres Lebens war sie nicht mehr da gewesen. Hatte versucht, ihre Erinnerungen zu unterdrücken und ihre Hafenstadt zu vergessen. Keiner ihrer Freunde wusste Bescheid. Sie alle gingen davon aus, dass die Liebe zerbrach und Lisa aus Liebeskummer weggezogen wäre. Für nichts in der Welt wäre sie freiwillig aus ihrer Wahlheimat gezogen, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Wenn sie wieder ein Leben haben und glücklich sein wollte, musste sie Hamburg hinter sich lassen. Für immer.

»Oh, Herr Marticzek, das ist ein verlockendes Angebot, aber ich muss leider passen. Aufgrund privater Vorgeschichten kann ich nicht mehr nach Hamburg reisen. Ich hoffe, Sie verstehen das.«

»Frau Brecht, das kann ich zwar aus menschlicher Sicht verstehen, allerdings möchte ich Ihnen die Möglichkeit geben, es sich noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Sie wissen, dass ich eine große Auswahl an Bewerbern habe, aber ich möchte, dass Sie in meinem Team sind. Ich erwarte morgen Mittag Ihren Anruf«, und legte auf.

Sie grübelte die ganze Nacht. Simon, der schnarchend neben ihr lag, wusste nichts von ihrer Vergangenheit. Sie wollte nicht, dass er es weiß, es hätte nur ein falsches Bild von ihr vermittelt.

Am Frühstückstisch saßen sie am nächsten Morgen zusammen, doch Lisa war mit ihren Gedanken wo anders.

»Schatz, ist alles okay?«

»Hm…was?«

»Ob alles okay ist, habe ich gefragt. Du hältst schon seit zwei Minuten das offene Marmeladenglas in der Hand.«

»Oh…eh…ja…alles okay.«

»Du weißt, dass ich dir ansehe, wenn etwas nicht stimmt, ne?«

»Ja. Also es ist so. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich habe ein Jobangebot bekommen. Also kein richtiger Job, sondern nur eine kurze Arbeit für so einen bekannten Designer. Marticzek heißt der.«

»Das ist doch super! Und wann geht’s los?«

»Am 3. Februar.«

»Und wo ist jetzt das Problem?«, fragte Simon strahlend. Er war einfach so gutherzig, das hatte er nicht verdient.

»Das Problem ist, dass dieser Job in Hamburg ist. Ich müsste dann für eine Woche dort hin.«

»Ja los, klar machst du das!«

»Nein, das kann ich nicht. Ich kann doch hier nicht alles stehen und liegen lassen. Nein, nein. Das geht nicht.«

Wenn er nur die ganze Wahrheit wüsste, würde er es verstehen. Aber das ging nicht.

»Lisa, schau doch mal. Das ist doch dieser Typ, von dem du immer erzählt hast. Du wirst jetzt nicht den Fehler begehen und dir diese Chance entgehen lassen. Los, ruf ihn an, ich befehle es dir!« und streckte humorvoll seinen Finger in die Luft.

Wenn Simon sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, kam Lisa nicht mehr dagegen an, also rief sie Herrn Marticzek an und sagte zu.

»Ich freue mich, Frau Brecht! Dann sehen wir uns in zwei Wochen. Ihr Hotel wird gleich von meiner Sekretärin gebucht und Sie bekommen dann die nötigen Unterlagen per Mail zugeschickt. Ich erwarte Sie dann Montag gegen acht in meinem Büro.«

Um nicht zu müde zu sein und sich noch ein bisschen vorzubereiten, fuhr Lisa schon zwei Tage vorher mit der Bahn nach Hamburg. Die schnelle Verbindung brachte sie in weniger als zwei Stunden an ihr Ziel. Sie verfrachtete ihr Gepäck in das Hotelzimmer und sah aus dem Fenster. Das Bild ihrer einst so geliebten Stadt holte Erinnerungen hoch und riss alte Wunden wieder auf, die ihre Augen mit Tränen füllten. So saß sie einen Moment da. Aber sie wusste, dass sie sich irgendwann, spätestens aber Montag, „normal“ verhalten musste. Also riskierte sie den Versuch und wagte sich für einen Spaziergang nach draußen. An den Landungsbrücken entlanggehend, eroberte sie die gerostete Liebe ihrer Perle zurück. Lisa atmete tief durch und spürte die enge Verbundenheit, die Hamburg ihr schenkte. Vielleicht hätte sie nicht gehen dürfen. Aber dann wäre alles nur viel schlimmer geworden.

Kurz vor der Brücke 2 blieb sie stehen und genoss die Aussicht, als auf dem Boden etwas zu klingeln begann. Lisa schaute nach unten und beugte sich zu einem Telefon. Auf dem Sperrbildschirm las sie die Nachricht »Ich bin wieder hier«, dachte sich aber nichts dabei. Sie lief zum nächsten Kiosk und wollte das Handy abgeben, als die Verkäuferin zu ihr sagte: »Nene, das Telefon ist für Sie.«

»Das kann nicht sein, ich habe mein Telefon bei mir« und zeigte mit dem Finger auf ihr Smartphone.

Mit einem finsteren Blick schaute sie die Verkäuferin an.

»Gnädige Frau, glauben Sie mir. Es ist für Sie. Jemand hat es für sie abgegeben.«

»Okay«, sagte sie verwirrt und nahm das Handy an sich, obwohl sie noch nicht einmal wusste, wieso. Wer sollte denn ein Handy für sie hier abgegeben haben? Lisa steckte es in ihre Jackentasche, als es noch einmal zu klingeln begann. Sie zog es heraus und schaute auf das Display.

»Sei nicht so schüchtern, meine Liebe.«

Sie schaute sich um, konnte aber niemanden erkennen, der ihr komisch vorkam, als der Bildschirm im nächsten Moment wieder aufleuchtete.

»Sieh dir das mal an.«

Sie drückte auf den Homebutton, kam ohne Passwort allerdings nicht weit.

Und jetzt?

Sie probierte es mit 1234, 0000, 9876 – kein Treffer. Einen Versuch hatte Lisa noch.

Ach, was soll’s.

0109, ihr Geburtstag. Das Menü öffnete sich tatsächlich und Lisa gelang in einen Chatverlauf, der ihr allerdings keinen Nutzer oder eine Nummer anzeigte. Auch konnte sie keine Nachrichten senden, nur empfangen.

»Sieh dir das mal an«, stand als letztes, anschließend öffnete sich ein Foto, das ihr einen Hinweis geben sollte. Ihr altes Haus.

Woher sollte die Person das wissen?

»Warte, es kommt noch besser«, die nächste Nachricht. Dieses Mal öffnete sich ein Video. Sie konnte niemanden erkennen, allerdings lief die Person in Richtung…»NEIN!«, schrie Lisa auf.

Die letzte Mitteilung forderte sie heraus.

»Keine Angst, ich werde nichts sagen. Oder doch? Komm doch her und finde es heraus.«

Irgendjemand muss ihr auf die Schliche gekommen sein. Wie auch immer das passieren konnte. Aber jemand weiß, was in ihrer Vergangenheit geschehen ist. Und sie musste herausfinden, wer das war und vor allem, warum! Also folgte sie dem Hinweis und fuhr mit der S21 nach Billwerder in ihre alte Gegend. In Lisas Vergangenheit. Sie stieg aus der S-Bahn und musste noch ein kleines Stück laufen, um zu ihrem Grundstück zu kommen. Auf dem Weg dorthin holten sie ihre Gedanken ein.

Sie hatte einen riesen Fehler begangen. Wie sollte sie es auch besser wissen, sie hatte so etwas vorher ja noch nie getan. Vor fast vier Jahren zwang Markus sie dazu, die unschuldige Frau zu erschießen. Aber Lisa hatte nicht den Mut dazu, obwohl er ihr versprochen hatte, sie danach zu befreien.

»Na gut«, er schnappte sich die Waffe und schoss, ohne zu zögern, auf die Frau ein.

»So macht man das, du Feigling.«

Markus kam auf Lisa zu, sie wusste, was ihr nun bevorsteht. Allerdings stolperte er über den Fressnapf, den er Lisa, wie jeden zweiten Tag, vor die Füße warf, und die Waffe glitt auf dem Beton in ihre Richtung. Als er aufstehen wollte, verstand sie sofort, dass dies ihre letzte Chance sein würde, rannte zur Waffe, zielte mit beiden Händen auf Markus und drückte den Abzug. Sie traf ihn zwei Mal in der Brust und er stürzte sofort zu Boden.

Erleichternd, aber noch voller Adrenalin, brach Lisa zusammen und weinte bitterlich. Das war ihr schlimmster Albtraum. Man kann sich in Menschen täuschen, aber ganz sicherlich nicht so. Weitere zwei Stunden saß sie im Käfig, da Markus vor dem Eingang lag, und überlegte, wie es jetzt weiter gehen soll. Erst jetzt bemerkte sie, dass er das Tuch nutzte, welches die Frau um ihren Hals gebunden hatte und so keinerlei Abdrücke hinterließ. Zur Polizei konnte sie also nicht. Markus war außerdem ein hohes Tier im Revier, niemand wagte sich an ihn heran. Lisa brauchte einen anderen Plan.

Leider entschied sie sich nicht für den schlausten Ausweg. Sie packte den Leichnam der Frau und brachte ihn in den Garten. Anschließend holte sie Markus und zog seinen leblosen Körper neben den der Frau. Mit blutverschmierten Händen wischte sie sich den Schweiß aus dem Gesicht und lief zum Schuppen, um passendes Werkzeug zu holen. Mehr als eine Schaufel konnte sie allerdings nicht finden. Sie begann, ein Grab, eher ein Versteck, für zwei Leichen zu graben. Lisa hätte sich nie dazu im Stande gefühlt, aber was sollte sie tun. Niemand würde ihr glauben, jeder hatte ein Saubermann-Image von Markus und nur ihre Fingerabdrücke waren auf der Waffe zu finden.

»2 Meter müssen reichen«, verschwitzt hob sie den ersten Körper in die Grube, danach den zweiten. Vor lauter Verzweiflung fing Lisa wieder an zu weinen.

»Was mache ich hier eigentlich?«

Sie saß nun vor zwei leblosen Hüllen, die sie, wenn es irgendwann rauskommen sollte, beide auf dem Gewissen haben wird. Lisa biss die Zähne zusammen und schaufelte die Reste der Erde in die Grube hinein.

Sie beging nur zwei schlimme Fehler – sie kontrollierte erstens nicht, dass beide Leichen wirklich tot waren und klopfte zweitens nicht die Erde fest.

Am Grundstück angekommen verstand sie nun die Worte „Ich bin wieder hier“. Es versetzte ihr einen tiefen Schlag in den Bauch. Sie stand vor dem Haus, in dem sie einst gewohnt hatte, starrte hoch zu den großen Fenstern und versuchte, sich an die positiven Dinge zu erinnern, als sie jemand von hinten antippte. Lisa drehte sich um und sah in den Lauf einer Waffe.

»Buh«, lachte Markus und drückte ab.

2 thoughts on “Rückschlag

Schreibe einen Kommentar