Julia SchmiedelSchatten der Vergangenheit

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„In einem Wald nördlich von München hat ein Pilzsammler menschliche Knochen gefunden. Die Überreste lassen auf einen Mann zwischen 35 und 50 Jahren schließen, der vermutlich seit über 20 Jahren im Wald vergraben lag. Da bisher keine Anhaltspunkte zur Identität des Leichnams gibt, wurde eine Gesichtsrekonstruktion angefertigt. Wer diesen Mann kennt, meldet sich bitte bei der nächsten Polizeidienststelle.“, diese Worte hört der blonde Mann aus dem Fernseher, während er sein Abendessen zubereitet. Nachdem er die Nudeln ins kochende Wasser gegeben hat, dreht er sich zum Fernseher um und blickt in die Gesichtsrekonstruktion, die Anthropologen von dem im Wald gefundenen Schädel angefertigt haben. Als er sich das Gesicht genauer ansieht, erschrickt er. Er zieht einen Stuhl vom Tisch und setzt sich hin. Kurz wird ihm schwindlig. Er kennt diesen Mann. Er ist so geschockt, dass er erst wieder aufspringt, als seine Nudeln überkochen. Wieder in der Realität angekommen wird ihm klar: Er kennt diesen Mann, weil dieser Mann sein Vater ist – sein Vater, den er vor 20 Jahren das letzte Mal gesehen hat.

 

Nur noch schnell ein Foto mit ihrem Proteinshake nach dem Training, dann schnell duschen und ab nach Hause – das denkt die blonde junge Frau im Fitnessstudio. Dabei weiß sie nicht, dass nicht nur sie Fotos von sich schießt. Auch er fotografiert sie, aus dem Gebüsch neben dem großen Fenster. Dabei gibt es doch schon so viele Fotos von ihr im Internet. Schließlich ist sie Fitnessbloggerin und jeden Tag lädt sie Bilder von sich hoch, beim Joggen, beim Workout oder beim Kochen. Doch er interessiert sich für die Person hinter all diesen Fotos, wer ist sie wirklich?

Frisch geduscht und fröhlich verlässt Rebecca am Freitagabend das Fitnessstudio und will zu ihrem Auto gehen. Es ist einer der ersten warmen Tage in diesem Jahr und die Bäume und Sträucher, die den Parkplatz umrunden, fangen gerade an zu blühen. Sie ist ganz in Gedanken über ihr Abendessen versunken. Das Training war sehr anstrengend und sie ist hungrig. Weil sie nicht mehr viel zu Hause hat, geht sie im Kopf durch, was sie noch alles einkaufen muss. Ihr Essen muss gesund sein und vor allem für ihre Follower interessant. Mit nur einem Bild am Tag sind sie nicht zufriedenzustellen, das weiß sie. Während sie nachdenkt, sieht sie etwas im Gebüsch aufblitzen. Sie ignoriert es, doch als sie am Auto angekommen ist, sieht sie das Blitzen wieder. Rebecca sperrt ihr Auto wieder ab und geht zu dem Gebüsch neben der großen, blankgeputzten Scheibe des Fitnessstudios und sieht dort ein Handy liegen. Ein Smartphone, um genau zu sein. Ein Smartphone, das halb aus seiner roten Ledertasche herausgerutscht ist. Deshalb hatte sich die untergehende Sonne darin gespiegelt und das Blitzen verursacht. Rebecca fragt sich, wem das Smartphone wohl gehören könnte. Ein Kunde aus dem Fitnessstudio kann es hier eigentlich nicht verloren haben. Sie denkt darüber nach, das Handy im Studio abzugeben, aber sie ist viel zu neugierig und steckt das Handy ein. Schließlich kann sie es auch morgen beim Training abgeben, aber vorher möchte sie selbst versuchen, den Besitzer zu ermitteln.

Statt zum Supermarkt fährt Rebecca sofort nach Hause, sie möchte sich unbedingt dieses Handy ansehen. Ihre Follower müssen sich heute wohl doch mit einem Post vom Training zufrieden geben, sie hat jetzt keine Zeit zu kochen, das Essen schön anzurichten und ein Foto davon hochzuladen. Ihren Proteinshake hat sie im Fitnessstudio bereits getrunken, jetzt nimmt sie sich eine Banane und einen Apfel aus ihrer Obstschale und setzt sich an ihren Küchentisch. Als sie einmal auf den Power-Knopf drückt, kann sie das Handy ohne Eingabe einer PIN öffnen. Ein wenig verwundert aber zufrieden über diesen glücklichen Umstand, beginnt sie einige Nachrichten zu lesen, aber sie kann nichts Spannendes finden. Aber was hatte sie auch erwartet – ein ganz normales Handy eben. Ein wenig enttäuscht darüber versucht sie, den Namen des Besitzers herauszufinden. Im Mailprogramm hat sie schließlich Erfolg. David Rohm – ein Mann also, das hatte sie anhand der Nachrichten auch schon vermutet. Kurzerhand schnappt sie sich ihren Laptop und beginnt David eine Mail zu schreiben. Weil schon ein paar verrückte Fans ihren kompletten Namen herausgefunden haben, nutzt sie lieber eine Mailadresse, in der ihr Name nicht zu erkennen ist. Sie schreibt:

Hallo David, ich habe dein Handy vor dem Fitnessstudio gefunden und würde es dir gerne zurückbringen. LG, die Finderin 🙂

Als Rebecca auf Senden klickt, freut sie sich, dass sie selbst den Besitzer des Handys finden konnte und hofft, es am morgigen Samstag zurückbringen zu können. Zufrieden beißt sie in ihren Apfel und möchte das Handy schon ausschalten. In diesem Moment öffnet sich allerdings die Galerie von Davids Handy. Nachdem sie den Besitzer schon ausfindig gemacht hat, möchte sie nicht noch weiter in seine Privatsphäre eindringen. Als sie die Galerie schließen möchte, fällt ihr aber das zuletzt geschossene Foto ins Auge. Verwundert sieht sie sich das Foto genauer an – es zeigt nämlich sie. Ihr fällt auf, dass sie auf dem Bild das hellblaue Sport-Top und ihre dunkelblau-schwarz gemusterte Leggings trägt – ihr Lieblingstrainingsoutfit, das sie auch heute getragen hat. Rebecca steht im Fitnessstudio auf dem Laufband und ist ziemlich verschwitzt. Außerdem ist das Foto aus einem sehr ungünstigen Winkel aufgenommen. So eine Aufnahme würde sie niemals hochladen, schon gar nicht, ohne das Bild vorher zu bearbeiten. Aber wieso hat überhaupt jemand dieses Bild aufgenommen? Vermutlich ein Spanner oder ein verrückter Fan, der sich extra im Gebüsch vor dem Fitnessstudio versteckt hat, um heimlich Fotos zu schießen. Schließlich hatte sie das Handy auch dort gefunden. Jetzt ist Rebecca sehr froh, bei der Mail an David ihren Namen nicht verwendet zu haben, den wäre sie sonst vermutlich nur schwer wieder losgeworden. Ein bisschen angewidert, aber auch neugierig geworden, beginnt sie sich durch die Galerie des Smartphones zu arbeiten. Mehr oder weniger überrascht stellt sie fest, dass er im Lauf der letzten Woche offenbar mehr Fotos von ihr gemacht hat. Alle Bilder zeigen sie im Fitnessstudio mit unterschiedlicher Kleidung, meistens aus sehr speziellen Winkeln aufgenommen. Oft ist auch ihr linker Unterarm zu sehen, auf dem ein ziemlich großer Leberfleck prangt. Statt ihn zu kaschieren und sich für ihre „Unvollkommenheit“ zu schämen, hat sie in zu ihrem Markenzeichen werden lassen. Ein Foto zeigt sogar fast nur diesen Leberfleck, aber wer weiß schon, welchen ausgefallenen Fetisch dieser David hat?

Glücklicherweise gibt es keine Bilder von ihr hier zu Hause oder auch nur in der Nähe. Wer auch immer dieser David ist, der diese Fotos geschossen hat, weiß also hoffentlich nicht, wo sie wohnt. Das beruhigt Rebecca erst einmal. Trotzdem steht sie auf und geht zum Fenster. Als sie auf die Straße blickt, merkt sie, wie dunkel es geworden ist. Die Straßenlaternen sind angegangen und trotzdem kann sie fast nichts erkennen. Aber sie steht hier im beleuchteten Fenster, sichtbar für alle Unsichtbaren da draußen. Schnell zieht sie die Vorhänge zu und lässt alle Rollos herunter. Ein bisschen unheimlich sind ihr diese Bilder schon, aber sie möchte herausfinden, ob er noch mehr von ihr weiß. Nachdem sie also alle Fenster überprüft hat und sich sicher ist, dass niemand in ihre Wohnung sehen kann, setzt sie sich also auf ihr Sofa und nimmt wieder das Smartphone in die Hand, das ihren Abend so durcheinandergebracht hat.

Rebecca arbeitet sich also mit einem leicht mulmigen Gefühl durch die Galerie von Davids Smartphone. Neben den Bildern von ihr im Fitnessstudio findet sie auch Aufnahmen von einem süßen, kleinen weißen Hund, der mit seinen großen Hundeaugen in die Kamera blickt. Außerdem sind auch Fotos von einem schönen Sonnenuntergang und verschiedenen Bäumen und Blumen dabei.  Als sie zum nächsten Bild wechselt, ist sie kurz verwundert, weil die Aufnahme überhaupt nicht zu den anderen passt. Scheinbar wurde ein ausgedrucktes Foto mit dem Handy abfotografiert. Auf dem Bild ist ein kleines Mädchen zu sehen, etwa drei oder vier Jahre alt. Passend zu den blauen Augen trägt es ein hellblaues kurzärmeliges Kleidchen und sitzt grinsend auf einem Schaukelpferd. Die blonden Haare sind zu zwei dünnen Zöpfchen oben am Kopf zusammengebunden. Bei genauerem Hinsehen fällt Rebecca ein Fleck auf dem Arm des Mädchens auf. Liegt das an der Bildqualität oder hat dieses Mädchen tatsächlich einen Leberfleck auf dem linken Unterarm? Während sie den Arm des Mädchens auf dem Foto untersucht fällt ihr auch noch ein Armband ins Auge. Scheinbar sind darauf Buchstaben abgebildet – vielleicht der Name des Kindes? Um das Bild noch genauer untersuchen zu können, holt sich Rebecca eine Lupe zu Hilfe. Sie kann nur drei Buchstaben genau erkennen: „CKY“ Was soll das denn für ein Name sein? Als sie die Buchstaben noch einmal mit der Lupe betrachtet, meint sie, davor noch ein „E“ erkennen zu können. In diesem Moment wird ihr alles klar: „BECKY“. Das muss der Name sein, der auf dem Armband zu lesen ist. Als sie auch den Leberfleck mit der Lupe betrachtet, wird ihr kurz schwindlig. Er hat exakt dieselbe Form wie der Leberfleck auf ihrem Arm. Kann das ein Zufall sein oder ist das etwa ein Kinderbild von ihr? Da sie selbst kaum Bilder von sich als Kind besitzt, kann sie dieses Foto auf dem Handy auch nicht einfach mit ihren Bildern vergleichen. Sicher ist nur, dass sie dieses Bild noch nie gesehen hat!

Unruhig überlegt Rebecca hin und her. Wie wahrscheinlich ist ein Zufall? Woher sollte ein ihr fremder Mann Bilder von ihr als Kind besitzen, die sie selbst nicht einmal kennt? Fragen über Fragen, auf die sie sich selbst keine Antwort geben kann. Aber – David kann ihr bestimmt helfen. Die Frage ist nur, was er mit diesen Bildern vorhat. Aber um herauszufinden, was es damit auf sich hat, muss sie sich mit ihm treffen. Sie nimmt sich ihren Laptop zur Hand und öffnet wieder ihr Mailprogramm. Hat David ihr vielleicht schon geantwortet? Gespannt tippt sie ihre Zugangsdaten ein und wartet bis sich das Programm öffnet – und tatsächlich: David hat ihr geantwortet. Er freut sich sehr, dass sein Handy gefunden wurde und er würde es auch bei ihr abholen. Wenn sie möchte, kann sie es aber auch gerne bei ihm vorbeibringen. Sie antwortet ihm und sie verabreden sich, dass Rebecca das Smartphone am nächsten Tag um 10 Uhr bei ihm abgibt.

Erst jetzt sieht sie auf die Uhr und stellt fest, wie spät es geworden ist. Seit sie zuhause angekommen ist, hat sie nur einen Apfel gegessen dennoch hat sie keinen Hunger. Außerdem ist sie todmüde, obwohl sie immer noch angespannt und verwirrt von ihren ganzen Entdeckungen ist. Sie geht nur noch schnell ins Bad, putzt ihre Zähne, überprüft nochmals alle Fenster und ihre Haustür und geht dann schlafen. Zumindest versucht sie das. Sie kann nur schlecht einschlafen, weil die Gedanken in ihrem Kopf herumschwirren. Wer ist dieser David? Warum die Fotos von ihr im Fitnessstudio? Ist das Mädchen wirklich sie? Nach einer Stunde wachliegen und grübeln, fällt sie schließlich doch in einen sehr unruhigen Schlaf. Allerdings wird sie in dieser Nacht seit langem wieder von einem Alptraum heimgesucht, den sie schon als Kind hatte. Dabei ist sie an eine Wand gefesselt, die Arme und Beine vom Körper weggezerrt. Es ist finster und sie hat schreckliche Angst. Auf einmal wird es hell vor ihr und eine Gestalt mit einem Messer rennt auf sie zu. Bevor das Messer sie berührt, wacht sie schweißgebadet auf. Anfangs weiß sie nicht, wo sie sich befindet. Erst als sie endlich den Schalter ihrer Nachttischlampe findet und ihr Schlafzimmer in ein dumpfes Licht getaucht wird, beruhigt sie sich langsam wieder. Ein Blick auf ihren Wecker verrät ihr, dass es bereits kurz vor sieben Uhr ist. Da an Weiterschlafen nicht zu denken ist, steht Rebecca auf und geht ausgiebig duschen. Nachdem sie beim Duschen laut und schief zu ihren Lieblingsliedern gesungen hat, ist der Schrecken der Nacht schon fast wieder vergessen. Auch die Entdeckungen vom gestrigen Freitagabend erscheinen ihr wie aus einer anderen Welt. Doch auf dem Küchentisch liegen zwei Smartphones, eines davon gehört David. Sie nimmt das Handy in die Hand, um sich zu vergewissern, dass das alles echt ist und kein Traum.

Nachdem ihre Follower gestern etwas kürzer treten mussten, möchte sie ihnen heute etwas mehr bieten. Zum Frühstück bereitet sie sich Protein-Pancakes zu die sie anschließend schön drapiert fotografiert. Mit den üblichen Hashtags versehen, lädt sie das Bild auf ihrer Seite hoch und lässt sich danach die Pancakes mit frischem Obst schmecken. Parallel dazu legt sie sich einen Plan für das Gespräch mit David zurecht. Sie ist im Vorteil, da sie ihm ihren Namen nicht genannt hat und er vermutlich überrascht sein wird, sie zu sehen. Außerdem weiß sie von den Bildern auf dem Handy, aber er weiß nicht, dass sie das weiß. Sie nimmt sich vor, erstmal nicht nach den Fotos zu fragen und höflich zu bleiben. Vielleicht gibt es ja für alles eine sinnvolle Begründung. Nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen hat, ist sie sich auch mit dem Kinderfoto nicht mehr so sicher. Schließlich gibt es bestimmt viele kleine Mädchen mit einem Leberfleck auf dem linken Arm und dem Spitznamen „Becky“, das hat absolut nichts zu bedeuten. Und dass David ein Kinderfoto von ihr haben sollte, das sie selbst noch nie gesehen hat, ist auch sehr unwahrscheinlich. Diese Gedanken immer wieder wiederholend, vergeht die Zeit schneller als gedacht. Damit sie noch pünktlich bei David ankommt, muss sie sich jetzt beeilen. Sie holt sich also ihr Handy, Davids Handy und ihren Autoschlüssel und macht sich mit dem Auto auf den Weg.

Überpünktlich erreicht sie die Straße, die David ihr geschrieben hat. Allerdings kann sie keine freie Parklücke entdecken. Nachdem sie den Häuserblock, in dem David zu wohnen scheint, mehrfach umfahren hat, findet sie schließlich eine freie Parkbucht, direkt unter einem Ahornbaum. Obwohl sie genau weiß, dass ihr Auto später von den Blütenpollen überzogen sein wird, bleibt ihr keine andere Wahl, als hier stehen zu bleiben, wenn sie nicht zu spät kommen möchte. Sie greift sich also die zwei Handys und läuft los, zu dem einzigen orangen Haus zwischen all den weißen Gebäuden. Bevor sie die Klingel beim Namen „Rohm“ betätigt, atmet sie noch einmal tief durch und versucht, sich an den vorher gefassten Gedanken festzuhalten. Er weiß nicht, dass sie ihm das Handy bringt und er weiß nicht, dass sie die Fotos gesehen hat. In dem Haus wohnen viele Parteien, wenn sie um Hilfe schreit, würde sie sicher jemand hören. Sie klingelt also und ihre Spannung steigt ins Unermessliche. Schließlich ertönt ein Rauschen und schließlich eine Männerstimme „Hallo?“. Rebecca antwortet: „Dein Handy ist hier!“ und der Türsummer ertönt. Rebecca drückt die Türe auf und betritt das Treppenhaus. Die Wände waren vermutlich einmal weiß, sind jetzt aber von einem Grauschleier überzogen. In den Ecken an der Decke kann sie ein paar Spinnennetze erkennen. Geputzt wurde hier im Haus scheinbar nicht allzu gründlich. Langsam steigt sie die Stufen hinauf in den zweiten Stock. Außer ihren Schritten ist es gespenstisch leise. Kommt ihr das nur so vor oder ist das tatsächlich so?

Auf dem Absatz nach dem ersten Stock kann sie bereits einen Mann in einer geöffneten Türe sehen – David vermutlich. Er hat blondes Haar, blaue Augen und ist etwa Ende dreißig, schätzt sie. Mehr kann sie von ihm noch nicht sehen. Während sie ihn mustert, sieht sie seinen erstaunten Blick. Scheinbar erkennt er sie also. „David?“, fragt Rebecca. „Ja, ja… Ähm, hallo. Ich, äh, ich bin David.“, kommt es stotternd aus der offenen Türe zurück. „Hallo, ähm, Rebecca.“ „Du kennst also meinen Namen? Bist du ein Follower von mir?“ „So ähnlich würde ich sagen, ja.“ „Deshalb hast du also die ganzen Fotos von mir auf deinem Handy, oder? Du hast mich verfolgt und heimlich fotografiert und das eine ganze Woche lang! Bist du so ein perverser Spanner?“ Trotz ihres Planes, die Ruhe zu bewahren, wird Rebecca immer lauter und wütender, während David mit offenem Mund in der Tür steht. „Du bist doch gestört!“ Sie legt ihm das Handy auf die Treppe und möchte sich schon umdrehen und gehen. „Eine Frage hätte ich ja noch. Was ist das mit diesem Kinderfoto? Bin das ich, ist das ein Zufall mit dem Leberfleck, oder was? Will ich die Erklärung überhaupt hören? Los, sag doch was!“, schreit sie immer wütender, auf dem Treppenabsatz unter Davids Wohnung. „Es ist nicht das, wonach es aussieht. Ich würde dir gerne erklären, was das alles zu bedeuten hat.“ Davids Stimme ist dabei ganz ruhig und höflich. „Es ist nicht das, wonach er aussieht, das ist ja wohl die schlechteste Ausrede, die ich je gehört habe! Ich gehe jetzt und falls ich jemals wieder etwas von dir hören sollte, rufe ich die Polizei, ich hoffe, das ist dir klar!“, schreit sie ihm ins Gesicht und fängt an die Treppe herunter zu rennen. Im ersten Stock spürt sie eine Hand an ihrem Arm, der sie festhält und möchte anfangen zu schreien. Sie hat Angst, was passiert, ob er sie jetzt in seine Wohnung zieht. Wie konnte sie nur so dumm sein und hierher kommen zu diesem Freak? Sie wird nie wieder aus diesem Haus herauskommen, er wird sie einsperren wie ein Tier… In Gedanken malt sie sich die schrecklichsten Szenarien aus. Doch in diesem Moment sieht sie seinen linken Arm – mit einem Leberfleck, genau an der gleichen Stelle wie ihrer. Kann das jetzt ein Zufall sein? „Jetzt beruhige dich doch mal, Rebecca! Und lass mich doch auch mal ´was sagen.“, sagt er mit ganz ruhiger Stimme. Er kommt Rebecca überhaupt nicht wie ein Freak vor, sondern seltsam vertraut und auf einmal hat sie gar keine Angst mehr vor ihm. Sie sieht in gespannt an und lässt ihn nun auch endlich zu Wort kommen. „Ich glaube, ich bin dein Halbbruder. Und du bist der einzige Mensch, der mir helfen kann, herauszufinden, was mit meinem Vater passiert ist. Aber lass uns doch in meine Wohnung gehen und ich erkläre dir alles bei einer Tasse Tee.“

Wenig später sitzen sie gemeinsam in Davids Küche, jeder vor seiner Tasse Tee. Der Tee verströmt einen leichten Duft nach Orange. Rebecca hält sich mit beiden Händen an ihrer Tasse fest. Die ausströmende Wärme beruhigt sie. Nachdem beide schweigend ein paarmal an ihrem Tee genippt haben, fängt David an, seine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte, die irgendwie auch Rebeccas Geschichte ist.

Davids Vater Stefan war Bauarbeiter und seine Mutter Susanne hat sich zu Hause um den Haushalt und den gemeinsamen Sohn gekümmert. Die beiden haben sich getrennt, als David fünf Jahre alt war. Wenig später hat Stefan eine neue Frau kennengelernt und ein paar Jahre später heirateten die beiden. Nach der Trennung seiner Eltern wohnte David unter der Woche bei seiner Mutter Susanne, aber an den Wochenenden war er immer bei seinem Vater Stefan und dessen neuer Frau Nicole zu Besuch. Als David schließlich zehn Jahre alt war, bekam Nicole ein Kind von Stefan – die kleine Rebecca. Obwohl Davids Vater befürchtete, dass David Rebecca nicht akzeptieren würde, liebte er seine kleine Halbschwester über alles. Er hatte sich immer Geschwister gewünscht und kümmerte sich jetzt gern um sie. Er fütterte sie und spielte mit ihr. Als sie größer war, schob er sie im Kinderwagen durch den Park und fütterte die Enten. David war damals so glücklich wie lange nicht und freute sich immer auf die Wochenenden bei seinem Vater und mit seiner kleinen Schwester. Allerdings bemerkte er, dass sich sein Vater und Nicole immer öfter stritten. Weil er seinen Job verloren hatte, begann Stefan, immer mehr Alkohol zu trinken. Irgendwann brauchte er auch keinen Grund mehr, um einen Streit mit Nicole anzufangen und er begann, handgreiflich zu werden. David versuchte, Rebecca zumindest am Wochenende vor diesen Auseinandersetzungen zu schützen und ging mit ihr spazieren. Was unter der Woche geschah, wollte er sich gar nicht ausmalen. Er liebte seinen Vater immer noch, fürchtete sich aber vor ihm, wenn er getrunken hatte. Weil das immer häufiger der Fall war, traute er sich auch nicht, ihn darauf anzusprechen. David machte sich damals große Sorgen, wie das alles weitergehen sollte. Würde er Rebecca noch zu sehen bekommen, wenn sich sein Vater von seiner neuen Frau trennen würde? Als er eines Tages aus der Schule kam, bekam er einen Anruf von Nicole. Sein Vater hätte sich aus dem Staub gemacht und sie allein mit Rebecca zurückgelassen. Weil sie als alleinerziehende Mutter nicht in der Stadt wohnen bleiben wollte, würde sie mit Rebecca wegziehen. Erstmal zu einer Verwandten aufs Land. Daher brauchte David sie jetzt auch nicht mehr besuchen zu kommen. Sein Vater würde sich bestimmt bei ihm melden. David war am Boden zerstört. Sein Vater hatte ihn allein gelassen und er durfte seine Schwester nicht mehr sehen. In den kommenden Wochen und Monaten hoffte er immer auf einen Anruf oder einen Brief von seinem Vater, aber nichts passierte. Scheinbar hatte sein Vater ihn vergessen oder wollte nichts mehr von ihm wissen. Das machte ihn sehr traurig. Außerdem vermisste er seine kleine Schwester Rebecca.

Dies alles erzählt David Rebecca an seinem Küchentisch. Rebecca ist sprachlos und kann es immer noch nicht so recht glauben. Sie soll einen Halbbruder haben. Aber irgendwas an der Geschichte kann nicht stimmen. „Aber, ich kenne doch meine Eltern! Mein Vater war die ganze Zeit da, nie ist er weggegangen! Und mein Vater ist auch kein Bauarbeiter, sondern arbeitet in einem Büro. Das kann also alles gar nicht stimmen!“ Leise steht David auf und geht zu einer Kommode. Er kommt mit einem gerahmten Bild zurück zum Küchentisch und drückt es Rebecca wortlos in die Hand. Während sie das blaugerahmte Bild betrachtet und es mit beiden Händen vor sich hält, tropfen langsam einzelne Tränen auf den Küchentisch und das Foto. Das Bild zeigt Rebecca, auch hier etwa 3 Jahre alt. Sie trägt wieder dasselbe hellblaue Kleidchen, diesmal aber sind die strohblonden Haare nicht zu Zöpfen zusammengebunden. Außerdem wird das kleine Mädchen von einem etwa zwölf- oder dreizehnjährigen Jungen auf dem Arm gehalten. Schräg hinter den beiden steht ein stämmiger Mann Ende dreißig. Alle drei lachen fröhlich in die Kamera, der Mann hat seinen Arm um die Schultern des Jungen gelegt. Alle drei haben leuchtend blaue Augen. Alle drei haben einen Leberfleck auf dem rechten Arm.

Der Junge auf dem Foto muss David sein. Rebecca erkennt seine Gesichtszüge, seine blauen Augen und den Leberfleck. Allerdings hat sie diesen Mann noch nie gesehen, er hat keinerlei Ähnlichkeit mit ihrem Vater. Schniefend und mit verweinten Augen fragt sie David: „Ist – ist er das? Ist das mein Vater?“ David nickt schweigend und nimmt sie in den Arm. „Wie kann es sein, dass ich mich nicht an ihn erinnern kann? Was ist mit dem Mann, den ich als meinen Vater kenne? Wer bin ich eigentlich und wo komme ich eigentlich her?“ – Fragen, die Rebecca nur halb verständlich und immer noch weinend in Davids Schulter murmelt.

Nach einem sehr emotionalen Telefonat mit ihren Eltern wird klar: Rebecca ist nicht ihre leibliche Tochter, sie wurde im Alter von vier Jahren adoptiert, nachdem sie vor einem Kindergarten ausgesetzt wurde. Sie hatte nur das dabei, was sie anhatte, einen Plüschbären und einen Zettel um den Hals: „Ich bin Rebecca, bitte kümmert euch um mich!“ Da sich das Ehepaar schon länger um eine Adoption bemüht hatte und alle Vorlagen erfüllte, bekamen sie nach ein paar Wochen Rebecca als Pflegekind und adoptierten sie später. Allerdings hatten sie ihr nie etwas davon gesagt, dass sie adoptiert wurde. Sie hatten nicht den richtigen Moment gefunden und irgendwann war es zu spät dafür. Da sie in eine andere Stadt zogen, bevor Rebecca zur Schule kam, wusste dort niemand etwas von der Adoption, sodass sie selbst nie davon erfuhr – bis jetzt. Dies alles erzählt ihr ihre Mutter jetzt am Telefon.

Einem Teil ihrer Geschichte war sie also nun auf die Spur gekommen. Was aber genau passiert war, bevor sie vor dem Kindergarten ausgesetzt wurde und warum sie überhaupt ausgesetzt wurde, wusste sie noch immer nicht. Und wie und warum David sie gesucht und gefunden hatte auch nicht!

Bevor David ihr erzählt, wie er sie ausfindig gemacht hat, bestellen die beiden erstmal eine Pizza. Schließlich ist es bereits nach Mittag, und beide haben noch nichts gegessen. Immer noch an Davids Küchentisch, diesmal aber mit Pizza, folgt nun also der zweite Teil von Davids Geschichte.

Nachdem David im Fernsehen von dem Knochenfund gehört hatte und die Gesichtsrekonstruktion seinem Vater ähnlichsah, beschloss er, herauszufinden, was damals mit seinem Vater passiert war. Hatte er sich wirklich einfach so aus dem Staub gemacht oder steckte etwas anderes dahinter? Beim Versuch, Nicole, die damalige Frau seines Vaters, ausfindig zu machen, scheiterte er kläglich. Obwohl er alles versuchte, was ihm möglich war, fand er keine Frau, die von Alter und Aussehen her auch nur annähernd in Frage kam. Während seiner Recherchen stieß er allerdings zufällig auf Rebecca, die Fitness-Bloggerin. Erst wollte er sofort weiterklicken, da sie alterstechnisch überhaupt nicht zu seiner Suche passte. Da entdeckte er aber auf einem Bild den Leberfleck auf ihrem linken Unterarm. In Kombination mit ihrem Namen war ein Zufall zwar immer noch möglich, aber er wollte es versuchen. Bevor David sie allerdings persönlich ansprach, wollte er selbst ein paar Fotos aufnehmen, um diese zusammen mit den Bildern, die Rebecca von sich online gestellt hatte, mit den Kinderfotos von Rebecca zu vergleichen. Mit jeder Aufnahme wurde er sich sicherer: Diese Rebecca war seine kleine Halbschwester, die er seit zwanzig Jahren nicht gesehen, aber nie vergessen hat! Noch einmal wollte er los, um Fotos von ihr zu schießen. Doch an diesem Freitagabend blickte Rebecca genau dann aus dem Fenster des Fitnessstudios, als er sie fotografierte. Vor Schreck lief er sofort zu seinem Auto und fuhr los. Erst auf dem Heimweg bemerkte er, dass er sein Smartphone, mit dem er die Aufnahmen gemacht hatte, verloren hatte. Er wollte nachts, wenn das Fitnessstudio geschlossen hat, zurückkommen, um sein Handy zu holen. Allerdings kam er zu spät, das Handy war bereits verschwunden. Später entdeckte er die Mail und war überglücklich, dass er sein Handy zurückbekommen würde. Er hatte aber nicht damit gerechnet, dass Rebecca ihm das Handy vorbeibringen würde. Daher war er an der Tür so überrascht und sprachlos gewesen.

Deshalb hatte David also Fotos von ihr geschossen und auch Kinderbilder von Rebecca auf seinem Handy. Jetzt macht langsam alles Sinn dachte Rebecca.

„Aber, warum wolltest du meine Mutter finden? Sie weiß doch auch nur, dass dein – ich meine unser Vater sich aus dem Staub gemacht hat. Und was war das mit dem Knochenfund? Gesichtsrekonstruktion? Meinst du etwa, unser Vater ist tot?“

„Zumindest finde ich, dass da eine gewissen Ähnlichkeit vorhanden ist.“ Er drückt Rebecca einen Ausdruck der Gesichtsrekonstruktion in die Hand. Als sie anfängt, das Gesicht mit der blaugerahmten Aufnahme zu vergleichen, die immer noch vor ihr auf dem Tisch steht, muss sie David Recht geben. „Und was machen wir jetzt?“, fragt sie ihn ein wenig verwirrt. „Na, wir gehen zur Polizei und berichten von unserer Vermutung. Schließlich wurde ja auch dazu aufgerufen, sich zu melden.“ „Da hast du auch wieder Recht. Nehmen wir mein Auto und fahren gleich los?“

Nur eine Stunde später stehen die beiden in einer Polizeidienststelle und erklären ihre Vermutung und ihre Geschichten. Anschließend wird von beiden eine Speichelprobe genommen, um per DNA-Vergleich feststellen zu können, ob es sich bei der Leiche um ihren Vater handelt.

Nach wenigen Tagen bekommen David und Rebecca das Ergebnis: Bei der Leiche, die im Wald gefunden wurde, handelt es sich mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit um ihren Vater. David ist geschockt und traurig, aber irgendwie auch erleichtert, dass er jetzt endlich erfährt, warum sein Vater sich damals nicht bei ihm gemeldet hat. Außerdem werden die beiden für eine Aussage auf die Dienststelle bestellt, um zu klären, was damals passiert ist.

Beim Gespräch mit den Polizeibeamten wird Rebecca und David mitgeteilt, dass ihr Vater vermutlich gewaltsam ums Leben gekommen ist. Trotz des eher schlechten Zustandes des Leichnams konnten an den Knochen Kerben von einem Messer gefunden werden, die auf Erstechen als Todesursache hindeuten. Diese Tatsache spricht gegen einen Suizid, sondern eher für ein Tötungsdelikt. Es gibt allerdings bisher keine Hinweise, mit denen die Polizei diesen Fall weiterbearbeiten könnte.

Nachdem Rebecca allerdings damals, als ihr Vater verschwand, bei ihm lebte, und kurz danach ausgesetzt wurde, wird sie zu ihrer Kindheit befragt. Wie auch bei David zuhause kann sie sich an nichts erinnern. Als sie allerdings von ihren immer wiederkehrenden Alpträumen mit einem Messer berichtet, werden die Beamten hellhörig. Vielleicht hat Rebecca damals etwas beobachtet, das sie seitdem verdrängt und deshalb nicht verarbeiten kann. Ihr wird daher nahegelegt, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.  Auch in Anbetracht der Tatsache, dass Rebecca in den vergangenen Tagen sehr viel Neues und auch Schockierendes über ihr Leben herausgefunden hat, erscheint das sinnvoll. David und Rebecca verabschieden sich von den Polizisten, die ihnen leider mitteilen müssen, dass sie ohne neue Spuren im Fall ihres Vaters vermutlich nicht herausfinden werden, was mit ihm passiert ist. Sehr traurig und auch wütend darüber, führt Rebeccas nächster Weg zu einem Therapeuten, der ihr helfen soll, ihre Träume zu entschlüsseln. Sie möchte den Grund für ihre Alpträume erfahren und erfahren, ob sich in ihrem Unterbewusstsein noch Erinnerungen an ihre frühe Kindheit verbergen. Aber so einfach, wie sie sich das vorstellt, ist das nicht. Und so schnell funktioniert das auch nicht. Aber Rebecca möchte nicht aufgeben und David unterstützt sie bei allem, was sie tut.

Nach mehreren Monaten Therapie gelingt es Rebecca, einige Erinnerungen an ihre Kindheit wiederzufinden. Sie erinnert sich an einige Szenen auf einem Spielplatz mit David. An ihren Vater, der sie in seinen nüchternen Zeiten durch die Wohnung trug und mit ihr spielte. Aber sie weiß nichts von ihrer Mutter. Obwohl sie ein Bild von ihr von David bekommen hat, kann sie sich überhaupt nicht an sie erinnern. Ihre Alpträume werden in dieser Zeit immer schlimmer. Sie kann fast gar nicht mehr schlafen, möchte jetzt aber den Grund für ihre Träume finden. Nach vielen Monaten in Therapie stellt sie sich schließlich ihrer Angst. Sie möchte ihre Träume ergründen.

Schließlich sieht sie ein Bild, das sich bei ihr eingebrannt hat. Ein Bild, das sie bisher vor sich selbst verschlossen hatte. Ein Bild, das so grausam ist, dass sie sich nicht daran erinnern wollte. Aber jetzt sieht sie dieses Bild ganz deutlich vor sich. So deutlich als wäre sie dabei. Sie sieht ihren Vater, ihren leiblichen Vater in der Küche stehen. In der Küche der Wohnung, in der sie als kleines Kind lebte. Allerdings ist ihr Vater nicht alleine. Er streitet sich mit zwei anderen Menschen. Bei der Frau handelt es sich um ihre leibliche Mutter wie sie jetzt weiß, aber den Mann hat sie noch nie gesehen. Sie weiß nicht, ob sie sehen möchte, was als nächstes passiert. Sie kann dieses Bild in ihrem Kopf starten wie ein Video, das weiß sie. Aber sie zögert noch. Dann denkt sie an ihre Alpträume und dass dieses Video in ihrem Kopf vielleicht der Grund dafür ist. Sie atmet einmal tief durch und drückt dann auf den virtuellen Startknopf.

Sie hört drei Stimmen, die durcheinanderrufen. Die drei Personen streiten sich. Eine lallende Stimme schreit: „Was macht der Mann in meinem Haus? Du bist meine Frau, was fällt dir eigentlich ein?“ Dann eine Frauenstimme: „Du interessierst dich doch eh nicht für mich! Den ganzen Tag säufst du und pöbelst mich an! Alles mache ich falsch! Im Gegensatz zu dir liebt Roland mich wirklich!“ „Ha, dass ich nicht lache! Wir sind verheiratet und dieser Mann verschwindet jetzt hier!“ Rebeccas Vater steht auf und wankt auf den anderen Mann – offensichtlich Roland – zu. Die Frau stellt sich dazwischen. „Nein, Roland bleibt, aber du verschwindest jetzt, und zwar für immer!“, währenddessen sticht sie ihrem überraschten Mann mehrmals ein Messer in den Bauch. Auch Roland sticht mehrmals zu. Weil sich der Mann aber wehrt, verletzt sich auch Roland am Arm. Rebeccas Vater geht röchelnd und mit starrem Blick zu Boden.

In diesem Moment endet das Video in Rebeccas Kopf, an mehr kann sie sich nicht erinnern.

Ist das alles wirklich passiert? Habe ich den Mord an meinem Vater beobachtet und die Erinnerung über all die Jahre unterdrückt? War das der Auslöser meiner Alpträume? All diese Gedanken gehen Rebecca durch den Kopf. Sie ist entsetzt über das, was sie soeben in ihrem Kopf gesehen hat. Aber wie soll sie herausfinden, ob das alles der Wahrheit entspricht?

Mit ihrem neugewonnen schrecklichen Wissen gehen David und Rebecca einige Monate nach ihrem ersten Besuch nun erneut zur Polizei. Rebecca gibt an, an was sie sich erinnern kann. Daraufhin überprüft die Polizei die ehemalige Wohnung von Rebeccas und Davids Vater, die bereits seit einigen Jahren leer steht. Ein besonderes Augenmerk legen sie dabei auf die Küche, in der Rebecca den Mord beobachtet haben will. Bei der oberflächlichen Begutachtung können sie nichts feststellen. Durch den Einsatz von Luminol können aber erhebliche Blutflecken auf dem Küchenboden ausgemacht werden und auch in Ritzen zwischen den Bodendielen sind noch Blutreste nachzuweisen. Eine Analyse wird später zeigen, dass es sich hierbei um das Blut von Stefan handelt, dem Vater von David und Rebecca. Kleine Blutspritzer an den Wänden werden dem Blut eines anderen Mannes zugeordnet.

Scheinbar hat sich also alles so abgespielt, wie es Rebecca in Erinnerung hatte. Glücklicherweise ist die DNA des anderen Mannes bereits in der Datenbank gespeichert, Roland Eck. Roland Eck lebt mit einer Frau zusammen, die später anhand ihres DNA-Profiles als Rebeccas Mutter identifiziert werden kann. Die beiden werden festgenommen.

 

Zwanzig Jahre nach dem Verschwinden von Stefan gibt es für David nun zumindest Klarheit, warum sich sein Vater nicht mehr bei ihm gemeldet hat. Rebecca hat innerhalb von ein paar Monaten ihre leiblichen Eltern gefunden, wieder verloren und schreckliche Dinge über ihre Vergangenheit erfahren. Was sie aber gewonnen hat und was ihr niemand mehr nehmen kann, sind sowohl ihr Halbbruder David, von dem sie vermutlich nie erfahren hätte als auch ein Teil ihrer Identität, der ihr bisher fehlte. Ihre Alpträume verschwinden nach und nach und sie kann mit ihrer dunklen Vergangenheit abschließen, die sie jetzt durchleben musste, um ihre eigene Identität zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 thoughts on “Schatten der Vergangenheit

  1. Hallo Julia,
    die Idee zu deiner Geschichte finde ich super. Dein Schreibstil liest sich sehr flüssig und die Geschichte ist spannend erzählt.
    Der einzige Punkt, den ich etwas unrealistisch finde ist, dass David, als er merkt, dass sein Handy weg ist, bis zum Abend warten will um es zu suchen. Wenn ich bemerken würde, dass mein Handy verschwunden ist, würde ich keine Zeit verlieren wollen, um es wieder zubekommen.

    Vielleicht hast du ja Lust auch mal meine Geschichte zu lesen https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-apfel-faellt-den-stamm
    Ich würde mich über ein Like und/oder einen Kommentar freuen.

    LG
    Daniel

  2. Hallo Julia,

    Deine Geschichte ähnelt von der Idee her meiner (Ende gut?). Du hast einen schönen Schreibstil und die Geschichte ist durchaus spannend erzählt, hat aber teilweise Längen. Für eine Kurzgeschichte sind manchmal Zuviels Details, aber du solltest wirklich mal einen Roman aus der Story machen.
    Ich habe ein Like dagelassen und würde mich freuen, wenn du auch meine Geschichte liest.
    LG Monika

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