LöwenkindScherben

Eigentlich war ich bis vor Kurzem eine ganz normale junge Frau, die mitten im Leben stand. Ich hatte einen guten Job im Gesundheitswesen, liebte die Arbeit am Patienten und sah darin meine absolute Berufung. Auch privat schien es so nach und nach voran zu gehen. Ich wohnte seit einigen Jahren mit meinem Freund zusammen. Wir hatten große Pläne – wollten uns ein Eigenheim anschaffen, vielleicht auch heiraten und Kinder bekommen, am besten drei Stück. Ich selbst, bin mit einer jüngeren Schwester groß geworden und kam aus einer wirklich gesitteten Familie.
Mein Vater war Bürgermeister, meine Mutter Bankkauffrau. Allerdings engagierte sie sich ehrenamtlich viel für unser Städtchen. Dies machte unsere Familie äußerst bekannt und zerrte uns unweigerlich in den Fokus. So waren wir in unserer Stadtgemeinde hoch angesehen und genossen damit auch die ein oder anderen Vorzüge. Das führte dazu das sich das Leben in der Öffentlichkeit des Öfteren als äußerst praktisch herausstellte, Wenn es also darum ging, schneller an eine neue Wohnung zu gelangen oder einen Konzertplatz in den vordersten Reihen zu ergattern hatten wir meist gute Chancen. So schön es teilweise war, einen gewissen Bekanntheitsgrad auszukosten, so groß waren auch gleichzeitig die Schattenseiten. Manchmal fiel es uns Kindern daher schwer, sich in ihrer Persönlichkeit frei zu entfalten. Wir wollten uns weitestgehend selbst beweisen und gerade in der Teenagerzeit immer wieder neu erfinden, ohne unter den wachsamen Augen der Gemeinde zu stehen.
Meine Mutter und ich hatten seit langem gesundheitliche Probleme. Sie schwer herzkrank und ich begann dies zu erben. Beide sind wir in der Regel absolute Powerfrauen – uns wirft nichts so schnell aus der Bahn. Ich bewunderte sie, wie sie trotz ihrer starken Beschwerden alles für gemeinnützige Organisationen und vor allem für unsere Familie gab. Aber auch wie sie sich für meine Schwester und mich aufopferte, wenn wir Hilfe brauchten, obwohl wir derweil erwachsen waren. Ich, zweiunddreißig, meine Schwester fünf Jahre jünger. Sie, verheiratet und bereits selbst Mama von Zwillingen – zwei süße kleine Prinzessinnen. Natürlich war es da eine Selbstverständlichkeit, dass meine Mutter zur besten Großmutter schlechthin mutierte und die Kleinen nach Strich und Faden verwöhnte. Darüber hinaus waren wir dankbar über jeden Rat und jede Weisheit, welche sie uns über die Jahre hinweg lehrte.
Bis Herbst diesen Jahres, führte ich eigentlich noch ein recht unspektakuläres Leben, eines Durchschnittsdeutschen. Zum Verzweifeln hätte es mich bringen können, dass so wirklich nichts außergewöhnlich an meiner Existenz war.
Doch meine Denkweise sollte sich schlagartig ändern. Alles begann an einem Montag Ende Oktober, als ich auf dem Weg zur Arbeit neben meinem Auto ein Handy fand. Die Befragung einiger Passanten, ob ihnen das Smartphone gehören würde blieb erfolglos. Daher hatte ich wohl keine andere Wahl, als das Gerät erst einmal mitzunehmen um es in den nächsten Tagen beim Fundamt abzugeben.
Eigentlich, war ich ein absolut ehrlicher und aufrichtiger Mensch. Immer wieder hörte ich von einigen Bekannten: „Du bist viel zu gut für diese Welt!“ Vermutlich lag es daran, weil ich zuvor noch nie etwas gestohlen hatte, nicht lügen konnte, ein hohes Empathie-Vermögen besaß und mich stets für Schwächere einsetzte. Doch irgendwas in mir sagte, dass ich dieses Smartphone nach dem Feierabend genauer betrachten müsste.
Abends zu Hause hielt ich zitternd das Gerät in meinen Händen. Warum machte ich mir vorhin während meiner Arbeitszeit eigentlich so viele Gedanken über dieses Ding? Was erhoffte ich mir darauf zu finden? Allenfalls würde ich so den Besitzer ermitteln können und hätte somit die Chance, es ihm wieder zu geben. Vielleicht war ich auch einfach nur neugierig, was sich auf dem Handy verbergen würde, schließlich gäbe es die Möglichkeit einen Mordfall aufzuklären oder ein vertuschtes Verfahren aufzudecken. Optional könnten auch niedliche Katzenvideos zu sehen sein und somit wäre alles völlig bedeutungslos. Darum beschloss ich, das Handy beiseite zu legen und mich wieder meinem Buch zu widmen. Allerdings konnte ich mich nach der dritten Seite schon nicht mehr richtig auf den Inhalt konzentrieren. Meine Gedanken drifteten immer wieder ab und mein Blick wanderte abermals zu dem Handy, obwohl ich bei einem wirklich spannenden Kapitel angelangt war. Meine Lektüre handelte von einem Mann mit schwerem Kindheitstrauma, der als Richter fungierte, um Anerkennung zu erlangen. Doch seine Fassade begann so nach und nach zu bröckeln, was die Stadt in Aufruhr versetzte. Nichts desto trotz, beschäftigte mich dieses Handy viel mehr als es mir lieb war. Ein weiteres Mal nahm ich es mir zu Hand und begann damit, mir die Oberfläche des Telefons anzusehen. Dank der schwarzen Lederschutzhülle blieb es bis auf ein paar leichte Displaykratzer unversehrt. Bei dem Wert des Mobiltelefons wunderte es mich allerdings, dass keiner dieses zu vermissen schien. Normalerweise würde ich bei einem solchen Verlust sofort ein Beitrag auf den sozialen Netzwerken finden können, das Mobiltelefon doch bitte an seinen Besitzer zurück zu geben. Ich drückte auf dem Home-Button, doch wie ich es schon vermutet hatte, war der Akku des Handys leer. Wer weiß, wie lange es schon dort lag? Das Einzige was ich bereits sagen konnte, dass ich das Vorgängermodell des Geräts besaß. Aber jeder, der etwas auf sich hielt, war mittlerweile im Besitz solch eines Telefons – was das Ganze natürlich noch deutlich schwerer machte. Ich entschied mich dazu, das Handy an mein Ladegerät zu hängen. Zumindest könnte ich es somit auf seine Funktionstüchtigkeit prüfen, was nicht heißen würde dass ich es im Anschluss direkt durchsuche. Demzufolge begann also der Lademodus. Nach kurzer Zeit, meldete sich bereits das Display mit einem Signalton zurück, dass das Gerät nun Strom ziehen würde. Was für mich also bedeutete, ich könnte Glück damit haben, dass es sich noch einschalten lässt. Nun würde es circa drei Stunden dauern bis das Handy vollgeladen ist, deshalb beschloss ich mich hinzulegen. Schließlich war es schon zweiundzwanzig Uhr und mein Wecker sollte um dreiviertel sechs wieder zur Frühschicht klingeln. Ich löschte das Licht und kuschelte mich in die Arme meines Freundes, um dort zu versuchen einzuschlafen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich meine Gedanken bremsen konnte, das Handy morgen dem Fundamt zu übergeben. Sollen die sich doch damit herumschlagen und entscheiden, was damit passiert. Ich hätte genügend eigene Probleme, um die ich mich kümmern müsse. Also, was interessieren mich die Dinge der Anderen. So, schlief ich ein und wachte erst wieder auf, als mich mein Freund am darauffolgenden Tag mit frisch gebrühtem Kaffee und einem Kuss weckte. Als ich meine Augen aufschlug wanderte mein Blick hastig auf das gefundene Handy. Gott sei Dank, es lag noch auf meinem Nachttischchen und hing weiterhin am Ladekabel. Mein Freund schien nicht bemerkt zu haben, dass es sich hierbei nicht um mein eigenes drehte, zumindest verlor er diesbezüglich kein Wort. Ich wollte ihm davon noch nichts erzählen. Nicht weil ich ihm nicht ausreichend Vertrauen schenkte, aber irgendwie musste ich erst alleine herausfinden, was es mit diesem Handy auf sich hatte. Gleichzeitig fühlte ich mich mies. Normalerweise hatten wir keine Geheimnisse voreinander und eigentlich bin sogar ich eher Diejenige, die sehr großen Wert auf Offenheit in der Partnerschaft legte. Aber dennoch konnte ich ihm noch nichts davon erzählen, außerdem müsste ich mich sowieso vorerst auf den heutigen Arbeitstag konzentrieren.
Ich trank meinen Kaffee, duschte, füllte meine Brotzeitdose für die Mittagspause, verabschiedete mich von meinem Freund, der für eine Woche auf Geschäftsreise sein würde und machte mich auf den Weg zur Arbeit.
Dort war ich abgelenkt. Ich kümmerte mich, wie jeden Tag um all die Bedürfnisse und Anliegen meiner Patienten und das Thema Handy, rückte für mich unbewusst wieder in den Hintergrund. Meine Arbeit nahm mich einfach täglich voll und ganz in Anspruch und ich liebte das Gefühl gebraucht zu werden. Die Dankbarkeit der Patienten zu spüren, gab mir die komplette Erfüllung. Wer kann schon von sich behaupten, dass ihm sein Beruf so viel Freude bereitet. Mich machte es stolz, was mein Team und ich täglich leisteten. Auch wenn ich abends völlig erledigt und nach dem Abendbrot sofort ins Bett fiel. Doch mich machte das glücklich.
Natürlich war es mir stets bewusst, dass ich nie alle meine Patienten retten könnte, aber sie ein Stück zu begleiten und ihnen Hoffnung zu geben, war meines Erachtens das größte Geschenk, was man ihnen machen kann.
Es war kurz vor sechzehn Uhr, als gerade der letzte Krankentransport eintraf, um unseren bettlägerigen Patienten abzuholen. Meine Kollegen und ich hatten uns heute wieder ziemlich verausgabt.
Wir besprachen noch einige organisatorische Dinge für die nächsten Tage, als meine Gedanken wieder bei diesem Smartphone waren. Sobald ich zu Hause ankommen würde, müsste ich unbedingt nachsehen, was sich auf diesem Handy verbarg. Ich konnte es nicht einfach dem Fundamt übergeben, das stand nun fest. Also zog ich mich rasch um, warf meine Arbeitskleidung in den Wäschesack und machte mich auf den Weg nach Hause.
Kaum in der Wohnung angekommen, stellte ich meine Arbeitstasche auf den Boden und lief, ohne meine Turnschuhe auszuziehen, ins Schlafzimmer.
Da lag es, das geheimnisvolle Handy. Ich setzte mich auf das Bett, nahm das Smartphone in meine Hände und drückte auf den Einschaltknopf. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Finger wurden feucht und ich merkte, wie sich meine Hautfarbe begann zu verändern. Mein komplettes Blut schien sich in meinem Kopf anzusammeln und um mich herum hörten die Vögel auf zu zwitschern. Zumindest vergaß ich all die Geräusche. Selbst die der Baustelle des Nachbargrundstücks, nahm ich nicht mehr war. Meine komplette Aufmerksamkeit lag nun auf dem Handy.
Es dauerte nicht lange, bis sich der Startbildschirm öffnete. Also drückte ich auf den Home-Button und schon konnte ich das Gerät bedienen. Ich musste weder eine Zahlenkombination, noch einen Fingerabdruck zum entsperren eingeben. So einfach hätte ich es mir tatsächlich nicht vorgestellt. Vielleicht gehörte das Smartphone einem Senior, der das Handy ausschließlich dafür nutzte, um seine Enkelkinder, den Hausarzt und Essen auf Rädern zu kontaktieren. Aber dies sollte sich als Irrtum herausstellen.
Ich öffnete die Kontaktdaten. Dort musste doch direkt etwas über den eigentlichen Besitzer herauszufinden sein. Aber bedauerlicherweise wurde ich enttäuscht. Die Handynummer des Besitzers wurde ausschließlich unter „Eigener Nummer“ vermerkt. Doch leider stellte ich mit purem Entsetzen fest, dass auf dem Gerät nur eine einzige fremde Nummer vermerkt war, außer der bereits Voreingestellten, wie die Notruf Nummer und die Auskunft.
Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Nahm dafür sogar extra mein eigenes Handy aus der Hosentasche zum Vergleich. Aber es gab keinen Zweifel. Auf diesem mysteriösen Smartphone befand sich tatsächlich nur diese einzige Handynummer und das war meine Eigene. Wie konnte das sein? Meine Freunde und Familie hätten nie alle ihre Kontakte gelöscht und meine dabei vergessen. Sie hätten das Handy immer auf Werkseinstellungen zurückgesetzt. Wie kam also die Nummer in genau dieses Handy und warum finde gerade ich es? Ich hatte das Gefühl, um so mehr ich diese Zahlenfolge ansah, um so größer wurde sie. Die Ziffern schienen in meinem Kopf rot aufzuleuchten und wirr herum zu schwimmen. Mein Herz schlug so schnell, dass ich den Eindruck gewann, es würde mir jeden Moment aus der Brust zu springen drohen. Ich konnte und wollte einfach nicht begreifen, dass meine Nummer dort vermerkt war. Aller Privatsphäre zum Trotz blieb mir keine andere Wahl als nun weiter zu recherchieren. Ich bediente also die Fotogalerie und was ich dort sah, lies meinen Atem stocken. Mein Mund begann im Nu plötzlich komplett auszutrocknen. Das Schlucken fiel mir von Sekunde zu Sekunde immer schwerer, meine Zunge klebte an meinem Gaumen und mein Kreislauf drohte sich zu verabschieden. In meinen Ohren bildete sich ein greller Pfeifton und vor meinen Augen sah ich nur noch Blitze. Ich musste mich hinlegen, um nicht von der Bettkante zu fallen. Das gefundene Handy lies ich neben mir auf das Kopfkissen gleiten und ich starrte Minuten lang an die weiße Zimmerdecke. In meinem Kopf ließ sich kein klarer Gedanke mehr fassen. Es nahm einige Zeit in Anspruch, bis ich mich wieder beruhigen und all die Fragen nach dem Warum, Wieso, Weshalb, etwas nach hinten zu drängen vermochte. Dann versuchte ich langsam meinen Kopf Richtung Handy zu drehen. Ich starrte auf das Foto und sah dort mich selbst. Als die Aufnahme entstanden sein muss, war ich gerade vermutlich auf dem Weg zur Arbeit, da in meinen Armen Briefpapier mit dem Schriftzug unserer Praxis zu erkennen war.
Vorsichtig wischte ich mit meinem Finger von rechts nach links auf dem Handy. Immer mehr Fotos von mir kamen zum Vorschein. Aufnahmen in allen Lebenslagen. Auf welchen hauptsächlich ich oder Mitglieder meiner engsten Familie zu sehen waren. Ein Foto, auf dem ich meine Mutter umarmte, Bilder, von meinem Freund und mir. Aber keine sogenannten Selfies – Fotos, welche wir selbst aufgenommen hatten.
Es waren Schnappschüsse aus der Ferne – Situationen, in denen wir glaubten unbemerkt zu sein. Das hieße, es musste eine Person geben die uns beobachtete und heimlich, jedoch ganz bewusst von uns Aufnahmen machte.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Welcher Mensch kam auf die Idee uns so dermaßen zu beschatten? Warum ist mir das nie aufgefallen? Was hätte ich Schlimmes anstellen sollen? Hatte ich irgendetwas verbrochen und war mir dessen nicht bewusst? Fragen über Fragen schossen durch meine Gehirnbahnen und keine davon konnte ich mir so richtig beantworten. Aber das schlimmste Gefühl, welches sich in mir auftat, war der Gedanke daran, dass ich über Monate hin, verfolgt worden war. Was ich daran festmachte, dass auf den Bildern unterschiedliche Jahreszeiten zu erkennen sein würden. Auf meinen Armen bildete sich langsam Gänsehaut. Ich begann zu frösteln, obwohl ich kurz zuvor noch Schweißausbrüche hatte. Mein Oberteil, war komplett durchgeschwitzt und lag nun klamm auf meiner Haut. Ich zog meine Bettdecke über den Körper und lag völlig erschöpft einfach nur da. Was soeben passiert war, lies mein komplettes Leben aus den Fugen geraten.
In mir schien sich Angst breit zu machen, obwohl ich es versuchte zu unterdrücken. Aber was sollte ich nun tun? Die Polizei rufen? Was sollte ich den Beamten denn sagen? Vermutlich hätten diese wichtigeres zu tun, als sich Fotos von mir auf einem Handy anzusehen. Also war für mich ein Auftritt bei der Polizei keine Option. Aber was nun? Irgendetwas musste ich doch unternehmen. Was ist, wenn jemand vorhatte, meiner Familie oder mir Leid zuzufügen und ich könnte das zwar verhindern, aber habe nicht rechtzeitig reagiert? Sollte ich meine Eltern kontaktieren oder würde ich sie damit nur unnötig in Sorge versetzen. Gerade das Herz meiner Mutter sollte ich doch eigentlich eher schonen. Meinen Freund könnte ich anrufen. Aber der ist vermutlich sowieso noch auf dem Business Lunch mit seinem Chef. Da würde ich ihm bestimmt auf die Nerven gehen, und er mir voraussichtlich sowieso nur mit einem Ohr zuhören, da er gerade gedanklich ganz woanders war.
In mir entstand eine große Leere und irgendwie fühlte ich mich völlig allein gelassen mit dieser Situation. Natürlich hätte ich die Möglichkeit meine beste Freundin zu kontaktieren. Sie hätte sicherlich Verständnis für meine Situation, aber könnte sie mir praktisch gesehen weiterhelfen? Vermutlich eher nicht. Also stand ich alleine vor vielen Fragezeichen und langsam wurde mir auch bewusst, dass ich heute zusätzlich noch alleine einschlafen müsste.
Schließlich begann es draußen zu dämmern. Mittlerweile wurde es wieder früher dunkel. Es war bereits Oktober und eigentlich auch tagsüber schon gar nicht mehr richtig hell. Aber heute kam es mir besonders dunkel um achtzehn Uhr vor.
Die Straßenlaternen schienen schwach auf den Gehwegen zu leuchten und eine davon flackerte bereits verdächtig danach, bald kaputt zu gehen.
Ich lag immer noch wie angewurzelt auf dem Bett. Meine Turnschuhe hatte ich völlig vergessen in der Hektik auszuziehen. Also begann ich damit sie mir im Liegen von den Füßen zu streifen. Ich war zu schwach mich aus meinen Klamotten herauszuschälen und mir meinen Pyjama anzuziehen. So musste ich wohl in meiner Alltagskleidung schlafen. Jedoch war dies für mich das kleinste Übel. Ich machte mir eher einen Kopf darum, wie ich denn heute ohne meinen Freund einschlafen sollte und vor allem in dieser Situation. Sonst lag ich immer fest in seinen Armen und irgendwie beruhigte mich das.
Er würde uns schon verteidigen, wenn ein Einbrecher käme oder wir anderweitig Hilfe bräuchten. Aber heute war ich auf mich allein gestellt.
Ich konnte einfach nicht einschlafen. All das Knacken der Wände lies mich erstarren. Jedes Scheinwerferlicht, der vorbeifahrenden Autos fuhr mir direkt in die Magengrube. Zu allem Überfluss hatte ich nicht einmal die Möglichkeit einen Rollladen herunter zu lassen, da in unserem Schlafzimmer keine angebracht waren. Auch wenn ich versuchte fest meine Augen zusammen zu drücken, gelang es mir nicht, mich zu entspannen. So entschloss ich, eine Nachricht an meinen Freund zu versenden. Eigentlich hätte ich ihm schreiben können, ob es ihm möglich wäre, mich kurz anzurufen, aber irgendwie war es mir auch ein Stück weit unangenehm, dass ich mir zu Hause alleine fast in die Hose machte. Ich fragte ihn ausschließlich wie sein Tag war und ob er erfolgreiche Gespräche führen konnte. Außerdem schrieb ich ihm noch, dass ich ihn vermissen würde und ich ohne ihn sehr einsam wäre. Vielleicht würde er ja den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen. Danach legte ich mein Handy wieder auf den Nachttisch und das Gefundene gleich dazu. Inzwischen war es so dunkel geworden, dass ich mein Nachttischlämpchen anknipsen musste. Da ich sowieso nicht schlafen konnte, wollte ich zumindest mein Buch weiterlesen, das würde mich auch auf etwas andere Gedanken bringen.
Ich war gerade an der Stelle angelangt, in welcher der Richter, sich an all den Leuten rächte, die sich in irgendeiner Weise gegen seine Urteile ausgesprochen hatten, seine Entscheidungen nicht respektieren wollten oder sich ihm anderweitig in den Weg stellten. Seine Freunde wurden für ihn zu Feinden, er trieb sich nur noch mit fragwürdigen Menschen herum. Keiner wusste, dass es sich bei dem Mörder um den Richter drehte, weil es den Anschein machte, dass gerade er sich besonders für die Suchaktion des Täters einsetzte. Viele Menschen mussten sterben, weil sie zu Unrecht beschuldigt wurden und der Richter tötete munter weiter. Ein kleiner Junge kam ihm auf die Spur, da er ihn auf frischer Tat ertappte, aber dem Kleinen wollte bis auf seine Babysitterin natürlich Keiner Glauben schenken. Alle dachten, er würde von Monstern träumen und Geschichten erzählen.
Nach einem gelesenen Kapitel wurde mir klar, dass ein Thriller doch nicht zwangsläufig der passende Lesestoff zu meiner aktuellen Lage wäre. Deshalb klappte ich das Buch zu und entschied mich kurzerhand für den Fernseher.
Wir hatten zum Glück einen in unserem Schlafzimmer, so dass ich nicht aufstehen musste.
Da auch das Fernsehprogramm keinen für mich wertvollen Beitrag zu bieten hatte, wurde ich doch überraschend schnell müde. Der Tag hatte mich wohl enorm geschlaucht und meine Gefühlswelt völlig aus dem Konzept gebracht.
Mitten im Schlaf schreckte ich plötzlich hoch. Um mich herum hörte ich schlagartig Schüsse und laute jämmerliche Schreie. Als ich meine Augen aufschlug, erkannte ich aber schnell, dass der Fernseher weiterhin lief und mittlerweile ein Horrorfilm gezeigt wurde, der mich zusammenfahren ließ.
Ich blickte auf die Uhrzeit an meinem Handy. Es war zwei Uhr in der Nacht. In der Zwischenzeit hatte mir auch mein Freund geschrieben, dass er gut im Hotelzimmer angekommen wäre und er einen erfolgreichen Tag hinter sich gebracht hatte. Er würde sich aber erst morgen wieder bei mir melden, weil er zu müde sei um noch zu quatschen.
Nun war ich wieder hellwach und fand auch bis kurz vor fünf nicht mehr in den Schlaf. Stetig drehte ich mich von der einen auf die andere Seite. Überlegte wie ich die Sache mit dem Smartphone am sinnvollsten angehen sollte und was das wohl alles zu bedeuten hatte.
Gerade als ich wieder etwas zur Ruhe kam, klingelte mein Wecker. Es war Zeit um sich fertig für die heutige Spätschicht zu machen. Also blieb mir wohl keine andere Wahl, als aufzustehen.
Ich führte meine tägliche Morgenroutine durch, schnappte mein Handy und im selben Zuge auch das Gefundene. Beide warf ich in meine Handtasche und machte mich auf meinen Arbeitsweg. Während der Fahrt ertönte brüsk ein Klingelton in meinem Auto. Jedoch einer, der mir absolut nicht bekannt vorkam.
Ich zog meine Handtasche auf dem Beifahrersitz an mich heran und versuchte während ich die eine Hand am Lenkrad hatte, mit der anderen in meiner Tasche herum zu fischen.
Als ich mein Handy zu greifen bekam und es herauszog, war jedoch auf dem Bildschirm nichts zu sehen. Ich ließ es wieder in die Tasche sinken und fuhr das letzte Stück bis zum Parkplatz meiner Arbeit. Kaum hatte ich eingeparkt, zerrte ich meine Handtasche auf meinen Schoß und leerte sie auf dem Beifahrersitz aus. Außer meinem Smartphone war nichts, in der Tasche, was hätte einen Ton abgeben können. Es sei denn, es wäre das herrenlose Handy.
Zwischen meinem Schlüsselbund, einem Terminkalender, Kaugummis, einer Bürste, Tampons und vielen weiteren Kleinigkeiten bekam ich es letztlich zu fassen. Da war es nun und tatsächlich – auf dem Bildschirm erschien eine Pop-Up Benachrichtigung. In Großbuchstaben war darauf zu lesen: „WER BIST DU?“. Ich konnte es nicht fassen. Warum hatte ich bloß dieses blöde Ding mit zur Arbeit genommen. Verfolgte mich diese Person jetzt schon bis zu meinem Arbeitsplatz? Sofort begann ich wieder nervös zu werden. Ich nahm alle meine Sachen, die sich auf meinem Beifahrersitz befanden, warf sie zurück in meine Tasche, packte das gefundene Handy und schmiss es in den Fußraum des Beifahrersitzes. Im Anschluss stützte ich den Kopf auf mein Lenkrad und umklammerte es fest mit meinen Händen, während ich stark damit beschäftigt war, meine Tränen zurück zu halten. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film. Was ist, wenn die unbekannte Person, mich nun nach der Arbeit abfangen würde? Würde mir jemand helfen oder müsste ich alleine um mein Leben kämpfen? Muss ich sterben oder ist alles nur ein dummer Streich? Auf einmal klopfte Jemand an meine Heckscheibe. Sofort geriet ich in Panik, guckte nervös in den Rückspiegel, doch sehen konnte ich niemanden. Mit einem kräftigen Schwung öffnete ich meine Fahrertüre und stolperte heraus. Vor mir stand eine Gestalt. Mein Blick wanderte langsam vom Unter- zum Oberkörper. Die Person machte keinerlei Anstände sich weg zu bewegen oder einen Ton von sich zu geben. Ich traute mich kaum den Kopf soweit anzuheben, dass ich Auge in Auge mein Gegenüber ansehen konnte. In meinem Kopf begann es laut zu klopfen. Wahrscheinlich war das mein Puls, der so langsam nervös wurde. Nun würde ich wohl gleich eine Pistole an meinen Schädel gehalten bekommen. Ich hatte bereits den Laut im Kopf, welche die Waffe bei der Entsicherung von sich gab.
Warum sonst wäre ich denn die ganze Zeit so penetrant observiert worden? Nur langsam richtete ich den Blick nach oben zu meinem Gegenüber. Aber überraschender Weise blickte ich hierbei nicht in das Gesicht eines Massenmörders, sondern in das freundlich, doch leicht verdutzte meiner Kollegin. Erleichterung machte sich breit. Ich ärgerte mich, dass ich so schreckhaft reagiert hatte, dennoch hätte sie nicht wie eine Verrückte so dermaßen an meine Scheibe klopfen dürfen. Sie hätte doch warten können, bis ich ausgestiegen war. Ich glaube sie konnte gut meinen Gesichtsausdruck deuten, als sie mich mit ihrer zierlichen Stimme begrüßte: „Entschuldige bitte! Ich wollte Dich mit meinem Klopfen nicht erschrecken, sondern hatte mich einfach so gefreut, Dich nach meinem Urlaub endlich wieder zu sehen und in die Arme schließen zu können. Aber dem Anschein nach warst du gerade voll in Gedanken, oder? Ich habe gesehen, wie Du im Auto zusammengezuckt bist, deswegen dachte ich, dann komme ich lieber gleich an Deine Tür, damit Du mich richtig erkennen kannst. Sorry!“ brachte leider nur ein kleinlautes: „Ist schon okay!“ über die Lippen und lief dann gemeinsam mit ihr in die Praxis. Keinesfalls wollte ich, dass meine Kollegen davon Wind bekommen, was bei mir aktuell los ist.
Jetzt aber war Zähne zusammenbeißen angesagt, um den Arbeitsalltag zu bewältigen und das möglichst ohne in irgendeiner Hinsicht aufzufallen.
Der Tag brachte wieder einige Herausforderungen mit sich, so konnte ich mich auch fernab von dieser Handysache gut beschäftigen.
Ab und an kam es bei uns in der Praxis vor, dass ein Patient plötzlich zum Notfall wird. Sauerstoff benötigt oder gar wiederbelebt werden musste. Eben solch ein Tag war heute. Aus heiterem Himmel wurde aus einem onkologischen Patienten ein kardiologischer Notfall mit vollem Programm.
Einerseits waren das die stressigsten Tage, andererseits auch die Lehrreichsten.
Was interessiert mich da solch eine primitive Handynachricht?
Normalerweise unterhielt ich mich nach der Arbeit noch etwas mit meinen Kollegen auf dem Parkplatz, aber seit ich nun wusste, dass ich beobachtet wurde, wollte ich einfach möglichst rasch aus der Öffentlichkeit heraus und zurück in meine eigenen vier Wände. Auch wenn das automatisch hieß, dass ich dort wieder alleine sein würde.
Daraufhin stieg ich in mein Auto und trat die Heimfahrt an. Während der Rückfahrt schoss mir ständig der Gedanke durch den Kopf, dass ich ab jetzt wieder Einzelkämpfer war.
Da ich keinen festen Parkplatz unmittelbar in der Nähe unserer Wohnung angemietet hatte, musste ich täglich mein Auto in einer Seitengasse auf öffentlichem Raum abstellen. Dies stellte für mich prinzipiell kein Problem dar.
Gerade in den Sommermonaten genoss ich es, meinen Heimweg mit einem kleinen Spaziergang zu verbinden und im selben Zuge noch etwas Sonnenstrahlen aufzusaugen.
Aber um so dunkler die Jahreszeit voranschritt, um so schneller wurde prinzipiell mein Laufstil.
Doch was sollte ich nun tun? Ich fühlte mich alles andere als sicher. In meinem Wohnort angekommen, musterte ich auf den letzten Metern all die Personen, an denen ich vorbeifuhr. Manche schienen mich überhaupt nicht zu bemerken, andere wiederum starrten direkt in mein Auto.
Menschen, die weder mich noch umgekehrt, ich sie kannte. Junge und ältere. Ein junger Erwachsener mit Dreitagebart und einem überdimensional großen Kapuzenpullover stand einfach auf dem Gehweg und hatte meines Erachtens kein wirkliches Ziel oder vielleicht doch? Wartete er auf jemanden oder beobachtete er einfach nur das Geschehen?
Zu schnell flogen die Menschen durch die Fahrt an mir vorbei. Ich hatte keine Zeit sie genauer zu analysieren, obwohl es für mich so wichtig gewesen wäre. Nun begann es auch noch zu allem Übel zu regnen und stürmen. Ich schaltete meinen Scheibenwischer auf Hochtouren, damit ich überhaupt noch aus der Scheibe gucken konnte. Typisches Oktoberwetter dachte ich mir. Die Wolken legten sich wie eine große graue Decke über die Stadt. Ich parkte mein Auto, nahm meine Tasche, versperrte mit der Fernverriegelung mein Auto, während ich begann zu rennen.
Mein einziges Ziel war nur noch heil zu Hause anzukommen. Diesmal würde es ja nicht auffallen, dass ich vor Angst begann zu sprinten. Schließlich schüttete es mittlerweile in Strömen und eigentlich war es mir in dem Moment auch egal, was man über mich dachte. Hauptsache ich war weg von der Straße. Kurz bevor ich die Zielgasse meiner Wohnung erreichte, tauchte jählings wieder dieser Typ auf, dem ich vorher im Vorbeifahren schon gesichtet hatte.
Derweilen hatte er sich die Kapuze seines Sweaters tief in sein Gesicht gezogen. Man konnte daher lediglich seinen Bart wahrnehmen. Sein Blick war strikt auf den Boden gerichtet. Er wirkte ziemlich muskulös und sein Schritt war eher aggressiv. Die durch den starken Wind heruntergefallenen Blätter raschelten enorm unter unseren Schuhen und um so näher wir uns kamen, um so mulmiger wurde mir. Ich wusste, ich müsste um an meine Haustüre zu gelangen, in der engen Gasse direkt an ihm vorbei. Tag täglich war es mir ein Dorn im Auge, den Leuten immer aus dem Weg gehen zu müssen ohne sich dort in die Quere zu kommen. Vor allem war ich genervt davon, dass die meisten Leute dort morgens nicht einmal den Anstand hatten einander zu grüßen.
Für mich gab es nun keine andere Option. Ich musste zu meiner Wohnung und das möglichst schnell. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, tat völlig unbeeindruckt und stürmte an ihm vorbei.
Als wir auf derselben Höhe waren konnte ich ihn regelrecht atmen hören und auch sein Aftershave blieb sofort in meiner Nase hängen. Es roch ziemlich frisch aufgetragen. War er tatsächlich bewusst am selben Ort wie ich?
Während dieses Gedankengangs streifte meine Tasche versehentlich seinen Oberschenkel. Im Normalfall hätte ich mich nun entschuldigt, aber dieser Moment war ja eben nicht normal. Ich fühlte mich bedroht, also war ich dazu berechtigt, weiterzugehen.
Aus dem Augenwinkel sah ich ihn herum gestikulieren, jedoch erhob er weder den Kopf noch gab er einen Laut von sich. Nach dem wir aneinander vorbei waren, drehte ich mich nochmals nervös in seine Richtung, um zu sehen ob er eventuell nun seine geändert hätte. Dem war nicht so.
Noch fünf Schritte, dann hatte ich es zu meiner Eingangstür geschafft. Ich wühlte wie wild in meiner Tasche umher, um den Schlüssel hervorzukramen und zitterte ihn anschließend in das Schloss. Gleich bin ich da!
Die Kirchturmuhr schlug gerade einundzwanzig Uhr, als mich beim Öffnen der Haustür etwas unsanft am Hinterkopf traf, das mich bewusstlos werden ließ. Danach wusste ich erst einmal nichts mehr was mit mir passiert war.
Nur langsam konnte ich meine Augen öffnen, doch das Bild um mich herum blieb vorerst verschwommen. Ich befand mich in vollkommener Dunkelheit. Nur eines wurde mir schnell klar – ich war ganz sicher nicht mehr vor meiner Haustüre. Mein Hinterkopf brannte, an meiner Wange rannte eine klebrig, leicht angetrocknete Spur hinunter und in meinem Mund bildete sich ein metallischer Geschmack. Mein Kopf schmerzte so sehr, dass ich einen anhaltenden Schwindel verspürte und meine Gliedmaßen durch den betäubenden Schmerz kaum wahrnehmen konnte.
Ich gab mir größte Mühe mich wach zu halten, aber dieses enorme Stechen zog mich immer wieder in die Ohnmacht. Es benötigte eine Weile, bis ich zu mir kam.
Zu allererst kam mein Geruchssinn zurück. Es roch nach frischem Kerzenwachs in abgestandener Luft.
Nein, es roch eher, nach verbranntem Fleisch.
Abrupt realisierte ich, dass meine Hände begannen, wie Feuer zu brennen. In dem Raum, in dem ich festgehalten wurde, flackerte plötzlich ein kleines Licht auf.
Als ich den Blick auf meine Hände warf, musste ich schreiend feststellen, dass das Wachs begann diese zu zerfressen. Meine Nervenbahnen schienen innerlich zu explodieren, während meine Haut sich zunehmend von meinen Handwurzelknochen ablöste. Verzweifelnd versuchte ich mich aus dieser misslichen Lage zu befreien, doch waren meine Beine gefesselt und meine Arme an einen Bürostuhl mit Kabelbindern fixiert.
Mit all meiner Kraft, rutschte ich mit meinem Körper auf und ab. Aus dem Hintergrund tauchte auf einmal eine vermummte, schwarz gekleidete Gestalt vor mir auf. Langsam fuhr sie mit ihrem Zeigefinger über mein Gesicht. Sie berührte meine Lippen, das Kinn und fuhr nach dem Hals bis zur Armbeuge hinunter. „Was für ein schönes Motiv! Eigentlich bedauerlich!“, schwärmte eine weibliche Stimme. Was sie damit meinen würde konnte ich allerdings bis dato noch nicht nachvollziehen.
Die Person umkreiste mich, während ihre Hand behutsam über meinen Oberkörper glitt. Eine Berührung, die mich schaudern ließ.
Das Gefühl, dass diese Person mich wohl kannte, während ich im wahrsten Sinne des Wortes völlig im Dunklen tappte, bereitete mir große Angst. In meinem Kopf rasten die Gedanken umher, dass es mir vorkam als würde diese jemand laut aussprechen.
Mit pochender Stimme warf ich in den Raum: „Lass mich gehen! Du musst mich verwechseln“.
In derselben Sekunde, erstrahlte zeitgleich ein rotes grelles Licht. Es leuchtete meines Erachtens so hell, dass es meinen ganzen Körper zu durchdringen vermochte.
Meine Augen, welche sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt hatten, fühlten sich an, als würden sie soeben verätzt werden. Die Lichtquelle brannte so sehr auf meiner Netzhaut, dass es mir den Anschein machte, jeden Moment zu erblinden. Aus Automatismus begannen meine Augen damit, zu tränen.
Erst nachdem ich einige Male blinzelte gelang es meinem Gehirn Wahrnehmungen wieder in korrekter Weise darzustellen.
Aus dem Hintergrund erklang nun zischend eine Stimme: „Bist Du Dir da wirklich sicher? Schau Dich hier ruhig mal um!“ „Umschauen!“, erwiderte ich hysterisch. „Das ich nicht lache. Wie denn? Wenn Du mich hier festhältst.“
Belustigt schallte es zurück: „Du Dummkopf – Du musst doch nur einfach den Blick nach Vorne werfen!“ Wie ferngesteuert schnellte mein Kopf aus meiner verkrampften, zusammengekrümmten Position nach oben und das was ich dort sah, lies mich meinen Augen kaum trauen.
Ich meinte soeben den Verstand verloren zu haben.
In einem bösen Albtraum festzustecken. Ich schüttelte mit meinem Kopf und murmelte vor mich hin: „Wach auf! Du musst einfach nur aufwachen! Dann ist alles vorbei!“
Hastig öffnete und schloss ich im Wechsel meine Augen. Bedauerlicherweise veränderte sich meine Sachlage aber nicht, als ich endgültig vor mir die einst identische Situation vorfinden musste.
Der Raum in dem ich gefangen gehalten wurde, war wohl eine Dunkelkammer zum Entwickeln von Fotos und das Licht, das mich blendete, ein Rotlicht, diente ebenfalls dafür.
Das, an sich, wäre ja noch das kleinere Übel gewesen, im Vergleich dazu, dass über den kompletten Raum verteilt, Seile hingen, an welchen sich entwickelte Fotos hauptsächlich von mir, aber auch von meiner Familie befanden. Einige Aufnahmen erkannte ich direkt wieder.
Sie waren auch auf dem Handy abgespeichert, das ich gefunden hatte. Aber was wollte die Person mit meinem Gesicht auf den Fotos? Abermals erklang die Stimme: „Wer bist du?“ Diesmal machte sie einen bestimmenden Eindruck.
Was meinte meine Entführerin damit? Wer soll ich denn sein? Ich war doch eher in der Position danach zu fragen, wer sie ist, nicht umgekehrt.
Sie wusste mehr über mich, als ich nur ansatzweise über sie. Von wem hingen denn hier die ganzen Fotos? Mit Sicherheit nicht von ihr.
Ich hatte nicht mal ein Gesicht zu der Person.
Schon bekam ich wieder einen Schlag ab.
Die Tatsache, dass ich keine Antwort auf die Frage hatte, schien meiner Entführerin wohl nicht zu gefallen.
Mein Kopf dröhnte vor Schmerz und mittlerweile war mir bewusst, dass es sich bei der klebrigen Flüssigkeit an meiner Backe, um mein eigenes Blut handeln musste.
An meiner Schläfe bemerkte ich eine offene Wunde. Obwohl ich sie durch meine Fixierung nicht mit den Händen erfühlen konnte, spürte ich den genauen Ort, an dem mich der Gegenstand getroffen hatte und das Blut aus meinem Körper austrat.
„Du musst nachdenken!“, forderte ich mich selbst auf. Wer war ich, beziehungsweise wollte ich sein? Ich wusste nicht auf was die Person genau aus war, was mich noch nervöser werden ließ. Aber wenn ich mich hätte beschreiben müssen, stand es um mich ziemlich unspektakulär. Ich war jung, ledig, sozial engagiert und eigentlich führte ich ein ziemlich langweiliges Leben. Ich stand bereits von klein auf im Schatten meiner jüngeren Schwester. War nie so niedlich, sportlich und musikalisch wie sie. Schaffte weder meinen Führerschein auf das erste Mal und eine weitere Ausbildung benötigte ich, um ein selbstständiges Leben zu führen.
Vieles gelang mir nur auf den zweiten Anlauf, während meine Schwester ziemlich gelassen durch das Leben marschierte und ihr Glück außerdem mit einer Heirat und der Geburt meiner zwei Nichten krönte.
Ich musste mich hingegen durchbeißen. Mir alles hart erarbeiten und oft um Anerkennung kämpfen. Parallel dazu, war ich auch noch ein unglaublicher Schisser. Nicht nur, wenn es um gruselige Filme ging, sondern auch, wenn ich mit Entscheidungen zu kämpfen hatte.
Ich hatte prinzipiell Angst, welche Konsequenzen mich erwarten würden, während meine Schwester einfach direkt mal loslegte, bevor sie zu überlegen begann.
Was war denn also plötzlich so interessant an mir? Das konnte doch nicht die gewünschte Antwort gewesen sein, oder? Flehend und mit beschlagener Stimme, gab ich der Fremden zu verstehen: „Ich weiß es nicht! Ich weiß nicht, wer Du willst das ich bin?“ Da trat meine Entführerin wieder hervor und sprach: „Schäm Dich! Aber Du scheinst es tatsächlich nicht zu wissen. Ich werde Dir nun einen Hinweis geben und dann beantwortest Du mir meine Frage.
Löst Du sie richtig, werde ich Dir die Freiheit schenken. Gibst du mir eine falsche Antwort, dann werde ich Dich bestrafen!“
Mein Kiefer begann mittlerweile zu schmerzen. Vor Nervosität musste ich meine Zahnreihen so fest aufeinandergepresst haben, dass ich derweilen einen Druck in meinen Ohren verspürte, der sich langsam auf dem Weg zum Kopf machte und unterdessen meine offene Wunde zum pulsieren brachte.
Aus dem Hintergrund hörte ich mit flüsternder Stimme: „Nun bist Du endlich wie Wachs in meinen Händen!“ Ich schrie in die Dunkelheit: „Was willst Du von mir?“
„Ich wollte Dir niemals schaden, aber nun werde ich Dich so lange bearbeiten, bis Du zergehen wirst, wie das Wachs auf Deiner Haut. Deine Organe werden zusammenfallen, wie ein abgebrannter Docht und Deine Seele verbrennen, wie der Teufel in der Hölle. Das was Du mir seelisch angetan hast, wirst Du körperlich büßen müssen! Du hast es ja selbst so gewollt!“
Ich brüllte: „Neeeeeeiiiiiiin, höre auf! Ich habe Dir nichts getan!“ Mit erhobener Stimme hörte ich wie die Person sagte: „Ich hatte Dich um eine Antwort gebeten, aber Du wohl zu blöd dafür! Es ist mir ein Bedürfnis, Dir nun des Rätsels Lösung zu offenbaren!“
Meine Entführerin lief zu einem in der Nähe stehenden Tisch und fischte aus einem mit einer Flüssigkeit gefüllten Behälter etwas heraus. Ein durchnässtes Stück Fotopapier kam zum Vorschein das sie unmittelbar vor mir auf eine der Leinen hing. Nach geraumer Zeit konnte man darauf die ersten Umrisse erkennen. Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich meine Aufmerksamkeit auf dieses Blatt gerichtet hatte, von dem ich so dringend wissen wollte, was darauf zu sehen sein wird, als ich hinter meinem Rücken ein klirrendes Geräusch vernehmen konnte.
Mein Körper schreckte zusammen und es überkam mich eine Flut an eisiger Kälte, die sich unvermittelt in einen Hitzeschwall umwandelte. Dabei erkannte mein Hirn, dass der Gegenstand der soeben zerbrochen sein musste, auf den Laminatboden gefallen war. Schroff wurde ich mit dem Stuhl, auf dem ich saß, zu Boden herab gerissen.
Einen Moment verlor ich darüber die Kontrolle, wo sich Himmel und Erde befanden. Mein Orientierungssinn glitt völlig aus dem Gleichgewicht, während ich in meinen Ohren ein knirschen oder gar kratzen wahrnahm.
Die Person musste einen Teil des Zerbrochenen vom Erdboden erfasst haben. Nun ging alles ganz schnell. Wie ein hilfloser Marienkäfer lag ich auf dem Rücken, binnen die Gestalt sich unerwartet über mir aufbäumte und ich zwischen deren Beinen um mein Leben bangte. Aus Reflex heraus wand sich mein Körper in jegliche Richtung entgegen der Fesseln. Doch der Stuhl, an den ich gebunden war, zwang mich wieder in meine Ausgangsposition zurück. Die Person bückte sich zu mir hinunter, während sie augenblicklich ein glänzendes, durchsichtiges ausgefranstes Stück Glas hinter dem Rücken hervorzog, was sich in meinen Augen spiegelte.
Mühevoll überstreckte ich meinen Kopf und sah hinter mir einen Scherbenhaufen, der zwischen einem Kunststoffbilderrahmen auf dem Laminatboden zu erkennen war. Doch bevor ich meinen Kopf wieder zurücknehmen konnte, übermannte mich ein vernichtender Schmerz in meinem Abdominalraum. Mein Magen empfand ein Gefühl von unmenschlicher Übelkeit und zugleich fühlte ich, wie sich etwas mit heftiger Wucht durch mein Bauchfett bohrte.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht und vollkommener Überforderung rief ich verzweifelnd um Hilfe. Es war nicht in Worte zu fassen, was mein Körper soeben für Strapazen durchleben musste. Kaum hatte ich die erste Welle des brutalen Stichs überstanden, holte die Person zum nächsten Schlag aus. Diesmal allerdings von einer ganz anderen Art und Weise. Erneut nahm sie sich eine Scherbe von Boden auf, hielt sie für einige Sekunden über die Kerze, die schon vorher meine Hände verbrannte und sagte mit zorniger Stimme: „Jetzt fühle den Schmerz den ich empfinde!“ Die abgeflammte und heiße Scherbe, drückte sie mir so lange auf meine Wange, bis meine Haut unter ihr zu zischen begann und sie verkohlt roch.
Der Geruch, war so widerlich, dass ich meinen Kopf zur Seite nahm und mich übergeben musste. Mein Körper wurde innerhalb Sekunden von jeglicher Energie ausgelaugt und während ich mich übergab schnitt die Scherbe, langsam, aber gekonnt durch mein Gesicht, wie der Metzger bei einem Stück Ringsalami. Ich spürte, wie die komplette Lebensenergie aus meinem Körper schwand und ich kurz darauf schier bewusstlos wurde. Ruckartig wurde ich aber wieder aus meinem Delirium gerissen. Sie setzte meinen Stuhl auf und ich hing wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Blut überströmte meinen Oberkörper, während mein Kopf beinahe auf meiner Brust umher taumelte. Mit flackernden Augenlidern erkannte ich, dass mir ein Foto unter die Nase gehalten wurde. Ich kombinierte – es hatte dieselbe Größe des Bildes, das vorhin vor meinen Augen auf die Wäscheleine gehängt wurde. Mittlerweile war es ganzheitlich entwickelt. Vor lauter Schreck brach ich zusammen, denn auf dem Foto, war mein Vater und ich zu erkennen.
Eines der letzten Fotos, die noch entstanden, bevor mein Vater unsere Familie verlassen hatte.
Er trennte sich von meiner Mutter nach mehr als fünfunddreißig Jahren Ehe und ließ sie einfach alleine zurück.
„Wer Du bist Du, dass Du Deinen eigenen Vater verleugnest? Schämst Du Dich denn etwa nicht dafür, dass Du ihm alles genommen hast? Seinen Job hier in der Stadt, seine Anerkennung in der Stadtgemeinde, den Kontakt zu Deiner Schwester, seinen beiden Enkelkindern und vor Allem, dass Du ihn mir weggenommen hast! Wir haben uns geliebt! Bei mir fühlte er sich nun richtig geborgen. Ihr habt ihm ständig Kummer bereitet. Wenn wir zusammen waren, konnte er einfach er sein. Er hat alles für Euch gegeben und Ihr habt ihn nie dafür gewürdigt, sondern nur nach Euch gesehen. Das ist nun also der Dank, dass Du ihn bei dem Stadtrat verraten hast? Was bist Du nur für eine furchtbare Tochter! Ich hatte früher immer den Eindruck, Du bist ein braves Mädchen, aber da habe ich mich wohl in Dir getäuscht. Du bist schlicht und ergreifend eine miese Verräterin!“, zischte es.
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Stimme kam mir vorhin schon bekannt vor, doch das hatte ich wirklich nicht erwartet. Langsam ließ sie sich auf den Boden unter den Tisch gleiten. Sie wirkte tatsächlich mitgenommen. Aber ich hatte kein Mitleid mit ihr. Ich empfand ihr gegenüber, nur tiefen Hass und bittere Abscheu. Sich so in eine intakte Familie zu schleichen, war für mich unverständlich. Obwohl sie die Maske auf ihrem Gesicht nicht abnahm, gab es für mich keinen Zweifel mehr – es war die Schlange!
So nannten, meine Mutter, meine Schwester und ich diese Frau, mit den schwarzen Haaren, welche als Pressefotografin, der Stadt eingesetzt wurde und sich vor zwei Jahren aus dem Hinterhalt in unser Leben schlängelte, um eine Affaire mit unserem Vater zu beginnen. Durch ihr Gift wurde der Gedanke unserer Familie wie ausgelöscht. Sie war der Grund dafür, dass meine Eltern sich scheiden ließen und meine Familie auseinanderbrach. Durch sie lag unser Leben in Scherben. Sie sorgte damals dafür, dass meine Mutter sich eine eigene Wohnung suchen musste und sie gleichzeitig ihre große Liebe – unseren Vater – verlor. Wegen ihr, blieb meinem Vater keine andere Wahl als die Stadtgemeinde und damit auch den Wohnort zu wechseln, da der Druck durch die Öffentlichkeit als Ehebrecher zu groß geworden war. Ihre Schuld war es, dass wir Kinder extreme Schwierigkeiten damit hatten, anderen Menschen wieder unser Vertrauen zu schenken und selbst an eine funktionierende Ehe zu glauben. Durch sie, flachte der Kontakt zu unserem Vater plötzlich schlagartig ab und obwohl wir ihn als Papa doch eigentlich so sehr liebten, konnten wir keine innige Bindung mehr zulassen. Ich schluchzte vor Schmerz, den ich körperlich und seelisch wahrnahm. Denn sie hatte mir nicht nur körperliches Leid zugefügt, sondern mein Herz in tausende Einzelteile zersplittern und durch die Scherben tiefe Narben auf meiner Seele hinterlassen. Wir Vier, waren nun Scherben unser selbst. Diese Einzelteile wie bei einem Puzzle wieder zusammen zu fügen, war bis heute unmöglich.
Auch für die Schlange, schien allen Anscheins nach, eine Welt zusammen zu brechen. Denn ihr Luftschloss, welches sie sich so sehr erträumt hatte, lag brach, wie in einem Scherbenmeer aus Glas. Sie stand vor einer gescheiterten Existenz, die sie sich hätte so wohlig vorstellen können an der Seite meines Vaters. Nur dumm, dass mein Vater, nach dem er wegzog, nicht nur meine Mutter hier zurückließ, sondern auch sie verlassen hatte und sich seitdem nie mehr bei ihr meldete.
Die Schlange war nicht, wie sie sich so wunderbar ausgemalt hatte, die perfekte Frau, welche sie doch so gerne für ihn sein wollte. Sie war nur einfach Opfer davon geworden, dass mein Vater durch seine viele Arbeit ein Burn-out mit eingehender Depression erlitten hatte. Er benötigte schlicht und ergreifend nur eine Person außerhalb der Familie, die ihm einen Fluchtweg aus der Sehnsucht nach Anerkennung bot und ihn vergötterte. Wie in dem Buch mit dem mordenden Richter, dachte ich mir.
Ich konnte damals nicht anders, als meinen Vater beim Stadtrat anzuzeigen. Meine Mutter so leiden zu sehen, erstickte jegliche Liebe im Keim und das hatte sie einfach nicht verdient.
Er hatte diese Entscheidung, meine Mutter so zu demütigen, für sich getroffen und musste nun mit den Konsequenzen leben. Meine Gedanken begannen sich auf einmal wirkungslos im Kreis zu drehen, als mir plötzlich der entscheidende Hinweis in den Sinn kam: Wessen Rätsel war das denn nun? Ihres oder gar meines? Warum wollte sie zwangsläufig wissen wer ich bin, wenn ich das selbst nicht wusste.
Prinzipiell würde ich sagen, dass ich immer dem Sinn meines Seins hinterherlief und auf keinen grünen Zweig zu treffen schien. Aber jetzt war alles schlagartig plausibel. Ich wusste nun wer ich war: Nicht, die junge verschüchterte Frau, die keine Antwort darauf hatte, welchen Platz sie im Leben einnehmen wollte. Diejenige, die sich mit anderen verglich, weil sie selbst nicht genügend Vertrauen in ihre Fähigkeiten setzte.
Nein, ich war die Person, die mit all ihrer Kraft, um ihre Ziele zu erreichen bis auf das Blut kämpfte und selbst nach einer Niederlage, den Mut hatte weiterzumachen.
Keiner hatte diesen unermüdlichen Gerechtigkeitssinn, wie er bei mir ausgeprägt war und deshalb war mir nun bewusst, warum sie mich aufgesucht und gestalkt hatte. Sie wollte einfach nur verstehen lernen, warum ich die Stärke hatte, offen über die Affaire zu sprechen, während mein Vater meine Mutter lange hingehalten hat und ihr eine Wahnvorstellung unterstellte. Diese Beiden hatten nicht den außreichenden Mumm gehabt, ehrlich zu sein. Weil sie Angst hatten! Angst vor den Konsequenzen.
Diese Erkenntnis lies mich schlagartig zu Kräften kommen.
Ich musste diese Sache hier überleben – für meine Familie und vor allem für meine Mama!
Rasch drückte ich mich mit meinen angebundenen Füßen vom Boden ab, rollte mit dem Bürostuhl zum Tisch mit dem Behälter und der darin enthaltenen Entwicklerlauge. Legte meinen Oberkörper über den Eimer und riss ihn mit all meiner Kraft seitlich zu Boden. So schnell konnte die Schlange weder ausweichen noch aufstehen. Der Eimer traf die Schlange, die noch vor dem Tisch am Boden saß, mit voller Härte im Nacken. Sofort klappte ihr Oberkörper unnatürlich wie ein Taschenmesser nach vorne zusammen und landete mitten im Scherbenhaufen.
In ihrem Hals hatte sich ein Splitter des zerbrochenen Rahmens verfangen, der ihr nun die Luft zum Atmen nahm. Sie jappste jämmerlich, während sich auf dem Boden eine immer größer werdende Lache an Blut ansammelte. Um noch etwas Sauerstoff aufnehmen zu können, nahm sie die Sturmmaske vom Gesicht. Langsam wendete sich ihr schwacher Körper in meine Richtung und starrte mich mit leerem Blick an. Mit geschwellter Brust sprach ich zu ihr: „Ich bin Dir doch noch eine Antwort schuldig – ich bin Ilona Geiwitz und Du ein dreckiges Stück Scheiße!“ Dann sollten ihre Pupillen sich verdrehen und ihre Atmung aussetzen. Ich brachte den Bürostuhl ins kippen und landete direkt auf der Schlange. Mein Körper bebte während ich damit beschäftigt war, mir eine Scherbe unter dem regungslosen Körper herauszuziehen. Die Befürchtung, dass sie doch noch lebte war groß, deshalb war es für mich umso wichtiger nun rasch zu handeln. Ich packte die Scherbe in meine zusammengebundenen Handflächen und rieb sie fest aneinander um die Kabelbinder damit zu durchtrennen.
Diese war so scharfkantig, dass ich mir dabei die Innenfläche meiner Hände aufschnitt und noch mehr Blut verlor. Gerade der enorme Blutverlust sorgte dafür, dass ich matt geworden war. Mit letzter Kraft öffnete ich die Fesseln an meinen Beinen und stürzte aus der Dunkelkammer.
Die Dunkelkammer war Teil einer Wohnung. Wahrscheinlich war es die der Schlange. Richtiger Luxus für den Privatgebrauch – doch das war mir in dem Moment nicht wichtig. Ich musste einfach nur weg hier. Ich schleppte mich durch die Gänge bis kurz vor die Ausgangstür als ich mein Handy auf einem Schränkchen liegen sah. Ich raufte es herunter und humpelte aus der Wohnung. Der Wind pfiff um meine Nase, ich atmete tief ein.
Wie klar der Himmel in dieser Nacht war und wie sehnsüchtig ich mich nach Luft und Freiheit sehnte.
Meine Füße trugen mich die letzten Meter bis raus zur Hauptstraße und es kam mir vor, als würde ich beginnen zu schweben. So sehr überkamen mich die Schmerzen an meinem Körper. Dann sackte ich zusammen.
Im letzten Moment hörte ich meinen Handyklingelton und als ich auf den Lautsprecher drückte, konnte ich die Stimme meiner Mutter auf der anderen Leitung vernehmen.
Besorgt meinte sie: „Kind, ist alles in Ordnung? Ich habe mir Sorgen gemacht. Irgendwie hatte ich so ein komisches Gefühl.“ Apatisch flüsterte ich: „Hilf mir Mama!“
Dann gingen meine Lichter aus.

16 thoughts on “Scherben

    1. Hallo liebe Löwenkind,

      bzw. ich vermute mal, dass Du ein weibliches Löwenkind bist 😂, bei so vielen weiblichen Figuren in Deiner Geschichte.

      Mir hat Deine Geschichte gut gefallen!

      Du hast Dir einen sehr komplexen Plot überlegt aus dem man im Prinzip noch viel mehr als eine Kurzgeschichte basteln könnte – im Prinzip wäre der Stoff für einen Roman vorhanden.

      Ich hätte gerne mehr Einblicke in die Gedankenwelt „der Schlange“ erhalten (eventuell durch einen Perspektivenwechsel) oder Schilderungen des Familienlebens mit und ohne den Vater (Rückblenden).
      Ich bin auch neugierig auf die Persönlichkeit des Vaters.
      Aber im Rahmen einer Kurzgeschichte ist man halt auch sehr eingeschränkt, mir fiel es auch schwer, nicht zu viel aber gerade genug zu schreiben. Übung macht hier vermutlich den Meister 😂

      Ich wünsche Dir viel Erfolg bei dem Voting!

      Liebe Grüße
      Anita („Räubertochter“)

      1. Liebe Anita,
        ❤️-lichen Dank für Deine Meinung zu meiner Geschichte!
        Ich bin froh, dass Du mir auch einen Ratschlag mit auf den Weg gegeben hast. Wie Du schon sagtest: „Übung macht den Meister“. Sehr gerne hätte ich tatsächlich auch einen Perspektivenwechsel mit eingebaut, nur musste ich mich in der Kurzgeschichte dann doch etwas zurücknehmen. Ich hatte eigentlich noch einige Ideen auch was die Ausschmückung meiner Erzählung anbelangt, aber musste dann doch einiges weglassen, um hierbei auf den Punkt zu kommen.
        Ich freue mich aber, dass Du an meine Geschichte glaubst und er sogar noch für einen Ausbau zu einem Roman geeignet wäre.
        Viel Erfolg Dir mit deiner Geschichte und weiterhin viel Spaß am Schreiben! 🤗
        Liebe Grüße

  1. Hey liebe Patricia,

    vielen lieben Dank für Deinen netten Kommentar!
    Es freut mich, dass Dir meine Geschichte gefallen und auch der Schreibstil in der Ich-Erzählung gut bei Dir angekommen ist!
    Natürlich werde ich mir ebenso Deine Geschichte durchlesen und Dir für das Voting die Daumen drücken. Ganz egal, wer es letztlich in das E-Book schafft, verdient haben es alle, die ihre Zeit und ihre Kreativität haben in dieses Projekt einfließen lassen! Ich wünsche Dir für Deine Zukunft alles Gute und bleibe auf jeden Fall am Ball was das Schreiben angeht!
    Ganz liebe Grüße! 🙂

  2. Hallo

    Ich möchte dir gerne ein Like dalassen.

    Denn du hast mich mit deiner Geschichte sehr überrascht.

    Es ist eine richtig gute Kurzgeschichte geworden.
    Die Perspektive hat mir gefallen, und die Handlung war spannend und durchdacht.
    Mein Kompliment.

    Man spürt, dass du dir viel Arbeit gemacht hast.

    Der Aufbau der Geschichte ist logisch erstellt und konsequent durchgezogen worden.

    Die Charaktere wirken glaubwürdig auf mich.
    Ich fand die Geschichte deshalb spannend und unterhaltsam.

    Vielen Glück weiterhin für dich und deine Geschichte.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, meine Geschichte auch zu lesen.
    Über einen Kommentar würde ich mich sehr freuen.
    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Vielen Dank.
    Swen

    1. Hallo Swen,
      ❤️-lichen Dank für deine positive Rückmeldung zu meiner Geschichte! Ich freue mich gerade sehr darüber!
      Schön, dass Du Dir die Zeit genommen hast, diese zu lesen und auch zu bewerten.
      Da hat sich die Schreiberei nach der Arbeit auf jeden Fall gelohnt.
      Es ist bisher meine erste Kurzgeschichte und umso mehr freut es mich, dass auch Andere daran gefallen gefunden haben! 😉
      Auch Dir wünsche ich für die E-Book Entscheidung alles Gute und dass Du es mit Deiner Geschichte hineinschaffst.
      Selbstverständlich werde ich Deine Geschichte lesen. Bin schon gespannt, worum es sich dabei dreht!
      Alles Gute weiterhin und toi, toi, toi!
      Liebe Grüße 🤗

  3. Hi, erstmal ein lob für Deine Geschichte. Du hast einen schönen und klaren Erzählstil. Auch die Erzählperspektive hast Du, wie ich finde, gut umgesetzt.
    Meiner Meinung nach hätte der Charakter der „Schlange“ etwas besser heraus gearbeitet werden können, damit man versteht, warum sie sich so extrem „rächt“.
    Aber alles in allem eine tolle Geschichte.

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine zu lesen : Glasauge
    Über ein Feedback würde ich mich sehr freuen.

  4. Hallo,
    vielen Dank für das Feedback und dem Tipp, den Charakter der „Schlange“ noch mehr auszuarbeiten. Das war auch tatsächlich mein ursprünglicher Plan, nur musste ich dann meine Geschichte auf Grund der Seitenzahlbeschränkung doch deutlich kürzen. Was dann wahrscheinlich dazu führte, dass doch einige Einzelheiten daher entfallen sind. Ich werde mir jedoch Deinen Rat für meinen zukünftigen Schreibstil auf jeden Fall zu Herzen nehmen! Danke, dass Du meine Geschichte gelesen hast!
    Auch Dir natürlich viel Erfolg weiterhin und selbstverständlich werde ich mir auch Deine Geschichte durchlesen!
    Liebe Grüße und alles Gute für weitere Projekte! 👍🏻

  5. Hallo Löwenkind,
    tolle Geschichte! 👏 Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut und das Schreiben aus der Ich-Perspektive ist Dir auch sehr gut gelungen. Ich glaube, dass Du daraus einen tollen Roman machen könntest, da die Handlung komplex ist und Deine Figuren sehr interessant sind.
    Hab Dir gerne ein ♥️ da gelassen.

    Vielleicht magst Du ja auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen, das würde mich sehr freuen. 🌻🖤

    Liebe Grüße, Sarah! 👋🌻 (Instagram: liondoll)

    Link zu meiner Geschichte: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stumme-wunden?fbclid=IwAR1jjPqPu0JDYk0CBrpqjJYN78PYopCEU1VGdqzCvgp7O4jnGKQSFdS6m6w

    1. Hallo Sarah,

      wow, danke Dir für Deine lieben Worte bezüglich meiner Geschichte.
      Zum ersten Mal habe ich mich hier an einer Ich-Erzählung versucht und es ist schön, dass diese Dir zugesagt hat und Du sogar der Meinung bist, dass daraus ein Roman entstehen könnte. Ich werde dran bleiben an dieser Sache. Vielleicht klappt es ja doch irgendwann. 😉
      Dir wünsche ich natürlich auch viel, viel Erfolg mit Deiner und hoffe, dass Du die Gelegenheit bekommst, dass Deine Geschichte veröffentlicht wird.
      Liebe Grüße ☺️

  6. Moin Moin,

    das ist ja ne richtig krasse Storie…WOW!

    Du besitzt einen so lockeren Schreibstil, daß ist Wahnsinn! Nichts wirkt zu viel, oder überflüssig formuliert…Nein, da passt alles.

    Zu erst ist da die Angst die deine Proragonistin fühlt und du uns beim Lesen spüren lässt.
    Und dann sind da die Szenarien um Schmerz, Körper, Wunden und Fleisch und die beschreibst du mit einer Leichtigkeit das ist unfassbar!
    Alles was du an Emotionen transportieren wolltest, ist genau dort angekommen wo es hin sollte und hat dort das Kopfkino gestartet. Ganz, ganz stark!! Und alles in der ICH-Perspektive. WAHNSINN!
    Deine Protagonistin hast du Super skizziert und dein ganzer Plot wirkt extrem gut ausgearbeitet.

    Hat mir Mega gut gefallen! Schreib bloß weiter und sei stolz auf Dein Werk! Wirklich, ganz, ganz GROßARTIG!

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

    1. Hallo Frank,

      Wahnsinn, ich bin gerade absolut überwältigt von diesem unfassbar tollen und vor allem positiven Feedback. Daher freue ich mich natürlich sehr darüber!
      Lieben Dank für diese Nachricht!
      Das ist meine allererste Geschichte, die nun auch einmal von fremden Personen gelesen wird. Zuvor hatte ich mich nie getraut sie an Andere weiterzugeben, da ich mir nicht sicher war, ob mein Gedankengut tatsächlich interessant sein könnte.
      Um so schöner ist es, hier diese Kommentarfunktion zu haben und sich gegenseitig auszutauschen.
      Ich werde an der Sache mit dem Schreiben dran bleiben. Eventuell ergibt sich ja doch noch was.
      Auch Dir wünsche ich mit Deiner Geschichte viel Erfolg, eine Menge an ehrlichen Kommentaren und für die Zukunft weiterhin viel Spaß am Verfassen von Texten jeglicher Art.
      Danke fürs Mut machen und alles Gute!
      Liebe Grüße 🙂

  7. Hallo Löwenkind (mich hat dein Name auf die Geschichte aufmerksam gemacht 🙂 ),
    ich mag Ich-Perspektiven und ich finde, du hast sehr gut geschrieben. Die Geschichte ist spannend, lässt sich gut lesen und die etwas blutigeren Szenen beschreibst du Klasse!
    Selbstverständlich bekommst du ein Like.
    Liebe Grüße
    Patricia von der Geschichte ANGERICHTET

    1. Hallo Patricia,

      danke Dir für deine liebe Nachricht zu meiner Geschichte!
      Ist ja lustig, dass Du auf Grund meines Namens auf diese aufmerksam wurdest. Mein Pseudonym hat für mich eine besondere Bedeutung und deshalb auch dieser Name.
      Ich habe mich wirklich gefreut, dass Dir mein Erzählstil gefallen und du mir einen Kommentar da gelassen hast! Vielleicht hat ja somit meine Geschichte doch irgendwann die Möglichkeit einen größeren Radius zu erlangen.
      Liebe Grüße und toi, toi, toi für Deine! ☺️👍🏻

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