L.MirallesGuerraSchreie

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Schreie. Verzweifelte, anhaltende Schreie, so markerschütternd, dass einem förmlich das Blut in den Adern gefriert.

Dann plötzliche Stille.

Es ist vorbei, doch die Schreie werden niemals verstummen.

 

Keuchend fuhr Marc in seinem Bett hoch und versuchte erst einmal wieder zu Atem zu kommen. Dieser elende Traum! Seit fast einem Jahr schon verfolgte er ihn und sorgte dafür, dass er sich nicht nur dauerhaft schlapp fühlte, sondern so langsam wirklich an seine nervliche Grenze geriet. Der Wecker, der eine knappe Minute später deutlich machte, dass es Zeit war aufzustehen, ließ den Mittzwanziger gehörig zusammen zucken, ehe er mit einem leisen Fluchen nach seinem Handy griff und es stumm schaltet.

„Gooott im Himmel…“

Er seufzte gedehnt und streckte sich dann. Wenn er nur mal eine Nacht wieder durchschlafen könnte. Nicht nur einfach durchschlafen, sondern entspannt durchschlafen. Ohne Albträume. Ohne Schreie, die ihm noch jetzt in den Ohren klingelten.

„Fuck!“

Ein kurzer Blick auf die Uhr machte ihm deutlich, dass er schon wieder vor sich hin gestarrt haben musste; dabei das Schreien in den Ohren, welches ihn noch den Großteil seines Tages begleiten würde. Dieser verdammte Albtraum.

 

Eine halbe Stunde später war Marc bereits auf dem Weg zur Arbeit. Aktuell jobbte er bei McDonalds. Seine Schichten waren zwar immer ziemlich stressig, aber lenkten ihn wenigstens von der allnächtlichen Tortur ab. Außerdem hatte er als Kassierer das Glück durch sein Aussehen und seinen, definitiv vorhandenen, Charme, auch das ein oder andere Trinkgeld einheimsen zu können. Etwas, was ihm wirklich gelegen kam, denn sonst hätte er sicherlich nicht die Möglichkeit so oft auszugehen. Kino, shoppen oder ab und zu mal die Nacht zum Tag zu machen und an einem der Autorennen teilzunehmen, die hier in aller Regelmäßigkeit stattfanden. Los Angeles war die Stadt der Engel, der Freiheit und der dauerhaften Gesetzesübertretungen. So, wie wohl jede andere Stadt auch, nur dass man über L.A. sehr viel mehr hörte, als über das kleine Kaff aus dem er kam und in welchem es schon als Verbrechensserie galt, wenn der Bauer vom Gut nebenan zwei Mal im gleichen Monat bei Rot über die Ampel fuhr.

Marc liebte das Leben in der Großstadt. Hier war alles anonym, solange man es so wollte. Hier war alles unverbindlich, solange man es nur deutlich machte. Und hier konnte er mit seinen stechend blauen Augen und dem Dackelblick, den er über die Jahre wirklich perfektioniert hatte, so einiges erreichen. Zum Beispiel einen kostenlosen Kaffee bei Jenny aus dem Coffeeshop direkt gegenüber der Haltestelle, an der er jeden Morgen auf seinen Bus wartete.

Jenny war wirklich eine Hammerbraut. Ellenlange Beine, einen Busen, in dem Marc am liebsten jeden Morgen versinken könnte und ein Lächeln, dass auch den pessimistischsten Menschen dazu brachte seinen Kaffee von ihr mit Sahne und Schokostreusel aufpimpen zu lassen. Weil heute so schönes Wetter war oder weil man sich ja sonst nichts gönnte, oder… Oder, weil Jenny einfach die totale Schönheit war und sich Marc tagtäglich fragte, was sie in so einem öden Shop machte, statt auf den Laufstegen der Welt herum zu stöckeln.

„Na, du bist aber heute spät dran“, warf sie ihm auch schon lachend entgegen, als er etwas abgehetzt in den Laden stürmte. Drückte ihrem Lieblingsstammkunden, wie sie ihn immer nannte, seinen Coffee to go in die Hand und wuschelte ihm durch das verstrubbelte Haar.

„Deine Locken zeigen heute gen Westen. Wird wohl ein Sturm aufziehen“, feixte sie und zog den Gummi ihres Zopfes kurz fest, fast, als wolle sie sich vergewissern, dass er dem Sturm auch standhalten konnte.

„Hab verschlafen. Danke dir, wir sehen uns, Goldstück!“, kam es nur hektisch von Marc, der mit einem Blick nach draußen auch schon die Beine in die Hand nahm, da sein Bus gerade vorfuhr. Verdammt!

Glück im Unglück würde man sagen, wenn man bedachte, dass gerade heute die alte Mary den Bus lenkte. Sicherlich müsste sie schon seit Jahren in Rente sein, aber solange man sie nicht leblos aus dem Bus schleppen würde, würde sie ihren Fahrersitz bis aufs Blut verteidigen.  Ihm war es egal, denn Mary mochte ihn und das bedeutete, dass sie auch auf ihn wartete, obwohl er gerade erst über die Straße hastete, als sie die Türen gerade schloss. Doch für ihn öffnete sie noch einmal. „Danke, Sie sind ein Goldstück!“

 

„Nein! Nein, nein, neiiin! Bitte nicht! Bitte, bitte nicht!“

Er musste eingeschlafen sein, denn die Stimme bohrte sich förmlich in sein Gedächtnis und schien dort immer und immer diese flehenden Worte zu wimmern und zu schreien und ihm die Fahrt zur Arbeit vollends vermiesen zu wollen. Marc rieb sich die Augen und sah sich um. Der Bus war voll, wie immer um kurz nach sechs Uhr am Morgen. Leicht leckte er sich über die Lippen, um zu sehen, ob er vielleicht im Schlaf gesabbert hatte, stellte aber zu seiner Erleichterung fest, dass er wohl perfekt wie eh und je aussah. Sein Blick glitt an seinem Körper hinab, der heute in einer schwarzen worn-out –Jeans und einem eng anliegenden, weißen Shirt mit Tommy Hilfiger-Aufdruck steckte. Mit den schlichten, grauen Canvas war er der absolute Durchschnittstyp, zumindest oberflächlich gesehen. Doch Frauen sahen bei ihm immer zwei Mal hin, schließlich hatte er einen ziemlich gut definierten Körper und ein Gesicht zum Niederknien. Ein Zitat der Mutter seiner Ex und Worte, die er nur zu gern im Gedächtnis behielt. Vor allem seine weichen, vollen Lippen waren bei ihr mehr als nur ein Grund dazu gewesen.

Marc wusste, dass er gut aussah, weshalb er sich nun auch nicht mehr auf sich selbst konzentrierte, sondern seinen Blick über die anderen Fahrgäste schweifen ließ. Da war Anna, mit der er schon ein paar Mal feiern gewesen war und der er jetzt kurz zuzwinkerte. Maliah, die wie immer an ihrem Laptop saß und wahrscheinlich noch das letzte Dokument für ihren Chef fertig machte. Dann waren da Jordan und Casey, die ihren Morgen wie immer damit verbrachten, sich die Zungen gegenseitig in den Hals zu schieben. Man kannte sich von Parties, aber sonst waren die beiden eher eine Sackgasse. Marc seufzte, denn es war langweilig, wenn man immer dieselben Leute sah. Niemand neues an Bord? Tatsache. Ein wenig enttäuscht verließ er wenig später den Bus, hatte sich in der Zeit gerichtet, was eigentlich nur bedeutete, dass er versucht hatte seine Locken insoweit zu bändigen, dass sie einigermaßen akzeptabel aussahen. Der Frisch-aus-dem-Bett-Look mochte nämlich den Frauen gefallen, seinem Chef definitiv nicht.

 

„Nun, Mister Harrison. Ich freue mich, dass Sie heute zu mir gekommen sind, auch wenn der Grund dafür wohl nicht so erfreulich ist.“

Die Frau, die ihm gerade gegenüber saß, wirkte unglaublich entspannt und strahlte eine Ruhe aus, die Marc gerade wirklich gebrauchen konnte. Die Schicht war anstrengend gewesen und er wirklich k.o. Vor allem aber hatten ihm die Schreie heute keine ruhige Minute gegönnt. Nicht einmal während der Arbeit.

„Stimmt, ist eher ziemlich beschissen“, gab er ehrlich zu und atmete jetzt tief durch. Wahrscheinlich würde sie ihn gleich für verrückt erklären. Ganz amtlich und mit Zertifikat.

„Ich höre Schreie… ständig. Also nein, eigentlich nicht. Eigentlich nur, wenn ich schlafe, also in meinen Träumen. Ich höre Schreie und Keuchen und Wimmern und Stöhnen…. und dann wache ich auf. Aber die Geräusche gehen einfach nicht weg. Die Schreie verfolgen mich mittlerweile den ganzen, verdammten Tag lang. Normalerweise hab ich wenigstens tagsüber Ruhe, aber jetzt…“

Nun war es raus und Marc atmete noch einmal tief durch. Geschafft.

 

Niemals hätte er gedacht, irgendwann zu einer Psychologin zu gehen, aber der Termin war nicht halb so schlimm gewesen, wie er angenommen hatte. Vor allem hatte sie ihn nicht für verrückt erklärt, sondern war tatsächlich ruhig und analytisch an die Sache heran gegangen. Sie erinnerte ihn schwach an die Mutter einer ehemaligen Mitschülerin, mit der er mal was hatte. Eine Singlemom, und noch dazu eine ziemlich heiße, wieso also auch nicht?! Seine Psychologin, Ellen Marvitch-Benk, war ebenfalls nicht zu verachten und würde er derzeit nicht gerade seine Probleme vor ihr offenlegen, hätte er sie definitiv schon angegraben. Aber das konnte er ja auch später machen. So etwas Hübsches ließ man sich schließlich nicht entgehen.

Es hatte Marc sichtlich einige Konzentration abverlangt ihr nicht ständig auf das Ende des Rocksaums zu schauen, unter dem die Schatten seine Fantasy angeregt hatten. Ihre Knie waren nicht bedeckt gewesen und hatten seine Gedanken gleich noch weiter angespornt, so dass er einige Male hatte mehrfach angesprochen werden müssen. Frauen waren aber auch etwas Wunderbares. Und bereits in zwei Tagen würde er diese Schönheit wiedersehen. Und dann würde er definitiv nicht so abgekämpft bei ihr erscheinen, damit auch sie sah, was für ein Glück sie eigentlich hatte ihm begegnet zu sein.

 

„NEIN!!! BITTE, NEIN!!! NIIICHT!“

Ein schweres Schluchzen schreckte Marc aus seinem Schlaf. Es war so real, als ob jemand hier direkt an seinem Bett gestanden und geschluchzt hätte. Laut und voller Angst. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, denn das machte ihn langsam wirklich fertig. Irritiert blickte er einen Moment später auf die Innenfläche seiner Hand, in welcher er feuchte Rückstände erkennen konnte. Irritiert strich er sich mit den Fingerspitzen über die Wangen und erstarrte. Er weinte?

„HÖR AUF!!! BITTE, BITTE, HÖR AUF!“

Die Stimme schien heute lauter, intensiver und vor allem eindringlicher, als zuvor, dabei trieb sie ihn schon seit so langer Zeit in den Wahnsinn. Kurz rekapitulierte er und musste sich eingestehen, dass die Vermutung nahe lag, dass er sich selbst geweckt hatte. Das ER geschluchzt hatte. Ganz klasse, jetzt fing er auch noch an im Traum herum zu heulen. Konnte das nicht endlich mal aufhören?

 

„Die Tabletten bringen nichts. Die Stimmen bleiben und noch dazu fang ich an total emotional zu werden. Wie eine absolute Pussy.“

Frustriert sah er Mrs. Marvitch-Benk an und wartete auf eine Reaktion ihrerseits, doch das amüsierte Lächeln auf ihren Lippen war nicht, was er erwartet hatte.

„Das ist gut, Mister Harrison. Die Schreie, die Sie hören, sind wahrscheinlich aufgestaute, innere Gefühle. Und diese kommen jetzt langsam an die Oberfläche. Das ist in Ordnung. Lassen Sie es zu.“

Na, die hatte gut reden! Also war er jetzt hier, damit er so lange heulend aufwachte, bis all seine aufgestauten Gefühle sich verabschiedet hatten? Klasse. Wirklich, absolut fantastisch. Nicht.

 

„Die haben doch alle keine Ahnung“, lachte Jenny und zog ihren Lieblingsstammkunden auf die Tanzfläche, wo sie sich nun doch ziemlich aufreizend vor Marc bewegte und ihm deutlich klar machte, dass sie ganz genau wusste welche Wirkung sie auf ihn hatte. Genau das hatte er wirklich gebraucht und Jenny schien es irgendwie geahnt zu haben. Die Nachricht, die sie ihm kurz nach der Sitzung geschickt hatte, hatte ihn von zu Tode betrübt zurück auf himmelhochjauchzend fahren lassen. Aller Frust war vergessen, zumindest so lange, bis sie sich vor der kleinen Untergrunddisco getroffen hatten. Ein absoluter Geheimtipp, so zumindest hatte Jenny es genannt. Kurz hatte sie ihn umarmt und ihm ein Küsschen auf die Wange gehaucht, ehe sie sich dann ins Getümmel geworfen hatten. Buchstäblich, denn hier standen die Leute so eng zusammen, dass kaum Luft zum Atmen blieb. Erst im Inneren bekam man wieder etwas mehr Arm- und Beinfreiheit, weshalb sie sich dort auch einen Platz auf einer der Couches gesucht und sich erst einmal einen Drink gegönnt hatten. Und dann hatte Jenny ihm ganz salopp klar gemacht, dass er ziemlich beschissen aussah und sie wissen wolle was los war. Und natürlich war er nicht drum herum gekommen ihr zu sagen, dass er seine Zeit im Moment bei einer Psychotante verbrachte, aber mit ihren Methoden nicht wirklich einverstanden war. Nicht damit  konform ging, wie sein Dad immer so schön sagte.

„Die haben doch alle keine Ahnung!“, kam es von ihr und schon zog sie Marc einfach von der Couch hoch und auf die Tanzfläche, wo sie ihre Worte noch einmal wiederholte. Die hatten alle keine Ahnung. Genau!

 

Der Abend verging schnell, viel zu schnell, wenn Marc ehrlich war, und weshalb er auch, als sie schlussendlich vor Jennys Wohnblock standen, grinsend dreinsah. „Darf ich mit hochkommen?“ Noch ein bisschen verlegen grinsen und damit deutlich zeigen, dass man das sonst natürlich nicht machte.

„Klar, aber wehe ich wache morgen mit deiner Unterhose auf dem Kopf auf. Oder du mit meinem BH.“ Sie kicherte, öffnete dann aber die Tür und ließ Marc ein. Schließlich war er schon sehr lange ihr Lieblingsstammkunde und sie hoffte, dass sich heute die Extraportion Sahne auf seinem Moccacino auszahlen würde. Seinem Gratismoccacino, den er jeden Samstag von ihr bekam.

 

Bei allem, was ihm heilig war, das war wohl eine der besten Nächte gewesen, die er je erlebt hatte. Ganz sicher war das eine der besten Nächte gewesen, vielleicht sogar die Beste. Marc stand grinsend unter der Dusche und ließ die vergangenen Stunden revue passieren. Diese Frau hatte wirklich Pfeffer unterm Arsch. Heilige Mutter Gottes, ein wahres und tatsächliches Goldstück, dabei hatte sein Dad immer gesagt, die gab es nur in Märchen und keine Frau der Welt könnte ihn je so reich machen. Aber gerade fühlte sich Marc so reich, wie noch nie. Nichts würde dieses wunderbare Gefühl zerstören können, welches seinen Körper gerade durchflutete. Dank Jenny.

„Nein! Nein, nein, nein! Bitte, nicht!“

 

Stille.

Seit knapp 20 Minuten saß er jetzt schon seiner Psychologin gegenüber und brachte einfach kein Wort über die Lippen, nachdem er zuvor bereits ziemlich ausführlich erzählt hatte, was passiert war. Sie ließ ihm scheinbar Zeit zum Nachdenken oder vielleicht wartete sie auch einfach nur, dass die Sitzung vorüber ging.

„Ich werde Ihre Dosis erhöhen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass Ihnen die neue Beziehung helfen wird. Sie haben die Stimme in dieser Nacht nicht gehört, wenn ich das richtig verstanden habe?“

Nein, hatte er nicht. Er hatte sie nicht gehört und war das erste Mal seit langem wieder absolut erholt aufgewacht. Und dann? Dann hatte diese vermaledeite Stimme alles zunichte gemacht, von dem er geglaubt hatte, dass es ihm niemand nehmen könnte. Dieses unglaubliche Glücksgefühl, welches ihn durchströmt hatte und wegen dem er am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. Doch es hatte nur so lange angehalten, wie auch die Stimme sich nicht gemeldet hatte. Und nun saß er wieder hier und war verzweifelter, als je zuvor.

„Was zur Hölle soll das?! Wieso hört das denn nicht auf?!“

 

Schreie. So nah, dass jeder einzelne Ton wie eine kleine Welle erst in sein Ohr und dann durch seinen ganzen Körper rauschte. Ihn erbeben ließ und jegliche Ruhe nahm, die er zuvor noch verspürt hatte. Schreie und dann diese plötzliche Stille. Und dann, abermals, ein Schluchzen. Laut, durchdringend.

„Easy, like Sunday mooorning!… Und hier spricht wieder euer Morgenmoderator Gil und ihr hört…“

Der Name des Senders blieb ungehört, der Finger auf dem Handy hatte die fröhliche Morgenbegrüßung im Keim erstickt.

Marc setzte sich müde auf und wischte sich über die Augen. Blickte irritiert auf seine Hände, denn dieses Mal waren sie trocken. Er war es also nicht, der geschluchzt hatte. Aber er hatte es doch deutlich gehört. Als ob jemand direkt neben ihm auf der Bettkante gesessen hätte. Noch völlig schlaftrunken versuchte er sich an alles aus seinem Traum zu erinnern, nur um festzustellen, dass dieser ihn jetzt noch mehr zu nerven begann. Wenn dieses Schluchzen ebenfalls im Traum war, dann hieß das doch, dass er weiter geträumt hatte, als all die Male zuvor. Super! Nicht. Denn ihm reichte schon der aktuelle Albtraum. Er brauchte keine Fortsetzung.

 

„The person you’ve called is temporarily not available…”

Ganz toll. Da wollte er das erste Mal mehr von einer Frau und dann würgte sie ihn ab. Buchstäblich, denn seit ihrer gemeinsamen Nacht hatte Marc die heiße Blondine aus dem Coffeeshop nicht mehr gesehen.  Weder im Shop, noch so irgendwo, wo man sich sonst eigentlich oft über den Weg gelaufen war. Ein leises Seufzen war alles, was er für diese Situation übrig hatte, denn für mehr fehlte ihm einfach die Kraft. Die Schreie schafften ihn und wurden täglich schlimmer. Er hörte sie nachts in seinen Träumen und er hörte sie tagsüber, ganz egal was er auch machte. Während er bei Jenny für einige Stunden hatte alles vergessen können, schien es jetzt, als ob die Schreie alles wieder aufholen wollen würden. Nur warum? Das war doch wirklich nicht mehr zum aushalten!

Als er am Abend dann endlich eine Nachricht von Jenny bekam, war Marc mehr als nur erleichtert. Sein Charme wirkte also doch noch. Immerhin hatte er fast schon geglaubt es hätte an ihm gelegen.

Sorry, dass ich mich nicht gemeldet habe, Süßer. Heute Abendessen bei mir? Ich koche für dich. :-* <3

Na, das klang doch vielversprechend! Der erleichterte Gesichtsausdruck wich und machte einem breiten Grinsen Platz. Oh ja, er hatte es immer noch drauf! Heute Abend würde er sich schön bekochen lassen und danach würde er sie vernaschen. Vielleicht auch davor, je nachdem was sich so ergab.

 

Heute war er überpünktlich, doch wie könnte er auch nicht, wo ihn doch die schönste Frau der Welt erwartete. Und ein leckeres Essen, auch wenn er noch keine Ahnung hatte was oder ob Jenny überhaupt kochen konnte. Der Summer machte sich bemerkbar, so dass er ins Haus konnte und nun nur noch auf den Fahrstuhl warten musste. Jede Sekunde wurde zur Qual, denn gerade wollte er einfach zu seinem Goldstück. Sie in seine Arme nehmen und ihr deutlich zeigen, dass er mehr von ihr wollte, als ein einmaliges Vergnügen. Gut, vielleicht nichts auf ewig, aber zumindest für eine geraume Zeit. Genau, das klang doch eigentlich gut. Gut und unverbindlich.

„Jenny?“

Die Tür war nur angelehnt, weshalb er auch einfach eintrat. Aus der Küche hörte er Klappern und Klirren und konnte nicht anders als zu grinsen.

„Setz dich schon mal!“, rief Jenny nach draußen und schien wirklich vollauf beschäftigt zu sein. Marc zuckte leicht mit den Schultern und sah sich um, um zu entscheiden, wohin er sich setzen würde. Denn Jenny wollte er dann später auf jeden Fall auf seinen Schoß nehmen und dafür brauchte es etwas Platz. Nun ja, wohl weniger dafür, als mehr für das, was er dann mit ihr anstellen würde.

 

Das Essen war tatsächlich gut gewesen. Seine Angebetete hatte Tortellini mit Hähnchenbolognese gemacht und ihn damit tatsächlich umgehauen. Schlicht, aber wirklich lecker, wie er mehr als nur einmal festgestellt hatte. Jetzt tranken sie etwas Weißwein und plauderten ein wenig, ganz entspannt und fast so, als ob sie keine anderen Hintergedanken hätten.

„Deine Wohnung ist echt gemütlich“, stellte Marc jetzt fest und stand auf, um sich ein wenig die Beine zu vertreten, wenn sie sich schon nur unterhielten. Betrachtete die große Fotomontage über der Couch, auf welcher man die Skyline von Manhattan im Sonnenuntergang sehen konnte. Ging weiter und lachte über einige kleine Figürchen auf der Kommode, die ein wenig verschoben aussahen und nur entfernt an kleine Hunde erinnerten. Dann besah er sich die Fotos und gluckste erneut. Jenny war früher nicht halb so hübsch gewesen, wie jetzt. Zahnspange und kurze Raspelhaare hatten sie eher wie einen Jungen wirken lassen. Auf der Kommode stand ein Bild am anderen, manche wurden sogar leicht von anderen überlagert.

„Du magst Erinnerungen, huh?“

Ihr Lachen klang hell, ehe sie antwortete: „Nur die guten.“

Marc nickte leicht und lachte ebenfalls. Besah sich die Bilder von ihren Eltern und Freunden, von Verwandten und Bekannten und musste immer wieder feststellen, dass er definitiv nicht erwartet hätte, dass hinter solch einem hässlichen Schwan solch eine Wahnsinnsfrau gesteckt hatte.

„Du hast gar keine Bilder aus deiner Jugendzeit“, kam es nun aber einfach von ihm, da ihm das tatsächlich aufgefallen war. Es gab kein einziges Teenagerbild, oder war er einfach nur blind?

„Doch, da hinten… das Gruppenfoto.“

Ihre Stimme klang sanft und ruhig und ließ ihn lächeln, ehe er nach dem Bild griff.

Und schon im nächsten Augenblick stockte.

„Aber…“

Das konnte doch nicht sein!

„Das da bin ich!“

Überrascht fuhr er zu Jenny herum und zeigte auf das Bild, dort wo er in seinem Basketballoutfit stand. Er war drei Jahre lang Captain des Basketballteams der Highschool gewesen.

„Und das da bin ich“, erwiderte Jenny, noch immer lächelnd, und deutete auf eine Figur ganz am Rand des Bildes. Einen schmächtigen Jungen mit raspelkurzem, blonden Haar.

„Du erinnerst dich doch sicherlich an mich, Marc. Wo ich dir doch den ganzen Tag im Kopf herum spuke.“

Sie lächelte ihn an, doch ihr Blick war nicht mehr sanft oder süß, sondern kühl und fast schon herablassend. Marc riss die Augen weit auf, denn was sie ihm hier gerade zu verklickern versuchte konnte einfach gar nicht sein.

„Das war ein Kerl…“, begann er, doch sie lachte nur leise.

„Und ich bin eine Frau, ja… Jetzt.“

Es schienen Stunden zu vergehen, ehe er endlich verstand und mit dieser Erkenntnis wich ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht. Sie war er. Und er…

„NEIN!! NEIN, NEIN!!! BITTE, BITTE NICHT!“

Die Stimme schien sich über ihn lustig machen zu wollen, dass sie genau in diesem Moment einsetzte. Marc schluckte und versuchte sich die aufkommende, innere Panik nicht anmerken zu lassen. Er brauchte frische Luft. Wenn Jenny er war, dann musste er sogar ganz und unbedingt hier raus. Hastig schob er sich an der jungen Frau vorbei und türmte regelrecht aus der Wohnung, ehe er doch ein wenig wankend stehen blieb. So viel hatte er doch gar nicht getrunken, oder doch? Nein, hatte er nicht, aber warum war ihm dann gerade so schwindelig? Und warum verschwamm alles vor ihm? Hastig packte er nach dem Geländer und machte noch einige Schritte vorwärts, ehe er endgültig zusammenbrach. Das letzte was er schemenhaft erkennen konnte war Jennys Silhouette, als sie sich über ihn beugte. In seinen Ohren hörte er ihr amüsiertes Lachen.

 

Als Marc endlich wieder zu sich kam, zeigte die Uhr über dem Fernseher deutlich an, dass sie sich schon auf den Morgen zubewegten. Ein schmerzerfülltes Stöhnen kam über seine Lippen, als er versuchte sich richtig aufzusetzen, denn sein Kopf dröhnte noch immer so ziemlich. Leider war ordentlich aufsetzen nicht möglich, da seine Angebete oder besser ehemals Angebete ihn gefesselt hatte und er jetzt etwas schief auf der Couch saß.

„Das war wohl zu viel Schlafmittel“, stellte Jenny ruhig fest und jetzt schien nichts mehr von der, immer gut gelaunten, Frau übrig zu sein, die er all die Monate zuvor so begehrt hatte. Wobei ihm allein der Gedanke schon wieder Kopfbrummen bescherte, denn sein Gedankenkarussell war ziemlich unnachgiebig und hielt ihm eines ganz deutlich vor die Nase. Jenny war keine Frau. Obwohl, doch, sie war eine Frau, davon hatte er sich schließlich schon überzeugen dürfen, aber letztendlich war sie eben doch keine. Also nicht von Natur aus, oder so. So ganz kam er mit dieser Tatsache noch nicht wirklich klar, schließlich stand er nun mal nur auf Frauen. Auf Frauen, nicht auf Männer.

Kurz beobachtete er, wie sie ihren Zopf neu band und dann aufstand, um sich etwas zu trinken zu holen, ehe sie sich Marc doch wieder gegenüber setzte.

„Na, wie ist das, wenn man seiner eigenen Vergangenheit begegnet, Marc?“

Jetzt lächelte sie wieder, fast schon süß und unschuldig, während er kurz schluckte. Seine Vergangenheit?

„Meine Vergangenheit hab ich zuhause gelassen“, erwiderte er deshalb auch schon mürrisch und in dem Versuch ihr zu zeigen, dass sie bei ihm an der falschen Adresse war, denn das war eine Sache mit der er schon lange abgeschlossen hatte.

„So? Aber ich bin doch hier.“

Jenny schien das Ganze nicht auf sich beruhen lassen zu wollen und stand nun auf, um sich vor ihm zu drehen und sich dann auch schon breitbeinig auf seinen Schoß zu setzen.

„Was ist, mein Großer? Mach ich dich jetzt plötzlich nicht mehr heiß? Dabei bist du doch so abgegangen. …. Beide Male.“

Sie gluckste, dann stand sie wieder auf und ging kurz in die Küche. Ließ Marc allein mit seinen Gedanken, die gerade Karussell fuhren.

„Beide Male? Du hast doch einen Vollschatten! Ich hab es nicht genossen. Nie!“

Aus der Küche war nur amüsiertes Lachen zu vernehmen, ehe sie dann doch kurz ins Wohnzimmer spähte.

„Leugne nur weiter. Ich kenne die Wahrheit, Marc. Ich war dabei.“

Damit verschwand sie wieder in der Küche, wo man sie nun wieder hantieren hörte. Was auch immer sie vorhatte, es schien so einiges an Geschirr verbrauchen. Als sie fünf Minuten später aber zurück ins Wohnzimmer kam, konnte Marc ziemlich deutlich sehen, dass sie nicht vorhatte noch einmal zu kochen.

„Hab nur den Geschirrspüler eingeräumt“, flötete sie und schwang dabei das große Hackmesser, als ob sie sich gleich als Messerwerferin versuchen würde.

„Hey, nimm das Messer runter! Das… können wir doch sicher auch so klären.“ Marc hörte selbst die Panik in seiner Stimme und am liebsten würde er sich dafür ohrfeigen. Da er aber gefesselt war, konnte er nicht einmal diesem Drang nachgeben, dabei war das ein wirklich seltener Moment.

„Das ist doch schon lange Geschichte und… und ich hab doch eh schon genug dafür bezahlt, findest du nicht auch?“

Schließlich hatte er ihr von den Schreien und Stimmen erzählt. Hatte ihr sein Herz offen gelegt, nur um jetzt festzustellen, dass sie genau Bescheid wusste. Verdammt! Jenny musterte ihn, dann schüttelte sie den Kopf. Kam noch näher und holte auch schon aus.

„NEIN!! NEIN, BITTE!!!“

Dieses Mal war es seine eigene Stimme, die vor Angst regelrecht zitterte und völlig verzweifelt klang, denn er wusste, dass er völlig wehrlos war. Ihr völlig ausgeliefert. Einen kurzen Augenblick lang ließ sie das Messer sinken und sah ihr Gegenüber fast schon amüsiert an, ehe ihr Blick wieder einem kalten, nun regelrecht hasserfüllten wich.

„Na, wie fühlt sich das an auf der anderen Seite zu stehen? Wehrlos und ohne jede Möglichkeit zu entkommen. Ist es geil? Kannst du es genießen?“

Sie spuckte ihm vor die Füße, ehe sie erneut ausholte. Marc kniff seine Augen zusammen und wusste, dass sie recht hatte. Er hatte keine Möglichkeit zu entkommen.

 

„Ich hasse Schwuchteln, hörst du? Ich werd es dir austreiben, mich ständig anzustarren und zu begaffen. Ich steh nicht auf Kerle, damit das klar ist.“ Marc konnte sich noch ganz genau hören. Konnte sich selbst sehen, wie er den Jungen mit den raspelkurzen Haaren zu Boden stieß. Wie er sich über ihn schob und ihm deutlich zeigte, was er von Schwuchteln, wie dieser eine war, hielt.

„Ich steh nur auf Frauen, damit das klar ist!“

Das er trotzdem hart geworden war, schrieb er dem Adrenalin zu, dass er mehr als nur erregt gewesen war der Wut auf Kyle, den kleinen, schmächtigen Kerl unter ihm, der seine Finger in die Erde des Waldes grub und nur immer wieder wimmerte. Sein Bauch rieb über den dreckigen Boden, während Marc gerade noch einmal einen Zahn zulegte.

„Nein! Bitte nicht! Bitte, bitte nicht!“

Kyle hatte gefleht. Er hatte geweint und gefleht, dass Marc aufhören möge, doch dieser hatte es einfach durchgezogen. Als er gekommen war, hatte er sich noch einmal über den ein Jahr jüngeren gebeugt und ihm ins Gesicht gespuckt.

„Ich steh nicht auf Kerle. Verpiss dich von hier.“

Danach war er einfach gegangen und seitdem hatte er auch nie wieder etwas von Kyle gehört. Seine Familie war weggezogen, das wusste er, denn seine damalige Freundin hatte es nebenbei erwähnt, als sie ihren Mädels den neuesten Tratsch aus dem Ort erzählt hatte.

 

„Nun, jetzt sind wir einen Schritt weiter“, ertönte die Stimme der Psychologin und Marc öffnete vorsichtig seine Augen. Ihm gegenüber saß Mrs. Marvitch-Benk auf einem Stuhl. Er blickte an sich herunter und wusste nicht, was er denken sollte. Er trug einen schlichten, grauen Schlafanzug und seine Canvas. Kurz sah er sich um und blinzelte einige Male.

„Wo … bin ich?“

Die Psychologin machte sich einige Notizen, dann antwortete sie ihm lächelnd:

„Sie sind hier in Ihrem Zimmer, Mister Harrison. Sie wurden eingewiesen, nachdem Sie einen Nervenzusammenbruch hatten. Erinnern Sie sich?“

Egal, wie sehr er darüber nachdachte, aber er erinnerte sich nicht. Einen Nervenzusammenbruch?

„Sie wurden in der Wohnung ihrer Freundin aufgefunden. Sie hatte den Notarzt gerufen.“

„Sie ist nicht meine Freundin. Sie ist…“

„Ein Mann, ja, ich weiß. Das haben Sie mir schon erzählt. Auch, was Sie mit ihm gemacht haben. Und auch, dass Sie einen ziemlichen Frauenverschleiß haben,… um sich zu beweisen, dass Sie nur auf Frauen stehen, richtig?  Aber wenigstens sind die Stimmen weg, nicht wahr? Jenny hat bereitwillig zugegeben, dass sie Ihnen den kleinen Sender ins Ohr gesteckt hat, kurz nachdem sie sich kennen gelernt haben. Bei einer Umarmung, Sie erinnern sich? Das hat sie in der Aussprache mit Ihnen zugegeben. Deswegen sind Sie beide hier. Wegen Ihrer Taten und weil Sie beide Hilfe benötigen. Miss Summers und Sie werden das weiter gemeinsam bearbeiten, dann sehe ich gute Chancen, dass sie beide noch ein gutes Leben erwartet.“

Wieder lächelte die Psychologin, dann sah sie Marc beruhigend an, der gerade fieberhaft nachdachte, warum er hier war. Was wirklich passiert war und was das alles bedeutete. Doch das einzige was ihm einfiel, waren das Messer und Jennys letzte Worte, bevor seine Erinnerung in Schwärze getaucht wurde, und die deutlich zeigten, dass es nicht nur Rache war, die sie zu dieser Tat getrieben hatte.

„Du stehst nicht auf Männer, deshalb bin ich für dich zur Frau geworden. Und trotzdem willst du mich nicht? Weil ich ich bin?“

Jennys letzte Worte und ein Geräusch, welches er niemals vergessen würde.

Lautes Schluchzen.

 

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