Tim ZwickSchwanenfüße

Schwanenfüße

Montag

„Ich liebe Schwäne. Ich liebe einfach alles an ihnen. Wie schön sie sind. Wie majestätisch sie übers Wasser gleiten. Schau doch mal hin!“ Henning nickte und gähnte. Es war noch früh im April, aber die Sonne schien schon sehr kräftig über die Terrasse des Cafés, in dem sie ihre Mittagspause verbrachten. „Schau mal, heute sind es sogar fünf Schwäne. Vor zwei Wochen waren es nur zwei. Weißt du, was ich mich manchmal frage?“ Henning schaute mich halb interessiert an und antwortete: „Was ist der Sinn des Lebens, wenn die Dialektik von Gut und Böse unsere Welt so scharf in Schwarz und Weiß trennt?“ – „Quatschkopf,“ sage ich, während ich versuche, ihn böse anzuschauen. Es gelingt nur so halb. „Ich wollte eigentlich fragen, wie wohl die Füßchen von Schwänen aussehen. Ob sie auch so wunderschön und majestätisch sind, wie der Rest? Aber nach deinem Gerede über Dialektik von Gut und Böse sieht meine Frage jetzt aus wie die einer dummen 12-Jährigen“. Der Schalk blitzt in seinen Augen auf. Wir arbeiten seit vier Jahren zusammen, vor etwas über zwei Jahren haben wir unsere gemeinsame Beraterpraxis gegründet. Seitdem hatten wir, gerade anfangs, auch schwierige Zeiten, aber diesen Blick hat er nie verloren. „Wie alt bist du nochmal?“ meint er. „Es war doch eine Zahl, die der zwölf recht nahe kommt, wenn ich mich recht erinnere. Und auch du liest nie auch nur irgendeine Zeitung. Genau wie 12-Jährige“.

Er wusste nicht, warum ich mich manchmal so kindisch verhalte. Solche Gedanken habe. Wie auch. Niemand weiß es. Ich schaue ihn böse an. „Haha,“ sage ich laut. Ein paar Leute schauen mich leicht irritiert an. Wie schön, dass immer nur ich komisch angesehen werde.

Henning und ich gehen oft zusammen in unserer Mittagspause in dieses Café. Gerade im Frühling ist es hier wunderschön, man hat von der Terrasse aus einen wunderschönen Blick über den See, die gewundene Brücke, die darüber führt, und eben die Schwäne.

Und ja, mit 29 bin ich etwas mehr als 10 Jahre jünger als mein Kollege. Fachlich bin ich ihm allerdings überlegen und das weiß er auch. „Wie lief dein Morgen?“, frage ich ihn.

„Merkwürdig ruhig. Normalerweise sollte man meinen, dass sie mir am Montag nach den Ferien die Bude einrennen, aber nichts. Kein Klient. Warum genau machen wir nochmal diesen „Walk–in“ am Montag, Charlie?“

Nur Menschen, die mir wirklich nahe stehen, dürfen mich Charlie nennen. Alle anderen sollen bei Charlotte bleiben.

„Wir machen das, um etwas zurück zu geben. Viele hatten nicht so viel Glück im Leben wie wir und montags haben auch die Menschen, die sich normalerweise eine psychotherapeutische Beratung nicht leisten können, die Möglichkeit ohne Termin und für kleines Geld eine qualitativ hochwertige Beratung zu bekommen.“

„Jetzt weiß ich wieder warum du unsere Werbetexte schreibst“ murmelt er sich in den Bart. An den Seiten ergraut er langsam. Steht ihm. Er sieht insgesamt nicht schlecht aus, auch wenn er den kleinen Bauch, den er seit Weihnachten hat, immer noch nicht wegbekommen hat. Seine Frau kocht wohl ausgezeichnet, wie er ab und an auch erwähnt. Auch wenn er dennoch gerne mit mir in der Pause in das Café hier geht.

Ich nehme meinen letzten Bissen von der Pasta, lecke den Löffel ab und mustere interessiert mein leicht verzerrtes Spiegelbild im Löffel. Der Undercut und der eine Ohrring verleihen mir ein etwas rebellisches Aussehen. Vermute ich zumindest. Immerhin der Lippenstift sitzt wie immer perfekt. „Nur 12-Jährige schauen sich in Löffeln an.“ Während ich schon aushole, um den Löffel nach Henning zu werfen, steht auf einmal ein kleiner Junge direkt am Tisch. Ich habe ihn nicht kommen sehen. Er schaut mich etwas ängstlich mit großen Augen an. Auf dem Rücken hat er noch seinen Schulrucksack, in beiden Händen hält er einen großen braunen Umschlag. Es sieht aus, als ob er sich daran festhalten würde.

„Sind Sie Charlotte?“ Ich schaue ihn nur verwirrt an, deswegen herrscht ein paar Sekunden unangenehme Stille, bevor er nochmal mit leiser Stimme fragt: „Sind Sie Charlotte?“ Ich reiße mich zusammen. Die Woche Urlaub hat wohl nicht gereicht, so unkonzentriert war ich früher nicht.

„Ja die bin ich. Was brauchst du denn?“

Er schaut mich immer noch etwas ängstlich an, lässt seinen Blick über meine und Hennings Kaffeetasse schweifen, legt den Umschlag auf dem Tisch ab und geht langsam rückwärts, während er mich noch anschaut, bis er sich schließlich umdreht und weg rennt.

„Ein Klassenkamerad von dir?“

Irgendetwas an der Szenerie kommt mir sehr merkwürdig vor, daher reagiere ich nur mit einem leichten Handwischen auf Hennings lauen Spruch. Ich nehme den Umschlag auf, wohl registrierend, dass meine Hände leicht zittern. „Hoffen wir mal, dass das nicht wieder dein Verehrer ist.“ Henning legt die Betonung auf Verehrer und verzieht dabei die Mundwinkel nach unten. Er weiß, wie hart das letzte halbe Jahr für mich in dieser Hinsicht gewesen ist. Es hat lange gedauert, bis das Gericht endlich meinem Vorwurf des Stalkings stattgegeben hat und das Annäherungs- und Kontaktverbot ausgesprochen hat. Das war vor sechs Wochen. Seitdem war Ruhe. Bis jetzt. Vielleicht.

Im Hintergrund schnattern die Schwäne aufgeregt. Ob sie wohl auch gerade einen Umschlag bekommen haben?

Dummer Gedanke. Kindischer Gedanke.

„Ich kann ihn auf biologische Kampfstoffe untersuchen. Bevor ich Lehrer für 12-Jährige wurde, war ich jahrelanger Kampfstoffuntersucher.“

So dumm sein Spruch auch ist, genau dieses Schmunzeln brauche ich jetzt. Ich gebe mir einen Ruck und öffne den Umschlag. Heraus fielen ein Smartphone und ein Zettel, der aussah wie hastig aus einem Block gerissen.

Henning beugt sich nach vorne, auch ich war hellwach. „Sei vorsichtig!“ Er klang ehrlich besorgt.

Ich lege das Smartphone beiseite. Ich kenne das Modell, es ist nicht billig. Die Schrift auf dem Zettel ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen.

9622 steht in der ersten Zeile, der Kugelschreiber hat sehr schlecht geschrieben.

Jetzt die zweite Zeile entziffern: „Hoffentlich weißt du jetzt das ich immer für dich da bin.“ Nach jetzt kommt ein Komma und dann das das mit Doppel-S, denke ich automatisch, während ich mein Blut in meinen Ohren rauschen hören kann.

„9622 hm? Das sieht mir sehr nach dem Code für‘s Handy aus. Keine Unterschrift?“

Ich drehe und wende den Zettel. „Nein, sonst nichts. Nur die Zahl und der Satz. Meine linke Hand zittert leicht als ich nach dem Smartphone greife. Die Mittagssonne reflektiert sich in meinen Ringen. Ich liebe Schmuck und insbesondere Ringe. Nur der EINE Ring ist noch nicht dabei. Wie auch, ohne Mann.

Ich tippe 9622 ein, das Display springt sofort auf „Entsperrt“. Henning beugt sich weiter vor, um auch etwas zu sehen.

„Dein Leben ist einfach immer etwas spannender als das Leben anderer, Charlie. Dann schauen wir mal, was dir hier unser Unbekannter geschickt hat“. „Oder unsere Unbekannte,“ sage ich. „Du vergisst immer, wie viel Macht wir Frauen mittlerweile haben.“ Ich muss ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass er mit den Augen nach oben rollt.

Gekonnt switche ich durch die Apps. Generation Smartphone, werden wir nicht so genannt? Zuerst die verschiedenen Messenger, Whatsapp. Telegram. Nichts Auffälliges. Eine Verabredung mit einer Sabine und einem Jörg zum Kegeln, zwei, drei Gruppenchats. Insgesamt sehr wenige Nachrichten, wohl kein sehr geselliger Smartphone-Inhaber. Dann eine SMS an eine Nummer namens „CHEF (Idiot)“ mit dem Inhalt: „Bin am arbeiten, melde mich sobald ich kann.“ Ansonsten auch nichts. Ich bin etwas beruhigt, mein Puls geht etwas runter. Vielleicht doch nur ein blöder Scherz. Es ist nicht immer der böse Stalker oder ein gemeiner Messermörder sondern manchmal einfach ein blöder Scherz.

Ich will das Smartphone schon weglegen als, ich mit dem Finger über den Ordner „Galerie“ husche. Hm, Bilder?

Ich öffne die Galerie und drücke auf das erste Bild. Und sofort ist alles wieder da, die Angst, die wochenlangen schlaflosen Nächte, die Verzweiflung, als der Richter und die Polizisten mir anfangs nicht glauben wollten. Sagten, dass ich ihn erst verführt hätte. Als der Ermittler anfangs der Argumentation des Stalkers folgte. Dass die Polizei mir widerliche Dinge unterstellte. Das Blut rauscht in meinen Ohren, meine rechte Hand klammert sich an den Tisch, während ich den Blick nicht von dem Bild abwenden kann. Dabei ist das Gezeigte nicht schlimm. Es zeigt mich von schräg hinten, wie ich offensichtlich gerade lachend telefoniere. Nur leider zeigt der Hintergrund meine Küchenregale. Ich stehe in meiner Küche. Und mein Küchenfenster geht zu einem abgesperrten Garten. Jemand war in meinem Garten und hat heimlich Bilder von mir gemacht!

Die Wucht dieser Erkenntnis lässt mich tiefer in den Holzstuhl sinken. „Charlie? Was ist? Du bist weiß wie ein Blatt Papier!“

„Er ist wieder da“, sage ich und zeige ihm das Bild. „Das ist meine Küche. Er war in meinem Garten Henning!“ Mein Blickfeld wird eng, mein Puls rast.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich wieder ins Büro gekommen bin. Ich weiß noch, dass ich mal wieder bezahlen musste, weil Henning, wie üblich, kein Geld dabei hatte. Dass mich die Kassiererin sehr merkwürdig angesehen hat. Seh‘ ich so furchtbar aus? Und dass ich mich auf Henning beim Laufen stützen musste, während tausende Gedanken durch meinen Kopf rasten. War es wirklich er? Warum sollte er mir ein Bild von mir selbst in meiner Küche schicken? Und warum mit einem Handy? Und was sollte die Nachricht? Hoffentlich weißt du jetzt, dass ich immer für dich da bin? Wer ist denn „ich“? Und warum sollte man für mich da sein? Für mich muss niemand da sein, ich bekomme normalerweise alles sehr gut alleine geregelt. Typisch Einzelkind eben. Du bist kein Einzelkind Charlie. Ob wohl auch andere Leute Diskussionen mit sich selbst in ihrem Kopf führen? Ich hoffe es. Ich stehe vorm Spiegel und versuche selbstbewusst auszusehen.

Auch wenn ich jetzt doch irgendwie froh bin, dass Henning da ist.

Nachmittags habe ich noch drei Beratungen, zum Glück recht anstrengende Beratungen. So muss ich wirklich arbeiten und habe keine Zeit nachzudenken.

Ich verabschiede das letzte Paar, als es 16 Uhr schlägt, schreibe eine letzte Mail, klappe den Laptop zu, hänge meine Handtasche um und will gerade gehen, als das Telefon anfängt zu klingeln.

Laut und dröhnend hallt das Klingeln des Telefons im Raum wider. „Brauchen wir in der Praxis wirklich Festnetz? Mittlerweile macht doch eh jeder alles übers Handy.“ Hennings Satz von den Anfängen unserer Beraterpraxis hallt mir durch den Kopf. Er hatte so Recht. Mittlerweile mache ich alle Termine über mein Diensthandy, die Nummer des Festnetzanschlusses gebe ich gar nicht mehr raus. Daher sollte sie auch praktisch niemand mehr haben. Es klingelt weiter.

Langsam und behutsam schließe ich die Tür, das Klingeln wird immer leiser während ich mich von meinem Büro entferne. Hennings steht schon an der Ausgangstür. „Kannst du mich mitnehmen und zuhause absetzen? Ich habe keine Lust auf den Bus heute.“

Er hat sich vor sechs Monaten in einem Anflug von Klimaschutz von seinem Auto getrennt. Auch ich hänge immer wieder an dem Gedanken, habe es aber noch nicht übers Herz gebracht mich von meinem geliebten Smart zu trennen. Aber er hat ja auch sein Motorrad noch. Damit war er in den Ferien letzte Woche mit seinen Kumpels mal wieder „on Tour“. So nennen sie es, wenn sie einfach nur in die Berge fahren. Keine Smartphones, kein Internet, keine Erreichbarkeit. Nur fünf Männer und der Berg. Naja, wenn er meint. Normalerweise fährt Henning sehr gerne mit dem Bus. Er erzählt immer wieder, dass er dort gut Leute beobachten kann. Aber ich vermute, dass er einfach mich noch ein paar Minuten im Auge behalten will. Und dafür bin ich ihm dankbar.

„Ich kann dir beim Denken zusehen. Und meine Oma denkt schneller. Oder weniger, wer weiß das schon.“

„Bei so einem Enkel würde ich auch aufhören zu denken,“ sage ich etwas ertappt. „Wirklich Charlie, DAS ist dein Konter? Ohje, habe ich dir gar nichts beigebracht?“ sagte er wieder mit diesem schelmischen Blick.

Normalerweise bin ich schlagfertiger, das Smartphone und die Bilder haben mich wohl mehr verunsichert, als ich mir selbst zugeben will. Ich verziehe die Lippen. Mir fällt nichts mehr ein.

Auf der Fahrt selbst ist Hennings sehr still, auch ich hänge meinen Gedanken nach. Alles dreht sich um die Bilder. Zusätzlich zu dem in der Küche gab es nach 14 andere. Sie zeigen mich beim Joggen, auf dem Weg zur Arbeit, beim Post aus dem Briefkasten am Zaun Holen. Jemand war in meinem Leben. Schon wieder. War es ER? Aber warum? Es macht keinen Sinn. Nicht so. Mit einem Blick in den Rückspiegel fällt mir der rote Ford auf. War der nicht auch schon an dem Büro? Hennings Hand liegt auf meinem Oberschenkel. Er hat so schöne große Hände.

Ich halte an seinem Zuhause an. Während er seine Sachen zusammensucht und sich abschnallt, schaue ich auf sein Haus. Ein wirklich schönes Häuschen, etwas abgelegen, freistehend, kleiner Garten davor. So kann man leben. Während mein Blick über das Haus schweift, wird die Gardine vom großen Fenster neben der Eingangstür zur Seite gezogen. Erst sehe ich die Hand, dann auch das Gesicht: Sandra, seine Ehefrau. Ihr Blick sucht meinen. Erst pure Überraschung, dann Wut. Was soll das denn? Ich fahre Henning öfters mal heim. Sie soll sich mal nicht so anstellen. Etwas tief in mir rührt sich, eine Erinnerung an…an… Henning räuspert sich.

„Also dann bis morgen früh. Danke fürs Fahren. Und ja ich weiß, du magst die Polizei nicht, aber denk zumindest darüber nach, wegen der Bildergeschichte hinzugehen“

Ich weiß, dass Henning Recht hat. Hat er oft. „Ja ich denke darüber nach. Ehrlich. Und jetzt geh. Sandra wartet bestimmt schon. Bis morgen, Henning“. Langsam löst sich seine Hand von meinem Bein. Ich spüre sie noch ein paar Sekunden nachdem sie schon weg ist.

Zuhause werfe ich die Pumps in die Ecke und lasse mich erschöpft auf meine Couch sinken.

Mein Anrufbeantworter blinkt fleißig und schnell. Eigentlich wollte ich heute Abend alles abhören, ich hatte ihn während meines Urlaubs kein einziges Mal abgehört. Ich wollte einfach Ruhe. Essen, Schlafen, Lesen. Ruhe. Wein und wieder von vorne. Und meine engen Freunde rufen eh auf meinem Handy an.

Morgen höre ich ihn ab. Ganz bestimmt.

Mit einem Glas Wein begebe ich mich in die Badewanne. So heiß, dass es kaum auszuhalten ist und so viel Schaum, dass jede 90-iger Party neidisch wäre. Perfekt. Die Hitze und der Wein tun ihre Dienste, langsam macht sich Erholung und Entspannung in meinem Körper breit, ich döse leicht. Meine linke Hand umspielt das Weinglas, meine rechte wandert über meinen Körper, meine Brüste, meine Brustwarzen. Meine Augen sind geschlossen, mein Bauch, meine Schamhaare, meinen kleinen Leberfleck neben den Schamlippen in Form einer kleinen schiefen Sonnenblume. Ich fliege, fliege mit den Schwänen, fasse mich an, sie haben so riesige Flügel. Sie schweben anmutig durch die Lüfte. Aber ich kann immer noch nicht ihre Füßchen sehen. Aber die Flügel, toll. Und sie sind so perfekt weiß. Und rein. Ich fliege. Blut. Rot Blut ist überall. An meinen Händen. In der Luft. Ich atme Blut an. Rot Blut. Messer. Wieder Blut.

Schreiend fahre ich hoch, der Schmerz tobt in meiner Hand. Ich habe das Weinglas in der Hand zerdrückt, das Glas hat einen bösen Schnitt verursacht.

Zitternd steige ich aus der Badewanne. Was war das gerade?? Oh mein Gott. Da war so viel Blut. Mit letzter Kraft verbinde ich meine Hand, bevor ich es noch ins Bett schaffe. Abschminken schaffe ich nicht mehr. Was ist nur mit mir los? Die Gedankenkreisel drehen sich, bis ich irgendwann endlich vor Erschöpfung einschlafe.

Dienstag

Ich wache komplett gerädert kurz nach 7 Uhr auf. Mein Kopf dröhnt. Ich habe mich immer für meinen guten Schlaf gerühmt, aber die letzten Monate fordern wohl ihren Tribut. So viel Schmerz in meinem Traum, Schnitte tief unter die Haut, Schmerz und dann Stille.

Das Gesicht im Spiegel sieht mir nicht ähnlich, die Augenringe sind tief und die Fältchen auf der Stirn waren auch mal weniger. Normalerweise würde man mich als attraktiv bezeichnen, aber heute ist es kein Wunder, dass ich keinen guten Mann finde. Das wird alles überschminkt. Noch eine Tablette gegen die Kopfschmerzen. Mein Blick fällt noch auf meine Medikamente. Wann habe ich eigentlich aufgehört sie zu nehmen? Frühstück fällt aus. Wer hat nochmal behauptet, das wäre die wichtigste Mahlzeit?

So schlecht wie der Morgen angefangen hat, so gut geht er weiter. Henning ist gut gelaunt und macht seine Witze, die Klienten sind nett und fordernd zugleich, eine für mich ideale Kombination, und die Sonne scheint selbst in die kleinsten Winkel. Auch mein Schnitt in der Hand schmerzt deutlicher weniger. Auch wenn es merkwürdig ist, dass Henning nicht mal nachfragt, was mir da passiert ist. Auch das Smartphone und die Bilder erwähnt er mit keinem Wort mehr.

Vielleicht doch nur ein blöder Streich und ein daraus resultierender Alptraum? Den Anrufbeantworter im Büro lasse ich dennoch vorsichtshalber unberührt. Aber den zuhause werde ich abhören. Versprochen! Ich kreuze meine kleinen Finger ineinander und lache über mich selbst. Manchmal bin ich einfach wie Anke. Charlotte und Ann-Katrin. Wir waren einfach ein Dreamteam.

Henning fährt heute wieder mit dem Bus nach Hause. Irgendwie bin ich froh darüber. Das, was ich gestern in Sandras Gesicht gesehen habe hat mich geängstigt. So viel Wut. Was ist da passiert? Aber ich frage Henning nicht nach seiner Ehe und er erzählt kaum etwas. Durch Andeutungen weiß ich allerdings, dass er des Öfteren eine Nacht auf der Couch verbringt.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl stelle ich meinen Smarti in der Einfahrt ab und gehe auf meine Wohnung zu. Smarti. Hör auf so kindisch zu denken.

„Gestern Nacht warst du nicht gut zu mir, liebe Wohnung. Sei es heute Abend und ich putz‘ dich am Wochenende von oben bis unten. Versprochen.“

Henning würde mich auslachen, wenn er mitbekommen würde, dass ich mit meiner Wohnung spreche. Aber ich spreche auch mit meinem Auto und ich hatte noch nie einen Autounfall. Also hilft das Reden. Klare logische Herleitung. Der Vulkanier aus dem Film, wäre stolz auf mich. Wie hieß er noch? Spock. Genau.

Das Gefühl zuhause ist heute besser. Ich werfe mich in meine beste Jogginghose, schminke mich ab und koche mir fleißig meine Gemüsepfanne zusammen. Der Anrufbeantworter darf ruhig noch etwas blinken. Die Sonne versinkt in allen Farben strahlend hinter meiner Gartenhecke, der Wein mundet köstlich und ich lache das erste Mal seit Wochen wieder befreit auf. Bis es an der Tür klingelt. Wirklich, Leben? Wie lange war ich glücklich? 10 Sekunden? Der Ton hallt bedrohlich durch das Haus und die Sonne ist verschwunden. Als es ein paar Sekunden später wieder klingelt, merke ich, dass ich mich noch nicht bewegt habe. Langsam stelle ich den Wein ab und gehe barfuß zur Haustür. Dabei mache ich noch das Licht im Wohnzimmer und im Flur an.

Leider habe ich keinen Türspion. Wenn ich wissen will, wer da ist, muss ich die Tür öffnen. Aber die Klingel ist am Gartenzaun, das gibt mir ein paar Meter Sicherheit. Sicherheit vor was? Sicherheit vor dem Messer, vor dem Rot Blut?

Ich schüttle den Kopf. Was denke ich denn für eine Scheiße zusammen? Ich ziehe die Schultern zurück und öffne selbstbestimmt die Tür. Mein Leben, meine Regeln.

Meine Selbstbeherrschung fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus, als ich ihn am Gartentor sehe. Freddy. Mit einem rollenden R an zweiter Stelle. Mein Stalker. Er war es, der mir die schlimmsten sechs Monate meines Lebens beschert hat. Er sieht schlechter aus als früher. Die schwarzen glänzenden Haare sind fettig, er ist unrasiert, der Blick fahrig, er hält sich am Gartentor.

„GEH WEG“

Ich weiß nicht, wie laut ich gerufen habe und wie sehr meine Stimme gezittert hat. Ich hoffe nicht sehr.

Er hebt abwehrend eine Hand, sein Blick wandert schnell zwischen der Straße und mir hin und her.

„Bitte Charlie. Bitte warte. Du bist in Gefahr. Ich weiß nicht, was du getan hast, es ist mir auch egal. Ich… Ich werde immer zu dir halten.“ Seine Stimme ist schwächer als erwartet. Das gibt mir Mut.

„Du weißt nichts, Freddy. Egal wie sehr du mich verfolgst, egal wie viele Bilder du machst, du wirst nie etwas über mich wissen!“

Puh. Das fühlt sich besser an. Jetzt noch atmen. Irgendwie.

„Ich? Ich mache keine Bilder von dir… der Umschlag, den ich dir geschickt habe. Hast du es verstanden, Charlie? Die Frau wird es herausfinden. Irgendwann. Und dann…ich will dich nicht verlieren!“

„Was redest du da eigentlich, Freddy? Um mich zu verlieren, müsstest du erst mal etwas gehabt haben.“ Ich öffne die Tür noch etwas weiter. Mein Leben, meine Regeln. Adrenalin pocht durch meine Adern. Er ist kleiner als erwartet. Ein verwirrter Gesichtsausdruck macht sich über seinem Gesicht breit.

„Du schuldest mir etwas Charlie. Für das was du mir angetan hast. Zumindest Vertrauen schuldest du mir! Ich beschütze dich immer noch! Sie sind hinter dir her Charlie. Ich habe die Bullen auf eine falsche Fährte gelockt. Aber die Frau ist hinter dir her und der Detektiv wird nicht lockerlassen.“

Ich verschränke meine Arme, stelle mich leicht auf Zehenspitzen, um noch größer zu sein. Eindrucksvolle 1,81 Meter ragen über ihm auf. Sein Blick wird immer huschiger, seine Hand klammert sich an das Gartentor. Mein Körper wird ruhig, die Überlegenheit erregt mich leicht.“ Ich weiß nicht, was du von mir willst Freddy und das Gespräch hier macht keinen Sinn. Ich habe nichts getan. Ich schulde dir gar nichts. Du gehst jetzt, oder ich bringe dich persönlich in den Knast.“

Er erschrickt deutlich, zuckt zusammen. Meine Brustwarzen werden hart, zum Glück sind meine Arme verschränkt. Das muss er nun wirklich nicht sehen.

Er öffnet seine rechte Hand, ein kleines Diktiergerät wird sichtbar. Ich habe selbst damit in Studienzeiten gearbeitet, um mir Sachen selbst vorzulesen und nochmal abhören zu können.

„Ich lege dir das hier“, dabei zeigt mir mit dem Kinn auf das Gerät „in den Briefkasten, Charlie. Bitte hör es dir an, ich habe es für dich aufgenommen. Ich habe den Detektiv und die Frau belauscht. Ich habe so viel mitgeschnitten, wie ich konnte während, sie im Park über dich geredet haben. Sie wird nicht locker lassen, bis sie herausgefunden hat, was passiert ist.“

Er schluckt schwer, schaut verzweifelt zu mir hoch. Was für ein kleiner Wurm, er doch ist. Langsam legt er mit zitternden Händen das Gerät in meinen Briefkasten. „Es gab immer nur dich, Charlie. Dich und deine kleine Sonnenblume direkt vor meinem Gesicht.“

Damit reißt er sich endlich vom Gartentor los und geht. Es sieht eher nach einer Flucht aus.

Ich ziehe meine Arme enger um mich. Ein frischer Wind weht durch den Garten. Vielleicht ist der Sommer doch noch nicht da. Mit bewusst starken Schritten geh ich barfuß zum Briefkasten, hole das Gerät und gehe zurück in die Wohnung. Die Begegnung hat mir Mut gemacht aber leider viel mehr Fragen aufgeworfen. Wenn Freddy nicht heimlich die Bilder gemacht hat, wer dann? Welche Frau? Detektiv?! Was ist hier los? Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich glaube, ich übersehe etwas, aber ich kann es nicht greifen. Seit ein paar Tagen habe ich immer das gleiche Bild vor mir, wenn ich die Augen schließe. In meinem Inneren ist ein silberner Vorhang, er besteht aus hunderten feiner Schnüre, darauf tausende silbrig glänzende Wasserperlen, und dahinter., ja dahinter ist etwas das ich brauche. Das ich wissen muss. Aber ich komme nicht ran.

Bewusst schüttle ich diese Gedanken ab. Wahrscheinlich wieder nur ein Spielchen von Freddy. Komisch wie schwach er war. War er so schon immer?

Das Aufnahmegerät liegt schwer in der Hand. Keine schwierigen Inhalte mehr nach Sonnenuntergang. So bringe ich es meinen Klienten bei. Ob ich mich selbst daran halten kann? Ich lege das Diktiergerät neben das Telefon und den blinkenden Anrufbeantworter. Was für eine schöne Symphonie. Ich muss lachen und lass mir meine, leicht angebrannte, Gemüsepfanne schmecken. Das nächste Mal sollte ich wohl den Herd vorher ausmachen.

Ich will nicht im Bett schlafen und kuschle mich auf meiner Couch in eine Decke. Die Nacht bleibt weitgehend traumlos, nur ein lose flatternder silbriger Vorhang weht weiter im Wind.

Mittwoch

Es dauert etwas, bis ich wirklich wach werde und weiß, wo ich bin. Die Sonne scheint schon in das Wohnzimmer und kitzelt mich leicht. Heute sind allerdings ein paar Wolken mit dabei, vielleicht gibt es doch noch Regen diese Woche.

Die Dusche hilft, der Rest der Gemüsepfanne auch. In meinem besten Business-Kostüm und perfekt geschminkt gehe ich zur Arbeit. Es darf mir niemand meine Gedanken ansehen. Das Diktiergerät landet in der Handtasche. Die Medikamente liegen weiterhin auf dem Nachttisch. Unberührt.

Im Büro angekommen macht sich Enttäuschung breit. Heute ist Hennings freier Tag. Das hatte ich vergessen, bis ich einen Blick in den Kalender werfe. Einmal im Monat hat er einen Tag frei, den er mit Sandra verbringt und Ausflüge macht.

Sehr schade, ich hätte gerne mit ihm geredet, was er von der wirren Geschichte von Freddy hält. Was sie wohl für Ausflüge machen? Auch fehlt mir sein Lachen, seine positive Sicht auf alles, sogar seine dummen Kommentare. Dann eben Morgen. Und ich werde heute auch früher Feierabend machen und mal wieder zur Yoga-Mediation gehen. Dort war ich über eine Woche nicht mehr.

Mit so einem Ziel vor Augen, sollte es mir besser gehen, dennoch bin ich immer wieder unkonzentriert. Mein Blick wandert zur Handtasche und ich atme auf, als mein Klient um 12.30 Uhr mein Büro verlässt und ich alleine bin.

Ich richte mein Kostüm und stelle mich vor Spiegel, mein Blick schaut mich an. Mein Leben, meine Regeln. Dann hole ich das Diktiergerät aus der Handtasche, spule zurück und drücke Play.

Zuerst eine tiefe, knarzige Männerstimme, es rauscht, die Qualität ist nicht besonders gut. „weiß nicht, wie das Smartphone verschwunden ist. Vielleicht wurde es gestohlen. Ich verfolge sie nächste Woche wieder“. Rauschen, ein lautes Knacken. Dann wieder klarer. „nichts Auffälliges. Sie war joggen, beim Yoga und hat viel gekocht.“

Dieser Mister knarzige Stimme hat also die Bilder gemacht! Aber warum? Und wer ist er? Jetzt, etwas leiser, eine Frauenstimme. Sie kommt mir bekannt vor. Die Stimme ist brüchig, als ob sie vor kurzem geweint hat. „Sie muss etwas wissen. Sie war schon immer hinter ihm her. Ich bin mir sicher!“

Wer ist das? Ich kenne doch die Stimme….das ist. Sandra! Sandra? „Henning hat immer gesagt, dass sie….“. Ein lautes Knacken, dann ist das Band zu Ende.

Verdammt. Was hat Henning immer gesagt? Was redet er zuhause über mich? Und was hat Sandra mit einem Mann zu tun, der Bilder von mir macht? Morgen werde ich Henning zur Rede stellen. Und ich werde meine Antworten bekommen. Ich bekomme immer was ich will. Ich spüre eine leichte Übelkeit in mir. Und einen silbrigen Vorhang, er flattert im Wind.

Mit mehr Fragen als Antworten gehe ich zurück zum Schreibtisch. Mein Spiegelbild hat mir nicht gefallen. Früher habe ich mich gerne und oft im Spiegel angesehen, aber jetzt irgendwie nicht mehr. Ich weiß auch nicht.

Denkt Sandra etwa, dass Henning und ich eine Affäre haben? Dass er sie für mich verlassen will? Deswegen ein Privatdetektiv? Etwas verrückt hat sie ja schon immer auf mich gewirkt. Und dann der gruselige Blick vorgestern hinter der Gardine.

Immer noch nachdenklich drücke ich auf Play auf dem Anrufbeantworter.

„Guten Tag Frau Hohenstein, hier Kriminalkommissar Rotters. Leider habe ich sie in ihrem Zuhause telefonisch nicht erreicht, daher rufe ich sie in ihrem Büro an. Ich hätte ein paar Fragen zu Sandra und Henning Engels, bitte rufen sie mich unter folgender Nummer zurück.“

Noch während im Anrufbeantworter die Nummer vorgelesen wird, lege ich auf. Ich kannte Kommissar Rotters. Er war ein Kollege des Polizisten, der im Falle meines Stalkers Freddy ermittelt hatte. Schon damals wurde mir nicht geglaubt, die Polizei stand lange hinter den abstrusen Behauptungen von Freddy. Ich werde den Teufel tun und jetzt die Polizei anrufen. Und zuallererst will ich mit Henning reden, was hier vor sich geht und warum die Polizei Fragen zu ihm hat.

Hat er etwas verbrochen? Er weiß doch sicher, dass er er mir vertrauen kann. Weiß er, dass Sandra einen Detektiv auf mich angesetzt hat? Meinte Freddy das mit seinem merkwürdigen Gestammel gestern Abend?

Mein Kopf schwirrte als ich kurz nach 14 Uhr das Büro abschloss und in meinem Smart meinem Smarti, wie Anke sagen würde, zu meiner Yogalehrerin fahre. Die Wolken, die sich schon am Morgen angekündigt haben, werden mehr, nur noch einzelne Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg zur Straße. Als ich auf die Einfahrt meiner Yogalehrerin fahre, bemerke ich das sogar die Blumen und Sträucher sich etwas wegzuducken scheinen. Etwas kommt. Etwas wird passieren.

Jedes mal, wenn meine Lehrerin die Tür öffnet, ist es wie beim ersten Mal. Überall Farben, Lachen, Freude. Ich weiß nicht, wie diese Frau das macht. Man fühlt sich im Gespräch mit ihr immer, als ob sie einem sekündlich einen Korb voller wunderschöner Blumen ins Gesicht werfen würde. Ich muss anfangen zu grinsen. Auch wenn es etwas schief gerät. Sie grinst auch und zieht mich in die Wohnung. „Du warst lange nicht da, Schätzchen“ Ihre Gewänder, Tücher und Ringe fliegen um ihren Körper, es ist nicht zu erkennen, wo Stoff aufhört und Frau anfängt.

„Ja, hm, ich war, sehr beschäftigt.“ Eine dreiste Lüge von mir, ich hatte Urlaub. Sie schaut mich an. Ich bin mir sicher, dass sie weiß, dass ich lüge. Aber es ist nicht wichtig. Sie urteilt nie. Wir gehen langsam durch ihre Wohnung in das Yoga-Zimmer. Jeder Zentimeter dieser Wohnung hat eine andere Farbe und alle scheinen sie mit Orange verwandt zu sein. Ihre Stimme flirrt, während sie vor mir barfuß über das Parkett schwebt. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, Süße.“ Ihr Blick wandert über meine verbundene Hand. „Dein letzter Termin war vorletzten Freitag. Sieht dir gar nicht ähnlich, ohne Absagen einfach nicht zu kommen.“

Jedes Mal, wenn ich hier bin, versuche ich ihr Alter zu schätzen. Keine Chance. Zwischen Ende 30 und 60 ist alles möglich. Ich räuspere mich. „Ja ich, also“ Hm. Ja Warum war ich denn an dem Freitag vor meinem Urlaub nicht beim Yoga? Sie hat Recht, es ist wirklich sehr untypisch für mich.

„Ich habe es wohl einfach vergessen. Tut mir leid“ Sie wirbelt um mich herum. Wie viele Tücher hat sie eigentlich um? Und wie lange braucht sie wohl, um all diese Tücher an den richtigen Platz zu bringen? Sie lacht einfach ohne etwas zu sagen. Manchmal denke ich, sie ist wie Obelix. Nur, dass sie in gute Laune und Esoterik gefallen ist und nicht in Zaubertrank. Und auch ohne seinen Bauch. Ich sollte das mit den Vergleichen vielleicht einfach lassen. Bewusst atme ich langsam aus und streiche mit der rechten Hand über meinen Undercut. Ich mag es, wenn die kurzen Haare leicht auf der Handfläche kitzeln.

Ich ziehe meine Pumps aus und betrete den Raum barfuß, setze mich im Schneidersitze auf das große Kissen, welches schon bereit liegt. Ich kenne das Prozedere gut, gehe schon lange zum Yoga. Ist mein Pflichtprogramm neben Pediküre, Maniküre und Joggen. Auch wenn das hier mittlerweile mehr eine Entspannungsreise ist als wirklich Yoga.

„Willkommen im Morgenland. Hier werden wir jeden Tag neu geboren.“ Ihre warme und weiche Stimme scheint überall zu sein obwohl sie direkt vor mir im Schneidersitz sitzt. Ich schließe die Augen, eine wohlige Wärme und Geborgenheit macht sich breit. Ich muss lächeln. Etwas Silbriges weht leicht im Wind. Mein Lächeln verebbt.

Ihre Entspannungsreise beginnt. „Stell dir vor du stehst mit nackten Füßen im warmen Sand am Meer…“ Es spielt mittlerweile keine Rolle mehr, was genau sie sagt. Sie fängt an, mich an einen anderen Ort zu entführen und ich bin weg.

Die Luft fährt in meine Lungen und wieder heraus. Tiefe Atemzüge, der Wind umfängt mich. Ich bin oben, soweit oben und schaue auf die Welt herunter. Alle Menschen sind wie Ameisen, winzige Ameisen. Dort unten mit all ihren Sorgen. Der silbrige Vorhang kommt näher, dunkle Wolken begleiten ihn. Atmen.

Ich bin wieder 12 Jahre alt, sehe mich von oben. Sehe mich selbst von oben wie ich mit meiner Zwillingsschwester Ann-Katrin in unserem Zimmer spiele. Wie wir Geheimbotschaften austauschen. Wie wir beide beschließen, dass Schwäne einfach die besten Tiere auf der Welt sind. Wie wir eins sind. Charlie und Anke in Action.

Mein Puls geht schneller. Der Unfall. Keine Anke mehr. Nie wieder. Ich schreie auf und schlage rückwärts mit dem Hinterkopf auf dem Parkett auf. Dunkelheit. Der silbrige Vorhang weht.

Ich bin wohl nur ein paar Sekunden weg, denn als ich wach werde, liege ich immer noch auf dem Rücken im Yoga-Zimmer und meine Lehrerin beugt sich mit sorgenvollem Gesicht über mich. „Was war das denn, Süße? Du warst so entspannt und auf einmal hast du geschrien und bist nach hinten umgekippt.“

Ich schüttle mich und setze mich auf. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Vorsichtig betaste ich meinen Hinterkopf. Das wird leider eine Beule. Aua.

„Alles in Ordnung“ murmle ich. „Das war nichts. Stressige Arbeit.“ Sie wirkt nicht überzeugt. Ich leider auch nicht. Mein hastiger Aufbruch wirkt selbst für mich wie eine Flucht. Im Smart kralle ich mich ins Lenkrad und versuche tief und fest zu atmen. Was ist passiert? Und wie schlimm wird es noch? Ich habe ewig nicht mehr an den Unfall gedacht. Ich denke an meine Medikamente auf dem Nachttisch. Dann wieder an Henning. Sandra. Der Detektiv. Wieder Henning.

Morgen wirst du mir ein paar Antworten schulden Henning. Und dann keine Sprüche, sondern wirkliche Antworten.

Mit dem Gefühl morgen Antworten und vielleicht auch ein bisschen mehr von Henning bekommen zu können kann ich heimfahren. Zuhause angekommen schließe ich mich ein und verbringe den Abend mit einem Eisbeutel auf dem Kopf, halb wach halb dösend auf der Couch.

Mein lila Kostüm habe ich heute nicht ausgezogen. Musste eh in die Wäsche. Ich brauche Antworten. Morgen. Wie sagt meine Yoga-Lehrerin? Wir werden jeden Tag neu geboren? Mit diesem Gedanken kann ich irgendwann weit nach Mitternacht einschlafen.

Mitten in der Nacht wache ich mit knurrendem Magen auf, ich finde noch ein paar Reste im Kühlschrank, die ich kalt esse. Das Geschirrtuch hänge ich über den Spiegel in der Küche. Ich will mich nicht sehen. Nicht wie ich aussehe. Und auch nicht was dahinter ist.

Donnerstag

Mit rot geräderten entzündeten Augen wache ich schon vor dem Wecker auf. Das Abschminken habe ich offensichtlich auch nicht gemacht. Der silbrige Vorhang war heute Nacht wieder da. Er bewegt sich langsam im Wind und dahinter wird nichts als der Tod sein. Ich habe furchtbare Angst, was dahinter sein wird. Das Duschen ist kurz und knapp, mir fällt auf, wie schlecht meine Fingernägel mittlerweile aussehen. Ich habe sie wohl schon zwei Wochen nicht gepflegt. Wie kann mir das nicht auffallen? Hatte ich schon immer so merkwürdige Gedanken? Es ist schwer sich objektiv zu erinnern, was man früher gedacht hat.

Es ist kälter geworden. Ich habe das gleiche lila Kostüm wie gestern an, für heute wird das nochmal gehen. Etwas Lippenstift muss reichen. Ich friere, als ich zum Auto gehe. Dunkle Wolken rasen über den Himmel. Sind sie auf der Flucht oder bin ich es? Die Sonne ist immer nur kurz zu sehen, bevor es wieder dunkler wird. Haben sie für heute Gewitter gemeldet? Ich weiß es nicht. Warum weiß ich das nicht? Normalerweise bin ich immer sehr gut übers Wetter informiert.

Vielleicht brauche sogar ich mal Hilfe. Henning wird die richtigen Worte finden. Er findet sie immer. Ich mag ihn.

Der silbrige Vorhang weht stärker in mir. Er wird bald reißen. Und ich weiß nicht was dann passiert.

Ein lautes Hupen hinter mir, ich habe das Blinken vergessen. Scheiße. Konzentrier dich Charlie. Im Rückspiegel sehe ich wieder den roten Ford. Wahrscheinlich der Detektiv. Ich werde Henning vor ihm warnen. Und vor der Polizei. Und wohl auch vor Sandra. Ich glaube, die stecken alle mit drin.

Zum Glück hat er mich. Dieser Glückspilz.

Ich stelle meinen Smart, Smarti wie Anke gesagt hätte, ab und muss zweimal nach dem Schlüssel greifen, um abzuschließen, so sehr zittern meine Hände. Ich stolpere mehr als ich gehe ins Gebäude und gehe sofort in Hennings Büro. Die Sonne blitzt durch die schwarzen Wolken und fällt genau in sein Büro.

Gott sei Dank, er sitzt an seinem Schreibtisch. Blut. Er sitzt da und lächelt mich an. Welch ein Glück. Mir schießen Tränen in die Augen, so froh bin ich ihn zu sehen.

„Freust du dich auf deinen Urlaub Charlie? Ich freu mich so mit den Jungs wegzufahren. Einfach ein paar Tage Freiheit, Bergluft und jeden Abend so viel Bier wie reingeht“ Ich runzle die Stirn. „Soll das ein Scherz sein? Dein Urlaub war vor fast zwei Wochen. Aber mal was anderes. Die Polizei hat mich angerufen…“ Die Sonne verschwindet wieder hinter einer Wolke und es wird deutlich dunkler. Mir fällt auf, dass Henning hier im Dunkeln sitzt. „Was machst du denn im Dunkeln?! Henning?“ Ich mache das große Deckenlicht an. Viel besser.

Wo war ich? Er schaut mich immer noch einfach an. Auf was wartet er denn? „Ähm, ja also, wie gesagt, die Polizei hat mich angerufen und hatte Fragen, was soll ich denen…“

„Weißt du noch, was wir an diesem Freitag gemacht haben, Charlie?“ Er hat mich, glaube ich, noch nie einfach unterbrochen. Aber gut, dann spiele ich eben sein Spiel mit.

„Mal überlegen. Ich habe mich über dich lustig gemacht, weil du nur ein kurzes Hemd anhattest, obwohl es recht kalt war. Meine Beratung ist ausgefallen. Dann bist du in den Keller, weil du für deinen Trip noch etwas holen wolltest. Joa.“

Er schaut mich traurig an. „Sonst ist nichts passiert?“ Der silberne Vorhang weht leicht hin und her, irgendwie bin ich unruhig, meine Finger bewegen sich ohne mein Zutun. Etwas in mir will raus. Der Druck ist groß. Zu groß. Es ist da.

„Nein, warum? Ein typischer Freitag. Du hast mir wie jeden Freitag erzählt, dass der Name Freitag auf die heidnische Göttin Freya zurückgeht. Alles wie immer. Und nachmittags bist du zu deinem Urlaub aufgebrochen.“

Langsam steht Henning auf, er sieht nicht gut aus. Wie konnte ich das übersehen? Seine Augenringe fressen sich in sein Gesicht und er scheint in wenigen Tagen deutlich an Gewicht verloren zu haben. Sein Hemd liegt lose um seine Brust. Ich atme erschrocken auf. „Henning. Was ist los mit dir?“

Er läuft wortlos an mir vorbei, muss sich am Tisch abstützen, um nicht zu stürzen. Was ist hier los?!

„Henning? Sag es mir. Es ist egal, was es ist. Wir stehen das zusammen durch. Ist was mit Sandra? Sie hat mich vor ein paar Tagen so komisch angesehen. Und sie hat einen Detektiv angeheuert! Er spioniert mir nach. Habt ihr euch getrennt?! Sag es mir!“ Meine Stimme kippt und ich spüre eine leichte Übelkeit tief in mir hochwabern. Immer wieder der silbrige Vorhang, der Wind wird stärker. Ein Rauschen in der Luft.

Henning geht wortlos an mir vorbei, ich traue mich nicht ihn anzufassen aus Angst, er könnte auseinanderbrechen.

Ich folge ihm mit zitternden Knien. Es wundert mich nicht, dass er die Tür zur Kellertreppe nimmt. Er will mir etwas zeigen.

Langsam folge ich ihm, er humpelt leicht und muss jede Stufe einzeln nehmen. Das Licht im Treppenhaus flackert und von Ferne ist das erste Grollen des Gewitters zu hören. Die Übelkeit wird stärker.

War ich an diesem Freitag auch mit hier unten? Ich glaube ja. Aber warum? „Henning, bin ich an dem Freitag hier mit runter?“

Keine Antwort. Wie kann das sein? Er gibt immer eine Antwort. Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der beim Radio Hören die Werbungen lautstark kommentiert. Er ist mir schon sehr wichtig geworden in den letzten Jahren.

Wir sind fast ganz unten angekommen. Es ist deutlich kühler hier unten, nur ein kleines Fenster auf Überkopfhöhe wirft einen kleinen Lichtspalt hier rein. Ich lasse die Pumps an der Treppe stehen und gehe barfuß weiter.

Das habe ich auch an diesem Freitag getan. Und wie auch an diesem Freitag lasse ich meinen Blick schweifen. Wir haben unsere Praxis in einem sehr alten Gebäude, hier haben schon Generationen von Menschen gelebt und gearbeitet. Und so sieht auch der Keller aus. Nur wir beide haben Zugang zu ihm. Alte Schreibtische, große Eichenschränke, Malerfolie, eine halbe Küche samt rostigem Besteck, viele Holzlatten, Staub.

Henning hat sich auf einen alten Schreibtisch gesetzt, sieht mich traurig an.

„So war es am Freitag nicht. Du hast Klebeband gesucht. Das hast du in der alten Truhe hinten in der Ecke gesucht“, sage ich.

Henning steht auf und geht zur Truhe in der Ecke, sucht Klebeband. „Dann hast du dich umgedreht“. Er dreht sich um. Ich atme tief an. Alles dreht sich. „Und dann habe ich dich angesehen und gesagt: Ich liebe dich“

In meinem Kopf springt alles hin und her. Ist das wirklich passiert? Habe ich vor zwei Wochen hier endlich zu Henning gesagt, dass ich ihn liebe? Mir ist so übel, dass ich mich übergeben will. Das Donnergrollen ist jetzt fast direkt über uns, der silbrige Vorhang weht verzweifelt im Wind. Was auch immer dahinter ist, es ist fast da. Ich habe es wirklich gesagt. Ich habe gesagt:

„Ja, ich liebe dich.“ Und dann: „Lass uns zusammen fortgehen. Nur wir beide“ Er sieht mich weiter traurig an. Warum sagt er nichts? An diesem Freitag hat er nicht traurig geschaut. Eher entsetzt. Ist es so entsetzlich mich zu lieben? So viele wollen mich! Allen voran Freddy der nicht mehr von mir losgekommen ist seit ich ihn einmal nachts gefickt hatte.“ So hätte es nicht laufen dürfen Henning! Du hättest sagen MÜSSEN, dass du mich auch liebst! Das du Sandra verlässt, dass sie natürlich nicht mit mir mithalten kann. „

Ich bin kurz davor mich zu übergeben. Blut.

„Du hast gesagt, dass du sie nie verlassen wirst! Ja ich erinnere mich wieder. Du hast da lässig und arrogant gelehnt und gesagt, dass du sie nie verlassen wirst!“ „Und dann?“ Das waren die ersten Worte die Henning spricht, seit wir hier unten sind.

Ein Blitz zuckt, ich sehe es im Augenwinkel durch das kleine Fenster, das Gewitter ist direkt über uns. Der Wind weht, der silbrige Vorhang reißt. Es ist da.

„Dann habe ich dir ein altes Küchenmesser bis zum Anschlag zwischen die Rippen gestoßen.“

Alles dreht sich, die Farben verschwimmen. Rot. Blut. Rot. Überall Blut.

„Ja, das hast du, Charlie. Und ich bin gestorben. Hier. In diesem Keller“

Er flimmert ein letztes Mal, wie heißer Asphalt in starker Hitze. Dann löst sich sein Bild auf.

Ich fange an zu schreien, während ich mich gleichzeitig übergebe. Alles in mir krampft, ich sehe alles. Der Vorhang liegt am Boden. Henning. Tot. Die Leiche im alten Eichenschrank. Überall Blut. An meinen Händen. Auf dem Boden. Auf dem Holz. Oh Gott, so viel Blut.

Ich übergebe mich, bis nur noch saure Magensäure kommt und selbst dann würge ich noch als ich schon die Treppen hochwanke.

Hinaus in den Regen, ein Donnerschlag direkt über mir. Ich taumle über den Marktplatz. Er ist menschenleer, mitten in diesem Gewitter. Der Regen prasselt auf mich nieder. Ich wanke zu unserem Café, in dem wir nie wieder zu Mittag essen werden.

Die Tränen vermischen sich mit dem Regen, die stummen Schreie hallen in mir wider, als ich auf der Brücke über den See stolpere und hinfalle.

Mit letzter Kraft ziehe ich mich am Geländer hoch. Die Schwäne sind wieder da. Sie schwimmen durch den Regen. Als ob sie nicht wüssten was hinter dem Vorhang ist. Als ob sie nicht wüssten das überall Blut ist. KÖNNEN SIE ES DENN NICHT SEHEN?

Ich schließe die Augen, denke an Anke und Henning, wippe ein paar Mal vor und zurück und lasse mich nach vorne kippen, überschlage mich und schlage mit dem Rücken auf dem Wasser auf. Langsam sinke ich. Ich spüre Anke an der einen und Henning an meiner anderen Hand. Wir werden alle zusammen sein.

Das Gewitter zieht weiter, ein erster Sonnenstrahl bricht sich im Wasser. Mein Atem läuft wie an einer Perlenschnur aufgezogen auf die Oberfläche zu.

Ich drehe den Kopf und ja, da sind sie. Welch ein Glück. Die Schwäne schwimmen über mir. Ich lächle mit letzter Kraft bevor mein Lebenshauch entweicht. So sehen also ihre Füßchen aus. Sie sind so…

Ende

4 thoughts on “Schwanenfüße

  1. Hallo lieber Tim,

    deine Geschichte ist ganz toll geschrieben, ich hatte sofort Bilder im Kopf. Bei mir bleiben keine Fragen offen und ich hätte gerne mehr gelesen. Mein Like hast du. Meine Geschichte heißt „Kindermund tut Wahrheit kund“, falls du die auch lesen magst. Ich freue mich über ein Feedback.

    Liebe Grüße

    Senta

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