Isabel SteinbachSeelenmord

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Josie

Mit einem geschwungenen Pinselstrich male ich mir ein Lächeln ins Gesicht. „Perfekt“, denke ich, „das wird ihm gefallen“. Ich betrachte meine Gestalt im Spiegel und fange an mich langsam zu drehen. Das Sommerkleid umspielt meine Figur und die roten Blumen darauf, bringen meinen leuchtenden Lippenstift, noch mehr zum Strahlen. „Perfekt“, wiederhole ich diesmal laut und wende mich zur Tür.

Auf dem Weg nach unten höre ich schon ausgelassene Musik und lautes Lachen. Die markanteste Stimme ist natürlich von IHM und mein ganzer Körper erschaudert bei diesem Klang. Er weiß wie man die Menge fesselt, selbst einer alltäglichen Geschichte haucht er Leben ein. Mein Mann ist etwas ganz Besonderes und weiß es auch. Seit wir uns damals gefunden hatten, leben wir zusammen und sind kaum eine Sekunde getrennt. Sein charismatischer Charakter ist das genaue Gegenteil meiner Unsicherheit. Ich liebe diesen Mann über alles.

Als ich den Raum betrete, wenden sich alle Blicke zu mir. „Josi!“, ruft mein Mann und winkt mich zu sich. Er steht inmitten seiner Freunde und Geschäftspartner, die ich nur zu gut kenne. „Alles Gute zum Geburtstag mein Schatz“, murmle ich und hauche ihm einen Kuss auf die Wange. Zärtlich streichelt er mein Gesicht und lässt den Blick über meinen Körper wandern. „Wow, du siehst wirklich großartig aus“ sagt er mit leuchtenden Augen. Jetzt wird gefeiert!“, stößt er aus, woraufhin die Musik noch lauter wird.

Stunden später lasse ich mich erschöpft ins Bett fallen. Die Party war ein voller Erfolg gewesen. Ich hatte IHN selten so glücklich gesehen. Meine Fußsohlen schmerzen und ich spüre ein ziehen im Unterleid, was schon lange nicht mehr so stark gewesen war. Ich überlege, ob ich nochmal aufstehen soll, um mir ein Ibuprofen zu holen, als die beginnende Blutung zwischen meinen Beinen mir die Entscheidung abnimmt.

Ich wälze mich mit einem leisen Stöhnen aus dem Bett und laufe barfuß zum Bad. Kurz bevor ich die Badezimmertür aufstoße, wird mir bewusst, dass dort bereits Licht brennt. Einer der Partygäste musste unerlaubterweise das obere Badezimmer benutzt haben und hatte vergessen das Licht auszumachen. Mit vor Müdigkeit zusammengekniffenen Augen taumle ich in den Raum und bleibe schlagartig stehen. Das Erste was ich bewusst wahrnehme ist der Geruch. Der süße Duft von Pfefferminze lässt tief vergrabene Erinnerungen aufblitzen und mir schießt ein stechender Schmerz in den Kopf. Mit tränenden Augen sehe ich ein Smartphone auf dem Waschbeckenrand liegen. Der Bildschirm ist entsperrt und ein Foto leuchtet mir entgegen. Es zeigt mich, aber irgendwie auch nicht mich, denn die Josie auf dem Bild lacht mit zurückgelegtem Kopf und blitzenden Augen. Sie sieht glücklich aus. Wirklich glücklich. Auf dem Bild habe ich den Arm um eine andere Person geschlungen, die genauso fröhlich lacht wie ich. Der Schmerz in meinem Kopf verstärkt sich und ich falle auf die Knie. Ich halte mir die Ohren zu, denn der aufkommende Erinnerungstornado bringt einen immer wiederkehrenden Ruf mit sich, den ich nicht ertragen kann. „Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly! Charly!

 

Ich musste kurz das Bewusstsein verloren haben, denn als ich erwache, liege ich ausgestreckt auf dem Boden. Der Blutgeschmack in meinem Mund sagt mir, dass ich mir auf die Zunge gebissen hatte. „Verdammte Scheiße, was war das denn?“ Ich richte mich auf und mein Blick fällt sofort wieder auf das Handy. Ein kleines bisschen wünsche ich mir, dass ich mir das Ganze nur eingebildet habe, aber leider ist das, offensichtlich, nicht der Fall.

Endlich bemerke ich das Gefäß neben dem Handy, welches erklärt, warum es hier so nach Pfefferminze riecht. Jemand hatte ein Räucherstäbchen angezündet. Nur wer? Ich fasse meinen Mut zusammen und nehme das Handy in die Hand. Es ist weder mit einem Muster noch mit einem Passwort gesichert. Ich gehe auf Kontakte, um einen Anhaltspunkt zu bekommen wem das Handy gehört. Es ist nur ein einziger Name gespeichert: Josie.

„Das kann doch nicht wahr sein! „entfährt es mir. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, was das alles bedeutet- denn eins ist sicher- meine Nummer ist das nicht! Höre ich von unten ein Poltern und schrecke auf. ER, darf davon ganz bestimmt nichts erfahren. Ich lösche das Räucherstäbchen und stopfe es nach ganz unten in den Mülleimer. Dann verstecke ich das fremde Handy unter meinem Nachthemd und schnappe mir schnell die Ibu und eine Binde.

Wieder im Bett lasse ich den vergangen Moment Revue passieren. Das Poltern war nur falscher Alarm gewesen, ich bin allein. Ich ziehe das Handy hervor und betrachte den Hintergrund. War ich jemals so glücklich gewesen? Ich erinnere mich nicht.

Ich sollte mich damit auseinandersetzen was ich in den Momenten gesehen habe, kurz bevor ich das Bewusstsein verlor. Aber ich will nicht. Zu groß ist die Angst vor den glühenden Kopfschmerzen, die jedes Mal auftreten, sobald ich versuche mich an irgendetwas aus der Vergangenheit zu erinnern.

Ich öffne im Handy die Galerie. Neben dem Foto, was ich bereits kenne, gibt es 9 weitere. Ich vergrößere das zweite und erschauere. Das bin ich!! Ein heimlich aufgenommener Schnappschuss, wie ich am Fenster stehe und rauche. Der Fotograf muss auf der anderen Straßenseite gestanden haben. Ich wische mich durch die anderen Bilder und sehe noch mehr Aufnahmen von mir bei alltäglichen Erledigungen. Es gibt sogar Bilder von mir während der Arbeit! Bei dem letzten Foto muss ich schlucken. Es ist kurz zuvor entstanden, bei der Party in meinem Haus.

Jemand verfolgt mich. Und dieser Jemand ist sehr nah.

 

Plötzlich wird mir bewusst, woher das Poltern von vorhin noch stammen konnte. Der Stalker. Er war in meinem Bad gewesen sein, um das Handy zu hinterlassen. Die Schatten in meinem Zimmer kommen mir immer bedrohlicher vor. Was ist, wenn er noch hier ist? Ich springe auf und schalte das Licht an. Nichts. Ich atme erleichtert aus, schiele aber gleichzeitig unter mein Bett- Man weiß ja nie.

Ich zucke zusammen, denn das Telefon in der Küche fängt an zu klingeln. Ich muss ran gehen. Ich muss. Langsam taste ich mich den Flur entlang. Ich hatte meinen Kerzenständer schlagbereit in den Händen, machte mir aber nicht vor, dass ich einen Eindringling wirklich abwehren könnte. Es war eher meinem Wunsch entsprungen sich an etwas Greifbarem festzuhalten.

Das Telefonklingeln verstummt kurz, geht zwei Sekunden später aber genauso durchdringend wieder los. In jedem Zimmer mache ich das Licht an, um mir ein Gefühl von Sicherheit vorzugaukeln. Bevor ich die Küche betrete, wische ich mir noch meine schwitzigen Hände an der Hose ab, um besseren Gripp für den Kerzenständer zu haben.

Was vollkommen sinnlos war, denn als ich sehe, was in der Küche auf mich wartet, wird mein ganzer Körper schlaf, der Ständer fällt mit einem lauten Knall zu Boden und ich bin wie paralysiert. Ich fühle mich wie eine Gummipuppe, aus der jemand die ganze Luft gelassen hat.

„Ich weiß was du getan hast.“ Steht mit roter Schrift an die Wand geschrieben.

„Scheiße, ist das Blut?!“, sagt jemand laut hinter mir. Mit einem mickrigen, halb erstickten Schrei springe ich unter den Küchentisch, wie ein Kaninchen, das sich vor dem Wolf im Bau versteckt.

Zum Glück ist es nur mein Mann. Ich fange an mich zu entspannen, weil er das Ganze bestimmt aufklären kann. In diesem Moment bin ich dankbarer als je zuvor, dass er mir Sicherheit schenkt. Lässig schlendert er zu der Schrift, wischt mit seinem Finger drüber und beantwortet sich seine Frage selbst: „Nein, nur Edding“. Langsam wendet er sich mir zu: „Du weißt was das bedeutet: Jemand kennt dein kleines Geheimnis“.

 

Gemeinsam hatten wir es geschafft die Schrift von der Wand zu schrubben. Nur noch ein leichter Rotschimmer war geblieben, der mich wie ein Mahnmal an den Schrecken erinnert. Doch anstatt weiter wie gelähmt vor Angst zu sein, steigt plötzlich Wut in mir auf. Mein Leben war doch so perfekt gewesen. Endlich, standen wir ganz kurz davor unseren gemeinsamen Traum von einem eignen Tanzstudio zu verwirklichen. Was will dieser Stalker von mir? Was genau hat er gegen mich in der Hand? Die Antwort muss in meiner Vergangenheit liegen. Mir entfährt ein Seufzer. Ich weiß wie ich die Erinnerungen herauslocken kann, doch es wird weh tun- sehr weh.

Ich warte am nächsten Morgen bis mein Mann zur Arbeit geht, damit ich das Haus für mich alleine habe. Mir fällt der Stalker ein, der wieder auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen kann und linse nach draußen. Nichts. Sicherheitshalber ziehe ich trotzdem die Vorhänge zu. Dann gehe ich ins Badezimmer und hole das Räucherstäbchen aus dem Müll. Mit geschlossenen Augen lege ich mich aufs Bett im abgedunkelten Schlafzimmer. Das Duftstäbchen brennt fleißig ab und immer schneller steigt der unverkennbare Geruch von Pfefferminze auf. Ich versuche mich zu entspannen und atme tief ein und aus. Immer weiter sinke ich in die Entspannung ein und lasse den Duft der Minze durch meine Lungen strömen. Ich schlage die Augen auf und starre das Bild auf dem Smartphone von der lachenden Josie an. Plötzlich höre ich den Klang ihres Lachens leise in meinem Kopf und spüre gleichzeitig wieder einen stechenden Schmerz. Vorausschauend hatte ich bereits vor meiner Aktion ein Ibuprofen eingeworfen, sodass sich die Kopfschmerzen in Grenzen halten. Anders als sonst, versuche ich nicht die aufsteigenden Bilder in meinem Kopf zu verbannen, sondern lade sie ein, weiter zu mir vorzudringen.

Das Lachen wird lauter und gemeinsam mit dem nächsten Schwall Pfefferminze, tauchen die passenden Bilder dazu auf:

10 Jahre zuvor

„Josie, warte auf mich!“ Charlotte tritt in die Pedale, um den Abstand zu ihrer besten Freundin zu verringern. „Was kann ich dafür, dass du so eine lahme Ente bist“, schreit Josie lachend zurück. Ihre Haare wehen im Wind und ihre Augen funkeln. Mit quietschenden Reifen kommen die beiden Mädchen am Ende des Waldweges zustehen. Sie befinden sich an einer Gabelung, eine von ihnen wohnt 100 Meter weiter nach rechts, die andere 100 Meter nach links.

Josie jubelt, „Yeah, schon wieder gewonnen! Der nächste Eisbecher geht auf dich“. Beide steigen von ihren Rädern ab und umarmen sich herzlich. Seit sie denken können sind die beiden unzertrennlich. Alles machten sie gemeinsam und da traf es sich perfekt, dass sie so nah aneinander wohnten. Josie war einen kleinen wenig größer als Charlotte und hatte weizenblondes Haar und meerblaue Augen. Obwohl sie jeder Junge in der Schule bewundernd ansah, schien sie deren Blicke nicht zu bemerken und war auch viel zu schüchtern, um hin zu sehen. Anders Charlotte: Mit ihren feuerroten Haaren und dem sommersprossigen Gesicht, war sie genauso großspurig und draufgängerisch wie es ihr Aussehen vermuten ließ. Sie waren 13 Jahre alt und dachten die Welt gehöre ihnen. Sie waren das perfekte Gespann.

Naja, früher war das so gewesen. In letzter Zeit zog sich Josie immer weiter zurück und meldete sich auch nicht mehr so oft. Kurz überlegt Charlotte, ob sie Josie darauf ansprechen sollte, entschied sich aber dagegen, da sie sowieso schon spät dran war und ihre Mutter es gar nicht mochte, wenn sie im Dunkeln so lange wegblieb.

Noch einmal umarmten sich die Beiden. Josie holte ihr Lieblingskaugummi mit Pfefferminzgeschmack aus der Tasche und teilte den letzten Streifen mit ihrer Freundin. Dann wandten sich beide um und gingen ihres Weges. „Bis Morgen Josie“. „Bis Morgen Charly“.

Die beiden hatten sich nicht wiedergesehen.

 

Josie

Langsam öffne ich die Augen. Nicht nur von den jetzt sehr deutlichen Kopfschmerzen, laufen mir Tränen übers Gesicht. Wie konnte ich nur meine beste Freundin vergessen? Irgendetwas musste damals passiert sein- nur was? Ich rollte mich wie ein kleiner Igel zusammen und umarmte mich selbst. Leise wiegte ich mich hin und her und dachte nach. Wenn doch nur diese dämlichen Kopfschmerzen aufhören würden. Nein, dachte ich traurig, wenn ich doch nur jetzt eine Freundin hätte, die ich um Rat fragen könnte.

Ich brauche dringend mehr Informationen, aber mein eigenes Erinnerungsvermögen lässt mich im Stich. Wenn konnte ich fragen? Meinen Mann? Nein, verwarf ich sofort. Der würde sich nur unnötig aufregen und ich wollte ihn nicht beunruhigen. Wahrscheinlich würde er mir nicht glauben und mich auslachen. Da ich keine Familie mehr hatte, gab es nur noch eine andere Möglichkeit.

Ich hebe das fremde Handy und starre es an. Der Stalker scheint mehr über mich zu wissen als ich selbst. Was wäre, wenn…? Könnte ich es wirklich wagen mich bei einer Person zu melden, die mich verfolgte und sogar unbemerkt in mein Haus vordrang? Eigentlich keine gute Idee, aber ich weiß, dass ich ohne Antworten nicht friedlich weiterleben kann. Ich muss mich meiner Vergangenheit stellen, egal wie schmerzhaft es wird. Da mir keine andere Lösung einfiel, lud ich WhatsApp runter und öffnete den einzigen Kontakt, den das Handy besaß. Josie. Schon komisch den eigenen Namen mit einer fremden Nummer zu sehen.

Natürlich hatte die Nummer bei WhatsApp kein Profilbild – wäre ja auch zu einfach gewesen. Sollte ich anrufen? Ich traute mich nicht. Wer weiß wer da am anderen Ende abnimmt. Okay, was schreibt man jemanden, der einen verfolgt? Ich tippe Hallo und lösche es direkt wieder. Begrüßt hatte mich die Person schließlich auch nicht, als sie direkt nebenan im Bad war. Ich nehme einen tiefen Atemzug und entschließe mich für die Klischeefrage schlechthin: „Wer bist du?“ Die Antwort erfolgt prompt: „Das müsstest du doch am besten wissen“. „Super, danke für die Hilfe. Nicht.“, grummelte ich- Das fängt ja schon gut an. Schicksalsergebend stelle die nächste Frage, die in jedem schlechten Krimi vorkommt: „Was willst du von mir?“ Mit der darauffolgenden Antwort hätte ich allerdings nicht gerechnet. „Ich möchte dich treffen. Kann ich kommen?“ „Treffen?“, kommt krächzend aus meinem Mund. Mein Herz rast. Nein, Nein, Nein. So habe ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Es kommt eine weitere Nachricht rein: „Ich weiß dein Mann ist nicht da, ich bin ganz in der Nähe und komme jetzt.“ Der Stalker tippt weiter und mir gefriert das Blut in den Adern. „Du hast eigentlich keine Wahl. Ich komme jetzt und hole dich. Ich lasse mich selbst rein. “

„Scheiße. Was soll ich denn jetzt verdammt nochmal tun!?“ Ich springe aus dem Bett und will fliehen, als ich höre wie sich leise die Haustür öffnet. Der Stalker. Er ist hier. Da fliehen jetzt keine Option mehr ist, überdenke ich meine Möglichkeiten. Bin ich ein Kaninchen oder ein Wolf? Ich denke an die Szene gestern Abend in der Küche und füge mich meinem Schicksal- verstecken und totstellen. Ich wirble herum und lasse meine Augen gehetzt über die Möbel schweifen, als ich bereits leise Schritte auf der Treppe höre. Mein Blick fällt auf den Kleiderschrank und ich öffne leise die Tür. Ich quetsche mich in die hinterste Ecke und hocke mich hin wie ein Kind. Es schleicht sich eine Erinnerung an wie Josie und Charly immer Verstecken gespielt haben. „Nicht jetzt“, murmle ich und kneife die Augen zu. Die beiden Freundinnen verblasen und ich würde so gerne mit ihnen verschwinden. Aber immer noch sitze ich in der Falle und versuche leise zu sein. Mein Herz rast und mein Atem wird immer keuchender. Ich hatte keine verdammte Chance. Ich weiß nicht, was mir der Stalker antun will, aber wehren kann ich mich nicht. Kaninchen gegen Wolf. Mein Schicksal ist besiegelt. Das einzige worauf ich mich freuen kann, ist der Moment, wenn mein Leben an mir vorbeizieht und ich endlich raus finde was damals passiert ist. Bei meinem Glück schaffte es mein Gehirn aber wahrscheinlich nicht mal dann, alles aufzudecken. Die Türklinke quietscht. Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr allein im Zimmer bin. Mit einem viel zu lautem Klick wird das Licht eingeschaltet. Der Stalker ist siegessicher. Ich mache mich ganz steif und halte mir den Mund zu, damit möglichst kein Geräusch nach außen dringt. Stapf. Stapf. Stapf- die dumpfen Schritte nähern sich dem Schrank. Mit einem unheilvollen Geräusch wird die Schranktür aufgestoßen und mein Herz kollabiert.

Zunächst begreife ich gar nicht was ich da sehe. Ich scheine in einen Spiegel zu schauen, nur dass da keiner war. „Charly?“, fragt mein Spiegelbild. „Nein, ich bin Josie“, antworte ich stirnrunzelt und stehe auf. Stumm starren wir uns an. Wir haben beide weizenblondes Haar, aber im grellen Licht der Deckenleuchte werden immer mehr Unterschiede deutlich. Die fremde Frau ist ein klein wenig größer als ich. Nein, halt, sie ist nicht fremd. Plötzlich beginnt sich alles zu drehen und der Erinnerungstornado stürzt wieder auf mich herein. Diesmal ist er unaufhaltbar.

10 Jahre zuvor

Charlotte winkt ihrer Freundin Josie hinterher und wendet sich dem linken Weg zu. Den halben Kaugummi fröhlich kauend, stapft sie ihrem Elternhaus entgegen. Kurz bevor es hinter der letzten Biegung zum Vorschein kommen kann, leuchten Scheinwerfer neben ihr auf und ein Autofenster wird heruntergelassen. „Hey, du bist doch die Freundin von Josie, oder?“ Da mir die Stimme bekannt vorkommt, trete ich näher an das Auto heran. „Hi, ja ich bin Charlotte. Sie sind Chris, der Tanzlehrer, oder?“ Charly war ein paar Mal mit Josie in das neue Tanzstudio gegangen, hatte aber schnell das Interesse verloren, während Josie ganz besessen davon wurde. „Ja genau, schön, dass du dich an mich erinnerst“, er lässt seine weißen Zähne kurz aufblitzen und schaut dann ernster drein. „Leider habe ich eine schlechte Nachricht, deine Freundin steckt in Schwierigkeiten. „Schwierigkeiten? Sie runzelt die Stirn und schaut ihn fragend an. „Ja“, er nickt ernst. „Sie hat hohe Schulden und weiß nicht wie sie die zurückbezahlen soll.“ Drogen.“, sagt er so als wäre damit alles erklärt und vielleicht stimmte das auch. „Ich hätte eine Möglichkeit wie sie schnell an viel Geld kommt, aber sie traut sich nicht. Willst du ihr helfen?“ „Natürlich will ich ihr helfen“, antwortet sie sofort. „Na dann steig ein, ich bring dich hin“ erwidert er. Skeptisch schaut Charly auf das fremde Auto. Eigentlich durfte Sie nicht zu Fremden ins Auto steigen, aber sie wusste ja wer das war und es ging um Josie! Trotzdem schaut sie in Richtung zuhause: „Kann ich noch kurz meinen Eltern Bescheid geben?“ Ungeduldig guckt Chris auf die Uhr „Das geht nicht, die Zeit ist zu knapp, aber wenn du nicht willst. Er zuckte die Achseln. Du kannst sie von meinem Studio aus anrufen. Charlotte nickte und legte ihr Fahrrad ins Gras. Hier ging selten jemand entlang und jeder aus dem Ort kannte ihr Rad, damit würde schon nichts passieren. Der Gedanke das mit ihr etwas Schlimmes passieren konnte, kam ihr erst gar nicht.

 

 

Die anderen Erinnerungen kommen schneller und nur in einzelnen Bildern. Chris, der sie in ein Bordell bringt und sagte es sei ganz normale Arbeit. Der ihr versicherte, dass sie nur ganz wenige Freier machen musste, bis Josies Schulden beglichen seien. Ich war 13 und wusste gar nicht was das bedeutet. Mein blutender Unterleid und die heftigen Schmerzen nachdem man mich vergewaltigte. Meine Tränen und Bitten, dass ich nach Hause wollte. Chris schlug mich. Er flüsterte mir ins Ohr, dass er eigentlich Josie gewollt hatte, aber die sei nicht auf ihn hereingefallen. Deswegen sollte ich jetzt seine Josie sein. Immer und immer wieder verletzte er mich und nannte mich Josie. Wenn ich nicht auf den Namen hörte, wurde ich bestraft. Mit jedem Schlag, mit jeder Vergewaltigung starb ein Stück meiner Seele. Bis ich meinen richtigen Namen vergaß. Bis ich alles vergaß. Ich war ein Nichts. Ich musste für Chris anschaffen und ihm und seinen Freunden immer zur Verfügung stehen. Seine Party war wieder einer DIESER Veranstaltungen gewesen. Seine Geschäftspartner und er hatten sich so an mir vergangen, dass ich geblutet hatte. Aber ich war bereits so oft gefoltert worden, dass es mittlerweile Normalität für mich war. Ich war nur noch eine leere Hülle. Man hatte mir aufgetragen glücklich zu sein, also war ich es. Man hatte mir gesagt, ich wäre Josie, also wurde ich sie.

Jetzt

Ich schlug die Augen auf und blickte in das Gesicht meiner alten Freundin. Die wahre Josie. Wir fangen beide an zu weinen und fallen uns endlich in die Arme. Nach einer ganzen Weile schiebt sie mich von sich. Sie ist so aufgeregt, dass ihre Sätze wie Gewehrkugeln aus ihr herausschießen: „Man nennt es Stockholm-Syndrom. Du liebst ihn nicht wirklich. Das Gefängnis ist in deinem Kopf. Du kannst gehen. Komm mit mir. Bitte. Bitte.“ Die letzten Worte sind nur noch ein Hauch. Ich nicke. Meine Augen schauen ins Leere und zitternd versuche ich mich zu erklären: „Ich hatte es vergessen. Die Vergangenheit war tief in mir vergraben, weil es einfach zu schrecklich war. Ich hatte Angst nach euch zu suchen, weil ich mich so schmutzig gefühlt hatte. Was sollten den meine Eltern von mir denken? Und irgendwann – Kurz versagt meine Stimme- „Irgendwann war es egal. Etwas war in mir zerbrochen und ich habe aufgehört zu Sein. Ich war einfach weg.“ Josie nimmt mein Gesicht in die Hände und blickt mir lächelnd in die Augen: „Du brauchst dich nicht rechtfertigen. Es gibt nur eine Person, die büßen muss.“ Ihre Stimme wird verschwörerisch: „wie rächen wir uns an diesem Abschaum Chris?“ Ich hoffe meine Botschaft in der Küche hat ihm Angst eingejagt.“ „Ehrlich gesagt nicht“, ich schaue sie traurig an. Sie sieht ebenfalls traurig aus. „Ich wünschte wir könnten zur Polizei, aber leider gehen ziemlich hohe Tiere in diesem Haus ein und aus.“ „Na komm“, sie streckt mir die Hand entgegen und hilft mir auf die Beine. „Irgendwo, wird hier wohl bestimmt ein Kanister Spiritus rumstehen.

Pünktlich auf die Minute kommt Chris nach Hause. Mein Mann. Dabei hatten wir nie geheiratet, aber Frauen in meinem Gewerbe nennen ihre Freier alle „ihren Mann“. Ich warte wie jeden Abend in der Küche auf ihn. „Ich rieche gar kein Essen“, sagt er verwundert und schaut sich in der Küche um. „Das liegt daran, dass ich keins gekocht habe“, antworte ich selbstbewusster als ich tatsächlich bin. Während er mich erstaunt anschaut, ich hatte mich schon lange nicht mehr seinen Befehlen verweigert, taucht Josie von hinten auf und schlägt ihm mit der großen gusseisernen Pfanne gegen den Schädel. Sie schafft es nicht ganz ihn k.o. zu schlagen, aber ich bin blitzschnell an ihrer Seite und fessele ihn. Genug Hilfsmittel gab es zu Hauf. Schließlich war das hier ein Puff. Wenn auch ein illegaler. Der einzige Unterschied liegt darin, dass sonst ich es bin, die in den Seilen hängt. Mit vereinten Kräften schaffen wir es Chris in einen Stuhl zu hieven und kleben seinen Mund mit Klebeband zu. Nach einigen Minuten kommt er wieder zur Besinnung und versucht sich zu befreien.

Josie blickte mich an: „Willst du ihm noch irgendwas sagen? Oder noch besser: willst du ihm noch irgendwas antun?“ Ich schüttle stumm den Kopf. „Er ist nichts“, sage ich und wende mich ab. Wir verlassen das Haus ohne einen Blick zurück. Der aufgedrehte Gasherd und das verschüttete Spiritus würden ihr übriges tun. Arm in Arm gehen wir die Straße hinunter. Josie holt ein Kaugummi aus der Tasche, teilt es und reicht mir die Hälfte. Während mir der einst vertraute Pfefferminzgeruch in die Nase steigt, erhalte ich ein Stück meiner Seele zurück. Am Ende der Straße explodiert mein altes Leben. Vielleicht… Vielleicht konnte ich eines Tages wieder ganz Charly sein.

4 thoughts on “Seelenmord

  1. An Deiner Idee gefällt mir ganz besonders die unerwartete Wendung, dass die scheinbare Bedrohung eigentlich die Rettung wird. Das habe ich so hier noch nicht gelesen! Dazu ein schöner Schreibstil, der mich mitgerissen hat. Like!

  2. Hey, Deine Geschichte hat mir gut gefallen. Ich fand die Idee überraschend und originell. Der Schreibstil hat mir auch sehr gut gefallen und hat eine düstere Atmosphäre erzeugt. 👏

    Würde mich freuen, wenn Du auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen und ein Feedback da lassen würdest. 😊

    Liebe Grüße Sarah! 👋 (Insta: liondoll)

  3. Hallo. Mir hat an deiner Geschichte die Wendung gefallen, dass die scheinbare Bedrohung die Rettung war.
    Was mir aufgefallen ist, du hast einige Rechtschreib – und Zeichensetzungsfehler, das solltest du vielleicht nochmal checken, damit es sich flüssiger liest. Einige lassen einen beim Lesern stolpern und stören den Lesefluss.
    Schön, dass du bei diesem tollen Projekt mitgemacht hast!
    Gruß, Katrin Wagner
    (Geschichte „… und raus bist du!“)

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