Denise HerzmannSo fühlt sich das an

Sonntag, 19. April; 21:53 Uhr

Das Schlafzimmer lag im Dunkel der angebrochenen Nacht. Christian leckte ein letztes Mal durch ihre feuchten Schamlippen, während Lia befriedigt stöhnte. Sex entspannte sie, trotzdem hatte sie schon ihren nächsten Trip im Kopf.

Lächelnd ließ er sich neben sie fallen, betrachtete ruhig ihren Körper. In ihren Gesichtszügen konnte er lesen, dass sie bereits woanders war. „Wo bist du nur?“

„Was? Entschuldige bitte, ich war gedanklich…“

„Genau das meine ich“ fuhr er sie an. „Wir waren gerade intim miteinander und du bist jetzt genau wo?“

„Mach nicht so ein Drama daraus!“ gab sie kalt zurück. „Wir sind verheiratet! Ich mache ein Drama daraus!“ Christian sprang wütend aus dem Bett, griff nach seiner Boxershorts und zog sie an. „Reiß dich zusammen! Du weckst noch die Kinder!“ fauchte sie gereizt, streifte sich den schwarzen Satinmantel über. Schnell verließ sie das Schlafzimmer, ging in die Küche, um sich noch ein Glas von dem Rotwein einzuschenken. „Dein beschissenes Handy piept die ganze Zeit.“ Mit diesen Worten knallte er das silberne Smartphone neben Lia auf die Arbeitsplatte. Sie zuckte kurz zusammen, schaltete das Telefon auf stumm. Ohne einen Blick auf das Display zu riskieren, ging sie ins Wohnzimmer, holte aus dem verschlossenen Schrank eine schwarze Metallschachtel. Danach setzte sie sich zu Christian auf die Terrasse. „Musst du jetzt noch einen Joint rauchen?“ Lia antwortete ihm nicht, drehte sich ungerührt von seiner Nörgelei eine Tüte. „Vielleicht wärst du auch etwas entspannter, wenn du mit mir zusammen rauchen würdest.“ Sie lächelte ihn herausfordernd an. Kurz entschlossen schüttelte er den Kopf, wandte seinen Blick von ihr ab. „Glaubst du, dass wir diese Krise überstehen?“ fragte er verletzlich in den lauen Abend hinein. „Chris, wir haben keine Krise. Du machst…“ antwortete sie abweisend. „Natürlich haben wir eine Krise! Du bist kaum noch zu Hause, gedanklich fast immer abwesend und du arbeitest so viel, dass ich fast glaube, dass du lieber im Büro bist als hier!“ Seine Stimme war ruhig, doch der vorwurfsvolle Unterton war ihr nicht entgangen.

„Was erwartest du von mir? Glaubst du etwa, Beförderungen fallen vom Himmel? Falls du es vergessen hast, ich…“

„Nein, ich habe nicht vergessen, dass du im Gesundheitssektor tätig bist. Stell dir vor, ich arbeite in derselben Branche. Ich weiß, wie schwer das für dich ist!“ Wütend stürmte er von der Terrasse ins Haus zurück. Gerade als sie sich die Triprakete anzünden wollte, rief Christian nach ihr. Augenrollend ging sie ihm nach, um ihm kurz darauf zu erklären, dass die Zahnpasta im Vorratsraum wie immer im obersten Regal stand. Genervt setzte sie sich wenige Minuten später wieder an ihren Platz auf der Terrasse. Erst jetzt fiel ihr das unbekannte Handy auf, das neben der Metallschachtel lag. Unter ihm lag ein kleiner Zettel, der leicht im Wind wehte. Zaghaft beugte sie sich über das Telefon, las die Botschaft des weißen Papieres. So fühlt sich das an. Ich habe dein ganzes Leben in der Hand!

Erschrocken blickte Lia auf, suchte hektisch ihre Umgebung ab. Es war zu dunkel, als dass sie irgendetwas am Waldrand hätte erkennen können geschweige denn über den Gartenzaun hinaus. Instinktiv griff sie nach dem kleinen Zettel, drehte ihn. Auf der Rückseite war ein weiterer kleiner Text: Lös mich, um das Handy zu entsperren.

Plötzlich piepte das Mobiltelefon, leuchtete auf. Es sind neue Bilder verfügbar. Lia wandte sich angespannt wieder dem Text zu. Bilde die Quersumme aus 1.951.978. Multipliziere mit 80, subtrahiere 189 und addiere 1.990! Gib das Ergebnis rückwärts zurück. Lia rechnete nervös, bemerkte erst jetzt das Foto unter dem Telefon, zog es zaghaft hervor. Die Aufnahme war mindestens fünfzehn Jahre alt, zeigte sie und eine blonde Frau. Unverzüglich stieg eine rauschende Panik in Lia auf, verfestigte sich rasant in ihrem Kopf und entließ sich schwungvoll über ihre ausgedörrten Tränenkanäle. Die blonde Frau von dem Foto hatte das als letztes zu ihr gesagt: „So fühlt sich das an. Ich habe dein ganzes Leben in der Hand!“ Lia Richter weinte bittere Tränen der ungeschminkten Erinnerungsangst, als sie sich setzte und sich weinend dem ausstehenden Nervenzusammenbruch der Vergangenheit ergab.

 

Montag, 20. April; 17:12 Uhr

Das Vorstellungsgespräch war seit knapp einer Stunde vorbei. Lia sichtete die eingereichten Unterlagen des Bewerbers erneut, als es an ihrer Bürotür klopfte. Ohne Aufforderung trat Tish ein. Sie lächelte verunsichert, rang sich ein leises Hallo ab. „Hi na!“ Lia lächelte der Auszubildenden aufmunternd entgegen. „Sie kennen sich doch mit Technik aus.“ Lia wartete ihre Antwort nicht ab. „Mein Sohn ändert gern den Code der Tastensperre, wenn er sauer auf mich ist. Er hat angeblich die Kombination vergessen. Könnten Sie mir damit helfen?“ Lia hielt ihr das weiße Smartphone entgegen, sah Tish dabei zu, wie sie es ihr zögerlich abnahm. Irgendetwas störte sie an dem Gesichtsausdruck der jungen Frau. „Wie oft haben Sie den Code falsch eingegeben und sind die Einstellungen so gewählt, dass sich der Inhalt nach einer bestimmten Anzahl falscher Eingaben löscht?“ Die Vierundzwanzigjährige tippte schnell auf dem Display hin und her, während sie ihre Fragen stellte. Nachdem sie keine Antwort erhielt, sah sie auf. Lia blickte ihr ahnungslos entgegen, zuckte mit den Schultern. „Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Aber es muss doch…“ wandte Lia entsetzt ein. „Ich will damit sagen, dass mir kein legaler Weg einfällt, den Code zu knacken. Haben Sie keine Fingerabdruckerkennung eingerichtet?“ Tish hielt ihr das Handy entgegen. „Probieren Sie es mit dem Zeigefinger ihrer dominanten Hand.“ Ungläubig nahm ihr Lia das Telefon wieder ab. Sollte das so einfach sein, dachte sie und legte ihren rechten Zeigefinger auf das Erkennungsfeld. Automatisch entsperrte sich das Display. Eine sanfte Erleichterung erfasste Lia. Obwohl sie gestern Abend nach dem Zusammenbruch mehrfach den Code falsch eingegeben hatte, konnte sie nun endlich auf den Inhalt zugreifen. „Das hat tatsächlich funktioniert.“ Sie lächelte zufrieden. „Sie sollten besser den Absender der Spamnachrichten sperren lassen und Ihre Ansichtseinstellungen so ändern, dass nicht mehr jeder Ihre Benachrichtigungen lesen kann.“ Lia wurde blass. Sie hatte nicht gewusst, dass Tish noch alle Benachrichtigungen hatte lesen können. „Frau Schiller, das bleibt unter uns. Haben Sie mich verstanden?“ Der Ton in Lias Stimme war rauer als beabsichtigt. Tish nickte müde. „Brauchen Sie mich noch?“ Lia verneinte, widmete sich umgehend dem Mobiltelefon.

„Ein einfaches Danke, hätte es auch getan!“ nuschelte sie abfällig, schloss augenrollend die Bürotür hinter sich. Aufgeregt durchsuchte Lia das Handy nach Informationen, las die kryptischen Textnachrichten erneut. Sie konnte den abrupt einsetzenden Flashback nicht vermeiden, sah vor ihrem inneren Auge die junge Frau, die mit ihr auf dem Foto war, das sie gestern bekommen und verbrannt hatte. „Frau Richter?“ Lia zuckte erschrocken zusammen, als sie die Stimme der Auszubildenden vernahm. Hastig blickte sie auf, bemüht das panische Gefühl abzuschütteln. „Ja?“

„Ich brauche Ihren Schlüssel. Die anderen sind schon gegangen.“ Geistesabwesend reichte Lia ihr den Schlüssel, sah die junge Frau dabei nicht an. „Deine Arroganz wird noch jemanden umbringen!“ Es war nur ein leises, garstiges Flüstern, das Lia vernahm und nicht richtig zu ordnen konnte. Aufgelöst musterte sie die Vierundzwanzigjährige, spürte die herannahende Bedrohung. Liv hatte das als Letztes zu ihr gesagt. Eilig wischte sie ihre Erinnerung aus dem Kopf. „Was sagten Sie? Ich habe sie akustisch nicht verstanden!“ Erwiderte Lia bösartig. Tish Schiller sah sie verschüchtert an. „Ich habe nichts gesagt.“ flüsterte sie der brünetten Abteilungsleiterin entgegen. „Geht es Ihnen gut?“ fragte sie etwas lauter. Skeptisch nickte die Mittvierzigerin, machte eine ausladende Handbewegung, die Tish bedeutete das Büro zu verlassen. Plötzlich ertönte das Nachrichtensignal. Der einseitige Kommunikationsweg zur Hölle war eröffnet worden. Schlau von dir, die Auszubildende um Hilfe zu bitten! Blitzartig sah Lia vom Display auf und gerade noch, wie Tish den Raum verließ. Eine zweite Nachricht ging ein. Ab jetzt musst du allein zurechtkommen oder ich gebe dein kleines Geheimnis preis. Lia spürte wie ihr Herzschlag schneller wurde. Werde ich beobachtet? Fragte sie sich in Gedanken. Wer bist du? Tippte sie zur Antwort ein, um daraufhin festzustellen, dass die Nachricht sich nicht absenden ließ. Intuitiv klickte sie sich zu den Fotos durch. Gerade als sie das erste Bild antippen wollte, legte Tish ihr den Schlüssel wieder hin. „Bis Morgen.“ Nuschelte sie und verschwand. Angespannt tippte Lia auf das erste Bild. Sie erkannte ihre braunen Haare und den blonden Schopf von Christian. Die beiden waren nackt, während er über ihr lag. Zittrig wischte sie nach links, sah weitere Fotos von sich und Christian, wie er sie oral befriedigte. Erst jetzt realisierte sie, dass das Aufnahmen aus ihrem Schlafzimmer von gestern Abend waren. Lia wurde von einem gigantischen Zug der Panik erfasst. Wer hatte sie beobachtet? Was wollte dieser jemand von ihr? Sie brauchte dringend Antworten oder zumindest betäubende Verdrängung. Unbewusst griff sie nach ihrem eigenen Handy, wählte die Nummer des berauschenden Vertrauens. „Ja?“ schwang ihr die verschlafene Männerstimme entgegen. „Kann ich vorbeikommen? Ich bräuchte dringend etwas Schnee.“ „Was? Maggy bist du das?“ „Ja.“ Jammerte sie verzweifelt ins Telefon.

Eine halbe Stunde später betrat die zweifache Mutter mit kolumbianischen Wurzeln die Wohnung ihres Dealers. Spank betrachtete sie müde, hatte eine Tasse dampfenden Kaffee in der Hand. „Willst du auch was?“ Lia nickte hastig, ging bis zur Küche durch. Entschlossen schenkte sie sich ein Glas Wodka ein, das sie in einem Zug leerte. „Ich wusste nicht, dass wir eine Party feiern.“ Er musterte sie kritisch. „Was ist los, Maggy? Du hast dir noch nie ein Glas Wodka in meiner Küche eingeschenkt und du wolltest auch noch nie Schnee von mir.“ Lia verdrehte genervt die Augen. „Wie oft habe ich dich gebeten, mich nicht mehr so zu nennen?!“ fauchte sie ihn an, dachte wieder an früher und damit auch an Liv. Der zerreißende Schmerz der Vergangenheit ließ sie in bittersüße Erinnerungen abdriften. Wie lange hatte sie nicht mehr an Liv gedacht? „Erde an Lia!“ Spank riss sie aus ihrem Kopfkino. Wortlos hielt sie ihm das weiße Telefon entgegen. „Was soll ich mit dem alten Ding?“ „Kannst du es dir ansehen?“ In knappen Sätzen erklärte Lia ihm die Situation. Argwöhnisch musterte er das Teil, nahm es ihr aus der Hand. Nach zwanzig Minuten sah er Lia an, die bereits ihre dritte Zigarette rauchte. „Da ist nichts zu machen. Das Handy wurde so manipuliert, dass ich keine Einstellung ändern geschweige denn irgendetwas auslesen kann. Ich würde sogar darauf wetten, dass unser Gespräch live übertragen wird.“ Lia verschluckte sich an ihrem Kaffee, fing automatisch an zu husten. Sie sah ihn entgeistert an. „Was? Das geht?“ Spank schüttelte verständnislos den Kopf. „Du solltest unbedingt deinen technischen Horizont erweitern.“ Er machte eine Pause, nippte an seinem kalten Kaffee. „Hat das mit Liv zu tun?“

„Ich weiß es nicht.“ Log sie leise, kaute abwesend auf ihrer Unterlippe. Wieso drehte sich seit Sonntagabend alles nur noch um Liv? Lia fühlte sich fünfzehn Jahre in der Zeit zurückversetzt. Damals hatte sich auch alles nur um Liv gedreht. Die beiden waren unzertrennlich gewesen und dennoch hatte Lia es so abgrundtief gehasst.

„Hast du sie jemals wieder gesprochen?“ Spank fing an die übliche Menge Gras für Lia abzuwiegen. „Nein. Sie ist einfach verschwunden und ich kam ins Zeugenschutzprogramm.“

„Das ist auch so eine verrückte Geschichte gewesen.“ Er sprach mehr zu sich selbst als zu Lia. „Blondie verschwindet mit ihren Kindern und auf einmal bekommst du eine neue Identität. Völlig schräg.“ Die beiden fuhren erschrocken zusammen, als Lias Handy klingelte. Sie erkannte schon am Klingelton, dass es Christian war. Schnell nahm sie das Gespräch an, versicherte ihm, dass sie gleich zuhause sein würde und würgte ihn in wenigen Sätzen ab. Lia fielen die Bilder wieder ein. „Die Fotos aktualisieren sich automatisch. Wie geht das?“ „Entweder nutzt der Typ dafür eine App oder ein Cloudsystem. Es gibt viele Möglichkeiten aber keine, die ich ohne weiteres nachvollziehen könnte. Wie gesagt, das Ding wurde von einem Profi manipuliert.“ Lia überlegte einen Moment. „Muss er dafür in der Nähe sein?“ hakte sie nach. „Nein, muss er nicht. Aber er lässt dich trotzdem nicht aus den Augen. Wie sind sonst die Bilder von dir und Herrn Sauber beim Vögeln zustande gekommen?“ Spank grinste amüsiert über Lias peinlich berührten Gesichtsausdruck. „Wechseln wir das Thema: Willst du nun Schnee?“ Lia schüttelte den Kopf. „Ich will etwas, das mich nicht durchdrehen lässt.“ Der Dealer nickte vielversprechend. „Da habe ich etwas für dich.“

Wenig später verließ sie die Wohnung in der Berliner Vorstadt. Das verfluchte Handy piepte wieder, als sie gerade in ihr Auto stieg. Es war nicht sehr schlau von dir, deinen Dealer einzuweihen. Beim nächsten Fehltritt werde ich dich ans Messer liefern! „Was willst du von mir?!“ Lia schrie wütend dem Handy entgegen und knallte es auf den Beifahrersitz.

 

Dienstag, 21. April; 17:54 Uhr

Wie viel konnte sie von den zauberhaften Tabletten nehmen? Sie erinnerte sich nicht mehr, was Spank gesagt hatte. Lia wusste nur, dass diese Tabletten gerade ihre heilsame Wirkung des Verdrängens versagten. Aus dem Nebenraum hörte sie weiterhin Geraschel. Scheinbar war noch jemand im Archiv zu Gange. Durch die geöffnete Zwischentür erspähte sie Tish. Vermutlich hatte sie es heute Morgen wieder nicht rechtzeitig aus dem Bett geschafft, musste nun die Zeit nacharbeiten. In dem Moment, als Lia sie danach fragen wollte, vibrierte das gespenstische Handy auf ihrem Tisch. Unsicher betrachtete sie das Display. Es sind neue Bilder verfügbar. Schnell entsperrte sie das Ding, sah sich die Fotos an. Es waren Aufnahmen vergangener Tage. Sie zeigten abwechselnd Liv und Lia. Auf einigen Fotos erkannte man die beiden lachend zusammen und sehr vertraut. Liv. Der unangenehme Magenschmerz in Lia setzte wieder ein, die brennende Panik kroch ihre Speiseröhre hinauf. Warum tust du mir das an? Die unausgesprochene Frage verpuffte in dem Moment, als Tish zusammen mit Alette Bonnaire ihr Büro betrat. „Wir wollten uns nur verabschieden.“ richtete ihre Stellvertreterin das Wort an sie. „Ja, bis morgen und schönen Feierabend.“ winkte Lia direkt ab und sah nicht vom Telefon auf. Die beiden verschwanden genauso schnell, wie sie das Büro betreten hatten. Lia scrollte weiter durch die Bilder, stoppte bei Livs Kindern. Noch heute bereute sie, dass sie die Mädchen nicht hatte aufwachsen sehen und Liv ebenso wenig sehen konnte, wie ihre Kinder aufwuchsen. Sie hätte all das so gern mit ihr geteilt, hätte es gern gesehen, wenn Liv die Entwicklung von Richard und Dine begleitet hätte. Umgehend spürte Lia ein tiefes Verlangen nach ihren Kindern, wählte die Nummer von Christian. Nach drei maligem Klingeln nahm er ab. „Wo bist du? Du wolltest längst zuhause sein.“ Sein Ton war vorwurfsvoll. „Ich bin noch im Büro…“ „Lia, du wolltest das neue Kindermädchen kennenlernen! Wieso hältst du dich verdammt noch mal nicht an unsere Absprachen?“ Deutlich spürte sie seine Wut. „Chris, es tut mir leid, aber hier ist wirklich die Hölle los und…“ „Vergiss es!“ unterbrach er sie barsch. „Komm endlich nach Hause!“ Mit diesen Worten legte er auf. Lia spürte deutlich den immensen Druck, der auf ihren Schultern lastete. Ihre Ehe, die auf der Kippe stand; ihre Kinder, die sie kaum noch sah; der Job, der sie fast zerriss und jetzt auch noch dieses verdammte Handy und am anderen Ende irgendein Spinner, der ihre Vergangenheit aus der Versenkung holte. Das musste sofort aufhören! Entschlossen stand sie auf, verließ mit ihrem eigenen Handy das Büro, wählte die zerbrechliche Nummer der Rettung. Wenige Sekunden später hörte Lia die sanfte Frauenstimme. „Habibi, wie geht es dir?“ Unverzüglich brachen bei ihr sämtliche Tränendämme. Sie weinte hemmungslos in das Telefon, vernahm gedämpft die Stimme ihrer Mutter, die sie flehentlich darum bat, dass sie sich beruhigte. „Mama, ich brauche unbedingt eure Hilfe. Es geht um Liv und…“ Lia brach verzweifelt ab, versuchte sich zu beruhigen. „Schatz, es tut mir so leid, aber dein Vater hat damals…“ „Bitte Mama, ich brauche eure Hilfe!“ schluchzte sie erneut. Plötzlich hörte sie die schroffe Stimme ihres Vaters. „Nein, das musst du allein regeln. Das ist die einzige Möglichkeit für uns sicher zu bleiben!“ Lia hörte nur das erbarmungslose Tuten in der Leitung. Ihr Vater wusste also, in welchen Schwierigkeiten sie steckte und war nicht bereit sie dort herauszuholen. Warum? Woher wusste ihr Vater von den Schwierigkeiten? War der Gegner so mächtig? Würde er sie alle zerstören? Und was zur Hölle wollte dieser Mensch nur von ihr?

Kraftlos sackte sie an der Flurwand zu Boden. Wimmernd rollte sie sich zur Seite. Wer tat ihr das nur an?

 

Mittwoch, 22. April; 02:34 Uhr

Lia erwachte verkrampft auf dem Flurboden ihrer Abteilung. Sie fühlte sich verspannt und starr, erinnerte sich sofort an das Telefonat mit ihren Eltern. Verzweifelt versuchte sie aufzustehen, scheiterte an der mangelnden Kraft. Erschöpft kroch sie in ihr Büro bis zum Schreibtisch, tastete zaghaft nach dem Kommunikationsweg zur Hölle. Lia sah auf das Display. Wirf einen Blick in dein Auto! Im Handschuhfach wartet etwas hübsches auf dich. Kritisch beäugte Lia ihre Umgebung, blickte aus den Fenstern, suchte panisch die Decke ab. Sie konnte nichts Auffälliges erkennen. Vorsichtig zog sie sich an ihrem Schreibtisch hoch, ließ sich in ihren Bürostuhl fallen. In der obersten Schublade suchte sie nach Traubenzucker, fand und zerkaute ihn, um etwas Kraft zu bekommen. Danach schlich sie ängstlich in die Tiefgarage, öffnete den schwarzen Geländewagen, verriegelte von Innen umgehend die Türen. Schnell zog sie das Handschuhfach auf. In ihm befand sich ein brauner A4-Umschlag mit der Aufschrift Verräterin. „Muss ich das verdammte Ding sofort öffnen?“ Lia hatte es unbewusst und kraftlos vor sich hingesprochen. Sie wusste, dass sie weitere Bilder von sich und Liv in dem Umschlag finden würde. Prompt meldete sich der Fernsprecher der Verdammnis. Nein, fahr nach Hause und schlaf dich aus. Du wirst deine Kräfte brauchen.

 

Zehn Stunden später schloss Lia Richter das Hotelzimmer Nummer 234 auf. Selbstsicher betrat sie den Raum, um festzustellen, dass er leer war. Cleo war also noch nicht da. Lia setzte sich auf das Doppelbett, wartete geduldig auf ihre Verabredung. Nach wenigen Sekunden hörte sie das vertraute Piepen des Türschlosses. Cleo stand vor ihr, lächelte sanft. „Na, hast du mich vermisst?“ Sie öffnete lasziv den schwarzen Mantel, unter dem der vertraute Nadelstreifenanzug zum Vorschein kam. Ohne ihre Antwort abzuwarten fing Cleo an den Blazer aufzuknöpfen, streifte ihn von sich ab. Erst jetzt bemerkte sie, dass mit Lia irgendetwas nicht stimmte. „Hey, was ist los? Ich dachte, wir verbringen zusammen eine schöne Zeit.“ Einfühlsam setzte sie sich zu ihr aufs Bett, strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ist alles okay bei dir?“ Lia überlegte wie sinnvoll es war, auch noch Cleo in ihre missliche Lage einzuweihen, entschied sich dagegen. „Chris und ich streiten ziemlich viel und…“ „Süße, vergiss ihn für den Moment.“ Cleo küsste sie zaghaft, drückte sie sanft auf das Bett. Unfähig einzuordnen, ob sie das wirklich wollte, ließ Lia es einfach zu, fing unbewusst an ihre weiße Bluse aufzuknöpfen und Cleos Kuss zu erwidern.

 

Donnerstag, 23. April; 13:38 Uhr

Die Tür ihres Büros öffnete sich, ohne das jemand anklopfte. Lachend betrat die Auszubildende den Raum, blieb erschrocken stehen, als sie Lia bemerkte, die an dem halbrunden Tisch hinter der Tür saß und die Akte vor sich studierte. „Entschuldigung, ich dachte, Sie wären schon im Homeoffice.“ Tish hatte es gerade ausgesprochen, als Alette hinter ihr das Büro betrat. Lia musterte die beiden scharf, bat dann Tish darum das Büro zu verlassen. „Wie macht sich Frau Schiller?“ Alette taxierte Lia einen Moment bevor sie ihr sagte, dass die Auszubildende gute Arbeit leistete, genug Wissbegier mitbrachte und nach Ausbildungsende eine geeignete Kandidatin für die freiwerdende Stelle wäre. Lia nickte zustimmend. „Und was können Sie mir sonst über Frau Schiller sagen? Was macht sie in ihrer Freizeit?“

„So viel weiß ich auch nicht. Sie passt unter der Woche ab und zu auf Kinder auf, um sich etwas dazu zu verdienen. Sie hat sich vor kurzem getrennt. Aber ich finde, Sie sollten sie selbst danach fragen.“ Alette wirkte etwas irritiert. „Ja, das werde ich. Ich frage mich nur, ob ich sie nervös mache.“ Lia musterte sie fragend. „Sie sind die Abteilungsleiterin. Ich würde mir Sogen machen, wenn Sie die Auszubildenden nicht nervös machen.“ lachte Alette. Lia lächelte vorsichtig, machte die Akte vor sich zu. „Ich werde nach Hause fahren und dort weiterarbeiten. Sie können sich dann den Akten hier widmen.“ Alette nickte und verließ das Büro.

Eine halbe Stunde später schloss Lia die Haustür auf und stolperte über die Koffer im Flur. Perplex stützte sie sich am Türrahmen ab, rief umgehend nach Christian. Wenige Sekunden später stand er vor ihr, musterte sie ausdruckslos. Seine Augen waren rot. Hatte er geweint? Stumm wandte er sich ab, ließ sie im Flur zurück. Was hatte das hier zu bedeuten? Und wo waren die Kinder? Intuitiv rief Lia nach ihnen, erhielt keine Antwort. Entgeistert folgte sie Christian in die Küche, fand ihn am Küchentisch mit einem Bier in der Hand. Das war untypisch für ihn. Er trank unter der Woche nicht und schon gar nicht zu so einer Uhrzeit. „Was ist passiert? Wo sind die Kinder?“ Aufgebracht ging sie auf ihn zu, wurde unruhiger als er weiter schwieg. „Chris bitte…“ flehte sie barmherzig. „Nein, du bittest mich um nichts mehr!“ Lauthals brüllte er sie an, sprang wütend von seinem Stuhl auf, verschüttete dabei etwas Bier. „Du bist ein raffgieriges Miststück, das den Menschen das Leben aussaugt und alles…“

„Chris, bitte sag mir, was passiert ist!“ flehte sie weiter, ignorierte seine Provokation und machte einen Schritt auf ihn zu. Er machte sofort einen Schritt von ihr weg, atmete tief durch, bevor er wieder das Wort an sie richtete. „Heute war das erste Mal, dass ich einen Brief persönlich von einem Kurier übergeben bekommen habe. Er gab mir das hier.“ Christian hielt ihr einen braunen A4-Umschlag entgegen, der die Aufschrift Verräterin trug. Augenblicklich wurde sie blass, nahm ihm vorsichtig den Umschlag ab, so als könnte er jede Sekunde explodieren. „Mach auf, Schatz. Der Inhalt wird dich begeistern!“ Sein sarkastischer Ton wirkte befremdlich, ließ sie zögern. Unsicher musterte sie den Umschlag. War es derselbe wie in ihrem Auto, den sie nicht geöffnet hatte? Sie hatte den Umschlag in ihrem Handschuhfach dank Spanks Tabletten einfach vergessen. Oder hatte es doch an dem Druck von allen Seiten gelegen? Lia überlegte fieberhaft, während Christian der Geduldsfaden riss. „Das ist doch nicht so schwer verdammt!“ Wütend entriss er ihr den Umschlag, holte seinen Inhalt hervor. Sauer hielt er Lia die Aufnahmen entgegen. Unverzüglich erkannte sie sich halb nackt zusammen mit Cleo auf einem Doppelbett. Abwesend nahm sie ihm die Bilder aus der Hand, besah sich jedes einzelne. Auf einem der Fotos sah man die beiden in einem Club, wie sie eine Pille einwarfen und sich daraufhin wild küssten. Lia spürte die Träne nicht, die über ihre Wange lief, sah ihren Ehemann nur noch durch einen trüben Schleier. „Weißt du Lia, es wäre nicht einmal das Problem gewesen, dass du mit einer Frau schläfst, aber mit deiner verdammten Drogensucht kann ich nicht leben. Abgesehen von dem Vertrauensbruch mir gegenüber, hast du zwei Kinder. Da kannst du dir nicht fröhlich Koks reinziehen!“ blaffte er sie an. „Was?“ Schockiert musterte sie Christian. Es war mehr als fünfzehn Jahre her, dass Lia gekokst hatte. Nach diesem Vorfall mit Liv hatte sie den berauschenden Schnee nie wieder angefasst. Ungeduldig zog Christian das letzte Bild hervor. Es zeigte Liv und Lia wie sie zeitgleich eine Bahn durch die Nase zogen. Lia erinnerte sich gut an diesen Abend. Es war der letzte Rausch, den die beiden zusammen erlebt hatten, und der letzte Kokstrip für Lia.

 

„Ich will die Scheidung!“ Christians Worte hallten in Lias Gehörgang nach. Eine seltsame Taubheit erfasste sie, nachdem sie die Tür des Hotelzimmers geschlossen hatte. Kraftlos sackte sie an ihr herunter. Die warmen Tränen auf ihren Wangen spürte sie deutlich. Gedankenverloren kramte sie in ihrer Tasche nach dem braunen Umschlag aus ihrem Handschuhfach, öffnete ihn, zog das weiße Blatt hervor. Das Papier war mittig bedruckt. Spürst du endlich, wie sich dein Leben auflöst? Fühlst du die Verzweiflung, die Angst, die Hilflosigkeit? Hörst du wie dein Traum laut zerplatzt?

„Wer bist du? Was bist du und warum zeigst du mir nicht endlich dein hässliches Gesicht?!“ Lia rief verzweifelt in das Hotelzimmer hinein, weinte bittere Tränen des Verlustschmerzes. Wieder plärrte das Kommunikationstor zur Hölle nach Aufmerksamkeit. Zitternd entsperrte sie das Handy. Ich bin auf ewig mit dem Tod verbunden, selbst wenn ich lebe und mein wunderschönes Gesicht zeige ich dir sehr bald. Es sind neue Bilder verfügbar, ploppte als zusätzliche Benachrichtigung auf. Lia tippte auf dem Display, sah zu, wie sich die Fotos sekündlich von selbst aktualisierten. Fotos, auf denen zu sehen war, wie sie gerade noch mit Christian gestritten und er sie schließlich vor die Tür gesetzt hatte.

„Warum tust du mir das an?“ wimmerte sie kraftlos vor sich her. „Ich wollte sie doch nicht umbringen!“

 

Freitag, 24. April; 10:21 Uhr

Der gläserne Aufzug fuhr an, während Lia erneut über die kryptische Nachricht ihres Peinigers nachdachte. Auf ewig mit dem Tod verbunden. Lia spürte, dass sie des Rätsels Lösung sehr nah war. Es lag vor ihr, nur identifizieren konnte sie es nicht. Der Fahrstuhl öffnete sich und holte Lia aus ihren Gedanken. Durch die Glastür sah sie eine aufgeregte Alette, die ihr entgegenrannte. Bitte, lass es kein schwerwiegendes Problem sein, dachte Lia und zog die Glastür auf. „Da sind Sie ja endlich! Wo haben Sie nur gesteckt?“ Alette sprach so schnell, dass Lia Mühe hatte sie zu verstehen, während die beiden links den Flur herunter zu ihrem Büro liefen. „Wenn es so dringend ist, warum haben Sie mich nicht angerufen? Was für ein Problem gibt es?“ Lia kramte beim Gehen blindlinks in ihrer Tasche nach dem Büroschlüssel, dabei musterte sie ihre Stellvertreterin teilnahmslos. „Wir versuchen seit zwei Stunden Sie zu erreichen. Ich habe Ihnen unzählige Nachrichten geschickt.“ Alette sah sie entrüstet an, atmete etwas zu schnell. „Wir wurden gehackt. Alle Kundendaten sind im Internet frei zugänglich, wir können nicht auf unsere Systeme zugreifen. Das alles wurde über Ihren Zugang gemacht. Sie müssen ihr Passwort eingeben, damit dieser Albtraum aufhört.“ Der aufgebrachte Gesichtsausdruck von Alette unterstrich die Ernsthaftigkeit der Situation. „Wie bitte? Wir wurden gehackt?“ Lia wunderte sich, dass sie ruhiger blieb, als angemessen war. „Ja.“ Schnaubte Alette und riss die Bürotür auf. An Lias Schreibtisch saß Zelindo aus der IT. „Was hast du für ein krasses Passwort?“ polterte er sofort los, als er Lia sah. „Erstens heißt es immer noch ‚Sie‘ und zweitens kann es nicht so ‚krass‘ sein, wenn es gehackt werden konnte.“ Mit diesen Worten war sie auf ihn zugegangen, warf einen Blick auf den Computerbildschirm. „Würden Sie dann bitte endlich Ihr Passwort eingeben, damit das aufhört?“ Der junge Mann deutete ungehalten auf die Eingabemaske, stand dabei vom Bürostuhl auf, um Lia Platz zu machen. Ruhig gab sie ihr Passwort ein, warf dann einen Blick auf den Bildschirm, wartete ab, was passierte. Das geöffnete Programm schloss sich automatisch. Zelindo atmete auf, wählte mit seinem Diensttelefon sofort die Nummer seines Kollegen, verschwand ohne ein weiteres Wort aus dem Büro. Alette musterte Lia verwundert und sprachlos. „Ist noch etwas, Frau Bonnaire?“ Sie schüttelte mechanisch den Kopf. „Würden Sie dann bitte mein Büro verlassen?“ Sie nickte schwerfällig, fragte sich unweigerlich, warum Lia nicht die Fassung verlor. Bei jedem noch so kleinen Fehler fuhr sie normalerweise aus der Haut. Der Hackerangriff schien sie völlig kalt zu lassen. Lia wandte sich ihrem Rechner zu. Während ihr Telefon klingelte, sah sie Alette kurz hinterher, nahm dann das Gespräch an. „Richter, hallo Frau Jahn!“ säuselte sie der Assistentin der Geschäftsführung entgegen. „Nein, hier ist Geppert.“ „Hallo Herr Geppert. Geht es Ihnen gut?“ „Jaja, lassen wir mal die Nettigkeiten. Zelindo hat mich gerade umfassend über den Hackerangriff informiert. Der Angriff kam nicht von außen. Wir werden das genau prüfen. Solange wie die Ergebnisse ausstehen, sind Sie suspendiert. Bitte packen Sie Ihre Sachen und verlassen umgehend Ihren Arbeitsplatz. Wir melden uns bei Ihnen.“ Noch bevor Lia aus ihrer Schockstarre erwachen konnte, hatte der Geschäftsführer das Telefonat beendet. Das Klopfen an der Tür holte sie in die Realität zurück. Wortlos kam die blonde Auszubildende auf sie zu, hielt ihr einen Umschlag hin. „Das hat gerade ein Kurier für Sie abgegeben.“ Skeptisch musterte Lia die junge Frau, als es ihr wie Schuppen von den Augen fiel. Auf ewig mit dem Tod verbunden, schoss es blitzartig durch ihren Kopf. Tish war die Abkürzung für Morticia und mortis kam aus dem Lateinischen, bedeutete Tod. Ich bin auf ewig mit dem Tod verbunden, selbst wenn ich lebe. Boshaft riss sie Tish den Umschlag aus der Hand, sprang dabei ruckartig auf. Urplötzlich brüllte sie los. „Du verdammtes Miststück! Du tust mir das an!“ Lia fing wild an zu gestikulieren, während sie um ihren Schreibtisch herumging. Tish wich ängstlich vor ihr zurück, erwiderte nichts. „Du elendes Stück Scheiße zerstörst mein Leben! Ist dir das klar?!“

„Was ist denn hier los?“ Alette und Zelindo betraten schnell das Büro, während Lia immer noch hemmungslos gestikulierte, dabei weiter auf Tish zuging, bereits stark zitterte. Sie sah unfassbar wütend aus. „Ich werde dich fertig machen.“ Lia hob die Fäuste, wollte auf die verängstigte Auszubildende zustürmen. Alette stellte sich schützend vor sie, während Zelindo Lia festhielt und zurückdrängte. Ihr Schreien wurde unverständlicher und lauter. Tish fing unvermittelt an zu weinen, was Lia nur noch wütender machte. Zelindo hatte Mühe sie festzuhalten, war dankbar als der Sicherheitsdienst endlich eintraf.

 

Sonnabend, 25. April; 06:34 Uhr

Der Albtraum endete wie immer am Uferweg und ließ Lia hochschrecken. Ihr Hals fühlte sich trocken an. Das Hotelzimmer war schwach erleuchtet vom eindringenden Licht der Straßenlaterne vor ihrem Fenster. Sie erinnerte sich schemenhaft daran, dass Christian sie aus dem Krankenhaus abgeholt, dann hierhergebracht hatte. Müde drehte sie ihren Kopf nach links, schaltete die Nachttischlampe an. Sofort fiel ihr der Umschlag ins Auge, der hinter der Wasserflasche stand. Christian musste ihn dahintergeklemmt haben. Vorsichtig setzte Lia sich auf, nahm einen Schluck aus der Flasche und öffnete dann den Umschlag. Wieder nur ein weißes Blatt Papier, das mittig bedruckt war. Triff mich dort, wo du das letzte Mal zauberhaften Schnee gesehen hast. Sarkastisch fing Lia an zu lachen. Wartete der idiotische Freak etwa seit gestern dort auf sie? Immerhin hatte sie den Umschlag einen Tag vorher erhalten, danach den Nervenzusammenbruch erlitten. Wo war überhaupt dieses verdammte Handy? Suchend inspizierte Lia das Hotelzimmer, erspähte ihre Tasche auf dem Stuhl gegenüber. Langsam stand sie auf, kramte es hervor und sah auf das Display. Sofort zeigte es eine neue Nachricht an. Schön, dass du wach bist. Ich warte auf dich.

Jetzt werde ich dich fertigmachen, dachte Lia und suchte nach ihren Autoschlüsseln.

Eine Viertelstunde später parkte sie ihren Wagen im Schimmer der aufgehenden Sonne. Irgendwie fand sie es seltsam, dass sie am Bahnhof Griebnitzsee einen Parkplatz bekommen hatte, verwarf den Gedanken schnell. Zögerlich stieg sie aus dem Wagen, tastete nach dem Pfefferspray in ihrer Jackentasche, umklammerte ängstlich die kalte Dose. Lia atmete kurz durch, bevor sie die Straße überquerte und die Treppen hinunter zum See ging. Sie ließ ihren Blick über das ruhige Wasser schweifen, erkannte, dass jemand im Schatten des Baumes lehnte, der unweit des Uferweges stand. „Zeig dich endlich, du elendes Stück Scheiße!“ fluchte sie in den kalten Morgen hinein. Nach wenigen Sekunden trat Tish lächelnd aus dem Schatten heraus. „Ich wusste es!“ Lia hatte ein triumphierendes Gesicht aufgesetzt, zog siegessicher das Pfefferspray hervor. Unbeeindruckt schüttelte Tish den Kopf knapp zehn Meter entfernt von ihr. Intuitiv ging Lia auf sie zu. „Noch einen Schritt näher und ich breche dir deine hässliche Fresse!“ flüsterte sie diabolisch. Unbewusst drückte Lia den Knopf des Reizgases, realisierte erst in dieser Sekunde, dass der Wind von vorne kam. Umgehend spürte sie das Reizen in ihren Augen, die sofort anfingen zu Tränen und ihr die Orientierung nahmen. „Kann jemand so dumm sein?“ Lachend ging Tish auf Lia zu, drückte ihr das mit Betäubungsmittel getränkte Stofftuch ins Gesicht. Verzweifelt wehrte sich Lia, kam gegen ihre Kraft nicht an.

 

Der trostlose Keller lag im Halbdunkel, war nur schwach erleuchtet. Lia erwachte, als Tish einen Stuhl heranzog und sich zu ihr an den Seziertisch setzte. Panisch musterte sie das erschöpfte Gesicht von Tish. „Na, wie gefällt es dir, nichts zu spüren?“ Die blonde Frau grinste breit, verstand, dass Lia ihre Bewegungseinschränkung noch gar nicht bemerkt hatte. „Los, versuch dich zu bewegen, Lia. Oder sollte ich doch lieber Margarete sagen. Ich glaube, sie nannten dich damals Maggy. Nicht wahr?“ Lia versuchte ihre Finger zu bewegen, sich aufzusetzen, fühlte, dass sie ab dem Hals abwärts nichts mehr spürte. „Was willst du von mir? Woher kennst du meinen Namen?“ Ängstlich suchte Lia den Raum ab. Im Augenwinkel registrierte sie, wie Tish eine Fernbedienung drückte. Plötzlich wurde es heller im Raum. Über Lia an der Decke hing ein Spiegel. Sie konnte sich deutlich in ihm sehen, erkennen, dass sie nicht gefesselt war. Den kleinen Blutfleck auf ihrer weißen Bluse unweit ihrer rechten Hüfte registrierte sie nicht. Ruckartig drehte sie ihren Kopf wieder zu Tish, sah hinter ihr einen großen Fernseher. „Ich war tatsächlich erstaunt darüber, wie schnell du mein kleines Todesrätsel gelöst hast.“ Begann sie ihren aufklärenden Monolog. „Wo du doch sonst Schwierigkeiten damit hast, Zusammenhänge in den richtigen Kontext zu bringen, sobald sie außerhalb deines beruflichen Fachgebietes liegen.“ Abwertend schüttelte Tish den Kopf. „Ich dachte wirklich, du hättest meine übertriebenen Hinweise verstanden. Ich meine, was war denn bitte an zauberhaftem Schnee und den vielen Bildern von Olive nicht zu verstehen?“ Olive. Langsam fing Lia an zu begreifen. Sie hatte nur einen Menschen in ihrem Leben gekannt, der Olive niemals mit Liv angesprochen hatte. Livs Ehemann und Vater der Zwillinge. Lias Augen wurden groß. „Anton schickt dich.“ Flüsterte sie ängstlich. „Nein, mein Vater ist vor drei Jahren bei einem Autounfall gestorben.“ Tish schwieg einen Moment, wollte sehen, ob Lia nun endlich begriff, wen sie vor sich hatte. Schnell fing sie laut an um Hilfe zu rufen, nachdem sie verstanden hatte, wer vor ihr saß. Abgeklärt stand Tish von ihrem Stuhl auf, schaltete den Fernseher ein, der ein schwarzweißes Rauschen zeigte. Unbeeindruckt von dem Geschrei begann sie danach skrupellos Lias Bluse aufzuknöpfen. Abrupt stellte Lia ihr Schreien ein. Wieso brachte sie das nicht aus der Fassung? „Ist dir noch nicht aufgefallen, dass hier unten keine Fenster sind? Und durch die Stahltür dort“ Tish zeigte kurz auf die grüne Stahltür hinter sich, von der schon Farbe abblätterte. „Kommt auch kein Ton. Schrei soviel du willst. Ich habe Ohrstöpsel dabei.“ „Bitte Morticia, lass uns darüber reden und eine Lösung…“ Lia stoppte als sie im Spiegel sah, dass Tish dabei war kaltblütig ihre Hose aufzuknöpfen, sie ein Stück nach unten zog. „Ich höre dir zu, Frau Richter. Sprich ruhig weiter.“ Die Metallhandschellen, die sie ihr um die Handgelenke legte und am Tisch befestigte, machten Lia noch mehr Angst, ließen sie weiter schweigen. Danach fixierte sie ihre Beine am Tisch, beugte sich über Lias Gesicht. Zärtlich strich sie ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. „Wofür sollen wir denn eine Lösung finden, liebe Maggy? Dafür, dass du meine Mutter umgebracht hast oder dafür, dass du Lara so zugerichtet hast, dass sie drei Tage später auf der Intensivstation an ihren Verletzungen starb? Oder vielleicht dafür, dass du das alles während einer Kokainpsychose getan hast und wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen wurdest? Welchem Problem möchtest du dich als erstes widmen?“ Tishs Stimme hatte einen sanften Klang angenommen, während in Lia die schrecklichen Erinnerungen aufkeimten. Olive und sie hatten sich damals in Potsdam für ein tripreiches Wochenende verabredet. Aus unerfindlichen Gründen hatte Olive Lara, eines der zweieiigen Zwillingsmädels, dabei. Lara war damals vierzehn, mitten in der Pubertät und unfassbar schwierig, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Sie hatte damals viel mit ihrer Schwester Liv gestritten. Liv. Olive hatte sie nach sich benannt. Liv. „Du bist Liv.“ Tish nickte zufrieden, setzte sich wieder auf den Stuhl. „Es tut mir so wahnsinnig seid, Liebes und wenn ich könnte…“

„Jaja, bla bla. Dann würde ich das ungeschehen machen. Ich weiß.“ Kopfschüttelnd rollte Tish mit den Augen. „Weißt du, Lia, es war so gut wie unmöglich dich zu finden. Mein Vater und ich haben überall nach dir gesucht. Nichts. Deine neue Identität war eine fantastische Tarnung. Letztendlich bin ich nur über dich gestolpert. Ich hatte schon längst aufgehört nach dir zu suchen, um Rache zu üben und dann bekomme ich diesen Ausbildungsplatz und auf einmal stehst du vor mir.“ Tish lächelte überlegen. „Ich konnte mein Glück kaum fassen. Das war noch nicht einmal das absurdeste. Das absurdeste an der ganzen Sache war, dass du so sehr mit dir beschäftigt warst, dass du mich überhaupt nicht erkannt hast.“ Tish stoppte kurz, um ausgiebig zu gähnen. „Entschuldige bitte. Es war ziemlich anstrengend, dich die letzten Tage nicht aus den Augen zu lassen.“ Sie schwieg kurz, was Lia nutzte, um zu versuchen, sie zu beschwichtigen. „Liebes, es tut mir wirklich leid, aber es wird auch nicht besser, wenn du mir…“

„Ich wusste, dass du mich zutexten würdest.“ Genervt griff Tish nach dem Gaffa, riss ein Stück ab und klebte es Lia über den Mund. Im gleichen Augenblick verschwand das schwarzweiße Rauschen auf dem Fernseher. „Siehst du, wir müssen uns beeilen.“ Tish warf Lia einen vorwurfsvollen Blick zu. „Erkennst du die Umgebung, die da gefilmt wird?“ Lia sah an ihr vorbei, erkannte ihren großen Garten. Vorsichtig nickte sie. „Das ist eine Liveübertragung. Wie jeden Samstagmorgen werden deine Kinder und dein Ehemann in den Garten hinausstürmen, um sich vor dem Frühstück auszutoben. Ich war so frei ein paar Sprengfallen zu verstecken. Während du dir ansiehst, wie Chris, die kleine Dine und der kleine Richard schwer verletzt werden, werde ich dieses Pflaster von dir abziehen. Ich habe mir erlaubt, deinen Blinddarm zu entfernen und scheine irgendetwas getroffen zu haben, das schrecklich blutet.“ Tish tippte kräftig auf das blutverschmierte Wundpflaster, sah wie Lia darunter zuckte, anfing sich zu winden. Ihre Atmung wurde umgehend schneller, sie verspürte einen dumpfen Schmerz. „Wie du gerade spürst, lässt die Wirkung des Betäubungsmittels nach.“ Noch bevor Tish ihren Monolog fortsetzen konnte, ertönte ein sanftes Kinderlachen aus dem Fernseher. Ein kleines brünettes Mädchen rannte fröhlich in den Garten. Lia wurde panisch, bewegte sich heftig auf dem Tisch hin und her, riss verzweifelt an den Handschellen. „Du wirst verbluten, liebe Margarete. Darüber hinaus wirst du den physischen und psychischen Schmerz fühlen, den ich fühlen musste. Ich möchte, dass du die Show bis zu Ende sehen kannst. So wie ich damals meiner Schwester beim Sterben zusehen musste.“ Mit diesen Worten zog sie den Fernseher näher an Lia heran. Schlagartig hörten die beiden die erste Explosion, zuckten erschrocken zusammen. Danach nahm Tish ihre Jacke vom Stuhl, hängte sich ihre Tasche über die Schulter. „Ich allerdings will nicht sehen, wie deine kleinen süßen Kinder in winzige Stücke gerissen werden, deshalb werde ich jetzt gehen.“ Mit schnellen Schritten verließ Tish den Raum, hörte wie Lia verzweifelt versuchte hinter dem Klebeband zu schreien. Die junge Frau lächelte zufrieden, lief gelassen die Kellerstufen hinauf, schlenderte zu ihrem Wagen. Gerade als sie das Auto aufschließen wollte, klingelte ihr Telefon. „Ja?“

„Liv, hier ist Christian. Könntest du in einer Stunde vorbeikommen, damit du Lia endlich kennenlernst und danach auf die Kinder aufpassen?“ Seine Stimme klang belebt. „Ich weiß, dass Wochenende ist, aber…“

„Nein, kein Problem. Ich passe gern auf Dine und Richard auf. Wir sehen uns dann um neun Uhr.“ Glücklich setzte sie sich hinters Steuer.

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