T.-U. LorenzSpiegelbild – Du bist nie sicher

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Simon durch die Straßen Berlins lief. Er hielt sein Handy am Ohr und stand mit Lissy im Kontakt, die gerade durchgab, was er zu tun hatte.

„Er läuft weiter in Richtung Rathaus Schöneberg.“

„Verstanden. Ich nehme eine Abkürzung.“ Er bog in die Prinzregentenstraße ein, beschleunigte seine Schritte in der menschenleeren Gasse und wurde wieder langsamer, als das Rathaus in Sichtweite kam.

„Moment! Korrigiere, er läuft am Rathaus vorbei, der Park scheint sein Ziel zu sein…“

„Das Rathaus ist nicht sein Ziel? Im Park sind aber natürlich auch viele Leute zu dieser Zeit.“ Wieder begann er schneller zu laufen, diesmal ein wenig gehetzter als zuvor. „Lissy, siehst du ihn noch? Wo ist er jetzt?“ In Windeseile kam er am Rathaus vorbei, und betrat nur einige Meter weiter den Park. Der war gut besucht an diesem Sonntagnachmittag. Nun standen vermehrt Menschen in Hörweite, doch keiner von ihnen durfte erfahren, was Simon hier wirklich tat. Er war keineswegs ein normaler Spaziergänger wie sie alle. Um nicht aufzufallen, kleidete er sich aber genau wie sie. Plötzlich kam ihm ein Mann entgegen, der genau dasselbe Hemd wie er trug. Verblüfft lächelte er. Simon musste ebenfalls schmunzeln. Allerdings fühlte er sich zugleich immer unsicherer, weil seine Partnerin nicht antwortete. „Hey, mein Schatz, kannst du mir nochmal sagen, wo genau du auf mich wartest?“, fragte er also. Seine Formulierung sollte so wenig Aufmerksamkeit wie möglich anziehen, und Lissy dennoch vermitteln, was er wissen wollte. „Schatz?“ die Zeit drängte, warum antwortet sie nicht?

„Wenn ich dir gleich sage, was du tun sollst, bin ich wirklich dein Schatz. Renn! Er steht an einer Bank, etwa 200 Meter entfernt von dir, und bringt irgendetwas an ihrer Unterseite an! Beeil dich!“
Simon tat wie ihm geheißen. Nur kurz drauf stand er an der Bank, doch es war keine Spur von dem Mann, den er soeben noch verfolgt hatte.

„Lissy, wir haben ihn verloren“, presste Simon frustriert hervor, machte sich jedoch augenblicklich daran, die Unterseite der Bank zu untersuchen. Ein paar schiefe Blicke musste er dafür zwar in Kauf nehmen, aber das war ihm herzlich egal. So genau wie möglich tastete er sie ab, und fand nichts, bis auf… ein Handy.

„Simon, gib einen Statusbericht! Was hast du gefunden?“

„Lissy, hier ist kein Sprengstoff, nur ein verdammtes Handy!“

„Sei trotzdem vorsichtig! Es könnte genauso eine Bombe sein.“

Wie im Training gelernt, nahm er das Handy sorgfältig unter die Lupe und begab sich langsam wieder zurück auf den Weg zur Zentrale, wo Lissy wartete und seine Mission über Satellit beobachtete hatte.

 

Etwa eine halbe Stunde später hatten die Jungs vom Bombenkommando das Handy durchgecheckt, und es lag auf dem Schreibtisch von seinem Chef Corez, der zwischen Simon und ihm stand.

„Sir, ich weiß, dass ich versagt habe.“

„Darum geht es nicht, Zeckler.“

„Worum dann?“ Verwirrt sah Simon seinen Boss an. War er denn gar nicht wütend, dass ihm der potenzielle Täter entwischt war?

„Darum“, mit einer düsteren Mine warf Corez das Handy vor Simon auf den Tisch. Dieser verstand es nicht, bis er einen genaueren Blick auf das Display warf. Es zeigte Fotos. Aber nicht irgendwelche Fotos. Er war darauf zusehen. Wie er gerade mit Drogen handelte. Ganz unmissverständlich. Aber das war unmöglich! Nie würde er so etwas tun. Man konnte zwar nur seine rechte Gesichtshälfte erkennen, aber das auf dem Bild war ganz klar er selbst.

„Boss, ich-“

„Können Sie das erklären?“, unterbrach Corez ihn jedoch. Simon fiel keine passende Antwort ein. Er wusste weder wie das Foto entstanden war, noch wann.

„Sie haben also keine Erklärung dafür. Ich muss sagen, dass ich wirklich sehr enttäuscht bin. Wer ist die andere Person? Einer ihrer ehemaligen Kontakte vom Crystal-Fall?“

„Aber nein. Sir, die sitzen doch alle im Gefängnis. Ich weiß wirklich nicht, wer das ist. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann das gewesen sein soll.“

„Aha. Standen Sie vielleicht ebenfalls unter Drogen? Zeckler, Sie wissen, dass ich Sie bei so etwas nicht decken kann. Und ich dachte eigentlich, dass Sie niemals auf die schiefe Bahn geraten würden. Sie waren immer mein bester Mann.“ Simon senkte den Blick. Er verstand das nicht. Hatte sein Chef recht, und ihm wurde wirklich etwas eingeflößt, um diese Bilder zu machen? Er konnte sich das nur schwer vorstellen. Das Foto schien recht aktuell zu sein, zumindest, wenn man sich die Frisur genauer ansah. Außerdem war er sich sicher, dass es in demselben Park aufgenommen worden war, wo er das Handy gefunden hatte. Allerdings hatte er sich dort schon seit längerem nicht mehr aufgehalten. Sein letzter Auftrag hatte ihn zwar auch in Berlin gehalten, aber dabei ging es gar nicht um Drogengeschäfte! Irgendwie musste er seinen Boss davon überzeugen, dass er eine weiße Weste besaß. Gerade als er den Mund aufmachte um Luft zu holen, fiel es ihm ein. Schlagartig verwarf er seinen Gedanken wieder. Kurz schloss er gequält seine Augen.

„Geben Sie mir eine Chance, meine Unschuld zu beweisen. Ich bin sicher, dass Bild ist alt, aus der Crystal-Operation, als ich verdeckt gearbeitet habe.“

„Zeckler, Sie haben damals das ganze in Berlin tätige Kartell aus dem Verkehr gezogen, Sie erinnern sich? Das auf dem Foto ist keiner der Crystal-Kontakte, das habe ich überprüfen lassen.“

„Selbstverständlich erinnere ich mich. Aber da war noch etwas anderes. Die oberste Leitung haben wir doch nie zu fassen bekommen.“ Simon dachte das wäre alles Vergangenheit. Der Crystal-Fall war nunmehr fünf Jahre her, aber damals hatte er einen großen Fehler begangen.

Tief durchatmen. Du kannst dich auch irren. 

Auch wenn er eigentlich genau auf das Gegenteil hoffen musste. „Bekomme ich eine Chance?“

„Nur dieses eine Mal, Zeckler. Nur dieses eine Mal.“

„Danke, Chef.“

 

„Zeckler, Wollen Sie das wirklich tun? Ich weiß, Sie sind in Gefahr und stehen unter großem Druck. Aber das?“ 

Simon atmete tief ein. „Ich muss es tun, Breston. Das musst du noch lernen. Du bist neu hier, aber einer der wichtigsten Grundsätze lautet, dass man alles aufzugeben bereit sein muss.“ Simon sah dem jungen Agenten tief in die Augen. Er war erst 21, sehr engagiert, aber noch komplett unerfahren. Wenn Simon ehrlich mit sich war, dann sah sein Assistent Breston aus wie die Unschuld selbst. Würde dieser Junge jemals einen Menschen umbringen können?  Breston machte den Mund auf, als wollte er noch etwas dazu sagen, als Corez reinkam. „Zeckler, die Operation beginnt in wenigen Stunden. Sie sollten auf Position gehen.“ Corez sah Breston an. „Sie haben ihren Schützling eingeweiht?“ Er klang nicht gerade erfreut als er das sagte. Simon warf Breston eine kurzen Blick zu, und sah dann seinem Boss in die Augen. „Ja, Sir. Ich dachte, so würde er am besten den ersten und wichtigsten Grundsatz lernen.“ „Nun gut. Ich begrüße das nicht, aber Breston hat glücklicherweise gestern seine Verschwiegenheitsschwur geleistet.“

 

Nur kurz darauf, stand Simon neben Lissys Arbeitsplatz, ein Schreibtisch im Keller des Gebäudes. „Lissy, ich muss dich um etwas bitten, was dir womöglich nicht gefallen wird.“

„Was ist es diesmal?“, erwiderte Lissy gelangweilt. Es war nicht das erste Mal, dass Simon sie um einen unbequemen Gefallen bat. Manchmal hätte es sie schon ihren Job kosten können. Seine Bitte ging in eine ähnliche Richtung. „Du musst nach Pauls letztem Aufenthaltsort suchen.“ Fassungslos starrte Lissy ihn an.

„Simon, du weißt genau, dass er damals gestorben ist! Ich verstehe nicht, warum du denkst, dass es dir helfen wird, zu wissen wo er zuletzt war. Vor fünf Jahren.“

„Ich weiß. Du wirst mir vermutlich gleich sagen, dass er in der Basis des Kartells in Russland war. Aber, ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob er wirklich tot ist.“ Simon fiel er immer schwerer darüber zu reden. Wenn er noch lebte, dann bedeutete das nichts Gutes…

Lissy tippe wie wild auf ihrer Tastatur. Nach ein paar weiteren Klicks erschien der Name einer geheimen Akte „Crystal – Operation“, auf die ihr der Zugriff verweigert wurde. „Seit wann habe ich keinen Zugriff mehr?“, fragte sie empört. „Ich war damals doch zuständig für dich!“ Simon verzog das Gesicht bei der Erinnerung. Dass sie keinen Zugriff hatte, bestätigte alles, woran er nicht einmal zurückdenken wollte. Es war seine schlimmste Operation damals gewesen. „Da ist noch etwas, oder? Was verheimlichst du mir?“ Sie durchschaute ihn, wie immer.

„Lissy, bitte hör mir jetzt gut zu. Ich darf dir nichts dazu sagen. Aber bitte finde für mich raus, wo Paul war, bevor er… verschwand.“ Lissy runzelte die Stirn. Simon war klar, dass sie ihm nicht glaubte. Natürlich tat sie das nicht. Wie jeder Andere ging sie davon aus, dass Paul ein Kartellmitglied war, der Informationen geliefert hatte, aber dann von der Gang ermordet wurde. Nur Simon und sein Boss kannten die Wahrheit.

 

Kurz darauf saß Simon in einem Wagen vor dem Haus Pauls. Dieser stieg gerade aus seinem eigenen Auto aus, holte Einkaufstaschen aus dem Kofferraum und betrat das beschauliche Einfamilienhaus, wo er seit etwa einem Jahr wohnte. Simon wartete noch einige Augenblicke, dann nickte ihm Corez, der hinter ihm saß, über den Rückspiegel zu. „Tun Sie es. Jetzt.“ Die verspiegelte Sonnenbrille, die er trug, ließ keine Emotionen durch. Seine Stimme war kalt und rau. Wie immer. 

 

Als Simon an diesem Abend nach Hause kam, erwartete ihn eine Nacht voller Recherche, jedenfalls ging er davon aus. Auf dem Flur hatte sein Chef ihn noch einmal abgefangen und ihm gesagt, er habe nur 48 Stunden, um ihm zu beweisen, was wirklich hinter dem Foto steckte. Zu seiner Verwunderung hatte er Post von einem unbekannten Absender.

Simon.

Ich weiß, du hast es vergessen, aber du wirst das noch bereuen. Vergiss niemals das Leid, was du einem Anderen zugefügt hast, es wird dir das Doppelte bereiten.

Mit besten Grüßen von deinem Tod

 

„Unmöglich“, flüsterte Simon, doch er spürte, dass es die Wahrheit war. Seine Vergangenheit holte ihn ein.

Er faltete eine alte Zeitung auf, die er hinter seinem Schrank versteckte. Seit fünf Jahren. Sein Gesicht erschien auf der Titelseite. In der Zeitung war noch ein Umschlag versteckt. Breston, stand dadrauf. Darin waren Fotos von einem Freund, an den Simon nicht denken wollte, deshalb hob er den Umschlag nicht auf, als dieser zu Boden fiel. Nachdem Simon seinen Laptop hochfuhr, erhielt er einen Anruf. Der Anrufer sagte kein Wort. „Hallo? Wer ist da?“, wollte Simon wissen, aber es kroch bereits eine böse Vorahnung in ihm hoch. Statt also weiter zu warten, bis die Person am anderen Ende der Leitung mit ihm sprach, fragte er leise: „Ist der Brief von dir? Wie hast du mich gefunden?“

Der Anrufer lachte höhnisch. „Das war gar nicht schwer. Schließlich lebst du Pauls Leben.“ Simon gefror das Blut in den Adern. Er kannte diese Stimme. Wie war das möglich?

„Aber in Pauls Leben scheint sich Einiges verändert zu haben.“ Mit einem Schaudern erinnerte sich Simon an die Leiche von dessen Frau.

„Weißt du, die Menschen sind gierig, Simon. Wenn du ihnen etwas versprichst, was sie haben wollen, dann helfen sie dir. Ist ganz einfach. Ach, wem erzähle ich das? Du weißt es ja am besten. Aber du weißt nicht wie es ist, enttäuscht zu werden.“ Tränen stiegen in Simon hoch. Er musste schwer schlucken. Niemand würde ihm seine Tat jemals verzeihen können. Nicht einmal er selbst.

 

Als Simon die Tür hinter sich zustieß, schloss er noch kurz die Augen, bevor er wirklich realisierte, was er hier tat. 

Mit allergrößter Sorgfalt brachte er den Peilsender unten am Kotflügel des linken Vorderrads an. Danach fuhr er mit seinem Chef an einen etwas abgelegenen Platz, aktivierte den Peilsender, und deponierte das Ortungsgerät wie mit der Mafia verabredet in dem Versteck unter der Wurzel einer Eiche. Anschließend begaben sie sich zu einer Müllpresse.

„Entsorgen Sie alle Geräte, über die Sie Kontakt zur Mafia aufgenommen haben. Ich stelle den Timer zur Selbstzerstörung des Peilsenders auf 3 Stunden und 34 Minuten. Bis dahin sollten sie ihn gefunden haben. Und danach“, jetzt nahm Corez seine Sonnenbrille ab und blickte mit einem Blick, der keine Wiederrede erlaubte, Zeckler über den Rückspiegel an, „wird niemand von dieser Aktion erfahren. Ist das klar?“ 

Erst in diesem Moment dachte Simon daran welche Auswirkungen sein Handeln hatte. Er war unfähig zu antworten. Seine Entschlossenheit war weg. 

„Ob das klar ist?“, wiederholte Corez seine Frage mit mehr Nachdruck. „Ja Sir“, antwortete Simon und musste erstaunt feststellen, dass seine Stimme nicht brach. „Aber wenn das hier vorbei ist, will ich mich degradieren lassen“, sprudelte es dann doch aus ihm heraus. „Das sehen wir dann. Und nun erledigen Sie ihren Job.“ 

 

Am nächsten Morgen sah Lissy Simon verletzt an. Er beschloss ihr zu erzählen, was er so lange verborgen gehalten hatte. Er schleppte sie in einen Raum, wo sie ungestört sprechen konnten. „Lissy, Paul war nicht irgendjemand. Er…“ Simons Stimme brach. Statt weiter zu sprechen zog er ein Foto aus seiner Jackentasche und gab es Lissy. „Aber, das bist doch du?“, fragte sie verwundert. Simon seufzte. „Eben nicht. Paul war mein Zwillingsbruder.“ Lissy schlug sich eine Hand vor den Mund. „Nein! Du hast doch damals zugelassen, dass…, aber…“ Sie konnte nicht weiterreden und Simon wollte auch nicht, dass sie es tat. Seine alten Wunden wurden aufgerissen und er spürt den Schmerz unerbittlich in ihm hochkommen. „Versteh bitte, dass ich das allein tun muss, ja?“ Sie nickte.

 

Simon wusste, dass Paul sicherlich seine Rache an ihm plante. Also musste er ständig auf der Hut sein, ihn aber trotzdem finden. Am meisten fuchste ihn die Frage, wie Paul entkommen war. Wie es ihm gelungen war am Leben zu bleiben. Nach Simons Erfahrungen und Berichten war das eigentlich unmöglich. Die Mafia hatte noch nie jemanden entkommen lassen. Simon nahm sich noch einmal den Zeitungsartikel vor. Darin stand, dass der beliebte Autor Paul Z. verschwunden sei. Keine Spur zu ihm. Seine Frau wurde damals interviewet. Im Artikel stand nur, wie sehr sie Paul vermisste, und sich wünschte, dass er wiederkehrte. Eine Woche später gab es die Meldung, dass Paul tot aufgefunden wurde. Der Artikel war von Simon verfasst worden. Eigentlich hatte er Pauls Leben übernehmen sollen, allerdings hatte es nicht funktioniert, also beschlossen sie, es nach Protokoll zu regeln. Sie hatten Pauls Leiche jedoch nie gefunden und daher für seine Ehefrau einen verbrannten Leichnam eines Unbekannten beerdigt. Simon fühlte sich elend. Was hatte er nur getan? Er musste Paul finden, sonst würde es die Mafia tun.

Er liebte die Oberbaumbrücke, viellicht ist er dort. 

 

Eine alte heruntergekommene Bank stand am Wegesrand. Früher hatte Simon dort oft mit Paul gesessen, wenn einer von ihnen Probleme hatte. Sie war ihr Zufluchtsort, wo sie über alles gesprochen hatten. Als er die Bank erreichte, fand er erneut ein Handy am unteren Rand, mit Panzertape befestigt. Diesmal machte er sich keine Sorgen, dass es sich um eine Bombe handeln könnte und schaltete es ein. Eine neue Nachricht von einer Nummer. Lass diese Nummer orten. Komm allein. 

 

Lissy, du musst diese Nummer für mich finden. Bitte.“ Ihr Blick war kalt. „Weißt du, ich glaube nicht, dass es Paul ist, den wir suchen. Niemand hätte das überleben können. Ich verstehe einfach nicht, wie du das zulassen konntest. Du weißt doch, was die dort mit Verrätern gemacht haben.“

Simon sah weg. Er wollte eigentlich nicht darüber reden. Doch dann ließ er seine Worten frei lauf. „Paul war immer schon der Stärkere. Der Bessere. In Allem. Er konnte schneller laufen, weiter werfen, besser rechnen und schöner zeichnen. Langsam glaube ich sogar, dass er auch der fähigere Agent gewesen wäre.“ Bei diesem Gedanken musste Simon in sich hinein lachen. „Früher bei Versteckspielen wurde ich immer vor ihm gefunden. Aber ich habe es ihm gegönnt. Als unsere Eltern starben, verließen wir uns nur aufeinander, er war ein gebrochener Junge, und ich lernte der Stärkere zu werden. Er fand seine Frau und ich diesen Job. Aber ein Jahr bevor wir die Crystal-Operation begonnen haben, habe ich mich mit Paul zerstritten. Und seitdem…“ Lissys Blick war so durchdringend, dass Simon zu sprechen aufhörte.

„Simon, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ „Nein, weißt du, vergiss es einfach. Finde dieses Handy, und vergiss es, ja?“ Ohne weitere Frage folgte Lissy seiner Bitte.

Eine Stunde später befand Simon sich auf einem verlassenen Fabrikgelände.

„Paul? Bist du hier?“ Simon fühlte sich beobachtet. Ihm war klar, dass sein Bruder hier war. Und auf ihn wartete. Womöglich, um endlich für Gerechtigkeit zu sorgen. Es war viel zu still, bis plötzlich jemand Simon von Hinten am Hals packte und ihm ein Messer an die Kehle hielt. Eine Stimme sprach direkt an seinem Ohr.

„So sieht man sich wieder, Simon. Oder sollte ich besser Paul sagen? Wie hat es dir gefallen, mich zurückzulassen, hm?“ Simon rührte sich nicht.

Ich habe dich früher immer bewundert, weißt du? Ich erzielte zwar bessere Leistungen als du, aber du warst immer schon der, der von innen heraus stärker war. Nach dem Tod unserer Eltern, wollten wir uns doch immer Rückendeckung geben. Das hatten wir uns doch versprochen? Bis zu dem Tag, wo ich herausfand, wem ich mein Schicksal zu verdanken habe, hoffte ich, dass du mich retten würdest. Unabhängig davon, dass ich keine Ahnung hatte, wer du wirklich warst. Du erbärmlicher Lügner.“

Simon wog ab, ob er sich aus dem Klammergriff seines Bruders befreien sollte oder nicht. „Paul, hör zu, ich-“

„Schweig still!“, brüllte Paul ihm ins Ohr. „Du hast hier gar nichts mehr zu sagen. Ich will gar nicht wissen, wie es sich angefühlt hat, mein Leben zu übernehmen, nachdem du immer so erfolgreich alleine geblieben bist. Hat meine Frau nichts gemerkt, ja? Oder hatte sie gar keine Möglichkeit dazu, bevor sie gestorben ist?“ Er verschärfte seinen Griff um Simons Hals und schnürte ihm die Luft ab. Die Schneide des Messers schwebte noch immer gefährlich nah an Simons Gesicht. Doch er wagte es nicht, sich aus der Klammer zu lösen und Paul somit zu provozieren. „Paul, es tut mir unendlich leid. Was du durchmachen musstest-“

Mit einer unerwarteten Kraft schleuderte Paul Simon aus seinem Griff auf den Boden und bedrohte ihn erneut mit dem Messer. „Es tut dir leid? Willst du mich verarschen?! Du hast gesagt, du wärst immer für mich da! Wo warst du? WO?!“, schrie er. Er war außer sich vor Wut. Simon kam es vor als würde er sein Spiegelbild sehen. So lange hatte er seinen Zwilling nicht mehr anschauen können. Er hatte sogar versucht jede Erinnerung an ihn zu verdrängen. Erst als Paul seinen Kopf etwas drehte, bemerkte Simon, wie sehr die jahrelange Folter seinen Bruder mitgenommen hatte. Seine linke Gesichtshälfte war komplett entstellt. Alte Brandwunden zogen sich von der Stirn über die Wange bis zum Kinn. Und diese Blutunterlaufenen Augen. Die langen Narben auf seinem rechten Oberarm. Sein etwas abgemagerter Körper, nur von ein paar definierten Muskeln kaschiert. Es zeigte das, was Simon all die Zeit versucht hatte zu verdrängen.

Dann verstand er es plötzlich. Nur die rechte Gesichtshälfte war auf dem Bild zusehen. „Also warst du es auf dem Foto. Dacht ich’s mir doch.“

„Oh, du bist ja einer von der ganzen schnellen Sorte! Ich habe das extra so geplant, damit du suspendiert wirst!“

„Wer war die andere Person?“

„Das war eine ganz reizende junge Frau, mit der ich Foltererinnerungen teile.“ Wie um das zu unterstreichen trat Paul ihm mit dem Knie heftig in den Bauch.

„In den vier Jahren, die ich dort verbracht habe, habe ich den tiefsten, schrecklichsten Hass entwickelt, den du dir vorstellen kannst. Ich denke, du weißt auch auf wen. Es wundert dich, oder? Wie ich es rausgeschafft habe, vor einem Jahr? Was ich in dem Jahr gemacht habe? Meine Rache geplant. Als Gefangener habe ich sogar Freunde gefunden. Mächtige Freunde. Ich sag dir was: Nach einem Tag schon, da wusste ich, dass ich der Falsche bin, dass sie eigentlich dich suchen. Aber glaubst du, sie hätten das geglaubt? Ihre Folter hörte nie auf. Aber ich habe es für dich ausgehalten. Deshalb dachte ich auch, dass du mich befreien würdest. Sie haben nicht viel mit mir geredet, aber nach einer Woche begann ich zu verstehen, was für einen Job du immer gemacht hast, von dem du nie erzählen wolltest. Und nach zwei Wochen, da war mir klar, dass du nie kommen würdest. Dass es dir vollkommen egal war, was sie mit mir machen! Seitdem hatte ich Zeit dich zu hassen und mir Wege zu überlegen, wie ich am Besten Rache üben könnte. Du bist in meinen Gedanken unendlich viele Tode gestorben, immer auf eine andere Art und Weise. Und ein Jahr habe ich nun gebraucht, um den optimalen Plan zu entwickeln. Du wirst genauso leiden, wie ich gelitten habe.“ Mit Gewalt packte er Simon am Haaransatz und drehte seine Kopf so, dass er ihn ansehen musste. Simon blickte ihm tief die Augen. Sie funkelten vor Hass und Schmerz. „Leide“, Paul spuckte ihm das Wort förmlich ins Gesicht. Simon erschrak als er den flammenden Zorn in den Augen seines Bruder sah und in seiner Stimme hörte. Er konnte kaum in die Augen seines Bruders schauen, ohne den Schmerz zu spüren, den er ihm zugefügt haben musste. Mit geübten Griff und der Schnelligkeit, die ihn im Training aufgezeichnet hatte, packte er Pauls Arm, drückte ihn zu Boden und rollte sich auf ihn. Dieser lachte nur wieder höhnisch. Wandte sich wie eine Schlange aus der Position und schlug mit der Handkante gegen Simons Schlüsselbein. Er verfehlte nur knapp seine Halsschlagader, das hätte seinen Gegner temporär bewusstlos gemacht. Paul holte erneut aus, doch Simon ließ nicht zu, dass sie weiter kämpften. Mit dem Antäuschen eines Gegenschlags nutze er Pauls Abwehrstellung aus und hatte ihn innerhalb von Sekunden zu Boden gerungen. „Du denkst wirklich, ich will gegen dich kämpfen?“ Simon antwortete nicht. Er musste zugeben, dass sein Bruder wirklich gut war. Wo hatte er das so schnell lernen können? „Oh nein. Ich habe die fünf weltbesten Killer auf dich angesetzt, und heute Nacht werde ich ihnen den Startschuss geben, damit sie auf dich Jagd machen.“ Vor Schock ließ Simon seinen Bruder los. „Du hast was?“ „Ja, genau das habe ich. Einer von ihnen wurde auch von deiner Mafia gefangen gehalten. Lustig, wie man Freunde findet. Ihr Name ist Deathday. Sie hat auch das Handy für dich platziert.“ Paul grinste schief. Er hatte dieses wahnsinnigen Blick in den Augen. Was habe ich getan?, fragte sich Simon.

„Bitte sag mir, dass Noidak nicht unter Ihnen ist.“

Seine Bruder grinste ihn nur an.

„Paul, du tust das Falsche! Du weißt doch gar nicht… Bitte lass mich-“

„Oh bitte, der beim BND namenhafte Simon Zeckler wird mich doch jetzt wohl nicht um sein Leben anbetteln! Gerade du! Hast du denn keinen Deut mehr Mut als damals, wo du mich als dein Folterdouble benutzt hast?“

Der Satz traf Simon hart. Ohne nachzudenken gab er Paul frei.

„Warum guckst du so entsetzt, Super-Simon?“

„Du weißt nicht wie gefährlich sie sind, Paul“, sagte Simon mit gesenkter Stimme und sah sich sofort mehrfach um.

Paul fing an spöttisch zu lachen. „Aber du weißt es? Das ist mir doch völlig egal!“ Von einer Sekunde auf die andere wich das Lachen aus seinem Gesicht und sein Blick war wieder dunkel und hasserfüllt. Grob packte er seinen Bruder mit drei Finger an der Kehle und zwang ihn, ihm ins Gesicht zu schauen.

„Sieh mich an, Verräter! Während der Folter, da sagte ich mir, so einen Bruder wie dich, den wünscht man nicht mal seinem schlimmsten Feind. Deshalb habe ich die Killer auf dich angesetzt. Die Stimme in meinem Kopf befiehlt es: ,Paul, mit einem Bruder wie Simon bist du nie sicher!‘, sagt sie. Deshalb muss ich dich aus meinem Leben entfernen. Ich will, dass die Killer gefährlich sind. Ich will, dass sie dich umlegen. Kurz: ich will, dass sie ihren Job machen. Und wenn sie dich zu menschlichem Hackfleisch verarbeiten. Mir ist es Recht.“ Noch ein paar Momente lang verharrte er so, dann ließ er Simon los und verließ die Fabrikhalle. Simon sagte nichts. Er folgte ihm auch nicht.

Wenn hier einer in Gefahr ist, dann bist du das, dachte er. Solche Typen wissen ganz genau, wer sie bezahlen kann und wer nicht. Simon war sich sicher, dass sein Bruder das nicht konnte.

 

Breston saß mit gerunzelter Stirn an Simons Tisch, als dieser sein Büro betrat. Der restliche Komplex des Gebäudes war leer und dunkel, nicht einmal Lissy war mehr an ihrem Platz. Sie schob oft Überstunden zur Recherche. 

„Ich will hier raus. Was Sie machen ist unmenschlich! Dabei kann ich nicht länger zuschauen.“

„Breston, bist du sicher? Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?“ 

„Der Mann von dem ich lernen soll, überlässt seinen eigenen Zwillingsbruder der Mafia, nur um außer Gefahr zu sein? Wo ist der Mut, von dem Sie gesprochen haben, als Sie mich anwarben? Ich werde Ihren Bruder warnen, das hat er nicht verdient! Er kann doch gar nichts dafür, dass Sie so ein mieser Agent sind!“ 

Simon geriet in Panik. Wenn Breston das tat, dann gefährdete das nicht nur ihn und seine Operation, sondern den gesamten Geheimdienst. Irgendwie musste Simon ihn aufhalten. „Breston, du kannst doch nicht-“ 

„Doch! Das muss ich sogar! Sonst würde ich jede meiner Überzeugungen brechen! Dafür bin ich nicht zum Geheimdienst gekommen. Ich habe Agenten wie Sie immer bewundert. Ich wollte Gutes tun. Eigentlich dachte ich Sie wollten das auch, aber ich habe mich wohl-“ Weiter kam er nicht. Im selben Augenblick war ein Schuss ertönt und hatte Brestons Brust durchbohrt. Breston sank zu Boden, seine Augen schauten anklagend und voller Enttäuschung zu Simon hinauf. „geirrt“, presste er noch hervor, dann war er tot. Simon konnte es nicht fassen. „Breston“, hauchte er. Er wagte es jedoch nicht, sich zu seinem Schüler nach unten zu beugen, denn genau in dem Moment trat eine Gestalt aus dem Schatten. Sein Boss Corez. „Ich wusste, Sie würden nicht auf Ihn schießen können. Ihnen lag einfach zu viel an dem Jungen. Wenn Sie das ablegen könnten, wären sie der perfekte Agent. So wie ich. Deshalb leite ich diese Behörde.“ Corez pausierte kurz und blickte vom toten Breston zu Simon. „Seinen eigenen Bruder an die Mafia ausliefern, das machen perfekte Agenten. Diese Qualität haben Sie schon. Und jetzt wo ich Ihnen Breston vom Hals geschafft habe, können sie zum vollkommenen Agenten werden. Aber bis dahin werden Sie degradiert. Ich werde es morgen früh veranlassen. Und jetzt verschwinden Sie.“ 

Simon konnte es nicht fassen. Was hatte er getan? Er würde wahrscheinlich nie wieder schlafen können. Als er es dennoch versuchte, sah er ständig die offenen Augen von Breston und hörte die Schreie seines Bruders, die er zweifellos gerade in der Folter von sich gab. Aber Simon hatte seine Entscheidung getroffen. Er gab kein zurück. 

 

Schweißgebadet erwachte Simon aus einer Nacht voller Alpträume von seinem Bruder und Breston. Er hatte schon eine Ewigkeit nicht mehr an Breston gedacht. Der junge, unschuldige Breston. Mit Tränen in den Augen hob er den Umschlag nun auf, der noch immer unberührt auf dem Boden neben seinem Schreibtisch lag. Simon hatte es all die Jahre verdrängt, aber sein Lehrling hatte immer Recht gehabt. Paul konnte nichts dafür, dass Simon ein miserabler Agent war. Aber die Auftragsmörder waren schon angesetzt. Und darum musste sich Simon nun kümmern.

 

Am darauffolgenden Abend begab sich Simon erneut zu der Fabrikhalle. Schon auf dem Weg bemerkte er, dass er verfolgt wurde. Einer der Killer. Vielleicht ließ der ihn absichtlich bis zur Fabrikhalle kommen, damit Paul mitansehen konnte, wie sein Abschaum von Bruder starb. Simon bog um die Ecke und stellte den Wagen genau vor dem Eingang der Halle ab. In der Sekunde, wo er die Tür des Autos schließen wollte, sah er den Lauf einer Waffe im Seitenspiegel. Gerade noch rechtzeitig ließ er sich zu Boden fallen und wich dem Geschoss aus. Er ließ sich unter sein Fahrzeug rollen und verharrte dort, bis er seine Waffe geladen hatte. Die Schlacht beginnt. 

Paul stand in der Mitte der Halle, auf einem kleine Plateau, was er eigens für diese Situation hergeschafft haben musste. Hinter ihm standen drei Personen, dessen Gesichter Simon durchaus bekannt waren. Deathday, wie sich die unauffindbare Mörderin nannte, stand zu seiner Linken, hatte ihr Scharfschützengewehr, mit dem sie etliche Menschen zur Strecke gebracht hatte, auf Simons Brust gerichtet und lächelte. Die anderen Beiden standen auch auf der Liste der Killer, die der Geheimdienst seit Jahren suchte. Aber der mit Abstand meistgesuchte, Noidak, war nicht unter Ihnen. In Anbetracht der Situation fand Simon das fast schon wieder schade, so hätte er immerhin gewusst, wen er immer gejagt hatte, bevor er gestorben war. Diesem Killer hatte sein Boss damals auch den Tod Brestons angehangen.

In Pauls Blick lag wieder dieses Wahnsinnige, was Simon schon zuvor aufgefallen war.

„Das ist dein Ende, Simon. Hast du Angst?“

Sein Gegenüber antwortet nicht.

„Ist es das, was du willst, Paul? Mich sterben sehen?“, fragte er stattdessen.

„Natürlich will ich das! Was sollte ich sonst wollen? Dich hätte es offensichtlich auch nicht gestört, wenn ich aus dieser Welt geschieden wäre! Jetzt trifft dieses Schicksal jedoch dich! Schießt!“, brüllte Paul.

„Nein!“, schrie sein Bruder dagegen an und feuerte auf Deathday und die Anderen. Er erwischte den Killer, der rechts von Paul gestanden hatte. Deathday hielt den Schaft an Pauls Stirn. „Wenn du willst, dass der hier überlebt, dann wirst du mir die Liste aller Agenten des BND besorgen!“, befahl sie. Simon atmete ruhig weiter. Er hatte es gewusst. Das alles war nur ein Hinterhalt.

„Was? Du sollst ihn töten und nicht mich, du Schlampe!“, protestierte Paul, doch der andere Killer hatte ihn so fest im Griff, dass er sich nicht herauswinden konnte.

„Warum sollte ich? Er kann mich zu den Menschen führen, auf die das meiste Kopfgeld ausgesetzt ist! Nach der Haft, in der wir zusammen saßen, brauche ich Geld! Du wirst mich nicht mal für diesen Job bezahlen können!“ Sie wandte sich wieder an Simon. „Und jetzt geh los und bring mir die Liste, sonst stirbt der!“ Simon reagierte nicht darauf.

„In Wahrheit ist ihm das doch egal, wenn du mich tötest! Was glaubst du, wieso er mich nie befreit hat?“ Paul kämpfte noch immer gegen den Griff des Killers an, aber dann hörte er plötzlich damit auf. „Leg mich um und du hilfst ihm nur ein weiteres Problem loszuwerden. Komm schon, beende mein sinnloses Dasein“, sagte er schwach. Simon zerriss es innerlich das zu hören. Erst wollte er losschreien, wie sehr er seinen Fehler bereute, aber das rettet seinen Bruder auch nicht. 

„Lass ihn los“, forderte er stattdessen und war sich bewusst, wie lächerlich das klang.

„Was denn? Das ist alles was dir einfällt? Das soll mich beeindrucken?“ Simon versuchte einen kühlen Kopf zu bewahren, er durfte keine Verzweiflung zulassen. „Nein, aber das.“ Während des gesamten Gespräches ist er immer näher auf Deathday zugelaufen und nun war er bereit auf sie zu schießen. Sein Puls ging schlagartig hoch. Die Wahrscheinlichkeit zu versagen überwog eindeutig. Doch dann geschah etwas völlig unerwartetes. Mehrere Schüsse hintereinander ertönten über den Köpfen aller. Ein Mann stand im Schatten der hinteren Ecken der Fabrikhalle. Der Lauf seiner Waffe trat zwischen den Sträuchern hervor. Simon traute seine Augen kaum. 12mm! Das Kaliber, welches Noidak immer verwendete! Brutal, aber äußerst effektiv. Konnte das ein Zufall sein?

„Schweigt, allesamt“, gab eine tiefe, kräftige Stimme von sich. Simon kam sie bekannt vor, nur konnte er nicht ausmachen, woher.

„Zeckler, weich zurück.“ Simon erstarrte. Natürlich! Sein Boss, und nicht Noidak. Es gab keine Zweifel mehr. Es handelte sich um seine Stimme. Der Mann trat aus der Dunkelheit, graues Mondlicht schien durch ein Fenster und ließ seine Haut aschfahl aussehen. Doch was tat er hier? Seine Augen wurden von einem dunkelgrauen Hut verborgen.

Nachdem er aus dem Schatten gekommen war, weiteten sich Deathdays Augen bei seinem Anblick, als hätte sie Angst vor ihm. „Noidak?“, presste sie hervor, und war schon ihm nächsten Moment tot. Genauso wie ihr Komplize. Erschossen von… Simon drehte sich um. Deathday hatte seinen Chef Corez eindeutig als Noidak identifiziert. Dieser ließ seine Waffe jedoch nicht sinken, sondern zielte jetzt auf Paul.

„Unglaublich, dass die Mafia Ihren Bruder nicht kleingekriegt hat, Zeckler.“

„Sie… sind Noidak?“ Simon konnte es nicht fassen. Niemals wäre er drauf gekommen. Jedesmal, wenn er Todesfälle um Noidak untersucht hatte, war er davon ausgegangen sein Boss wäre genauso ahnungslos über dessen Identität wie er. Immer wenn er ihm ermutigend auf die Schulter geklopft und gesagt hatte, dass sie ihn beim nächsten Mal kriegen würden, dabei war er es die ganze Zeit selbst. Noidak feuerte einen gezielte Schuss ab, der Simons Waffe traf, die ihm nun aus der Hand flog.

„Damit hätten Sie nicht gerechnet, nicht wahr, Zeckler?“

Nie. Doch er wagte nicht, es auszusprechen. Sein Boss, der Beste unter allen Agenten, war auch der Beste unter allen Killern.

„Was wird hier eigentlich gespielt?“, verlangte Paul nun zu wissen. Panik spiegelte sich in seinem Gesicht. Er hatte Deathdays Gewehr an sich genommen und schwenkte es zwischen Simon und Noidak hin und her. Noidak lachte nur verächtlich.

„Was für ein jämmerlicher Versuch, sich zu verteidigen. Dabei dachte ich, Sie hätten Potenzial, ihren Bruder zu ersetzten, wenn der nichts mehr taugt. Aber wie mir scheint, muss ich Sie zu erst töten, Zeckler 2.0.“

„NEIN!“, schrie Simon und warf sich in die Schusslinie. Es erschallten zwei Schüsse gleichzeitig. Simon prallte hart auf. Im selben Moment sah er auch Noidak auf die Knie sinken. Seine Augen waren glasig.

„Guter Schuss“, keuchte er, dann klappte er tot zu Boden.

Paul hielt die Waffe noch immer auf Noidak gerichtet und atmete schwer. Dann sah er zu Simon und warf sie weg.

„Du blutest“, sagte er und zu Simons Überraschung schwang Verzweiflung mit. Tatsächlich hatte Noidak Simon anstelle von dessen Zwillingsbruder erwischt. Sein Hemd war nun tiefrot, die Kugel hatte ihn mitten im Bauch getroffen. Paul stürzte zu seinem Bruder und nahm seine Hand. „Nein, nein, NEIN!“, Paul schüttelte energisch den Kopf und kniff die Augen zusammen. „Du hast mein Leben zerstört. Du hast mir alles genommen, was ich geliebt habe…Du bist mein größter Feind auf der Welt, du darfst nicht für mich sterben!“ Seine Stimme klang gebrechlich.

Simon hustete und spuckte Blut. „Zum ersten Mal in meinem Leben mache ich etwas richtig, Bruder.“ Er sah Paul in die Augen. Sie glänzten vor Tränen, die ihm nun langsam über die Wangen liefen.

„So habe ich das nicht gewollt“, flüsterte Paul. Simon konnte die Trauer seines Bruders beinahe schon spüren. „Lebe“, hauchte Simon noch, dann verschwamm seine Sicht. Das Letzte, was er hörte, war das Schluchzen seines Bruders.

 

8 thoughts on “Spiegelbild – Du bist nie sicher

  1. hey, mir hat deine Geschichte gut gefallen, vor allem die Atmosphäre hast du gut herausgearbeitet. ich drücke dir die daumen, für ein paar weitere Likes, meines hast du auf jeden fall 🙂 Kleiner Tipp noch: eine andere Schrift hätte das ganze einfach zu lesen gemacht.
    vllt magst ja auch mal meine Geschichte lesen und evlt ein herz da lassen:) beste grüße, Patricia ( patte)

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/hinter-den-kulissen

    1. Hey Patte, vielen Dank für dein Feedback! Ich werde nächstes Mal auf jeden Fall eine andere Schriftart wählen, freut mich aber, dass du meine Geschichte trotzdem gelesen hast! 😉
      ich werd dann mal rüber zu deiner gehen! 😃
      Ganz liebe Grüße, Tam

  2. Hi,
    ich denke, das Grundgerüst Deiner Geschichte war ganz gut.
    Ich hatte allerdings die ganze Zeit das Gefühl, dass Du versucht hast, die Handlung ein wenig wie einen amerikanischen Krimi/Thriller aufzubauen. Mir persönlich gefällt das nicht so, das ist aber Geschmacksache.
    Ich denke, Du könntest noch an den Dialogen arbeiten, die wirkten doch manchmal etwas hölzern. Meiner Meinung nach könntest Du auch noch an der Struktur was machen, die Abfolgen fand ich zum Teil etwas abrupt. Und auch, wenn es eine fiktive Geschichte ist, finde ich diese amerikanische Erzählweise ( Einer gegen alle ) nicht besonders glaubwürdig, aber auch das ist mein persönlicher Geschmack.
    Ich denke aber, mit noch etwas Überarbeitung, kann die Geschichte noch besser werden.
    Ich hoffe, Du bist mir nicht böse, aber ich denke, ehrliche Kritik bringt Dich weiter, als unehrliches Lob…

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen und zu „zerpflücken“…
    >>Glasauge

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