Krumu0601Spieglein, Spieglein

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Spieglein, Spieglein

 

Der Morgen zog grau und kalt herauf. Erst am letzten Wochenende hatte es noch strahlenden Sonnenschein gegeben, aber wie es der April so an sich hatte, konnte das Wetter innerhalb von Tagen, Stunden oder gar Minuten umschlagen. „Ja, ja, der April macht was er will“, murmelte Sven, als er in die Küche ging, um sich einen Tee zu machen. Er konnte nicht wirklich verstehen, wie andere Menschen Kaffee trinken konnten. Zwar roch er unglaublich lecker, aber was dann als Getränk dabei rauskam war im besten Falle ungenießbar zu nennen. In seiner Küche angekommen schaltete er zuerst das Radio an und wurde gleich mit dem ewig gleichen Gedudel dafür bestraft. Er suchte in seinem Teeregal nach seiner Lieblingssorte Schwarztee. Ein schöner starker Assam-Tee. Sven regte sich in Restaurants regelmäßig darüber auf, wenn er Earl Grey als Schwarztee vorgesetzt bekam. Earl Grey hatte mit schwarzem Tee seiner Meinung nach so viel zu tun, wie Kollegah mit anspruchsvoller Dichtung.

 

Während der Teekessel langsam das Wasser kochte, machte er sich zwei Scheiben Toast und wartete auf die Nachrichten. Zunächst berichtete die Nachrichtensprecherin von der allbekannten Verzweiflung und dem Hass auf der Welt. Nicht, dass Sven das kalt ließ, aber wenn man es jeden Tag hörte, stumpfte man doch etwas ab. Und das war vermutlich auch gut so. Svens beste Freundin war sehr sensibel und konnte sich kaum die Nachrichten ansehen oder anhören, da sie sonst den ganzen Tag vor Traurigkeit kein Wort mehr sagen konnte. Nachdem genug über den Terror am anderen Ende der Welt gesprochen worden war, berichtete ein Reporter aus Berlin, dass dort über ein wichtiges Gesetz zum Ausbau der regenerativen Energien beraten würde. Danach sprach er noch über weitere Gesetzesplanungen, aber Sven wurde abgelenkt, da sein kleiner Kater Felix in die Küche getapert kam und laut mauzend nach Futter verlangte. Also stand Sven auf, streichelte der schwarz-weißen Katze über den Kopf und füllte etwas Futter in seinen Napf. Danach bestrich er seinen Toast mit Marmelade und hörte eher mit halben Ohr, dass es in der Stadt einen schweren Unfall gegeben hatte, bei dem eine Frau ums Leben gekommen war.

 

Nachdem er die Küche aufgeräumt, Felix‘ Wassernapf gefüllt und sich im Bad fertig gemacht hatte, machte er sich auf den Weg zur U-Bahn um zur Arbeit zu kommen. Er musste nur etwa 300 Meter gehen, erst durch die kleine Gasse, in der seien Wohnung lag und dann auf die Hauptstraße. Kurz bevor er in diese einbiegen konnte, trat er allerdings mit dem Fuß gegen etwas, das auf dem Boden lag. Er blieb stehen und blickte zurück, wobei sein Blick auf ein Handy fiel. Im ersten Moment bekam er einen Schreck und tastete seine Umhängetasche ab, ob es sein eigenes war, doch das war weiter tief in seiner Tasche verstaut. Ein kurzes Aufatmen, dann bückte er sich und hob das Handy auf. Es war ein recht neues Modell, tatsächlich das gleiche, das er auch hatte und für das er einen sündhaft teuren Vertrag abgeschlossen hatte, den er immer noch bereute. Obwohl er dagegengetreten hatte und es einige Zeit im Nieselregen gelegen hatte, schien es noch zu funktionieren, denn als er den Knopf drückte, um den Sperrbildschirm anzuzeigen, ging er sofort an. Ein Standardhintergrund, der auf dem Handy eingespeichert war, und keine Nachrichten. Nur das Datum, die Uhrzeit und der Akkustand von 53 Prozent. „Na super“, dachte Sven. „Jetzt muss ich auch noch im Fundbüro vorbei und das Handy abgeben. Das hat mir gerade noch gefehlt.“

 

Vor der Arbeit würde er das wohl nicht mehr schaffen, und nach der Arbeit war er eigentlich mit Ben, seinem besten Freund, in einer Bar verabredet. Darauf freute er sich schon lange, denn Ben hatte die letzten drei Monate im Ausland gelebt und brachte immer die erstaunlichsten Geschichten mit nach Hause. Das letzte Mal hatte er auf einer Rinderfarm in Argentinien ausgeholfen und nach seiner Rückkehr nicht nur von der traumhaft schönen Tochter des Besitzers erzählt, sondern auch von einem etwas durchgedrehten Stier, der sich wie ein Hund benahm und jeden schwanzwedelnd begrüßte und übers Gesicht leckte. Seine aktuelle Reise hatte ihn nach Neuseeland geführt und Ben hatte schon am Telefon erwähnt, dass er auch dort viel erlebt hatte, inklusive einer Begegnung mit sehr enthusiastischen Herr der Ringe Fans. Mehr hatte er allerdings noch nicht verraten und Sven brannte vor Neugierde, was wohl passiert war.

 

Aber dennoch, er musste das Handy abgeben. Er hatte sein altes auch einmal verloren und war sehr dankbar gewesen, es gleich am nächsten Tag wiederbekommen zu haben. Dabei fiel ihm ein, dass er es damals auch nicht im Fundbüro bekommen hatte, sondern der zum Glück ehrliche Finder das Handy entsperrt und in den Kontakten die Nummer seines Büros gefunden und dort angerufen hatte. Vielleicht konnte er das ja auch ausprobieren. Aber zuerst weiter zur U-Bahn, sonst würde er noch zu spät zur Arbeit kommen.

 

Zehn Minuten später saß er in der U-Bahn und nahm das fremde Handy wieder in die Hand. Tatsächlich musste er keinen Code oder Passwort eingeben, sondern konnte das Handy sofort entsperren. Auch das Hintergrundbild war eines der Standardbilder, die auf jedem Handy eingespeichert waren und als er zum Kontakte-Icon swipte, fiel ihm auf, dass auch quasi keinerlei Apps installiert waren. Nur WhatsApp und die Standard-Apps. Aber na ja, vielleicht war das Handy ja tatsächlich neu gekauft und noch kaum genutzt. Sven hoffte nur, dass der Besitzer zumindest schon einige Kontakte eingespeichert hatte. Doch als er in der Rubrik angekommen war, wurde auch diese Hoffnung enttäuscht. Neben der Auskunft war nur die Eigene Rufnummer eingespeichert und zwei weitere Kontakte. Und bei diesen musste Sven schwer schlucken und ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Der erste eingespeicherte Kontakt war der Name Max. Und der zweite sein eigener, Sven. Beide ohne Nachnamen und ohne Bild. Wenn es nur einer der Namen gewesen wäre, kein Problem. Und auch dass es diese beiden Namen waren, konnte natürlich ein Zufall sein. Bestimmt war es einer. Aber diese beiden Namen, vor allem der Name Max holten Erinnerungen wieder hoch, die er schon vor langer Zeit immer wieder in die hinterste Ecke seines Gedächtnisses geschoben hatte.

So okay, jetzt aber erstmal tief durchatmen. Das musste nichts bedeuten. Er musste einfach noch etwas im Handy suchen, ob er weitere Hinweise fand. Vielleicht in den Fotos. Die speicherten doch viele Leute schnell ab. Und da würde er dann möglicherweise Hinweise auf den Besitzer finden und all seine Gedanken und Erinnerungen wieder in den hintersten Winkel seines Kopfes schieben können. Also los, auf die Bilder-App. Seine Hände zitterten, weshalb er noch einmal durchatmete und die Augen schloss. Es konnte nichts mit ihm zu tun haben. Die Sache mit Max war schon so lange her, alles vergessen. Warum sollte dieses Handy, von dem er nicht wusste, wem es gehörte, irgendwas mit ihm zu tun haben? Sven verließ die Seite mit den Kontakten und wechselte in die Galerie. Dabei hielt er die Luft an, so angespannt war er. Er hatte es geschafft, seit Ewigkeiten nicht mehr an diese Sache zu denken, und jetzt kam alles wieder hoch. In der Galerie sah er zunächst wieder die schon eingestellten Standardbilder des Telefons und dachte zunächst, es gäbe keine persönlichen Bilder auf dem Telefon, aber dann sah er doch noch einen unbenannten Ordner ganz unten auf dem Display. Er wählte den Ordner aus und ließ das Handy fallen. Das konnte nicht sein, es konnte einfach nicht sein.

Die Menschen um ihn sahen ihn an und schienen verwirrt, dass er das Handy nicht sofort aufhob. Vielleicht machte einigen auch sein mit Sicherheit sehr schockierter Blick Angst, denn als er sich umsah, drehten sie sich schnell um. Doch die junge Frau ihm gegenüber hob das Handy auf und als sie es ihm reichen wollte, fiel ihr Blick auf das Display. Sie lächelte. „Oh wie süß“, sagte sie an Sven gewandt. „Sind Sie das, als Sie klein waren, oder sind das Ihre Kinder?“

Sven konnte nichts erwidern. Er starrte sie an und fühlte seinen viel zu lauten Herzschlag in seinem Hals pochen. Langsam wurde das lächelnde Gesicht der Frau besorgt. „Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“, fragte sie dann. Sven starrte sie weiter an, aber er musste etwas antworten. Es würde alles gut werden. Es musste für alles eine Erklärung geben. Er zwang sich ein Lächeln auf die Lippen und nahm der Frau das Smartphone ab. Dabei sagte er mit möglichst ruhiger Stimme „Danke. Es ist alles gut. Und das sind mein Bruder und ich. Meine Mutter hat mir das Bild gerade geschickt und ich war so überrascht, dass ich das Handy hab fallen lassen.“

Das klang in seinen Ohren nicht besonders überzeugend, aber die Frau schien entweder sehr leichtgläubig oder sehr rücksichtsvoll zu sein, auf jeden Fall reichte sie ihm nur das Handy entgegen und sagte noch einmal, wie süß sie das Bild fände. Sven nickte noch mal lächelnd und schaute auf das Display. Das konnte nicht sein, es konnte einfach nicht sein. Wie konnte dieses Bild auf diesem Handy sein? Niemand besaß diese Bilder außer ihm selbst und seiner Mutter. Er selbst hatte die Bilder in die hinterste Ecke seines Schranks verbannt und seine Mutter besaß nicht mal ein Smartphone, auf dem sie die Bilder hätte digitalisieren können. Und doch war das Bild hier. Ein Bild von Sven und seinem Bruder, da hatte er der Frau die Wahrheit gesagt. Und Sven wusste auch, von wann das Bild war. Max und er waren 11 Jahre alt gewesen, das Foto auf einer Grillparty entstanden, die seine Eltern zum Geburtstag ihrer Zwillinge veranstaltet hatten. Sven und Max strahlten in ihren gleichen Outfits in die Kamera und hatten sich die Arme um die Schultern gelegt. Glückliche Kinder. Zwei Tage später hatte es keinen Max mehr gegeben.

Sven wischte zur Seite, um das Foto nicht mehr sehen zu müssen. Doch es wurde nicht besser. Immer mehr Kinderfotos von Max und ihm. Eine glückliche Kindheit. Geburtstage, Freizeitparks, Familienfeiern. Sven stiegen die Tränen in die Augen. So lange hatte er die Gedanken an all das verdrängt, jetzt war es wieder da. Der Sommer. Der See. Max und er, wie sie zusammen tobten und Piraten spielten. Und dann die Schlingpflanzen. Die Schreie seines Bruders. Das Zappeln und Strampeln. Und dann die Stille. Die furchtbare Stille. Sven hatte versucht, seinem Bruder zu helfen, er hatte es wirklich versucht. Doch als er die Pflanzen auch an seinen Beinen gespürt hatte, war er geflüchtet. Aus dem Wasser und los zum Haus der Eltern. Schreiend war er durch den Wald gestürmt und hatte sobald er zuhause war seinen Vater mitgezerrt, der zunächst nicht verstanden hatte. Aber sie waren zu spät gekommen. Sein Vater war zwar sofort in Wasser gesprungen, als er seinen zweiten Sohn nicht sah, aber er kam zu spät. Er hatte noch nicht einmal Max‘ Leiche aus dem See ziehen können. Zu sehr hatte sie sich in den Schlingpflanzen verfangen und als es bis zum nächsten Tag die Polizei versucht hatte, war die Leiche nicht zu finden gewesen. Vermutlich weit in den See getrieben, der in der Mitte sehr tief war. Die Polizei hatte sogar Taucher eingesetzt, aber keinen Max gefunden. Das komme vor, hatten die Beamten gesagt. Wasser verschlucke vieles. Und so hatten sie einen leeren Sarg beerdigt.

Ab da hatte es keine glückliche Kindheit mehr gegeben. Auch wenn niemand Sven die Schuld gegeben hatte, er hatte es getan. Er hatte seinen Bruder, seinen Zwilling, seine zweite Hälfte nicht gerettet. Als seine Eltern merkten, dass es nicht besser, sondern schlimmer wurde, hatten sie ihn nicht zu einem Psychologen gebracht, so etwas tat man damals noch nicht. Stattdessen hatten sie so getan, als habe es Max nie gegeben. Und irgendwann hatte Sven es akzeptiert. Er hatte die Erinnerungen an seinen Bruder weit fortgeschoben, solange, bis er fast selbst geglaubt hatte, nie einen gehabt zu haben. Und nachdem sein Vater früh an Krebs gestorben war, hatte seine Mutter wirklich die Reißleine gezogen und nie wieder ein Wort über Max verloren. Ihrer Meinung nach hatte sein Tod ihr auch den Mann genommen.

 

Und jetzt diese Fotos. Wie konnte das sein? Wem konnte dieses Handy gehören, dass er Kinderfotos von ihnen darauf gespeichert hatte? Doch all diese Gedanken traten in den Hintergrund, als Sven auf das scheinbar letzte Bild der Galerie drückte. Es war, als schaute er in den Spiegel. Und doch waren da die Unterschiede, die es schon immer gegeben hatte. Die grünen Sprenkel in den braunen Augen. Die schmaleren Augenbrauen. Und das kleine Muttermal unter dem rechten Mundwinkel. Die einzigen Merkmale, an denen ihre Mutter sie hatte unterscheiden können. Die Portraitaufnahme, aus der ihn der Mann verschmitzt anlächelte, war nicht von ihm. Das war nicht er, auch wenn jeder Betrachter, der ihn nicht gut kannte, hätte denken können, das Foto sei gestern erst von ihm aufgenommen worden. Aber das auf dem Foto war nicht er. Es war Max. Es konnte nicht sein, denn Max war tot, aber er war es. Das war ein Bild eines erwachsenen Max, eines Max den es nicht gab.

Von weit her hörte er die Durchsage, dass sie gleich die Haltestelle Frankenplatz erreichen würden. Das war eine Station vor seinem Ziel, aber Sven konnte sich nicht vorstellen, nach allem was er in den letzten gerade mal 15 Minuten erlebt hatte, zur Arbeit zu gehen. Auch dass er sich auf den Abend mit Bens Geschichten aus Neuseeland gefreut hatte kam ihm unendlich weit weg vor. Was sollte er jetzt tun? Sein ganzes Leben war in den letzten Minuten auf den Kopf gestellt worden. Er hatte nicht nur Dinge gesehen, die er sein Leben lang verdrängt hatte, sondern auch etwas, das unmöglich war. Max konnte nicht mehr leben. Es war nicht möglich. Ja, es hatte keine Leiche gegeben. Aber er hatte Max im See versinken sehen und die Polizei hatte das für nicht unwahrscheinlich gehalten. Er konnte nicht mehr am Leben sein. Aber was, wenn doch? Wie konnte das sein? Und warum war Max nicht nach Hause gekommen? Warum hatte er sich nie zu Erkennen gegeben? Seine Familie wäre so glücklich gewesen, alles wäre wieder gut geworden. Warum hatte er ihnen diesen Schmerz zugefügt, wenn es doch nicht hätte sein müssen. Sven versank in seinen Gedanken, in Fragen des was wäre, wenn und bemerkte das leise Pling-Geräusch zunächst nicht. Nur langsam schaffte er es aus dem eigenen Kopf zurück und sah, dass das Display des Handys ausgegangen war, aber eine kleine LED leuchtete. Eine eingegangene Nachricht. Vielleicht die Lösung? Würde er jetzt erfahren, was das alles zu bedeuten hatte? Schnell entsperrte er das Display und klickte auf WhatsApp, wo ihm die neue Nachricht angezeigt wurde. Es war kein Kontakt eingespeichert, nur eine lange Nummer ohne Bild wurde ihm angezeigt. Und die Nachricht. Nur fünf kurze Worte, aber diese brachten Svens Welt noch mehr zur Erschütterung „Na, wie geht’s, Käpt’n Holzbein?“

Käpt’n Holzbein. Das war sein Piratenname gewesen. Er war Käpt’n Holzbein gewesen und Max Käpt’n Schwarzbart. So hatten sie immer gespielt, auch an jenem verhängnisvollen Tag. Und niemand anderes hatte diese Namen gekannt. Nicht die Eltern, nicht die Freunde. Niemand. Das war Max und sein Geheimnis gewesen. Ihre Welt. Woher kannte der Absender der Nummer diesen Namen? Das konnte nicht sein. Wie oft hatte er das in den letzten Minuten gedacht? Öfter als zuvor in seinem gesamten Leben vermutlich. Denn normalerweise konnte er sich ziemlich viel vorstellen. Während er noch auf die kurze Nachricht starrte, bemerkte er, dass er inzwischen nicht nur tatsächlich seine Station verpasst hatte, sondern die unbekannte Nummer auch wieder tippte. Sekunden später kam eine neue Nachricht: „Du glaubst es immer noch nicht? Sieh selbst, was passiert ist, als du einfach abgehauen bist.“ Es folgte direkt ein Video, auf das Sven mit zitternden Fingern drückte. Er wusste natürlich, auf welche Situation angespielt wurde, schließlich war er nur einmal in seinem Leben in einer wirklich wichtigen Situation weggelaufen. Das Video lud furchtbar langsam, was vermutlich an der Tatsache lag, dass er in einer U-Bahn saß. Als es schließlich fertig geladen war, sah Sven, dass es etwa eine Minute lang war. Ohne noch länger zu warten, drückte er auf Play. Er sah den See und gerade noch sich selbst in den Wald laufen. Ein, zwei Sekunden Pause, dann kam Max im See noch mal nach oben. Zwei Sekunden, die Sven länger hätte bleiben müssen. Quasi im gleichen Moment sah er eine Gestalt auf den See huschen, sie kam von dort, von wo auch die kräuseligen Aufnahmen gemacht wurde, sprang ins Wasser und schaffte, was Sven nicht gelungen war. Die Person befreite Max. Und brachte ihn an Land. In der letzten Einstellung stand sie nah an der Kamera. Der bewusstlose Max hing in den Armen einer Person die Sven kannte. Robinson. Ein Landstreicher, wie ihre Eltern ihn immer genannt hatten. Ein Verrückter, der in der Gegend keinen guten Ruf hatte. Er hatte oft Aufnahmen von den Vögeln am See gemacht. Daher war es wohl auch seine Kamera gewesen. Er hatte Max gerettet? Wie konnte das sein? Und warum war Max dann nie nach Hause gekommen? Warum hatte Robinson nichts gesagt? Sein Kopf schwirrte, aber dennoch tippte er nun selbst in das Handy. „Max? Bist du das? Wie kann das sein?“ Die Sekunden, bis eine Antwort kam, zogen sich ewig.

„Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass mein eigener Bruder, mein Zwilling, mich nicht nur nicht gerettet hat, sondern mich danach komplett vergessen hat?“

Sven schluckte. Er fühlte sich zugleich furchtbar und ertappt. Natürlich hatte er Max nicht vergessen, aber doch versucht, jede Erinnerung an ihn zu verdrängen. Er brauchte ein paar Sekunden, was die andere Person, die wohl so unglaublich es auch war, tatsächlich Max war, dazu veranlasste, eine weitere Nachricht zu schicken, die eine ganz neue Dimension des Schreckens eröffnete.

„Robinson hat mich gerettet. Er war wie so oft am See und hat die Vögel gefilmt und alles gesehen. Erst dachte er, du würdest mich retten und wollte nicht eingreifen. Aber als du einfach weggelaufen bist, hat er mich gerettet. Er war verwirrt, besorgt, hatte Angst und ich war lange bewusstlos. Mehr als einen Tag. Er wollte mich nicht ins Krankenhaus bringen und als er einmal bei unseren Eltern war, haben die ihn nicht mal angehört. Sie haben ihn weggejagt. Irgendwann bin ich aufgewacht, auch wenn es knapp war. Robinson hat mich weiter gepflegt. Und als es mir etwas besser ging, bin ich nach Hause gegangen. Ich habe mich so gefreut, wieder zu euch zu kommen, hab mir ausgemalt, wie ihr euch freuen würdet. Aber was höre ich, als ich vor dem Tor zum Garten stehe? Unsere Eltern, die sagen, es wäre gut, dass ich weg bin. Man solle mich vergessen. Sven habe es schwer genug. Es habe nie einen Max gegeben. Und dann habe ich dich gesehen, wie du zu ihnen gegangen bist, sie haben dich umarmt, geküsst und dir gesagt, wie lieb sie dich haben. Und dass du nicht mehr an Max denken sollst. Er wäre weg, es hätte ihn nie gegeben. Und du hast genickt und gesagt, dass du jetzt wieder glücklich werden könntest.“

Noch einmal ließ Sven das Handy fast fallen. Zum Überfluss traten ihm jetzt auch noch Tränen in die Augen. Die Frau ihm gegenüber war zum Glück schon ausgestiegen, sonst hätte sie bestimmt wieder gefragt, ob alles gut war, da Sven nun auch noch schluchzte. Das war es? Ein unfassbares, dummes Missverständnis? Max war im falschesten aller Momente nach Hause gekommen und hatte das Gespräch seiner Eltern mitgehört, mit dem sie Sven schützen wollten, und hatte es völlig verkehrt aufgenommen. Natürlich war es nie darum gegangen, dass sie ohne Max glücklicher waren, sondern nur, dass sie Sven retten wollten. Vielleicht musste er das einfach nur erklären. Aber bevor er das tun konnte, kam schon die nächste Nachricht.

„Und bevor du jetzt sagst, ich hätte das doch alles falsch verstanden: Ich habe euch länger beobachtet. Ich bin bei Robinson geblieben, aber immer wieder zu euch gekommen. Und ihr wurdet immer glücklicher. Keiner von euch hat je an mich gedacht und Robinson hat mir erzählt, dass du deinen neuen Freunden auf dem Gymnasium gesagt hast, du wärst ein Einzelkind. Ihr wolltet mich nicht, wolltet mich nie und wart froh, dass ich tot war. Wenn ihr nicht sogar dafür gesorgt habt. Du wolltest doch, dass wir auch an dieser Stelle im See spielen!“

Jetzt musste Sven antworten. Er schrieb und schrieb.
„Das stimmt nicht Max. Dein Verlust hat mich wahnsinnig gemacht. Ich habe mir die Schuld gegeben und war so traurig. Unsere Eltern hatten Angst, mich auch noch zu verlieren. Deshalb haben sie das gesagt und gemacht. Wenn du an dem Tag einfach zu uns gekommen wärst, wir wären so froh gewesen, das kannst du dir nicht vorstellen. Und ich bin es auch jetzt. Du lebst! Du weißt nicht, wie wundervoll das für mich ist. Und für Mama sein wird. Nach all der Zeit werden wir wieder eine Familie sein.“

Max‘ Antwort kam schnell und es waren einige Fehler drin. Anscheinend war er sehr aufgebracht.

„Ja klar, das soll ihn dir glauben! Ich bin bei Robinson geblieben und er hat mir gezeigt wie die Menschenen wirklich sind. Falsch, gemein, egoistische. Unsere Eltern waren froh, nur noch den Musterschüler zu haben und du musstestst ihre Liebe nicht mehr teilen. Es war für alle eine tolle Situation…außer für mich!“

Sven tippte seine Antwort und merkte, wie auch er weniger auf seine Rechtschreibung und Grammatik achtete.

„Nein! du kannst doch Robinson nicht glauben, der erzählt nur Quatsch. Erinnerst du doch nicht wie wir uns immer über ihn lustig gemacht haben. Du bist meein Bruder, ich bon dein Bruder, wem willst du mehr glauben?“

Er zitterte. Wie konnte das nur sein? In der letzten halben Stunde hatte er erfahren, dass sein Bruder noch lebte, aber statt dass er darüber glücklich sein durfte, weil er Max wiederbekommen würde, musste er diesem klarmachen, dass er ihn noch immer vermisste, dass sie ihn liebten, weil Max einem Landstreicher glaubte. Und auch die nächste Antwort machte es nicht besser.

„Robinson hat mich aufgezogen. Er war immer für mich da und hat mir alles beigebracht. Nur wegen ihm lebe ich noch. Er hat mich gerettet. Nicht so wie meine Familie.“

„Aber ich wollte dich retten“, antwortete Sven. „Ich und Papa…und wir waren alle so traurig. Max, das kann nicht dein Ernst sein, bitte lass uns reden!“

Es kam keine Antwort auf diese Nachricht. Sven wartete und wartete. Die Sekunden, die dann sogar vielleicht zu zwei Minuten wurden, kamen ihm endlos vor. Nichts. Keine Antwort. Er schickte noch zwei Nachrichten, aber wieder keine Antwort. Dann endlich fiel ihm ein, dass er noch eine Möglichkeit hatte. Er hatte ja die Nummer. Er musste nicht schreiben. Er konnte anrufen und Max‘ Stimme hören. Mit weiterhin zitternden Fingern wählte er die Nummer. Es tutete. Und tutete. Und tutete. Nichts. Nicht mal eine Mailbox. Es hörte einfach auf zu tuten. Fast weinend vor Enttäuschung ließ sich Sven im Sitz zurücksinken. Was war los? Warum tat Max das? Warum antwortete er ihm erst, und dann nicht mehr? Was sollte das?

Er blickte durch den U-Bahn-Wagen. Nur noch wenige Fahrgäste. Auf der Anzeige sah er, dass es nur noch zwei Stationen bis zur Endstation, dem Hauptbahnhof waren. Vertieft in seine Gedanken hätte er das leise Pling wieder fast überhört. Sofort hatte er das Handy entsperrt und las die Nachricht. Nur ein paar Worte, aber sofort wurde ihm leichter ums Herz.

„Okay, du willst reden? Dann lass uns reden. Steig am Bahnhof aus und geh zum gegenüberliegenden Gleis. Ich warte da. Wie ich aussehe weißt du ja wohl noch, oder?“

Sven fragte sich nicht, warum Max wusste, dass er in der U-Bahn saß. Oder warum er überhaupt am Bahnhof war. Alles war egal. Er würde Max sehen, er würde mit ihm reden können. Ihn überzeugen, dass das alles ein Missverständnis war. Und dann würde alles wieder gut werden. Ungeduldig rutschte er auf seinem Sitz hin und her. Wie sollte er Max gegenübertreten? Er würde weinen müssen, da war er sich sicher. Aber vielleicht würde das Max ja überzeugen können. Endlich fuhren sie in den Bahnhof ein. Sven sprang auf und eilte zur Tür. Er hastete auf den dicht gedrängten Bahnsteig und drängelte sich auf die andere Seite durch. Dort standen die Personen ebenfalls dicht gedrängt, weil gleich eine Bahn einfahren würde. Sven sah sich um – und entdeckte ihn. Max stand ganz am Anfang des Bahnsteigs und sah aus wie auf dem Foto. Es war, als würde er in einen Spiegel schauen. Einen Spiegel, den er so lange nicht mehr gesehen hatte. Endlich stand er vor ihm. Sah Max wieder in die Augen. Nach 16 Jahren. Er wollte etwas sagen, konnte es aber nicht. Jemand rempelte ihn leicht an, weshalb seine Tasche auf den Boden fiel, was ihm aber egal war, auch wenn dort all seine Sachen, Geldbeutel, sein eigenes Handy und Unterlagen drin waren. Er hatte nur Augen für Max. Der begann zu lächeln und Sven lächelte erleichtert zurück. Doch dann verzog sich Max‘ Lächeln immer mehr, entstellte sein Gesicht und verzog sich zu einem fiesen Grinsen. Sven hörte das Geräusch der einfahrenden U-Bahn und spürte wieder, wie er angerempelt wurde. Er taumelte Richtung Bahnsteigkante und blickte zur Seite – in Robinsons Gesicht. Noch einmal schaute er zu Max und sah die grenzenlose Bosheit und Genugtuung in seinem Blick, dann fiel er und sah nur noch die Lichter der U-Bahn. Dann nichts mehr.

 

Max hörte die Aufregung der Menschen um sich herum und sah wie sie zur Bahnsteigkante eilten. Robinson war zum Glück schon unauffällig verschwunden, darin war er gut. Wenn alles lief wie geplant, würde nicht auffallen, dass Sven nicht selbst gesprungen war. Max griff zur Tasche seines Zwillings und hängte sie sich über die Schulter. Dann nahm er das Handy aus der Tasche und entsperrte es mit dem Code, den er schon vor längerer Zeit ausspioniert hatte. Er wählte WhatsApp und schrieb Ben, dass er sich sehr auf die Erzählungen aus Neuseeland freute. Dann wählte er die Nummer von Svens Chef und wartete. Als dieser sich meldete, sagte er mit einer perfekten Imitation der Stimme seines Bruders: „Hallo, Sven Andersen hier. Entschuldigen Sie bitte, Herr Müninger, meine U-Bahn wurde wegen eines Personenschadens angehalten, aber ich werde mich bemühen, so schnell wie möglich ins Büro zu kommen.“ Nach ein paar höflichen Floskeln legte er auf und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Oben auf der Treppe drehte er sich noch mal um und murmelte: „Na, Sven, wer von uns ist jetzt der tote Zwilling?“

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