Pat88Springer

5+

#WIRSCHREIBENZUHAUSE

nach einer Idee
von Sebastian Fitzek

Kurzgeschichte

Springer

zur Corona Pandemie
in Deutschland, April 2020

von Patrick Lexen
aus Langenhagen, bei Hannover
Prolog
Alles war vorbereitet.
Nichts würde mehr sein wie vorher.
Die Tasche mit den Utensilien war gepackt, sämtliches Werkzeug darin verstaut.
Er würde sich wünschen, dass nie auch nur in Betracht gezogen zu haben.
Die Kleidung war zum sorgfältig ausführenden und lange detailgetreuen Plan ausgesucht.
Es fehlte nur noch ein Gegenstand zur Vollendung.
Kurzer Check.
Schlüsselbund, Brieftasche, Erinnerungsfoto, das Cutter Messer, die Pistole, ein Glas mit einer auffallenden Flüssigkeit und der Abschiedsbrief.
Die Person trat aus der Haustür der dicht besiedelten Straße. Die Treppenstufen wogen schwer.
War es doch wahrscheinlich das letzte Mal sich an dem neu konstruierten Treppengeländer, entlang der Zufahrt der netten Nachbarschaft, festzuhalten und die Absätze herunterzugleiten.
Das letzte Mal.
Herr Fitzek, ein 80jähriger Rentner der einen kleinen Garten und die Wohnung nebenan bewohnte, wollte sich gerade auf sein Fahrrad schwingen. Im Korb auf dem Gepäckträger lag ein dicker Wälzer zum Schmökern.
„So früh schon auf, mein Gott“, betonte er lautstark zur Begrüßung.
„Hab noch was zu erledigen, schönen Tag noch!“
Oder besser gesagt leben Sie wohl.
Er fuhr frohen Mutes weg und würde eventuell später eine Aussage zu Protokoll geben.
Wäre eh zu spät, lachte die Stimme im Inneren.
Heimlich und triumphierend.
Am Zaun entlang und zur letzten Etappe. Das Ziel rückte immer näher und würde bald in Reichweite erscheinen.
Der letzte Gang führte zu einem Elektronikgeschäft gleich um die Ecke.

Mist, dachte Ben.
Die Tanknadel seines VW Polos war in den roten bedrohlichen Bereich gewandert. Gut das es in der niedersächsischen Innenstadt von Hannover genug Benzin-Angebote gab.
Er durfte zu dem Jahrestag von Elisabeth und ihm nicht zu spät erscheinen.
Alles war durchgeplant.
Das Restaurant, der hübsche Blumenstrauß und danach noch einen Spaziergang zum Maschpark am neuen Rathaus der Landeshauptstadt. Im Dunkeln war dies ein wunderbarer und romantischer Ort.
Ein Jahr war es wirklich schon her, seit er sie zum ersten Mal getroffen hatte. Dabei dachte Ben nicht daran, dass jemand wie er eine zweite Chance verdient hatte. Nachdem was letztes Jahr geschehen war.
Die Hupe eines Autos ließ ihn zusammenzucken.
„Nun fahr schon vor, ich hab es eilig“, schrie eine rauchige Männerstimme.
Ben erwachte aus seiner Trance.
Da es Sommer war und schon recht spät, musste der aus dem offenen Fenster brüllende Mann wohl gereizt oder von Grund auf einen hitzigen Charakter besitzen. Der Mann besaß ein auffallendes Doppelkinn.
Er schaute kurz in den Rückspiegel und fuhr an die Tanksäule heran. Während der Zapfrüssel in den Tankdeckel glitt, schaute Ben auf seine Armbanduhr. Halb acht stand auf seiner mit braunen Leder umrandeten Fossiluhr, die er damals von seinen Eltern zum dreizigsten Geburtstag erhalten hatte.
Jetzt aber schnell, ermahnte er sich.
Die Fahrt zu Elisabeths Wohnung würde auch nochmal fünfzehn Minuten in Anspruch nehmen.
Der Tisch für das gemeinsame Dinner war schon seit Wochen auf Samstag um halb neun reserviert.
Während der Sprit sich in dem vierzig Liter Tank ausbreitete, riskierte Ben einen Rundumblick auf das Gelände der Tankstelle. Sie sah von außen sehr alt aus. Die Preistafel setzte schon grüne Stellen an und die zu verkaufenden Gebrauchtwagen waren auch schon in die Jahre gekommen. Das Einzige was bemerkenswert aussah war die hochmodernisierte Waschanlage.
Außer dem wütend blickenden Doppelkinn von vorhin stand nur ein Fahrrad vor dem Eingang. Sonst war alles leergefegt.
Die meisten Deutschen waren wohl zu dieser Jahreszeit im Urlaub, schließlich waren Sommerferien. Ben kannte die Ferientermine nur zu gut, Elisabeth bekleidete einen Lehrerposten für eine Grundschule.
Der Tank war voll und nichts stand dem romantischen Dinner im Wege. Als Ben den nichtabgeschlossen Polo auf dem Weg zur Kasse aufsuchte, entschuldigte er sich nochmal bei Doppelkinn. Der antwortete aber nicht da er zu sehr mit seinem Smartphone in der Hand beschäftigt war.
Er wollte gerade eintreten, da stürmte eine zierliche Frau aus dem Eingangsbereich. Sie hatte nicht auf ihn geachtet und drehte sich auch nicht sozialistisch um als er ihr die Tür aufhielt. Die Frau schlenderte zum abgestellten Fahrrad. Sie hatte irgendetwas unter dem Arm geklemmt und hatte nun nur eine funktionierende Hand am Lenker. Sie entschloss sich daher den Drahtesel zu schieben und ging schließlich Richtung dem nahegelegenen Elektronikgeschäft.
Ben trat in die Tankstelle ein.
Sofort fiel ihm die Tageszeitung auf. In der Hauptschlagzeile wurde wieder einmal eine erfolgreiche Razzia im Drogenmilieu durchgeführt. Ein Interview mit dem leitenden Ermittler war im Innenteil der Zeitung angepriesen.
Das war schon die zweite Razzia diese Woche. Ben schnaufte kurz.
An der Kasse erwartete ihn eine junge Frau mit Zahnpasta Lächeln, Ohrenpiercing, blau gefärbten Haaren und einem Tankstellenhemd, das ihr etwa eine Nummer zu groß erschien. Aushilfskraft, kam ihm sofort in den Sinn.
„Einmal die 2 bitte“, sagte Ben.
„Das macht 56,80 €. Zahlen Sie mit Karte oder Bar?“, erwiderte die Kassiererin.
„Ich zahle mit Karte.“
„Tut mir Leid, unser Kartengerät ist leider defekt. Morgen wird es repariert.“
Auch das noch. Hätte sie das eben nicht schon vorher sagen können. Na ja, er holte die passenden Geldscheine heraus. Das kostete Zeit. Verlorene Zeit, die er rasch aufholen musste.
Ben bezahlte den Betrag von Zapfsäule 2 und steckte die Brieftasche wieder in seine Hosentasche.
„Schönen Abend noch!“
„Danke, die Nachschicht hat gerade erst angefangen. Wird schon schief gehen.“
Ben ging zu seinem Auto zurück und war frohen Mutes nun endlich zu seiner Angebeteten zu fahren.
Sie würde sich über die 3 Gänge, den ausgeschenkten Rotwein und die roten Rosen, die er extra in dem Geschäft bei sich um die Ecke ausgesucht und gekauft hatte, sehr freuen.
Die Vergangenheit ruhen lassen und nach vorne blicken.
Für jeden Menschen gab es eine zweite Chance, warum nicht auch für ihn.
Okay, der neue Job war nicht so anspruchsvoll, er beinhaltete keine Wochenendschichten und die große Verantwortung war auch nicht mehr vorhanden.
Die Normalität war langsam in sein Leben zurückgekehrt.
Zu den monatlichen Sitzungen ging er aber trotzdem noch.
Schwamm drüber.
Positiv denken, kurz ein- und ausatmen.
Schnellen Schrittes zum abgestellten Polo.
Er startete den Motor, verließ die Tankstelle und blickte nicht zurück.
Dieses Leben und damit seine Vergangenheit lagen hinter ihm.
Ben rechnete nicht damit was ihn heute Abend noch alles erwartete und was für eine Konfrontation er gegenüber stehen sollte.
Er wunderte sich auch nicht mehr warum Doppelkinn nicht mehr an der hinteren Säule stand, obwohl dieser nach ihm eingetrudelt war.
Ebenfalls nicht warum das zierliche Mädchen noch kurz vor Feierabend im Elektronikgeschäft verschwand.
Auch das nervöse Telefonieren der Kassiererin nach seinem Bezahlvorgang blieb seinen Augen verwehrt. Ihre Augen dagegen schauten seinem Auto so lange hinter her, bis der Polo sich aus ihrem Sichtfeld entfernte.
Und was während seiner Abwesenheit in seinem leeren Automobil geschehen war.

Als der Polo in einer der wohlhabendsten Straßen der Gegenden von Hannover einbog, dachte Ben über das letzte Jahr nach. Hier hatte er Elisabeth das erste Mal abgesetzt. Nach dem Kinobesuch.
Damals mit seinen lockigen blonden Haaren, dem Sakko und der durchlöcherten Jeans wollte ihm nicht einfallen warum sich Elisabeth weiter mit im verabredete.
Der Charakter zählt, nicht das Aussehen.
Sie trafen sich zum ersten Mal bei seinem beruflichen Einsatz als Undercover Spezialist für Drogendelikte der Polizei Hannovers.
Nein, er war damals kein Polizist.
Eher ein Späher, der tatverdächtige Personen ausfindig machte und das Vertrauen jener gewinnen musste um später gemeinsam mit den Gesetzeshütern zuzuschlagen. Aussagen vor Gerichten, um nicht seine Tarnung auffliegen zu lassen, gehörten nicht dazu. Das wurde schriftlich geregelt.
Plötzlich klingelte sein Smartphone.
> Eingehender Anruf von Eli <, stand auf seinem Bildschirm. Bevor er heran gehen wollte, sah er eine auffallende Blondine in einem engen, roten Sommerkleid. Er hielt am Straßenrand an. „Guten Abend junge Dame, darf ich Ihnen sagen das Sie heute bezaubernd aussehen!“ „ Hi Ben, sorry. Ich war etwas nervös.“ „Nervös? Wieso das?“, fragte Ben. „Du hast dich heute nicht gemeldet, da dachte ich du hättest unserer Treffen vergessen.“ Sie hatte wieder diesen fragenden Blick aufgesetzt, der ihre Stirn zusammen ziehen ließ. Eine äußerliche Eigenschaft die Ben sehr genoss. „Ich habe unseren Jahrestag nicht vergessen. Keine Angst.“ „Du hast dich ja echt in Schale geworfen!“ „Na, hör mal. Du bist mich wichtig und ich freue mich auf den heutigen Abend.“ Ben gab ihr, als sie auf der Beifahrerseite einstieg, einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Elisabeth sah einfach bezaubernd aus. Das feingekämmte Haar, ihre wasserblauen Augen und die Sommersprossen passten wunderbar zusammen. Diese Kombination hatte es in sich. Sie hatte sogar seine Halskette, die er ihr an Weihnachten geschenkt hatte, um. Die schnittige schwarze Brille hob ihr kindliches Gesicht noch etwas hervor. „Wo geht es eigentlich…“, brach sie ab und zuckte zusammen. „Was hast du?“, fragte Ben. Er hatte den Motor noch nicht wieder angelassen. Elisabeth griff unter ihren Po und kramte ein Smartphone hervor. Hä, dachte er. Wo zum Geiger kam dieses Mobilfunkgerät her. Seines war auf der Ablage des Armaturenbrettes. Komisch, es war dasselbe iPhone 8 wie seins. Das erkannte er sofort. „Ist das deins?“, fragte sie verwundert. „Nein, das ist seltsam. Mir wäre das doch aufgefallen, wenn es da länger gelegen hätte.“ „Hat es vielleicht ein Freund oder etwa deine heimliche Geliebte hier verloren?“ Vorwurfsvolle Blicke in seine Richtung. „Gib mal bitte her. Ich schau mal nach.“ Elisabeth gab ihm das goldumrandete Smartphone. Er drückte auf dem Home Button. Der Bildschirm erwachte zum Leben. Es war nicht verschlüsselt, hatte noch 84% Akku. Nein, das gehörte ihm nicht. „Wir sollten es sofort zur nächsten Polizeiwache bringen.“ Seine immer noch verinnerlichte Korrektheit als verdeckter Spezialist pulsierte in seinen Adern. Sämtliche Fragen zur Herkunft des Gerätes und die Abläufe der letzten Tage ging er im Geiste durch, bzw. schwirrten in seinem ausgeprägten Gehirn herum. Ungereimtheiten zu lösen war vielleicht damals sein Hauptberuf, jetzt nicht mehr. Das Mobilfunkgerät sollte trotzdem zu einer Dienststelle, dachte er sich. Aber was wird dann aus dem langersehnten Abendessen, überlegte Ben. Aussagen und einen Bericht abgeben. Standard Prozedur. Beide würden zu spät zum gemeinsamen Abendessen kommen. „Was machen wir jetzt?“, holte Elisabeth Ben aus seiner Grübelei. Ein innerer Kampf wütet in ihm. Er gab sich einen Ruck. „Auf geht es zum Restaurant“, und startete den Vierzylinder Motor ein drittes Mal an diesem späten Juliabend. Das Smartphone auf die Rücksitzbank geworfen, in der Entschlossenheit den kleinen technischen Gegenstand am nächsten Tag abzugeben, wollte er gerade den Autoschlüssel mit dem geflechteten Scoubidou Anhänger herumdrehen. Ein weiteres Mal wurde Ben eines besseren belehrt, als seine Freundin sich vor Antritt zu Wort meldete. „Bist du sicher, dass das so richtig ist? Dein alter Ego hätte nicht so reagiert.“ Ben wollte kein Streit auslösen, daher erklärte er ihr ruhig und sachlich seinen Plan für morgen. „Oh nein! Jetzt hab ich doch meinen Lippenstift vergessen. Ich muss nochmal schnell hoch.“ „Kein Problem. Ich fahre schnell in die Parklücke da vorne. Stehe ja sonst zu auffällig in zweiter Reihe.“ Da Elisabeth im zweiten Obergeschoss wohnte, würde es wohl etwas länger dauern. Die Zeit der Reservierungsfrist arbeitete gegen ihn. Ben drehte das Radio etwas lauter. Huey Lewis and the News mit Power of Love dröhnte durch die Lautsprecher. Passend zum Abend und seiner Gefühlslage. Da vernahm er ein sich wiederholendes Vibrieren. Er schaute auf sein Display welches keine Push Mitteilungen oder WhatsApp Nachrichten anzeigte. Elisabeth hatte ihrs bestimmt in ihrer kleinen schwarzen Louis Vuitton Tasche mit in die beschauliche fünfundsiebzig Quadratmeter große Wohnung genommen. Das bedeutete, dass es nur das gefundene Smartphone auf der Rückbank sein konnte. Ben holte es rasch hervor. Das Display zeigte ein gesendetes Bild. Momentmal. Mit weitaufgerissenen Augen konnte er seinen Blick nicht mehr davon abwenden. Das kann nicht sein, das ist unmöglich. Woher stammt das, fragte sich Ben. Er schaute instinktiv rechts, dann links und wieder nach rechts. Das Bild entstand vor einem Jahr, das wusste Ben auf jeden Fall. Die Augen reibend, begutachtete er das Display. Er schaute auf ein Bild das so in seiner Form und in dem Blickwinkel unmöglich gewollt geschossen hätte können. Außer es wurde heimlich für die Nachwelt hinterlegt. Auf dem gerade gesendeten Bild waren er und zwei ihm unbekannte Personen zusehen. Es wurde auf einem Kinderspielplatz fotografiert. Dies erkannte Ben an dem vielen Sand, der großen Rutsche und den zwei Schaukeln mit Eisenketten im Hintergrund. Aber nicht der Schauplatz jagte ihm einen Schrecken ein, sondern das auffällige Merkmal der einen Person. Beide trugen Mützen. Trotzdem ließ sich das Tattoo eines Springers, die Form eines Pferdes auf einem Schachbrett, an der rechten Hand deutlich erkennen. Das gleiche Tattoo an derselben Stelle beim missglückten Deal vor einem Jahr. Der Mann kam mit einer lebensgefährlichen Schussverletzung ums Leben. Die Umrisse der zweiten Person waren aus der Ferne nur von der Seite sichtbar. Plötzlich glitt die Beifahrertür auf. Elisabeth, leicht außer Atem, war wieder zurück. „Wir können los. Ich hab schon richtig Hunger. Außer zwei Toasts und einem Apfel war heute nicht viel Zeit zum Essen.“ Ben schaute immer noch auf den fremden Bildschirm. „Hallo. Erde an Ben.“ „Oh ja, natürlich!“ Sie dachte bestimmt, dass es sich um sein Smartphone handelte und er nur seine Nachrichten oder Mails checkte. Er verstaute es in seine Hosentasche. Völlig durch den Wind fuhr er mit ihr los. Nach erfolgreichen Grünphasen in der Innenstadt waren sie zehn Minuten zu spät, aber endlich am Ziel. Während der Fahrt hatte Ben keine fünf Worte mit mir gewechselt, dachte Elisabeth. Daher hatte sie das Reden übernommen. Sie berichtete von ihrer harten Woche, dem gemeinsamen Mädels Abend und dem Treffen mit ihrer Mutter. Er hörte nur zu und nickte an bestimmten Stellen. Das Smartphone vibrierte schon wieder, diesmal merklich in seiner Hosentasche. Noch ein Bild? Noch ein weiterer Beweis der schlimmen Tat, dachte er sich. „Ich suche schon mal einen Parkplatz. Steig doch bitte schon mal aus Liebling.“ „Gut, bis gleich.“ Als Ben zügig einparkten wollte und es vor Nervosität nicht mehr aushielt, nahm er das gefundene iPhone in seine Hand. Noch angeschnallt, fand er diesmal eine Nachricht auf dem iPhone. > Na, kannst du dich noch an den Tag erinnern? Der Tag an dem du mir meinen geliebten Menschen genommen hast. < Als Absender stand dort diesmal Deathangel88. Diese Nachricht, mit dem Foto vermischt, ließ Ben erschaudern und er bereute es jetzt schon das Smartphone nicht auf dem Polizeirevier abgegeben zu haben. Sein Versuch den Mann zurück ins Leben zu holen hatten nichts gebracht. Die zweite Person auf dem Foto war rechtzeitig geflüchtet, konnte weder identifiziert werden noch hatte Sie oder Er sich auf einer Polizeiwache gemeldet. Wieso auch, bei einem missglückten Deal. Es gab nur eine logische Schlussfolgerung, wie dieses Smartphone den Weg in seine Hände gefunden hatte. Jemand musste es auf der Tankstelle, während er an der Kasse bezahlte, in das nicht abgeschlossene Auto gelegt haben. Wer auch immer hatte es auf IHN speziell abgesehen. Es konnte sich nur um die zweite Person auf dem Foto handeln. Der Springer, Ben wollte einfach nicht mehr sein Name einfallen, war von ihm aus Notwehr angeschossen worden. Zuvor hatte dieser eine verdächtige Handbewegung in Richtung Tasche getätigt. Was für eine Rachefeld Schachpartie sollte das bitte sein, fragte er sich insgeheim. War er nur ein überflüssiger Bauer, der rechtzeitig entfernt wurde? Fakt war, dass die zweite Person die Verbindung und damit die Schlüsselfigur zur Lösung sein musste. Das iPhone vibrierte. > Genieß dein letztes Mahl. < Ben stieg aus dem Wagen. Mit zwei Smartphones in den Taschen riss der schockierte Zweiunddreißigjährige die Hintertür auf. Sein Sakko hatte er auf der Rückbank platziert. Schnell handeln war jetzt die Devise. Die letzte Nachricht bedeutete, dass die Person seinen Aufenthaltsort zu kennen schien. Elisabeth in Sicherheit bringen. Das Restaurant war beistimmt ein guter Zufluchtsort. Doch auf dem Parkplatz war außer ihm keine Menschenseele. Er schaute ein zweites Mal ins Innere seines Autos. Der schöne Blumenstrauß in der Vase, den er auf die Rückbank des Polos gestellt hatte, war umgefallen und die Flüssigkeit lief heraus. Die scharfe Rechtskurve auf den Parkplatz war wohl doch zu gewagt gewesen. Seltsamerweise war die Vase aber nicht mit Wasser gefüllt sondern mit einer roten Flüssigkeit. Das war doch nicht etwa das was er dachte. Rote Rosen in Blut getränkt. Eine Vibration in seiner Hosentasche. > Geh jetzt zum Handschuhfach auf der Beifahrerseite, mach sie auf und nimm den Gegenstand heraus. Wenn nicht, ist deine Freundin um einen Ringfinger ärmer. < Soll ich jetzt wie ein braver Gefolgsmann jeden Befehle ausführen, oder was stellte sich diese Peron vor. Kurz darauf trudelte ein weiteres Bild ein. Ben öffnete es. Ein Cutter Messer, eine klar erkennbare weibliche Hand mit lackierten Fingernägeln und ein schlichter Ring vollendeten die grauenvolle Aufnahme. Den Ring kannte er nur zu gut. Es handelte sich schließlich um den Lieblingsring von Elisabeth. > Hab ich jetzt deine Aufmerksamkeit? Gruß Deathangel88 < Ben folgte der Aufforderung und begab sich zur Beifahrerseite der Polos. > Hol jetzt den Gegenstand heraus, sonst verklickere ich den Bullen das in deinem verschissenen Kleinwagen überall Körperteile versteckt sind. < Na toll, psychopatische Spielchen. Leider kannte er sich auf diesem Fachgebiet nicht aus, um die Lage in solch einer Situation besser zu beurteilen. Planlos was er jetzt machen sollte, glitt seine Hand unter den Griff der Tür. Er machte das Handschuhfach auf und blickte auf eine Winchester Modell 11 Pistole. Auch das noch. Die bekannte Schusswaffe aus seinen Tagen als verdeckter Spezialist. Was bezweckt diese Person bloß damit, dachte sich Ben. Eine Frage auf die er hoffentlich bald eine Antwort finden würde. Schlussendlich gab es nur ein Wort das ihm schon die ganze Zeit im Kopf herumspuckte. Rache. Da meldete sich ein vertrautes Geräusch. > Geh jetzt zum Kofferraum und mach ihn auf. < Liegt da jetzt ne Packung voll Drogen oder ein Bündel voller Blüten drin, oder was? Da dies ja aller Wahrscheinlichkeit mit seiner Vergangenheit zu tun hatte, würde ihn in diesem geisteskranken Spiel nichts mehr wundern. Plötzlich, beim Blick auf die Winchester, fielen ihm weitere Details des gescheiterten Deals vor einem Jahr ein. Springer war im Kugelhagel auf die Intensivstation transportiert worden und später an den fatalen Schäden an seiner Lunge gestorben. Ben gab sich komplett die Schuld an der Tragödie. Er bekam von seinem besten Freund bei der Polizei heraus, dass der Mann ein Familienvater war. Eine Ehefrau und zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge, hinterließ der Verstorbene. Alles kochte auf einmal vor seinem geistigen Auge wieder hoch. Dieser Blick in die traurigen Augen der beiden Heranwachsenden verfolgte ihn noch immer in seinen Träumen. Er wurde bei zahlreichen Razzien immer unzuverlässiger und kündigte schließlich. Nun blieben ihm nur noch der Kofferraum und die Gewissheit, dass dort wohl nichts Erfreulicheres als seine mit Blut beschmierte Rückbank erwartete. Er wurde nicht sonderlich enttäuscht. Ben öffnete den kleinen Stauraum und erschrak. In seinem Kofferraum lag eine Person. Das war das letzte was er hier vorfinden wollte. Er hörte aus weiter Ferne Sirenen. Wo war Elisabeth bloß oder hatte sie die Polizei gerufen, fragte er sich selbst. Die Position des Körpers sah merkwürdig angewinkelt aus und bewegte sich auch nicht. Atembewegungen waren nicht zu erkennen. Ben wollte die augenscheinlich verletzte Person auf die Seite drehen, als ihm etwas ins Auge stach. Ein Brief lag neben der linken Hand. Er war von einigen Blutspritzern besudelt, die sich auch auf dem Körper der Person ausbreiteten und bei den Pulsadern endeten. > Sie kommen DICH holen. Ich hab in deinem Schockzustand schon mal die 110 gewählt. Kannst mir später danken. Schachmatt. <
Wie würde das wohl aussehen, rechnete er sich in Gedanken aus.
Die Polizei, eine blutende Person im seinem Wagen und er mit einer Pistole in der Hand.
Der erste Streifenwagen rückte an.
„Mister kommen Sie von dem Auto weg und legen Sie die Pistole auf den Boden“, sagte der kurzgeschorene Beamte. Seine Begleiterin war ebenfalls ausgestiegen.
„Die Pistole gehört mir nicht, die hat jemand in meinem Auto gelegt“, antwortete Ben entschlossen.
Auf einmal hörte er ein Knacken.
Er schaute wieder in den Kofferraum und blickte in das Gesicht einer Person die er hier am wenigsten erwartet hätte.
Die sich seine Hand greifen wollte damit es so aus sah als hätte er den Gnadenschuss selbst mit der Pistole abgefeuert, auf der garantiert seine Fingerabdrücke zu finden waren.
Der Schuss war so laut und dröhnte so heftig in sein Trommelfell, dass Ben weder die angerannten Uniformierten noch den eingetroffenen Rettungswagen wahrnahm.
Der stechende Schmerz eines spitzen Gegenstandes war das Letzte was er spürte bevor er das Gleichgewicht verlor und auf dem asphaltierten Parkplatz aufsetzte.
Schachmatt.

Epilog
Elisabeth suchte fieberhaft einen Parkplatz an der Medizinischen Hochschule im Stadtkern von Hannover.
Sie war aufgewühlt.
Dies war der erste Tag an dem sie die Schwelle der Hochschule betrat, in der Ben eingeliefert wurde.
Ihr einziges Ziel war Zimmer 1402.
Der Empfangsmitarbeiter am Informationsstand wünschte einen wundervollen Guten Morgen.
An diesem regnerischen Tag war bestimmt nichts wundervoll und dieser Mann wusste garantiert nicht in was für einer Verfassung sie steckte.
Die Tage waren nur so verstrichen.
Sie hatte eine Aussage bei der Polizei machen müssen. Einen der Uniformierten kannte sie sogar, ein ehemaliger Kollege von Ben.
Elisabeth konnte sich weder die obszöne Bluttat auf dem Parkplatz, noch das Verhalten ihres Freundes erklären.
Der Fahrstuhl, vor dem sie wartete, öffnete sich im Schneckentempo.
Eine Patientin im Rollstuhl wurde vermutlich gerade von einem Krankentransporter zur nächsten Untersuchung gefahren. Sie hatte auffällige Handverbände, quitschgelbe Crocs und war am Vehikel gefesselt.
Auf Station meldete sich Elisabeth nicht bei dem Kranken- und Gesundheitspfleger, der gerade ein Bericht am Computer schrieb, an.
Es war Wochenende und daher wohl nur eine Notbesetzung da. Elisabeth zog imaginär ihren Hut vor diesem Berufszweig. Sie sah nur eine weitere Dame, ebenfalls in blau gekleidet, im Flur.
Sie klopfte leise am Zimmer 1402.
„Herein“, sagte eine leicht unverständliche Stimme im Inneren.
„Halli hallo, Schatz“, sagte Elisabeth.
„Das ist aber ne nette Begrüßung“, antwortete der ältere Herr, der sich mit dem schlafenden Ben ein Zimmer zu teilen schien.
„Oh, Verzeihung.“
Elisabeth setzte sich langsam in den Stuhl, den sie sich ans Bett stellte.

„Er schläft schon eine Weile, hat nicht viel geredet seit ich hier vor kurzem eingeliefert wurde. Wären Sie so freundlich sein Smartphone auszustellen. Es stört, weil immer mal wieder Nachrichten eingehen“, flüsterte der ältere Mann.
„Na klar doch!“
Elisabeth nahm das Smartphone vom Krankentisch. Es lag neben dem Teller mit den Resten des Frühstücks.
Sie stellte es leise, kam aber nicht darum herum den Bildschirm zu betrachten. Ein Foto war gesendet worden. Eine Nachricht war dann ebenfalls kurz danach eingegangen.
Dieser Eingriff in die Privatsphäre stellte einen eiskalter Beziehungskiller dar.
Auf dem Bild war ein umgekipptes Holzpferd zu sehen.
Die Nachricht war nur mit einem Wort beziffert.
Deathangel88
Sie hatte plötzliche ein Déjà-vu.
Irgendwas machte sie stutzig.
Dies war nicht das letzte Bild auf dem Display.
Die Versuchung gewann den Kampf in ihrem Kopf.
Als sie das Bild anschaute erschrak sie und stieß einen Schrei aus, der auf der ganzen Station zu hören war.
Auf dem Foto standen zwei Personen dicht beieinander.
Die Gesichter der beiden brannten sich so heftig in Elisabeths Gehirn ein, dass sie nicht das umliegende Geschehen wahrnahm.
Hatte sie heute genügend getrunken.
Warum wurde ihr auf einmal so übel.
Plötzlich hörte sie eine Stimme aus dem Zimmer die wie aus einer weit, weit entfernten Galaxie klang und in ihrem Unterbewusstsein später als erwartet eintrudeln sollte.
„Sie sind diese Psychopathin, die ihren Kerl abmurksen wollte“, stellte der alte Greis entsetzt fest und hatte seinen Notrufknopf in der rechten Hand.
Die Tür wurde aufgerissen und zwei in weiß gekleidete Pfleger tauchten auf. Sie hakten Elisabeth links und rechts ein.
Bei der kleinen Rangelei zwischen den dreien löste sich das Smartphone aus ihrer Hand und fiel mit dem Bildschirm nach oben auf den Boden.
Der Oberkörper von Ben bewegte sich bei dieser Geräuschkulisse leicht.
Oder hatte sie sich das nur eingebildet?
Auf dem Bildschirm war neben Elisabeth ihr verstorbener Bruder zu sehen.
Er hatte ihr Leben mit Kokain durchschaut, war ihr gefolgt und hatte ihr den Stoff aus den Händen entwenden wollen.
Plötzlich war überall Geschrei, ein Schuss fiel und sie rannte.
Sie stürzte und schaute im nächsten Moment in das Gesicht eines sympathisch aussehenden Mannes. Ihre dunkelblaue Mütze war verschwunden. Ihre blonden Haare kamen in ihrer vollen Pracht zum Vorschein.
In das Gesicht des Mannes, aus dessen Richtung der Schuss kam und der den Tod ihres Bruders zu verantworten hatte.
Ihre Psychose hatte dies wohl in der hinteren Gehirnhälfte verschlossen.
Auf einmal wusste sie auch wieder wo sie sich befand.
Sie blickte an sich herunter.
Keine Alltagsklamotten.
Kein Schmuck.
Weiße Krankenhauslatschen.
Armverbände.
Ihr selbstgeschriebenes Namensschild.
Deathangel88.
Das letzte was sie sah und hörte war der aufgewachte Ben, dem Tränen beim Anblick herunterliefen.
„Eli? Du hast das alles veranstaltet?“

Als Elisabeth ihre Augen wieder aufmachte dachte sie sie wäre aus einem langen Schlaf erwacht.
Sie wartete am Straßenrand auf ihren Schwarm Ben, der sie zu einem Abendessen abholen wollte.
Er war schon spät dran, daher wählte sie schnell seine Nummer.
Hoffentlich hatte er ihr gemeinsames Rendezvous nicht vergessen.
Plötzlich hielt ein Auto vor ihr.
„Guten Abend junge Dame, darf ich Ihnen sagen das Sie heute bezaubernd aussehen!“
Elisabeth steckte ihr Smartphone ein und freute sich auf einen wunderbaren Abend in romantischer Zweisamkeit.

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