storytellingselina#Tinderstalker

Es war spät geworden, wie jeden Freitag, wenn ich im Homeoffice versuchte, die Abgabefrist meiner Artikel einzuhalten. Dieser Artikel jedoch raubte mir die letzten Nerven, er verlangte mir auf emotionalster Ebene unglaublich viel ab. Ich versank immer tief in meinen Recherchen, um so investigativ wie möglich zu schreiben, aber diesmal ging es um Gewalt gegenüber Frauen, die sich trennten und deren Ex-Partner es nicht akzeptieren wollten. Es war eine Story über Stalker. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern war es eine Herausforderung sondergleichen.

Es war mittlerweile kurz nach Mitternacht, ich klappte den Laptop zu, zog mir einen Mantel über, schnappte mir die Türschlüssel und ging die letzte Runde mit dem Hund, sie lief schon nervös den Flur auf und ab, dann schlängelte sie sich mit ihren kurzen dicken Beinen zwischen meine. Ich hatte es nicht weit, nur die paar Stufen runter zur Haustür. Es war bereits dunkel und nachdem ich die ersten Schritte an meiner Terrasse vorbeilief, bemerkte ich ein schwaches Leuchten in der Hecke am Wegesrand. Ich beugte mich runter und sah dort ein Smartphone liegen. Ich nahm es hoch und schaute mich um, ich sah niemanden, aber als ich es wendete, erkannte ich die Schutzhülle und wusste zu wem das Handy gehörte. Ich bekam unweigerlich eine Gänsehaut, jede Faser meines Körpers zog sich vor Angst zusammen. Dieses beklemmende Gefühl der Ohnmacht durchschlich mich und ließ mich sofort zurück nach Hause laufen, ich rief meinen Hund und lief so schnell ich konnte zurück. Ich schaute mich immer wieder um und zu Hause schloss ich die Tür hinter mir zu. Ich verriegelte sie, schloss alle Fenster und Vorhänge und Rollläden. Unweigerlich warf ich das Handy auf mein Sofa. Ich verharrte mitten im Raum und starrte es an, dabei griffen meine Hände abwechselnd in meine Haare und an meine Stirn. Ich schüttelte den Kopf. Mir schossen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Was macht dieses Telefon hier? Wieso lag es vor meiner Terrasse? Ich starrte das Handy weiter an. Nach einer gefühlten Ewigkeit nahm ich es wieder in die Hand. Endlich war ich fähig zu reagieren. Ich nahm mein Telefon und wählte die Nummer, von der ich glaubte, sie könnte zu dem Handy gehören.

Es klingelte, oh mein Gott, das Handy klingelte, es zeigte sogar ein Foto von mir als eingehenden Anrufer an. „Fuck! Du verdammter Scheißkerl!“, schoss es aus mir heraus. „Das kann doch wohl nicht wahr sein“, sagte ich mir. Das war es, der Beweis für meine Kurzschlusspanik.

Janik, ihm, dem ich vertraut hatte. Einem Mann, den ich vor sechs Monaten kennengelernt hatte und mit dem ich vor vier Wochen alles beendete. Ich nahm sein Smartphone in die Hand und versuchte den Pin einzugeben, den ich noch kannte, er hatte ihn nicht verändert und ich kam in das Telefon hinein. Die Kamera-App war geöffnet, unwillkürlich öffnete ich die Fotogalerie. Ich sah mich, ich sah mich am Esstisch sitzen und arbeiten, ich sah mich telefonieren, ich sah mich vor dem Fernseher sitzen, auf allen Bildern sah ich mich in den unterschiedlichsten Versionen in meinem Zuhause. Ich ließ das Telefon fallen. Es ängstigte mich.

Mir fiel im ersten Moment nur ein Mensch ein, den ich jetzt um Rat und Hilfe bitten konnte. Ich rief meinen Ex-Mann an, er musste sofort kommen. Nachdem ich nur kurz erwähnte, dass ich glaubte, von meinem Ex-Lover verfolgt zu werden und nun sein Telefon vor meiner Terrasse gefunden hätte.

Er brauchte noch eine Stunde, bis er bei mir sein konnte. Er wohnte am anderen Ende der Stadt, er wohnte in Blankenese in unserem alten Haus.

In der einen Stunde, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, saß ich auf dem Boden in meinem Wohnzimmer, an der Wand angelehnt und starrte auf dieses Handy.

Ich dachte über die Zeit mit Janik nach. Wir hatten uns über eine dieser Dating-Apps kennengelernt. Meine Freundinnen brachten mich dazu, Tinder zu probieren, nachdem ich acht Monate nach der Trennung und des Auseinanderdividierens mit meinem Mann Mark, so langsam wieder Dates haben sollte. Sie sagten: „Auf Tinder ist alles ganz ungezwungen, du musst dich ja nicht gleich wieder verlieben, aber dass ein oder andere Date kann doch eine schöne Abwechslung sein und ganz ehrlich, wie lange hattest du schon keinen Sex mehr?“ So fing es an. Janik war mein drittes Tinder-Date, er war der erste, der ein richtiger Gentleman der alten Schule war. Er führte mich ganz klassisch aus und wir hatten einen wunderschönen Abend. Ich merkte nur im Laufe dieses Dates, dass ich mich noch nicht auf eine neue Beziehung oder Partnerschaft einlassen konnte. Ich verabschiedete mich von ihm und schrieb ihm am nächsten Abend, dass es mit uns nichts werden würde, da er ja eine Frau zum Altwerden suchte, ich aber noch nicht über meine letzte Partnerschaft hinweg wäre. Er gab nicht auf und schlug mir eine Freundschaft vor. Wir schrieben weiterhin täglich und trafen uns auch wieder, als Freunde.

Nach einigen Wochen hatten wir an einem meiner kinderfreien Wochenenden, in meiner Wohnung gemeinsam einen Schrank aufgebaut und abends noch eine Pizza bestellt. Wir tranken Wein, quatschten und lachten viel. Als ich ihn an dem Abend verabschiedete, küsste er mich.

„Ich hätte ihn nach Hause schicken und es beenden sollen“, dachte ich jetzt, aber das tat ich damals nicht, ich erwiderte seinen Kuss, denn es fühlte sich gut an.

Er drückte mich fest an sich und aus einem Kuss wurde ein zweiter, er berührte mich dabei mit seiner Hand an meiner Wange und fuhr in meine Haare. Ich hätte ihn nach Hause schicken können, tat es aber nicht. Ich mochte es, es gefiel mir sehr. Wir knutschten einander intensiver, dann hob er mich hoch und trug mich ins Schlafzimmer. Er legte mich auf das Bett, stand vor mir und sagte: „Soll ich gehen?“ Ich schaute ihn an und schüttelte den Kopf. Er zog seinen Pulli aus und beugte sich zu mir herunter, dabei öffnete er meine Jeans und zog sie mir aus. Er verharrte weiterhin vor mir und nahm erst meinen linken Fuß, hielt ihn hoch, und auf der Höhe seines Bauchnabels zog er mir den Strumpf aus, danach den anderen. Ich stützte mich mit meinen Unterarmen etwas auf und beobachtete ihn dabei, wie er meinen Fuß hielt und ihn küsste. Er küsste über den Knöchel der Außenseite meines Beines die Schenkel hinauf, bis er zu mir auf das Bett kam. Er berührte mein Gesicht und sah mich an. Dann fragte er mich, ob er weiter machen sollte. Ich lächelte ihn an und hauchte ihm ein Ja entgegen. Daraufhin schob er seine Hand unter mein Shirt und streichelte meine Brüste. Mit jeder seiner Berührungen ließ ich mich weiter fallen. Er lehnte sich zu mir und zog mich weiter aus. Er war extrem sachte und vorsichtig, er wusste, dass er der erste Mann war, mit dem ich intim wurde, seit ich meinen Ehemann verlassen hatte. Dass es nach einer zehnjährigen Beziehung wie ein erstes Mal sein musste.

Er schenkte mir sehr viel Vertrauen und entgegnete mir mit Respekt. Das konnte ich in seinen Berührungen spüren und in seinen Augen sehen. Wenn er mich ansah, in diesem tiefen Moment der Intimität, dann hatte er diesen tiefen durchdringenden Blick, ich war alles, was er gerade wollte, das signalisierten mir seine bernsteinbraunen Augen.

Er küsste mich an jeder einzelnen Stelle meines Körpers. Er verführte mich durch eine hohe Kunst der Leidenschaft und jede Berührung auf meiner Haut, jeder seiner Küsse, brachte mich in Ekstase. Er wusste genau, wie er seine Zunge einsetzen musste, um bei mir ein Feuerwerk zu entfachen.

Seine Lippen küssten meine Innenschenkel, sie spielten ein abwechselndes Spiel mit seiner Zunge und das Ziel war meine Vagina. Seine Zunge glitt an meinen Lippen entlang, erst sachte und dann intensiver, fester und härter. Er berührte meine empfindlichste Stelle, spielte mit ihr, umkreiste sie, saugte an ihr und hielt sich dabei fast synchron zu meinem Atem. Es war, als wüsste er im Vorfeld genau, wann er die Intensität erhöhen müsste, um dem Feuerwerk näher zu kommen. Dann glitt seine Hand meinen Schenkel hoch und sein Finger drang in mich ein. Er stimulierte den tiefsten Punkt meiner Erregbarkeit und entflammte das Feuerwerk. Es fühlte sich kaum aushaltbar an und gleichzeitig so unfassbar gut. Ich stöhnte laut und heftig, ich bekam kaum Luft.

Plötzlich drehte er mich auf die Seite, legte sich hinter mich, nahm mein rechtes Bein und legte es über seine Hüfte. Sein Penis drang in mich ein und er fickte mich. Dabei küsste er mir meinen Nacken und meine Schulter und drückte mich so fest an sich, als wäre ich das Kostbarste, was er gerade halten würde.

An diesem Abend schlief ich auf seiner nackten Brust ein.

Am nächsten Morgen weckte er mich. Er war schon angezogen. Ich sah ihn an und lächelte. Ich wollte ihm sagen, dass es eine unglaublich schöne Nacht war, wir das aber nicht wiederholen dürften, aber er nahm es mir vorweg.

Er fragte mich: „Bereust du es?“ Ich schüttelte den Kopf. Er grinste und sagte: „Gut so.“

Dann gab er mir einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich melde mich.“

Es war für mich nur eine wunderschöne Nacht mit heißem Sex, bis zu diesem Moment, als er mir einen Kuss auf die Stirn gab. Dieser Kuss hatte etwas verändert und so wurde aus einer gemeinsamen Nacht eine sechsmonatige, leidenschaftliche Affäre.

Als die Tür klingelte, verflog der Blitzlichtmoment und die Realität prasselte auf mich ein.

Ich öffnete die Tür, nachdem ich durch den Spion geschaut hatte und Mark sah. Er nahm mich direkt in den Arm und drückte mich, dann geschah etwas Merkwürdiges, er gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich war irritiert, er hatte das noch nie getan. In den ganzen zehn Jahren nicht ein einziges Mal. Warum jetzt gerade? Warum jetzt, wo ich gerade an diesen Kuss dachte, der alles zwischen Janik und mir veränderte. Ich schloss die Tür und drehte mich irritiert zu ihm um. „Das hast du noch nie getan?“

„Was denn?“, fragte Mark mich.

„Der Kuss eben gerade auf die Stirn.“

„Quatsch, das habe ich nicht das erste Mal bei dir gemacht.“

„Doch hast du. Ich würde mich erinnern.“

„Nein. Beruhig dich erstmal. Was war denn nun los, ist es sein Handy?“

Er überspielte diesen Moment. Dann sagte er noch: „Tut mir leid, wenn es zu viel war. Es war gerade nur so eine spontane Geste.“ Ich nickte ab und ließ es auf sich beruhen. Mark und ich sind nach einer kurzen Rosenkriegsphase ziemlich freundschaftlich auseinandergegangen. Unsere zwei Kinder hielten unser Bündnis aufrecht und sorgten dafür, dass wir nach der Trennung einen gemeinsamen roten Faden fanden. Er half mir hier und da aus und unsere beiden Jobs ließen es ebenfalls nicht zu, die Krallen auszufahren.

„Ist das sein Telefon?“, fragte er mich.

„Ja.“

Ich entsperrte es und gab es ihm, er schaute sich die Bilder und dann unseren Chatverlauf an. Er machte mich auf etwas aufmerksam, über das ich noch gar nicht gestolpert war. Er zeigte mir die Nachrichten, die Janik verschickte, als ich ihn blockiert hatte. Eine Nachricht war besonders interessant, sie schien direkt für diesen Augenblick vorgesehen zu sein und ihr Absendedatum lag auch nur wenige Stunden zurück.

 

Liebste Natalie,

ich kann dich nicht gehen lassen.

Du bist alles, was ich will.

Jede Sekunde denke ich an dich.

Ich werde dich nicht aufgeben,

ich werde immer um dich herum sein.

Ich werde der Schatten deiner selbst sein.

Ich lasse dich nicht gehen. Egal, wo du bist,

dort werde ich auch sein.

Wenn man richtig liebt, liebt man nur einmal

und das lässt man nicht gehen.

Dir wird es noch bewusst werden,

welchen Fehler du gemacht hast.

Ich werde dafür sorgen, dass du es bereuen wirst

und dann wirst du zu mir zurückkommen.

Ich liebe Dich

Janik

In diesen Zeilen konnte ich nichts Romantisches finden. Ich fand in den Worten nur einen verzweifelten Mann wieder, der ganz offensichtlich in den letzten Monaten aus einer Affäre mehr gemacht hatte als ich. Sicher hatte er mir seine Liebe gestanden, die ich nicht erwiderte, welches ich ihm deutlich erklärte. Es zu beenden, schien mir daher das Sinnvollste. Natürlich unternahm er noch einige Anläufe, aber Liebe lässt sich nicht erzwingen, auch wenn er mir dennoch viel bedeutete.

„Sag mal, bist du sicher, dass du ihm gesagt hattest, dass es für dich nur eine Freundschaft mit gewissen Vorzügen war?“

Ich schaute Mark an. „Ja, natürlich!“, entgegnete ich ihm. „Ich war zu jeder Zeit ehrlich mit ihm.“

„Wann hattest du es beendet?“, fragte er mich dann.

„Nachdem er mir ein zweites Mal gesagt hatte, dass er so nicht weiter machen konnte, dass er mehr will als Sex und Freundschaft. Das war vor sechs Wochen.“

„Willst du meine Sicht auf die Dinge haben?“

„Natürlich, deswegen bist du hier!“

Ich schaute Mark an, er ging mit dem Handy in der Hand zum Sofa und setzte sich neben mich. Dann sagte er das, was ich schon erahnte. „Janik ist zutiefst gekränkt. Er fühlt sich benutzt und kann nicht damit umgehen, dass du so klar bist. Ich mache mir wirklich Sorgen um eure Sicherheit und möchte, dass die Kinder und du erstmal zu mir kommen für die nächsten Wochen und du solltest zur Polizei gehen und ihn melden.“

Da war es, das harte Wort „Polizei“. War es tatsächlich so ernst? Ich schaute Mark grübelnd an. „Mhhh… Ich denke nicht, dass es so ernst ist“, entgegnete ich ihm. „Vielleicht nicht, aber das Risiko solltest du auch nicht eingehen. Wenn du erstmal nicht die Polizei einschalten willst, dann komme wenigstens ein paar Tage zu mir. Er weiß, dass du nächste Woche allein bist und die Kinder bei mir sind. So lange solltest du nicht zu Hause sein. Heute Nacht bleibe ich hier und morgen packst du ein paar Sachen und wir fahren zu mir.“

Plötzlich stand unsere Tochter im Türrahmen. „Ich habe Papa gehört!“

„Mein Schatz, ja, Papa ist da!“ Mark stand auf, nahm sie auf den Arm und brachte sie wieder ins Bett. Ich hingegen stand irgendwie neben mir. Sollte ich mein Zuhause verlassen? Beunruhigt war ich schon. Ich wusste, wie Janik sich verändern konnte, wenn er etwas zu viel getrunken hatte. Ich erinnerte mich an den Silvesterabend vor drei Monaten. Eine Flasche Bacardi und etwas mehr als ein, zwei Hände voll Shots ließen mich einen ganz anderen Janik kennen lernen. Einer, der für das weibliche Geschlechtsorgan viele andere Ausdrücke benutzen konnte, die einer Frau ganz und gar nicht schmeichelten, einer der schnell das Temperament verlor und plötzlich kein Gentleman der alten Schule mehr war. Einer, der mit sich selbst nicht im Reinen zu sein schien und dies lauthals alle anderen spüren ließ. Doch was am Erschreckendsten war: Er verwandelte sich in jemanden, der kein Nein akzeptierte. Dies ließ er mich spüren, als ich die Party ohne ihn verlassen wollte, er ließ mich einfach nicht gehen. Er hielt mich fest im Arm und redete immer wieder in mein Gewissen ein. Rückblickend betrachtet, konnte er einen ziemlich gut manipulieren.

Mark kam wieder ins Zimmer, er fragte mich, was ich nun tun wolle. Ich sagte ihm, ich müsse erstmal eine Nacht darüber schlafen.

Ich machte ihm das Sofa fertig und legte mich zu Bett. Ich lag da und starrte an die Decke. Die Straßenlaterne leuchtete durch meine Samtvorhänge und warf Schatten an die Decke, die ich gerade anstarrte. Ich grübelte und grübelte, in meinem Kopf fand ein ständiger Abwägungsprozess statt: Anzeigen oder nicht, ignorieren oder reagieren? Ich spielte sämtliche Eventualitäten durch, die mir widerfahren könnten. Ich hatte ja einen tiefen Einblick in die Welt der Stalker bekommen, meine Recherchen diesbezüglich waren mahnend. Die Frage war nur, konnte Janik so ein Mensch sein, ein Stalker? Aber die Gegenfrage lautete, wie konnte er es nicht? Hatten die Fotos mir das nicht vor Augen geführt? Ich wühlte mich ständig hin und her, bei jedem Szenario, das mir durch den Kopf schoss, brachte es mich um eine gemütliche Position in meinem Bett. Ich schaute auf die Uhr, sie zeigte bereits drei Uhr in der Frühe. Ein letztes Mal dachte ich an die Zeit mit Janik zurück, an all die schönen Momente, die er mich zum Lachen gebracht hatte, die er Tränen getrocknet hatte und besonders an jene, an denen ich in seinen Armen einschlafen konnte. Ich stellte mir vor, wie er mich jetzt gerade an sich drücken würde, wie sein Arm meinen Brustkorb an sich schmiegt und wie er mir eine gute Nacht und wunderschöne Träume wünschte. Ich schloss meine Augen und schlief ein.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, schlaftrunken von den ersten drei Sekunden, an denen keine Gedanken durch den Kopf gehen, bis zu dem Moment, in dem die Realität ebenfalls erwacht und guten Morgen flüstert, dann ist es wieder so laut um einen herum.

Die Wohnung war leer, es lag ein Post-it auf dem Küchentisch: Wir sind mit dem Hund und Brötchen kaufen. Ich startete die Kaffeemaschine und ging dann zum Schrank in der Abstellkammer, ich nahm eine Reisetasche und stellte sie auf mein Bett im Schlafzimmer. Ich fing an, die ersten Sachen zu packen, aber als ich die Sachen meiner Kinder anfing in die Tasche zu legen, wurde ich wütend. Wie sollte ich ihnen erklären, dass wir für längere Zeit nicht zu Hause sein konnten? Dann stieg die Wut darüber, mich in die Ecke gedrängt zu fühlen. Ich warf die Tasche vom Bett und stieß ein wütendes „Arrrrr!“ aus.

„Stopp“, dachte ich, „so eine Frau wie aus deinen Recherchen willst du nicht sein. Du bist unabhängig, mutig und vor allem bist du mehr als Janik versucht, dich zu positionieren.“ Ich ging zurück in die Küche und machte das Frühstück fertig und während dieses Prozesses tüftelte ich an einer Strategie. An einem Plan, mich nicht zu einem dieser Opfer meiner aktuellen Story zu machen. Ich sprang unter die Dusche und ließ mich immer klarer und abgeklärter werden.

Nach dem Frühstück nahm Mark mich beiseite und wollte wissen, wie meine Entscheidung aussehen würde. Ich weihte ihn ein. „Du hast recht, ich sollte lieber nicht allein bleiben, ich möchte, dass du bei uns bleibst, sodass die Kinder ihr gewohntes Umfeld behalten können. Würdest du das für mich tun?“

„Warum nicht bei mir?“, fragte er.

„Weil er bestimmt nochmal herkommen wird und er sehen wird, dass du hier bist. Ich möchte, dass wir ein Bild von einer glücklichen Familie für ihn darstellen. Ich möchte, dass er denkt, wir hätten uns wieder versöhnt, aber vor allem möchte ich, dass er annimmt, er hätte dann keine Chance mehr, egal welche Pläne er noch in seinem Kopf hat. Außerdem werde ich ihm schreiben und sagen, dass es immer nur dich gegeben hat und wir uns eine weitere Chance geben wollen und er mich vergessen soll.“

Mark sah mich etwas irritiert an, dann sagte er: „Es könnte möglich sein, dass es funktioniert.“

Die Tage strichen ins Land. Mark und ich gestalteten den Alltag so gut es ging wieder gemeinsam. Interessanterweise stritten wir nicht einmal, das war schon herausragend für uns nach den letzten zwei Jahren des Trennungsprozesses.  Als das zweite kinderfreie Wochenende kam, dachte ich, es wäre nun vorbei und Janik hätte meinen Brief stillschweigend hingenommen. Es war am späten Samstagabend und es war noch immer ruhig. Keine Nachrichten über Social Media, keine Nachrichten über das Telefon, keine Nachrichten in meinem Briefkasten. Ich malte mir aus, es wäre nun ruhig, Stille, keine weitere Resonanz.

Das Vogelgezwitscher weckte mich Sonntag früh. Ich schlich mich aus dem Schlafzimmer, die Kinder schliefen aktuell bei mir, während Mark das Kinderzimmer belegte. Ich ging ins Wohnzimmer in Richtung Terrasse und ließ die Rollläden hochfahren. Da sah ich sie, die beschmierte Terrasse. Auf den Pflastersteinen stand „Hure“, aber es stand nicht nur dort, es stand überall, an meinen Wänden, an den Rollläden, auf den Möbeln. Ich stand nur da, meine Augen wurden immer größer und der Schock hielt bis zu dem ersten Gedanken, der mir unweigerlich durch den Kopf schoss: „Fuck, die Nachbarn, die Kinder!“

Am liebsten wäre ich in den Erdboden versunken, hoffentlich hatte dies noch kein Nachbar gesehen. Zweiter Gedanke: „Oh Gott, die Kinder!“ Ich weckte Mark, ich schliff ihn förmlich auf die Terrasse und als er das Werk sah, schaute er mich mit großen Augen an. Dann sagte er nur: „Die Kinder!“

„Ich weiß!“, fuhr ich fort. Wir versuchten so schnell wir konnten alles abzuwaschen, aber es funktionierte nicht. Es war Farbe. Ich verzweifelte, aber dann kam mir eine Idee. Wenn wir es nicht entfernen konnten, dann mussten wir es schlimmer machen. „Ich habe noch Wandfarbe aus den Kinderzimmern im Keller, ich werde die Schriftzüge jetzt übertünchen.“ „Gute Idee!“, fuhr Mark fort. „Wo ist der Schlüssel, ich gehe!“

Als ich gerade die Farbe über die Schriftzüge kippen wollte, schrie Mark: „Stopp, wir sollten das fotografieren. Willst du die Polizei rufen?“

„Nein, will ich nicht. Mach halt ein Foto und dann übertünch ich das. Herrje, was sollen meine Nachbarn denken!“ Ich flutete die denunzierenden Beschmierungen und beschloss, sie in den nächsten Tagen professionell entfernen zu lassen.

Für meine Nachbarn dachte ich mir eine glaubwürdige Geschichte aus. Aber für die war es eine Geschichte, für mich war es mittlerweile ein Alptraum. Ich hasste die Vorstellung, ein Opfer von Stalking geworden zu sein, aber es war so. Ich musste es akzeptieren. Er konnte es nicht lassen. Ich musste jetzt etwas tun, aber was? Wie in so vielen Fällen aus meinen Recherchen, waren der Polizei auch hier die Hände gebunden.

Die Tage zogen sich wie ein fades Kaugummi. Mark wurde immer nachdrücklicher in seinem Wunsch, zu ihm zu kommen. Ich hasste die Vorstellung aufzugeben, mein Zuhause verlassen zu müssen und zusätzlich saß mir mein Redakteur im Nacken. Diese blöde Story, Arbeit und Privates waren symbiotisch miteinander verschmolzen. Ich konnte die Grenze nicht mehr ziehen. Die perfide Vorstellung, dass ich jetzt ein Teil meiner eigenen Story geworden war, ich musste fast brechen vor Abscheu. Wie mich diese Zeilen anstarrten. Immer dieser blinkende Cursor, wie ein Warnblinker stach er mir ins Auge und erinnerte mich an das Beenden der Story.

In diesem Moment kam Mark ins Büro hinein. „Na, wie weit bist du mit der Arbeit, ein Ende in Sicht?“

„Ach, hör bloß auf, ich finde einfach keinen Abschluss.“

Er schmunzelte und erwähnte: „Es ist schon etwas skurril, die Schriftstellerin wird zur Hauptfigur. So, ich hole jetzt die Kinder ab und gehe mit ihnen in die Bücherhalle, dann hast du Zeit zum Arbeiten.“

„Ja ja ja, warte, was hast du gerade gesagt?“

„Dass ich die Kinder…“

Ich unterbrach ihn. „Nein, davor!“, sagte ich.

„Das du die Hauptfigur deiner Story geworden bist?“

„Ja, genau das, das ist es! Danke!“ Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange und setzte mich wieder an den Laptop.

„Wofür?“, fragte er, aber ich antwortete nicht. Ich setzte mich hin und schrieb alles auf. Im Hintergrund hörte ich nur noch die Tür zuschlagen. Ich schrieb auf, was mir passiert war, was es mit mir machte und wie ich mich fühlte. Ich schrieb den ganzen Nachmittag, ohne Unterlass. Ich wusste, was ich jetzt tun musste. Ich wusste, wie ich größer werden konnte als die denunzierenden Beweggründe, die Janik mir zukommen ließ. Ich schlug zurück. Ich ließ nichts aus und verschönte auch nichts. Ich schickte die Story am selben Abend zu meinem Redakteur, aber diesmal tat ich etwas, das aus journalistischer Sicht noch nie da gewesen war. Ich nahm meine Geschichte auf Video auf und ließ den Link dazu in die gedruckte Version mit einfließen. Das Video enthielt zusätzlich die Bilder und Nachrichten von ihm. Ich wollte ihm zeigen, dass er das nicht mit mir machen kann, dass ich mich zur Wehr setzte. Ich war an der Reihe die Regeln vorzugeben.

Jetzt hatte ich die Zügel in der Hand und ich war gut darin die Zügel zu halten.

Am nächsten Tag stand die Story schon in der Zeitung, sie war auch online, ebenso wie das Video. Auf allen meinen Social Media-Profilen war es hochgeladen und es verbreitete sich viral. Es fraß sich wie die Raupe Nimmersatt durch die Profile der User und ich wusste, es würde früher oder später auch bei ihm landen. Dafür war das Blatt, für das ich schrieb, einfach zu namhaft.

Mein Telefon stand nicht still, meine Freundinnen, meine Familie, alle wollten wissen, ob die Story nur ein PR-Gag war. Niemand konnte glauben, dass mir das tatsächlich passiert war.

Im ersten Augenblick fühlte ich mich nackt und wie ein Opfer, aber je öfter ich hörte, dass er das Problem sei, desto besser fühlte ich mich.

Der Rummel dauerte noch einige Tage an, es gab Einladungen in TV-Shows. Ich nahm alles mit. Jede Bestätigung einer ebenfalls von Stalking betroffenen Frau gab mir mehr Kraft, das Schiff bis in den Hafen zu segeln. Ich war es nicht nur mir schuldig, sondern auch allen anderen Frauen da draußen, die in derselben Situation steckten. Ich wollte ihnen zeigen, dass es möglich ist, seine Schmerzgrenze abzustecken. Kein Mensch darf jemandem so etwas antun.

Die Tage strichen weiter ins Land und als ich einige Wochen später auf meiner Terrasse saß und ein Glas Wein genoss, hatte ich innegehalten. Ich blickte nicht mehr zurück auf die letzten Wochen. Ich war glücklich, denn ich hatte das getan, was sich für mich richtig angefühlt hatte. Ich hatte mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln um meine Würde gekämpft. Ich genoss dieses Glas Wein mehr als jedes Glas zuvor.  Ich hatte es hinter mich gebracht.

Im Augenwinkel sah ich mein Smartphone, es leuchtete auf. Der Bildschirm zeigte eine neue Nachricht. Ich schaute kurz darauf und sah, sie kam von Tinder. Ich setzte das Glas zum Trinken an und öffnete die Nachricht. Punkt.

Von Selina Fullert (StorytellingSelina)

6 thoughts on “#Tinderstalker

  1. Hallo liebe Selina
    Wow! Deine Geschichte hat mich abgeholt! Ich finde deine Idee und die Umsetzung wirklich gut. Der Schreibstil war angenehm und hatte ein paar ausgefallene aber umso bildhaftere Beschreibungen oder Vergleiche, (die Raupe Nimmersatt 😂 ) die dir etwas ganz individuelles geben – was ich super finde. Hat ganz sicher Wiedererkennungswert. Deine Geschichte behandelt ein ernstzunehmendes Thema und ich finde es gut wie du es anpackst. Die Protagonistin ist eine starke Person die zum Schluss aus der Opferrolle ins Handeln tritt. Finde ich toll! Vor allem weil sie das aktiv macht und nicht nur über ihren Exmann. Ich lass dir in jedem Fall ein Like da! LG Lisa

    1. Hallo liebe Selina

      Da ist dir eine gute Geschichte gelungen.
      Sie hat mich gefesselt und berührt.

      Du hast dir viel Arbeit gemacht und das merkt man.
      Ich habe sie in einem durchgelesen und wollte unbedingt direkt wissen, wie es weiter geht, wie die Geschichte endet.

      Das Ende hat mir sehr gut gefallen. Es war eine Überraschung für mich.
      Es zeigt, dass du deine Story wirklich gelebt und erarbeitet hast.

      Man merkt und spürt deutlich, wie viel Herz und Seele du in der Geschichte gelassen hast.
      Was sie dir bedeutet.

      Ein kleiner Tipp:
      Lass deine Geschichten in Zukunft immer noch einmal gegenlesen.

      Auf diese Weise vermeidest du Flüchtigkeitsfehler und Ungereimtheiten.

      Oder:
      Lies dir deine Geschichten laut selbst vor.
      Auch das bewirkt eine Menge.
      Das sind aber nur kleine Tipps, um eine gute Geschichte noch besser zu machen.

      Kompliment und Respekt für die tolle Geschichte.
      Bitte schreib weiter und weiter und weiter.
      Und irgendwie irgendwann wirst du dich, deinen wahren Schreibstil finden.

      Denn Schreiben ist Leben.

      Danke für deine Geschichte.

      Ganz liebe Grüße.
      Swen Artmann (Artsneurosia)

      Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, meine Geschichte auch zu lesen.
      Würde mich freuen
      Sie heißt:
      „Die silberne Katze“

      Danke und alles Gute für dich und deine Geschichte.

      1. Lieber Swen,

        vielen Dank für deine Rezession. Ich freue mich, dass Sie Dir gefallen hat-meine Story.

        Feedback ist wichtig!
        Schreiben ist eine Leidenschaft die viel Einsamkeit birgt. Es gibt kein Team, keine Kollegen die, die Arbeit werten aus derer wir Anerkennung schöpfen könnten.
        Umso mehr ist eine positive Rückmeldung eines anderen Autoren, die größte Wertschätzung.

        🙂

        Ich werde „Die silberne Katze“ lesen. 😉

        herzliche Grüße
        Selina Fullert

    2. So ist es Lisa,

      ein Thema das unangenehm, viele betrifft. Leider.

      Vielen lieben Dank für dein Feedback. Ich freue mich sehr darüber, dass die Story Dir so gut gefallen hat. Dafür hat sich die Arbeit schon gelohnt. 😉

      Schau mal auf INSTAGRAM (Storytellingselina): Dort veröffentliche ich meine Storys.

      Ganz liebe Grüße aus dem Norden.
      Selina Fullert

  2. Moin Selina,

    da ist dir aber was richtig tolles gelungen!

    Deine Art zu schreiben, sprich mit Worten Bilder zu malen, hat mich begeistert.

    Vom ersten Augenblick war ich in deiner Geschichte gefangen und konnte mich erst am Ende aus der Umklammerung befreien.

    Die Wandlung deiner Protagonistin, bis hin zum Ende mit Knalleffekt, zu verfolgen hat mir große Freude bereitet.

    Danke das du deine Idee mit uns geteilt hast.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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