Marco DzebroTinyThriller

TinyThriller sind Kurzgeschichten, die kurz sind. Jede von ihnen ist jeweils nur fünf Sätze lang, aber trotzdem ungemein spannend. Damit sind sie zwar kurz, aber ganz bestimmt nicht schmerzlos. Geschrieben wurden sie von Marco Dzebro. Mit einem Introtext, der auch nur fünf Sätze lang ist.

 

TinyThriller Nummer Eins

Reporter tauften ihn den Schnitzeljäger, da er immer Hinweise in der ganzen Stadt versteckte, die zu dem Ablageort eines Handys führten, auf denen das Foto seines nächsten Opfers zu finden war. Bisher hatte die Polizei immer viel zu lange gebraucht, um alle Rätsel zu lösen und rechtzeitig zum Handy zu kommen, aber diesmal war Hauptkommissar Knallinger alleine losgezogen, um sich nicht an etwaige Vorschriften und Einschränkungen halten zu müssen. Und es hatte tatsächlich funktioniert, denn er befand sich auf dem Weg zu einer stillgelegten Fabrik am Rande der Stadt, die lange schon nicht mehr betreten werden durfte und längst schon hätte abgerissen werden müssen. Umso erstaunter war er über den regen Betrieb, der heute dort herrschte, weshalb er sich heimlich durch einen Bauzaun quetschte und schnaufend in den 25 Meter hohen Schrotturm kletterte, in dem früher Patronen hergestellt wurden. Doch als er das Handy, vollkommen außer Atem, in den Händen hielt und anschaltete, fuhr es ihm schweißnass den Rücken runter, als er dort plötzlich ein Foto von sich selbst entdeckte und fast im gleichen Moment das Signalhorn des Sprengmeisters über das Gelände dröhnte.

TinyThriller Nummer Zwei

Aber so was bekommt man auch nicht jeden Tag zu sehen!“, sagte er und schaute auf den Bauch der Leiche, die dort auf dem Seziertisch der Gerichtsmedizin lag und aus dessen Magen man zwar nur ganz leise, aber dennoch ein Handy klingeln hören konnte. Das Mordopfer hatte im allerletzten Moment mit seinem Smartphone ein Foto des Killers machen können und dieses heruntergeschluckt, kurz bevor der Sichel-Schlitzer ihm die Klinge mitten ins Herz bohrte und dann fliehen musste, weil die Polizei bereits vor der Tür stand. Die Beamten wussten jedoch nichts von dem Handy, denn sonst hätten sie den Leichnam natürlich noch am gleichen Abend obduzieren lassen. So aber kam es, dass er erst zwei Tage später, an einem kühlen Freitagabend, zu recht fortgeschrittener Uhrzeit, an der sich sonst außer ihm niemand mehr im Sektionssaal befand, den ersten Schnitt ansetzte, um die Bauchdecke der Leiche zu öffnen. „Na, sehr vorteilhaft sehe ich auf dem Bild aber nicht aus. Oder was meinen Sie?“, fragte er lachend und hielt dem Rechtsmediziner, der unter dem Obduktionstisch lag, das blutverschmierte Handy, das er mit der halbkreisförmig gebogenen Klinge aus der Leiche herausgeschnitten hatte, direkt vor dessen abgetrennten Kopf.

TinyThriller Nummer Drei

Chaotisch ging es zu, als das erste Mal auch in Deutschland von der Regierung eine Purge-Nacht durchgeführt wurde, d.h. eine Nacht, in der von 19 Uhr abends bis 7 morgens alle Verbrechen inklusive Mord legal waren und Bruno daraufhin entschied, sich mit seiner Frau daheim einzuschließen und abzuwarten bis der Spuk vorüber war. „Vielleicht tut das unserer Ehe ja ganz gut!“, rief er Richtung Wohnzimmer, wo er sie herumtrampeln hören konnte, während er, wie schon so oft, misstrauisch in ihrer Nachttischschublade neben dem Bett herumschnüffelte. Und tatsächlich fand er dort ein Handy, das er vorher noch nie gesehen hatte. Rasend vor Eifersucht rannte er zu ihr, um sie zur Rede zu stellen, als er in ihrem Chatverlauf plötzlich gleich mehrere Männer fand, die sie angeschrieben und ihnen vor wenigen Minuten noch ein Foto von ihm gesendet hatte. „Fünftausend Euro, wenn ich den Idioten endlich nicht mehr ertragen muss!“ hatte sie dazu geschrieben, kurz bevor sie zu ihrer Mutter gefahren war und beim Rausgehen die Haustür sperrangelweit offenstehen gelassen hatte.

TinyThriller Nummer Vier

Hiermit erhalten Sie ein einmaliges Angebot“ stand auf dem Startbildschirm des Handys geschrieben, das Harvey neben sich im Müllkorb gefunden hatte, als er wie jeden Tag im Park auf einer Bank saß, ein Käsebrötchen mampfte und seine Mittagspause abfeierte. „Wenn Sie die App starten, haben Sie genau 5 Sekunden Zeit, ein Foto von der Person zu machen, die ich anschließend mit meinem Scharfschützengewehr aus sicherer Entfernung für Sie töten werde!“ „Prima“, dachte sich Harvey, da genau zu dem Zeitpunkt sein verhasster Kollege Todd wieder einmal mit seinem Hund durch den Park spazieren ging und damit beschäftigt war, den gesamten Gehweg vollzuscheißen. „Dann steht meiner Beförderung nichts mehr im Weg“, dachte Harvey, startete die App und versuchte ein Foto von Todd zu machen, während die 5 Sekunden herunterliefen. „Vielleicht bekomme ich ja beide auf einmal entsorgt“, freute er sich und versuchte mit den Fingern den Ausschnitt größer zu zoomen, damit auch der Dackel mit aufs Bild passte, hatte jedoch wieder einmal so seine Probleme mit der lieben Technik, weshalb er ungeschickterweise die Außenkamera des Handys auf die Innenkamera switchte, plötzlich sein eigenes, verdutztes Gesicht im Display sehen konnte und den kleinen roten Punkt des Fernvisiers auf seiner Stirn bemerkte.

TinyThriller Nummer Fünf

Ein fremdes Handy sehe ich, das auf einem sonst vollkommen leeren Bürgersteig liegt und auf dem Fotos von mir selbst drauf gespeichert sind!“, antwortete er und öffnete wieder die Augen, weil er neugierig war, wie der Therapeut den merkwürdigen Wachtraum deuten würde. Diese Form der Hypnose nannte sich Visualisierungstherapie und die Polizei erhoffte sich damit eventuell doch noch unterbewusst abgespeicherte Hinweise in Kilians Gedächtnis zu finden, die zur Aufklärung des Mordes führen würden, denn der oder die Einbrecher hatten seine Frau und drei Kinder getötet, ohne auch nur eine einzige Spur zu hinterlassen, die Aufschluss darüber geben könnte, wer sie waren und woher sie wussten, dass Kilian an diesem Wochenende auf einem Kongress sein würde. „Dass Sie sich selbst nur als Abbildung in einem Handy, also einem Objekt wahrnehmen, könnte daraufhin deuten, dass Sie das Gefühl hatten, von ihrer eigenen Familie lediglich als technisiertes Instrument betrachtet zu werden: ein Nutzartikel, der emotionslos besetzt ist und nur zum bezahlen der Rechnungen, säubern der Dachrinne und sonstigen Reparaturen im Haushalt zu gebrauchen ist!“, analysierte der Therapeut, woraufhin Kilian wieder die Augen schloss, dass Handy vom Boden aufhob und am anderen Ende der Leitung erneut die Stimme hörte, die ihm auch vor einigen Wochen schon gesagt hatte, was zu tun war. „Ich glaube der ahnt was und dann hätten wir ein echt großes Problem!“, sagte Kilian. „Du weißt was zu tun ist!“, antwortete die Stimme, die tatsächlich seine eigene war und bereits einen Plan mit ihm zusammen ausgetüftelt hatte, wie sie auch noch mit einem weiteren Mord davonkommen würden.

 

23 thoughts on “TinyThriller

  1. Das ist eine sehr originelle Idee. Für mich bleibt allein eine Frage offen: Wie um Himmels Willen verschluckt man ein Smartphone? 😳 Es muss sich um ein TinyPhone handeln! Und der Vollständigkeit halber ist das hier der fünfte Satz.

    1. Ich freue mich wirklich sehr über deinen Kommentar! Danke für deine Lesezeit. Und dann ist es auch noch ein Kommentar der aus genau 5 Sätzen besteht. You just made my day! PS Des Rätsels Lösung: Butter … viiiieeeel Butter! #zwinkersmiley

  2. Das nenn ich mal KURZgeschichten! Haben mir alle sehr gut gefallen (die Nummer Zwei ist aber mein Favorit 🙂)
    Ist mal was anderes und unglaublich kreativ. Hat mich ein bisschen erinnert an die Auflösungstexte von den Black-Stories Karten. Wirklich sehr sehr toll!
    Liebe Grüße,
    Theresa (📝 „Jahrestag“)

    1. Vielen Dank für deine Lesezeit und deinen tollen Kommentar! Wenn dir Geschichten gefallen, die anders sind, dann solltest du auch mal in meine Story „Der Beweis“ reinschnuppern. „Jahrestag“ werde ich mir auf jeden Fall auch mal durchlesen! Liebe Grüße zurück, Marco.

  3. Witzig-absurde Ideen und die Idee der Kurzgeschichte kreativ umgesetzt. Nummer eins und zwei sind meine Favoriten, bei den anderen wusste ich dann schon, was mich erwartet 🙂
    Das wäre ein gutes Ende für unser Ebook, finde ich. Hat mich wirklich amüsiert. Ein Dank in 5 Sätzen.

    1. Du wusstest schon was dich erwartet? Mönsch: da werde ich mir beim nächsten Mal wohl noch ein wenig mehr Mühe geben müssen!? Aber … vielen Dank für deine Lesezeit und deinen Dank in 5 Sätzen (ein sehr breites Grinsen zieht über mein Gesicht). Liebe Grüße, der Vorhersehbare.

  4. Was für eine geniale Idee, dazu noch unglaublich gut umgesetzt!
    Besonders gefallen haben mir Story 1 und 2 🙂
    Schade, dass du es nicht ins Buch geschafft hast – wäre doch mal eine tolle Abwechslung gewesen!
    Meine Stimme hast du, ganz viel Erfolg für das Voting.
    PS: ich schließe mich mal an und schreibe auch nur 5 Sätze 😀

    1. Antworten in 5 Sätzen? Demnächst trenden wir damit noch! … Auch dir lieben Dank für deine Lesezeit. Freut mich sehr, dass es dir gefallen hat. Ich denke, dass auch Herr Fitzek die Idee gut gefunden hätte, da er ja selbst gerne verspielte Konzepte umsetzt … aaaaber … nun ja. Umso mehr freue ich mich jetzt hier über so tolles Feedback! Jippi und liebe Grüße, Marco.

  5. Geniale Idee – das 5-Sätze-Prinzip genauso wie die Ideen der 5 Geschichten. Sehr kurzweilig, knackig und gut gemacht, hat mich toll unterhalten, deshalb lasse ich gern mein Like da und drücke dir fest die Daumen für die Aufnahme ins E-Book! Was mich beim Lesen nur ein klein wenig gestört hat, war dass die Satzbeschränkung zu manchmal übermäßig komplizierten Schachtelsätzen geführt hat – das liest sich nicht so flüssig. Und hier und da waren einige Vergangenheitsformen grammatikalisch nicht ganz richtig gewählt (Vergangenheit und Vorvergangenheit, bei Erinnerungsrückblenden – sowas wie stand oder hatte gestanden) – Aber alles in allem prima! 🙂

    1. Vielen Dank für deine Lesezeit und dein prima Feedback! Uuuuund natürlich: Glückwunsch!!! Toll, dass du es ins Buch geschafft hast. Dass du zusätzlich hier noch in den Geschichten stöberst und auch noch Anregungen bzw Kommentare schreibst, ist tatsächlich ein sehr feiner Zug von dir! … Freut mich natürlich, dass meine TinyThriller dich toll unterhalten haben! Die Grammatik: Hüstel! Frag mal das Lektorat von meinem letzten Buch … falls sie schon aus der Geschlossenen entlassen wurden! Glücklich gemacht habe ich die nicht unbedingt! 🙂 Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß mit deinem tollen Erfolg! Liebe Grüße, Marco.

  6. Ich habe es sehr genossen, genau auf deine Kurzgeschichte hier beim Durchstöbern gestossen zu sein und sie zu lesen. Die Idee der kurzen Kurzgeschichten ist echt mega klasse. Und jede einzelne deiner kleinen Schreibperlen ist einer super Idee entsprungen. Es ist mal eine etwas andere Art der Kurzgeschichte. Und gehört auf jeden Fall ins E-Book! 🙂

    1. Schreibperlen … na dat flutscht natürlich runter wie Öl an einem heißen Sonnentag um 12. Vielen Dank dafür und natürlich auch für deine Lesezeit! Fürs E-Book werde ich wohl leider nicht genug Follower dazu bewegen können, mir ihre Stimme zu geben … hauptsächlich deshalb, weil ich keine habe! 🙂 Aber: du hattest Spaß an den Geschichten! Was will man mehr als Autor! Jeder einzelne Leser und jede einzelne Leserin, die ich ein wenig mit den TinyThrillern unterhalten konnte, machen mich richtig happy! Liebe Grüße, Marco. (Von mir gibt es übrigens ganze 4 Beiträge hier in dem Wettbewerb … falls dir mal langweilig sein sollte).

  7. OK, das ist jetzt die zweite „Sache“, die ich von dir lese und ich bin fast ein Fan (das sag ich dir nach der Dritten 😉). Ich glaube wenn jemand wie du hier nicht weitergekommen ist, dann ist da bei der Auswahl echt was schief gegangen. Oder sie wollten halt Mainstream. Oooder: es ging dann doch nicht mit rechten Dingen zu. In fünf Sätzen also: bitte mach weiter und schreib mehr Geschichten!

    1. Sofia Vengeance … first off: den Nick feier ich! Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Gänse. Haut!!! 🙂 Fast ein Fan? Na, das sollten wir doch hinbekommen: Meine 4 (Japs!) Geschichten in diesem Wettbewerb sind: TinyThriller … Der Beweis … Waidmannsheil … Zwischen Hell und Dunkel. Vielleicht schaffe ich es ja tatsächlich noch, dich auf meine literarisch dunkle Seite zu ziehen! Gelingt mir eine Quadruple-Punktlandung (dann gibts einen kleinen Preis)?! … Aber nochmal ganz deutlich: solche tollen Kommentare sind natürlich ein Torweg zu einem erfüllten Leben als Autor! Reaktionen wie diese sind ein toller Erfolg für mich … und du weißt ja, was man über Erfolg sagt: er ist die beste Rache! (Der Kreis schließt sich. Mic drop!)

  8. Ich finde die Idee hinter den extra kurzen Kurzgeschichten sehr kreativ. Ich muss auch meinen Hut vor dir ziehen lieber Marcus, denn in einer Kurzgeschichte Spannung zu erzeugen die den Leser einnimmt, ist schon nicht leicht. Du aber hast es geschafft genau das in nur fünf Sätzen zu schaffen. Ich finde auch jede einzelne Idee der fünf Geschichten sehr gut! Und um mich dem Trend anzuschließen – hier der fünfte Abschlusssatz 🙂

  9. Wow, ich finde deine Tiny-Thriller ultra gut! Deine Geschichten zeigen, dass man echt nicht viel ausschweifen muss um eine interessante Story zu erzählen! Vor allem Thriller 1 und 2 gefallen mir richtig richtig gut. Thriller 5 habe ich nicht ganz verstanden^^

    Die ausgewählten Geschichten für die Anthologie müssen ja ziemlich außergewöhnlich und das Buch am Ende ziemlich dick geworden sein, dass keiner deiner Tiny-Thriller es in die Sammlung geschafft hat. Wäre ich eins der Jury-Mitglieder gewesen, hätte ich dafür gesorgt, dass mindestens einer deiner ersten beiden Thriller ins Buch kommt.

  10. Hi Marco,

    das ist wirklich eine lässige Idee! Total witzig und überraschenderweise viel Inhalt in 5 Sätzen. Mein Favorit ist Story Nr. 4 ;-).
    Mein Sohn lernt gerade den Unterschied zwischen Haupt- und Nebensätzen im Homeschooling. Deine Geschichten sind perfekt zum üben 🤣

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